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Full text of "Berichte Des Freien Deutschen Hochstiftes Zu Frankfurt Am Main 1882 83"

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ßttitytt 


b«3 

freien Jbitlsdpn 

in 



Jmnftfurt am Patn, 


Üatjrgcmg 1882—83. 


-- 


^Frankfurt am JJtain. 
frtit« | tu t f i| t s $ 0 $ p i f t, 

1884. 


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STANFORD LIBRARY 1 

FEB 27 1963 


^3 O.U 

Fno- 

I fäFjv 5 


3)rudf öon ^untpf & Eft e i S in granffurt a» 3ft* 


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3>nQ<tffe - 2*erjet<fint|. 

©eite 


&tt ixt ffieiurßleti. t 

<®e|tyäftlty*r tytikttfx. fkrfmuüfen. 4 43 91 142 

©effeniltye gftptttgttt. 

„9tofael" (J&ofratf) Dr. 6d)äfer aus Darmftabt). 5 

„©oetlje im Urteile feiner 3eitgenoffen* (Dr. 2. §oItf>of) . ♦ 14 

„lieber bte neueften ftorfcfmngen jur Urgefd^ic^te 3rranffurt8" 

(Dr. ©rotefenb). 1.22 

n.28 

„©ebädjtniferebe auf Söolfgang 3^a£tmiltan bon ©oetbe" ($*3unfer) 46 
„Ueber ba8 S3olfSfc^aufpteI Dr. 3obamt *Jauft" (Dr. 2. fcoltbof) 49 

„Sßort unb 93tlb" (Dr. 2Ö. 3orban) . . . ..101 

„Das ©oetlje’fc&e Sßuddentbeater" (Dr. 2. J&oltI)of).114 

„3u* ©efd)id)te ber ©regorianif d)en ®alenberreforat" (Dr. ©rotefenb) 124 
„Die 23auers§ofntann*®tiftung".142 


„Der ftöntgSlieutenant ©raf Dboranc" (Dr. ©rotefenb) ♦ ♦ ♦ 155 
„Da$ Dagebud) be 8 6 tabtfcf)ultf)eij 3 en 3* 2Ö.De£tor M (Dr. 2.$oltIjof) 159 


Erträge uttl> JJürlefmtgen. 

„3* 3* föouffeau" ( 0 . 91 2Ö. ©aufc) .34 

„lieber bie Allegorien bei Dante" (Dr. 2Ö* Sorban) . . ♦ . 36 

„Die Vererbung fotoobl ber förderlichen toie ber geiftigen ©igen* 

fchaften" (Sßrof. Dr. 2. Söüdjner au8 Darmftabt) . ♦ ♦ . 74 


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©eite 


*$>te ßfjaraftere be$ grinsen £>on (SarloS unb be$ Königs 
sßtytltW n. bei ben fpanifd)en ®rcmtatifem aus ber Jlaffifc^ett 
3eit ber foanifeben Sßoefte" (Dr. & SöraunfelS) * • ♦ • 79 


„$te beutfeben 2ftonatSnamen" (Dr. ©rotefenb) ♦ *♦♦♦♦ 80 

Die ^usfieüung im (ßttfytfyütift .92 

©tufeitbmtgen.40 87 138 171 


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°l[r*bjt Jbulsrifpn 

fto 

DUifTeuftgaften, unb allgemeine gilbung 

in $«<*$<’« 9«i<r9«nfe jn §tr«n>fnti «. £R. 

IjerauJgegeben 

tm Aufträge trer gernmütrag. 


jtafyrgaxg 1882/83. M^sttftJgrnofrel Cieftntng 1. - 


^nQfttt: Hn bie©enoffen. ©. 1. — I. ©ejdjäftlidjer SBerfeljr. 'Perfonallen. @.4. — n.Oeffent* 
lidje «Sifcimaeit. 4. — „fjftafael". <S. 5. — „©oetlje im Urteil friner 3^* 
genoffen". «?. 14. — „lieber bie neueren ftorfdjmtgen jur Umfdjidjte jranffurtö". 
L ©. 32. IL 28. — m. »orträge unb ©orlefratgen: „SRouffeau" <S. 84. — „Ueber 
bie «ßegorien bei SDante", <S>. 36. — IV. öinfenbungen. 


^od)geebrte ^ettoflTett! 

$)ie Verwaltung erlaubt ftd), in §Kadjftel)enbem Qljnen ©«ridjt 
über bie Sljätigteit unferer Stiftung wägrenb ber bret erften SDtonate 
besS Iaufenben ®efd)8ft«jagre« gu erftatten. 2öte Sie au« ben 2Rit* 
Rettungen erfeljen werben, ift mit SBeginn be« neuen Verwaltung«* 
jal)te« bie burd) ben Sturm unb ben ®rang ber oor^ergetjenben 
$eit öielfacfj geftörte wiffenfcf)aftlid)e VJirffamfeit wieber anfgenom* 
men worben: bie oon bem Vorbereitung«*3luäfd)uf} in Au«ftd)t ge* 
nommenen Veranftaltungen finb, foweit bie Verijältniffe e« geftatte* 
ten, in« fieben getreten, unb e« fjaben bie öffentlichen Sfgnngen 
Anlafj gegeben, eine Sftet^e öon wiffenfdjaftlidjen £age«fragen gur 
(Erörterung .gu bringen. Von ber Abhaltung »on Segrfurfen aller* 
bing« mufjte oorberljanb Slbftanb genommen werben, ba bie Vorau«* 
fegungen entfielen, unter benen ber auf fte begttglidje Vefdjlufj ge* 
fafjt würbe. ÜKit ©enugtljunng barf »ergeidjnet werben, bafj bie 
gegebenen Anregungen aüfeitig mit lebhafter 5tl)eilnal)me aufgenont* 
men worben ftnb. 

®ie geplante Sleuorbnung ber gefammten Verijältniffe unferer 


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2 


«Stiftung bürfte nunmehr binnen fntjer fjrift ihre (Erlebigung finben 
unb jut aSJirtlid^feit werben. Die Verwaltung bat es ftd> angelegen 
fein laffen, bie Vorbereitungen £>ier§u ntöglichft ju förbern. (Es ftnb 
ihren Veftrebungen auch in ber jiingften Vergangenheit bie 3tn* 
feinbungen nicht erfpart geblieben, bie feit geraumer geit planmäßig 
gegen fte gerichtet werben, unb es ift namentlich »on ber Seite, bie ihrem 
Vernähen ftd) entgegenfefct, mit einem gewiffen 9la<hbrude unb leibet 
nicht allerorts ohne (Erfolg bie »etleuntberifche Vehauptung »er* 
breitet worben, als ftrebe fte, an bie Stelle oon erprobten alten 
(Einrichtungen bleues ju fefcen unb eine Stiftung, bie bisher eine 
allgemein beutfche gewefen fei, in eine folcbe mit örtlich begrenzten 
Sonberjwcden umjuwanbeln. 

Die Unterzeichnete Verwaltung h at , wenn fte auch mit 
Vebauern infolge biefer Agitation eine Anzahl »on ©enoffen aus 
ber Stiftung fdjeiben fah, beren Flamen in bem 2Witglieber»erzeich* 
niffe ungern »ermißt werben, es »erfchmäht, auf Änfchnlbignngen 
biefeS EharalterS auch nur mit einem üBorte zu erwibern. Vebatf 
• es boch nur einer flüchtigen Durchflut bes neuen SafcungSentwurfeS, 
um zu erfennen, baß »on einem berartigen Umftnrz unb einer ber» 
artigen Neuerung nicht bie Sftebe fein lann, unb zwar um fo weni* 
ger, als nach bem neuen (Entwürfe befonberS ber wiffenfd)aftlid)en 
^hätigleit eine weit größere VewegungSfreiheit eingeränmt werben 
foä, als es nach ben alten Safcungen ber gall war. . 

Stagegen glaubt bie Verwaltung, auf einen früheren Zeitraum 
zurüdgreifenb, an biefer Stelle auSbrüdlich einen Vorwurf zurüd* 
weifen zu mäffen, ber gegen einen ihrer (Senoffen erhoben worben 
ift. ®S ift bieS bie Unterteilung, wie fte ftch in einer ber gegen 
bie beseitige Verwaltung unferer Stiftung gerichteten Schmäh* 
fchriften finbet, als habe $err ÜJlebicinairatf) Dr. Vij in Darm* 
ftabt aus perfönlichem fJtachegefühl bie im Quli 1882 an nnfere 
©enoffen »erfanbte „3J?ittheilnng" abgefaßt unb »eröffentlieht. Dem 
gegenüber erllärt bie Unterzeichnete Verwaltung, baß bie Darlegungen, 
wie fte in ber bezeidjneten „äRittheilung" enthalten ftnb, nicht nur 
mit ihrer Huffaffung »ötlig im (Einflange ftehen, fonbent baß fte 
auch bie bebingungSlofe unb »olle Verantwortung für biefelben über* 
nimmt, unb baS um fo rüdhaltlofer, als feßr »iele berjenigen 


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3 


©teilen, welche Bon betn ©erfaffer bet „Offenen ©riefe" junt 3iel* 
punfte feiner Schmähungen gewählt worben ftnb, gar nicht Bon 
fjerrn Dr. ©ij tjerräljren, wie alle auf bie wirthhaftliehen ©er* 
hältniffe ft<h bejiehenben Erörterungen unb fpejieU auch bie ©e* 
mertnng ju ©eite 14 ber „ÜJJitt^eilung'': „Srofcbem auch gewichtige 
©tiwwen Bon Auswärtigen ftd» bagegen ertlftrten." 

3Rit großer ©efriebigung barf bie unterjeicpnete ©erwaltung 
herBorheben, baß bie Sheilnaßnte an ben ©eftrebungen ber Stiftung 
in bem neuen ©erwaltungSjahre eine fetjr rege gewefen ift, unb baß 
bie Sifcungen, bie öffentltd^en fowoßl wie bie ber ©erwaltung unb 
bes ©orbereitungS*AuSfä)uf[es, beSgleicßen bie Beranftalteten ©or* 
lefungen fi<h guten ©efucheS ju erfreuen hatten, ©oll bas fpodjftift 
auch nidht aus einer at(gemein*beutfchen in eine örtlich ffrantfurtifdhe 
Anftalt umgewanbelt werben, fo ift es hoch fetjr bejeichnenb für 
bie Art unb ©Seife feiner gegenwärtigen ©Sirtfamleit, baß gerabe 
ba, wo man feine Stßätigfeit am beften ju Berfolgen in ber Sage 
ift, ihm immer ernftere unb größere ©eacßtung gefcßentt wirb unb 
lang ihm entfrembet gewefene Kräfte in immer größerer Anjahl ju 
ihm jurüdtehren. ©ehörben unb Körperhaften, bie ftdt» unferer 
Stiftung gegenüber früher jurücfhaltenb unb ablehnenb Berhielten, 
jeigen neuerbings ein Entgegenfommen, bas nur witltommen ge* 
heißen werben tann, unb bas uns in ben ©tanb fefcen wirb, mit 
ber tommenben beffern ^aßreSjeit unfern Oenoffen au ber alt* 
geheiligten Stätte beS ©oetbjehaufeS eine Schaufteöung Bon 9teli* 
quien an ben größten unferer ®id)ter ju Beranftalten, wie fte bisher 
nur feiten geboten worben ift. 

©lögen unfere ©enoffeu fortfahren, uns mit bem ©ertrauen 
ju beehren, baS fie uns bisher jugewanbt haben, unb für bas 
ihnen an biefer Stelle herjlicher unb aufrichtiger ®anf gefagt fei. 

fit Verwaltung 

bes treten f entf^en |joihßiftcs. 


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I. ©efdjftftltdier fßtxh^i. fßerfonatien. 

Üttit bem 11. 97o»ember 1882 würbe ba« »ieranbjwanjigfte 
©efZäftSjaljr eröffnet. S5Bät)renb ber brei erften ÜRonate beffelben 
fanben 6 Verwaltung« * Sifcungen ftatt, unb jwar am 13. unb 
27. 9to»ember, 11. unb 18. December 1882, fowie 8. unb 22. 
Januar 1883. Der dtabenufcfje Vorbereitung«*3lu«fZuf} trat brei» 
mal jufammen, am 4. unb 14. December 1882, fowie am 8. Januar. 
Än Gingängen ftnb oom SRoöember 1882 bi« Januar 1883 251 
Hummern ju »erjeidjnen, beneu 249 2(u«gänge entgegenftefjen. Stuf* 
genommen würben 11 neue ©enoffen, ifyren Austritt erflärten 
16 feitfyerige ÜWitglieber; ber Dob entriß nn« 8 ©enoffen: 

Daniel ©uibo Oppenheim, ©tiftgratf) für 1882/83, geftorben 
14. gtouember 1882, Ijier. 

$oIjann Vaptift Änbr6, Ejergoglid^ anfialt. |)ofpianift, geftorben 
9. December 1882, Dffenbadj. 

Sßrof. ©. g. $ o w a I b, geftorben 19. Januar 1883, Vraunfdjweig. 

greifen: Dr. jur. 2öolfgang öon ©oetfye, geftorben 20.Januar 
1883, fieipjig. 

Dr. phil. Gljrift. Dtyeobor fjaueifen, erfter Stabtbibliotljefar, 
geftorben 30. Januar 1883 t)ier. 

grau ÜRarie ©e 11 1 = © ontarb, geftorben 2. gebruar 1883, f)ier. 

Stm 30. Januar 1883 feierte unfer Gtjrenmitglieb, guftijratl) 
Dr. Guler, feit langen galten ©enoffe unferer Verwaltung, ba« 
feltene gcft feiner fünfunbjwanjigjä^rigen Vorftef)erfcf)aft beim tjiefigen 
Verein für ®efd)i(^te unb 2UtertI)um«lunbe. Unfere Stiftung war 
bei bem geftafte, welken ber genannte Verein ju Gljren be« Jubilar« 
»eranftaltete, burZ brei ÜHitglieber ber Verwaltung »ertreten, welche 
eine fafligrapf)ifZ au«gefüt)rte Stbreffe überreizten. 


II. OcffctttltZc St^ungett. 

Die erfte berfelben fanb am 11. SRoöember pr Gröffnung be« 
neuen Verwaltung«jaf)re« in bem feftlid) gefZmüdten ©oetljefiaufe 
ftatt. Unter bem geftfZmude fiel ba« »on fperrn ÜWaler Hermann 


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unter auf ©otbgrunb mit pjirten {ßafteflfarben auSgefüßrte unb 
öon iljm ber Stiftung gewibmete Silbniß SdjiflerS auf, bas Don 
Shtnen unb Saubgewinben umrahmt, bie ffiintretenbeu auf bet fjtauS* 
Pur begrüßte. 

$n beu jjefträumen war eine umfaffenbe Sammlung non Süßt* 
bilbern nad> ben ©erfen {Rafaels in tunftgefd)id)tlid)er fjfolge jur 
Änfcfjauung gebraut. 

©ie Serfammiung würbe burd) einen fteftgefang, auögefö^rt non 
ßRitgliebern beS SängerdfjorS be$ ^iefigen Sefjretöereinä eröffnet. 

$err Quftijratl) Dr. Serg begrüßte hierauf als Obmann bie 
erfcßienenen ©enoffen unb ©äfte in herzlicher Hnfpradte. 

$err fjtofrath Dr. ®. Sdjaefer, orb. {ßrofeffor ber Äunft* 
gefdjidjte an ber ©edtnifchen f)od)fcf)ule ©armftabt, ergrpf fobann 
bas ©ort p bem ffeftoortrag über SRafael, aus 3lnlaß ber in 
bas begtnnenbe fpochftiftsjahv faltenben oierten Säcularfeier ber ©e* 
burt beS großen ÜReifterS. ©er {Rebner leitete feinen Sortrag 
folgenbermaßen ein: 

|)od)gee{)rte StiftSgenoffen! ©er große ©enius, beffen 3lnben!en 
wir jur ©röpnung jebeS neuen fjodjftiftSjaijreS feftlicß begehen, be* 
ginnt fein ©ebidfjt „®ie Äfinftler" mit ben befdjwingten ©orten: 

„SBie fd)8n, o ÜJtenfd), mit beinern 'JSoImenjWeige 
„@tel)ft bu on beS 3fal|rt|unbert8 Steige 
„3n ebler ftoljer SKönnli(l)feit, 

„SDtit aufgef^lofi’nem ©inn, mit ®eifte8füde, 

„«off mitten ffirnjt’S, in tfjatertreidjer ©titte, 

„©er reiffte ©oljn ber 3*ü • • ■ •" 

©enben wir biefe ©orte unfereS gefeierten Sdjiller an auf 
ben baßnbredjenben SReifter ber SRenapfance, beffen Säcularfeier in 
bas beginnenbe ^odßftipsjaßr fällt, fo fetten wir in ber £ßat {Rafael 
an ber {Reige beS fünfzehnten ^aftrftunberts erfcßeineu als ben reipten 
Soßn feiner $eit mit bem ‘'ßalmenjweig frieblidter unb boct> fteg* 
baper Äunft, einer Äunft, ju welcher alle biejenigen beglücft empor* 
flauen, beren Seele Stoßes unb Sd)öneS nacßzuemppnben im Staube 
iß unb bie am Qbealen fefttjatten. ©enn in biefem Sinne bas 
freie beutfcße $od)ftift öon jetjer eine feiner fcßönften Aufgaben unb 
eine ©ßrenppidbt barin erfennt, benjenigen ©eifteSßelben, bie burdj 


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6 


©egabung unb raftlofeS ©treben leudjtenbe ©puren ifjreS SDafeinS 
ber Stadjwelt tpnterliefjen, bei befonberen Gelegenheiten einen pietät* 
»ollen Tribut gu wibmen, jo ift bie ^bee unb ber ©efd)luß ber 
|>od)ftiftS=©erwattung unstreitig ein glüdlidjer, mit ber fjeutigen 
©djillerfeier bie ©erßerrltcßung eines StünftlerS gu oerbinben, beffen 
bilbnerifdjeS ©djaffen als SOtaler in jo mandjen SSejügen bem poett* 
fc^en ©Raffen beS Dieters oerwanbt ift. Unb wenn bas $od)ftift 
fjierburd) bie Steifje ber ©ebenlalte eröffnet, welche bie gebilbete 
©eit aller Stationen gum beoorfteijenben tiierten ©cntennarium ber 
©eburt Stafael’S »eranftalten wirb, fo bleiben wir uns felber treu, 
inbem wir im $inblid auf ben großen SDteifter einfad) bie $nitia* 
tioe wieber^olen, womit bas £>od)fttft tior fieben Qfaßren gum Qubel» 
feft ber ©eburt ÜJtidjelangefo’S, beS anbern ®ioSfuren ber Stunft ber 
fltenaiffance, bie Sofung gegeben, unter bem ©eifall unb gefolgt oon 
bem eblen ©ctteifer ber lunftliebenben unb funftübenben Streife in 
gang ®eutfd)lanb. @S ift hiernach fein abfeits liegenbes, fonbern 
ein wohlbegrfinbetes Unternehmen, gur (Eröffnung beS neuen $od(‘ 
ftiftjafjreS über Stafael gu reben unb bamit ein ©ilb gu entwerfen 
über fieben, ©fjaralter, ©irlfamleit unb ©ebeutung eines ber größten 
Stünftler, bie je gelebt tjaben, eines SDteifterS, welcher mit gu ber 
©djaar t)ocf)begnabeter ©eifteStjeroen gehört, bie nid)t für ißr ©ol! 
allein, fonbern für alle ©ölfer lebten, fperoen, burd» wel^e bie ©e* 
ftrebungen mehrerer SOtenfdjenalter ihre ©oHenbung gefunben unb 
beren fortwirlenbe Straft wir in ben ©Serien ihres ©eniuS bis gut 
©tunbe waljrnetjmen. Sebßaft empfinbe id) baS ®ewid)t unb bie 
SEBürbe, aber aud) baS STngieljenbe unb (Danlbare ber mir gefteHteu 
Aufgabe, gu beren Söfung wir nun fdjreiten wollen. 

Stad) biefen einleitenben ©orten gab Stebner gunädjft eine 
lurge lulturgefd)id)tlid)e Ueberfidjt ber ©ntwidelung ber Stenaiffance 
in Italien tion ber 3eit an, wo bie (Erinnerungen an bas Uafftfdje 
SUtertfyum unb bie Uafftfdje Stunft, bie aus bem ©ebäd)tniß beS 
italiänifdjen ©olles nie gang auSgelöfdjt gewefen, mit bem ©ieber* 
aufleben ber antilen ©tubien burft bie £mmaniften in ben ©orber* 
grunb ber geiftigen ©eftrebungen getreten waren. (Es würbe ber 
bewegenben Uvfadjen gebad)t, wetdje bie ©Reibung gwifeßen ber 
Stunft beS SDtittelalterS unb ber Steugeit djaratteriftren. (ES würbe 


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ferner ausgeführt, wie ber ©enaiffance ber rafaelifcgen Hera bie 
ftriifjrenatffance j>e« 15. ^ahrhunberts als baS erfte ©tabiurn beS 
in ben Äultur* nnb Äunftoerljältniffen ber ,8eit ft<h »otljiehenben 
UmfchwungeS »orauggegangen war unb wie bann int 16. ^aljr* 
Ijunbert ber begonnene ©ntwidelungsgang btejentge HuSprägung er* 
hielt, bie bas SBefen ber ©efammtbewegung am reinften au$foridjt 
unb bie barum, als ©ipfel biefer ©eftrebungen, mit bem Flamen 
#odjrenaiffance bezeichnet wirb. Hud) ber zeitliche Unterfdjieb in 
bem Huftreten ber Bewegung jwif^en Italien unb Deutfchlanb 
würbe betont unb nadigewiefen, wie bie ©enaiffance ber bilbenben 
Äunft faft »olle eingunbert Qagre früher in Italien ju leimen an* 
fing, bevor igre SebenSftugerungen in Deutfdpanb Nachahmung 
erwedten. Italien f^atte ben ®d)ritt pr Stenaiffance längft getrau, 
ttägrenb wir nod) »oDanf mittelaltrig, gott)ifd) bauten unb bilbeten. 
^nbem bie Italiener, neben ben Äultureinwirfungen, bie bem ©cgoog 
beS eignen ©oltsthums unter bem ©dpfc ber funftliebenben 'Dlebicäer 
im ©ittipalaft p fjlorenj wie im Sßatilan p Nom entfprangen, »on 
ber Hntile gorm unb Inhalt auf ftd) wirten liegen, geftaltete fug 
bie neue ©ilbung aus, welche bap berufen war, auf bie Äultur* 
uub Äunftoergältniffe nic^t nur Italiens fonbern ber gefammten 
europäifcgen ffielt ftagrgunberte ^inburc^ bis pr ©egenwart ben 
nadjgaltigften ffiinflug auSpiiben. Die erfte Äunftgattung, bie fug 
wiebet an bie ©orbilber ber ©rieten unb Nömer anletjnte, war bie 
Hrdjiteftnr, bann folgte bie ^Waftif, plefct bie üJlalerei. SJar es 
ber SDlangel an antilen Sorbilbern, was bie SRalerei am wenigften 
früh in bie gerrfcgenbe Strömung hereinpg? SQßar es bie lieber* 
Zeugung, bag bie s JJlaIerei als bas »orjiiglicbfte HuSbrudSmittel für 
bie $been ber chriftlidjen ©eltanfcgauung einen unmittelbaren ©in* 
flug ber Hntile abroegre, bag fte fid) bie ©etonung beS feelifdjen 
HuSbrndS als igre ©igenart »orbegielt? Die flafftcirenbe Htmo* 
fogäre, bie baS Seben ber ©ebilbeten umfdjtog, fonnte fcglieglicg aber 
bocg einer ©inwirlung in biefem ©inn nur förberlidj fein, inbem 
auch bie 3Jialerei burd) baS ©Pbium ber Hntile eine nid)t p läug* 
nenbe ©tärtung erhielt. 2Ba$ aber bie werbenbe Nenaiffance*üRalerei 
»on ber alten Äunft, »on ihren plaftifcgen SJebenSäugerungen »or* 
negmlicg ftch P eigen machte, bas war ein ebler NealiSmuS, bas 


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8 


Seftreben allen «nforberungen an bie gönn g U genügen. Die 
Sünftler fingen an Anatomie, {ßerfoectwe, bie ©efefce non Sicht nnb 
©chatten gu ftubiren unb barnad) ifjren ©Jetten bie hödfjft mögliche 
gomooflenbung gu geben. 

Der iRebner wie« ba« hiermit in allgemeinen ^iigen 8n* 
gebeutete mit ©egugnahme auf einflußreiche $tin ftlerperfönlichteiten 
in bem ©ntwidelung«gang nach, welchen bie BRalerei in bem Zeit¬ 
raum öor {Rafael genommen unb wobei er bie ibealiftifdjen, wie 
realiftifchen unb antifijtrenben {Richtungen mit fidjeren <Strid)en 
geidjnete. gu$befonbere djarafterifirte er bie umbrifdje BRalerei, 
an« beren Schule {Rafael hetöorging, um ber ©Jett ba« ©dhaufoiel 
eine« »oBenbeten fünftierifdjen ©eniu« in einem Zeityuntt gu geben, 
wo bie malerifche Stunftthätigteit gtalien« ihre nmfaffenbe ©orbilbung 
abgefdhlojfem hatte, um nun bie höchfte ©tufe gu erreidhen, bie ihr 
im {Renaiffance=3ritalter befdjieben war. gm Änfdhluß an ©afari 
gab ber ©ortragenbe eine ©dhilberung be« Seben«gange« be« ge¬ 
feierten BReifter« unb feiner frühen ©eftrebungen, öerfchiebene Dar* 
fteBung«weifen großer Zünftler in ber Äbjtcht fich gu eigen gu machen, 
burdh ihre ©erfdjmelgung ©roße« gu öoflbtingen. Der Stufenfolge 
be« umbrißhen, florentinifdhen unb römißhen Äunftßhaffen« ent* 
fprechenb würben bie $auptabfd)nitte bet ©Jirtfamteit be« BReifter« 
erläutert unb feine in gasreichen ^ß^otograp^ien im ©aale auf* 
gefteBten ©Jerte ertlärt. Die ©cfjwierigfeit, eine folche güfle oon 
BRaterial, welche« ber {Rebner hn ©erlauf feine« faft gweiftünbigen 
©ortrag« gu bewältigen hotte, auch nur oberflächlich gu ftiggiren, 
mag al« ©ntßhulbigung für bie BRängel ber nachftehenben {Reihen¬ 
folge bienen. $at ja unfer {Referat ftreng genommen nur ben Zwe<f, 
benjenigen, welche bem ©ortrag felbft beiwohnten, eine tnrge @r* 
innerung baran gu bieten, außerbem aber auch Änbete für bie in 
ber golge im £>o<hftift einguridhtenben ©orträge über ftunft wie 
über anbere Steige ber ©Jiffenßhaft gu interefftren. 

©bgefehen oon einigen, waßrfdieinlich nach feine« Sehrer« 
{ßerugino Zeitungen au«geführten ©emälben, würbe für bie grühgeit 
be« jungen tünftler« feiner BRitwirfung bei pnturridhio’« hiftorifdhen 
Darfteüungen in ber Dombibliothe! gu ©iena gebacht, ferner al« 
@rftiing«blüthen ber ©taffeleimalerei ber Keinen s ilbenbmahl«bar= 


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9 


ftedung gn $Iotenj, bet ©ifton ehteß ©itterß gn Sonbon unb mehrerer 
perugineßfer ©Mabonnenbilber, »worunter gwei im ©Mufeurn gu ©erlin. 
5)ie „Ärönung ©Mariä" in ber Sammlung beß ©atilan »errätß eben» 
falls ben ©influß ißerugino'ß auf ©afael, aber auch bie Steige» 
rung, welcße ber junge ©Maler bem Seelenaußbrud feiner ©eftalten 
p »erleiden wußte. ®aß ©leiere gilt non bem Keinen ©unbbilb, 
ber ©Mabonna mit bem ©ueße, welkes vor einigen ^aßren auß ber 
Familie ffionneftabile gn Perugia um ben ißreiß »on 330,000 Oranten 
in bie faiferlicße Sammlung naeß St. ißeterßbnrg tarn.. Klß baß 
fünfte ©ilb beß erften ©ntwicfelungßftabiumß würbe baß unter bem 
©amen „lo sposalizio“ belannte ©ilb ber ©ermäßlung ber ©Mabonna 
in ©Mailanb* begeießnet, welcßeß neuerbingß bureß Stang’ß ©rabftidjel 
wie früher oon Songßi, eine »ortrefftid^e Vervielfältigung im Äupfet* 
flieh erhalten hat* 

^weiunbjwanjig $aßre alt »erließ 5Rafael ißerugino’ß ffiert» 
ftatt unb ging naeß ^lorenj, wo neue ©orbilbet ber bamalß in 
hoßer ©lüthe befinblicßen toßlanifeßen ÜÄalerei, befonberß bie preßten 
beß ©Mafaccio, ihm entgegentraten unb wo er ft<ß unter ben bort 
lebenben ©Meiftern »orgugßweife an f$ra ©artolommeo beda ^Sorta 
in adern anfchloß, waß feiner innerften ©atnr gemäß war. 9facß 
bie heitere Sebenßauffaffung ber Krnoftabt fpiegelt fieß in ©afaelß 
bortigen Schöpfungen »oieber, währenb ihn ber bamalige ffiettfampf 
gwifeßen Seonarbo ba ©inci unb ©Michelangelo ©nonarroti minber 
berührt gu haben feßeint. Unter ben ßeroortagenben ©ilbern anß 
biefem Sebenßabfcßnitt, bie ber ©ebner ben Hörern mit furgen fidleren 
Strießen anfcßaulicß gu machen unb inß ©ebäeßtniß gurüefgurufen 
»erftanb, nennen wir: bie ©Mabonna bei ©ranbuca in ber $ßittigaderie 
unb bie ©Mabonno bei ©arbeflino in ber Uffigientribuna gu fftforenj, 
bie ©Mabonnen Serranuoöo unb ©olonna im ©Mufeum p ©erlin, 
bie ©ede*$arbiniere gu ißariß, bie ©Mabonnen £empi unb ffianigiani 
p ©Müncßen, bie ©Mabonna im ©rünen p SBien nnb bie heilige 
Äatßarina gu Sonbon, ben ©lief in »ifionärer ©egeifierung bem 
»om |>immel ftraßlenben Sicßt gugewenbet. ®ie ©efprecßnng ber 
©ilbniffe, welcße dtafafl wäßrenb beß Florentiner fcufentßalteß ge* 
feßaffen, gab bem ©ortragenben ©elegenßeit, baß bureß Äupferfticß 
unb Süßtbrncf »ielbefannte Selbftporträt außfüßtlicß alß einen Spiegel 


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10 


&on Rafael* Seelenleben jn fcßitbero unb Bon ^ier au* ben ©eg 
}itm fmuptfelb ber ftunfttbätigleit be« ÜJleifter« ju betreten, jur 
religiöfen fnftorie, mit befonberet ©etonung be« Ältarbilbe* ber 
Grablegung in ber Gaflerie ©orgßefe ju Rom, melche« ben Stritt 
|ur SBeifterfcßaft anlfinbigt. 

Der britte fjaupabfcbnitt, bie eigentliche Glanzepocße Bon 
Rafael« ©irffamleit, beginnt mit feinem ffinfunbzmanzigften 8eben«> 
jaßte burcb feine ©erufung nach Rom, um im Auftrag ißatjft 
Sfnliu* II. bie grojjen ©ääle be« ©atifanpalafte« mit ^iftortfd^en 
ffianbgemälben ju fcbmücfen. üßit biefer Riefenaufgabe, ohne melcbe 
ber junge ftünftler aller ©orau«ftcbt nach feine ©oüfraft nicht fo 
frühzeitig lennen gelernt unb erprobt buben mürbe, mar für Rafael 
bie ©onne be« Ruhme* aufgegangen: e« beginnen feine SReifterjahre. 
VI« hochmütig für ba« tünftlerifche ffiefen be« üßaler« mürbe feiner 
(Ernennung jum GeneralconferBator ber Ältertbümer gebaut, moburch 
ftch ber SWeifter auch mitten in bie lunftmiffenf^aftlichen ©eftrebungen 
hineingefteDt fab ju einer 3eit, wo in Rom unb um Rom in ben 
Ruinen ber Stempel, ißaläfte, STIjermen unb Sillen zahlreiche ©tatuen 
bem @<hooß ber (Erbe entftiegen, bie feitbem bie ©emnnberung bet 
©eit bilben. Die ftete ©erüßrung mit bem flaffifchen Äunftalterthnm 
förberte ben UBeifter immer mehr, infofern er Bon ber Äntile ba«« 
jenige ftch aneignete, ma« zur Durcßbilbung be« perfönlid^en Äunft« 
naturell* unb jur (Entfaltung ber felbftfd)öpferif<ben SBIüttjen feiner 
Geifte«(raft bienen tonnte. Der eble ©etteifer Rafael« mit anbern 
großen zeitgemäßen ftünftlem Beranlaßte ben Rebner jn einer ©e« 
leuchtnng be« für be« ÜBeijter« ©irffamleit in Rom michtigen, mit« 
unter oertnnnten Serhältniffe« zu SRicßelangelo, inbem er ba«felbe 
in eine glücfliche parallele p bem ©erhältniß ©cbitler’« unb Goethe’« 
ftellenb zeigte, mie folcbe ©eziehungen großer Geißer nicht mit bem 
ÜRaßjtab be« Gemöbnlicben gemeffen merben bfirfen. 

<E« fei mt« geftattet au« bem meiteren ©erlauf be« ©ortrag« 
bie $auptfre«ten be« Batilanifchen (EpHu* aufzuführen, morin Rafael 
mit bem grüßten (Etfolg bie Aufgaben lüfte, bie Gef<hicht«malerei 
au«zubilben, eine Reiße abftrafter ©egriffe ^bilblicß Z« nnb 

ba« menfchliche Geifte«leben in feinen haften Sleußerungen unb 
Richtungen barzufteUen. Die Üßalereien ber (Kamera beöa ©eg« 


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natura jeigen an bet reich ornamentirten £>ede »ier ©unbbilbet, 
bie Stbcologie, ^^tlo^op^te, ©oefte nnb gurisprubenj in adegorifchen 
grauengeftalten, als $inweis auf bte batnnter an ben ©aalhodj* 
wiinben bargefteBten ftgurenreichen ©etnälbe bet fogenannten DiSputa 
ober Unterrebung übet baS ©eheinutih bet ©uchariftie, ber ©djule 
oon Ät^en, bes ©amah mit Äpott unter ben ÜJtnfen nnb ber ©e* 
fefegebung mit ber ©erfonififation ber Stlnglfeit im ©unbe mit ber 
©tärfe nnb üWäßigung. gm Stonftantinfaal ift bas $auptbilb, bie 
Äonftantinfc^lacEjt, eine ber bebeutenbften Stompofltionen ©afaels, 
eine ©hifterleiftung ihrer Ärt, reich an ©eenen eines h 0 d)btamatifch 
bewegten Stampfe«. ©in ©leides gilt oom ©ranb bes ©orgoftabt* 
theileS mit Anlehnung an ©ergil’S ©chilberung bes ©ranbes non 
Sroja. “Die greifen im $eliobor«®aal öerfinnlichen ben bet Stirne 
tterbeifeenen göttlichen ©eiftanb in ^eliobor’S ©ertreibung au« bem 
Sempel, in ber ÜJteffe ju ©olfena unb in ber ©efreinng bes Äpoftels 
©etruS: alles ©erfe, bie ben mad)t»oflen glägelfcblag eine« fünft* 
mächtigen ©eniuS oerffinben unb auf bie wir wot)l jn achten haben, 
wenn uns bas glattem geringer aber anfpruchsootler Salente bnreh 
fenfationeDe Stfinfteleien »erblfiffen unb ben Sinn berfiden wiO. 
Sehnlichen ©orjügen begegnen wir in anbetn umfangreichen ffierfen 
rafaelifcher ÜRonumentalmalerei: in ber Sfasfchtnüdung ber oati* 
fanifchen Soggien, in ben gewirlten Tapeten ber ftjtinifchen StapeOe, 
wofür dtafael bie Startons gezeichnet hat. 3 U ben ©anbgemälben 
profanen unb mpthologifchen gntjalts übergehenb erflärte ber ©or* 
tragenbe bie greSfen in ber gameftna nnb machte als ein Reichen 
für bie gortbauer ber ffiinwhrlung beS rafaelifchen ©eniuS, felbft 
auf bie aHemenefte Stnnft nnferer Sage, barauf aufmetfam, bah 
bie ben SWeereSweDen entfteigenbe ©enuS ©ouguerean’S (jebem ©e* 
fucher ber jüngften internationalen ffiiener StnnftauSftellnng als eine 
hemorragenbe Seiftung ber franjüftfchen «btheilung wohlbetannt), 
offenbar unter bem ©influh ber „©alathea" Stafael’S entftanben 
fei, unb wie auch aus ben DarfteDnngen ber „©efdjichte ber ©fh<h« M 
in ber gameftna zahlreiche Änflänge im Streife ber malerifchen $er* 
»orbringungen ber ©egenwart ftd» nachweifen Taffen. 9u<h würbe 
betont, bah bie ©alathea unb bet ©fhche*®hllus in gewiffem ©inn 
einen ©renjftein rafaelifcher ©egenftanbswahl unb Sarfteöungsart 


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bilben unb baß ber ÜReifter »on ben ©efaßten »erwegener ©tränten* 
loftgleit efcentrifter Statfolger weife fit fern ju galten wußte, 
©eine ©erfe prebigen immer bie lautete ©tönßeit im ©eifte ber 
ÜRaßnung unfereS llarfeßenben ©exilier an bie Äiinftler: „‘Der 
2Renftßeit ffiürbe ift in eure £>anb gegeben; bewahret fie; fte 
füllt mit eud); mit ent wirb fie fit heben." 3 ur ooflen ©ertß* 
ftäßung ber großen nnb reifen ©aben beS ÜReifterS galt es noch, 
bie Äufmerlfamfeit ber SSerfammlnng auf bie im römiften SebenS* 
abftnitt geraffenen ©taffeleigemälbe ju lenfen, bie, großenteils 
ÜRabonnen unb ^eilige Familien, ben {Reitthum beS b etr ^t en ® ar * 
ftellungSmotios erftöpfenb jur Hnftauung bringen, »on bem wiebernm 
nnfer gefeierter ©filier in fflegeifterung fingt: „Oberes bilbet 
bie Jhinft nicht, bie göttlich geborene, als bie ÜRutter mit ihrem 
©obn". Die umbrift*florentinifte Darftellungsweife, behaftet mit 
mannen ungemilberten realiftiften Änllängen, fehen wir nun über« 
wunben unb bie »on bem ÜReifter bargefteKte Schönheit ber üRabonna 
wie beS ßßriftfinbes ift fo erhaben, ihr ©efammtansbruef fo frei 
»on allem lebenswirllit Qrbiften unb Staturaliftiften, baß bie 
©rinnerung an bie gewohnte uns umgebenbe ÜRenftenerfteinung 
faft fchwinbet, baß biefe ©eftalten wie aus ber £>anb eines in ßötfter 
33oflenbung ftöpferiften ffiefenS entfproffen »or uns faßen unb 
wir uns mit ben ©orten eines großen ÄiinftlerS fagen unb fragen: 
fie finb wie nach ber Statur geformt; bot wer hat jctnalö folch 
eble Statut gefeßen? $n ber Steiße ber ÜRabonnenbilber, bie im 
fjluge an bem geiftigen unb »ermittelft ber pßotograpßiften 
bilbungen auch am pbbf l ft en ®uge ber SSerfammlung »orfiberjogen, 
ftilberte ber fRebner eingeßenb jwei ber beriihmteften: bie ÜRabonna 
betla ©ebia in Ofloreng, jenes ^errlt^he SRunbbilb, welche bie 35er* 
förperung beS 3beal»ffieiblußen in höchfter SBotlenbung aufweift, unb 
bie fatinifte ÜRabonna in DreSben, worin bas SBilb ÜRatienS ju 
»erflärter IranScenbenj in burcßauS teligiöfem ßßaratter empor* 
geßoben ift, ein ©er!, auf welches fuß ber ttuSfprut ©tiHerS 
anwenben läßt, wenn er »on einer anbern DarfaHung erhabener 
©eiblidßleit fagt; „ffis ift Weber Slnmntß not es ®iitbe, was 
aus biefem Ülntlifc ju uns fpritt; es ift feines »on üJeiben, weil 
es ©eibes juglenß ift. 3« ßt felbft vußt unb woßnt bie ganje 


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©eftalt: eine gesoffene ©cßöpfung." Den ©djluß ber Umfdjau 
bilbeten ptei große Ältargemälbe Don iRafael« Seben«abenb, ba« 
©paftrno in ÜWabrib unb bie Sran«figuration in SRom, fomie einige 
ßerDorragenbe Silbniffe ber römifdjen 3eit, Julius II., ^ngljiranti, 
Sibiana, Seatrice, Qoßanna Don Slrragonien, ffornarina, SSiolin* 
fpieler, roeld>e lederen ffierle «nlaß boten pr .3urüdroetfung be« 
Sabel« rafaelifdjer gfarbengebung oon ©eiten ber ntobernen <Effeft= 
loloriftil, infofern biefelbe ba« Kolorit für etwa« ©iüftirlicße« anfießt, 
oßne bie ttebereinftimmung ber ffarbe mit bem geiftigen ©eßalt be« 
Sunftmert« p berüdftd)tigert. Der SBortragenbe ftßloß feine {Rebe 
mit ben ©orten: Stafael ftarb p SRom 1520, am Karfreitag 
6. Äpril, im ftebenunbreißigften Seben«jaßre. ©eine Äfcße mürbe 
im ißantßeon beigefejjt. @anj Italien trauerte bei feinem Sob. 
©eit Dante mar ben Italienern lein ©rößerer entriffen morben. 
Süden mir priid auf bie loloffale ©cßöpferlraft be« 9tteijter«, Don 
ber itß Qßnen fd)»ad)e« Silb p geftalten fucßte, fo lönnen • 
mir aßnen, ma« burcß feinen frühen Sob ber iRacßmelt ©roße« 
Derloren gegangen ift. Qttbeß, grollen mir nidjt bem allgemeinen 
©efdjid, ba« ißn in ber Stütze be« ßeben« baßingerafft. Slngefußt« 
ber ^nße be« fjmdpollenbeten, ba« fein ©eniu« uns pr (Erhebung 
unb pm ebelften ©ettuß bargeboten, lönnen mir Don SRafael fagen, 
er ßabe lange genug für feine Unfterblicßteit gelebt unb barum mit 
bem bibliftßen ©änger auSrufen: er Doflenbete feinen Sauf halb unb 
bocß ßat er Diele Qaßre erfüllt. Qn sleic^em ©inn lönnen mir 
ba« llaffifcße vita brevis ars longa auf ißn anmenben, welchem 
® oetße butcß ben ©inttfprud), „Die Äunft ift lang, ba« Seben 
lurj", fomie butcß bie ©orte ÄuSbrud gegeben: „<£« lann bie ©pur 
Don feinen (Erbentagen nicßt in Leonen untergeß’n." gürmaßr, 
SRafael«, menn aucß turje« Seben läßt un« in feinen ©etlen, nadß 
Dier Qaßrßunberten 8taum, bie grüßte eine« ber größten ©eifter 
bemunbem, bie über bie (Erbe manbelnb leucßtenbe ©puren ißre« 
Dafein« prüdgelaffen ßaben. ©enn je ein ßodßbegnabeter ©terb= 
Inßer, fo bemaßrßeitet barum IRafael ben emig gültigen ©a|, baß 
bie Äunft e« ift, roelcße bie Slütße ber ÜÄenfcßßeit bejeicßnet, ober, 
um pm ^ßrei« be« Gentenarium« be« großen ÜRalerffirften mit bem 
Dicßtermort p fcßüeßen: 


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„tBM tarnt« mitten b« $taimlif<h«i CJtanfl, 

®«* #ödjflt b« fflüt« »«bleibet bie ÄunjJ!* 

Utachbem ber ©ebner unter bem lebhaftesten ©eifatle ber ©er* 
fammlung geenbet hotte, ftimmte ber ©ängerdhor bes Sehreroerein# 
ben ©dhlufjgefang an, mit welchem bie ffeier ihr (Snbe fanb. 


Die jweite öffentliche ©ifcung fanb am 17.december 
ftatt. der erfte 5E^eiI berfelben war üJiittheiInngen gefchäftlicher 
©atur gewibmet, unb es wnrbe namentlich ber ©ortrag be# #erm 
©e<hner*3ahlmeifter# (Sr ag Aber ben $au#halt#»@tat för ba# @e= 
fcf)äft#jaht 1882/83 entgegengenommen. 

hierauf ergriff $err Dr. 2. § o 11 h o f ba# ©ort gu einem ©or* 
trage „Ueber ©oettje im Urteile feiner ^eitgenoffen" 
- tm Änfdhluffe an ben ber ©erfammlung oorliegenben erften ©anb 
be# gleichnamigen, oon Julius ffiilhelm ©raun (©erlin, Sudharbt 
1863) herau#gegebenen ©erte#. 

der ©ebner wies gunädhft auf bie ungewöhnlich reiche ©et» 
mehrung hin, welche bie ®oethe*2iteratur in ber jfingften 3eit er * 
fahren unb hob namentlich biejenigen ffirfcf/einungen hcroor, welche 
bie ©erwaltung in ber Sage war, ben ©enoffen oorgulegen. ©emt 
bie ©aljl be# ©ortrage auf ba# ©raun’fdhe ©er! gefallen fei, 
fo feien beftimmte ©riinbe bafür mafjgebenb gewefen. (£# biete für 
alle diejenigen, bie pch im grantfurter ©oethehau# oerfammelten, 
ein befonbere# Qntereffe bar, benn es behanble üotgug#weife bie» 
jenigen ©erte, bie in bem benfwürbigen ©iebelftübchen biefe# |)aufe# 
entftanben feien — „®ö| oon ©erlühingen", „©erther", „(Slaoigo“ 
— ©erte, bie wie feine anberen be# großen dichter# bie ©eit in 
©tannen festen, weil fte ihr mit einem ©djlage eine dichterinbioi* 
bualitöt enthüllten, fo unmittelbar unb fo tief ergreifenb in ihrer 
©irtung, fo grofj unb gewaltig unb fo ©ebeutenbe# oert/eifienb, 
Wie ba# ©efdhlecht ber SJiitlebenben teine gefehen, nnb wie ba# 
3fah r ^ un ^ ett f ie fetten mehr als einmal gebiert. 

da# ©ert ©raun# ift feiner gangen Anlage nach ein eigen» 
thümli<he£, e# fft nid/t# als eine ©ammlung oon Äritifen, wie pe 


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über bie erftat ©erte ©oetßed in bet bamaligen QttümoHpfl et* 
föienen, eine Sammlung non ^eitungdaudfönitten, wenn man fo 
will, offne einleitenbed ober oerbinbenbed ©ort, bet bloßen $eit* 
folge nad) gufammengefteüt. Der SBerfaffer hat ed baßer für nötßig 
gehalten, und mit einigen Säßen übet ben pan feine« anföeinenb 
fo planlofen Sucßed gu unterrichten. Die gu bewältigenbe Ärbettd« 
iaft war größer, nid man benten mag. 33om Sage für ben Sag 
geförieben, fü^tt bie journaliftiföe Siteratur im oollften Sinne 
bed ©orted ein epßemered Safein, fie geljt »orfibet wie ein Sranm» 
bilb nnb gerflattert wie bad weite Sanb, bad ein Spiel bet ©mb« 
geworben. Unb wohin oerirren ffö bie wenigen Ueberbleibfel, bie 
auf eine fpätere ßeit tommen? S3on allen Enben mfiffen fie müh* 
fam gufammengelefen werben, nnb finb fie beifammen, bann «rft 
beginnt bie eigentliche Ärbeit: ed muff gefonbert nnb gefistet nnb 
bie Spreu oon bem ©eigen geföieben werben. Unb wie oiel bet 
Spreu ift oorhanben bei einer ©aare, bie fich ißrer Statur nach 
ald eine leichte tenngefönet! - (Sd tann ffö baher unter aQen 
Umftänben nnt um eine Ändroaßl hanbeln, unb für biefe ift, wofern 
fie überhaupt ©erth beanfpruchen will, bie Aufteilung beftimmter 
©effötdpuntte unerläßlich- Ser SBerfaffer tünbigt und baher gu> 
näcßft an, baß feine Sammlung ffö nur auf einen beftimmten 3eit> 
ranm erftreden folle, auf bie Epoche aud bem Seben unfered Sich* 
terd, bie und ferne genug liegt, um eine ßiftoriföe ©eßanblnng oer* 
tragen gu tönnen, unb bie feine« Erachtend ihr Enbe mit bem ®r* 
ffeinen Oon „©at)rbeit nnb Sichtung“, alfo mit bem fjaßre 1812 
finbet. Sobann oerwahrt er ffö audbrüdlfö gegen bie Untertei¬ 
lung, ald wolle er fein ffierl ald bie Arbeit eined Seleßrten auf* 
gefaßt wiffen; ed foQe nföt biefe«, fonbem bie Arbeit eined ftüttfi« 
lerd fein, einen äftßetifö*fubjectioen unb nföt einen tritifö»objectioen 
Eßaracter atßmen. „Ser talte fluge »erftanb, bie Energie bed 
©illend allein tonnten biefed ©ert nföt föaffen. Ser tfinftleriföe 
Entßufiadmud, bie SJegeifterung bed Salented gehörten bagn, nm 
bie großen Scßwierigfeiten gu überwinben, bie ffö jebem $erand» 
geber eined ffierled, wie biefed ift, entgegenfteOen. '* 

üftag man fomit oom Stanbpuntt bed objeettoen ©eurtßeilerd 
and bad ©ert oon gehlem unb üRängeln nföt freifpteeßett, @oD* 


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ftönbigleit unb öofle Unparteilichleit in ber .Öufammenftellung bet 
»erfchiebenen Urteile oertntffenb, fo bütfen hoch biefe ©ebtethen bei 
bet Sßürbigung beff eiben nid^t in ©etracht gezogen »erben, nachbem 
ber JBerfaffer eine authentifche Interpretation feiner Abfic|jt gegeben. 
Unb toir glauben, felbft bie wiffenfchaftlicße Anfchaunngswcife tyat 
tein ütecht, Slage p ergeben; fie erieibet burd) bie tünft Ietifche 
©ewiffenhaftigleit, wie fte fidj in bem ©raun’fchen SBerfe p erlen» 
nen gibt, {eine ©eeinträchtigung, im ©egen t heil, es wirb it)t ein 
Dienfi geleiftet, ben bie Arbeit eine* ©eiehrten »ieHei^t p {elften 
nicht im ©tanbe wäre: Sicht unb ©Ratten — weit entfernt, in 
ihrem ©erljältniffe gefdjübigt ju werben — ergießen ft<h in hntnto* 
nifd)er Abftufung unb Ausgleichung über ben ©egenftanb ber Dar* 
fteHung, fo baff biefer un* in einer Deutlidjteit unb ©reifbarfeit 
entgegentritt, wie fie bei anberet ffleßanblungsweife faum p er« 
reifen fein würbe. 

ffiine ffiinfcbränfung hätte ber ©erfaffer oiefleicht in ber 93e= 
uennung feine* ffierfe* eintreten laffen bürfen. Die ©ejeichnung 
„©oetße im Urtheile feinet ßeitgenoffen" ift nicht ganj richtig unb 
iebenfall« infofern p oielumfaffenb, al* ba« Urtheil ber 3 e **9 eno ff en 
ftch nicpt mit bem bedt, wa* in öffentlichen ©lättern au*ge« 
fprochen Würbe. Die Bewegung, bie ©oetlje's erfte äöerte heroor* 
riefen, ging weit tiefer unb war weit nachhaltige, dte bie oorßan* 
benen Qournal«©erichte oermuthen laffen. Da* Urtheil, ba* ftch in 
ben non ©raun pfammengefteHten ^eugniffen wieberfpiegelt, ift 
lebiglich ba* ber bamaligen literarif^en Streife, unb e* müßte folge« 
richtig bie Ueberfchrift be* ©udjes wie ba* Dhenta ber gegenwärti» 
gen Ausführungen lauten: „©oetße im Urtheile ber berufsmäßigen 
Stritil feiner 3eit." 

SDtit ber Stritil ber bamaligen DageSpreffe war e* ein eigen* 
thümlicpe* Ding. 2öir würben un* eine ganj irrige ©orftellung 
baoon machen, wenn wir oon heutigen Anßhauungen ausgehen 
wollten. Da* geitmtgswefen roar j U ©oethe’* Qugenbjeit in Deutfeh 3 
lanb noch wenig entwidelt; bie Stritil würbe faft ausfchließlich non 
periobifdj erfcheinenben ©ammeiwerfen, ben fogenannten „©iblio* 
thelen", „SDlagajinen" unb „©eiehrten Anzeigen“ ausgeübt, fo oon 
jRicoIai’S „Allgemeiner Deutfchen ©ibtiothel", bet „Semgoer ©iblio* 


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tljel", SBeiße’S „Steuer Sibliothet ber frönen SBtffenft^aften'*, $errn 
oon ©djitach’S „©tagajin ber beutfchen Gritit“ u. a. $>er ©taub* 
puntt war ein befdjränlt formaler, nüchterner unb ließ es !aum 
ahnen, baß Sefftng’s fritifdje ©leifterwerte erfchtenen waren, bie ba= 
mals, obwohl in aller ©tunbe, faum noch ©erftänbniß fanben. ^n 
biefer $inft<ht hee^t ein großer Unterfchieb jwifchen ber ©eur* 
theilung, welcher ©oetfje, unb ber, welcher zehn Qahre fpäter Schiller 
mit feinen ©rftlingswerfen begegnete, ffiährenb bie „Stäuber'' faft 
allerorts nach bem ©iaßftabe gemcffen würben, ben bie „$>ramatur« 
gie" anzulegen gelehrt hotte, waren für ben „®öfc" bei ben beut« 
fchen Sritifern burchgehenbs noch bie ©runbfäfce ©atteuj’S bie 
SluSfdjIag gebenben. 

£>ie erfte ©eurtheilung, bie eine ©oetfje’fche Schrift fanb, 
würbe oon ben „granffurter gelehrten tlnjeigen" am 12. ©fätz 
1773 gebracht, ©ie betraf bie Heine, 26 ©eiten umfaffenbe glug« 
fchrift „ißrief beS ^ßaftorS z“ *** an ben neuen ißaftor ju *** 
(aus bem granjöfifchen)", bie lurj juoor ohne Angabe beS Orts 
unter ber ^ahreSzaßl 1773 erfdhienen mar unb Toleranz in bem 
^amamfperber’fchen ©inne prebigte. $>aS zweite ©oethe’fche ffierl, 
bem eine ©efpredtung in öffentlichen Slättern, unb jwar junächft 
am 19. Sluguft beS genannten ^aßreS in bem oon Q. g. S<hüfc II. 
heranSgegebenen tlltonaer „Steuen gelehrten ©lercuriuS" ju £h e *l 
warb, war ber „@öfc", über ben bis pm @nbe beS ftahres ©e* 
richte in einer Steiße oon geitfdjriften folgten. 31m 15. September 
würbe pm erften ©tale in bem tlltonaer „©eiehrten ©tercuriuS" 
beS „Glaoigo" unb am 22. October im „®eutf<hen‘‘ fonft „©Janbs« 
beeter ©oten" ber „Seiben 2Berther’S‘‘ gebacht. ®ie brei folgcnben 
^ahre bringen bann eine ftlutß oon ©efpredjungen, welche fr<h an 
biefe SBerfe, namentlich aber ben „ffierther“ unb bie ganze gewal» 
tige, faft unermeßliche burch biefen heraufbefcfjworene ßiteratur 
fnüpfen. ®ie 2Berther*2iteratur burchHingt bann noch ben ganzen 
folgenben Zeitraum bis jum Schluffe beS Jahres 1786, währenb 
bet übrigen 3Berfe, bie fort unb fort in neuen Ausgaben erfdhienen, 
feltener gebaut wirb unb ber dichter felbft als literarifdje ißerfön* 
lidjjteit faft ganz aus ber Oeffentlichteit oerfchwinbet. 

©tan !ann fi<h heutzutage ferner eine ©orftedung baoon 

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machen, mit meldet unwiberftehlühet ©ewalt bie erftcn ©erfe 
©oetbe’« auf bie $eitgenöffif<he ©eit toirftcn: jie tarnen wie bie 
Offenbarung au« einer anberen ©eit unb jogen baljin wie ein 
mächtiger ©trom, ftolg unb majeftätifcb, in intern unaufhaltfamen 
unb boc^ fanften gluthen jeben ffiiberftanb befiegenb. Sinnen 
$ahre«frift war ber bi« bat)in unbefannte junge 9ted)t«anwalt au« 
ber alten ÜRainftabt eine unbeftrittene ©röfje auf geifiigem ©ebiet, 
ein Dichter, ber oofl unb ganj, mit fertiger ^nbioibualität au« bem 
Dunfel ^erüorgetretcn war, wie EßaUa« Stttjene bem Raupte be« 
3«u« entsprungen. Seoor er fein üierte« größere« ©er! oeröffent* 
liefert tonnte, fpracb man, ja febrieb man Stbtjanblungen über 
ba« „©oetbiftren", wie oorijer nur oon bem ©bafefpearifiren bie 
Siebe gewefen war. Sin feiner ißerfönlicbteit war ade« neu, alle« 
iiberwältigenb: feine ©praefje, feine ®arftedung«art, feine dftenfeben« 
unb SRaturfdjilberung — ba« alle« war oon einer Urfprünglid)teit 
unb Slatürlichfeit unb oon einer 5?ütjn^ett, wie man fte bi« bat)in 
nicht getannt. ©eine Rippen tönten in ©ahrheit unb ©irflid)teit 
carmina uon prius audita — ©ang, wie er noef) nie erfdjoüen. 

Sm Sejeicbnenbften trat biefe ©irfung bei „®ö|‘‘ unb 
„©erther" b er °or, obwohl bei beiben ©erten bie Slrt ber ©irfung 
eine ganj oerfebiebene war. Da« ffirfebeinen be« erregte in 

ber jeitgenöffifdben literarifeben ©eit gerabep Verblüffen, unb e« 
ftanb bie Äritit oor bem ©erte ooHfommen ratblo« ba: alle Siegeln 
an benen man bi« babin feftgetjalten, erfebienen über ben Raufen 
geworfen, bie „tritifeben Sinee«" ftannten, wie e« in einem au«= 
fübrlidjen ©ffab be« „Deutfcben SWercuriu«" beifjt« allein fie muff» 
ten jugeben, baff ba« ©tücf, „worin ade bret) ©inbeiten auf ba« 
©raufamfte gemiffbatibelt worben", ba« Weber fiuft* nodb Iraner* 
fpiel war, boeb ba« fd^önfte, intereffantefte ÜRonftrum fei, gegen 
welche« man tjunbert oon ben lanbläufigen fomifdHoeinerlicben 
©dbaufpielen au«taufcben möchte, „beren Verfaffer bafür forgen, baff 
ber $ul« ihrer Sefer nicht au« bem gewöhnlichen ©ange gebraut 
unb ihre Sleroen oon feinem fieberhaften anfalle f<bauernber @r* 
tegung ^eimgefu<^t werben." Darin glaubten freilich fämmtliche Se* 
urtheiler — unb nicht mit Unrecht — einig ju fein, bafj bei aßen 
uttfehäbbaren Vorzügen ba« „fdjöne, intereffante SKonftrum" nicht 


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auf bie IBüßne ju bringen fei ; allein audß hierin foOte bas @dßicl» 
fal ißnen ein Scßnippißen fc^Iagen: faum waren fte übet ihren 
©aßrfprmß übereingefommen, als ber „©öß" auf bem Dßeater er» 
fcßien, juerft in Hamburg, bann in SSerlin, wo er na<ß jwei SSor» 
fteHungen jum britten SOiale „auf ßoßcn ©efe^l“ wieberßolt werben 
mußte. Später fanb er feinen ©eg aucß ju fübbeutfcßen IBüßnen, 
er würbe in ÜRannßeim unter Dalberg unb in grantfurt in bem 
„neu erbauten Somöbienßaufe" Dor ben Äugen ber nidßt wenig 
barüber triumpßirenben grau {Ratß gegeben. Die jeitgenöffifd)e 
Sritif mußte fuß »on ißrem bcfcßränft formalen Stanbpunfte »er» 
geblicß abmüßen, ben Scßlüffel §u bem beifpiellofen (Erfolge beS 
„®öß" au ßnben, ber ftcß uns »on felbft gibt, „®öß" war bas 
erfte national»ßiftorifcße Drama, baS in Deutfcßlanb gefcßaffen würbe 
— au einer geit, als ßier ein {Rationalbewußtfein erft am Äuf» 
bämmern war unb ber begriff einer „beutfcßen ©efcßicßte" meßr 
geaßnt, als erfaßt würbe. Die bamalige £titif war ftcß biefer 
(Quelle beS (Erfolges ebenfowenig bewußt, wie bie aaßlreidße Scßaar 
ber {Racßaßmer, bie in ißren {Ritter»Scßaufpielen unb {Romanen fuß 
ißre „ßiftorifcße ©eit" aus ©lecß unb {ßappe aufbauten. 

©eit nadßßaltiger no<ß als ber „©öß“ erfaßten „©ertßers 
fieiben“ baS fßublifum, unb ißre ©irfung befcßränfte ftcß nicßt nur 
auf Deutftßlanb. Das merfwürbige 93ucß würbe in fämmtlicße le* 
benbe Spracßen überfeßt unb war halb ©emcingut ber cioiliftrten 
©eit. Napoleon las es im Scßatten ber fßßramiben, unb fein fRußtn 
brang »or bis au ben Sößnen bes ßimmlifcßen {ReicßeS ber 2Ritte. 
Äber wie gana anberS war, gegen bie ©irfung beS „®öß" geßal» 
ten, ber (Einbrucf, ben es ßeruorrief. Stanb bem erfteren ©erfe 
bie berufsmäßige Sritif ratßloS gegenüber, fo ift fie — unb bies 
in überaeugcnber ©eife au a e '9 e u, ift ein unbeftreitbares SSerbienft 
bes Söraun’fcßen öucßes — bei ben „Seiben ©ertßers" niemals 
aum SBewußtfeiu gefommen. Der erfte ©oetße’fdße {Roman wirfte in 
ber erften ^eit nacß feinem (Erfcßeinen — fo lange baS fogenannte 
©ertßerfteber bauerte — nicßt wie ein Äunftwerf, fonbern wie bie 
©irflicßleit beS ßebenS ; fo intenfio war bie Äraft, bie mit fpäter 
nie wieber erreichtet Urfprünglicßfeit aus bem £>eraen bes Dieters 
brang. Unter ben »on SBraun mitgetßeilten ÜBeurtßeilungen ftnben 


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ft<h faum gwei bi« brei, bereit SBerfaffer es wagen, einen äftljeti* 
f<hen Stanbpunft eingunehmen. Sei ber überroiegenben ÜJtehrgahl 
bregt ft<% ber gange Streit, alles gür unb ©iber, lebiglich barum, 
ob bas Such ein unmoralifches fei ober nicht, unb ob es wirtlich 
ben Selbftmorb frebige. 9?ur einmal wirb ber bei uns felbftnerftänb* 
liehe ©rnnbfafc geltenb gemacht, bag ein Sunftwert nacE) äftf>etifd)en, 
unb nicht nadf moralifdjen formen gu 6eurtt>eilen fei, niemals aber 
werben felbft non ben fdjiirfften Seurtf)eilern bie wirtlich äfttjetifc^en 
ffeljlet, ber Dualismus in ben ÜJtotioen, heroorgehoben, auf welchen 
ben Didjter guerft gerbet unb fpäter Napoleon aufmertfam malten. 
'Der £>elb ber @rgäl)lung galt unbewußt auch ben gelehrten Sritifern 
nicht als eine giction, fonbern als eine leibliche fßerfon. Das Such 
würbe gepriefen unb nerbammt, nachgeahmt, nerfpottet unb non bet 
weltlichen ©erichtsbarteit »erfolgt, als ob es eine moralif^e Streit» 
fc^rift fei. Der Hamburger fpauptpaftor ©oege, Sefftng'f^en ®e« 
bflchtniffeS, ergog bie nolle Schaale feiner gelotifchen Serebfamteit 
über baffelbe: er fah in Dentfdhlanb f<hon ein ganges ®efd)led)t 
non Elements, Efjatels nnb 9tanaiHacs Ejercimuadjfcii, ben ©ift» 
hanbel als fjanbwert etablirt unb bie Ehriftengeit einem guftanbe 
non Sobom unb ©omorrha entgegenftnfen, ben er folgerichtig benn 
auch für h ere < n 9 e brochen ertlärte, nadhbem bem „©erther" bas 
Schaufpiel „Stella" gefolgt war. 

ffiie gu bem Erfolge beS „®ö|'‘ nermögen wir Ijeutgutage gu 
bem noch niel gewaltigeren beS „©erther" ben Schlüffel gn finben. 
So hoch bie Dichtung als Sun ft wert ftetjt, unb fo glängenb nns 
jefct noch ihre Sorgüge erfdjeinen, fo war es boch nicht ber äftljeti* 
f<he ©erth, ber fte einem gangen ©efchlechte als eine Strt höherer 
Qfnfpiration fi<h barftetten lieg, ©oetge nerftanb es in ihr, einer 
gangen Epoche iljt oollftänbigeS Spiegelbilb, ihr gefammtes Ern« 
pfinben unb Denten gu geigen, nnb er nerftanb bieS mit ber gangen 
ütteifterfdjaft einer überlegenen, mit ber noDen Energie urfprüng» 
liehet Sraft nach Setljätigung ringenben Dichternatur. Das ift bas 
©eheimnig, bas entfdjleiert unb aufgelöft nor unferen Äugen liegt, 
wätjrenb bie geitgenöffifche Seurtheilung feinen ^ufammenhang taum 

noch P ah»«» nermochte.- 

lieber „Elanigo" würben in bem non bem SSerfaffer beljan- 


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beiten Zeiträume nur wenige frittfc^e Stimmen laut, ©as wir an 
bem ©erfe fcf)ä§en, fam ben SWitlebenben nid^t rec^t zum 93ewußt* 
fein. Sie mußten freilich bie Sichtung mit anbeten Äugen anfeßen, 
als wir, ißnen war „Slacigo" eine Äctualität, eine ©efcßichte, beren 
fßerfonen noch lebten, unb barum für bie ©iifjne, wenn nicht eine 
Ungeßeuerli<hfeit, fo bod^ eine Seltfamteit, etwa baS, was für uns 
eine fogenannte franjöfifdje Sittenfomöbie ift, wäßrenb in unfeten 
Sagen baS Stücf, um in bet Sühnenfpracße ju reben, ein ßifto* 
vifdjeS geworben ift. 

Stoch jnrüdßaltenber äußert bie gleichzeitige Sritif ftcß übet 
bie auf ffiertßer folgenben bramatifcßen ©erle unb bie Heineren 
sßrobuctionen ©oetße’s. Sie ißerfon bes Sinters tritt allmählich 
»on bem Sdjauplafje ber Deffentlicfjfeit jurüd, unb man gebenlt 
iß rer nur nocß, wenn eines ber älteren ©erfe neu aufgelegt wirb 
ober eine Sammlung ber Schriften erfdßeint. SaS Qaßr 1776 
weift eine Steiße oon Sritifen über „Stella" auf, allein feine bet* 
felben oermag auf Sebeutung Änfprud) ju erheben, ffienn man 
nidßt in ben Son ber Heloten oon bem Schlage ber Ooeje unb 
©enoffen einftimmt, begnügt man fuß mit Sobfprüchen, bie ftdß nicht 
woßl motioiren laffen; ober oielmeßr, man befinbet ficß in ber eigen* 
tßümlichen Sage, baß man aus Stefpect oor bem tarnen bes Sich* 
terS gerne loben möchte, unb nicht recht weiß, wie man baS anjtt* 
fangen habe. Qm Qaßre 1778 ßöten bie Berichte über „Stella" 
auf, unb es werben faft nur noch ©ertßeriana befprocßen. ÄH* 
mäßlich oerftummen auch biefe, unb es ift oon bem Sichter nur 
noch bie Siebe, wenn fßerfönlicßeS über ißn ju melben ift. Qm 
Qaßre 1780 enthalten bie „Sieueften fritifdßen Stacßrichten" (©reifs* 
walbe) unter bem 15. Äpril bie Stotij: „Ser ®eß. Seg. Statß ©oetße 
ift oom ^terjoge oon Sacßfen zum würflicßen geheimen Statß er» 
nannt worben." Qm Qaßre 1782 heißt es in ber „Crfurtifcßen ge* 
lehrten Leitung" faft ebenfo furz : » © e i m a r. — Ser f>err ©e* 
ßeimbbe Statß ©ötße ift in ben Äbetftanb erhoben worben." ÄuS 
bem Qaßre 1784 haben ficß QeitungSbericßte über ©oetße’fdje Är* 
beiten überhaupt nicht gefunben, wie ftcß benn auch in ben nächft* 
oorßergeßenben unb ben folgenben betartige Stotizen auf baS Äeußerfte 
befcßränfen. 


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So war ber $>id)ter beS „©öl" unb „Söerther", ber ein 
^ahrgehnt gubor ft<h binnen fürgefter fjrift baS Änfetjen unb bie 
©ebeutung eines ÄlafftferS gu erwerben gewußt hatte, für bas 
beutfdje ©otf fo gut wie berfdhotlen unb bro^te ber SSergeffen^eit 
anheimgufatlen. (£rft bie fpegira nach Italien foüte ihn feinem ©orte 
gurüefgeben, nachbem fte ihn fi(f> felbft wiebergegeben hatte. 

3 U einem weiteren ©ortrage Ejatte |>err ©tabtardjibar Dr. 
©rotefenb ftd) bas I^ema „Ueber bie neueften gorfdbungen 
gur ttrgefdjichte fjranffurts“ gewählt. 

®er ©ebner fprad) gunachft über bie Schrift beS fjerrn $ßrofeffor 
Dr. ©epp guüMndjen: „granffurt baS alte Asfiburg beim 
©eograpfjen non ©abenna“. ®iefe @<hrift ift burch Ausarbeitung 
eines ©ortrageS entftanben, ben ber ©erfaffer bei ©elegentjeit beS 
XIII. (Songreffes ber beutfdjen Anthropologien ©efeUfd^aft basier 
gehalten bat, unb ber bann in biefer ausgearbeiteten fffotm in bem 
©orrefponbengblatt ber genannten ©efeUfdjaft unb baraus wieber 
als ©jtrapublifation erfdjiencn ift. 

SEBir mfiffen bas ©efammturtheil beS ©ebnerS über bie Schrift 
hier gleich borweg nehmen, nämlid), bafj eS beffer für ben literari* 
f<f>en ©uf beS ©erfaffer«, wie für bie t(iftorifdt)e Sßiffenfchaft im 
Allgemeinen gewefen wäre, wenn biefe Auslaffungen in ben ©lauern 
beS ©aalbauS befallt wären, anftatt bafj fte nunmehr in gebruef* 
tem guftanbe etwa bagu beitragen fönnten, unbefangenen ©emüthern 
einen fallen ©egriff bon bem ©tanbe ber Senntnifj ber tlrgef^ic^te 
ffranffurts, SBiffenben aber ein falfdjes ©ilb non ben ©eifteS* 
leiftnngen beS ©erfafferS einguprägen. groei AuSfprü<he beS ©er* 
fafferS waren es, an bie fiep beS ©ebnerS ©efpredjung oorgugS* 
weife anlehnte. jCer erfte lautet (©. 68): „t)em Anthropologen 
liegt nichts gu ferne, er fömmt botn £)unbertften ins Jaufenbfte." 
I)er anbere aber (ber ©eite 45 entnommen) f»eißt: „©fein 2öiffen 
um ^ranffurt ift ©tüdwerf." Dh ne i auf bie Prüfung eingu* 
laffen, ob baS bom fpunbertften ins Jaufenbfte ©erathen nach ber 
allgemeinen Anficht ein Senngeidjen ber anthropologien gorfepung 
ift, ober ob ntd)t oiehnefjr f>err Dr. ©epp h* er nur bon fict» auf 
anbere gefdhloffen hätte, bewies ©ebner burdj ©orlefen cingelner 


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Stellen, ba| $err Sepp in etfchredenber SEBetfe non biefer feiner 
felbftgegebenen Erlaubni| ber Serirrung in taufenberiet fernab» 
liegenbe 'Dinge (gebrauch gemalt h at - unb wir tönnen un« be» 
gnügen, Ipw nur einen fßafftt« ber jum Sortrag gefowntenen (t>on 
S. 14) wieberjugeben, im übrigen aber auf bie gebrucft oorliegenbe 
(Schrift p oerweifen. 

„■Der ^etltge Saum ift bem beutfchen Solle unoerge|lid) ge* 
blieben; ben fßlafc tiertrat mehrfach bie $rminfäule, oon welker 
oier (Straffen nach ben ffieltridjtungen au«gingen. ©ie bie Sage 
melbet, brachte Eberljarb im Sart, oon ber Shreu$faf)rt nach ffto* 
Iäftina hetntlehrenb, ein frifdje« ©ei|bornrei« am $nte mit unb 
pffonjte e« auf bem S<hio|berge ju Tübingen, wo e« ©urjel 
fd)Iug. Unfern bet ©urmlingen h at Dietrich Sernharb (oon 
Sern) beu Äarnpf mit bejt Drachen beftanben. 'Der fchwäbifche 
Eberparb ift wie ber Sapernherjog Subwig im Satt nidht ohne 
bunfle Erinnerung an ©oban Sartel ober ber Sotpbart pbe« 
nannt. Äarl bem (Srojfen hängt bie Sage bom $uge in« ÜRorgen* 
lanb an, unb auf bem ©unfdjmantel lehrte er im gluge peint. 
„Am Srunnen oor bem Shore, ba fteht ein Sinbenbaum": h öt 
nicht Uhl an b bie« fdjöne Sieb gefungen, unb Silcher im 
9tem«thal e« meifterlich in ÜRufif gefefct? Stuf ber Surg $open* 
3 ollem fteht ähnlich eine Sinbe, nur ift fte jünger. Am 
1 . SWcirj 1870 trieb ber Staftanienbaum im Suileriengarten leine 
Slätter mehr, wie fonft junt 3 e ^ en # *>a| ber fjortbeftanb ber 
SRapoleonibenherrfchaft gefiebert fei." 

Da| $ert Dr. Sepp nicht, wie er e« bod) al« jweite Pflicht 
be« Anthropologen in ber tjortfefcung bes juerft angejogenen ©orte« 
(S. 63) htnfteUt, e« über fich oermoept hat, „fcfjliefjlich ba« aUge* 
meine Ergebnil (feiner ftorfdpungen) in wenigen Säften ju faffen", 
mu| wirtlich bei einem berartigen Durcpeinanberwürfeln ber |etero* 
genften Dinge im Qntereffe ber Sritit bebauert werben, ba man e« 
nur fchwer über ft<h gewinnen tann, 70 Seiten berartigen, unb 
meift noch bunteren unb bombaftifepeten ©emifepe« hwtereinanber 
burcpjulefen. SRebner 30 g baher oor, bem ^weiten oben angejogenen 
Spruche ftd) juwenbenb, ben Serfaffer bei einem am Schluffe (auf 
S. 71) ausgefprodjenen ©orte ju faffen: ,,©ir tönnen nur auf 


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pofttioe «ritt! achten, welche belehrenbe Jfjatfa^en auffteQt." Qn 
ber 5E^at, eg ift mit ®ant anjuerfenneti, bafj bet SBerfaffer fein 
mangelhafte« SBiffen über ffranffurt eingefteht, nnb bie ^Belehrung 
anberet ftch erbittet. Sßa« er über Qranffurt« ©efdjichte ober £opo= 
graphie »orbringt, ift nämlich burdjtoeg irrig unb bebatf ber Süchtig» 
fteflung im höchften ©rabe. SJtit berfelben »erliert e« inbefj für ben 
f>erm Dr. ©epp ben Steij eine« S8ewei«material« für feine auf bem 
jitel aufgefteDte ^Behauptung ber Qbentität »on Qranlfurt mit 
Ä«fiburg; toenn überhaupt biefem SBerfudje, granffurt burch «lang» 
ähnlichfeiten, bie bie fühnften Ableitungen ber «eltomanen noch über» 
treffen (Laertes, Laert, Leart, Leonhard) unb mpthologifche Ana* 
logien ein h»h ere3 Alter P »erraffen, irgenbtoie ber Slame eine« 
SBeweife« beigelegt werben fann. 

®a« Ascis be« ©eographen »on fRaoenna (eine« ©djriftfteCer« 
au« bem 6. Qaljrhunbert), ibentificirt Dr. ©epp einfach mit bem 
Asciburgum be« Eacitu«, trofcbem biefe« al« am SÜeberrhein be* 
legen bezeichnet wirb,' unb bringt e« ebenfo jufammen mit bem 
Asciburgius be« fßtolemäu« n, 11, in bem man ba« ffridjtelgebitg 
ju erbliden glaubt.) 

®ie ©age ber ©rünbung be« STaciteifdten Asciburgum burch 
Saerte« wirb ohne Weitere« (©. 5) auf Qranlfurt bezogen, inbem 
©epp unter Umbeutung be« Saerte« in Seonharb (f. oben) fagt: 
„®ie £eonhart«ürche am Stömerberg in f^ranffurt nähme bie für 
Laert in ber A«Iiburg paffenbe ©teile ein, mag audh ber fonftige 
«ult, welker in SBapern noch fortbefteht, in ber ÜWainftabt früh ’ n 
Abgang gefommen fein.“ 

©rften« fteht bie Seonharbsfirche nicht am Stömerberg*), fon» 
bern an bem wahtfcheinlid) weniger zum SBcmeife paffenben ÜRain» 
ufer. ©obann ftammt fte nicht au« unoorbenflichen feiten, noch 
weniger aber ift fie »on »ornherein bem h- Seonharb geweiht ge* 
wefen. Qm Qahre 1219 fhenfte «önig Qrtebrid) n. ben Bürgern 
»on Q^anlfurt eine ^offtätte (area seu curtis), um auf berfelben 
eine «apetle zu erbauen zur @h te ber h- üRaria unb be« h- ©eorg. 


*) ®afj biefe« fein lapsus calami ift, beroeijt bie roieberfjoCte gleiche Se» 
(jauptung auf ©. 51 ber ©epp’(cf)en Scffrift. 


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Diefe Stafette würbe 1317 in ein (SoDegiatftift umgewanbelt, beffen 
Statuten erhalten finb, unb im $at)re 1323 erft nahm bie SKfäje 
nach ben aus ffiien burch urfunblich bezeugte Vermittlung beS borti* 
gen ©djottenabtes bezogenen ©ebeinen beS h- Seonharb ben tarnen 
biefcö ^eiligen an, wätjrcnb noch über ein ooOeS Qa^rbunbert bas 
(SoDegiatftift baneben ihren alten Patronen burdj Aufführung bet« 
felben im Ditel ftd) getreu erweift. ©ir brauchen uns nun nicht 
mehr p wunbetn, bafj ber uralte Saertfult hier f<h° n früh öet * 
fchwnnben ift, fonbern muffen uns eben mifjtröften bamit, bafj er 
gar leinen ©runb hatte, jemals hier 3“ ejciftiren. lieber ben ©. 8 
erwähnten ÜJtildjbrunnen, ans bem nach lofaliftrter Sage in fffranl* 
fnrt bie ©inber oom Slapperftord) geholt werben, glaubte Dtebner 
nicht regten p foüen, über ben JhtäbleinSborn aber, ben ber SBerfaffer 
bort unb nod) auf anberer ©teDe mit bem babei belegenen grauen« 
häufe in oftenftble Verbinbung bringt, fann er ben Auffcfjlufj geben, 
bafj nicht bie jungen granffurter, fonbern fein Vegrünber ober einft* 
maliger Veftfcer, ein Vfirger Änebelin, oor beffen £>aufe er ftanb, 
ihm ben SKamen oerliehen h a *. 

Auf ©eite 18 folgen ber Vehanblung ber Seonharbsfage unb 
einet längeren Abfchweifung über SBrunnencultuS bie ©orte: „Dßan 
möge aus bem ©efagten oon ÄSciS ober Asfiburg* (bas übrigens 
tn ber ganjen oorhetgehenben AuSeinanberfefcung feit ©. 5 mit 
feinem ©orte berührt wirb) „ftd) einen Vegriff machen. (Es frägt 
fi<h aEerbingS, wo hier bie (Efd)e gewürfelt unb ob ber heilige $ain 
ftch bis (Sfchenheim erftrecfte ?“ 

Ob bieS ein „pfammengefafjtes (Srgebnifj" fein foD? Veant* 
wortet wirb bie fjrage oom Verfaffer weiter nicht, er hilft ftd) mit 
einem Dichterwort unb einer Abfchweifung über ftebbernheim unb 
beffen ÜRithraSfult, ber wieber mit Seonharb paraüeliftrt wirb, über 
bie Süde hinweg, um bann burch ben Uebergang: ,,©o wenig als ein 
Saert ober ein ßeonhartsfirdjlein burfte bei einer germanifchen fWieber* 
laffung 2ti!olaus fehlen“, p ber SHrdje biefes^eiligen infjranffurt 
überpgehen. Sie ift bei ©epp „an ber ©teile ber alten $offapeüe 
1142 neu erbaut". Dafj baS 3«hr ein Qrrthum ift, würbe bereits 
oor fahren oon f)erm Dr. (Euler nachgewiefen, nach welkem biefe 
Dlotij ber Annales Disibodenbergenses fich oielmehr auf biefeS 


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26 


Älofter begießt. Die erfte Grwäßnang eines ÄaßeflanS ber flhfolauS« 
fapeBe ift »om Jaßre 1264. (Eßronifalifcß fteßt feft, baß ße 1290 
»on fllubolf non $absburg »oBenbet, nnb urhmblicß, baß ße 1292 
non «bolf non fllaffau bent SSartßolomäusßiß incorporirt worben iß. 
Stuf flleicßsterritorium ßat ße bemnacß geftanben, bocß ob ße bie 
£offapeBe erfeßen foflte, bas iß gegenüber ben fließen ber Äapefle 
im ©aalßofe — bem faiferltdjen ‘ißalaße - aus bem Änfange beS 
13. Jaßrßunberts (1208) unb ber (Erneuerung betreiben in gotßi* 
fd^er 3eit bocß meßr als gweifelßaft. (Siebt bocß bas flteicß erß im 
Jaßre 1338 ben @aal aus feiner £>anb! 

©ne fmtweifung auf ben mit fllitolauS als Sbinberfreunb (unb 
folteret) erfcßeinenben fllupert erleicßtert Dr. @epp ben Uebergang 
gu bem weiteren sßoltergeifte SBartel,. unter weiter Slbfürgung non 
SBartßolomäuS Dr. @epp ben altbeutfcßen (SotteSnamen Sartolb ober 
IBercßtolb für ©oban nerftanben wiffen wifl. fltacß @epp fteßt es 
aus bem fllamen SartßolomäuS feft, baß „ber 'Dom in Jranffurt 
bie @teüe eines 93ercßtolb= ober 2Boban*$eiIigtßumS einncßme, ßetßt 
bo<ß ein naßer 28aIb nodß bie SÖradjt unb Serdßte mit ober oßne 
©eißfrauenfircße paßt »orgüglitß gu bem Jungbrunnen, woraus man 
bie fiinber ßolt*. 

2BaS ber ©alb IBracßt — woßl eine SBerwecßSlung mit bem 
SBrucß, bem alten flJlainarm oberhalb JranffurtS — mit ber ffinibenj 
beS DontS als ©otansßeiligtßum gu tßun ßat, weiß man nicßt. 
Sercßta, bie ©epp meßrfacß mit öavtelt (®ercßtolb) gufamntenbringt, 
ber er fogar ißre aargauifcßen SecßteleSßirgli gu ©unßen feines 
ffiotan SBartelt wegnimmt (©. 24 unb @. 51), wirb ßiet mit bet 
©eißfrauentirdje gufammengebracßt. ©epp »erwedßfelt offenbar (ßier 
unb ©. 65 wieberum) biefe bem 1227 geftifteten flleuerinnenorben 
angeßörige Äircße, bie nacß ber weißen Jarbe ber Sleibung ber 
Tonnen bie ©etßfrauenlircßc genannt wirb, mit ber 1320 gebauten 
unb 1325 gum SoBegiatftift erhobenen SiebfrauentapeBe auf bem 
SRoßebüßel. 

ffieitergeßenb fcßließt er bann, baß bem ©otanswaBfaßrtSmarfte 
im #erbft entfprecßenb bie Jranffurter $erbftmeffe bem Sartßolo* 
mäuS = SBartel ißren Urfprung gu »erbauten ßabe. ©obann »er« 
fteigt er ß(ß 57 gu ben ©orten: „Jm (Glauben an bie »orßer 


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27 


ba beftanbene SBobanSfapelle beftärft mich feft bie Saloatortircbe, 
welche Subwig ber Deutfdje 874 bafiir ober baneben erbaute." ttnb 
weiter S. 64 „ .... unb bie ältefte förcbe in unferer SDtainftabt 
S. Saloator tyat nothwenbig biefclbe BorauSfefcung. Dabei bi«fj 
aber bas oon Subwig bem Deutzen gegriinbete ÄoHegiat Bartbolo* 
mäuSftift unb bat ft<b fo bis 1802 erbalten. ÜRitbin gwei Patrone 
nebeneinanber; boeb beim Neubau ber Äircbe feblägt ber oorgeblicbe 
Apoftel ben mannbärtigen $eilanb aus bem gelbe unb am Bar* 
tbolomäustag 1239 finbet bie ©inweibung beS ftaiferbomS ftatt. 
Äirdbweib bagegen war am nädbften Sonntag oor üJtariä Fimmel» 
fahrt." 

Diefe Angaben bebörfen febr ber 9tid)tigfteflung. Die ©rän* 
bung ber Saloatorfapelle im gab« 874 wirb oon gleidbjeitigen 
Aimaliften auf bie Heilung ffarls (beS Diden) in biefem gabre 
guriidgefübrt, unb gleich öon oornberein erfebeint (burdb bie Scbenfung 
ber ütuotlinb aus biefem gabre) ber ^auptaltar als ber gmtg* 
frau ÜWaria geweiht. Der gefttag betreiben war baber für bie 
ÄircbWeib beftimmenb. Am 'läge ÜJtariä Himmelfahrt würbe baber 
bie Habftmeffe eingeläutet, auf ÜJtariä ©eburt aber ausgeläutet, ihr 
Anfang mo^te fallen, wie er wollte. Qn Bartholomäus traten 
Sirdhe unb Stift erft burch bie üleuweibung unb bie Aufnahme ber 
Hirnfchale biefeS Heiligen im gabre 1239 in Begebung; bas Stift 
bie§ bis babin ebenfogut nach bem b- ©aloator wie bie Stirne. 
Dafl alfo ber ütame Bartholomäus an ein ÜBobanSbeiligtbum er* 
innern foH, wirb h' erna ch niemanbem mehr einleu^ten. Subwig 
ber Deutfdbe gränbete, wie hier bie Domfirche, fo au<b gu {Regens* 
bürg ben Dom, ber bem b- ©aloator unb b- ffimmeran geweiht ift. 
©leider ©riinbet unb oieBeicbt aud) gleite Beranlaffung! geben* 
falls ift in bem auf rein cbriftlicbcr ©runblage unb unter ftreng 
fircblicbcr ÜJtitwirfung bureb taiferlidje ©riinbung erwadrfenen ©ottes* 
häufe wohl nicht eine quasi-ülotbgriinbung gu fudjen, um ein un* 
liebfames beibnifcbeS gbol gu befeitigen ober mit bem üJtnntel ebrift* 
lieber grommigteit gu bebeden. ülocb weniger aber erlaubt es bie 
Baugefcbicbte beS Domes, wie S. 65 Herr Dr. Sepp eS tbut, ein 
föimmernifjbilb unter ber üJJauertündje oerborgen gu glauben, ober, 
was ein noch größerer grrtbum ift, barf man bas jejjige Äreug, 


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28 


bä« ber üttitte bes 14. $at)rf|unbert$ entftammt, p irgenb welchen 
©cßlüffen für bie tarolingifche Slnlage »ermenben, wie ©. 67 ber 
©cßrift gef^ßen. Dergleichen ^ntfjümer, beren fdjon mehrere nach' 
gewiefen worben, finben ft<h ftctö, fobalb faftißhe fjranffürter 35er* 
ßältniffe behanbelt werben, ©o ^et§t es @. 46: „f)ier (p Slawen) 
fteht bie ißfalj bem ÜJiünfter ebenfo gegenüber, wie in f£ranffurt 
ber Wötner bem VarthoIomciuSbome." (SrftenS ftimmt es örtlich 
bnrchauS nicht, bann aber war ber iRömer, bis bie ©tabt ihn 1405 
pm iRathhoufe erwarb, )ßri»ateigenthum, bagegen ber ©aalhof bie 
98falj, bie aber auch P bem Vergleiche örtlich nicht gepaßt hätte. 

Das f)auS pm @ral ift feineswegs farolingifch, ja es gehörte 
nicht einmal, wie man bis pm Äbbrud) wähnte, ber romantfchen 
3eit an. Veim SRieberreißen (»or einigen fahren) jeigte ft<h, baß 
bie romanifchen Vogen ber genfter, welche Einlaß p ber Ver* 
mnthung gegeben hotten, cingefprengte (EntlaftungSbogen waren, unb 
fidh baneben refp. barunter bie SRefte befeitigter ober »eränberter 
©pifcbogenfenfter befanben. 

©enn man nun all biefeS pfammenfaßt, fo wirb man bem 
SRebnet recßt geben, wenn er, ©epps ©orte (©. 70) citirenb, fagte, 
„benfenbe ÜRenfdhen werben ©cßritt für ©cßritt bie ©puren beS 
höheren SllterthumS ber fcßönen üJiainftabt »erfolgen", man barf 
biefen ftorfcßern aber nidht öerüblen, wenn fte nicht bie Arbeit ihres 
Vorgängers Dr. ©epp — wie er es fi<h badete — als „Nahmen 
unb Äufpg" benufcen. 


Die britte öffentliche ©ifcung fanb am 14. Januar 
1883 ftatt. SRa<h (Erlebigung ber wenigen gefdjäftlidhen Ungelegen» 
ßeiten hielt f>err ©tabtardjioar Dr. ©rotefenbben gweiten feiner 
Vorträge „lieber bie neueften ffforfeßungen jur Urgefchicßte 
fjrantfurts. Diefes 2Ral erflärte SRebner, in ber „ttrgefcßicßte 
»on anffuvt am üRain unb ber £annus*©egenb »on 
Dr. Ä. Jammer an" einer erfreulicheren (Erfcßeinung gegenüber* 
pfteßen als beim erften feiner Vorträge, ©ie bic bamats be* 
fproeßene ©epp’fcße ©c^rift »erbanft auch bie $ammeran’f<he bem 
p gfrantfurt abgehaltenen XIII. ülntßropologencongreffe feine (Ent* 


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29 


ftehung. ©ie ift ein S^eil bei vorn Sofalcomite bem Kongreffe 
überreizten ©egrüfjungSfZvift. 

ffienn ©efty’S gorfZungSmanier in bem @a|e (@. 46 feiner 
@Z r ifO gipfelt •' „$hpotf)efen fiub ©efce, nur ber wirb fangen, ber 
auswirft", fo tritt uns gleiZ im (Eingänge ber £>ammeran’fZen 
©Z^ft (auf ©. 4) »ortljeilhaft ber ©afc entgegen: „(JZ bin ber 
SWeinung beS non mir als ber ©egrünber unferer beutfZen ÄrZäo* 
Iogie mehrten Snbwig SinbenfZmit, bafj man gut Zue, bas Un= 
fiZexe, ©Zwanlenbe nur langfam in formen ju geftalten." 

Sin ber |)anb ber fjunbe, über welZe im jweiten Steile ber 
Arbeit eine fpecieüe, hier nur ju erwähnenbe UeberftZt gegeben wirb, 
fZübert |)err Dr. £>ammeran bie ©eftaltung beS JerrainS, auf 
bem bie ©tabt fjranffurt fiZ jefct ergebt, unb feiner Umgebung in 
Zren ZarafteriftifZen gügen. ©ebner maZte es fiZ jnr Aufgabe, 
biefet ©Zilberung folgenb baSjenige ^eröorju^ebcn, was einerfeits 
als neu unb non ben bisherigen fZleZt begrünbeten SInfiZten ab« 
weiZenb, anberfeits als für fjranffurts 33orgefZiZ te befonberS in* 
tereffant in ber |)ammeran’fZen Slrbeit fiZ barfteüte. 

©efonbereS ©ewiZt legte ©ebner auf bie aus bem fjfranfen* 
friebhof unter ben ©eftbat)nt)öfen ftZ ergebenbe Kjiftenj einer ©über* 
laffung auf bem ©tabt fffranffurter ©oben. @ie rücft aüerbings, 
wie $err Dr. $ammcran angiebt, bie ffijiftcnj ber ©eftebelung auf 
btefer ©teile am ÜRain um etwa 300 (Jahve jurücf, aus bem aZten 
ins fünfte (Jahthunbert, allein gleiZ aus biefem gfriebljofe im 
SBeften eine Kontinuität mit ber fpäteren farolingifZen ©ieberfaffung 
etwa 1 Kilometer öftlictjer, ftromaufwärts, anpnehmen unb „bie 
ffintftehung ber ©tabt in bie merowingifZen ißeriobe p legen", 
bap tonnte ©ebner fiZ niZt oerftehen. £>ie ©ewohner ber Slnfteb» 
lung, bie bort ihre le|te ©uheftätte fanben, h a ^ en ftZ^KZ niZt 
bie fjurt benufct, welche ber farolingifZen ißfaljftätte als ÄrpftalU« 
fationspunft biente, jene fjelfenbarre beim Seonharbsthore, in ber 
©ähe beS faiferliZen Sßalaftes. 

®ie ©ermuthung beS Dr. ^ammeran (©. 21), baff an ber ©teile 
ber SeonharbSfitZ« „immerhin" eine noZ ältere Keine |>oljfirZe 
geftanben habe, fowie bie angebliZ „auf bem je|igen |)ühnermarft 
erbaute Itapeüe", über beren „fpätere (Erbauung pofitine ©aZriZten“ 


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30 


Dorhanben fein foflett, gaben am ©Slufj feiner fonft anerfennenb 
referirenben ©orte übet bie gmmmeran’fdje (Schrift bem iRebnet 
Hnlajj, ans feinen eigenen neueren gorfSungen über bie ältere 
<&efd)id)te fjranffurts bas h‘ er ©infSlogenbe mitgutheilen. 

.QunäSft ermähnte Stebner bie alte, nun mohl gänzlich be* 
feitigte «nfidjt, baff an ©teile bcr SeonharbSfirSe ber ^ßataft Äarl’S 
beS ©rofjen geftanben höbe, ffintftanben ift biefe Slnft^t au« einem 
fiefefeljler in bet Urfunbe t>on 1219, burS melSe fJriebrtS n. ben 
Sürgent Don grantfurt gur (Erbauung einer ihnen nothmenbigen 
(necessaria) Kapelle einen Sauplafc am Sornmarft fd^enft. Die 
bort für biefen Sauplafc gebrausten ©orte area seu curtis, eine 
#ofraithe ober ein SBirthfdjaftshof, mürben im 17. ftahrhunbert, 
einerlei Don mcm, guerft für area seu turris (S^ntm) gelefen unb 
fo fonnte PS an biefe ©teile leicht bie gefugte tarolingifSe ißfalg 
anlchnen. ÜWan fud^te aber einen Ort für biefe Sßfalg, ba man 
f»S in bie Annahme Derrannt hotte, Submig ber fromme höbe 
neben bem ^alafte feines SSaterS einen neuen *ßalaft erbaut. <Ein= 
harb ift es, bet uns 9?aSriSt über biefen Sau giebt, er fagt aber 
nur, bajj fiubmig gu granffurt übermintert höbe constructis ad 
hoc opere novo aedificiis, naSbem er gu biefem groede ©ebäube 
naS neuer Sauart erbaut höbe. @o ift bie ©teile naS bem 
ÜaffifSen unb bem friihmittelalterliSen ©ebrauSe gu überfefcen, 
feinesmegs ift aber aus biefen ©orten etmas über ben ©tanbort 
ber neuen ©ebäube gu fSliefjen. Die ©orte ber Annales Besuen- 
ses aber, ber eingigen fonftigen Duelle über ben Sau, bie bann 
auS in bie Annales S. Benigni Divionenses übergingen, lauten 
einfaS in Franconofurt in quo palacio novo illo anno hiemavit. 
©ie ergäben alfo auS nur Don einem Neubau unb man mürbe gu 
Diel in bie ©orte hinein legen, menn man biefem palacium novum 
gegenüber ein palacium vetus fuSen mollte. Der SOiönS regiftrirt 
bie ©eburt ftarl’S beS Wahlen, beS Don ber gmeiten grau Submig’S 
beS frommen unb ihrem geiftliSen Anhänge heif} Ejerbeigcfehnten 
©ohneS, unb ber neue ißalaft fteht ihm gleiSfom als ein gutes Omen 
für bie ©eburt beS erfehnten Änaben. Die Haren ©orte ber Ur* 
tunbe area seu curtis begegnen ben ißlafc als einen lönigliSen 
SJleierhof. Die curtis imperialis fommt in Urfunben ber fpäteren 


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Sarolinger unb ber Ottonen oft genug neben bent palacium im¬ 
periale Dor, um nicht befannt gu fein. ®ie fpätere $o!jenftaufen» 
geit aber ift auch anberer Orten, bie 3cit ber SBerfdjIeuberung ber 
lebten {Reid)3güter, beg gängigen Slufgebeng ber iReichgbomänen nnb 
it»rer 93emirthfch«ftung in eigener förtiglic^er {Regie. ffiinem berarti* 
gen Siete fielen mir aud) t(ier gegenüber. £>ic ©djenlung beg £>ofeg 
an bie ©tabt ift ein ©lieb einer Sette anberer ©djenfungen, bie 
einzeln nidjt mehr conftatirbar ftnb, beren ©puren mir aber im 
13. :^at>rf)unbert in ben galjlreidjen im ißrioatbeftfc befinblidjen 
Sennben ober IBunben »erfolgen tönnen. S)ie SBunben maren bie 
mit Sanngäunen begrengten ‘DontanialparceHen in ber übrigen offenen 
gelbmarl, ber SReft beg bigmembrirten iRetchgbefiheg, biegfeitg beg 
•ülaing, mo nicht, mie in ©achfenhaufcn, ber {Reichäbefifc burd) bag 
fieb nSwe f en * n gejdjloffenen ©ütern in Ißrioat^änbe übergegangen mar. 

®ie SBorte ber Urlnnbe bon 1219 area seu cartis laffen aber 
eine »orljer bort etma befmblidjc ^olgfapeüe, mie |)ert Dr. $ant= 
meran anguneijmen geneigt ift, mohl nic^t gu. gür bie larolingifche 
^eit eine Sapeöe aufjer bem ißalaftcompleje angune^men, b“ben 
mir lein {Recht, benn bag locus celeber beg Sriefeg ber 93ifd)öfe 
uon 794 (nicht 774, mie burd) einen ®rudfet)ler bei ^»ammeran 
fteht) alg gasreich bemohnten Ort gu überfein, ift nach beg iReb* 
nerg Slugführungen entfehieben falfch* @3 lann nach bem ßufammen» 
hange beg Sriefeg in ber gangen Datirung nur bag Streben ber 
Schreiber erfannt metben, ben Ort ber SSerfammlung für ben @m= 
pfangenben möglichft fieser gu begegnen. Curia celebris helfet fo« 
triel alg alg curia solemnis, nicht ein befugter |)oftag, fonbern ein 
feierlicher $oftag, unb fo helfet in loco celebri hiet nichts anbereg, 
alg mag mir heute gu Sage mit „am fjeftorte" ober „am SBer« 
fammIunggorte ,, miebergeben mürben. SBäre eg ein berühmter Ort 
ober ein »ietbefuchter ober ein fef^r bemofenter Ort gemefen, meghalb 
märe bann bie JBegeidptung in suburbanis Moguntiae jc. noth« 
menbig gemefen? £)ie Ortgbegeichnung für bag Soncil heifet ja: in 
suburbanis Moguntiae metropolitanae civitatis regione Germa- 
niae, in loco celebri qui dicitur Franconofurd. 

SBenn alfo fjranlfurt bamalg nicht alg oielbemohnter Ort be* 
miefen merben lann, menn ferner bie Stiftung, einer neuen Sirche 


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32 


fuß erft 874 unb einer »netteren Sapefle gar erft 1219 notßtoenbig 
macßt, fo fann ber Ämtaßme ber (Sjiftenj einer ^oljfapefle an ber 
©teile bet jejjigen 2eonßarb«fircße,. gegen ben Wortlaut ber Urtunbe 
non 1219, auf bie bloße Analogie mit anberen Orten unb Sorfom* 
ntffen ßin nicßt ftattgegeben werben. 

Ütebner wenbet ftd) fobann §u ber ^weiten Slnnaßme ber 
ffijiftenj einer Sapefle auf betn feigen $üßnermartt. "Die Ännaßme 
einer Sapefle bortfelbft ßat ißren 2lu«gang«pun!t in ber Dßatfadße, 
baß biefet Ort bi« in« tiefe UJiittelalter hinein fjriebßof ßeißt, oßne 
baß fuß je eine berartige ©erwenbwtg biefe« SRaume« nacßweifen läßt. 

ffi« weift fomit biefe ©ejeidßnung auf eine unworbentlicße 3eit 
be« fräßen ÜDtittelalter«, oon ber un« 97acßricßten nic^t erßalten ftnb. 
^ebenfaß« beweift fte aber, baß für bie farolingifcße ßlieberlaffung 
ber Ort ber merowingifdßen ©räber ein ju entlegener war, baß man 
fpäter nodß ficß eine« näßer gelegenen bebient ßat, wa« bei ber be« 
fannten centrifugalen ßiatur berartiger Anlagen nicßt auf eine fo 
große 2lu«beßnung ber larolingtfcßen Änjteblung fcßließen läßt, unb 
ben fffriebßof an ben ©aßnßöfen ft^er einer anberen mit granlfutt« 
öjiftenj nicßt urfacßlid) pfammenßängenben Slnfteblung juweift. 

Die Slnnaßme einer Sapeße auf bem f. g. griebßofe fofl nun 
burdß eine Urtunbe an« bem ^aßre 874 geftüßt werben, worin eine 
©uotlint eine ©cßenfung ju ©unften ber ßeil. ßftaria ju ber lönig« 
ließen Sapefle (ad sanctam Mariam ad capellam regiam) macßt. 
©dßon Srieg! ßat bewiefen, baß biefe Sapefle mit bem neu gegrün« 
beten Dom ein« fei. $nt Qaßre 873 wirb Sari ber Didfe non 
^ttjtnn befaßen uub geßeilt in ber fßalaftfapefle (in ber Sapefle, 
weldße an ba« Don ißm bewoßnte $au« anftieß). 3um Dante fär 
bie Teilung ftiftet Subwig ber Deutfcße eine neue Sapefle ber ÜJiutter 
©otte« unb bem ßeil. ©aloator geweißt, ffir ftirbt oor 2tu«fteßung 
ber betreffenben ©tiftungöurfunbe. ©ein älterer ©oßn Subwig fteßt 
im $aßre 880, beffen ©ruber unb fllacßfolger 882 Urtunben über 
bie Stiftung be« ©ater« au«, bie beibe bie ©dßentung ber 9tuotlint 
üom Qaßte 874 entßalten unb auf bie ©afoatortapefle (ben Dom) 
begießen. Slarer lann bocß bet etwa zweifelhafte S(u«brud ber 
Urtunbe öon 874 nicßt comjnentirt werben al« burdß bie Änfäßrung 
in ben Urtunben t>on 880 unb 882. Somit fällt bie £>üßnermartt«* 


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33 


fapetle in ftdj jufammen unb ber „ffriebhof" ift bet bürgerliche 
fjriebhof bet farolingifchen Slnfteblung, ber ficf) naturgemäß an bie 
Stabtmauer, ben äußeren 93eving ber 2lnfieblung, anlehnt. 

Diefen burcß bie £ammeran’fd)e Schrift »eranlaßten Betrachtungen 
ftloß Siebner fobann noch einen »eiteren für bie ©eftaltung be« 
älteren ftranffurt« hochwichtigen ©egenftanb au, bie 3eit ber önt» 
ftehung ber äRainbrücte. Durch SluSnufcung einer bisher unbeachtet 
gebliebenen Urfunbe be« Böf)mer’f<hen Urfunbenbuche« glaubt Ütebner 
bie Gtbauung ber feften ÜRainbrücfe batiren ju fönnen, unb jwar 
auf bie 2Ritte be« 12. Qa^r^unbert«. Die fragliche Urfunbe ift eine 
päpftlicße Bulle für ba« Slofter Qlbenftabt in ber äBetterau, worin 
biefem filofter feine Bedungen, bie Slofterfircße mit ihrem gfunbu«, 
©üter in einigen Dörfern, ein $au« ju granffnrt unb ba« teloneum 
vel naulum Frankenforde ber $ofl ober ba« fjäßrgelb ju 3franf= 
fnrt beftätigt werben. Da« teloneum vel naulum war bem Älofter 
non bem 1137 oerftorbenen Äönige Sotßar non Sadhfen gefdjenft 
worben, eine 9?achrid)t, bie au« ber Buüe entnehmen $u fönnen, un« 
um fo wichtiger ift, als bie betreffenbe SdjenfungSurfunbe felbft nicht 
mehr erhalten ju fein fcheint. Da« naulum ift nun nicht, wie 
Böhmer unb nach unb üor ihm aüe anberen (Srfläret wollen, ein 
3 oü non »orüberfahrenben Schiffen, benn biefer wirb fpäter, 3 . B. 
fdjon 1157 wieber, bireft al« föniglidje« ffiigenthum bezeichnet, 
fonbetn bem flafftfchen Sprachgebrauch gemäß ber UeberfafjrtSzofl, 
bie jebenfad« feßr erträgliche (Sinnahme ber bisher föniglidj gewefenen 
Qfährgerechtigfeit ju granffurt. Der Umftanb nun, baß ber Bejtfc 
berfelben in ber $lbenftabter Buße eine fo große SloBe fpielt unb 
an vierter SteÜe erwähnt unb ber fehr foftfpieligen Beftätigung 
bureß päpftliche Bufle für werth erachtet wirb, währenb jeber weitere 
Änfpruch barauf feiten« be« Slofter« oerfhwtnbet, läßt fi<h nur 
burch bie balb barauf erfolgenbe ©rbauung ber feften Brücfe 
erflären, bie felbftoerftänblich ben ffirtrag bet 3fähre auf ein SJlini* 
mum rebucirte unb für bie nächften ^ahrhunberte ju einem wenig 
begehrenswerten unb barum unangefochtenen Befifcgegenftaube machte, 
bi« bie 9tid)tauSübuttg be« Siecht« baäfelbe erlöfdjen unb an bie 
Stabt übergehen ließ, in bereu unbeftrittenem Befifce wir e« im 
fpäteren SDiittelalter feßen. 

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34 


SRebner befielt ftcb oor, bie weiteren Folgerungen biefer 
für bie ©ntwidflung Fmntfurt« im früheren 2Rittelaltcr fo wichtigen 
jeitlidfien Feftfteßung unter Sßorlage oon kleinen jum ©egenftanbe 
einer befouberen üRittbeilung ju machen. 


III. Vorträge unb ©urfefungett. 

Der erfte SBortrag im Iaufenben ®efebäft«jabre würbe am 
19. December 1882, 2lbenb« 8 Utjr, im ©ifcungsfaate bc« ©oetbe* 
häufe« abgefjalten; Herr Otto Stöbert SMlbelm Sauf}, i?.e^rcr an 
bet biefigen SDtufterfcbule, fpracb über ^ean F a c q u e« SR o u f f e a u. 

Stadjbcm am ©ingange bc« Sßortrag« auf bie ©ittenoerberb* 
nijj unb bie Fäulnijj ber franjöftfdien ©eit nach Ableben oon 
Soui« XIV. ^ingewiefen würbe, tenn^cidjnete SRebner bie treibenben 
Fbeen, welche al« Heilmittel angewanbt einen Umfdjwnng ber ©c* 
feUfdjaft ^erbeifütjren füllten. Die Sirene glaubte burd) oenne^rte 
^Bigotterie unb bie ^ilofoptjen meinten burd) offene« Sln«fpre^en 
beffen, wa« man tünftlid) ju oer^üöen fnd^te unb burd) 3 ur ü<f' 
geben auf bie reine, unoerborbene SDtenfcbennatur bem berrfebenben 
Uebel entgegenjuwirten; jene wirtte umgeftaltenb mehr nadb ©cbein, 
biefe na<b ber ffiirtlidbteit. SRebner entwarf nun ein Söilb ber b«rr= 
fdbenben pt>i!ofopt)ifc^cn SRicbtung, wie fie bei ben ©ncbclopäbiften 
jur ©tfebeinung tarn nnb beutete auf bie Sonfequenjen be« s JDtate= 
tiali«mu« b«n. Fm Stifcbluffe hieran betonte er fofort ben ©egen* 
fafe, in bem SRouffeau jum ©teptici«mu« unb Ätbei«mu« ber Äuf= 
tlärer ftanb. @r entwarf hierauf ein turje«, aber beutliebe« Seben«* 
bilb biefe« üftanne« unb wie« nadjbtücfltdj auf bie öerfebulbeten unb 
unoerfcbulbeten Urfa^en bin, welche feinen (Styarafter fo baltlo« unb 
friool geftalten. hierauf befpracb er feine politifeben unb päbagogi* 
feben 5<been, wie fie im Contrat social unb Emile jur ©rfebeinung 
treten. 99eibe ffierfe jtijjirte er genau, ffir wie« auf SRouffeau« 
Staturmenfcben bin, bie nie ejiftirt unb nur ber ^ß^antafie angebört 
haben, ertannte aber an, bafj er e« gewagt, bie al« ewig Übertom* 
men geglaubten unb geheiligten ©tanbe«oorurtbcile bureb eine focio* 
logifebe ©enejt« ju burebbreeben unb an bie allgemeinen SDtenfcben* 


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35 


pflichten unb SWenfcbenrecbte ju appeBiren. ©eine ©orte über ©du» 
oerän unb SBoIfSWiBen fteBen in tljrer SSerbinbung unb Trennung 
bie reinfte Demofratie bar unb malen einen Staat aus, ber ganj 
in 3Mb f ‘t/ ®IeicE)beit unb 99rüberlict)teit aufgebt. Blcbner wies ba* 
rauf bi«» baff Blouffeau burd) feine ©orte ein Despot ber Waffen 
würbe unb ben 2tuffd)rei bes SBolfeS in ber Bieoolution »erurfttdjt 
bat. Qm ?lnfd)lufi b«ra« wie« er auf bie öerfcbiebene ©irfung ber 
©orte »on BWonteSquieu unb HobbeS b' n < bie mehr eine boctrinäre 
war. Gsbenfo befpracb er bie SRouffeau’fcbe Qbee einer ©taatSreligion 
unb erflärte fte nicht als pfjonfaftifcb unb abfurb, ba man in feiten 
eines allgemeinen religiöfen QnbifferentiSmuS unb einer ^erfejjung 
bes confeffioneBen ®laubens burd) ^iftorift^e Äritif nur an bie fßo» 
ftulate: ®ott, lugenb unb Unfterblicbfeü auf ®runb beS HerjenS 
unb ber allgemeinen BJtenfcbenliebe appeBiren wirb, gcrabefo wie 
in 3 e iten wüber Stjrannei BiouffeauS 3J?enfd)enred)te immer wieber 
beroorgebolt unb gelefen werben. Biebner gebt nun jur päbagogi* 
fcben S3efpred)ung beS @mil Aber. ®r djarafterifirt genau baS Btatur« 
!inb @mil auf ben oerfdjiebenen Stufen bet HuSbilbung unb flid)t 
hierbei bie pfpdjologifdjen unb metbobifcben ®cban!en BiouffeauS ein. 
Qum ©(bluffe tommt er ju folgenbem ©rgebnifj. 

15er Hauptmangel ift, bafj bem ganzen ®emälbe einer idealen 
(Srjiebung einer ber midjtigften Qiige, ber ffiinflufj eines gefunben 
Familienlebens, »erloren gegangen. (Smil empfinbet nie bie Siebe 
ber Bfiutter, welche ißeftalojji fo rei<b genof? unb als ®runblage 
feiner ^äbagogif nahm, ©obann läfjt SRouffeau baS religiöfc Seben 
»iel ju fpät im Äinbe erwägen unb ftcb entwicfeln, wenngleich er 
auch Blecht l)at, baß bie religiöfen unb ftttlid»en Segriffe »on innen 
heraus ftd» entwicfeln unb aus Grrlebniffen unb Srfabrungen b«r®or* 
geben foBen. Dogmen unb unt>erftänblid)e ©äfce gebären nicht öor 
Äinber. 9ln eblen unb heiligen fßerfonen, bie Qleifd) unb SBIut haben, 
foBen ftch bie religiöfen ®efüf)le entwicfeln. Blouffeau läfjt, ba fein 
©pftem bie aBgemeine ©taatSreligion er^eifdtt, ben Offenbarung«» 
glauben nicht auftreteu. ©eil @mil feinen confeffioneB*fir<blicbcn 
©influfj an fiep erfährt, fo hätte er bas religiöfe Vorleben bes @r« 
jieberS mehr b fVOpr treten laffen foBen. BlonffeauS religiöfe @r« 
jiehungsibee ift falt, gefiihBoS, f(bemenhaft, weil er ein Seben nicht 


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bdm Zögling oorleben tonnte, ©eine Ef)arafterbilbung ift bei Emil 
nach ber inteUectuellen ©eite mcl)r jum Durchbrud) getommen, al« 
na<^ ber beS ©efühlS. Emil foD ein SDtann »erben, ber nuf fid) 
felbft rut)t unb auSfchliefjlich nad) perjönlidier Einftcht (»anbelt. 
fRouffeau fidjert bem tinbe eine faft unbefdjränfte Freiheit unb Un* 
abhängigfeit, »äfjrenb biefeS fid) unter einer einfichtsttollen ftrengen 
Seitung wahrhaft glüdlid) fühlt; aus $afj gegen jebe ©erfrühung unb 
3 »ang oerfäumt er oft bie rechte $eit im Semen unb geregelten 
Arbeiten unb fpielt mit bem Pflichtgefühle ©erftecfen. Das unbeftreit» 
bare ©erbienft ber fRouffeau’fdjen fßäbagogif liegt barin, bafj er für 
bie förderliche Erstehung in richtiger Seife eintritt, bie pflege ben 
Ammen, ffiärterinnen unb ÜRüttern ans |>erj legt, gegen bie Uw 
fetten ber erften Erziehung bnergifdj ju gelbe jieht, ba| er gegen 
bas unoerftanbene Ph rn f ent hum unb hohle fRäfonniren, gegen ben 
SDlechaniSmuS unb bie Äopflofigfeit im Unterricht, gegen baS geringe 
dfhdjologifche unb päbagogifche ©erftänbnifj feiner $eit eifert. 3111« 
gemeine Entfaltung ber Anlagen unb inbimbueüe ©ehanblung, in« 
tellectueHe ©ilbung auf ®runb ber ©innenbilbung unb Anfchauung, 
bie hohe ©ebeutung beS Spiels unb ber SeibeSübungen, ber Unter« 
rid)t burch Dhatfadhen unb burd) bie lebenbige DarfteHung beS 
SehrerS, bie Harmonie jmifdjen ©innen», Begriffs» unb gbeen* 
bilbung burch genetif^c Stiethobe cinerfeits unb bitrd) bie fßoftulate 
beS praftifchen Sehens anbrerfeits — bas bilbet fRouffeauS unbe» 
ftreitbareS ©erbienft. — 

3um ©chluffe gab fRebner eine ©efammtbeurtheilung beS 
IRanneS unb fennjeichnetc feine Doppelnatur im Seben unb Sirfen 
unb feine Einheit auf bem ©oben beS §er^enS. fRouffeau hat für 
fein ©olf unb feine $eit tro$ aller Anfechtungen unb ©crirrungen, 
mitgeholfen, baS gbeal beS |)erjenS ju retten. 


gür ben jweiten ©ortrag, ber am 21. Januar 1883, ©or* 
mittags 11 Uhr ftattfanb, war ber Sehrfaal ber fßoltjtcchnifchen 
©efeHfdjaft gewählt worben; Dr. Sil he Im gorban fprach über 
„Die Allegorien bei Dante". 

Der fRebner trug junächft in poetifdjer fRachbilbnng ben erften 
®efang oor, weldjer bie Einleitung jum ganjen ©ebicht bilbet. Er 


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37 


machte barauf aufmerffam, baff beim Ätt^ören fein richtiges ©et» 
ftänbnifj be« ^n^alteS gu erlangen fei, wenn and) ber Wohllaut 
ber Sprache unb bie @d)önheit ber ©über ben $örer feffele. Die 
in ber Dichtung enthaltenen Bflcgorieen liefern ftcf) nämlich nid)t 
fofort ungweifelfeaft al« folche beuten, mährenb g. ©. ein ©äthfel 
nur eine beftimmte Söfung gulaffe unb bie ©ötterfagen entweber 
naturgefdhidhtlidhe ©orgänge ausbrücftcn (wie bie ©age ber Demeter 
unb ^ßerfephone bie ©inlegung be« ©amen« in ben ©oben) ober 
fittliche Wahrheiten, gu bcren Prüfung bie Originalwahrheit her««' 
gegogen werben föttnc. $n ber Oreftie werbe bie Äbfchaffung ber 
Slutradje unb bic ®infe$ung ber gerechten ©trafgewalt be« ©taate« 
fombolifirt. Dafe bagegen hinter Dante’« ©ilbern bic Slnfcfeauungen 
unb ©egegniffc eine« ßingelnen gu fudjen feien, barüber laffe ber 
dichter felbft feinen Zweifel. ^ebenfalls bleibe bie« ba« Sfunftwibrige 
folcher Megoriecn, bafe eine geh eintreten rnüffe, wo nur noch bie 
literarifdben Äenntniffe eine« ©eiehrten ihr mpthologifche« Dunfcl 
aufjuheDen unb ihre, ©ebeutung wahrscheinlich gu machen im ©tanbe 
feien. 

Der ©ortragenbe ffiggirte nun bie beiben $auptarten, bie Äße* 
gorieen gu erflären. Die eine ift bie pfpchologifdje, bie anbere bie 
biographif<h*politifchc. Der finftere Walb, in bem fid> ber Dichter 
um be« Sehen« 3Kitte oerirrt, bebeutet nadh einem Dheil ber 8t« 
Barer jenen ^uftanb ber ©emüth«» unb ®eifte«ocrwirrung, in welchen 
un« bie Seibenfdjaften gu ftürgen pflegen. 9?cin, fagen Änbere, er 
bebeutet ben gvofeen Raufen ber Utiwiffenben unb ©ottlofen, ber 
gleichfam Wurgel gefd)Iagen auf bem Wege bc« Unrecht«. Da« 
$h«I, welche« ba« £>erg mit ffrurcfet peinigt, fei bic 3eitli<h*eit, ftnn« 
li^e unb weltliche ©eftnnung. Der ftreube erwedenbe |)ügel, ber 
ts begrengt, befd)ienen oon bemjenigen fßlaneten, welcher ^cben bie 
Sahn be« rechten Wege« führt (b. h- ber ©onne ber Wahrheit, 
benn bamal« galt bic ©onne noch für einen Planeten), fei ba« 
Sinnbilb ber 8rhebung gu ©ott. Der Panther mit bem bunt» 
gefledten ged, welcher ben Weg »erlegt gum ©ipfel be« fpügcl«, 
>uirb gtemlid) übereinftimntenb gebeutet al« bic ©innenluft, beten 
ffiiebererwachen ben guten ©eftrebungeit entgegenwirfc unb ben 
ÜRenfcfeen wicber herabtreibe in $rrthum unb ©ünbe; bie ©egiehung 


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38 


Zwifcßen ®ilb uttb ©inn wäre bann jebenfaüs eine ziemlich fern« 
liegenbe unb gefugte, benn bie Slugenluft an ber pbfdjen 3 e M)* 
nung beS ißantßerS würben bod) anbere liiere, namentlich fcßön 
gefieberte Sögel, in tjö^erem ©rabe gewähren, am beften aber wäre 
bafür ein reizenbes üppiges ©eib gewählt worben. Der Söwe fei 
ber @f)rgeij, ber im reiferen ÜJianneSalter bie flnnlicf>e Seibenfdjaft 
ablöfe, nach anbern bie 'üJJadjt ber irbifdjen ©ewalt; bie ©ölftn 
enblid) bie ©ier nad) irbifcfjen Schäden, bie im Sflter tcorherrfchenbe 
f)abfucf)t. 3*1^1* macht fid) aber bie ©timme ber Vernunft 
geltenb, um bas ffiefen ber Dinge, ben richtigen ©eg jur ©otteS« 
erfenntniß z u jeigen. Sebiglid) baS ©pmbot biefer Sernunft fei 
Sirgil als ^difjrer ju berjenigen ©eisßeit, bie bamals für bie größte 
galt, unb ju fcpöpfen ift aus bem ©cfjidfal bes ÜRenfchctt nad) bem 
Dobe. ?US Safjnbredjer baju be^eictjnct ju werben, ßat fid) Sirgil 
baS SRedjt erworben, inbent er in ber 9leneibe feinen gelben eben« 
falls in bie Unterwelt führt unb bort weifen IRatf) empfangen laßt 
für bie ©runblegung jur einftigen ÜRacßt beS römifdjen {Reiches. 

SlUeS bies laffe ftd) hören, aber fönne unfere Ueberjeugung 
nicf)t gewinnen. Die po!itifd)«biograpl)ifcße Auslegung, am fcßärf* 
ften burcßgefiißrt non IRofetti, ßabe ben großen 33orzug, baß fte 
ißre 9luffd)lüffe gerabe mit bem Silbe beginne, weldjcm bie pfpd)o« 
Iogifdje Grflävung feinen ©inn abzugewinnen im ©tanbe ift, mit 
bem bes ffiinbßunbcs. Der ©inbßunb, weiter ber ©ölftn ein 
@nbe machen folt, fei jener ßangranbe bella ©cala, an beffen $ofe 
Dante Zuflucht fanb ; baS ,§aupt ber gf)ibellinifd)en ©egner beS 
päpftlicßen {Roms. Die Sebeutung bcS Kantens (fpunb) ßabe tjier 
bie ffiaßl beS SilbeS bcftimmt. Daburd) werbe es feßr waßrfcßein« 
lid), baß bie ©ölfin bie politifdje ÜJiacßt bebeute, eben baS papft* 
liehe {Rom mit feiner weltlichen fjerrfcßgier. Slußer auf bie ©age 
v»on {RomuIuS fjabe fie nod) bie {Beziehung auf bie „welfifdje" 
Partei. Der ^Santßer, ben Dante’S Seljrer Srunetto üKartini in 
feinem Dcforo als fdjwarjweißgefledt bezeichnet, fei bas ©innbilb 
ber ©tabt Florenz, bie bamals in bie Parteien ber ©eißen unb 
Schwarzen getbeilt war. Da ber Dichter fpätcr ber Ernennung 
Zum 2fmt beS ißriore fein ganzes Unglüd zufcßrieb, fo fönne er bie 
{ßarteileibenfdiaft gemeint haben, wenn er ben ißanther als |>inber« 


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41 


fto. 

1046. 2B. ©d)ra fc in SWüncben, 5 ©rodj.: 

a) Ucber Sflegenöburgifc^e ÜRünglunbe; 

b) $)ie (£onoention$müngen ber $ergöge oon Söaiern unb SBifdjöie oon 
SRegeitSburg; 

c) 9?umi$matifcber 2lngeiger 1879; 

d) 2)er 9Rüngfunb oon üfteunftetten; 

e) 2leltefte ÜJfünggeftbicbte töegenSburg’S. 

1053. 2ocab(£omit6 ber $)eutfd)en Bntbropologifcben gabreS-SSerfammlung (brei= 
gebnte) gu granffurt a. 311.: söerid^t. SBibmung für bie 9flitglieber berfelben, 
1882. 

1056. Äarl Sfterfer in Augsburg: 3abre$beri(bt be« herein« für ColfS* 
ergiebung in 2lug«burg, 1881/82. 

34. 3uliu« SB. ©raun in ©erlin • ^radjtbanb feine« SBerfe« „®oetbe im 
Urteile feiner 3eitgenoffen". 

42. Dr. Sftenarb in 3Ro£fau: Bulletin No. 1 de 1& societö imperiale des 
naturalistes. 

81. @mil 3)u ©oi$*$Rebmonb in Berlin: „(Hoetbe unb fein ®nbe." 
„2)ie ®bli$." 

82. ©aron gerbinanb oon 9Mlter, Melbourne: ©rodj. „A lecture 
on the flora of Australia 4 . 

121. Dr. 2Bm. Äob eit in ©<btoanbeim a. üft.: 1 ©rod). „üflolluSfen* 
geograpbif<be8 oom üflittelmeer." 

162. ®. ©ürflein, #auptmann unb (£ompagnie-(£bef xm Äönigl. ©aierifdjett 
gnfanterie-Blegiment „tonpriitg", München: „©efdfreibung be$ frangöfifdjen 
gelbguge« 1870/71 (Orleans)." 

167. S&tojor oon *ßfifter in 2)armftabt: ©roeb- „2)eutfcbe$ 2Bort — ©olfe« 

f ort". 

. 21. ©rocfb au * in JOet^gig: 3io. 1—12 „2lngeiger für Äunbe ber 
beutf<ben 33orgeit" r Organ be$ ©ermanifdjen 2ftufeum« in Nürnberg. 

172. 2eopolb oon ©ord) in gmtSbrucf: 

a) ®efd)i(bte be$ taiferli^en Äangler« Äonrab, ©ifdjof oon £ilbe$beim 
unb oon Siirgburg. 

173. b) Qur $Re<bt«gefdjicbte be« Üflittelalter«. 

184. Dr. 3ol)anne$ fftanfe in 2Jiüncben: ©rod). „2)ie breigebnte allgemeine 
©erfammlung beutfc^er 2lntbropologen *c. gu granffurt a. 9R. oom 
14.-17. 2lugufl 1882." 

188. ©endenbergifebe naturforf d)enbe ©efellfdjaftin granffurt a.9R.: 
3abre«beri<bt 1881/82. 

189. grieb. Robert föabefcfij, Äaiferlid) föuffifdfev #ofvatb in fftiga: 

„©enebict", ©cbaufpiel in 5 2lufgügen. 

221. Dr. 2lbolf ©robbe cf in (Stuttgart: 

a) (Anleitung in bie ^bilofopbie mit 3ngrunbelegung oon ©cbleiermacber’S 
3)ialeftif. 

b) 3 c i tta f eJn ^figgen 3 nr (Sefdjicbte ber 2fluftf. 

232. ©mitbfonian 3nfit tu t, 2Bafbington: History of the Smithsonian 
Exchanges. 

243. SB. ©raumüller unb ©obn in SBien: günfte Lieferung l&oetbe* 
©ilbniffe oon Dr. Sftollett in ©aben bei Söten (©cblufj). 

262. ©mitbfonian Snflitut, Söafbington: 

a) Publieations of the Bureau of Ethnology. 

263. b) Geographical Surveys West of 100 th Meridian. 

264. c) Monographs of the United States Geological Surveys. 


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42 


9ta 3eitfdjriften unb £ieferung3raerfen, welche faufenb eingeben, fltib unter 
befiem Tarife gu ermähnen: 

s $rof. $ürferner: „Ueber ?anb unb Meer." 

#erm. ©olbamer in Berlin: „2)a$ ©utb oom Äinbe." 

®. 21. ©eemann in Seibgig: „©ilbenbe Äunft." 

©ujt. Seife in ©tuttgart: „Dr. Reubert’S ©artenmagagin." 

Dr. Robert Seber, ©afel: „fteloetia." 

©uftao $empeI, ©erlin: ,,©oetbe*©riefe." 

Dr. Reuntaber, Hamburg: „£)eutfcbe ©eetoarte." 

Dr. @. SucaS, Reutlingen: „<Pomologifcbe Monatshefte." 

Rid^arb Keffer, Seidig: „Seltboft." 

Dr. gr. ©efc in ^eilbronn: „Memorabilien" unb ber „grrenfreunb". 

Dr. g. (£. Roll fyier: „2)er goologifdje ©arten." 

Dr. griebr. 3amte, ^rofeffor, Seipgig: „SitterarifcbeS ttentralblatt" 

Dr. med. (£. Reclam, ^rofeffor, Setygig, „©efunbbeit." 

M. ©ebtoarg, Sien: „Oeflerreitbif^er Defonomift." 

M. oon greeben, ©onn: „$anfa." 

©reSlauer, ^rofeffor, ©erlin: „2)er Slaoierlebrer." 

3of. ©aer & (£ 0 . b*e*, $b- ©öltfer’fcbe ©udjbanblung ^ier 
Bibert ©obn in ©erlin fenbeten regelmäßig ihre Äataloge. 

©rnft $eil, Seibgig: „2>ie ©artenlaube" s 

2oui$ oon ©etar, ©erlin: „!£beatergeitung." 

?. gränfei, ©erlin: „©ttbnen*Moniteur." 
grtebricb ©tolfce, hier: „granffarter Katern." 

Bnton ©ing, hier: „Socben-Runbfcbau." 

Dr. Subto. fioltbof, hier: „kleine (S^ronif.^ 
granffurter 3 e ^ug. 
granffurter Journal unb treffe, 
granffurter ©eobadjter. 

©eneral*Bngeiger. 

©örfen* unb ftanbelSgeitung. 

Deffentlitbe* ©örfen*(Eour3blatt beS Secbfelmafler*©bnbifatS, bicr 
©ertrage jur 3abnbeilfunbe in engtif^er, italienifct»er, fran*öftfd)er unb bentfAer 
'Spraye non oerfdjtebenen Serjafferu. 


© i t t e. 

®te neee$i*en ©enoffen, toelt^e f($riftffeUetifc5 tbätm ffnb, 
toerten btingenb etfudit, t»on i&ten «eröffent«d>ungen ©remWate 
«# W* mOfetti bcö ©oet^anfeS gelangen *n raffen. 

lertdjttgungra ju irer lebten liefmmg its galjrgangt» 1881/82* 

- ®\ Zt}. Seite 7 oon oben ifl als SintragfteHer niefft Dr. »ir, fonbern 

©eneralbireftor ©ogtberr gu begegnen. k 

(Sbenbaf., 3- 7 o. unten ifl unter ben Mitgliebern be$ au$ 12 Mitaliebern 
beffeffenben Su8f^uffe8 jur Vorbereitung ber afabemifäen X^ötigfeit irrt|ömti* 
®el>. $ofratf) Dr. SB eher ftatt ©irelfor ^eefft angeführt. ’ ^ 

3» ben eingelaufenen ©efaenten (6. 346 ff.) ifl nadjjutrageu unter SKo. 167 » 
$atl ffingel in 2>re8ben: „2>a8 ©olföftbaufpiet Dr. Johann 5auji. M 


$nttf oon & 9teU, Orautfurt a. 2«. 


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39 


nifj bejeidhne; baS wäre ein ©eftänbnifj, baff bamalS fein «Streben 
nad) Dugenb unb 2Bat)rt)eit nodj oermifcht gemefen fei mit Dräu* 
men politifdhen ffiijrgeijeä. Der Söme bebeute baS franjöfifche 
Königshaus, baS einen Sömen im ©appen führte. Den rechten ©eg 
jeige Dante, Stubium unb ißoefie in ber ©eftalt feines ÜRufter* 
bidjterS Sirgil. Sefcterer tjabe aber noch eine befonbere Sebeutung: 
in ber Sleneis befingt er ben Urfprung )RomS unb ocr herrlicht in 
ber g'orm ber ©eifjagung bie ©rünbitng bes ÄaiferttjumS burch 
Saefar unb 'äuguftuS. Sluch Dante betrachtete baS beutfdje Kaifer* 
ttjunt als gortfefcung beS römifdjcn. So werbe itjm Sirgil zugleich 
jum Vertreter ber politifdjen ^bcen, meiere er ausführlich in feinem 
Such« L*e Monarchia befannt t)atte, jurn oordjriftlidjen Söerfünber 
ber g^ibettinifdjen Staatsanficf)t. Sein Uebertritt oon ben ©elfen 
ju ben ®t)ibeilinen märe bcS^alb bargefteßt als Ütcttung aus bem 
©alb beS QrrthumS auf ben ©cg ber richtigen ©rfenntnife, junächft 
ber politifdjen, bann ber religiöfen; jum magren £>eil, bas bem 
hetbuifchen Dieter oerfdjloffen blieb, weife eine anbere gührerin ben 
©eg: Scatrif. 

Der SSortragenbe felbft ift geneigt, neben biefer ©rflärungS* 
weife auch bie p|t)d)ologifd)e gelten ju laffen. 3llS. blofje fj>ierogIt)phe 
werbe ein echter Didjter nicht leidjt ein Silb tjinfteflen, er mache 
fi<h baburd) eines argen poctifdjen ffetjlerS fctjulbig, unb einen feljr 
ferneren geiler biefer 9lrt Ijabe Dante wirflid) begangen, ba er ben 
©inbtiunb nicht wirflid) als J£)ier, fonbern gleid)fam als einen oer* 
fleibeten SJenfchen auftreten laffe. ©ie er ftd) aus bem politifdjen 
Parteifampf, aus Seibenjdjaften unb geljlcrn emporgearbeitet f)abe 
jur richtigen 3lrt ber poetifd)en Setrad)tung, jeige u. Ä. ber Sin* 
fang beS britten ©efangeS, ben ber Sortragenbe nebft einigen anbe* 
ren Stellen gleichfalls rccitirte. Dante wolle barin jeigen, ba§ baS 
Söfe nothwenbig fei, bajj baS ^ödfjfte errungen werbe burch ben 
Kampf mit ben böfen Seibenfchaften, unb bajj bie Sd)ulb ihre 
Strafe, treue Pflichterfüllung ihren Sohn unmittelbar mit fich führe. 
Der SRebner wies bieS an oerfchiebcnen Kategorieen ber Serbammten 
fchlagenb nad). Die ganje „Komödie" fei bentnad) eine Allegorie; 
Wer fich oon ber Stnfdjaulichfeit ber Silber oerführen liejje, baS ju 
oergeffen, würbe bie Dichtung gänzlich mifjoerftehen. Der Dieter 


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40 


fei weit entfernt, uns an eine wirflidje Säuberung glauben machen 
$u wollen. (Sr fcf)ilbere bie £)öfle unb tyre Sewofjner mit arctjitef« 
4onifdjer, plaftifd)er unb malerifcfier ©enauigfeit; bennod) faBe es 
itjm ebenfowenig ein, felbft an baS SJorbanbenfein einer foldjen 
flöße im $nnern ber @vbe unb bie BJtartcr ber SSerftorbenen ju 
glauben, als uns ju biefem ©tauben Überreben ju moBen. Stein, 
baS Urbilb, weldjeS er atlegorifd) jeidjne, fei nichts anbereS als bas 
2Wcnfd)enIeben felbft, unb bie Qualen ber SSerbamntten feien immer 
nur ber fpmbolifdje unb nteift munberbar gut paffenbe ÄuSbrucE für 
baS ©cfüljl bes eigenen Unwertes, ©elbftoorwürfe unb ©ewiffens* 
biffe, @elbftüerad)tung unb @d)merj barüber, nid)t anberS als gerabe 
fo fein p fönnen, womit fid) jebc Strt oon @d)led)tigfeit natur* 
gemäfj oerbinbet. 

'Der Btebner fdjilberte jum ©djlujj bie „göttliche Äomöbie" in 
folgenber Seife: „@ie wirft auf bie Slnfdjauung wie tlrdjiteftur, 
^ßlaftif unb 'Dtalerei; fie fäflt fünftlerifd) erfreuenb ins Df)r unb 
wirft wotjllautenb wie SOiuftf tro| ber öerwicfelten Shmftform; fie 
erweift fid) rättjfeltjaft in ber Söfung ifjver Slflegorieen wie bie Btunen* 
lieber, als bereits burcfybämmert oon bem nod) fetjr fernen BJtorgen* 
rotb ber Humanität, als gebanfenreidj unb geifteStief wie bie f^tto* 
foppte ©pinop’S. @te bilbet fo ein trefflid)eS Seifpiel bcffen, was 
aBe edjte *ßoefie fein mu§: eine Dreieinigfeit ans bilbenber Äunft, 
SDtufif unb Seist)eit." 


m IV. ©tttfenbtingc«. 

966. ßarl (Sffelborn in 2)armflabt: £rauertyiel „$a$brubal$ 2öeib\ 

971. San ten 2>oornfaat Äoolmann in korben: „Sörterbudj ber ©ft* 
friefifdjen 8pradje." 

975. ®ebr. Henninge r, $eilbronn: „g-ranffurter ©ele^rte 9ta$eigen oom 
3al)re 1772" erfte ©älfte. 

985. Dr. ©. 21. ©aal fei b, $otgminben: ©rod). „Italograeca." 

995. (£. ©iloio Äöljler in 2U$leben: 

©rod). „Unalecta für ©djule unb 2eben." 

„ „$>a$ ^erleben im ©pridjroort ber ©rieten unb Bühner." 

1007. (El). ©etjbemüller, hier: „£)ie SSlänbifdjen ©riefe." 

1009. Prof. Dr. Silbranb in (Stegen: „2)aS Söefen beS SHenfdjen oom 
geri<fytlidj*mebicinifdjen ©tanbpunfte auS." 

1017. BL oon ftofSdjeroro, Petersburg: 2(d)ter ©attb „SWaterialien $ur 
Sftineralogie Bhiglanb’S." 

1020. $)ora $>'Sftria, gfloveng: „La Pace e la CiviltA.“ 


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ßtzxttylt 

be« 

freien Jbnlsdjptt Ifntjfsltljtas 

für 

Piffen fünften, #ünftt unb allgemein« gtlbung 
in {<■etifyt’s ^aterßanfe jit ^ranftfnd a. 3&. 

l)erou$gegeben 

im 3luftrap itx Uttmaltimg. 

_ ©irf* titri&U frfrbftnfiT ht nwmgiofnt _ 

Jtatjrgang 1882/83* «ufmmaen ffir t>te Ättft»gfnofTen £tcftrung 2« 

mt* für btfrtnvtitU «reif«. 

3«9*ft: I. ©efdjäftlidjer ©erfe&r. 'JJerfonalien. ®. 43. — n. Oeffentlidje Sifcunaen. 'S. 44. — 
©ebädjtnifcrebe auf SBotfgang Maximilian bon ©oetlje S. 46. — lieber baS ©ol!S* 
fdjautyiel Dr. RoI)ann »$aiift S. 49. — DI. ©orträge unb ©orlefungen: „2)ie ©er* 
erbang fotoofjl ber Wriperlidjen feie ber geiftigen ©igenfdjaften" S. 74. — „$)ie 
©Ijaraftere be£ Springen $on ©artoS unb beS ßönigS ©fjilipi) II. bei ben fpanifdjen 
Dramatifern au« ber Ilafftfdben Reit ber tyanifd)en 'poefle.“ @. 79. — „3)ie beutfdjen 
Monatsnamen.“ ©. 80. — IV. ©infenbungen. 

I. ©efdififtfidjer ©erfehr. ^erfonttfien. 

5BJcitjrenb ber üJionate gebruar, ÜRärj unb Slpril b. mürben 
8 33ermaltnngsfi|)ungen abgehalten, unb groar am 15., 19., unb 
26. Februar, 12. 3Mrj$, fomie am 2., 9., 16. unb 13. Slpril. ®er 
SUabemifche 33orbereitnngs »SlnSfchlufj trat einmal, am 8. Februar, 
jufammen. Sin ©ingängen ftnb naef) bem Jagebuch bes ©chriftführer» 
amteS 376 Hummern p »erjeidinen, benen 389 Slnsgängc gegen* 
überftefien. Slufgenommen mürben 3 neue ©enoffen, auSgefchieben 
ftnb fünf Seitherige ÜRitglieber; ber Job entriß uns 5 ©enoffen: 

grau $clenc Seoiffenr, geborne üflofenthal, geftorben 
5. gebruar, Gaffel. 

fßrofeffor Dr. ©ajetan non toffomicj, geftorben 8. Februar, 
@t. Petersburg. 

Dr. phil. 31. g. SB. tleinforge, geftorben 12. gebruar, 
©tettin. 

iRicharb SBagner, geftorben 13. gebruar, Sßenebig. 

taufmann ©alamo @ad)S, geftorben 8. SOSärj, hier- 



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44 


Ant 28., 29., 30. unb 31. 3Jiätj fanb tjierfelbft bet dritte 
beutfd}e®eographentag ftatt. Den Dfyeilnefymern an bemfelben 
war P ben iRäumlichteiten beS ©oetheßuufes geftattet: 

in bent SifcungSfaale befanb fid) wäßrenb biefer geit «ine reich* 
faltige Sammlung oon £>ochgebirgS*Anfichten, Photographin nad) 
bet 9?atur non unferm StiftSgenoffen $. 93e<f in Strasburg auf* 
genommen, bie le$terer mit freunblidjer SBereitwiUigJeit pt Aus* 
ftetlung gefanbt hatte. 

Am 6. April oeranftaltete ber ^teftge Sünftleroerein im Sßerein 
mit bem 33orftanbe beS Stäbet’fchen ÄunftinftituteS in ben SRäum* 
lidffeiten beS lefctern eine 9t afael*geier, bei welker unfere 
Stiftung burdj eine Anjahl öon ©enoffen oertreten war. 


II. Deffentlidje St^nngcn. 

Die oierte öffentliche Sifcung fanb am 18. $ebr. 1883 
im ©oetheßaufe ftatt. 9la<h ©rlebigung ber wenigen öorliegeitben 
gefdfüftlichen Angelegenheiten machte ber 23orft|enbe, .fjerr Stabt* 
archtoar Dr. ©rotefenb, bie erfdjienenen ©enoffen auf baS im 
SifpngSfaale aufgeftetlte SDtobeÜ p einer überlebensgroßen $or* 
traitbüfte unfereS oerftorbenen ©enoffen unb ©hrenmitgliebeö, beS 
oerbienten gorfcherS unb DidjterS g-ranj oon ®obell aufmerf* 
fam, bas SBilbßauer $. ©dreier in Sftündjen pr AuSfteüung im 
Greife ber ©enoffen eingefanbt hatte. 

$err Dr. 2. $ olthof ergriff fobann baS SBort, um in einem 
Nachrufe ber Dobten p gebenlen, beren Eingang bie ©enoffenfd)aft 
feit ber lebten ^ufammenlunft p beflagen hatte. |>anb beS 
DobeS hat in ber jüngftoergangenen geit fd)Wer auf uns gelaftet 
unb Flamen gewichtigen Klanges als Opfer geforbert. Die f>in* 
gefd)iebenen gehörten fämmtlich p ben @h renm itgliebern unferer 
Stiftung unb hatten bas miteinanber gemein, baß fte auf ein langes, 
in fegenSreidjer Sßirffamfeit «erbrachtes Sehen prüdbliden tonnten: 
fie ftanben alle an ber Schwelle beS ©reifenalterS ober hatten biefe 


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45 


iiberfcbritten. Jn iBraunfcbmcig ftarb am 20. Januar b. J. int 
2(Itet Don faft 81 Jabren ber als Silbijauet unb SBilbgiejjer be* 
lannte ißrofeffor ©eorg |)oroalb, bet als ödster Sobn beS 3Sol!eS 
ficb Dom £>anbmer!er gum Äünftler emporarbeitete unb gasreiche 
SBerfe bleibenben ffiertfjeS geraffen Ijat. 2lm gleichen -tage Der* 
fd)ieb in Seipgig ©oetbe’S @n!el, üWajimtlian, einer ber le|ten 
Präger beS großen Samens, beffen iRuljm Don ber Stätte ausging, 
an ber mir uns gu oerfammeln pflegen. ®cr 30. Januar braute 
uns bie tunbe oon bem am gleichen Stage erfolgten Ableben beS 
biefigen erften StabtbibliotljefavS, Dr. Stb- § a u e i f e n. SJtur menige 
ber Änmefenben burften nicht aus petfönlicbem SBerte^r ben Pflicht* 
getreuen Beamten gefannt buben, ber 50 DoHe Jahre auf feinem 
Soften aus^arrte unb am Stage nach feiner Jubelfeier ficb auf baS 
ÄranJenlager legte, um nidtjt mefyr Don bemfelben aufpfteljen. 2lm 
2. Jebruar ftarb ^ierfelbft Jrau ÜJtarie S3elli*©ontarb, Diel* 
leicht bie Se|te beS je|t lebenben ®efc^led)teS, beren SebenSerinnerun* 
gen bis auf bie Stage priietgingen, ba bie Jvau SJtatb noch im 
©oet^e^aufe fdjaltete unb maltete. Stie Sßerftorbene tjat eine giem* 
lieb umfangreiche fcbriftfteüerifcbe Stbätigfeit entfaltet unb ftd) Diel* 
facb um bie ®oetbe*Jorf<bung Derbient gemalt; fünfter b at ftc 
als eine feiner eifrigften ^Mitarbeiterinnen begegnet. Jn Stettin 
Derfcbieb am 12. besfelbcn üJtonatS Dr. H. J. SB. £leinforge, 
Seiter ber bortigen Jriebri<h*2Bilbelm*Scbule, gleich $aueifen baS 
üJJufterbilb eines befdjeibenen beutfd^en ©elcbrten, beffen bö'hft^ 
SebenSgiel getreue Pflichterfüllung ift. SDaS Sfnbenlen beS S5Dat)in* 
gegangenen lebt fort in einer Stiftung, p ber er felbft ben ©runb 
bur<b eine ihm am ©btentage feines fünfunbgmangigjäbrigen SDirector* 
Jubiläums überreichte Sdjenfung gelegt ^at. Mocb fteben mir unter 
bem ©inbrude ber Strauerfunbe, bie ihren Macbbuö meit übet bie 
©rengen jDeutfdjlanbS gefunben b at * ber $unbe Don bem Ableben 
iRicharb SBagnerS, beS am 13. Jebruar in Sßenebig Derfchiebe* 
nen genialen StonmeifterS. Jn ungemöbnlidbcr Söeife gefeiert unb 
angefeinbet, foHtc er !urg Dor feinem Sebensenbe noch bie ©enug* 
tbuung erleben, bah Jreunbe unb Jeinbe fich in ber Slnerlennung 
feiner mirfli<ben ©rohe vereinigten. Unfere Stiftung b<*t jebenfaKs 
feiten einen tarnen in bas Sßergeicbnih ibver Slngebörigen ein* 


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46 


getragen, ber gleich bem feintgen für afle 3eit 3« ben glang* 
»oflften unferes Solfes gegäßlt werben wirb. 

$Rad)betn bie Mnwefenben ftcß, um bas Slnbenfen ber 95er* 
ftorbenen gu eßren, non ifjren ©ifcen erhoben Ratten, erteilte ber 
SBorftfcenbe f> errn ^ermann Runter bas ffiort gum Sortrage 
einer ©ebädjtnißrebe auf ©offgang ßRafimilian non 
©oetße, ben jüngftoerftorbencn ©nfel unferes großen SMcßterS. 

9fm 21. Januar biefeS QaßreS — fo begann ber Ütebner — 
brauten bte SBIätter bte Stadiridjt non bem am 20. gu Setpgig er* 
folgten fptitfdjciben beS Dr. ©offgang SOtafimilian non ©oetße, beS 
jüngften ©nfels ©oetfje’S. 2lnßer ber Jfjatfadje, er fjabe fid) in 
ber biplomatifdjen Saufbafjn oerfudjt, wußte man SRicßtS über feine 
Jßätigfeit angufüßren, unb bod) war er ein bebeutenber fDtenfd), ein 
bic^terifd^er ©eift, würbig beS großen Samens, ben er trug, ©enn 
feine ©erfe weniger befannt geblieben ftnb, fo ift baran ein Heber» 
maß non Sefdjeibenfjeit fd)ulb gewefen, weldjeS ißn fjinberte, fo mit 
benfelben ßernorjutreten, wie biefelben es nerbienten. Qfßm, felbft 
ein ©lern, ftanb eben bas £icf)t beS größeren entgegen; beS ©roß* 
naterS 9tnf unb Stame ßemmten bie ©cßaffensfraft beS Ijocßbegabten 
©nfels. @o fam es, baß fein Job fo wenig Sluffeßen machte — 
tennen bod) bie ©enigften feine ©erfe. 

®er SRcbner f)ieft es für eine ßeilige ^ßffid)t unferer Stiftung, 
bem Sfnbenfen beS ®af)ingefd)iebenen gcredjt gu werben unb feiner 
Segaftong bie gebüßrenbe Sfnerfennung gu goßen. 

9tuS ber ©figge beS SebenS* unb geiftigen ©ntwidlungSgangeS 
2Raj ©olfgangS, weldje nun gunädift gebracht würbe, ßeben wir 
ßernor bie ©tubienjaßre gu Sonn, Qcna unb |)cibefberg, bann bie 
in fester ©tabt erlangte Joftorwürbe burcf) bie ©cßrift »De frag- 
mento Yegoiae«, barauf legte er in feinem breitfjeiligen 93ud)e „Der 
ÜRenfd) unb bie elementarifdje Statur" (1848) als ißßilofopf», Qurift 
unb jDicßtcr gleicßfam fein ©laubenSbefenntniß nieber, weldjeS aud) 
©runbgebanfe ber großen £>icf)tung „©rlinbe" (1851) wirb, ftn 
biefefbe 3 e 't faßt bie Verausgabe einer ©ammlung Ityrifdjet ©e* 
btd^te. ©inen längeren Slufentßalt in ^tafien benufcte ÜRaj ©olf* 
gang gu eingefjenben Oueflenftubien über bas ßumaniftifdje QeiU 
alter. @r burd)forfc£)te bie ©cfjriftfdiäfce ber Äföfter unb ßat, wie 


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47 


und befannt, bas ©rgebnifj biefer mübenoüen aber non Erfolg ge« 
frönten Semübungen georbnet unb in Sucbform gebraut. 

Er ftanb in überaus innigem Serbältnifj gu feinem älteren 
Sruber Saltber Solfgang non ©oetbe, ber ftcfr ber Stuft! gemibmet 
bat unb gu Seipgig unter Seinlig unb Stenbelsfobn, fotoie in 
«Stettin unter Soeme ftubirte. SSiele Sieber beS ©rofjoaterS ftnb 
<harafteriftifcb non ihm in bie fconfpracpe überfe|t, wie benn über» 
haupt norgugSroeife bie ©efangScompofttion non itjm gepflegt mürbe. 
Seibe Srüber bewohnten ben Stanfarbftocf beS ©oetbe’fcben Kaufes 
am grauenplan gu Seimar, in welkem gegenwärtig nur ber ältere 
Enfel Saltber allein noch als lejjter Stbfömmling beS großen ®icb* 
terS lebt. ütebner batte ©elegenbeit im ftabre 1874, als er burdj 
feinen Silbercptlus „aus ©oetbe’S Seben" in Seimar Stubien gu 
machen batte unb bie ©aftfreunbfdbaft ber Enfel ©oetbe’S genofj, bie 
in bn^bb^iiflee ©eife bem Äünftler ihre Schäfte gut Verfügung 
fteüten, bie rübrenbe Zuneigung ber beiben Stüber gu einanber 
mabrgunebmen. Sie fteüten gwei Sbaraftere bar, welche ftcb mer!« 
mürbig gegenfeitig ergängten. ®er ältere Sruber, eine burcbauS 
weiche, ftimmungsnoüe ütatur, fanb in bem beftimmten unb energi» 
fchen Sefen beS jüngeren einen wirffamen görberer feiner Ent* 
fcbliefjungen. Seftterer batte $üge nom ©rofjnater, mehr aber noch 
non ©oetbe'S Sohn Stuguft, er batte febr lebhafte bunfle Singen, 
gebräunten SEeint unb ein ftar! norgefcbobenes Äinn, feine Haltung 
mar gerabe unb aufrecht, wie fte non ©oetbe gerühmt mürbe. Sludh 
in bem älteren Sruber erfennt man in bem Sau beS ©efübteS 
3fige nom ©rofjnater, bie aber bei ihm mehr oerwifdjt erfcheinen; 
er ift Heiner als ber Sruber mar unb hat etwas &ränfli<beS in ber 
Erfdheinung. Seibe gingen in ber pflege beS SlnbenlenS unb ber 
#interlaffenfcbaft beS ©rofjnaterS gang auf, fte oerebren biefe lefttere 
wie ^eiligthümer, unb in ber SEbat ftnb es folche f«herli<h für bie 
bentfdjje Station. 

ütebner ging nun gut eingehenben Setradbtung beS großen ©e* 
bicbtes „Erlinbe" über, non bem er bie für bie Entmidlung beS 
bidjterifcben ©ebanlenS roefentlidhften Steile nortrug. Erlinbe ift bie 
Sertörperung ber Sftaturfcbönbeit. £)ie Stenfcben, in Seife, Strebenbe, 
grrenbe, unb Unlautere eingekeilt, treten in Sechfel« 


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48 


bejieljung jur Statur. 3S5o£)I bem, ber btefe tintig erfennenb unb 
erfaffenb in ftdfj aufnimmt, er wirb glücflidfj werben; berjenige aber, 
ber ftd) i^r unbebaut unb freoentlid) nähert, ober fie gar in Selbft* 
Übergebung bezwingen wiß, ntufj burcf) fie ju ©runbe gelten — baS 
ift ber Stoff, ben ftd) ber ®id)ter jur £)arfteßung gewählt fiat, unb 
eg ift if)tn gelungen, it)n in äd)t ©oetlje’fdjem Sinne ju meifterm 
©ine Üteilje non glucflidj erfunbenen ©eftalten fütpct er in fcenen» 
artiger Stnorbnung bem Sefer oor, fte finb lebengooß, cljarafteriftift 
unb oon größter Vertiefung in ifpr eigenfteä VJefen bargefteßt. Vunte 
frifd^e Sebengbilber unb Situationen werben gefdjilbert unb baS 
Sehen ber oerfd)iebenften Stänbe Oor bag geiftige Singe gefteHt; 
babei finbet ber gefd)ic^tlid)e |)intergvunb, bie 3eit ber Äreujjüge, 
ber (»eiligen ©lifabetf) nnb if»reg ©ematßg bie trefflidjfte Verwerfung. 
Sludfj bem fpumor unb bem Sarfagmug ift ißlafc in ber anjieljen« 
ben ®idjtung eingeräumt, welche burd) ifjre bramatiff e $raft foroolß 
wie auf burf ben bibaftiffen ^nfjalt ben Sefer in Ijcfem ©rabe 
feffelt. 

Das erftc Vlatt beg Vufeg, ju bem tein ©eringerer als 
SDtorifc oon ©fwinb bag üitelfupfer gejeifnet l>at, trägt bie 2öib= 
mung „an ^oljanneg". SEöir glauben nift fef)l ju getjen, wenn 
wir biefe SBibmung fo beuten, bafj SDtaj SBolfgang oon ©oefe 
ber ®otteg»0ffen6arung ^ofjanneg eine Staturoffenbarung in ©ocfe= 
ffem Sinne gegenüber fteßeu woßte. Qn welkem ©rabe fm bieg 
gelang, barüber ift fein Zweifel, wir a ^ er f) a & en Urfad^e, bem £>if= 
ter, weifet fif burf biefeg SBerf an bie Seite feineg großen Vor« 
faljrg gefteßt Ijat, für biefe Vereiterung ber Sf ä$e unferer Site« 
ratur ju banfen unb fein Slnbenfen für aße geit in @f»ren ja 
galten. 

3u biefer ©rinnerunggfeier t»atte |)err Fünfer eine Stugfteßung 
eineg beileg bet feinerjeit in SBeimar angefertigten $eif nungen 
üeranftaltet, barfteflenb: bag Streppenfjaug beg ©oefe’ffen Kaufes 
ju ÜBeimar mit ber Sturora an ber ®ede (oon SQteper), ber ©ruppe 
oon $lbefonfo „Sflaf unb Job" auf ber ©ftrabe, über ber Sfüte 
naf bem großen Saale ber oerlaffene Stupl beg Jupiter, an ^ er 
SBanb ber grofje ißlan oon 3tom. ferner bie Vilbniffe oon ©oetpe’g 
Sopn Sluguft unb beffen ©attin Ottilie geb. oon ißogwiff, bie 


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ißortraits ber (Enfel ©oethe’S aus ber Shtabengeit nach @<hntefler 
unb f>anbfchriften berfelben, Briefe an ben Äünftler. 


Die fünfte, fedjfte unb fiebente öffentliche @i|ung 
fanben am 4., 11. unb 18. äftärj im $örfaale ber ^ßo!t)tech= 
nifdjen ©efeUfc^aft ftatt, unb gwar bie fünfte unb fedjfte als außer* 
orbentlidße. Sitte brei waren auSf<hließlicf) ber ©erathung bes neuen 
©ahungSentwurfeS gemäß ber hierüber ergangenen Verfügung ber 
tonigli<hen ©taatSregierung gewibmet. 35as (Ergebniß war, baß in 
ber ©ifcung oom 18. ÜWärg ber borgelegte (Entwurf enbgiltig mit 
©timmeneinßeUigfeit angenommen würbe. 

Oie ad)te öffentliche ©ifcung würbe am 15. April im 
©oetheßaufe abgehalten, iftach (Erlebigung ber gefchäftlichen ©or* 
lagen gab ber ©orftfcenbe, £>ert fp. Runter, einige (Erläuterungen 
über ben auSgeftetlten ÜJlüngenljumpen aus ber SBertftätte bon Reffen* 
berg & domp. hier- ®erfelbe würbe bom h*eftgen ©erein für ®e* 
f(hi<hte unb Sllterthumsfunbe unferm ©enoffen unb @h re nmitgliebe, 
|>errn ^fuftigrath Dr. (Euler, als (Ehretigefchenf für bie herborragen* 
ben ©erbienfte gewibmet, weldhe legerer ber genannten ©ereinigung 
burch fünfunbgwangigjährige Rührung beS ©orft|es geleiftet. (Er ift 
aus getriebenem ©ilber mit reicher ©ergolbung in ben formen beutfcljer 
tRenaiffance ßergefteltt unb geigt auf feiner Slußenfeite gwifdhen bem 
Ornament in feljr gefälliger 3 u f amtnen fte£lung über 200 ffran!» 
furter ÜJtüngen bon mehr ober minber hiftorifdjer ©ebeutung. Oie 
ältefte ffrantfurter ©olbmünge ift in ben Oecfelfttanf eingelaffen; 
ber über bem (Eharniere angebrachte Slbler trägt in feinem ©chnabel 
an einem ©olbtettdfjen bas Qeton ber ffranffurter ©ant; ber SluS* 
guß wirb in origineller SSeife bon einer Äarpatibengeftalt gebilbet. 

3u bem angefünbigten ©ortrage „Heber bas ©oltsfcßau* 
fpiel Dr. ^oßann ff au ft" ergriff $err Dr. 2. fpolthof baS 
Sßort. 

$n bem (Eingänge gu feinen Ausführungen wies ber ©or* 
tragenbe auf bie auSgebehnte gauft*2iteratur unb bie Stellung hin, 
welche in biefer bie ©eröffentlichungen ber fogenannten „puppen* 
fpiele" einneßmen. ffrüßer fchon, fo u. a. bon ©imrod, fei barauf 


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50 


aufmerlfam gemalt worben, baß ben ^uppenfpielen ein älteres 
©djaufpiel ju Orunbe liege. Ueber lefctereS feien inbeß fjorfcßungen 
!aum angeftettt worben. Um fo mef)t feien wir baher unferm ©e* 
noffen Sari (Engel in Dresben, bem oerbienftootlen Herausgeber 
mehrerer ^ßuppenfpieI*Sßerfionen, ju Dan! »erpftichtet für bie 95er* 
öffentlichung eines DejteS, in bem ftdj unzweifelhaft ber größere 
S^heil beS VolfSfdjaufpieleS, wenn auch tljeils überarbeitet, tljeils »er* 
ftümmelt erhalten habe, freilich rühre auch biefer £ejt »on einem 
fßuppenfpieler her unb fei in feiner Stieberfchrift jungen Datums, 
allein feine ächten Veftanbtßeile feien unfcfjwer ju erfennen, ba fie 
in Ucbereinftimmung mit bem ftünben, was in juoerläfftgen Quellen 
über bas alte ©djaufpiel überliefert worben fei. 

©e»or bieS an ber $anb einer nähern Prüfung bes DefteS 
nachgewiefcn werben fönne, fei es erforberlich, einen ©lief auf ben 
Urfprung ber ^ßuppenfpicte zu werfen unb bas Verljältniß ins Äuge 
}U faffen, in welchem fie ju älteren Vorlagen ftünben. Die berufs* 
mäßig ausgeübte ©chaufpielfunft — fo etwa fuhr ber Stebner fort — 
unb bamit bie Verbreitung fchaufpielerifcher Vorftellungen begann 
mit (Snbe bes fed)Sjehnten unb bem Stnfange beS fiebenjeljnten 
QahrhunbertS in Deutfdjlanb feften guß ju faffen. Dramatifdje 
Spiele waren aüerbingS »orher »ielfach in Uebnng gewefen, allein 
fte hatten ftd) auf mehr ober minber örtlich abgegrenzte Steife be* 
fchränft unb waren ftets nur bei befonberen Veranlaffungen her»or* 
getreten. @d|aufpieI*Vorftellungen als fteljenbe ©itte unb öffentliche 
Vergnügungen bürfen wir »or bem genannten 3 e ityunfte &ei uns 
nicht fueßen. Die erften Verufsfchaufpieler in Deutfchlanb gehörten 
englifchen, »ielleicht auch nieberlänbifchen ©anbertruppen an, jeben» 
falls haben bie 'Jtieberlanbe bei ber Verpflanzung beS berufsmäßigen 
©chaufpiclerftanbeS nach Deutfchlanb eine »ermittelnbe Stolle gefpielt. 
SBie raf(hbasDh ea ter»ergnügenaufbentf(hem Voben beliebt würbe, geht 
wohl aus nichts beutlidjer heroor, als aus bem Umftanbe, baß bie frem* 
ben Darftetler halb gezwungen waren, fi<h bei ihren Äuffüljrungen 
ber beutfehen Sprache zu bebienen unb beutfdje (Elemente unter ftd) 
aufzuneljmen, wobei es ftdj »on felbft »erftanb, baß fie auch Z w 
ffiiebergabe beutfeher Stüde fchritten. Dem frifch aufftrebenben 
3weige ber neuen Sunftthätigleit follte inbeß bie 3eit ftd) nicht als 


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51 


günftig erweifen, bic Sirren nnb ©turnte be« breißigjäljrigen ftrie* 
ge« »erfümmerten bie Änfäfce, bie fidj in Dentfdhlanb jn einer 
üolf«tt)ütnIid)ett bramatifchen Literatur unb einer nationalen ©hau« 
fpielfunft gebilbet Ratten. (Sin oolle« Qahrhunbert mußte vergeben, 
bi« mit bet bramatifchen Siteratnr bie ©djaufpielfunft ihre ffiieber* 
gebürt feiern fonnte, allein wie einer oolfsthümlichen $unft fehlten 
and) je|t einer »olfsthümlidjen Sühne noch bie Sorau«fe|ungen. 
(Sben währenb jener fturmbewegten 3 e tt be« nationalen Ärieg« — 
be« einzigen ber Nationalität, ben ba« ferner ßeimgefucbte 

fianb aufäuweifen hatte — war e«, baß bie Puppenfpiele auffamen 
unb ft<h jur Solf«luftbarfeit entwicfelten. Äuf bie Heine Surrogat» 
Sühne ber Puppenfomöbie ftiid^tete ftd) jefct, wa« ftdj oon ben alten 
Stoffen unb ber alten DarfteüungSWeife erhalten hatte. ®ucß ba« 
Schaufpiel „Dr. Johann ganft* fanb auf ihr eine fpeimftätte, ja 
e« lebte ftd) in ihre SSerßältniffe berart ein, baß e« fidj bi« jum 
heutigen Sage auf ihr p erhalten gewußt ßat, wo fie felbft ben 
Sturm ber 3eit hat iiberbanern fönnen. ©ana gefdjwunben waren 
freilich bie alten Solfäfdjaufpiele nicht, auch nicht ber Dr. fffauft, 
non bem ftch 2(uPh tun 9 en noc h bi« zum $ahre 1770 nachweifen 
laffen, aüein fte führten boch ein fümmerliche« Dafein, fte erljeiter» 
ten webet ba« |>etj ber ÜJienge noch fanben fte Beachtung bei 
benen, bie ^ö^erer Äunftpflege ftch h»ngaben; fte entarteten wie ihre 
ftehenbe luftige ffigur, ber gutherzige Spaßmacher »olföthümlidjen 
Unftriche«, e« bereit« war, in welchem bie ©efittung be« neuen geit« 
alter« nur nodh ben flegelhaften Sölpel erfennen wollte, $n ben 
alten SoIf«fdjaufpieten hatte freilich $an«wurft, bet fpäter felbft 
auf ber Sühne be« Puppentheater« in ber weit weniger urfprüng* 
liehen ©eftalt be« Äafperle fiel) nur Dulbung oerfdjaffen fonnte, 
eine ganz wichtige Nolle gefpielt. ffiö barf un« baljer nicht 
nmnbern, wenn er nn« in feiner unoerfälfhten nrfprünglichen ©e* 
ftalt in bem erhaltenen Sejte be« Solf«fchaufpiel« entgegentritt, unb 
jtoar gleich ' n ben erften ©eenen be« eigentlichen ©chaufpiel«. 

©leich ber ©oethe’fchen Dichtung wirb nämlich ba« alte Sol!«» 
brama mit einem 93otfpiele eingeleitet, nur werben wir in bem 
eigenartigen feenifdjen Prologe nicht wie bei ©oettje in ben $immel, 
fonbetn in bie finftere Negion ber Unterwelt oerfefct. „|>ölle. 


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Schauerliche gfelfen unb |)ö{)Ien. Üfottye feurige Beleuchtung" bas 
ift bie erfte Directioe, bie ber Sdjaufpielbichter für bie Aufführung 
feines ©erleS gibt. 

Qfn ber erften «Scene tritt Sh “ton, ber |)öflettfährmann, 
auf. Sr trägt ein mit magifdjen ©haratteren bejeichneteS Skiffs* 
ruber unter bem Arm. SDiit ftarfer Stimme beginnt er p tlagen, 
bafj St% unb Acheron feine neuen Anfömmlinge mehr fehen. Sr 
befdiwört ben $ößenfürften ^ßluto, ber je|t unter ftarfem Bonner 
in bem geöffneten ^iutergrunbe — im Sßrofpect — auf feurigem 
SThrone ficfjtbar wirb. ^3Iuto hört bie Klagen ©haronS an unb muß 
ben Sifer feines getreuen Wieners loben. Sr fagt feiner Bitte ®e* 
Wahrung p unb fünbet ihm an, baß er halb einen großen üftann 
herüberfahren foße, beffen Seele mehr ffiertt) h a be, als taufenb 
anbere. ÜJiit gewaltiger Stimme ruft Sßluto feinen ^offtaat herbei, 
unb unter Blifc unb Donner erfdjeint eine Btenge höflifdjer (Seiftet 

— fturien, wie es in ber Bühnenfprache ber ^auftfpiele ftets heißt 

— in »ergebener ©eftalt, barunter ÜJZephoftophileS, wie auch h^ 
ber ptünftige Begleiter bes ftauft genannt wirb. Sßluto heißt fein 
©efinbe pr Oberwelt fahren, bie SDfenfdjen pm Böfen ju «er* 
füh re tt. SOlephoftophileS fpeciefl erhält bie SBeifung, nach ffiittenberg 
p gehen, wo ein ÜWann lebe, mit tarnen 3°h ann Sauft/ ber un* 
jufrieben mit ftch felbft fei, weshalb er ihn an ftch loden unb bem 
SReidje ber £)öKe pfüßren foße. gfauft brüte fct)on lange auf eine 
Berbinbung mit ber Dämonenwelt. ÜWephoftopljileS möge ihm ein 
nigromantifches Buch in bie |)änbe fpielen, benn nur baburdj glaube 
ber Dhor, ber |)ötle fi<h nähern p fönnen, obfchon er biefer längft 
»erfaßen fei. greubig übernimmt ber hößifche ©eift bie Senbung. 
Bluto mahnt bie übrigen Deufel, eifrig an ihr Dagewerf p gehen, 
unb »erfchwinbet Die Furien führen einen wilben Dan§ auf, bann 
»erfchwinben auch f le unter ©eheul unb Donner. ©haron brüdt 
feine Befriebigung aus unb geht, bereits anlangenbe Seelen in Sm* 
pfang p nehmen. Der Borhäng fällt. 

Der erfte Aft führt uns nach ©ittenberg, wo pr $eit 
Ufattft ßtector ber Unfoerfttät ift. ft au ft’S Stu birjimmer. 
Schränle unb Bücher, phhfdalifche unb aftronomifche Apparate, 
©lobuS, ©erippe, glafdhen, Büchfen ic. fjauft fifct hinter einem 


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Difdj, worauf Sitter unb ©hreibgeug befinblid). Sin goliant liegt 
aufgefcfjlagen. Sr tjat bie iJtadjt über ftubirt. 

Srfte ©eene, gauft [teilt Betrachtungen an über ben 2ejt, 
ben er lieft, er tlagt über bie Bielfinnigfeit unb SÖßanfehnüthigfeit 
ber 3)cen[tf)en. Huh er ift mit feinem ©tanbe nicht gufrieben: 

„gebe gacultät unb afle erbenfbaren SBiffenfhaften ber ÜBelt 
habe ich ftubirt, Deutfhlanb tennt ben tarnen gauft — aber was 
hilft mir biefeS HfleS? — 9llS ich burch baS Studium theologi- 
cum es fo weit gebracht, baff ich h' et > n ©ittenberg gradum doc- 
toratus acceptirt habe, fo ftnbe ich boch in bem Studium theologi- 
cum feine folche Befriebigung, als meine SBünfhc es forbem, unb 
weiter fann ich & bei ber theologia nicht bringen. $a! Das ift gu 
wenig für meinen ®eift, ber gerne bei ber Fachwelt bewunbert fein 
wiß. — ©o weit bin ich, 3°h anneS gauft, mit meiner ©elehrfam* 
feit gefommen, baf? ich ttti<h f a ft oor mir felber fchämen muff. gh 
habe baher feft befchloffen, mich in ber 9Hgromantie gu informiren. 
Jöohlan, fort mit bem fßlunber (flößt einige Bücher oom Difhe, 
baj} biefelben gur Srbe faßen), nur bu, o liebe 9figromantie, foßft 
wir oon jefct allein wiflfommen fein." 

3wei Stimmen laffen ftch je|t hinter ber ©eene uernehmen, 
eine heße unb eine tiefe, bie bes guten unb bie bes böfen ©eniuS. 
Die eine warnt, bie anbre »erlocft ben $weifelnben unb räth ihm, 
ftch bem ©tubium ber 9tigromantie gu ergeben. Sin ®eift fei ge= 
gefommen, ihn glücflih unb ooflfommen auf ber Oberwelt gu 
mähen, gauft entfheibet fth für ben Hbgefanbten fßluto’S. Der 
gute (SeniuS flößt einen SBe£>ruf aus, ber böfe fdjlägt eine Sähe 
an, bie bielftimmigen SEBieberhafl finbet. Da flopft es an, unb 
in ber 

gweiten ©eene tritt Sßagner auf, um Sntfhulbigung für 
bie Unterbrehwng beS ©tubiums gu früher SDtorgenftunbe bittenb. 
3»ei ©tubenten feien angetommen, welche ©eine ßßagnificeng gu 
fprehen unb ihr ein Dractätlein gu tiberreihen wünfhten. gauft 
heißt feinen gamuluS für bie Bewirtung ber Herren forgen, er 
felbft werbe fogleih bei ihnen erfheinen. Söagner tommt jeboh 
jurücf, um gu melben, bafi bie gremben oerfhwunben feien, inbeff 
bas Buh jutücfgelaffen hätten, gauft gerät!) in Hufregung, als 


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er erfährt, bafj es bet @<hlüffel pr Nigromantie ober Schwarz* 
funft fei. ©r brängt SBagner, bas Such foforl ins Nebenzimmer 
ZU fc^affen unb fagt ihm gerne ©ewährung z«, ah* biefer ihn 
bittet, einen jungen SBurfdjen zur ©eforgung ber häuslichen 33er* 
ridjtungen in Dienft nehmen zu bürfen. SBagner ab. 

®ritte ©eene, kurzer EDionoIog. Sauft fann fein ®lüd 
!aum faffen. ©ein Wiener Draurn foB in ©rfüflung gehen. Sft 
er in ben 33eft| bes richtigen SBuchS gelangt, bann wirb es 
halb fjeifjen: Sauft ift ber größte ÜWann feines SahrljunbertS. 
Schnell ab. 

SSierte ©eene. §anS Sßurft, hinter ber ©eene fdjon 
lätmenb nnb fingenb, tritt auf, ben ©pi$hut auf bem Äopfe 
unb einen Nanzen auf bem Nüden. ©r hält baS $aus für ein 
SBirtljShauS, meil er fo üiele ©tubenten hat bineingeljen feiert unb 
ift überrafd)t über ben Slnblid, ber fid) ihm barbietet. @r ftöbert 
in ben Suchern unb unter ben $nftrumenten herum unb weijj in 
feiner 9lrt über aBeS eine broBige IBemerfung zu machen. ©chliefj* 
lieh begehrt er lärmenb nach Unecht ober SeBner. 

fünfte ©eene, SBagner erfcheint, mit bem f>anS 3Burft 
weiblich feine Sßoffen treibt. gulefct werben beibe fpanbels einig, 
unb fpanö SEBurft tritt bei Sauft in Dienft. 

©echfte ©eene, Sauft !ommt mit bem SBud^e, SBagner unb 
|>anS Söurft ziehen ftef) zurüd. 

Siebente ©eene, ©obalb Sauft aBein ift, fdjidt er fic£> 

an, feinen ©cfjafc zu prüfen; er ift wirfitch im 93efifce bes lang er* 

feinten Sucres »Clavis Astarti de Magia«. @r trifft feine 33or* 
bereitungen, holt einen ^uubetfreis üon fßergament, mit magifdhen 
Reichen befdhrieben, hinter bem Stifte heroor, tritt hinein unb legt 
bas 33udf) geöffnet oor fich auf bie ©rbe. @r citirt. ®S borniert, 

unb bie ©eifter ergeben ein furchtbares ©etöfe. Sauft führt in ber 

SJefdhtoörung fort, ©turmgeheul unb ftarter Donner. Die Surien 
HSmobi, Auerhahn, f^i^Hpufeli unbÄftaroth erfreuten 
in gräfjlidjjen ©eftalten. 

Sichte ©eene. Sauft prüft bie einzelnen ©eifter auf ihre 
Düdhtigleit, aBein feiner betreiben oermag, ihm zu genügen. SlSmobi 
antwortet anf bie Srage, wie fdfjneü er fei: „wie bie ©djjnede am 


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3aun", Sluerljaljn: „wie ein abgefdjoffener ißfetr, gifclipu&U: „wie 
bet f$lug beS fdjneüften StogelS", Slftarotl): „wie ber Stuvmwinb, 
unb et rafe braufenb einher burdj bie Süfte". ^ör Rauften« Sünfd)e 
ftnb bie Slbgefanbten ißluto’S nic^t fdjnett genug, ffir fragt Stfta* 
rott), ob eS bcnn feine f^neOeren ©eifter gebe, unb biefet crwibert, 
bod), einen, baS fei ÜJfepßoftopßileS. Sßn bringen fönne er nidjt, 
gauft ntüffe t§n rufen, benn er fei ein mächtiger (Seift, einer ber 
©rften ber |)ööe. Äftarotf) oerfdfjwinbet, wie feine ©enoffen, unter 
©turntge^eul. 3fauft befctiwört nun ntit ftarfer «Stimme unb feit» 
fam flingenber 3 au & ei 'f° rmc I ben 3J?epf|oftopf)ileS, ein ffeuerftrafjl 
bringt aus bem Soben, ftarfer Donner. üftepßoftopßileS erfefjeint 
— im ©egenfafce ju ben übrigen ©ciftern — in menfc^Ii^er ©e* 
ftalt unb ganj rotier Kletbung. 

Neunte Scene, ^auft wunbert ftd) barüber, baß ein füllen* 
geift in menf<f)lid)er ©eftalt erfeßeine. Sffiepl)oftopl)ileS erflärt, er 
fönne baS, weil er ein großer fjrürft ber fjötle fei. Stuf bie grage, 
wie fdjneU er fei, antwortet er: „fo gefdjwinb wie ber 9J?enfd)en 
©ebanfen". ©rfreut über biefe SIntwort, will ffanft gleicß einen 
Sßaft mit ißm fdfjließen, allein 2Jiepljoftopf)ileS leßnt baS ab; er 
müffe juoor ^ßluto befragen, werbe aber um SDHtternadjt wieber* 
fommen. gfauft brande nm biefe $eit feiner nur jn gebenfen, bann 
fei er gleid) gut Stelle. gauft füßlt ftd) ermattet non ber ßitation 
nnb will etwas auSruf)en, um SJacfitS fein Stortjaben öoßenbs aus« 
jufüßren. Stb. 

g eßnte Scene. Unterbeß tritt $anS Surft herein, guter 
Dinge, benn er ßat gegeffen unb getrunfen. SSerwunbert betrachtet 
er bie Slnftalten, bie er am Stoben gewährt, ben Kreis unb baS 
S8u<h- @r tritt in ben Kreis unb fängt an, in bem S3udje gu bud>= 
ftabiren. Sie er baS Sort „^erliefe“ fpricßt, erf<f>eint eine ÜJienge 
»on SEeufeln um ben Kreis, bie auf baS Sort „Verlade" wieber 
berfdjwinben. fpans Surft merft anfangs nicht, baß bie Sorte 
einen Räuber ansüben. Die Deufel neefen ißn, er fommt fjinter bie 
Sadje unb treibt nun feinerfeits mit ben Deufeln fein Spiel. @r 
fdjlägt bie geängfteten ^öUengeifter mit feiner sßritfcfie, fortwäßrenb 
bie ominöfen Sorte ausfpredjenb, bis enblidj unter 33li| unb Donner, 
©efeßrei unb fßrügelei ber 33orIjang fällt. 


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®er zweite 91 ft geigt uns ^auft’S Stubirzimmer wie vorhin. 

@rfte Scene. @3 tft balb ÜJtitternadht, unb fjauft erwartet 
fef)nli<hft ben üJieptjoftopljileS. $>a laffen ft<h unftchtbare «Stimmen 
vernehmen, bie wie Socfrufe tönen. Stuf fein ©ebot nennen bie 
©eifter fich; ber Stolz, bie £mbfud)t, ber SReib, bie Schlemmerei, 
ber gorn, bie Faulheit entbieten ffrauft ihre Dienfte. @r aber weift 
fie verächtlich juriief, weil er nach höherem ftrebe. @8 fc^Iägt 
üJiitternacht. 

Zweite Scene. üRephoftophit^» no<h h* nter ^ et @c en e» 
fragt an, in welcher ©eftalt ihn ffauft zu fehen wünfehe; biefer er* 
wibert, in menfdjlicher, wie junor, unb üttephoftoph'^ tritt ein. 
®er $aft wirb abgefc^toffen. ffauft nennt feine Sebingungen. SOie* 
phoftophileä fotle ihm »ierunbjwanjig ^aljre bienen, es foHe ihnt 
währenb biefer ^eit nie an ©elb fehlen, jebe Suftbarfeit ber SBclt 
ihm jur Verfügung ftehen unb alle verborgenen fünfte unb SBiffen» 
fdjaften ihm !unb fein. SBeiter foHe ÜJtephoftophileS ihm alle ffra* 
gen, ftc mögen geiftlich ober weltlich fein, wahr unb treu beantwor* 
ten, ihm beftänbige Qugenbfraft verleihen unb ihn auf feinem üftantel 
ftets bahin bringen, wohin er wünfehe. ÜJiephoftophileS müffc ihn 
vor jeber ©efahr warnen; fein Unfall bürfe ihn treffen, unb bie 
auSbebungenen vierunbjwanjig $ a h re müffe er in voller ©efunblfeit 
bahin leben. ÜWephoftophü^ erflärt, er wolle alles gewähren, wenn 
ffauft auf feine SBebingungen eingehe, wenn er währenb ber aus* 
bebungenen geit fi<h nie vermählen, wenn er fich nicht mehr fäm* 
men unb waßhen noch bie SRägel befdhneiben unb er feine fireße 
mehr befugen wolle. Die 9lugen ber ÜJtenfchen werbe er fo ver* 
blenben, baff niemanb von ber Erfüllung ber SSebingungen etwas 
merfen fotle. fjauft ift es pfrieben. 9lun nennt SRephoftophfoS 
ben lebten $unft, baß fjauft nach Slblauf ber grift mit Seib unb 
Seele ihm gehören unb bem plutonifchen Steife verfallen fein foHe. 
fjfauft bebenft fich, feinen Seib will er verpfänben, aber feine Seele 
nicht. 2Us HttephoftophileS jeboch bie Sebingung für unerläßlich er* 
flärt, willigt er ein, bei fich felbft ben Vorbehalt maeßenb, baß er 
ben Schritt bereits halb gethan habe, unb er als fluget SDtann ftch 
mit ber geh f<hon losreißen werbe. HRephoftophileS verlangt Slut 
jum Unterzeichnen, er bläft auf bie $anb, bie fjfauft ^inb)ält, unb 


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es er^einen auf ber Qläcße berfelben gwei große Blutstropfen, bie 
gu gwei Bucßftaben formen, einem großen H unb F. Qauft 
gögert, er erfennt in biefen gwei Bucßftaben ben Sprucß: Homo 
fuge — SDtenfcß fließe! 9(uf bas Quteben beS GkifteS untergeidßnet 
er bie Scßrift. Stocßmals läßt bie Stimme beS guten ®eniuS ficß 
oerneßmen, unb bieSmal fdßeint Qauft ißrem (Sinftuffe nacßgeben gu 
wollen. Scßon gittert s JOtepßoftopßiIeS — ba faßt Qauft einen rafdßen 
®ntfdßluß, er erflärt bem Slbgefanbten Puto’S feine Bereitwifligfeit, 
biefer winft, unb es fommt ein 9t a b e geflogen, ber mit bem 
Scßnabel ben Sontract oon bem Difcß nimmt unb bamit fortfliegt. 
•UtepßoftopßileS ftcflt ficß bem ®ewonnenen gut Verfügung. Qn 
Barma ßalte ber |>ergog ein prächtiges Beilager, nocß ßeute fönne 
Qauft bei bem glängenben Qefte fein, Qauft 9 e ßt auf bie Qbee 
ein: ÜWepßoftopßileS fofle ißm folgen unb ißm feinen Bebienten 
mitbringen, biefem aber oerbieten, ben Stamen feines $errn gu 
nennen. 

Dritte Scene. SDtepßoftopßileS lacßt bem abgeßenben Qaujt 
ßößnifdß nadß. ©nblidß fei Qauft fein, enblidß ber große Sieg über 
alle anbern Teufel gewonnen! 

Bierte Scene. 'Der anbrecßenbe SDtorgen füßrt $anS 
SB u r ft ßerbei, ber nadß feinem fperrtt feßen miß. „SEBaS Deujel, 
wo ftecft benn ßeute SDtorgen mein fperr Qäuftling ?" @r ift ßödß* 
lidß oerwunbert, ftatt beffen ÜJtepßoftopßileS gu treffen, mit bem er 
ein broßigeS ®efprädß beginnt. Qm Berlaufe beSfelben erfäßrt er, 
baß fein $err in ^ßarma fei, wo es ßocß ßergeße. Stuf bie oer* 
wunberte Qrage, wie baS benn möglidß fei, erwibert ßJiepßoftopßileS, 
bas ßabe er alles burdß feine Äunft gu ffiege gebracßt, was $anS 
Sßurft nidßt redßt glauben wifl. ffir läßt ftcß nun mit bem Qremben 
auf einen 9tätßfel*3Bettfampf ein, in bem er ftcß feinem ®egner 
überlegen erweift. Die (Erfiärung, baß biefer ber Deufel fei, fidßt 
ißn nicßt fonberlidß an. „Der Deufel" — „$fui Deufel! (fpucft 
aus) Das wäre ja ber Deufel." ?tuf eine ffiette um feine Seele 
»iß er fidß nidßt einlaffen, ba fegt er lieber fedßs Bagen ein. Qu 
feinem £errn nadß $arma mödßte er inbeß ßin. Stber bem Deufel 
etwas »erfdßreiben — baS ift ein gang eigentßümlidßeS Ding. Ber* 
fprecßen, ja: es finb ja feine Qeugen ba, gubem läßt ein Ber* 


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fprecben ftd) auch loiebet ableugnen, ©o werben fie benn fianbelS 
einig, unb SDtepboftopbileS entfernt ftd), mit bcm 9Serfpre<hen, feinem 
neuen ©enoffen ein Steitpferb p fänden. 

fünfte ©eene. DiefeS erfebeint in ©eftalt eines 'Drachen. 
Unter poffterlicben ©loffen befteigt $anS Surft benfelben, baS Dt)ier 
erbebt fich in bie Suft, hinten unb oorne fjeuer fpeienb, unb |>anS 
Surft fährt baoon. 

Der britte 9tft jeigt als ©dbauplaj} ben ©arten beS 
fterjogs »on *ßarma. 

(Srfte ©eene. Der |) erj o g ift bem ©eräufche beS $of= 
feftes entflohen, um, berauf<bt non feinem jungen Siebesglüd, 
in feinem ©arten ©rholung p fu<ben. @r fefct fi<h auf eine 
JRuheban!. 

3tueite ©eene. SDtan hört $ anS Surft in ber Suft 
freien, er fommt non oben beruntergeftürjt, wäbrenb ber Drache 
banon fliegt. fpanS Surft macht in feiner 9lrt ©efanntfehaft mit 
bem |)erpg, ber an bem brotligen ©urfeben ©efatten finbet. $anS 
Surft befebreibt in launiger Seife feinen |)erm unb SDtepbofto« 
PbileS. Des ©erfpreebens eingeben!, feinen tarnen p nennen, beutet 
er bureb bie geballte fffauft an, wie fein $err b e 'f? e * Der £)erpg 
ift erfreut, ben berühmten ©eiehrten an feinem $ofe p wiffen, unb 
geht in feiner frohen Saune auf bie etwas plumpen ©djer-je ein, 
bie £anS Surft fich mit ihm erlaubt. Diefer, als er es plefct 
etwas gar p bunt treibt, läuft baoon. 

Dritte ©eene. Dreft, ein fpofmann, erfcheint, um ben 
fpetpg abpberufen. Der $erpg fragt nach fjauft unb hört, bafj 
biefer mit feiner ©emablin fich unterhalte. Stoch 001 ber Dafel fott 
fjauft feine fünfte jeigen. £>erjog unb Oreft ab. 

SBierte ©eene, gauft im ©cfpräche mit ber ^jerjogin. 
Die f)erpgin freut fich, in ib m eineu f° fltofjen SDteifter ber SOtagie 
p begrüben. Der $erpg werbe häufig öon ©dhwermuth unb 
Draurigfeit beimgefuebt, oielleicbt fei gauft im ©tanbe, ihm feine 
»orige fjröhlicbfeit wieberpoerleiben. ^ebenfalls labe fie ihn pr 
Dafel ein, wo fie bas Stöbere oerabreben fönnten. 

fünfte ©eene, ^erjog unb Oreft gefeiten fich p ben 
©origen. $m $erpg regt fich bas ©efühl ber ffiiferfudjt, als er 


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ffauft aßein bet bet ^erjogin gewahrt. (Etwas pifirt, rebet er f^auft 
ntit feinem tarnen an unb meint, als biefer bariiber fein (Erftaunen 
auSbrücft, fpöttifd), bet Name eine« fo berühmten NtanneS muffe ja 
jebem befannt fein, ffauft erbietet fiep nun ju groben feiner Sfunft 
unb befcpwört fotgenbe ©eifterbilber fjeranf: 

1) ©oliatb unb Daüib. 2) Salomon, ber in feiner $ßracf)t 
auf feinem Dbrone fijjenb erfcbeint. 3) Delila mit ber Scbeere in 
ber £>anb, Simfoti ju ihren güfjen, baS $aupt in ihrem Scboofje, 
4) ^ubitt) mit bem Raupte bes Holofernes, im fpintergrunbe bas 
affprifcfie Säger. 

Der Unmuti) bes fpcrpgs Ijat fich mäijrenb ber Darfteßung 
gelegt, er erbietet ffauft ©aftfreunbfdjaft, fo lang es biefem beliebe, 
unb labet if)n gleicbfaflS pr Dafel ein. 

©ecbfte Beat e. ff au ft miß bem ooranfebreitenben £)errfcber* 
paar folgen, ba tritt Nlcpboftopb iles itjm entgegen, itjn be* 
fcpmörenb, nicht pr Dafel p geben, ber $erjog fjabe in feiner eifer* 
föcptigen Saune befdjloffen, i^m bei Difdje einenjOiftbecper reichen 
p laffen. Da bie ©eiftlidjfeit an ber Dafel fei, habe er bort nicht 
©ewalt, bie @d)anbtt)at p oerbüten. Durdb SNepboftopbileS erfährt 
ffauft, bafj f)anS Surft btm Iperpge feinen Flamen oerratben babc. 
3ut ©träfe, fo orbnet fjauft an, foße biefer nach feinem Seg* 
gange noch eine ^eit lang am f>ofe bleiben. Später möge ßJiepbofto* 
pbileS iptt naep Sittenberg fefjaffen, wo er ibn aus feinem Dienfte 
entlaffen werbe. NtcpboftopbileS uerfpri^t, bicfeS p tbun, unb beibe 
entfernen ficb. 

Siebente Scene. $an8 Surft fommt jammernb wegen 
ber plöfclicben Stbreife feines |>errn, ber burep bie Suft baoon ge* 
flogen fei unb ibn prfidgelaffen babe. Nun werbe ber $erpg ibm 
febon feinen Sobn für bie gefpielten Streike geben. „Step wenn ber 
©toffelfuj} (SWepboftopbileS) nur ba wäre, ber golbene, filberne, 
bleierne, bölj«rne Stoffelfujj!" Ober wenn er felbft nur in Sitten* 
berg wäre: gleich würbe er aßem ^auberfram entfagen unb ftcb p 
ber erlcbigten ©teße bes Nachtwächters melben. 

Ächte Scene. Der ©eift Äuer pa b n erfd^eint unb nennt 
§anS Surft bei feinem Namen. Diefcr überhäuft ben rauhaarigen 
©eift mit Siebfofungen, wirb aber etwas enttäufetjt, als er »ernimmt, 

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bafj et jur ©träfe für feine ©djn>a|}f)aftigfett au« Rauften« Dienjt 
entlaffen fei Sluerhafjn forbert ©erfchreibung feiner ©eele, bann 
»olle er if)n nach SBtttenberg bringen. Darauf »iß aber ber pfiffige 
Döfyel ftch rtic^t einlaffen, er E)ält ben Deufel wieber mit ©er* 
fprecbungen f)<n, unb biefer nimmt ihn noch gerabc frühe genug 
auf feinen SHufen, um if)n ben ©pieken bet Drabanten ju ent» 
jieijen, bie üom #erjoge ju feiner fjeftnahme abgefchictt worben finb. 

Der »ierte Äft führt un« §urücf nach SSittenberg. 

(Srfte ©eene, fjauft mit ben ©tubenten. prächtiger 
©aal in ftauft'S ffio^nung. Sin einer reich befefcten Dafel bantet* 
tirt fjauft mit ©tubenten. Diener warten auf unter Slnorbnung 
SEBagner’«. 

Die ©tubenten finb in Weiterer SBeinlaune unb feiern fjauft 
al« ben größten ©eleljrten be« $ahrhunbert«. Diefer wintt, unb 
e« erfc^einen junge ÜJläbdhen mit ©lumengewinben unb führen einen 
Danj auf, bann »erfdhwinben fie. Die SluSgelaffen^eit fteigt. Sin 
uor einem ©tubenten fteljenber wilber ©dhweinätopf fpeit fjeuer an« 
unb »erfchwinbet. ©ebratene« ©eftüget fliegt baöon, 3ftafchen unb 
©läfer tanjen nach bem Datte ber ÜRuftt. Slu« einer grofjen haftete 
tommen Slffen Ijevoor, bie Dafel »erftntt fchliefjlid) unter flammen. 
Die ©äfte lachen unmäßig, jaud^en unb fdjreien: f>odfj lebe unfer 
tauberer f$auft, IRunba, Ijoct)! fffauft entbietet feine ©äfte in ben 
9lebenfaal ju Danj unb ©piel. $ubelnb folgen biefe bem tooran* 
fd^reitenben SEBagner. fjauft bleibt allein jurüdf. 3h n etelt bie 
wilbe Suft an, wie ba« ganje Seben, ba« er feiger geführt. @« 
ftnb gcrabe jWölf $ahre, ba§ er ben Sontract unterjeid^net hat. @r 
wiß umlegten. 9Soch bleiben iljm jwölf $aljre, er wiß ftch ben Klauen 
be« Deufel« ju entwinben fudjen, um feine üerf<her$te ©eligteit wieber* 
jtigewinnen. 

Zweite ©eene. 3u ^ em reumütige ©ebanfen ©er* 
funlenen tritt ÜDtepIjoftobljile«. Die ©tubenten im SSebenfaale 
wünfehen fjauft’ö ©efeßfd^aft. $f)tn aber ftet)t ber ©inn nicht nach 
lautet gfeftfreube. @r fragt feinen unheimlichen ©egleiter, fi<h auf 
feinen ©ontract berufenb, nach bem ©dtiicffale ber ©eeligen unb bet 
©erbammten. „Qft benn bie tjimmlifcije gfreube wirtlich f° 9 t0 ^ 
wie fte un« gefdhilbert wirb?“ Der an ben ©ertrag gebunbene 


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61 


Teufel muß antworten. Die greube ift fo groß, baß niemanb jte 
ju faffen oermag. 

Sauft: üRepßoftopßile«, wenn Du ein ÜRenfcf) wäreft wie 
icf), wa« wiirbeft Da tljun, unt ein Äinb bet ©eligfeit ju werben? 

SDtepl).: ffienn biefe« nodf) möglicf} wäre, fielje, mein gauft! 
wenn eine Seiter »on bet (Erbe bi« jum $itnmel reifte unb ftatt 
ber ©troffen wären taufenb unb aber taufenb ©djjeernteffer unb 
©dßwerter, baß icß bei jebem ©djjritt in Heine ©tüdfe jerf dritten 
würbe, fo würbe idj bod) trachten, ben oberften ©ipfet ju erreichen, 
um eine ÜRinute bicfe t)immlifdE»e ©eligfeit ju genießen. 

&u« ben Qualen ber §ötle gibt es feine {Rettung, ba« Hingt 
bem armen gauft wie ein £obe«urtf)eil. (Er bringt weiter in 9Re* 
pfjoftopßüe« mit feinen fragen,' aber biefer weigert Antwort unb 
entwinbet ficß ißm. 

Dritte ©eene. 3 um lebten URale regt e« ftd) in fjauft 
jum Seffern, er ftnft in bie Sniee unb »erfueßt ju beten. 

Sierte ©eene. Sf cpßoftopßile$ feßrt jurüdf unb fudjtißn 
non feinem Seginnen abjubringen, erft mit £>ofjn, bann mit Ser» 
fpredjungen. gauft wenbet ftdj oon ißm ab. ÜJfepljoftopl)ile$ entfernt 
fid>, um fein lefcte« üRittel aufjubieten. 

fünfte ©eene. 3 U bem jfcfct in brünftigem ©ebet Ser* 
funfenen tritt ber gfirft ber $öDe, bie t>erfd)leierte Helena mit 
ftdf) füßrenb. Sergeben« fudtjt er gauft'S Slnbacßt ju ftören, biefer 
bleibt feft unb weift ben Serfudßer jurüdf. „(Ergebe Did», fiel) fle 
an, überzeuge Didfj, wie feßön fte ift!" — Sauft fießt ftd) um. Da 
reißt SDfepßoftopf)iIe« ben ©eßleier jurüdf, unb bie trojanifeße Helena 
erfdßeint in bem ganjen ©lanje ißrer ftraßlenben ©dßönßeit. „@ie 
will Didß lieben, will Dein (Eigen fein!" f^auft ift feiner nii^t meb»r 
mäeßtig, er ftürjt in bie ausgebreiteten Hrme be« öerfüßrerifeßen 
SEBeibe«, ba« ißn mit fuß fortjießt, roäßrenb ÜRepßoftopßile« ein 
geDenbe« £>oßngeläeßter anfdßlägt. 

©ccßfte ©eene, fjauft feßrt in wilber Serjweiflung jurüdf. 
Helena war ein ©eßeingebilbe; wie er ba$ feßihte JEBeib umarmen 
wollte, »erroanbelte e« fieß in eine gurie, bie ißnt an einem ©pie* 
gel alle feine ©ünben jeigte unb bann unter ßäßließem Sacßen oer* 
fdßwaub. (Empört will gauft ftdß gegen feinen ßöKifcßen ©efäßrten 


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62 


entfielen, biefer aber bat «uv falteS §obnlacben für tt»n. „©lenber 
5lbor, ©eine geit ift aus, meine ©ienftjaijre haben ein ©nbe." — 
„©in ©nbe? fpeute Stacht ift erft bie $älfte ber »ierunbjwanjig 
3[at)te »ergangen, wo ict) mit ©ir einen Sunb einging." — „Steine 
nur bie Städte baju, unb ©u wirft einfetjen, ba§ unfer ©ontract 
ju ©nbe gebt. SBenn ber Sauer ftd) einen Snecbt bingt, fo »er* 
fprid)t berfelbe, nur am ©age ju arbeiten, ©u aber tjaft uns ©eufet 
bei ©ag unb bei Stacht geplagt, unb fo finb aus swölf fahren »ier* 
unbjwanjig geworben!“ — ©egen biefe ^öüifc^e Sogif oermag 
fjauft nicht aufaufommen, er fintt »erjweifelnb auf einen Stuhl, 
wäbrenb SJtcpboftopbileS oerfdjwinbet. 

•Siebente Scene, ftauft öerwünfebt ben ©ag, ber ibn ge* 
boren, unb flucht ber gauberfunft,' bie ibn unrettbar bem ewigen 
geben entfrembet bat. Seiner Sinne faum nod) mächtig, ftürjt er 
bem eintretenben SBagnet entgegen, biefen befchwörenb, »on ber 
gauberfunft ab*ulaffen. SBagner ahnt baS SdjrccEIidje unb eilt 
bem ©ntflicbenben nach, um bas Seite ju feiner «Rettung ju »er* 
fuchen. 

Serw anblung. 

Sichte Scene. Straffe. «Rächt. Son ©ewiffenSbiffen ge* 
peinigt eilt Sauft burch bie Stacht. @r tommt »om griebbofe, 
aber auch bort b at er feine Stube finben fönnen. @S fchlägt 
neun Uhr. 

Neunte Scene. §anS ffiurft tritt als Stacbtwäcbter auf 
unb jieljt, fein Stunbenliebchen fingenb, worüber. ©ine bumpfe 
Stimme: Fauste! — §a! welche Stimme! Fauste, praepara te! 
fjauft in 33c rjweiflung ab. 

Zehnte Scene. §anS ffiurft betritt ftngenb bie Sühne, 
er parobirt fein Stunbenlieb, tanjt unb ftolpert über 3luctb a b n » 
ber »or ihm gefommen ift unb ficb gebueft b üt - ® er 
£anS 3ßurft ju foppen, wirb aber fcbliefjlicb »on bem luftigen Stacht* 
Wächter erwifcht, ber ihm mit feiner Saterne ins ©efiebt leu^tet. 
Sluerbabn beanfprudjt bie Seele $anS Sßurft’S, biefer aber ift balb 
mit ihm fettig: „©rftenS bat Sauft bem Stoffelfufe geboten, muh 
wieber jurüefbringen ju laffen, jweitenS haben wir nichts Schrift¬ 
liches abgemacht, brittenS barf ber ©eufel feinen Stacbtwäcbter holen". 


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63 


unb fo fort bis tnes Unerfc^öpflidje. 'Durch bas alte gaubcrwort 
„*ßerla<fe'' fc^nfft |)ans Surft fich ben Unfjolb oom £>alfe, fingt 
fein Sieb, bliift feine ©tunbe ab unb geht feines Segs. 

(Slfte ©eene. (Ss fdjlägt 10 Uhr. $auft tritt auf. 
©timrne: Fauste, accusatus es! fjfauft finit in bie Sniee. ^Saufc. 
Seifer Donner.*) $anS Surft melbet hinter ber ©eene baS 
Mähen ber elften ©tunbe. @3 fdjlägt. Fauste, judicatus es! fjauft 
oerharrt immer noch fnieenb. (Sr weifj, fein Urteil ift gefprodjen, 
ber ©tab über ihn gebrochen. |) a n 3 Sur ft tritt auf unb fingt 
baS ©tunbenlieb auf 11 Uhr. (Sr erfennt feinen früheren f>errn 
unb geht nidht jum fäuberlidjftcn mit ihm um, er erinnert ihn an 
ben rücfftänbigen Sohn unb hält ihm fein ganjcS ©ünbenregifter 
oor. Sie gauft bie wohl h a ^ ernft gemeinten, unb bod) in fo 
launiger Seife oorgebrachtcn Sorte hört, burcf)bli|t ihn ein Iefcter 
oergweifelter MettungSgebanle. Sßiellcictjt fann er fich burch biefen 
■Marren, ber ja auch wit bem (Seift ?tuerE>at)n fertig geworben, oom 
Jeufel loSreifjen. (Sr fchlägt ihm einen Sleibertaufd) oor. Allein 
$anS Surft will nichts baoon wiffen. „Mein, $err fjäufterle, bas 
geht nidht, lieber fchenfe ich (Such bie ©djulb, ba fönnt’ ber Jeufel 
leicht ben Unredhten erwifdjen. Qfch will Such einen guten Math 
geben. Senn Qh r ma ^ »ieber auf bie Seit lommt, fo fangt mit 
bem Jeufel leine ©chmeifjerei an unb feib flüger. Mun lebt wohl, 
ÜReifter fjanft!" Diefe treumüthig einfältigen Sorte ftnb bie lebten 
irbifchen, bie gauft oernimmt. Die ©timrne oon oben erfchaUt: Fauste, 
Fauste, in aeternum damnatus es! unb mährenb fffauft auf bie 
Jbtiee finit unb feiner Sßcrjweiflung SluSbrucE oerleiht, fängt es an 
gu bonnern unb ju blifcen, MtcphoftophileS erfcheint, unb bie 33üt)ne 
oerwanbelt fich 

festen ©eene. Schaurige gelsllüfte, im £)intergrunbe eine 
flammenbe $öhle. SSon allen ©eiten ftürgen Furien h^roor. gauft 
will fliehen, üMephoftophileS ergreift ihn unb fdhleubert ihn ben 
fjurien entgegen, welche ben fjfauft nach bem fpintergrunbe treiben, 
wo er ftdh fchliefjlidh in bie £)öfle ftürjt. 


*) #ier iß in bem Sftanufcripte eine i*üde. 


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64 


Dafj in biefer ober einer biefer fetjr ähnlichen ©eftalt bad 
Solfdfdhaufpiet Johann fjauft in Deutfdhlanb frütje fchon oon »an« 
bernben ©chaufpielern gegeben worben ift, wirb und burdf) «r!unb» 
liehe 9ia$rict)t oerbürgt, ©etbftoerftänblidh ift, bajj frühzeitig mit 
bem ©djaufpiele mannigfache 23eränberungen oorgenommen, @r* 
Weiterungen eingefügt, Sfndlaffungen gemalt unb je nadh 3eit nnb 
Ort Ueberarbeitungen oorgenommen würben, ©ine merfwürbige 
Nachricht über eine Raffung ift und in bem Sagebuche eined Dan* 
jiger Sftathdherrn, ©eorg ©gröber, aud bem 3 a h te 1669 erhalten, 
bad ältefte aller auf und gefommenen geugniffe. Die betreffenbe 
©teile ift überfdhrieben »Commedia oom D. Fausto« unb tautet: 

$uerft fompt Pluto hetfür aufj ber heilen unb rufft einen 
Seüffel nadh bem anbern, ben Sobacfteüffel, auch u. bcn Hugheit 
teuffei unb giebt ihnen orber, bafj fie nach alter möglichfeit bie 
Seüte betrügen fottcn. hierauf begibt ed fich, baff D. Faustus mit 
gemeiner ©iffenfchaft nid^t befriebigt ft<h umb magifche Sücher be* 
wirbet unb bie Seüffet ju feinem Dienft befchwöret, Sorbet) er ihre 
gefchwinbigfeit exploriret, unb ben gefdjwinbeften er Sichten SGBit. 
ift ihm nicht genug, bad fie fo gefcfjwinbe fein Sie bie fpirfche, wie 
bie Sollen, Sie ber Sinb fonbern er Sit einen, ber fo gefctpoinbe; 
die bed menfchen feine ©ebanfen, Unb nachbem für einen folgen 
ftdh ber ftüge Seuffel angeben, Sil er bad er ihm 24 Qnhre bienen 
fotte, fo wolle er fid) ihm ergeben, Seldhed ber ftüge Seuffet für 
feinen Äopf nicht thun will, fonbern ed an ben Plutonem nimt, auf 
beffen guttbefinben ergibt fidh ber fluge Seuffel in SBünbniifj mit 
D. Fausto, ber fich ih m auch ntit btutt oerfdjreibet. |>ierauff wit 
ein ©inftebler ben Faustum abmahnen, aber oergeblictj, ben Fausto 
gerathen alte befchwerunge wot, er Seft ihm Carolum Magnum, 
bie fd)öne Helenam geigen, ntit ber er fein Vergnügen h at - @nnb* 
lieh ober wachet bei ihm bad gewiffen auff, unb gehiet et nH® 
ftunbe bifj bie glof gwölffe, ba rebet er feinen Dienet an unb 
mahnet ihn ab oon ber gauberet). Söalb fompt Pluto unb fdjjicfet 
feine Seuffel bad fie D. Faust holen fotten, Seldhed auch gcf<hteh et 
unb werffen fte ihn in bie $öhe, unb gerreifen *h tt 3 ar > att< % ®irb 
präsentiret SBie er gemartert wirb in ber gölten, ba er batb auf 


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unb niebet gezogen ffiirb, unb bife ©orte aug fjrefirwerd gefeiten 
Werben Accusatus est, judicatus est, Condemnatus est. 

©ir fegen, wir gaben in allen feinen ©runbjügen baS tnitge« 
feilte ©cgaufpiel oor uns: baS Sorfpiel, ben erften Alt mit bet 
erften SeufelSerfcgeinung, ben ^weiten mit bem Abfdgluffe beS fpalteS, 
ben britten mit ben ©eifterbefcgwörungen unb ben oierten mit bet 
Äataftropge. ®S ftnb bas jebenfalls bie wefentlicgen 93eftanbtE>eiIe 
beS urfprünglichen Sßolte fc^aufpicle<s. Ob inbeg bte mitgetgeilte Sage» 
bucgftelle fug auf eine wirtliche Aufführung be« (extern bejiegt, muff 
fraglich bleiben; nid^t unerhebliche ©rüube fprecgen bafär, bag fRatgS« 
gerr ©gröber, ber aflerbingS megrfacg Aufeeicgnungen über ©djau* 
fpielnorfteUungen ^interlaffen bol/ mit obigen ©orten nur ben Aus* 
3ug au« einem ©cgaufpiele gibt, baS er gelefen gatte. 3 n biefem 
Cffaöe fönnen wir jebodt) für baS ^agr 1669 ein bentfct»eS ©«bau* 
fpiel „Dr. g-auft" conftatiren, bas nicht eine Ueberfegung beS 2Jtar* 
Iowefcgen unb, wenn gebrudt, aller ©agrfcgeinlicgteit na<b ju Sühnen* 
jweden gerauSgegeben worben war. 

33on einer tgatfäcglicgen Aufführung beS gfauftfcgaufpieleS wäh* 
renb beS 17. ^ahrgunbertS wirb aus Sremen beridhtet. Dort fpiel* 
ten, wagrfdheinlicg um bas Qagr 1670, in bem §aufe eines Sapi* 
täns ^Helfen auf ber langen ©trage fädtfifege goegbeutfege ®omö* 
bianten unb gaben u. a. „eine weltbcrufene, wahrhaftige unb fdjau« 
würbige ÜHaterie, genannt ber üerratgene Serrätger, ober bet burdj 
4?ocgmutg geftürjte ©atlenftein, fterjog oon grieblanb“. (Sin anberes, 
lomifch fein foöenbes ©tüd wirb mit bem ©eglugwort „$eber fage 
es bem anbern“ folgenbermagen empfohlen: „Das Seben unb bet 
Sob beS grogen ffirjjaubererS Dr. Johannes gauft mit Sor* 
irefflitbfeit unb fßidelgäringSluftigleit oom Anfang bis jum ©nbe." 

$ier hoben wir alfo auch bereits bie iwnswurft'ftntermejji, 
übet bie uns fftathsherr ©(gröber nichts aufgejeidjnet gat.*) 9tadj 
bet Antünbigung mug bet legte Alt befonberS reich auSgeftattet ge* 
wefen fein, fjauft hält ein Sanlet, wobei baS ©chaueffen in allerlei 


*) 3Jtit bem ®ienet ijl bei ihm (ebenfalls ber gamulitS SCSagner gemeint, 
bet ia auch ' n ber bon un8 ftijjirten Raffung be# ©chaufpielS (Alt 4, ©eene 7) 
t»n fjanfi, al8 bei biefem baS ©emijfen erwacht, »on ber 3““berei abgemahnt wirb. 


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munberlidße Figuren oermanbelt wirb, aus einer haftete fommen 
SWenfcfyen, fmnbe, Äa|en unb anbere Stßiere unb fliegen burd) bie 
Sufi u. f. m., ganj mie früher mitgctßeilt. 

geugniffe über bas Sßorfjanbenfein beS ©diaufpieleS „fjfauft" int 
17. ^aßrßunbert finb ntetjrfacf) uorijanben, baS intereffantefte jeben* 
falls im „©implictffitnuS" an einer ©teile, bie nad) bcr tetler’fctyen 
Ausgabe lautet: 

„2BaS agiret, fpilet unb fißet man bod) lieber als bie fpifto* 
riam beS oerrudjtcn @r|=3 nu ^ erer ^ Doct. Johannis Fausti, barum, 
baß ein fwuffen Deuffel barinnen aüejcit eingcfiiljret, unb in aller* 
ßanb abfdjeutidjen ©cbcirbcn oorgefteHet werben. "Da bod) befant, 
mie fdjon fo manches mal bet) folcßen teufflifdjen ÜJfaSquerabetänjen 
unb gauft-Somöbicn fid) aus 33ert)ängtiüs ©otteS aud) rechte Deuffel 
unter benen fo ücrfteUten mit eingcfunben, unb man nid^t gemußt, 
mo biefer SSierte, ober ©iebenbe ober gmölfftc (mie in herfdjiebencu 
IBegebcnljeiten gcfd)et)en, baß einer juoiel gemefen) ßcrgefommen?" 

Unter ben 97ad)rid)ten aus bem 18. ^aßrßunbert ift bc* 
merfensmertlj ein ©pigramm beS ©ottlieb ©iegmunb SoroinuS 
(SlmarantßuS) aus bem $al>rc 1710, überfcßricbcn: „SBarum all* 
jeit fo toenig ^rauenjimmer in gauftenS ßomöbie geßet." 

2Öic fömmtS bod), fraget iljr, 

Söarum baS grauengimmer pier, 

©o oft man flefjt üoit gauflen fpiefjleit, 

*Rict)t mie fte fonflen tf>un, in bie (Somöbie geljn? 

SWein, fönnt if)r I>iefe$ nidjt berfleljn, 

Vorauf iljr Slbfdjeu pflegt gu giefen? 

©ie möchten (fiirdjten fte) burd) gauflenS 3 au & er f ad ) cu 
2Öie ber aud) ebenfalls bie $örner fernen machen. 

Die ©eene, auf bie ßier angefpielt mirb, finbet ftd) in einer 
Än§af)I »on fpäteren fßuppenfpielen erhalten: fjauft säubert einem 
oorlauten ^unfer am £iofe ju ißartna $örner auf beu Äopf. Der 
^ug fdjeint bemnad) ju ben ältern ju gehören. 

Qm 18. Qaßrßunbert gaben bie beutfdjen SSBanbertruppen ben 
gauft oielfad), meift aber in ber ©eftalt eines großen Räuber* unb 
©peltafelftücfs. ©o ßat ftd) eine Slnfünbigung aus 35Men erhalten, 
waljrfd)einlid) aus bem ^atjre 1730, nad) melcßer jum erften SWalt 


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ber „itad) teutfcper Comoedien-, ©ngellänbifcher fßantomimicn* unb 
^talienifdier 3)lufic»Art" eingerichtete D. Faust am 9. ftunii in 
„bem non $h rer Wöin. kaiferl. nnb königlichen ßathol. SDtajeftät 
prioilegirten Theatro bei bem kärntncr Dh or '' aufgeführt werben 
füllte — alfo eine aftifcfjung oon «Sdjaufpiel, Oper unb SBatlet. 

©in Zettel ber Neuber’fchen Druppe, ber fid) in ber (Samm¬ 
lung oon Dh ea ter$etteln auf ber ©tabtbibliothef gu Hamburg be- 
finbet, fünbigt für ben 7. $uli 1738 im Opcrnhaufc am ©änfe« 
marfte an: „Das rudjlofe Seben unb erfd)recElict)e ©nbe beS ©eit« 
befanuten ®rfs«3aubererS D. Johann fjauft". Aus ben bem 3 c *tcl 
beigefügten Bemerfungen ift gu erfehen, baß bas Borfpiel mit gur 
Aufführung farn. AIS fepensroerthe Sceneric wirb nämlich an¬ 
gegeben : ©in großer Borpof an beS fßluto untcrirrbifchem fßaflafte 
an ben g-lüffen £etf)c unb Adperon. Auf bem gluffe fömmt ©haron 
in feinem @d)iffe gefahren, unb gu iljm ißluto auf einem feurigen 
brachen, welchem feine gange unterirrbifefje ^offtatt nnb ©eifter 
folgen. 

ftür gfranffurt fünbigt ein ^ettel ber ©atlcrotti’fchcn ©efefl» 
fchaft aus bem ^aljre 1742 eine fjauftfomöbie folgenbermafjen an 
üftit gnäbigfter Bewilligung eines £wd)«@blen unb fpod)=©eifen 
ÜJiagiftratS werben bie ^Itltjicr fubjtftirenbe $och«Deutfche Soutöbian« 
ten heute DienftagS ©ine eftra-orbinär intrigante, ooHfomntene mo« 
ralifche |)anpt*Action oorfteßen Betitult: 

Ex doctrina interitus, 

bie unglücffelige ©clehrfamfeit, bargefteßt in bem rudhlofen unb er- 
fchrödlichen lob beS ©eit beruffenen ©rg-gaubererS 
D. Joannis Fausti. 

SKit |)anS ©urft einem oon ben ©eiftern geplagten ffianberSmann, 
unglücffeligen Diener unb einfältigen Nachtwächter. 

Aus bem gleichen Qaljre ift ein gcttel berfelben ©efeflfdjaft mit 
ber Anfünbigung einer gortfefcung p et gfauftfomöbie erhalten, 
betitelt: Das Safterhafte Seben, unb unglücffelige, ja SchröcfenSoofle 
©nbe Johannis Christophori Wagners, ©ewefenen Famuli, unb 
Nachfolgers in bet ^auberfunft beS Fausti. ÜJlit |mnS«©urft, einem 
unglücffeligen Neifegefährten beS ©agnerS, unb oon unterfdjieblichen 
©efpenftern bebienten Diener. 


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©in Ofranffurter S^eaterjettel au« bem $at)re 1767, welket 
«ine int October oon bem ©chaufpielbirector ^ofeph fjelij öon $urj 
(Sernarbon) öeranftaltete gauftaufführung anfünbigt, lautet: 

Mit gnäbigfter ^Bewilligung eine« fpodjebeln unb |)ochweifen 
Magiftrat« bet Sapferl. ©a^l* freien Uteich«* unb |»anbel*@tabt 
ftranffurt wirb heute unter ber Direction be« fterrn Qofeph« 
öon S?urfc al« Entrepreneur Die neu*erbaute Schaubühne er« 
öfnet, unb auf berfelben aufführen: ©ine zwar uralte, weltbetannte, 
auch jnm öftern öorgefteüte, unb auf nerfctjiebene Slrt fdjon ge» 
fe^eue ©rofje MafchinewComödie. ©eiche aber öon nn« Ijente auf 
fold)e Slrt foll aufgeführt werben, baff e« foldjergeftalten wohl 
fdhwerlid) oon anbern ©efetljc^aften wirb fepn gefeiten worben; ©e* 
nannt: 

In doctrina interitus 
Ober: 

Da« lafterooüe Scben, unb erfdjrödlidje ©nbe be« ©elt»berühmten 
unb jebermänuiglich befannten ©rjjaubcrer« 

Doctoris Joannls Faust! 

Professoris Theologie Wittenbergensis. 

9ta<h bem ©innfprudh: 

Multi de stygia sine fronte palude jocantur 

Sed vereor fiat, ne jocus iste fQCUS. 

Da« ift: 

SSiel pflegen oon ber |)öU nur ein ©efpött p machen 
S3i« fid) in ©einen lehrt iljr boshaft freies Sachen. 

Mit Crispin ©inem ©jclubirten ©tubenten«Famulo, öon 
©eiftern iibel öejirter Uteifenber, geplagten Slameraben be« Mephi¬ 
stopheles, unglücflichen Suftfahrer, lächerlichen ©eja^ler feiner 
©chulbner, natürlichen £>ejenmetfter unb närrifcpen Nachtwächter. 

Diefer 3ettel bietet mehrfache« Qntereffe bar. 

SBefannt ift junächft, wie er bei bem fßrebiger*Minifterium Sin» 
ftofj erregte, weil fjauft auf ihm al« Professor theologiae Witten¬ 
bergensis bezeichnet würbe, wa« eine SSerhöljnung be« geiftlichen 
Sehramte« ber „berühmteren Sntherifchen Unioerfttät" inöolöiren 
foHte. Äurj wnrbe auf erhobene 33efcf)Werbe p einem förmlichen 


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©Biberruf gezwungen, unb bie Sßittenberger tßeologifche Sacultät be* 
banfte ftch barob bet bem granffurter ißrebiger*ÜWinifterium. 

©obann ftnbet fich unter ben ©pecialantünbigungen biefeS 
•Settels unter 9to. 10 folgenbe 9totij: ,3 e *8 e * einen ^rety^of ober 
©egräbnißort mit Dielen Epitaphiis, unb ©rabinfchriften. 
Sauft will bie ©ebeine feines oerftorbenen ©aterS aus ber ©rbe 
graben, unb zu feiner 3aubereh mißbrauchen, wirb aber Don beffen 
erfcheinenbem (Seift jur ©uße d ermahnet." ffis wirb hier eine 
©eene bezeichnet, bie unzweifelhaft bem alten Sauftfchaufpiele an» 
gehört hat unb aller 2Baf)rfcf)einlichfcit aud) in bie Don uns mit* 
geteilte ©eftalt beSfelben eingefchoben werben muß, ba wo baS 
SDlanufcript, in ber elften ©eene beS lefcten ülfteS, eine Siicfe auf* 
weift. Die Sßuppenfpiele fennen faft alle biefe ©eene, bie Ueber* 
lieferung beS Sijcher’fchen Ännft*Siguren*£heaterS gibt ihr ben nach* 
folgenben $nhalt: 

Sauft irrt DerjweiflungSDoll auf ber ©traße umher, hört mit 
©ntfefcen bie brohenbe ©timme, welche feine nahe ©erbammniß Der* 
tiinbigt unb zählt angftDoll bie ©lodenfd)läge ber bahineilenben 
©tunben. Da burcfjbli^t plöfjlich ein UtettungSftrahl fein Derzweif* 
lungSDoOeS ®ehirn. 3luS feinen ßauberbüchern erinnert er fi<h, baß 
baS $erz aus bem Seibe eines Derftorbenen eblen, frommen URenfcßen 
ein Talisman fei, Dor bem ber Teufel weichen miiffe, fo ihm folcßeS 
|>erz entgegengehalten werbe. Sauft erblich im f)intergrunbe ber 
©filme, neben ber Äapeüe am ©ingange beS Kirchhofs, baS ©rab 
feines frommen ©aters. ©r fchaubert, aber rafdh entfchloffen er* 
greift er eine bort liegenbe Schaufel unb will ben Leichnam feines 
©aterS ausgraben, um in ben ©efefc beS Talisman zu gelangen, 
beoor bie nächfte ©tunbe fchlägt. Äaum fängt er an zu graben, fo 
fteigt ber ©eift feines ©aters empor, welcher ben rucßlofen ©oßn 
ermahnt, fxd» reuig bem Fimmel zuzuwenben, ober er fei auf ewig 
verflucht unb oerbammt. Sauft taumelt zurüd, bie iEhurmglocEe 
fchlägt unb bie brohenbe Stimme ruft: Sauft, Du bi ft ge* 
richtet! 

Daß in ber £h at biefe ©eene in ber alten Saufttomöbie Dor* 
!am, betätigt S- & ©• ©leper in feiner ©chröber*Siographie, ber 
(I. ©eite 177) berichtet, wie folgt: 


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70 


„Gin Auftritt biefes nie oeraltenben Stoffs war ber erfdhüt* 
ternbfte, ben ©gröber ftdj benfen fonnte. 9?ad)bem fjfauft alles er* 
fchöpft bat, um ftd) aus ben flauen bes Teufels z u retten, ober 
bie f)errfd)aft über itjn unwibetruflich jtt beftätigen, giebt bie tab* 
bala feiner ©erzweiflung ein einziges gräfliches ©littel an, baf) er 
feinem, fürzlich üor ®ram oerftorbenen ©ater bas $jerz aus bem 
Seibe reifte. Gr ftürjjt ftd) in biefcS Sdjrcden; er ftefjt auf bem 
Äirchhofe, er öffnet bas ®rab, er ift im ©egriff bie empörenbe £f) at 
ju ooDiieben: ba richtet ber Seidjitam fid) auf,- giebt bem unnatür* 
lieben ©ohne feinen f$Iucb, unb gauft ftiirfct befinnungSloS ju 
©oben." 

©eftrittener ift, ob eine anbere Scene ber fßuppenfpiele, in 
roelcber gauft’S ©ater auftritt, bem alten $ejte angebört. ©ei bem 
fßuppenfpieler Dietrid) tritt im 2. Sitte gauft’S ©ater auf unb macht 
einen ©erfud), ben ©obn ju befebren, wirb aber oon biefem in ber 
Aufwallung ermorbet. Diefer 3“9 ift fein gufaf) ber fReujeit, 
benn aus bem oben gegebenen ©erid)tc bes ®anjiger ÜtatbSberrn 
®. ©ebröber ift p erfetjen, baf) in ber alten ftauftfomöbie ein Gin* 
fiebler oorfam, welcher ben gauft „oergeblicb ermahnte“. ®ic Um* 
wanblung bes GinfieblerS in gauft’S ©ater ift fpätere Acitberung. 
Urfprünglicb fußt biefe ©eene auf einer Grjäblung aus bem ©olfs* 
buche, worin cS t)ei^t, ein alter frommer SDlann habe ben ©erfud) 
gemacht, ben ffauft ju belehren, fei aber oon biefem übel belohnt 
worben. 

©ei bem fßuppenfpieler 3?ifd)er hat biefe ©eene folgenbe, oon 
®ietri<h’S Aufzeichnung abweichenbe ©eftalt: ©tephiftopheles macht 
bem fjauft zur ©ebingung, bah, beuor oon einer ©erbinbung mit 
ihm bie fRebe fein fönne, ffauft erft zwei £obfünben begehen müffe. 
gauft macht Ginwenbungen, aber ©lephiftopheleS befteht auf feiner 
gorberung unb oerlangt bas Seben oon gauft’S ©ater unb ©lütter 
Zum Opfer, ffrauft fchwanft, aber ©lepljiftopheles weih alle ©e* 
benfen zu befd)widjtigen. Der alte fjauft tritt auf, ©lephiftopheleS- 
ermahnt ben gauft zu rafcf)er $hat unb oerfdjwinbet. ®er alte 
gfauft hält feinem ©ohne eine GrmaljnungSrebe, bringt barauf, bie 
böfe 3 a uberlunft zu meiben, ein frommes Seben zu beginnen unb 
fich wieber bem Fimmel zuzuwenben. ®er üerftoefte, trofcige gauft 


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71 


ftößt feinen ©ater, als biefer ifjn fanft ennabnenb umarmen miß, 
mit ber fpanb non fid). Saum non ber $anb bes Sohnes be* 
rührt, ftürgt ber alte 2J?ann tobt gu ©oben. 'Der erfchrocfcne fjauft 
ruft nach 372cf>t)iftopE>cled. Dicfer erfdjeint hohnladjenb unb erftärt, 
baß er feinem ©erfpred)en gemäß tjeimlicb geholfen unb ißm ben 
UJiorb erleichtert, auch wäßrenb ber 3 e ’t fjauft’s ©tutter burch ©ift 
befeitigt t>abc. f^auft fann nun nicht met)r gurüd, unterfcßreibt mit 
feinem ©lute ben ©ertrag unb fährt auf feinem üftantel fofort nach 
fßarma gu bem fiirftlidien ©cilager, wo er ©ßrc unb Stußm gu er* 
werben hofft. 

©oetße bürfte aus biefer Scene, wenn auch nur inbireft, baS 
UJtotio gu feiner ©a(entin»@pifobe gefd^öpft haben. Ob er felbft bas 
alte ©olfsfcßaufpiel noch auf ber ©iitjne gefeiert, mag bahingefteflt 
bleiben, ®elegenheit bagu hot er (ebenfalls wäljrenb feines Slufent* 
halteS in ftranffurt gehabt. Zufällig ift es gewiß nicht, baß er, 
won ber SErabition ber Sßuppenfpicle abweichenb, feine große Dich* 
tung mit einem ©orfpiele eröffnet, baS, wenn eS uttS and) ftatt in 
bie Unterwelt in bie lichte Stegion beS JpimmelS fährt, bod) in mehr 
als einer ©egießung an bie einleitenben Sceneu beS ©oltSbramaS 
erinnert. ©iS gu ber in ber dpejcnfüdje fpielenbcn Scene folgt 
überhaupt ber erfte iljcil ber gewaltigen ©oethe’fchcn Dichtung 
ziemlich getreu ber alten Uebcrlieferung. gauft’S SOtonolog f>at fich 
aßerbings gu einer gangen Scenenfolge erweitert, aber es ift 
merfwürbig, wie in biefer ber alte ©runbton wieberflingt. Das 
berühmte „fpabe nun, ach" läßt ftch ebenfo wie eine gange Steiße 
anberer Steflen bireft auf ben ffiortlaut beS alten SdßaufpielS gu* 
räcffüßren. Wucß bie |)anblung fchließt ft<h im Anfänge ber ®oethe’* 
feßen Dichtung biefem an; bie Störung burch ffiagner, bas erfte 
ffirfeßeinen 2Q?ephifto’S in ber ®eftalt eines fahrenben Schülers (im 
©olfsfehaufpiel aßerbings hinter bie Scene oerlegt), bie ©eiftercita* 
tion, ber Hbfcßluß beS fßafteS erft bei ber gweiten ©egegnung mit 
bem ßößifcßen Slbgefanbten, baS aßeS fütb altüberlieferte $üge beS 
urfprünglichen fjauftbramas. ffiie bie ®oethe’fche SEragöbie, fo ger* 
fäflt auch baS ©olfsfcßaufpiel in gwei giemlich fcharf oon einanber 
gefonberte Dßeile, bie fßaftfcenen unb baS SDtagierleben fowie bas 
•©nbe bes Äbepten; bei ber granbiofen, weit über ben hergebrachten 


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72 


Warnten bet SAßne hinauSftrebenben ©onception Ooettje’ä mußten 
biefe Itjeile bie ©eftalt von gefonbetten Dichtungen annehmen, 
äßancßes in ben leiteten, fo im ^weiten Dßeile bie gefamtnten 
$elena*©cenen, würbe uns oßne bie ©rinnerung an bas alte gfauft* 
brarna gänglicß unverftänblicß bleiben, ln bicßtetifchem Söerthe ift 
natürlich mit bem Inhalte ber ©oetße’fchen Dichtung baS alte 
VolfSfcßaufbiel nicht ju vergleichen, unb bod) überragt es in einem 
fünfte alle fpäteren ffauftbicßtungen, bas ©oethe’fche ÜJieifterwerf 
nicht ausgenommen, in ber ©onfequenj unb ber urfotfinglichen Sraft 
feines tragifcßen ©runbgebanfenS. ©8 war fein Zufall, wenn bie 
Vorliebe beS beutfdjen SBoIfeS ftcb immer wieber bem in bem alten 
©cßauftriele juerft fünftlerifcß gemöbelten «Stoffe guwanbte, unb bei 
bem Sßieberaufblüßen unferer Siteratur berfelbe 3 aßIlofe Vcarbeitun* 
gen erlebte: man fühlte eben inftinctiv, baß er in ber alten Sühnen« 
geftalt ein Problem in ftcb berge, wie eS größer fein Dichter auf* 
jufteffen vermöge. 

ÜWadjbem wir fo gefeßen, baß ein altbeutfcßes Volfsfcßaufpiel 
vom Doctor Qfauft wirflid) vorhanbcn unb auf bet beutfdjen Süßue 
ßeimifcß war, unb wir bie wefentlicßften $üge beSfelben uns, wenn 
auch in flüchtiger ©fijje, vergegenwärtigen fonnten, erübrigen 
nur noch einige ©orte über ben Urtyrung beSfelben. Die erfte uns 
erßaltene Nachricht über bas VoIfSfcßaufinel ftammt aus bem $aßre 
1669. SBahrfcßeinlich war boSfelbe jeboeß f<h° n weh 1 3 >vet 
SOtenfcßenalter früher vorßanben. 3 U einem ©«bluffe in biefer Stieß* 
tung finb wir berechtigt, wenn wir bie Quelle in’S luge faffen, 
aus welker baS Scfjaufpiel erfloffen ift. @S ift bieS bie gereimte 
luSgabe beS ^auftbucßeS, bie „fpiftoria f^aufti", bie im Qaßre 1588 
bei $oä in Tübingen erfeßien. fffaft für jeben $ug unb jebe ein* 
jelne ©eene beS ©cßauftnels finben wir in biefem SBerfe ein Vor* 
bilb; feine Steimverfe haben fteß fogar 31 t gutem Dheüe in ben 
llejanbrinern erhalten, welche, wie in bem VoIfSfcßaufßiele, fo auch 
in ben ^Sitpfcenfpielen 3 uweilen bie $rofa beS DejteS unterbrechen. 
Ütun wäre es aber unbenfbar, baß bei ber ungemeinen Verbreitung, 
welche biefe Unterlage fofort fanb, unb bei ber allgemeinen Veliebt* 
heit, beren fieß jur $eit ih r ?^ ©rfeßeinens bramatifeße Spiele irr 
Deutfcßlanb 3 U erfreuen ßatten, eine Sühnenbearbeitung noch S a h r ^ 


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73 


jehnte tjätte auf fiel) »arten laffen follen. SÖSar bodj ber populäre 
Stoff fchon bi« nac§ ffinglanb gebrungen unb bort non bent branta* 
tifdjen Dichter ÜHarlowe, beffen „^auft" nachweislich feine erfte 
Aufführung ant 30. September 1594 erlebte, praltifdj o erwerbet 
worben. ©3 {ft möglich, trenn bi« jefct auch nicht nachgetoiefen, 
bafj bas üJtarlowe’fche Stüd burch englifche Schaufpieler in Deutfeh* 
Ianb jur Aufführung gefommen ift; bas Sorbilb für baS beutfdhe 
SollSfdjaufpiel ift es aber leinesfalls gewefen, benn bie toefentliehen 
3üge beS lederen fehlen ihm gänjlid). Dafj beibe Stüde manche 
Aehnlidjleit mit einanber aufmeifen, ift inbefj natürlich: ftnb fte bo<h 
aus äl)nlidhen Quellen herborgegangen. SBie bas beutfdE>e Solls* 
fchaufpiel bem gereimten, fo folgt bas äÄarlowe’fdje Stüd bem 
älteren profaifepen fjauftbuche, baS 1587 in fjranffurt bei SpieS 
herauSgefommen war. 

ütfit bem lebten Viertel beS »origen ^ahrljunberts würbe ber 
fjrauftjtoff bem ©ebiete ber Soltsbichtung entrüdt unb in baS ber 
Jhinftbidjtung »erfefct. Das glänjenbe ©eftirn, in beffen Beiden 
btefe bamals in Deutfdjlanb ftanb, fottte auch bem alten Solls* 
fdjaufpiete ftch günftig erweifen. Aus ber beliebteften bramatifchen 
Dichtung ber beutfehen Sorjeit würbe bie bem 3nh°l te nach be» 
beutenbfte ber STCeujeit, ja eine ber gewaltigften Dichtungen aller 
feiten unb aller Söller: »aS baS alte Schaufpiel nur geftammelt, 
Kinbet fie mit berebtem SEBortc unb in bühprambifchem Schwünge, 
baS Problem beS ÜJtenfdjen, baS ju bem ber üftenfepheit 
fiep fteigert! 

5Radh Scenbigung beS Sortrags würbe »on einem ber in ber 
Serfammlung anwefenben ©enoffen mitgetheilt, baff baS alte Solls* 
fdjaufpiel mit allen wefentlicpen ber mitgetheilten 3ügc n°<h in ben 
Dreißiger Qapren biefeS ^aprhunberts in Offenbadh burch eine 
SBanbertruppe jur Aufführung gelommen ift. SDcit ^eftftetlung biefer 
SThatfache fchlofj ber Sorftfcenbe bie Serfammlung. 


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74 


Hl. Vorträge uttb ®at(cfnngen. 

9lm 13. Februar, 9lbenb« 8 U£»r, fanb im Si{jung«faale be« 
©oettyehaufe« bcr erfte 93ortrag«abenb mit ©i«cuffion ftatt. 

$err ißrofeffor Subwig 33 ü cf» n e r au« '©arm ft ab t fjatte ba« 
Referat über ein ©hema übernommen, ba« in neuerer 3eit (nicht 
3 um geringften burd» bie STtjätigfeit be« (genannten) eine allgemeinere 
Seactytung gefunben f»at, unb bem namentlich oon mebicinifcher ©eite 
bie größte ^Bereicherung ju 3Tt»eiI geworben ift: bie 93ererbung 
fowohl ber ärgerlichen wie ber geiftigen ©genfctyaften. ©ie ®e= 
fchlectyter ber ÜRenfdjen ftef>en ju einanber in ewiger 9Bechfelwir!ung, 
jebe ©eneration ftctjt auf bcn Schultern ber oorhergcgangenen. Aeber 
einzelne ÜHenfcty müßte otyne 93ererbung gleictyfam oon oorne an* 
fangen, ©ie Scnntniß ber allgemeinen ©cfejjc ber @rblicf)feit, bie 
erft in ben lebten jwanjig fahren namhafte gortfcßritte gemalt 
hat, ift aflerbing« fcfjon alt. Speciell bie 93ererbung ber Sranftyeiten 
war in ber ÜWebicin oon jeher anertannt; ebenfo gilt biefe« oon 
ber Züchtung bcr ©hierc. Eh ar ^ eg ©cirwin h llt bie SS^eorie mit 
wiffenfchaftlicher 93egrünbung weiter oerfolgt. Schon oor ihm hatten 
93u§arainguc« (1828) unb fßrofper Suca« (im ^ahrc 1847), 
namentlich aber®. Ser oh fte einbriitgenb ftubirt; erftere mehr nach bem 
@efi<ht«pun!t ber ßuriofität, letytcrer in feinen hcroorragenben „93riefen 
über bie Anteiligen j unb fßerfectibilität ber ©hiere", loelche er, in 
ber Aurctyt oor ben 93erfolgungen ber Sorbonne, 1764 unter bem 
©itel eine« Nürnberger ^hhß^ er§ erfd^einen ließ. 91 ber biefe 2ln* 
regungen blieben ohne ©rfolg. Nur ber beutfctye ißhhft°l°9 e ©urbadh, 
einer ber geiftooüften feine« %a<fycg, hat bereit« Ülnbeutungen, welche 
bie SBicbtigfeit ber 93ererbung anerfenncn. 

@r betont, baß „bie Slbfunft größeren (Einfluß auf unfern 
förperlictyen unb geiftigen Sljaralter h a & e , al« alle äußeren materiellen 
unb pftydjißhen (Einwirfungen." 9lu<h bie (Englänber Nott unb 
©übbon h“6en in einem betannten ©Berte über bie ©typen ber 
ÜWenfchheit bereit« im Aaljre 1854 ben ©ebanfcn oon ber maß* 
gebenben 9Birfung ber 93ererbung auf bie gefammte menfctylube Kultur 
an«gefpro<hen. 2lm Sebtyafteften f»at ficty oon je für bie ©tyeorie bie 
9Biffenfd»aft ber SNebiein intereffirt, weil bie 9Sererbung ber Sr an!* 


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75 


Ijeiten tt)t in ber auffaüenbften SBeife entgegentrat. S« gab auch 
für fie nicf)t nur eine leibliche, fonbern auch eine geiftige Vererbung, 
welche ftct> am ftävfften in ben ©etfteSlranlbeiten manifeftirte. (Sin 
gute« drittel, oicHeid)t bie $älfte aller biefer, läfjt fid) als erblich 
nadbweifen — ein 93erE)ältni§, wie es bei anberen Äranfbeiten faum 
oortommt. Die ÜJiebicin wie« auch ein ®efe| ber 6 rblid)!eit nach, 
welche« fid) nid)t burci) birecten Ucbergang non ben Sltern auf bie 
$inber, fonbern auf bie Seitenlinien ober fpäteren 9iact)fommen 
ber Familie äußert: bie latente ober rüdfciUige ©ererbung. ©ei 
ber 3rarbenblinbl)eit (Daltonismus), ber fpäntopfilie (Slutfranffyeit) 
werben häufig einige ®cnerationcn überfprungen. Der ÄtaoiSmu« 
ift ber twebfte ®rab biefer fprungweifen ©ererbung. Darwin wie« 
j. ©. bei unferen heutigen Daubetudtacen bie bisweilen oorlommenben 
dfterfmale ber urfprünglidjen wilben JelStaube nach, bei welcher fidb 
fd)War 3 e Streifen auf blauem ©runbe im ©efieber 3 eigen, ©ei 
^ßferbe* 3 fütlen finben fid) mitunter jwei 3 e ^en am $uf, dtefte ber 
©ilbung be« alten Stammoater«, be« $ipparion. Ärn menfd)lid)en 
Körper finb bie UHuSfeln be« Ol)r« befanntlict) ein SHeft ataoiftifdjer 
©ilbung (bie au« ber 3 «* be« häufigen ©ebraueb« im .ßuftaitbe 
ber D^ierl(eit tjerrübjren), be«gleid)en ber fingerförmige Änfafc am 
©linbbarm (ber fog. SBurmfortfafj), ber gerabep für ben 2 )ienfd)en 
fc^äblict) fein fann; ferner bie 9?i<fbaut be« Äuge«, bie ©etjaarung 
ber $aut u. f. w. Die lernte erfannten weiterhin auch bie fyomo* 
d)rone ©ererbung, welche fid) barin iiufjert, baff gewiffe DiSpo* 
fitionen unb ®ran!^eiten jebe«mal nur in einem beftimmten Sehens* 
alter auftreten: bie Seropbeln in ber Sinbljeit, bie Duberculofe 
oorpgSweife im Jünglingsalter, ber ©lutauStritt im ©et)irn (ber 
al« Scblagflitfj bejeidjnet wirb) oorwiegenb im gereifteren Älter. 
Äucb erworbene Sranftjeiten werben oererbt. Der englifdje Ärjt ©etl 
bat beobachtet, bajj englifdje Sltern bie in Jnbicn erworbene 
DiSpofttion ju Seberlranfljeiten auf if)te Sinber in Snglanb weiter 
oererbten. Äbnormitäten, wie bie §afenfd)arte, ber Silumpfuf), bie 
©ielfingerigfeit (ißolpbaftplie) werben leicht oererbt. Sine ber merf* 
würbigften ©ererbungen bilbet ba« ©orfommen ber fog. Stachel* 
fdjweiwüJienfcben, eine ftachlidhe ©ilbung ber fpautoberfläd)e, bie ficb 
in einem beftimmten JaH über einige ®enerationen einer Jamilie 

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76 


»eitet »ererbte. Serbilbete Ringer werben guweilen »ererbt. (Sine 
Steihe anberet franfhafter ©rfcheinungen, wie bie ©pilepfte, ift erblich. 
Anbere fönnen als erworbene weiter»ererbt werben: bie gefrümmte 
Haltung beS DberförperS bei Streinern unb gimmerleuten je. Sei 
Wenfcljen werben Serftümmelungen nicht immer übertragen. ®ie 
fünftliche Serbilbung ber Sopfes, welche bie Qnbianer m <t it)ren 
Äiitbern »orne^men (berfelbe wirb t)ie unb ba in Sretter eingegwängt, 
um eine eefige fjform gu erlangen), bie moberne £aitlen»Serbilbung 
ber grauen burd) ©infcfjnüren, ber »erfümmerte fffufj ber @()tnefen 
finb in bet §auptfa<he nicht erblich- (Sinige auffaüenbe Seijpiele 
»ererbter Wiffbilbung würben Südjner jeboclj in brieflichen gufchriften 
mitgetheilt: gefürgte Otjren unb gefügter Schwang traten bei einem 
neugeborenen |)unbe auf, beffen Sater biefe Sörpertheile burch 
Amputation »erloren h atte - ®m Sauunternehmer in SBeftfalen 
theilte bem Sortragenben einen fjatl mit, in welchem eine (Snte mit 
gebrochenem rechtem Flügel adht $unge hatte, beren gwei an ben 
klügeln AuSwüchfe in ber fjorm eines gefonberten fftfügelpaares, 
4—5" lang, mit fjlugfebern hatten. Allgemeine Regeln laffen ft<h 
aus biefen ©rfaljrungen nicht ableiten; fie geigen nur bie weitgehenbe 
Wacht ber Sererbung in einzelnen gälten, ©ine wefentliche ©in» 
fchränfung erfährt bas ©efeh baburch, bajj ftd) bie ©rblichfeit nie» 
mals als eine »ollfommene barftellt. ©ang gleiche Sebewefen laffen 
fi<h überhaupt nidjt nachweifen, wie beim Saum fein Slatt bem 
anbern »ollfommen gleicht. $ebe3 einzelne SBefen hat inbi»ibuette 
3üge, bie mitunter nur für bas geübte Auge erfennbar finb. Unter 
ben einzelnen £h‘ eten einer ©chaafheerbe, welche »ielc Wenfchen für 
gleichen AuSfehenS halten, finbet ber Schäfer ftets bie Serfdfiebenheit 
unb fennt bie ©ingelnen. ®ie in ßolonien lebenben Sögel, welche 
in Saufenben unb Abertaufenben gufammen niften, erfcheinen bem 
flüchtigen Seobachter »ötlig conform; aber jebeS ^ßaar fennt fich felbft 
gegenfeitig unb, was bas ©rftaunlidhfte ift, finbet fein 9teft unter 
taufenben gleicher ober gang ähnlicher mit Seidjtigfeit h era uS. @S 
ergeugt ©leicheS alfo nicht ®leidjes, fonbern höchftenS ergeugt Aehn* 
licheS AehnlicheS. $mmer finb einige Unterfchiebe »orhanben. Sei 
ißflangen unb Steteren ift bie Zuchtwahl f)äufig: bie Slutbuche, bie 
£rauerwe'tbe, bie Otter» unb Werinofchaafe, baS ungehörnte 9Rinb 


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77 


Sßaraguaps finb auf biefc ©eife, tßeils burcß willtüvlicße ,3ücßtung 
beS SJienfcßen, entftanben. Die iJJatur tt»ut bas ®leicße. Sie ßebemclt 
ift in ftetcm ©ecßfcl; „alles fließt", rote $eraclit fagt. Der an« 
fcßeinenb ftarre f^ii'fter«J)intmel ßat unenblicßeS Sehen unb ^Bewegung. 
Die Srblicßteit fomntt erft jur ooüen Sßebeutung burd) ißre ©irtung 
auf baS geiftige fieben. SBeint SJRenfcßen werben große Sßeränberungen 
feiner förperlidjen 9latur nicßt meßr ju erwarten fein, außer 
ber ©eiterbilbung beS ©eßtrttS. Umfomeßr ift bie Sßererbung auf 
bem geiftigen ©ebiet bott ©ewicßt. anatomifcß ift biefesS ebenfalls 
ein ÄörperlicßeS, bie ®eßirntßätigteit. Darwin tjat barauf weniger 
©ewicßt gelegt, obwohl bie ©icßtigteit biefer Dßatfacßen für ben 
ÜRenfcßen eine weit größere ift. Sin Slutor, welcher bie geiftige 
Vererbung als Dßeorie beßanbelt, ift in neuerer 3«it ber granjofe 
SRibot. Sr ift in öejug auf bie Dßatfacßen untritifcß, ßat aber 
bocß SDiancßes nacßgewiefen. Die geiftige Vererbung ift nacß ißm 
weit auffattcnber nocß als bie törperlicße; fte erflärt ftcß aus ber 
anatomifcßen 93efcßaffenßeit beS ©eßirnS. DiefcS nimmt bie Sinbrüde 
feiner labilen Sefcßaffenßeit ßalber Ieicßt auf, es erßält bas meifte 
S91ut unb ßat ben regften Stoffroecßfel. Die 93eifpielc ßierfür finb 
feßr saßlreicß; ber Sßortragenbe ging nicßt näßer barauf ein, fonbern 
DerwicS auf feine Scßrift: „Die ÜRacßt ber Sßererbung" (Seidig 1882). 
©enn bie ©irtung ber geiftigen Sßererbung nicßt immer auffaUenb 
ßerüortvitt, fo liegt bieS naeß öücßner’S anfießt in ber Äreujung, 
welcße auf bie anbere Seite neigt, ober in SebenSumftänben, wie 
Äranfßeit :c. SBücßner beßauptet, baß im allgemeinen ber Soßn 
meßr ben Sßater, bie Docßter meßr bie äRutter repräfentire. Diefer 
allgemeine Saß wirb im fpccietlen galt feßr ein^ufeßränten fein, 
befonberS für bie Sßererbung ber ßößeren geiftigen Sßotenjen, welcße 
ßauptfftcßlicß Dom Sßater abßcingen. Seßopenßauer ßabe freilid) bas 
gegentßeilige ajiom aufgefteüt: baß ber SDlenfcß ben gntellect Don 
ber ÜRutter, ben Sßaratter üon bem Sßater ßabe, wofür er felbft 
ein fprecßenbeS geugniß war. Qoßanna ©cßopenßauer, Saetitia 
SBonaparte, bie grau SRatß ®oetße tonnte er mit ®runb anfüßren. 
Das Qnbioibuum, bemerft Sücßner, fei im allgemeinen ein ®emifd> 
ber ©eiftes* unb Sßaratter=Sigenfcßaften beiber SItern. gamilien» 
anlagen ßaben ftrti w ; c bei ber gantilie Sßaeß bie 3Rufit, bureß 


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gange Generationen fortgepflangt; ber fricgerifcbc Seift mancher 
9?ationen wie ber Gallier, ber St'aftengcift beS SlbelS (melier S^arafter» 
Gigenfchaften »ererbt) unb ber $nber beruhen ebenfalls barauf. “Der 
tnbifcfie Gcfe|geber SJlanu fprid)t es gcrabegu aus, baß ber <2ot)n 
mit ben Gigeufd)aften feines 33aterS begabt fei, unb baff ber in einer 
nieberen ®afte Geborene bie üfterfmale feiner nieberen Slbfunft geige. 
Unfere heutige Gcfcllfd)aft geigt feljr (cid)t bie Slbfunft beS Gittgelnen 
aus mehr ober weniger gebilbeter Familie, aus höherem ober nieberem 
@tanbe. Sinbcr ber 9?aturpölfer t^ben oft gute Einlagen unb taffen 
fich erziehen, aber nur bis gu einem geroiffen Grabe. 

Dies fährt auf ben überaus wichtigen Ginfluß uon Grgiehung 
unb 33ilbung, ber fehr beachtet werben muß. GS ftetjen fid) hier 
gwei $h eorien gegenüber: bie eine, »on bem englifcheu ^St)itofof?t)cn 
Code unb bem grangofen fpeloctiuS repräfentirte, welche ber Grgiehung 
SllleS gufdjreibt unb bie geiftig bebcutcnbften ÜJlcitf^en aus ben 
bümmften Sünbcrtt h cr forgel)en läßt, unb eine anbere, Welche baS 
Slngeborenfcin beS Genies behauptet. gur Unterftü|ung ber leßteren 
Slnfi<ht werben g. 33. @h n MP l 'are, Napoleon I., Schiller genannt. 
Welche fich burd) bie wibrigften Grgiehungs»erl)ältni}fe burdjgearbeitct 
haben. £)ie 3Bat)rljeit fdjeint bem SJortragenben in ber ÜJJitte gu 
liegen: beibe ülfomente müffen gufammenwirfen; bie größten Sin* 
lagen fönnen nichts erreichen, Wenn fie nicht ergogen unb auSgebilbet 
werben. Gin äJfangel erblicher ^ätjigfeiten !ann burch feine Gr* 
giehung, burd) fein Semen erfefct werben. "CaS Genie bringt nicht 
immer burd), es ift »on ben Umftänben abhängig. ©ie »iele Genies 
mögen gu Grunbe gegangen fein, bie unter günftigen 33erhältniffen 
entwidclt worben wären! $ür bie Vererbung ift bie fjrage beS 
Genies nebenfäd)lid)- 1>er Gingelne ift bas mittlere fßrobuct »on 
Grgiehung unb angeborenen gäßigfeiten ; beibe halten fich bie ©age. 
33ei großen Slnlagcn h fl t ber fßäbogoge leichtes Spiel. Gin SOlenfclj 
mit geringen Gaben fann aber in Siolge guter Grgiehung ben Gin* 
bruef eines intelligenteren Kopfes machen, als ein bebeutenb 33ean* 
Iagter, bem nicht bie 2liöglid)feit ber SluSbilbung gu Jheil würbe. 

'Die Sunfttriebe unb ^nftinfte ber £h< ere geigen bie Singeboten* 
heit noch beffer. ©enn bem 33iber fein wunberbarer 33autrieb an* 
geboren ift, fo wirb er bo<h erft burd) eine »ollftänbige Grgiehung gum 


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79 


©au angeleitet ; bet junge ©iber bleibt nicht weniger als brei Qa^re 
bei ben Stilen unb wirb !unjtgered)t unterwiefen. Stil ein würbe er 
niemals »otlftänbig bauen lernen. glourenS tjat im ^Sarifer jardin 
d’acclimatisation ©erfuclje in biefer 9tid)tung gemacht. Der Wanber* 
trieb ber SBögel, bas (Stehen ber ^agbhunbe finb ebenfalls fprechenbe 
©eifpiele. Das nicht ©rflärbare im Dht ei 'leben nnb in beffen inftint* 
tioen Slntrieben ift in ber ©ererbung begrünbet. Der widtjtigfte 
Qnftinct betrifft bie moralifche unb intettectueUe ©ererbung. Die 
Slpriorität ber Dentformen, bas Sittengefefj (ffant’S tategorifcher 
^mperatiü), bie Willensfreiheit gehören hierher, ©epglich ber Ueber* 
tragung enblich arbeitet bie Statur mit ben lleinften ÜJiitteln, was 
ber ©ortragenbe burch eine nähere Definition unb ©efchreibung ber 
männlichen unb weiblichen ^eimjeüe im (Sinjelnen nachwies. 

Sin ben ©ortrag fcfjlof} fich eine DiSfuffion, worin »ergebene 
Slnwefenbe fich ben SluSführungen anfchloffen, währenb $err Dr. med. 
glefd) ben ©eweis für bie ©ererbung im ©anjen für unerbracht 
erflärte unb auf bie neueren Unterfuchungen Äoch’S über bie Sin* 
ftedungSteime ber Duberculofe hinroieS. Segtcre würben »on fperrn 
$rof. ©üchner für eine noch nicht abgefctjloffene fjrage erflärt; 
übrigens fei bie Uebertragung ber Srantheit burch ©ererbung baburch 
nicht ausgefchloffen. 


|>err Dr. Subwig ©raunfels hielt am 25. gebruar, ©or* 
mittags 11 Uhr im SifcungSfaal beS ©oethehaufeS einen ©ortrag 
über „bie ßlptnflere beS Sßrinjen Don GarloS nnb beS 
Königs ißhiüPP n. bei ben fpanifchen Dramatifern aus 
ber llaffifchen geit ber fpanifchen ißoefie, b. i. bem fieben* 
zehnten hrljunbert.“ Der ©ortragenbe gab pnächft nur 
ben erften SCheil feiner SluSführungen. Qnbem er bie ©runbjtige ber 
angebeuteten ©haraltere entwarf, wie fie fich namentlich in ben 
Dramen ber jwei bebeutenben Dichter SDSontaloän unb ffincifo finben, 
fteHte er intereffante ©ergleichungen an jwifchen ber ibealiftifchen 
DarfteBungSweife Schillers unb ber realiftifdjen 2J?ontal®&nS, unb 
jeigte wie bei. jenem bie ©efchichte pm SRoman, bei biefem pm 
halb wahrheitsgetreuen, h“l& offijiöfen befchönigenben ßjtraft wirb. 
Qnbem er bie fcharfe ©h a fd?tertftif beS Spaniers im ©egenfafce p 


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80 


bet uns peutgutage mepr conoentipnell erfcpeinenben Färbung beS 
beutfdpen dicptwerfs geigte, gab et grelle ©inblicfe in eine $eit, 
bie, wenn audp einft non ben Spaniern als bie ölütpe ipres polt* 
tifrfjen SebenS gepriefen, bocf» jept bei allen Äulturoölfem nnb bet 
ben Spaniern felbft nur bie ^Befriedigung barüber peröorruft, bafj 
fie norüber ift opne ffiieberfepr. 

SBir werben auSfüprlicpen SBericpt über ben SBortrag nacp ber 
gweiten ?lbtpeilung beffelben geben. 


9fn betn am 27. giebruar abgepaltenen diScuffionSabenb er* 
öffnete $ert Stabtardpioar Dr. ©rotefenb bie Sipung butcp 
einen SBortrag über bie „beutfdpen üftonatSnamen." SRebner 
ging aus non bem unter ber ©bmannfcpaft bes ipertn Dr. SSolger 
gemalten SSerfudje, einen £)ocpftiftSfalenber ben ©enoffen gu 
octropiren, inbem man für bie lanblfiufigen talenbarifcpen SBegetcp* 
nungen ber URonate anbere tpeils übernommene, ttjetls felbft erfnn* 
bene tarnen an bie Stelle fegte, beten Änmenbung man möglidpft 
gum offtgieden ^ocpftiftsgebraudpe gu machen befliffen war, wäprenb 
man begrünbete ©inwürfe bagegen, wie g. SB. bes $errn Dr. SRönfdp 
aus Sobenftein burdp ÜReifterfipaftSbecrete tobt gu machen oerfucpte. 

demgegenüber ftellte Mebner gwei dpefen in ben SBorbergrunb 
feinet SBetracptung, 

1) bie ^Benennung ber üftonate ift eine Sacpe bes internationalen 
SßerfeptS; 

2) eine einfeitige Stnwenbung beutfipcr ÜRonatSnamen ift nicpt 
augängig, ba bie beutfdpe Namengebung für bie üJionate t>on 
jeper in Ianbfdpaftlicpen ©igenpeiten fdpwanfte, unb je|t in 
deutfdplanb nur in öerfcpwinbenb geringer lanbfcpaftlicper 
Slusbepnung auf SBerftänbnifj redpnen fönnte unb aucp ba nur 
in einer öon ben £>ocpftiftSnormen abweidpenben Ncipe. 

den erften ber ©rünbe pat bereits $err Nönfdp in auSreidpenber 
SBeife in ben SBorbergrunb gefteüt, er ift fo felbftoerftänblidp, baff 
man ben SSerfudp ber $inwegleugnung beffelben faum für möglidp 
palten follte. den gweiten biefer ©rünbe bagegen begeidpnete Nebner 
als bisper in ^ocpftiftsfreifen nodp nidpt genügenb erörtert, unb 
wanbte biefem baper fein ^auptaugenmerf gu. 


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81 


Die ältefte (Einteilung bc£ $af)reg bei ben Deutften war in 
gwei, brei ober oier größere ßompleje: SCBinter unb ©omnter 
(im rise und im love, bi stro und bi grase) ; bie Dreiteilung 
in rettliten Altertümern (2Bei£tl)ümern), nat ber fit aut bas 
Dreibing rittete, bas ungebotene Sanbgetitb ba$ jäb»rlit p brei 
fjrooinjietl oerftiebenen $eiten abgeljalten würbe; bie 35iert£)eilung 
ben oier QaljreS geiten angemeffen unb barum ftt länger 
erl)altenb. 

Die aWonatönamen waren bemnat wie aut SHonate leine 
beutfte ©rftnbung; baS 93ebürfntf? nat tnen entftanb erft mit ber 
Hebetna^me ber $nftitution felbft, unb fo würbe benn Säte unb 
Harne gleitjeitig übernommen. Die 93 e weife hierfür liegen 

1) in ber Abweitung ber älteften füb« unb norbgermaniften 
(gotfjiften unb angelfätfift^n) Flamen, fowie in ber aut 
fpäter auftretenben grofjen äflannigfaltigleit ber 99egeitnungen, 
unb bem ©twanlen einzelner tarnen für mehrere Mtonate; 

2) in bem ©twanlen gwiften allgemeinen Zeitangaben ( na t 
(JatjreSgeiten ober fjelbwirtftaft, g. 93. höwet, erne, brächet, 
wimmet) unb befonbeten SDlonatSworten; 

3) in ber Seittigleit bet 95erbrängung ber beutften 'Hamen 
burt bie talenbariften römiften. 

Die got^iften unb angelfätfift en Flamen finb für bie @nt« 
widelung ber beutften ÜJlonatSnamen oljne 93elang.*) Die Mete 
berfelben beginnt erft mit tarl bem ©rofjen. Diefer legte (nat 
ffiin^arb’ä 93eritt) ben Hionaten Hamen aus ber Hiutterfprate bei, 
ba fie bisher bei ben Uranien teils mit lateiniften, teils mit 
barbariften (wol)l leltiften) Hamen begegnet würben. Aufjet 
Hornung finb es mit SHonat gufammengefefcte Hamen. Windume- 


*) SRebner fc^toß ftch in feinem Vorträge bielfach ben Ausführungen eines 
1869 (in ber ^atte’fdjen i^aifenhauS * $uchh«nblung) erfdjienenen ©d^riftd^cnS 
non Äart SBeinholb an, baS bisher felbft in beutften ©elehrtenf reifen teiber ju 
tuenig berbreitet ijt # ba eS, eine ©egrüßungSförift ber beutften tphitotogen- 
$erfatnmlung $u Äiel, roie es fdjeint burch 3 u f ö ^ nicht in ben geiziger 2Reß- 
fatalog aufgenommen mürbe. SRebner, ber baS ©djriftchen $ur Vorlage braute, 
hat fchon an anberer ©teile, in feinem 1872 erfdjienenen $anbbud) ber (£h^ono- 
logte ©. 31, baranf aufmertfam gemacht. 


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82 


manoth oon bem Iateinifd^cn Vindemiae (bie SBeinernte) h fl t fitfy 
nicht lange gehalten, es machte bem einfacheren ©einmonat ^SIa|; 
Witumanoth = ^poljmonat !ommt fonft nid)t oor. @ie waren wohl 
Karl’S eigene ©rfinbungen, bie fich beShalb nicht lange im Sßolfe 
hielten. ©onft hot Karl im ©anjen feinen $wed erreicht. ©eine 
fßeihe bilbete, foweit bie beutfchen tarnen überhaupt neben ben 
römifchen gebraucht würben, ftets bie ©runblage unb ben SluSgangS» 
punft bet - Sntwictlung. Mein felbft Sari machte niemals non ben 
beutfchen Monatsnamen irgenb einen offiziellen ©ebrauch, feine 
Kanzlei wie bie Kirche bebiente fi<h nach wie oor ber römifchen 
^Bezeichnungen unb fo fam eS benn, baff fchon früh fich bie all* 
mähliche Aufnahme lateinischer Monatsnamen in bie beutfchen SReihen 
geltenb machte. Jänner, März, Slpril, Mai unb Mguft finb als 
vollberechtigt in ben beutfchen ©prachfehofc aufgenommen. Qänner, 
März unb Mai finb babei einer lautlichen SSeränberung unterworfen, 
März unb Mai finb fchon bei mittelalterlichen Dichtern (z. 83. 
Söalther oon ber 93ogelweibe) zu 93egriffSwörtern mit übertragener 
SBebeutung geworben, fte finb wie auch ber Slpril oom SBotfe in 
feinem ureigenften SBefi^thume, bem ©pridjworte, zur Sßerwenbung 
gebraut. Qa ber Sluguft, ber uns heute faft fremb anflingt, h at 
fchon im XIII. ^ahrtjunbert zur SBilbung eines beutfchen SBerbS 
austen = ernbten ben Stamm bilben müffen, bem heutzutage ber 
es noch gebrauchenbe norbbeutfehe Sanbmann feinen fremblänbifchen 
Urfprung ootlftänbig abfprechen würbe. 

@S h«tte fich fomit im XY. Qfahrhunbert bereits eine für ben 
größten £h e >I Deutfchlanbs gültige fReihe oon Monatsnamen feft* 
gefegt, bie namentlich burch bie Stbhängigfeit ber in Schrift unb 
Drud oerbreiteten Salenber Oon bem 1475 zuerft gebrudten Salenber 
bes Johannes Müller oon Königsberg in Uranien (Johannes 
fRegiomontanuS) in bem 33ewufjtfein bes 33ol!eS fid) feftfe|te unb 
felbft in einzelnen Steuerungen in baS offizielle Seben ber tegie* 
renben unb ridjtenben Sreife bes XYI. Qahrhunberts überging. 

Die Dhotfache, baß bie Kirche beiber 93efenntniffe ftets oon 
ber Slboptirung ber beutfchen Monatsnamen Slbftanb nahm, fowie 
bas grofje geiftige Uebergemkht ber juriftifchen Kreife im 17. unb 
18. Qahrhunbert, bie burch bie Ipftorifchen ©reigniffe biefeS Qtit* 


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83 


raum$ ftd) meljr unb mef)r tjäufenben SBejietjungen ju anber$rebenben 
Nationen, unb ba$ barau$ entfte^enbe {Resultat fo$mopolitifd)er 
©efammtbilbung, alle biefe ÜJiomente liefen bie beugen 3Ronat$* 
namen aud) int 33ewuf)tfein be$ 93olte$ prüdtreten. Die Äalenber 
be$ XYII. unb XVIII. $afjrl)unbett$ geben nur in berfdjwinbenb 
geringem SRaafje bie beutfdjen tarnen an, unb trugen baburcf) aud) 
il)rerfeit$ jum rareren SSerlöfdjen be$ ©ebraud)$ berfelben bei. 9(1$ 
©^riftian ©olf burd) fein bieluerbreitete$ unb wiffenfdjaftlid) autori* 
tatine$ matf)ematifd)e$ Sejifon 1742 bie beutfdjen 5Jionat$namen 
neu belebte, ba war e$ ein rein wiffenfd)aftlid)e$ unb literarifd)e$ 
©jperiment, unb feine 8teif)c and) nid)t metjr bie gemeinbeutfdje. 
©eine 9lbänberungen fanben inbefj ntd)t meljr Stnflang al$ bie 1781 
auftaud)enben Seftrebungen 93oie’$ unb ©ielanb’$ in ifjren Saften« 
büdjern (beutfd>e$ SWufeum unb teutfdier hierfür) ben bcutfcfyen 
Stamen, unter Ginmifäung eigener ©rftnbungen ftatt ber recipirten 
grembnanten, ©eltung ju »erraffen. 0i$ in unfere 'läge hinein 
gehörte e§ aber non ber 3dt an jum guten 5Eon ber jafylreidjen 
£afd)enbüd)er, beutfdje tarnen ben falenbarifdjen 'DtonatSnamen bei* 
jufugen, unb l)ie unb ba für poetifcfye 9lbänberungen ber einmal 
beliebten Steifen ©orge ju tragen. 

Da$ beutfdje 35ol! l)at, ba$ barf man wol)l fagen, mit ben 
beutfdjen 5Dionat$namen ju ©unften ber internationalen tarnen 
gebroden, unb e$ l)at bamit leine$weg$ fid) tünftlid) entnationaliftrt 
ober l)ängt frembem ©efen an, wie man fo gerne iljtn oorfdjwäfcen 
möchte, fonbern e$ l)at eine itjm einftntal$ aufgejwängte, felbft in 
ber 3eit biefe$ 3wange$ nie jum offiziellen ©cbraud)e jugelaffene 
95ejei^nung$weife einer fremben ©inrid)tung mit tünftlid) erfonnenen 
tarnen in tjiftorifdjem ©erbegange abgefcpttelt, unb bie mit biefer 
fremben ©inrid)tung unlö$lid) berbunbenen fremben Slamen wieber 
allein angenommen, um nid)t unter ben fulturtragenben Stationen 
ifolirt in |ber ©de hafteten ju muffen naef) 9lrt ber ©laben mit 
iljren fogar noef) unter ftd) berfdjiebenen unb berfdjieben bewendeten*) 
nationalen Sejeidinungen für bie SRonate. 


*) (Ruffen unb ©erben gebrauten bie fatenbarifctjen 9?amen. ®te nationalen 
Steifen ber ^oten unb ®ed|en ftimmen nur im SRooember (listopad) überein. 


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84 


Vefanntlüß ift in ber ©djweij in ben beutfken Sfantonen ber 
©ebrauk ber beutfken kanten bet üWonate, b. ß. bet alten gemein* 
beutfken Weiße bes XV. ^aßrßunberts, nok in Uebung, wenn auk 
bie Verquicfung mit ben frangöftfdjcn Kantonen zu einem «Staats» 
ganzen bie talenbarifken Wionatsnamen für alle offiziellen ©elegen* 
feiten jur ©eltung gebraut ßat. Wur bie rege Verüßrung mit bet 
(Schweiz l>at in ben gebilbeten Greifen beS angrenjenben Süb* 
beutfklanbs bie Warnen bes 2. unb 6—12. Wtonats in Äenntnifj 
unb in ftets geringer merbenbem ©ebraud>e erhalten. SDenn bas 
Vovfommen biefer Warnen in fübb^utfd^en Volfsbialeften wirb bodj 
Wiemanb für einen jwingenben ©runb jur Ännaßme ber Wanten 
in gebilbeten Greifen galten, wie and) fein Vernünftiger bie Warnen 
godensdach für SRittwok unb satersdach für Samftag, (Sonn* 
abenb) für ben Worben $)eutfklanbs als obligatorifk erflären wirb, 
bloß weil ber weftpfjälifdje Vaner in feinem ^lattbeutfk fte »erwenbet. 

3llS nun $err Dr. Volger feinet geit beutfcf>en WtonatS» 
namen im ^okftiftsftil einfüßrte, »erwenbete er, obfc^on er aus ber 
Sdjweij fam unb bort offenbar biefelben lieb gewonnen ßatte, nict)t 
bie fdiweijer Weiße, mit welker er wenigftenS auf ein entgegen* 
fommenbeS Verftänbniß in gebilbeten Greifen <Süb*2öeft*®eutfd)IanbS 
ßätte regnen fönnen, fonbern gleid) ben genannten Siteraturbictatoren 
bes »origen $aßrßuuberts unb ißren Wadjtretern »erfuhr er rabical 
unb erfefcte bie eingebürgerten fremben Warnen burdj efleftifk ge* 
wählte unb aud) felbft erfunbene (Sc^neemonat) Warnen. 

Webnet überließ nak bem ©efagten, baS burdj bie Verkeilung 
ßier nakfolgenber Ueberfikt ber »etfkiebenen Weißen eine gute 
Unterftüßung erßielt, ben $örern felbft bas Urtßeil unb empfaßl, ba 
bie jur zweiten Slßefe »orgetragenen Einzelheiten woßl faum eine 
befriebigenbe 'DiScuffion über biefe Itjefe julaffen würbe, uorneßmlik 
bie erfte £ßefe, fowie bie gfrage bes Wu|enS eines berartigen ein* 
feitigen VorgeßenS, wie baS bes £ertn Dr. Volger war, zur $>iSfuffion. 


S)cr #prit ^eigt potnijdj kwietaia, wogegen bie Sechen ben 2Wai kveten nennen. 
2)ie *ßolen nennen ben Suni czerwca, bie (£ed)en cerven unb ben 3?uti cervenee. 
^onfi finb bie tarnen beiber töeiljen außer bem 2luguft (potn. sierpnia, cedj. 
srpen) oöttig öerfdjieben. 


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2tu8 ber furjen Debatte ergab ftd), ba[j bas fd&werwiegenbe 
©emidjt ber erjten unbebingt ju bejaljenben D^efe für bie 2ln* 
wefenben bie ^u^lofigfeit berartigen etnfeitigen 35orge^en8 in bas 
tjetlfte £id)t [teilte, unb bafj bie SSerfammlung mit bem 93orget)en 
ber SSerwaltung, iljrerfeitö oon ber Slnwenbung ber beutjd^en üßonats* 
bejeid^nungen abju[ef)en, oöUig einoerftanben war. 


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IV. ©ittfcitbttitgcn. 

270. Dr. SB Hl). ftobelt in ©djmattljeim a. SDJ.: 1 S3rod).: fftad) ben ©äulen 
OeS §ercule$. 8°. 

206. grau ©uibo Oppenheim SBwe., Ijier: 1 S3anb: The National Gallery 
of Pictures by the Great. Masters, presented by individuals or pur- 
chased by grant of Parliament, mit üielen Äupferßidjen 4°. London 
by Jones & Cie. Teinple of the Muses 1832. ©ebunben. 

1 S3aitb: Slnber teil furfcer (Sljronif Unferer $eit. S3egreifenb bie üor* 
nembße $änbel, fo ßd) beibe in Religion unb SBeltlidjen ©ad)e, fafl in 
ber ganzen SBelt jugetragen, oom gar unfer* lieben #errn, MDXXXVII 
biß auff ba§ gar MDLXII. 2>urd) ben SB. $. 2aurentium ©uimurn, 
<£artljufev*rrbenS $u (Köln mit gleiß $u Latein betrieben, unb folgenb 
tretnlid) üerteutfdjt burep $enricum gabritium. 3 U Zöllen, burd) #einridj 
öon Sld) 1576. 8° in gepreßtem ?ebereinbanb unb Ueberreßen öon rnef* 
ftngenen ©fließen. 

1 S3anb: ©anunlung ber beßen beutfdjen profaifdjen ©djriftßeller unb 
2)id)ter 76. jtfjeil SBeißenS ?ußfpiele. 2ftit aflerfyödjß gnäbigß fatjferlicßem 
<priüilegio. 8° (SarlSrulje bei (Sljrißian ©ottlieb ©dpniber 1778. ©ebunben. 

1 $3anb: ©fijjen au« bem Äarafter unb £anblungen gofepfy'S beS 
3meiten ijtregierenben Äaifer ber 2)eutfdjen. günfte ©ummlung öon 
Slbam griebrid) ®ei$ler, ben giingern. #atte bei goßann (Sfjrißian $enbel 
1786. 8°. 

1 $3anb: Dr. Martin 2utl)er unb feine 3*itgenoffen bargeßellt in einer 
SReilje farafterißrenber 3ügc unb Slnefboten öon Slnt. £ljeob. Offner $itr 
würbigen geier be8 3. galjrljunbertS ber SReformatiou I. unb II. S3anb 8° 
mit oielen s J?orträt$, gacßmile’S tc. Sluggburg im Verlag bei Sluguß 
©aeumer 1817. 

3üridj unb bie midjtigßen ©täbte am SRljein mit S3ejug auf alte unb 
neue SBerfe ber Slrdjiteftur, ©culptur unb Malerei, c^arafteriflrt non 
SBilfjelm giißli, SJerfaffer ber lhmßfd)äfce 2ftüncßen$. I. S9anb. gnljalt: 
3üridj, SBafel, greiburg, ©traßburg, (5arl$rul)e unb SUtannljeim. 8° 1842. 
II. S3anb. gnljalt: 5ftain$, SBieSbaben, grantfurt a. 2fl., (Soblenj, 
S3onn, (Sollt, Sladjen unb 2)iiffelborf 8°. 3 ür ^ unb SBmtertljur, 
Verlag ber literarifdjen (SomptoirS 1843. ©ebunben. 

13 SBänbe SSoltaire brodjirt: Histoire, Philosophie, Th6ätre, Poömes, 
Romans, la Henriade, Essai sur les Moenrs 8°. Paris de l’impri- 
merie de Baudoin fr^res. 

364. Robert SB eher in ©afel: 1 S3b. ffloüetlen 2. £ljeil „lieber ben 2)ädjera 
ber S3unbe$ßabt", „(geopfert", „©djulmeißerS Shnbtaufe", „2>ie SSitla beS 
erßen (Sonful’S", „£>er rneiße glieberjroeig". ©elbßöerlag be« SSerfafferS. 
SBafet 1883. 8°. 


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SRo. 

367. sprof. 3f. Äürfdjner in ©tuttgart: ©om geig gum SWeer 6. 7. 8. u. 9. 
#eft. ©tuttgart S. ©peentann 1883. 

428. ©taebel’fdjeg Äunft*3>nfiitut Ijier: 10. gabregberidjt, SWär$ 1883. 4°. 

437. Äaufmänn. ©er ein in granffurt a SW.: 18. galjregberidjt 1. Januar 
big 31. 2>ecember 1882. 8°. 

438. Offenbarer herein für SRaturfunbe: 22. unb 23. £ljätigfeitg- 
beriet 1880/82. 8°. Offenbar a. SW., (E. gorger'g 2>ruderei. 

440. Dr. (E. ©türm, praft. 2lr$t in SWündjen: 2>ie #ranfl)eiten beg SWenfdjeit 
5 #efte 8°. ©eft 1: 2)er 2lr$neiaberglaube, 2 unb 3: 2)ie #augapotl)efe r 
4: $umbug unb Saljrljeit in ber #eilfunbe, 5: 3ur ©erljütung ber ©leid)* 
furt bei jungen SWäbdjen. SWündjen 1883. ©elbftoerlag beg ©erfafferg. 

518. Dr. (gtoalb ©öder, ©djriftftetter unb geljrer Ijier: „sperianber" Trilogie 
geb. 8°. ©ranbenburg a. #. bei 3. Siefife 1874. „Burggraf griebridj" 
©djaufpiel in 4 Slufjügen 8°. granffurt a. SW. (E. Äoenifeer 1881. 
„Salage" Suftfpiel in 3 Slufjügen 8°. granffurt a. SW. SW. 3)ieftemeg 1879. 

519. #ang ©uttjeit in 2>al)lem bei ©erlin: ©rodj. „©on ber SHrdje gur 
Watur" 1. Sief. 8°. ©erlin bei (E. £fj. SWrofe 1881. 

528. S oci£td des Naturalistes de Moscou: Bulletin No. 2, 1. unb 
2. Lieferung 8°. Moscou, Alexandre Lang. brod). 

549. Bureau of Education, Washington: Circulars of Information 
No. 4, 5 and 6. 8°. Washington Printing Office 1882. 

546. ©aron gerb, oon SW ü Iler, SWelboitme: Systematic Cursus of Aus- 
tralian Plants. 4°. Melbourne. Printed for the Victorian Government. 

535. £ouig SWoljr in ©traßburg, (Elfaß: De la Bibliographie des Ana. 8°. 
2>ie Sappen ber ©udjbruder. 8°. ©rüffel bei g. $. Oltoier, ©udjljanb* 
(ung 1882. 

540. sprof. 2. ©tarf in ©tuttgart: Slltbeutfdje lieber, 5 eigene (Eompofitionen 
für SWännerror. 1) 3)eutfd)er SWut; 2) Slltbeutfdjeg Seinlieb; 3) 2)er 
©ruee; 4) 2)ag arme ©rüberlein; 5) geing SWägbelein. ©tuttgart ©er* 
lag oon ©. SW. ßumfleeg. 

541. Sßrof. Dr. ©tern in (Sföttingen: 90 #efte S)iffertationen. 

550. granffurter #anbelgfammer: 3aljregberid)t pro 1882. 8°. granf* 
furt a. SW. bei SWafytau & Salbfrmibt. 

554. Spremierlieutnant (Egg erg in ©remen: SWittljeilungen beg ©eretng für 
#amburgifd)e ®efd)id)te. Hamburg SWaude ©öljne 1883. 3 e * t f^ r 'f t beg 
Ijiflorifdjen ©ereing für Stfieberfadjfen. #annooer ^aljn’fdje ©d$blg. 1882. 
3aljregberid)t beg ©ereing für SWedlenburgifrc <Kefd^ic^te unb Slltertljumg* 
funbe. ©djroerin 1882. 3 e ^ t fr r if t ber ®efellfd)aft für ©d)legroig*#olffein* 
2auenburgifd)e ®efdjid)te, Unto. ©d)br. Äiel 1882. 


Dtud Oon Äumpf & iReigin Sfrantfurt a. 3R. 


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be* 


freien Jfejilsdjpn ]| ntjjsliljtas 

jüt 

Piffenftljafiett, $ttit|te unb allgemeine $ Übung 

in Totogtnfe %u gftftn&fnrt «. 3B. 

$erau$gegeben 

hu JlHfferage irer Strmalbmg. 


Cie ff Ceridrte errdjeinen in poaitglofen ä „ 

la^tgang 1882/83« «Ufernnaen fär bte Ättfiegenoffen CifftHUlg 3« 

mtfc für befreund eie Äretfe. 


I. @eföfiftti$e6. ^evfonatien. ©: 91. — n. 2)ie 2lu«fteüung im ©oetljelfaufe. @. 92. 
— Ei. Oeffentttdje <Si$ungett. ©. 101. — „2Bort unb ©ilb." ©. 101. — „2>afl 
©oetlje’ft&e s JtoM>entijeater. M ©. 114. — „3«* ©efdjitfte bet ©regorianifdjen ftatenber* 
reform." ©. 124. — IV. ffiinfeitbungen. 


I. ©cfdjäftlidjcS. Sßerfonalten. 

Söäfjrettb ber ÜRonate üMat, ^unt unb Qult würben fünf 
33erwaltung$ftfcungen abgeljalten, unb jwar am 21. unb 28. üftai, 
11. unb 25. Quni unb 30. Qult. Der Slfabemifdie SSorberritungä* 
StuSfcIilufj trat einmal, am 7. üJtai pfammen. £)ag SEagebud) be$ 
©d>riftfüt)reramte3 Ijat 138 Eingänge p nerjei^nen, benen 140 
SluSgänge gegenüberfte^en. 

Slnfgenommen würben 2 ©enoffn, au$gefd)ieben ftnb 2 fett* 
Ijerige ÜHttglteber; bnrdj ben Sob oeflqren wir 4 ©enoffen: 

<©e. ftodiwürben ©aoa fßaüifdjejgiitfdj, Strepimanbrit in firu» 
fdiebol in ©grmien, geftorben 16. Sötai bafelbft. 

Dr. Hermann @d)ulfce*$)eli§fci), geftorben 29. ÜJiai infßotsbam. 
©efieimer ©anitätSratt) Dr. med. ©ufta» tönigsfelb, geftorben 
6. Quni in ®üren. 

Dr. jur. ftotjann ^tjilipp SBentarb, ©tabtamtmann a. $)., 
geftorben 19. $unt Ijierfelbft. 


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92 


II. $ie 2ht$fteffung tm (Boetljeljaufe. 

Um bie äffitte ^uni mürbe im ©oetheßaufe bie 2tu«ftellung 
oon ffirinnerung«gegenftänben an unfern großen Dieter eröffnet, roelche 
bie ©ermaltung unfern ©enoffen bereit« in bcm erftcn ber bicßjah 5 
rigcn Söevic^te in 9tu«fid)t gcftefft fiatte. ©in meit au«f<hauenber 
3med tonnte bei SBeranftaltung berfelbcn nicht oerfolgt merbcn; fotlte 
e« bo<h nur gelten, ba« freunblidje ffintgegentommen ber ftäbtifcf»en 
®ef)örbe unb fjieftger SBereine p benu^cn, um alle« ba«, ma« fiel) 
oon Stnbenten an ©octfje nnb ba« ©oet^e^au« auf bem ©oben 
unferer Stabt in oerfchicbenen Sammlungen jerftreut finbet, für einige 
3eit menigften« oereint an berjenigen Stelle jur Schau p ftettcn, 
bie fi<h t)ierp, mie teine anbre eignet. Unfere Stiftung gab bie» 
jenigen Stüde t)er, roeldje bisher ber ©cffcntlichfeit nicht pgänglich 
maren, bie ftäbtifdje 8ib(iot^et unb ba« ftäbtifdje ÜRufeum liefen 
ihre Sd)äge, unb ©eitere« mürbe oon ©enoffen nnb fjreunben un» 
ferer Stiftung fomie SSere^rern be« Dichter« Ijinjugefügt. So ift 
e« getommen, baß trog ihre« geringen Umfange« bie 2tu«fteHung 
eine burc^au« fehensmerthe gemorben ift, mie fie benn auch eine 
große Knja^l Sdjauluftiger angejogen h fl t unb fortmäßrenb noch 
günftig auf ben 93efu<h be« ©oetßehaufe« einmirtt. 

Sei ber räumlichen öefchränfung nnb bem gemiffermaßen im* 
prooifirten ©haratter be« Unternehmen« barf man oon oorneherein 
eine ftreng fpftematifche tffnorbnung nicht ermatten; e« ift inbeß, 
fomeit e« anging, ber ©runbfag pr Durchführung getommen, nur 
ba« au«jnfteffen, ma« in mehr ober minber nahem .gufammenhange 
mit ber Familie unb bem SSaterhaufe be« Dieter« fteht; affe« 
Slnbere foff ben ©egenftänben biefer Ärt nur pr fjolie unb ffirlfiu« 
terung bienen nnb hat burdhmeg nur Aufnahme gefnnben, fomeit e« 
SReue« ober ganj Seltene« bietet. 

§auptft| ber Äuöfteffung ftnb bie brei nach ^ ec ©fräße p 
gelegenen, mit einanber in SSerbinbung fteßenben ßimnter be« ÜJlan* 
farbe*Stodmerte«, in benen fi<h auch fonft einige ber merthooffften 
Stüde unferer Sammlung beftnben. ©ine hoppelte Steiße oon 
Sdhautaften jießt fi<h bureß ba« mittlere ©iebeljimmer, in melcßem 
einft ber junge ©olfgang fdjaltete unb maltete, unb ba« bie erften 


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93 


SEBerfe bed Dieters entftepen faf). $ier fällt und, wenn wir und 
oom ©ingange linfd wenben, junädjft eine Änja^l Dergilbter alten« 
ftöfje unb Drudbogen auf. ffiir finben ba n. a. bie benfwürbige 
SRummer LXXI bet „grnnffurter Qfrag- unb an}eig8»9la^tt^ten" 
Dom 2. September 1749, aud welcher wir erfetjen, baff am 29. bed 
Dorangegangenen SJionatd bem fatferlidjen Stattje ^opann Safpar 
©oetpe ein Sotjn „$ol)ann ©olfgang" getauft worben ift £>ad 
Statt, aud ben Sammlungen bed üWufeutnd, ift aflerbingd ni<f)t 
Original, fonbern bie 97ad)bilbung Dom ^apre 1825 (Seilage ju 
9ir. 172 ber „^rid“ Dom 28. auguft), bie jefct inbefj aud) feiten 
geworben ift unb faft wie ein Original gefugt wirb, ©ad bie 
SSitrine weiter enthält, ift äd)t unb beglaubigt, fo ber Saubcfdjeib 
für ben Statt) ®oett)e ju bem Umbaue feined §aufed unb eine üteilje 
Don alabemifcpen Sänften ber Familie ®oett)e*2:e£tor, bie „Posi- 
tioues juris“, welche ber $)id(ter im Satire 1771 ju feiner $ro* 
motion in Strasburg benähte, bie 3naugural'$)iffertation, mit welker 
fein Sater im Satire 1738 in ©iefjen ben juriftifdjen ®octorgrab 
erwarb, bie ^naugural*X)iffertation Qot)ann ©olfgang £ejtor'd bed 
jüngeren (aitorf 1717) unb eine Don beffen ®ro|Dater, bem Ur» 
urgrojjDater bed Uicpterd, bem Spnbicud ißrimariud ber freien Steicpd« 
ftabt grranffurt a. üßain, Qoljann ©olfgang lejtor bem aelteren 
^errü^renbe juriftifc^e abljanblung über bie „Successio linealis“ 
aud bem ^apre 1698. liefen fliegen fiel) brei aitenbünbel aud 
ben Satiren 1772—1774 an, bie Streitfällen Qo^ann $ofepf) 
Staigret contra ffiaßman SOtaper Sauer, ffintfd)äbigungdflage, ftör* 
fter’fcpe ftinber contra ^oljann Saltpafar Siuppredjt, QnfafcHage, 
unb SJtejjger $emmerid) contra Siegger Jpomad, 'Curcpgaugd* 
©eredjtigleit jwifdjen ben Sdjirnen betreffenb. Qn aßen brei Sadjen 
begegnet und ber advocatus Ordinarius unb Licenciat Q. ©. ©oetlje 
atd Sachwalter. *) ©ir fepen bemnaef) für ben dichter, wenigftend 
foweit bie abftammung mütterlicperfeitd in Setrad)t lomrnt, bad 
künftige .S'urijtentljum bid jum Dierten ©Hebe, b. t). bid ju bem 

*) $en jurijtifd)en ©ottorgrab Ijat ber Siebter nie erworben. Die juri* 
fti(d)en Jafuttäten in ©trafjburg unb ißarid nerlietjen ald pöCpften atabemifdjen 
®rab nur ben bed Sicenciaten, ber in ©eutfdjtanb jeboep bem bed ©ottord gteiep 
geartet »urbe, wie benn mit iljm auch bie venia legendi »erbunbetr war. 

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94 


9H)ttljerrn, »on welkem bet ©ornarne gohann SBolfgang ftd> nuf 
ihn »ererbte, burd> ©rief unb «Siegel beftötigt. 

“Dieben biefen Sitten geigen fid) uns in forgfältiger Turdpau* 
fnng bie einzig erhaltenen Schriftjüge ber grau ©ornelta ®oetl)e 
(„ßornelia ©ötf)in ©ibtib", wie fte felbft ftd) äeidjnet), ber „guten 
©roßmutter", bie in ber alten ©ef>aufung auf bent großen fjirfch* 
graben bie geräumige fjinterftube ju ebener ©rbe inne hatte. 

©inen eigentümlichen ffiinbrud macht neben biefen ehrbar« 
nüchternen gamilien=Tofumenten bas fogenannte Michelangelo* 
Sllbum beS fjochftifteS, bas mit aufgefcblagenent Titelblatte ihnen 
pnädfft liegt. Tiefes Sllbum ift betanntlich eine SBibmung ber 
Unioerfitäten unb wiffenfcßaftlichen ©enoffenfcßaften gtalienS an unfere 
Stiftung als ©egcngabe für bas geftgefdjenf, welkes leitete bei ber 
2ßid>el*3lngelo*geier barbrachte. Mit einer „®oethe*9teliquie" haben 
wir es mithin — aut wenn mir ben SluSbrud im meiteften Sinne 
faffen — nicht p thun, woßl aber mit einem „®oethe»S)en!male", 
unb jwar mit einem ber fd)önften unb weiheüollften, bie bem ©eniuS 
unfereS TicßterS gewibmet worben finb. ®aS in reichem Wenaif* 
fance=Sdjmude »on bem glorentiner Meifter Stinalbo ©aberti ent* 
worfene Titelblatt geigt uns in ber Mitte bas ©ruftbilb ©oethe'S 
»on ber $anb beS Miniaturmalers 31. MatareHi, »on bem aud> 
bie figürlichen Tarftetlungen auf bem ©latte hettühren. Ter Äopf 
ift ibeal gehalten, batf aber in ber feinen Turdjgeiftigung, bie aus 
ihm ffmdjt, wohl als eines ber heroorragenbften gbcalbilbniffe gelten, 
bie wir »on bem Tidjter beft|en. — 3tn biefeS Tenfmal aus ber 
jüngften ©ergangenheit beS granffurter ©oetljehaufes fehen wir bas 
ältefte Tofument gereiht, bas »on bem ©eftanbe biefeS merfwürbigen 
Kaufes 3eugniß gibt, ben bereits erwähnten ©efdfetb, welker bem 
faiferlidhen 9tatf) ©oethe am 25. Märj 1755 »on bem ©auamte 
ber freien 5Reid>Sftabt granffurt auf fein ©efu.dE> , „©an auf bem 
fjirftgraben betreffenb" erteilt würbe. 

©on einem noch älteren ©oethehaufe gibt ein ©egenftanb in 
ber ©itrine ber entgegengefe|ten Seite uns Sunbe, »on ber jefjt 
leiber in ihrer urfprünglidicn ©eftalt »erntd)teten ©ehaufung, bie- 
einft in 3lrtern ber ehrfame fmffchmteb fjanS ©hrifttan ©oethe be* 
wohnte. Tas Slnbenfen, ein eiferner Schmiebering, an ben bie pm 


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95 


Sefdjlage {jerbeigefüfyrtett Sßferbe befeftigt werben mochten, würbe t»on 
einem ©erehrer beS Richters bei bcr pietätlosen ÜRobemiftrung bes 
|>aufeS im Qatyre 1880 gerettet. tiefer, Amtsrichter ©roefel, hat 
bie benfwürbige Reliquie amtlich beglaubigt nnb jugletch mit iljr 
bem fjwdjftifte bie gleichfalls jur Anstellung gebraute Anftd>t beS 
Kaufes »or ber Umgestaltung gefdjenft. 

£>ie benachbarten @d)auftüde führen uns jnrfid ju ber ^ugenb» 
jeit bes Richters. ©ir finben fyex ein franjöfifdjeS ©tammbuchblatt 
beffelben aus bem $ahre 1764, fobann bie Uebungen unb Ueber» 
fefcungen, bie er im Qahre 1758 nach früheren Pietäten bes ®on= 
rectorS SReinharb nieberfchrieb. ©n ^weites f>eft enthält neben einer 
Anjahl fogenannter „©tedjfchriften" (ißreis* unb fprobe*@<hönf<hrif* 
ten) unter Anleitung bes ©aters angefertigte 9fuffä^e, barunter bas 
burd) Abbrud jum Stheil wenigstens weiteren Greifen jugänglidj 
gemachte beutfch'Iateinifche Äeßergefptäd) *). ©)araltertftif<her als 
biefeS will uns für ben ©eift ber näterlichen Unterwetfung eine ßteihe 
anberer UebungSftfide erscheinen, Sjercitien, bie uns bartljun, in 
welcher Söeife bem ©eifte bes jungen ©olfgang bie ©egeifterung für 
ben grofjen Sßreufjenfönig beigebracht würbe, benn fte beftehen in 
nichts Anberent als ber 9?ieberfd)rift nnb ber baneben geteilten 
lateinifdjert Ueberfefcung einer Anzahl ffriebericianifcher ©riefe unb 
Crlaffe. 

©oit bem gleifje unb bem Jh^tigfeitStriebe beS oäterltchen 
£ehrmeifterS Spricht ein weiterer AuSftellungSgegenftanb ju uns, bas 
Concept gu ber „Sammlung ftäbtif<her©erorbnungen unb ©vlaffe", 
bereu ber ©ohu in „©ahrheit unb Dichtung“ mehrfach pietätooK 
gebenft. Anbeuten au bas „Mütterchen", »on bem ber dichter bie 
„ffrohnatur" unb „Suft jum ffabuliren" geerbt höben will, ftnb 
nur Spärlich unb »ereinjelt auf unfere 3«* gefommen. ®ie Ans» 
Stellung weift tton ihnen weiter nichts auf, als was bas hieftge 
SNufeum als ein ©efchent Sari QfügelS aufbewahrt: eine §aarlode, 
em 3«h n ftod) e i>®tui, mehrere Älöppel unb bas in ©eibe gebunbene 
Sfemplar bes ©ieweg’fcfjen „Safchenbu^S für 1798", ben erften 


*) 2)iefeS §eft mit @>djriffyroben tf \ berauSgegebett öoit Dr. & 2B c i S m a n n 
(Stoetlje’S änabenjeit. 1757—1759". grantfurt a. 9W., ©auerlänber, 1849. 


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96 


Äbbtud üon „Hermann unb $>orothea* enthaltenb, welches bie 
SJJutter »on bettt ©ohne jum ©efd)enfe erhielt ©in gemeinfamed 
Stnbenlen an bad ©Iternpaar ift in ber Äupferplatte auf und ge* 
fommen, bie einft in bec Äat^arinentir^e beu Sejtor^Stoethe’fchen 
Äirchenftuhl be^eichnete ; fte geigt und bad Iejtor*®oeti)c’}cf>e ©ap* 
pen nach bent ©ntwurfe bed $errn ©ath (int oberen ftelbe bie 
wachfenbe männliche f^igur mit ben fliegenben $utbänbern, im untern 
ben nach rechts laufenben ©chrägballen mit ben brei Seiern) barunter 
bie ©uchftaben I. C. G. unb bie ^ahredph* 1772. Slls bejeichnenb 
für ben ötonomif<hen ©inn ber bamaligen Seit mag ermähnt werben, 
bafj bad SRaterial einer alten Qrudplatte entnommen ift, Don beten 
©raoirong ft<h ein ©ruchftüd auf ber ©üdfeite erhalten hot. Slud 
biefer erfe^en wir, bajj biefelbe p bem Jitelblatte eined ÜJlerian'fdjen 
©erted biente, unb p>ar p ber lopographie ber rfjeinifcfyen ffirj» 
ftiftc aud bem Qahre 1646. 

Sin bie fßeriobe bed ©türmend unb drängend gemahnen jwei 
©riefe, welche ©oethe aud bem elterlichen f>aufe, fowie fpüter and 
©eirnar an Slugufte üon ©tolberg richtete. *) ©in ©rief Älingerd 
(ber aQerbingd leinen birecten Sepg auf ©oethe enthält) mag ald 
eine ©rinnerung an ben in bem ©Itemhaufe oertehrenben fjreunbed* 
freid bed 35i<hterd hier feinen ©Iah flefunben h<*&en. Sind einer, 
ben ©eftrebungen biefer ffipoche ganj fern Uegenben Seit rührt bad 
lefcte ©chauftüd ber ©itrine her, rin SRanufcript, bad ©tfide aud 
bem Stuffafce über $unft unb Sdterthum enthält nnb »ielfach mit 
©orrecturen üon ber $anb bed üDichterd fowie mit beffen Unterfchrift 
(©eirnar, 1. Januar 1804) oerfehen ift. ©in ©rief ©chiflerd and 
bem gleichen 3al>re liegt in nächfter ©ähe, und ben innigen ©erlehr 
»erftmtlichenb, in welchem um jene Seit unfere beiben ®«hterheroen 
mit einanber ftanben. 

Ueber ben ©ladlaften ftnb, auf beiben ©eiten »erteilt, ©ah* 
men angebracht mit einer ©eihe von ^anbjeidjnungen, ©tiepen nnb 
fßh°tographien aud bem ©eftfce bed üttalerd Hermann Runter, p* 
meift ©tubien enthalienb, welche biefer in ©eirnar p feinen bilb* 


*) (Srfter unb fünfzehnter ©rief in ber üon 9t, üon ©inz« (8eip§tg r 
©roefha«*» 1839) heranagegebenen ©ammlung. 


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97 


liefen Darstellungen aus ©oetße’S Sehen fummelte, ^n bent erften 
berfelben erbliden mir, um jroet ütotijblätter non bem Streibtifcße 
©oete’S gruppirt, einen flehten Stit unb mehrere Photographien. 
Der Stieb 9ibt eines ber feltenften (JrinnerungSblätter an ©oetße 
mieber, bie es überhaupt gibt; er fteßt nach einer ^anbjeitnung 
eine Sfbenbgefeflftaft bei b«r $erjogin SImalia bar unb geigt uns 
mit einem eigentümlichen Änfluge non $umor bie ©eftalt beS 
Dieters ooßftänbig nerfteeft unter ben fonft mit fßortraittreue rnie* 
bergegebenen Figuren. 

Die Photographien oergegenmärtigen uns bentmürbige Oert* 
litfeiten aus ber unmittelbaren Umgebung SBÄeimarS fomie, nach 
einem gleichseitigen ©emälbe, baS S8itbni§ ber Stanfpielerin Sorona 
Stüter. Der groehe ütaßmen enthält in einer ©leiftiftffigge non 
Runter baS DreppenßauS im ©oetßeßaufe gu Uöeimar, ber britte 
jwei Photographien nach $anbgeitnungen ©oetße’S („Die alte Sßart* 
bürg mit ßWöncb unb tRonne" unb „SanbßauS am SBaffer") unb 
einen Stit „Das SReuefte non piunberstoeilen“ nach einem ©nt* 
würfe non beS Dichters |>nnb. Die unter biefem ©lafe oereinigten 
©Iätter bieten ein eigenartiges ^ntereffe bar, fte belehren uns über 
einen Qrrtßum, in bem ©oetße bis an fein SebenSenbe befangen 
blieb, unb ben ein Dßeil feiner ftnßänger bis auf ben heutigen Dag 
noch teilt, über bie irrige ©orfteßung, als höbe er mirtlit male* 
rifebes ober aut nur geußnerifteS Dalent befeffen. Der große Ditter 
ift auf biefem ©ebiete ftets bilettirenber Anfänger geblieben unb ner* 
mochte nur etma ba ben ftnlauf gu einem einigermaßen funftgemäßen 
©taffen gu nehmen, mo bie $anb beS jeweiligen SeßrerS nnb 3ßei* 
flers energift ber Rührung feines Stiftes gu $ilfe fam. Daß er 
einet berartigen Unterftüfcung bei ben beiben lanbftaftliten Sfiggen, 
bie mir nor uns feßen, entbehrte, leuttet auf ben erften ©lief ein. 
Die (Sompofition ber ^eußnung Sn bem, Stete „Das Uteuefte non 
Plmtbersmeilen" ift fo gerbeßnt unb gerfaßren, baß man fit baS 
Serftänbniß aus ihren einzelnen Dßeilen müßfam gufammenlefen 
muß. Der nierte SRaßmen enthält oier ihtereffante $anbge«hnungen 
$unferS, „Die 9tatfommen ©oetße’S", ©iibniffc non Sluguft non 
®oetße, Ottilie non ©oetße, geb. non Poggwift, ffiolfgang unb 
®altßtr non ©oetße nat bisher not nitt oeröffentlüßten Original* 


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98 


bilbern <Sd)meflet’S unb bcr ©räfin gulie o. ©gloffftem. Stetmlidje 
©tubienblätter jcigen uns im fünften unb lebten 9?at)men bie SBtlb* 
niffe ffatl SHuguft’S, ber ©roßherjogin Souife unb beS fßrinjen 
®arl griebridb. 

.3wif<hen bem oierten unb fünften Stammen feffeln ben Slicf 
jwei fßortraitS non befonberer ©igenatt, bie oon SipS ^u feinem 
Äupferftidje angefertigte Driginaljeicbnung, bas ÜWebaitfom48ruftbilb 
beS DidjterS barfteHenb, unb bie jijlograpfnfdje fWadbbilbung einer 
feinen getagten ^eidjtiuitg, welche uns bie 3^9« non S^riftiane 
SSulpiuS, ©oetße’S nachmaliger ®emat)lin, wieb ergibt SefctereS 33ilb* 
eben, bisher faft ganj unbefannt geblieben, bürfte bie 9J?ebrjaf)l ber 
©efudtjer überrafetjen; jte merben, rnenit fie ben beftridenben Sftetj 
biefer finnlicß fc^öneu grauengeftalt erbltden, eS {ebenfalls weit be* 
greiflicber als früher finben, baß bie ftii(f)tige ^Begegnung in bem 
©eimarer fßarfe ernftlidje golgen nach ft<h jog. 

&uf ber füblicßen ©attb beS SDlittelgimmerS feßen wir ein 
SBilb beS Dichters in fijirten fßafteHfarben, bas .im gaßre 1814 
ober 1815 in ©iesbaben oon bem ju beginn ber gängiger gaßre 
bafelbft oerftorbenen 9lrd)ite!ten ®ißm aufgenommen würbe (es be» 
finbet fid) jeßt in bem ©efifce beS fterrn ©rnft 3oi$ in ©iesbaben). 
ÜJlit feltener Dreue gibt es uns ben rüftigen, IebenSfrifdßen ©edßjiger 
wieber, als er bie oielbeforocßenen üteifen ins fftßein* unb 2Rainlanb 
unternahm, bie ißn nach langer, langer 3 e it pm erften ÜKale wie* 
ber in bie ißm inpufeßen faft gänjlid) entfrembete SSaterftabt jn* 
rüdfüßrten unb ihm bort bie tBefanntfcßaft mit „©uleifa" oer* 
mittelten. 

Diefelbe ©anb jeigt uns unter ©las in fct)öngefd)ni|ter (Sieben* 
nmrafimung bie große fßracf)tauSgabe ber oon Ulbert, ^Silott) unb 
Söbel in 'ÖJünchen ßergefteHten ^ß^otograp^ie nach bem ©tieler’fcßen 
©oethebilbe in ber bortigen fßinafotßel, ein ©efchen!, baS unfer 
©enoffe Dr. Sl. ^ammeran gelegentlich ber ÄnSfteHung ben @amm* 
lungen bes ©oetßeßaufeS gewibmet ^at. 

©in merfwürbigeS SSIatt befinbet ficb unter ©las unb Nahmen 
auf ber entgegengefeßten ©anb; eS trägt bie Unterfdßrift „Charte 
zur vergleichung der Berghöhen der alten und neuen Welt" 
unb in ber 3*Kß nun 9 felbft bie ©ibrnung „Dem fperrn oon £mm* 


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bolt ootn Serfertiger oon ©ötlje" (beibe tarnen in bet hier wiebet* 
gegebenen Schreibung). <£s bütfte wolfl in neueret $eit baS erfte 
3ßal fein, baß biefeS non Goethe mehrfach erwähnte (ogl. „JageS* 
nnb ^aljreSfefte" unter 1807, fowie SBrief an Shtebel oom 4. April 
1807) nnb nach feinet 33erftd)erung oom „ Qnbuftrie*Gomptoir “ in 
einem Stiche Ijcrauögegebene nnb in fßaris in einem 9ta<hfti<he 
etfchienene Slatt an bie Deffentlihfeit tritt. Das auSgefteUte ©fern* 
plar beftnbet ft<h feit 50 fahren in bem Sefi$e beS £>errn Quftiz* 
ratfyS Dr. ffiebefinb in Uslar unb würbe oon biefent in Qena, ber 
Srabition nach als £)riginal*<Entwurf beS Dichters erworben. Der 
Inhalt bedt ftch üofllomtnen mit ben Angaben ©oethes, auch würbe 
bie 3ei<hnung einer Ausführung oon feiner f)anb nicht wibetfprechen, 
beim fie ift gang nnb gar in feiner <harafteriftifd^en Spanier gehal* 
fen, unmöglich aber fann bie Schrift mit ben mehrfachen Schreib* 
feiern oon ihm herrühren, trofc ber Aeljnlichfeit, bie einzelne $üge 
mit ben feinigen aufweifen. Söfft ftch bemnach nicht erweifen, baß 
eine frembe |)anb bie Schrift — etwa nad) Angabe beS Dichters — 
auf bie 0riginatgeid)mntg eingetragen hat, fo fönnen wir es im 
oorltegenben $atle nur mit einer frühen ober gleichzeitigen 9?a<h* 
bilbnng ju thun hoben, ein ftatl, ber um fo eher möglich ift, als 
bie Zeichnung, bie oon ©oetlje bei Sorlefungen benü|t würbe, großes 
Auffehcn gemacht zu hoben fheiitt. 

^n bent rechts an bas SDiitteljimmer ftoßenben SDtanfarbe* 
gemache, ber einftigen Schlaffammer beS jungen SBolfgang, finben 
mir oier Sitrinen, welche zu ber fteßenben AuSfteüung beS ©oetlje* 
hoiifcS gehören. 3h r 3oh a ^ ift inbeß in ber lefcten geit mamtig* 
fach geönbert worben. So gewahren wir in ber erften berfelben 
neben bem oon ©oetheS „^ugenbliebe“ ffreibertfe hetrührenben fei* 
benen Rädchen zwei Sitbniffe besjenigen weiblichen SBefenS, bas 
Znlef}t fein 4)er§ rührte, ber ihrer jugenbfrifdjen Schönheit wegen 
einft fo berühmten Ulrife oon Seoefcow. Die beiben Silber, bie ftch 
im Seftfce beS $errn oon Sernus auf Stift ffeuburg befinben, bürften 
Unica fein; bas eine berfelben fteHt Ulrife nach einem 3Kiniatur* 
Portrait aus bem Qahre 1822 bar, bas anbere — eine ^ßhotograp^ie 
«ah bem Seben — geigt fie uns in oorgerüdten fahren als ehr* 
mürbige ÜWatrone. bem anftoßenben Sdiaufaften finben wir, 


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auf nerhältnifjmäfiig engen Sannt zufammengebrängt, eine Samm* 
lung bet nndjtigften Originalausgaben unb frühen Sachbrude bet 
erflen ©oethe’fchen Serie, fowie eine Ijödjft intereffante MuSlefc non 
Sertherfchriften. 1)ie britte SBitrine enthält bie f$fortfe|ung h^tnon 
unb bas ÜJtannfcript jum jtebenten Suche beS „Silhelm ÜKeifter," baS 
unfete Stiftung als ein ©efdjenf bet Freifrau non ®lei<hen*Sujj* 
wurm beftfet Qn bent nietten Äaften fehen wir neben einigen Meinen 
ErinnerungSgegenftänben an Charlotte Suff eine feht forgfältig unb 
fanber in cartarifchem üttarmor ausgeführte Sachbilbung bet regten 
£anb ©oethe’S nach bent in bent OdjS'fchen Mtelier in Serlin her* 
geteilten Saturabguffe, bas Ser! eines talentooHen jungen 5 ran ^* 
furter SilbhauetS, M. Seifjenbach. 

®ie nörblidhe üWanfarbe, baS fogenannte |>ofnieifterjimnter, 
birgt zurzeit bie Fragmente bes ©oethe’fchen Puppentheaters, wie 
fie im hiefigen üRufeum anfbewahrt werben.*). 

Einige Ergänzungen ju ber MuSftellung beS britten Stod* 
werfeS bieten bie barnnter gelegenen Säume. Slls befonberS bemertenS* 
werth bürfte barnnter ein bisher wenig ober gar nicht briannt ge* 
worbenes ^^ontnobeK zu ber fi|enben ©oethe*Statue nach bem 
Entwürfe ber Settina hetoorzuheben fein. Son einem ähnlichen, in 
ber Sammlung bes ©oetheljaufeS aufbewahrten ÜKobelle unterfcheibet 
baS in Sebe ftehenbe ftch burch bie beigefügte gigur bes ©enius, 
bo<h erfcpeint biefe im ©egenfafee zu ber Musführung SteinhäufjerS 
in Seimar betleibet. ®ie gorm beS ©effels ift einfacher als bei 
allen betannten gleichartigen Entwürfen, entfliehen zu fünften bes 
©efammteinbrudeS, ber nur als ein wohltljuenber, hurmonifcher be* 
Zeichnet werben fann. 

$n bem ©ifcnngSzimmer bes erften StocJeS ftnb bie EartonS 
ZU ben ztoölf Starfteflungen aus ©oethe’S ßeben non Hermann Runter 
aufgefteÜt: hier fleht ber Sefcpauer in lebensnoOer ©ejtaltung noch 
einmal ben ganzen EntwidlungSgang an fiep norüberziehen, ber non 
bem fjrantfurter ©oetpehaufe feinen Musgang nahm, unb an beffen 


*> @ief)e 9täf)ere8 ^trüber in bent ©eridjte über bie elfte öffentliche 
©ifcung. 


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einzelne ^S^afcn in oft fo bcjeidjnenber ©eife bie in bem ÜRanfarbe» 
ftocf zur Schau geteilten ©egenftättbe erinnerten. 


III. Deffetttftdje 6i$ttttgett. 

Die neunte öffentliche Sifcung fanb am 20. 9Jlai im 
©oetljehaufe unter bem SSorft^e beS Obmannes, $erro QupizrathS 
Dr. 93erg patt. 

9tadj (Erlebigung ber oorliegcnben gephäftlichen Angelegen¬ 
heiten ergriff !fym Dr. ©ilhelm Qorban bas ©ort jn bem an« 
gefünbigten SBortrage „©ort nnb S9ilb‘‘. 

„Sanbf «haften ju — fehr eiben" — fo begann ber ßtebner — 
„ißortraits gu ergäben, (Erzählungen ju — malen nnb ©ebidpe §n 
— zeichnen, bas ip an ber DageSorbnung, als h ätte niemals ein 
fiefpng in feinem ßaofoon menigpenS fd^on bie $auptlinie fcharf 
lartirt oon ben 9tei<hSgrenzen zwifchen ber bilbenben Ännft unb ber 
fßoepe. $a, bie SDtobethorheit, oon jebem itgenb gangbaren ©erfe 
ber hoetifchen Siteratur eine ißuftrirte Ausgabe zu oeranftalten, ip 
fo feljr im Schwange, bap es gewinnreich geworben ip, ihre 58e« 
friebigung fabrifmäpig zu betreiben.“ 

Damm mag es an ber £eit fein, zu unterfnehen, welche 
8wifchenzone beiben Äunpgattungen zugänglich ip, inwieweit eine 
bie Aufgabe ber anbera zu übernehmen ober bei beren Söfung mit 
% zufammenzuwirten oermag, zugleich ober bie oergeffene ÜJlarl* 
fheibe in (Erinnerung zu bringen, welche feine oon ihnen äberphreiten 
barf, wenn pe nicht ihre eigene Ohnmacht blopfteßen unb obenbrein 
bie Seipnng ber anberen Äunft fchäbigen will. 39etrad)ten wir einige 
ber gegenfeitigen ©aftroflen unb fehen wir, wieweit eS ißoeten zu* 
»eilen gelangen ip, ©emalteS, ©emeipelteS ober auch nur als $ilb> 
»er! ©ebachteS bichtenb oorfteßig zu machen. ^Begleiten wir bann 
anch einige Söilbner anf ihrem ©egenbefud) bei ber fßoepe. 

©ropmeiper ber fßoepe hoben f«h feiten auf berartige ©ag> 
ttiffe eingelaffen. 83erüf)mt geworben ip eines berfelben, bas Römers, 
als er es unternahm, baS plaftifche SJilbmerf auf bem S<htlb beS 
Ad)ifleus erzäplenb anphauiieh zu machen. Streng genommen zeigt 


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$omer jebod) nur, baff bie Aufgabe unlösbar fei: er oerwanbelt fte 
in eine oöDig anbere, in feinem heterogenen ©lemente erfüllbare, 
^unäihft h“ tet er fiel) Bor bem fffeljler, uns oor ein fertiges Äunft* 
wer! hinjufteHen. 2ßir flauen bem fchntiebenben f>ephäftoS p unb 
feljen, wie er bie einjelnen Schillinge nach einanber mit Dtelief* 
barfteQungen auSftattet. ©er ©ichter gewinnt baburch ben grofjen 
©ortheil, ba§ ein in ÄreiSpnen nmlaufenbeS Slelief nicht nur bie 
atteröerfdjiebenften ©ruppen, fonbern auch, unb bas nach bem |)er= 
fomnten ber ^ßlaftif, ©erfdjiebenpitiges barftellen barf. ©er 
Schmucf beS üfttttelfdhtlbeS ift foSmifd)er ©attung; bie gewählten 
fhmbolifchen Slbbreoiaturen brauchen nicht burch Äuftöfung in ein 
9ia<heinanbergefihehenbeS epifd) uerftnnlicht p werben, unb es ge* 
nügt eine Slufjählung ber einzelnen ©egenftänbe, wie Sonne, SRonb 
unb Sterne. SBei ben weiteten Greifen würbe eine berartige troefene 
Äufphlung ermüben. ©er ©ichter wählt barum ein anberes ©er* 
fahren, bas wir erfennen werben, wenn wir aus feiner poetifdjen 
©eranfdiaulichung uns baSjentge herauSfchälen, was bem ^ßlaftifer 
barpfteHen möglich ift, unb was fmmer in SRetallarbeit anberSwo 
ausgeführt gefehen hoben fonnte. 

3wei Stäbte. ffirfte Stabt; erfte ©ilbgruppe: Wnbeutung 
etlicher Raufer einer Straffe. ©ot ben ©hüten grauen in fReugier* 
haltung. ©rautpaar, geleitet non Jadelträgem, ßautenfpielern, 
jlötenbläfern unb Jünglingen, bie als ©änjer p erfennen ftnb. — 
Zweite ©ilbgruppe: Ägora, angebentet burch ein fmlbrunb »on 
Steinbänfen, auf biefen ftfcenb ÜRänner im 9ti<hterornat; einer ber* 
felben aufgeftanben, ben Stab ergreifenb, ben ihm ein $erolb fyn* 
hält. Jn ber Umgebung $erolbe, bas ©olf prüefbrängenb. Jm 
$intergrunbe 3uf<hauermenge, angebeutet bnreh ftöpfe unb gefticu« 
lierenb erhobene fjänbe. Jn ber SDiitte auf einem Steintifch jwei 
©arren ©olb. hinter einer Schranfe ber Ängeflagte, etwa bie §>anb 
pm Schwur erhoben; ihm gegenüber ber Kläger, etwa burch 8opf* 
haltung nnb Äbtehnungsgefte ©Jiberfprach anSbrüdenb. Unb nun 
lefe man ben ©ejt (JKaS XVIII, 490 ff.). Nichts fteht ftill; alles 
ift in gerichtlichen Jluff getommen; wir Bernehmen ooßftänbige 
©rjählungen. ©leichwohl muthet uns ber ©ichter nicht p, uns 
bewegliche unb ft<h bewegenbe Automaten Borpfteflen, welche bie 


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103 


cmgebeuteten Staublungen totrflid^ auSführten. Er fefct bei [einen 
Hörern Serftanb genug öorauS ju jener oben gemalten ^tuöfdjei- 
bung beS ftofflid) SluSfcheibbaren uon feiner poetifetjen ©arfteEung 
nach ber epifch allein möglichen ÜJietljobe, mit ben £>hren fe^en ju 
laffen. ©ein Serfahren beftefjt barin: nach einem fc^Iid^ten ©itel* 
oerS für jebe Silbgruppe eine erfunbene ©efd|id)te öorgutragen öon 
berjenigen SRet^e öon Staublungen, bie ftd) beim Sefchauen folget 
®ebilbe feiner ®id)terphantaftc ergeben Ratten als bem bargefteHten 
SNontente »oraufgeljeub, ihn unb bie Haltung ber Figuren herbei' 
fü^renb unb, ba bie Erzählung auch eine« SlbfdjluffeS bebarf, als 
auf biefen ERoment folgenb. 

Stomer roeifj alfo gan§ genau, bafj bie fßoefie, wo fte einmal 
ausnahmsroeife plaftifch wirten foE, bieS nur oermag, inbem fic ftd) 
gänzlich IoSfagt öon ber ERomentftarre ber fßlaftif unb mit ihrer 
^arfteEung prüdteftrt junt iRacheinanber. 

©ehr öiel fdjlimmer, barum aber auch um fo lehrreicher ans* 
gefallen ift bie Qugenbfünbe, welche ein ffieltgranbe ber fßoefie be* 
gangen hat mit bem Serfudh e ™ et ©aftroEe auf ber Sühne ber 
2Ralerei — baS ©emälbe öon bem Untergange ©rojaS, bas ©ha* 
tefpeare in bem erjäljlenben ©ebidjt The Rape of Lucrece bar* 
jnfteEen öerfucht. ©er ©idjter läfgt feine entehrte fielbin üor baS 
SBilb treten unb an baffelbe anfnüpfenb mit bem ©Ijema »Unb 
bieS Seib um Eines ERanneS 8uft" einen langen ERonolog über 
t^r ®efd)i<f halten. ÜRan fie^t auf bem Silbe hier baS fpeer ber. 
©tiefen, bort bie ginnen uttb ©härme ©rojas, jugleid) ben Rlufj 
©itnoeis unb wie in biefen baS in ber ©djlacht öergoffene Slut 
hinabftrömt. $n ben ©chiejjfcharten ber ERauern finb nicht etwa 
nur bie Slugen ber ©roer, fonbeni fogar ber ÄuSbrud ber Ättgft 
unb ©rauer in biefen ftugen ertennbar. $a, ber ©id|ter rühmt 
e8 noch als sweet observance in this worb, baff auf fo grofje 
Entfernung betgleichen Reinheiten gu erfennen feien, ©erartige 
EinjeHjeiten tommen noch mehr öor, bei ben ©riechen SReftor, wie 
er eine SRebe hält, auf ben SßÜEen ©rojaS bie ÜRätter, wie fte ihren 
ins Reib giehenbeu ©öffnen nadtfdjauen. „3Bie Riede auf glünjen* 
ben ©egenftänben" laffen ihre ©eberben bie Rreube nntermifcht mit 
banger ängft erfcheinen. ©leidjgeitig fteht ba, als öon Sucretia 


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104 


eigens gefugt, ein 93tlb bes äußerften ©eßmerges, bie alte £>eluba. 
Drog it>ve<8 sßlageS im fernen ^intergrunbe oben auf bet üttauet 
hat bet angebliche ÜJialer ißr Portrait ausgeführt mit ber SBiiniatur* 
genauigteit jener ^oUänbifdien @cßule, welche felbft bas mittelfte 
£)är<hcn auf einer ©arge nicht ausließ. — Dabei ftarrt fie auf ben 
oerblutenb unter ben flögen beS ißprrßuS liegenben ißriamos. Das 
oon $ettor oertßcibigte Droja ift alfo gleichwohl fcßon erobert unb 
eine ber legten ©eenen wäßrenb bes Unterganges ber ©tabt ließt» 
bar. Sßolle fünfgeßn ©tropßen weiter ijt aber berfelbe IßriamoS 
wieber lebenbig unb weint über bie erheuchelten Klagen unb gäßren 
beS betrügerifdjen ©inon Dßränen tßöricßten äRitgefüßlS. Denn auch 
ber SSetnig biefeS ©inon, wie er fuß »on f>irten gefeffelt auffinben 
unb in bie ©tabt bringen läßt, ift bereits auSgcfuljrt, unb ber 9luS» 
brud ber Slrglift in feinem Portrait wirb als befonbere üReifter* 
leiftung bes SDJalerS ßeröorgeßoben. 

Das angebliche ©entälbe wimmelt alfo oon DarfteKungen 
theils beS überhaupt für bas Äuge Unbarftedbaren, theilS folcher 
Objefte, beren ©icßtbarfeit wenigftenS unter ben gewählten SBorauS* 
fegungen pßhftfch unmöglich ift. UeberbieS oereinigt es alfo auf einer 
unb berfelben Dafel ©eenen einer längeren ©efeßießte, bie URonate 
unb $aßre weit auSeinanber liegen. SSäßrenb es ber ffirgbilbnerei 
wieberholt gelungen ift, HchiüeSfcßilbe nach ben ßomerifeßen üJiotioen 
befriebigenb auSgufüßren, müßte jeber ÜWaler, bem es bas ffiürbe* 
gefühl feiner $unft »erbietet, feinen ißinfel ßergugeben gu £>«Huci= 
nationen a la ^ödenbreugßel, bie 3utnnthung, bie perfpectioifcßen 
Unmöglichkeiten unb ber 3eit nach unoerträglichen ©eenen biefer 
fßafefpearifdßen Vortage auf eine unb biefelbe Seinwanb gu bringen, 
mit ftummem äcßfelguden als nnftnnig gurüdmeifen. 

33on ^ßßibiaS heißt eä, baß er bie berühmtefte feiner ©cßö« 
pfungen, ben olptnpifcßen ,3euS, nach einigen Werfen ber $liaS ge» 
ftaltet hübe. Stflein in biefer ©cßärfe ift bie ©eßauptung eine miß* 
oerftänblidße Uebertreibung ber betreffenben geugniffe, g. ®. ©trabos. 
Dichter unb SBilbßauer jtnb ooflftänbig felbftänbig oorgegangen unb 
weichen in ißrer DarfteHung oon einanber ab. Sei Corner (QliaS, 
530 ff.) jtgt geuS auf bem oberften ©ipfel beS OlßmpoS, wäßrenb 
Dßetis mit ber Wechten fein Änie umfaffenb, mit ber Sinlen fein 


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105 — 


Me berührenb, tt)tn ihre Sitte oorträgt, bur<h Seftrafung Ägatnem» 
nonS ihr Äinb ftdhittens wiebet gu Ehren gu bringen. s Jta<h &eufje« 
rang einiget Sebenten üerftdhert $enS, baf} unfehlbar gefchehe, was 
et burd) Seiden mit bem Raupte gufage. ES folgen bann bie be« 
rühmten Serfe. 

'Jtach bcn erhaltenen Schreibungen erinnert in ber Carftetlung 
be$ ^3l)ibtaS nichts an biefe ©eene, ber SUbhauer huf eine ©tatue 
unb nicht eine ®ruppe — 3cuS, au f golbenem £h tone ftfeenb, auf 
bet rechten £>anb eine 9?ife, in ber (in!en bas ©cepter mit bem 
Sblcr. ©o nach ber ©chilberung beS fßaufanias unb SRüngen auf 
®li$. 3fuch baS 3 eM 9 n 'fe ©traboS fommt lebiglich barauf hinaus, 
bafj bie erhabene Sorftedung, welche jene homerifchen Serfe weden, 
ben ißhibiaS gu jener Eompojttion begeiftert hätten. ‘Cer an ftd) 
»nfafjlichcn unb unoorfteübaren, überfinnlichcn ÜJlajeftät ber Allmacht 
einen ftednertretenben ftnnlichen ftusbrud 3 U geben, ftnb beibe, ber 
Dichter unb ber ÜBeifjler, beftrebt gewefen. Stber bie gängtich »er* 
fdjiebenen SOiittel ber fßoefte unb ©fulptur haben ihnen auch 8 ®« 
9 änglidj »erfchiebene Söfungen ber gleichen Aufgabe geboten. Cer 
Dichter bewirft in ber fßhatttafie beS $örerS eine &h nun 9 ber un* 
begreiflichen 8 ldma<ht bnreh bas erzählte ffiunber, wie eine geringe 
Bewegung beS gewidjtlofeften Äörpertheils, ber $aare, mit ber ©ucht 
eines ErbbcbenS ein ganges ®ebirge ins ffianlen oerfefct. Cer 
Silbljauer gebraucht gut Serftnnliehnng beS gleichen ®eban!enS gwei 
Wittel, einmal bas foloffalifche ftörpermaafj, bas uns bie über* 
ntenfchliche Erhabenheit beS ruhenben ®ötter!önigs anbeutet, nnb 
bann ben äujjerft iutenftoen SluSbrud beS ®eiftigen, ber übermenfeh* 
liehen ^nteüigeng, ben er in bie ®efhtSgüge legt, inbem er ben 
©eftchtswinfel über nenngig ®rab hittausfpannt. 

®oetheS dJlignon ift mehrfach gemalt, gemeifjelt unb in Erg 
gegoffen worben. Crofc ber oft oorgüglidjen Cechnif geben bie 
Darftedungen burchweg eine beflagenswerthe Serirrung in ber ffialjl 
beS Sotwnrfs gn erfennen. ÜJlignon ift eines ber eigenartigften unb 
tonnberfamften fßoetengebdbe. Ein ©rofjmeifter ber ©prachfunft 
lä&t fte auf theiis büfterem, theils fonnig h^lletn $mttergrnnbe, mit 
Whtthen« nnb Orangenhainen unb ÜJlarmorpaläften am $origont, 
woachfen in unferer Sorftedung burch Ergählung einer Üteilje »on 


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106 


fwnblungcn, (Efyarafterjügen unb fünftlerifdjen Setzungen, burd) Slage* 
unb fpeimathlicbev oon unnachahmlicher Schönheit unb SCiefe. ©urch 
eine flüfterleife, aber beshalb um fo wirffamere ülnbeutung enbltch, 
baß es »ertönte $erfunft fei, mag in bie Seele biefeä feltfam rei= 
jenben ©ämmerungsgefd)öpfes einen Sd)roermuthfd)atten geworfen 
habe. ©ie fofl btefeS mit SJteifterfchaft entworfene oielfcenige ©anbei* 
unb ©erbebilb in eine anberSfpradjige Sunft überfe|t werben, ohne 
baß feine ©efenfjeit »erloren geht? ®urd} baS ©amburin, baS bie 
ffigur in ber |)anb ^ält, als fei fie im SSegriff ben ©ertanz aus* 
Zuführen, unb burd) ben fchwärmerifdien unb fdjwermüt^igen ©lief, 
ben ber iDialer ber fdjwarjtjaurigen SDtübchengeftalt oerleiht, fann 
er anbeuten, baß fein ©erf eine ÜJiignon fein foH; faft für alles 
©eitere ift er auf ben Katalog angewiefen. (Sin italienifcher |)in* 
tergrunb mit frudjttragenben Orangebäumen (er ift oorgelontmen), 
ber au ba§ Sieb „Sennft ©u baS Sanb?" erinnern foü, ift oon 
abenteuerlicher, fomifeßer ©irfung — eine 5 um ©anjboben oerroirf* 
lichte SSifion. Stod) fchlimmer bran ift ber fßlaftifer, ber nicht über 
ben Raubet ber ffarbe oerfügt. Unter ben gemeißelten unb gegoffe* 
nen Figuren fann man fich ohne bie ©er neben ben fffüßen ober 
bie am fßiebeftal angebrachten, auf ©ühelm SJteifter bezüglichen 
SteliefS in ber Stegei alles Slnbere ebenfo gut benfen als eine SDtig* 
non. ©aju fommt, baß ©oethe feine Mignon bei allem SlnmutljS* 
Zauber, ben er über fie auSgegoffen hat, bod) zugleich als ein Kein 
wenig angetränfelt flauen laffen will, währenb bie Sfulptur mehr 
als eine anbere $unft auf ©eftalten in ber gülle ber ©efunbheit 
angewiefen ift. 

QHuftrationen, bie ftch in ben richtigen Sdjranfen halten, wie 
baS meiftenS in unferen iUuftrirten Leitungen, 2anbfd)ilberungen, 
Steifewerfen, tunftgefeßiebten unb wiffenfchaftlidhen Büchern gefchießt, 
haben gewiß ihren ©erth- ©enn aber bie ^lluftration ben ©oben 
ber ©irflicßfeit oerläßt unb es unternimmt, bte beweglichen ©eftalten 
ber ©icßterpßantafie in ber Starre beS SDlometttS auf Rapier zu 
befeftigen, bann oerurtheilt fte fl<h felbft z» Dhnmacßtbeweifen. Sehr 
oft, fo hob ber Stebner heroor, fei an ihn felbft ber©unfcß gelangt, 
eine iBuftrirte ÄnSgabe feiner Stibelungenbichtung zu oeranftalten, 
er habe aber ftets erflärt, baß er ein berartiges ©erf nie zu förbertt 


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107 


gtnetgt, oielmeljr entfChloffen fei, eS nach Kräften ju hinbern. Da 
man ihn wunberlichen GigenftnnS geziehen, wolle er ftd) näher über 
bie ©rünbe feiner ffietgerung erflären. 3« Stokern J^eile würben 
fte einleuchten aus einem ©tüde Gotrefponbenz mit einem namhaften 
{Waler. Uns beut fet)t bejeidjnenben ©chriftwechfel fei bie ©teile 
aus einem ©riefe be$ SRebnerS herborgeljoben:' 

„@ie als SRaler tönnen auf ber Seinwanb mit ben färben 
fewobl ben lanbfdjaftliChen ober ardjitettonifdjen ©djauplah mit 
allem ^ubeljör an Dingen, fßftanjen, D^ieren, als auch eine jal)l* 
reiche ©ruppe oon üJlenfchengcfta.lten in intern Goftüme bleibenb 
feft jo barftellen, wie alles gleichzeitig in bem einen Säugenblii 
gewefen fein mag, in welkem bie bramatifclje $anblung ben malerifdj 
benlbarften ©ipfel ber ©pannung unb plaftif^en Grfd)einung erreicht 
hatte. 2Bie bie hunberterlei ©egcnftänbe unb SBefen in bem einen 
Momente erfreuten, fo bleiben fte für immer auf bem ©entälbe 
neben einanber befeftigt unb gleichzeitig anfchaubar. — 
$>iefe 2lrt üRalerei ift mir, bem fßoeten, burChauS unerreichbar. 
®er fte auch nur »erfucht, wie bas freilich unfere 9tomanfcf)teibet 
mit feltenen ÄuSnabmen faft auf jjeber ©eite thun, ber oerfteht gar 
nichts non ben ^Mitteln unb ©chranfen ber fßoefte, infoweit auch 
fte eine bilbenbe Kunft für bie GinbilbungSfraft zu fein oermag. — 
Umgelehrt aber finb audh gerabe bie aHerhöchften malerifdjen Sei« 
fhuigen bes fßoeten, nämlich alle bie ©eenen, in benen feine Dar« 
fteüung bnr<h ©orte oodenbete TlnfchauIiCbfeit erreicht, für Qbren 
Griffel nicht oon fern zu erreichen, ja fthledjterbings unnachahntbar.“ 
8 lS ©eifpiel citirt ber ©rieffchreiber hier bie belannte ©teile 
feiner ültbelungenbichtnng oon bem ©treite ber Königinnen währenb 
•hreS ©abeS im dtheine, bie als SWufter gelungener ©ortmalerei 
güten fann. Dann fährt er fort: 

„©ie, frage iCh, woden Sie biefem fjlufj oon ©ortbilbern 
mit bem ©riffel nnb felbft mit bem fßinfel oon ooUfter Palette 
«*ch nur annähernb beifommeu? — ©ie fönnen malen ein fchöneS 
nadteS ©eib mit langem golbblonbem {Ringelhaar unb im SCBaffer 
ftüjenb, entweber naChbem bie ©trömung bieS £>aar, geneigt wie 
ein 3<ltbaCh um fte herumhängenb, fortgezogen h at / ober wann 
fttimhilbe eben im Segriff ift, es mit beiben fpänben hinter ftCh z« 

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108 — 


werfen. 96er nicht malen fönnen ©ie, wie bie ©eilen mit biefen 
Soden hin unb 6er fielen unb bie ffledjtbiegungen auSjieljen. ©ie 
fönnen ntd^t bas Gntffechten ber ^öpfe unb baS ffrortfcbwimmen 
unb bie ÜJiantel» unb geltftellung unb bas Nfidwärtswerfen 
jeichnen, weil ©ie eben nur einen ÜRoment barjupeHen »ertnögen, 
»eil ©ie, wie id) fein Nebeneinanber, fein Nacheinanber 
haben, weil fthnen bie Goncentration auf nur einen 9ugenblid 
unweigerlich unterfagt iß, währenb ich 6en höchften Grab ber 9n* 
fcfiautic^feit nur burch bie ©tiOftanbloftgfeit ber fjanblnng, burch bie 
ineinanber ßiepenbe {Reihenfolge öieler »erfcbiebener Momente erzielen 
fann. Äutj, $h c Glement ift ber momentane ©tiüftanb ber brama* 
tifdjen ^anblung, mein Glement bie raftlofe, Qb nEn gänzlich oerfagte 
{Bewegung." 

®ennodj, fo etwa fefct ber Nebner feine Ausführungen fort, 
wirb juweilen auch für ben btlbenben Äiinftler barßellbar, was ber 
dichter mit ©orten öeranfdhaulicht ©o nach erreichtem Gipfel einer 
§auptfcene bie $anblung anSruht unb bie fßofe ber Gepalten für 
einige Augenblide unoeränbert biefelbe bleibt, ba ip für Griffel unb 
fßinfel unb juweilen felbft für ben ÜReijjel bie üJlöglichfeit gegeben, 
baö non ber Grjählung gemalte iBilb in bleibenbe ©ichtbarfeit ju 
überfein. 

Aus eigener Grfahrung glaubte ber Nebner auf eine ®ar* 
pellung aus feinen Nibelungen hinweifen ju fönnen. §n Hamburg 
habe eine funftpnnige greunbin feiner fßoepe in einem fernen 
JBiflenhaufe ben $auptfaal eigens bauen laffen für bie SBeftintmung, 
bie ©änbe mit einer ringsum laufenben Sinbe non etwa jwanjig 
Neließafeln nach Ntotioen feiner Nibelungen ju fchmüden, bie non 
bem Silbhauer fjftifc Neuber ausgeführt feien. Uebet bie erfreuliche 
Gefammtwirfung unb bie meiften tafeln feien nur günftige tlrtheile 
laut geworben, ©olle er feine eigene Gmpßnbung ausbrüden, fo 
müffe er ber Ueberjeugung Naum geben, baff pdf bie fßlaftif über« 
fjaupt beffer mit ber fßoepe »ertrage als bie SRalerel Qb re farbenlos 
ruhigen Geftalten fdjienen bie ffß^antafiebilber, welche ber ®id)ter 
wede, nicht fo auStöphenb ju bebeden, wie Gemälbe mit ihren auf* 
regenben Farben unb felbft Zeichnungen mit ihren Konturen unb 
Sichtunterfdjieben. 


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109 


{Rocfe laum hat ftcfe ein in ber Äunftgefcfeicfete al« SMfter 
erften {Range« anertannter ÜJtaler bamit befaßt, nach bem Sßortlaut 
eine« Dichter« gu malen, ©benfowenig bürfte ftcE> ein Serfucfe, bie 
Scene einet Dichtung anf bie Seinwanb p bringen, bereit« bie 
bauernbe Slnerfennnng eine« ächten, bie feiten burcfebauernben 
SReifterroerte« erworben haben. — Der wirtlich begabte unb be* 
fonnene bilbenbe fäinftler, ber mit felbft gefunbenem Sorrourf nicht 
minber mächtig p wirten oermag, weife ftcfe bem Dramatiter unb 
©piter gegenüber oiel p fefer im {Racfetfeeil, al« bafe er e« wagen 
follte, ben Gingelmoment feiner lebiglicfe für bie klugen beftimmten 
DarfteOung an« ihren gelungenen unb barum aQbetannten ^Berten 
p wäfelen, um in hoffnung«lofer ©oncurteng h era u3guforbern 3 um 
Sßergleicfe ber oon ihm flirten Secunbe mit ber fjülle oon @r* 
mnerung«gebitben, bie ber Sefcfeauer au« Sorträgen be« SRfeapfoben 
ober au« bem Dfeeater mitgebracfet hat — {Rur Dalente gweiten 
unb britten {Range« oerfudjen mit folcfeen Anleihen bie Schwächen 
ihrer ginbigteit gu bemänteln. Da« ©enie hat ftd) niemal« h et * 
gegeben gut {Reprobuction ber ffierte heterogener ftunft. 

Diefen fcfearfen Sa| fcheint ein ©emälbe gu wiberlegen, ba«, 
»on europäifcfeer {Berühmtheit, eine Seiftung erften {Range« genannt 
gu werben oerbient unb gleichwohl nach ben ÜRotioen einer Dichtung 
gefcfeaffen worben ift, infoweit fogar gut ©hrenrettung *>er f e fe c 

fragwürbigen .ßroittergattung ber fttluftration angeführt werben 
tonnte, al« fein Schöpfer e« einer {Reifee oon Karton« gut Obfeffee 
einoerleibt feat — greller« Seutotfeea. Der SEBiberfprucfe ift 
nur ein fdjeinbarer, wie bie Sergleicfeung be« Silbe« mit bem 

feonterifcfeen Dejte geigen wirb. SRacfe Obfeffee V, 337 fefct ficfe ^no 
Seutotfeea auf ben noch ungerftörten {Rotfetafen be« Obfeffeu« (fo 
feat ber {Rebner gum erften iOlale, aderbing« erft nacfe ©rfcfeeinen 
be« fßreflerfcfeen Silbe«, ba« ffiort sysSt-q gebeutet, ba« bi« bafein 
unrichtig mit „gflofe" überfefet würbe), um biefem ihren {Rath gu 

ertfeeilen unb ihren {Rettung ftcfeernben Sdfeleier eingufeänbigen. 

Dann taucht fte fogleicfe gurüä in bie fcfeäumenbe SBoge unb oer« 
fdjwinbet im Duntel ber Diefe. Obfeffeu« folgt inbefe nicht fogleicfe 
bem {Ratfee ber ©öttin, bie Äleiber au«gugiefeen, ben Äafen gu oer* 
laffen unb ficfe fcfewimmenb an ba« Sanb gu retten. Sielmefer 


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110 


befd)lief}t et, auf feinem galjrjeuge auSjuljarren, fo lang es nod) 
pfammenlfalte. @rft mann bie ©Sogen es jerfdimettert, »in et fein 
$eil fdjwimmenb fuc^en (354—64), Dann folgt bie prächtige 
©d)ilberung, wie Sßofeibon mit einer lioljen ©turjwoge baS ©ebälf 
beS $al)nS auSeinanberreifjt. 92utt erft fcpwingt ftdi) ObpffeuS ritt* 
lings auf eines bet ©d)iffsf>öljer, entfleibet fid), gürtet ben ©dreier 
ber ©öttiu um unb wirft fic^, bie Ärme ptn ©dpoimmen ausbrei* 
tenb, in bie glutl). 

©anj anberS erjäljlt -^SreHerö ©ilb. @d)on ö ot ©rfcfyeinen 
ber ©öttin ift ber taljn jerf^eßt worben. Qm ©orbcrgrunbe lintS 
ragt fcfjräg ans ber empörten glutl) ein jerbrodjeneS Stunblwlj, als 
ÜRaft gefennjeid^net. !Red)tS, ein anbereS |>otjftü(f umtlammernb, 
ben ©djleier um bie $üften, ObpffeuS. Seutotljea, ben ©lid auf 
üp gerietet, mit ber erhobenen Sinfen bie Sage bes ^äafenlanbs 
anbeutenb, gibt itjm offenbar jejjt einen Slatfj, wätjrenb fte nad) bem 
ljomerifd)en Dejte längft in ber liefe uerfdjwunben ift !gljr ©ewanb, 
in minbgebläf)ten galten hinter ifjr auSgebreitet, nichts oon ilprem 
nadten Seibe oerbedenb, nur oon ber iRedjten über bem Sopf ge* 
galten, erfdjeint wie eine gortfejpng ber bis pm 11eberfd)lagen 
emporgebeugten SRiefenwoge. ©ou biefem buntein ÜRantel hinter 
iftr Ijebt ftd) bie antnutf)SüotI fdjwebenbe ©eftalt ber ©öttin t)eHwei§ 
ab, wie oon ber grünen fnofpenfjüHe eine eben aufbredienbe Silie. 
©o läfjt uns ber ÜJlaler — unb bas oeranlafjt unfer bewunbernbeS 
©taunen beim erften Slnblide bes ©ilbeS — in biefer Seutotljea 
gleidjfam bie ©lütjje ber ©Soge, ben pr grau oermenfd)lid)ten 
©d)aumfamm ber oom ©türm emporgewölbten üJleereSflutt) flauen. 

Der ÜRaler ift alfo jwar angeregt worben oon ber Ijomerifdjen 
ör§äl)lung, l)at aber beren geitfolge, beten Änorbnung ober Dinge 
unb ©eftalten oollftänbig oerlaffen, bie ©ituation wefentlid) anberS 
gewählt unb eine biefer ©ituation angemeffene, glüdlidje, aber bod) 
ureigne, oom fßoeten gar nid)t berührte, IjödjftenS etwa im tarnen 
ber .„©5eijj*®öttin" antlingenbe Qbee Ijineinerfunben. Das ift nidjt 
©Überlegung, fonbern ©eftätigung unferer Siegel. 3« bem oben 
gefdjilberten ©erfahren Römers gegenüber plaftifd)en ©orlagen unb 
p bem ©erfahren beS fßl)ibias bei ©eftaltung bes oltptpifdjen genS 
tritt fßreHerS Seufotljea als ein glänjenbeS unb ebenbürtiges britteS 


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111 


Seifpiel, wie btlbenbe Sunft unb fßoefie guroeilen SKotioe oon ein« 
anbet leiden unb bennod) felbftänbig auSfdjaffen fünften. 

Wicht nur beShalb, weil bie SDtalerei gezwungen ift, in bet 
Serfoppelung mit ber fßoefte Sieles ju unternehmen, was tt>r tnijj* 
lingen mu§, fann ber Dichter bie graffirenbe ÜJlobe folget ©erte 
nur als eine beflagenSwerthe Serirrung befämpfen. SGBeit fd)limmer 
ift für ihn ber ©(haben, ber angerichtet wirb in bemjenigen Xfyik, 
welker bem Zeichner gelingen fann. Die gepriefenen $auptmeifter 
biefer Äftertunft, bie Äaulbad) unb Dore, werben um fo ärgere 
©djäbiger ber poetifd^en ©djöpfung, je beftedhenber fie biefelbc bort, 
wo es möglich ift, in ihre fjformenfprache überfefcen. ©erabe bie 
be ft mögliche Silberbegleitung hat ber ^5oet alle Urfache fict» ernftlidj 
p oerbitten als Sähmmtg unb oft unheilbare gerftörutig ber Silb« 
wtrfung feiner Sunft. 

©ir tönnen uns wohl alle no<h im fpätern Älter beS ffint* 
güdenS erinnern, mit bem wir beim erften, jweiten unb britten 
Sefen beS SBerther bie Sutterbrobe oertheilenbe Sötte, oon ihren 
jüngeren ©efchwiftern umringt, leibhaft fchauten. 'Der junge ®oethe 
befanb fid) nicht auf bem burd) feine ©orte in unferm 
Qnnern entftehenben Silbe. Denn ber Dieter h atte burd) bie Sunjt 
feiner DarfteUung erftenS ftd) in ben ©erther, gweitenS aber uns 
in biefen unb fo in ^h n » ben Dichter felbft, oerwanbelt. @r hatte 
uns felbft feine Äugen eingefefct. ©ir felbft waren ber eben oon 
ber erften Siebesregung ergriffene Jüngling geworben. ÄuS ber 
©ammlung in unferm ®ebäcf)tnij}archto leuchten oon ben einft irgenbwo 
wirtlich geflauten Äinbern bie pafflichften rothwangigen Suben unb 
Dstrnbel auf, nm bie begehrlichen ©efchwifterchen ju fpielen. Die 
uns geliehene ftünglingSphaittafie fefcte uns auf einen ßauberfchlag 
aus unfern Serliebnifjerinnerungen eine Sötte gufammen, bie uns 
wunberfam befannt unb hinreifjenb anlächelte; benn bie Saura, bie 
ÄgneS, bie (Smilie, bie äßathübe unferer erften, jweiten, britten unb 
werten Siebe waren in ihr lebenbig oerfchmolgen. 

Ofe^t aber, wenn wir bie ©teile wieber lefen, ift alle Än« 
ftrengung unferer fßhautafie, uns jenen Sinbrud auch uur annähernb 
wieber gurüdjurnfen oergeblich. ©einer ®ewalt fönnen wir uns 
entziehen; baS ^hautafiebilb aber ift unwieberbringlidj auSgelöfcht, 


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- 112 ’ — 

nnfere Sötte gänjlich pgebecft oon einer anbern, bie uns burd)* 
aus !alt lägt. 

Unb wer trägt bte Sdjulb? flau Ibach mit feinem aßbe* 
fannten Silbe. 

Zugegeben, baff an funftmäfjiger ©eftaltung unb @dt)önheit 
feine Sötte bie unfrige, wenn wir biefe baneben Photographien 
fönnten, oermuthlich weit übertreffen würbe, fo ift fte bennodj eine 
uns aufgebrungene, nicht mehr bie für uns wirffamfte unb abfolut 
befte ber ©eit, weil nidjt metjr bte ans eigenen ©rlebniffen unb 
©rliebniffen mit ber oom großen 'Dichter auf uns übertragenen 
magifdhen &ßmad)t felbftgefchaffene. UeberbieS fteEjt ber ©ertljer mit 
jugenblidjent ®oethegeftd)t mit auf bem Silbe! Statt bie ©rupfte 
mit feinen äugen p erbliden wie poor, wo wir ffir waren, ftnb 
wir burdf) fein ©rfdEjeinen hinaus geworfen unb tjaben ftatt ber 
warmen ffitnpftnbung eines (SrlebniffeS nur noch bie tü^le änerfen* 
nung eines ©emälbebefdhauerS. $)er Räuber, mit welkem bie Poeten» 
feber unfere einbilbfamen Kräfte ptang, bie Scene als füljlenber 
äWitfpieler öerwirftidjt p feljen, ift öernid^tet oom aufbringlidjen 
©riffel. ®er ftereoffopifdje Spiegel in unferm ©eljirn, welker bie 
Qidtjterfdjrift in änfchapung überfefcte, ift ftodtblinb geworben burdj 
bas aufgenöthigte Silb, ©oetfjes wunberooßeS ©ortgemälbe rettungS» 
los übertüncht oon Saulbach. Seine Zeichnung, weil fte roirflidj 
£>arfteßbareS gewallt ^at unb in ihrer äusfütjrung meifterhaft fteg» 
reich ift, wirb eben baburdj pm üiaub an ber fßhontafie ber Nation 
unb fo p einer unoerjeililidhen fünjtlerifdfjen Sünbe. 

Nachbem ber Nebner an ber $anb ber gewonnenen Nefultate 
noch einmal bie I^ätigteit bes 3)id)terS beleuchtet unb babei als 
Seifpiel bie ©eftaTt ber Ärimljilb in feinen Nibelungen angepgen 
hatte, fchlofj er mit folgenben ©orten: 

<5s ift ein fjmuptftüä ber epifchen Äunft, $örer unb Sefer 
anpregen p einer eigenen fßh an toftethätigteit, oermöge beren fte 
bie ©eftalten ber “Dichtung wie leibhaftig hmfdhreiten fehen über eine 
nidht oorhanbene unb bo<h mit aßem Zubehör ihnen oorfchwebenbe 
Sühne, ©erabe biefe Sraft aber, gehörte unb gelefene ©orte mit 
©rinnerungsfarben unb gönnen in Silber p überfefcen, würbe ber 
gfluftrator befto ooßftänbiger lähmen, fe beffer ihm feine Zeichnungen 


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113 


gelängen, gerabefo, wie mir Äaulbad) meine Sötte im Serther un* 
wieberbringtid) öerfdjeucht ^at. 

Um biefe Ueberblenbmtg p »erbäten, bie es meiner fßoefte 
unmöglich machen würbe, „bie Ohren in Äugen p oerwanbeln," 
bin i<h entfdjloffen, jo lang ich lebe jeber ^fluftration meiner 9tibe* 
lunge p weiten. 

Sann einft auch meine (Srben nicht mehr in ber Sage fein 
werben, fte p oerbieten, bann bürfte’ baS erfreuliche Sa<hStf)um beS 
ÄunftoerftanbeS hoffentlich weit genug gebiehen fein, um feine ge« 
urinnoerheifjenbe Stunbfchaft meljr übrig p Iaffen für baS alberne 
nnb eitle Stinberfpiel.: £>i<hterwerte p oerwanbeln in Vilberbüdjer 
pm Segneten, bie mit ihrer unhanblichen ©röfje nnb Schwere ba$ 
Sefen p leiblich ermübenber Änftrengung machen, mit ihren 3 e i<h* 
nungen oon ber Vertiefung in bie fßoefte nur abfperren, bie ©in* 
bilbungSfraft mit aufgenöthigter Trägheit lahm legen unb bie ffreube 
an ber Dichtung oerberben, inbem fte gleichfam oorgefäut einlöffeln, 
was auä mitgetheilten Sorten mit eigener ©eifteSarbeit in Schau« 
foft umpfefcen ber fjauptgenujj ihrer Sefer fein foH. 


“Die jehnte öffentliche Sifcung fanb am 17. $uni im 
©oethehaufe unter bem Vorftfce beS Obmannes $errn ^uftijrath 
Dr. Verg ftatt. 

92ach einigen üWittheilungen gefdjäftlicher Statur gelangte ber 
9te<hnungS*9teoifionSberi<ht ber Herren ©egettrechner pt 83er* 
lefung. ®er Vorfifcenbe fprach ben Steoiforen ben üDanf ber 
Verfammlung ans, worauf lefctere Decharge ertheilte. 

hierauf hielt $err Stabtarchioar Dr. ©rotefenb ben ange* 
fftnbigten Vortrag: „3ur ©efdjichte ber ©regorianifchen 
Stalenberreform*. ®aS Stähere hierüber übergehen wir einft* 
weilen unb geben bie Sfijje beS Vortrags pfammen mit ber gort* 
fefcung beffelben in ber Verichterftattung über bie zwölfte öffentliche 
Sifcung. . _ 

®ie elfte öffentliche Sifcung wnrbe am 15. 3uR im 
©oethehaufe unter bem Vorfifce beS f>erra Dr. ©rotefenb gehalten. 

9tadj (Srlebigung beS gefchäftlichen Xfyüä fchritt junächft £>err 


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114 


Dr. S. $o!tf)Of gnr ©rläuterung bet im ©ifjungsfaale ausgefteötea 
Ueberrefte bes ©oethe'fchen Puppentheaters. 

Das, was ftrf) oon bem oielbefprochenen Puppentheater er* 
halten h<tt, ftnb bie wenigen {Bretter, bie jej>t, nach achtnnbachtgig 
fahren gurn erften ÜRale wieber an ihre alte ^eimftätte gurücf* 
gelehrt finb. ©ie befinben ftdj gur •3 e * t int ^teftgett ftäbtifchen 3Su* 
feum ; früher würben fie auf ber ©tabtbibliothel aufbewahrt, ber fte 
im Q[ahte 1841 non grau ©ophie öanfa übergeben würben. Se$tere 
hatte fte non ihrer greunbin ber grau {Rath ©oetije gunt ©efd&enf 
erhalten. üDtan fpricht jefct in ber Siegel non ben „gragmenten“ 
biefer ÜRiniaturbühne — gleichwohl bärfte bttS Sorhanbene ben 
wefentlichften SCljeil beS {BüljnengerüfteS repräfentiren, wie es epe* 
ntals norhanben war, oieöeicht bis auf einen ober gwei ber gum 
SÖefeftigen ber ProfpeHe bejiimmten {Rahmen, bie {Brettchen ober 
Heineren {Rähmchen für bie (Souliffen unb etwa gwei ©eitenleiften, 
welche bie erwähnten {Rahmen mit ber iBorberwanb nerbinben mochten. 

©eben wir uns bas (Erhaltene näher an. 

Die iBorberwanb ift ein giemlich einfaches, nicht einmal 
gang glatt gehobeltes {Brett, bas 102 cm. in ber {Breite unb 62 in 
ber f)öhe ntifjt. Die lichte SBühnenöffnung beträgt 42x28 cm. 
Die tfusfchmüdung ift eine bürftige unb fehr urfprüngliche, babei 
aber entfliehen originell. Das ©ange ift in bem Umriffe einer in 
®rb* unb Obergefdjofj geglieberten $auSfa 9 abe mit weiter portal* 
Öffnung gehalten. Sefctere, non bem nothbürftigen Shteatnent eines 
antilen DempelaufriffeS umrahmt, ift gugleich {Bühnenöffnung. {RecpfS 
unb linfs baoon ein größeres genfter, oier Heinere im Dbergefchoffc 
bas mit einer furgen Dact)bemalung abfchliefjt. Sie oon funbtger 
©eite oerftchert wirb, foH fi<h in biefer geicpnung eine auffallende 
Slehnlicpteit mit ber ga?abe bes alten Dh eater8 in öapreuth Htnb* 
geben. Die fämmtlichen Sinien finb mit einem ftarlen iBleiftifte — 
offenbar einem fogenannten 3immermannSftifte — gegogeu nub 
fchimmetn je|t noch, ohne bafj fte je mit einer garbe gebectt worben 
wären, bur<h ben Slnftricp in Seimfarbe unb ben barüber gelegten 
girnifj burcp. Der ©runbton ift eine giemlich lichte #olgfarbe, bie 
güHnng in bem ©iebelfelbe beS ProfceniumS unb ben Keinen ©iebel* 
felbchen ber genfter ift mit bedenbem Seih belegt, ätof ber girfl* 


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Das Goethe’Sche Puppentheater. 



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7 . 8 ». 
















































































































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115 


fpipe bes ProfceniumS jeigt ftd) eine rotlje Urne, baS runblidje 
©chitbdhen in ber Füllung beS ©iebelfelbeS ift non fdhwarger ?$arbe. 

Das Pobiunt beftcpt aus p>ei SBrettern, einem gröfjern unb 
einem fleinern, bie burcp Seiften non unten riegelartig mit einanber 
oerbunben ftnb. Das größere hat eine liefe non 64, bas Heinere 
non 22 cm. Heber beibe jiet)t jxd) eine perfpectioifdh fiep oerjüngenbe 
SBemalung pin, einen fcpwarj unb meinen Pattenbelag barfteflenb, 
bie norne 61, hinten 34 cm. in ber ©reite mifjt. SecptS unb linfs 
patte bie 93üpne je nier Souliffenfteflungen, nodp beutlicp erfennbar 
an ben Sötern, in welcpe bie Stifte ber Srettdpen ober Sftäpmcpen 
eingriffen. ©röfjere, länglich nierecfige Oeffnungen marfiren hinter 
ber britten Souliffe am Snbe bes erften ©rettes unb ebenfo hinter 
ber nierten am @nbe beS ÄnfapeS bie ©teilen, wo bie Rapfen ber 
Profpeftrapnten eingriffen. SOtit ihren beiben Profpetten (bem not* 
beren unb bem inneren ®cpaupla|e) würbe bemnacp unfer puppen' 
tpeater genau bie (Einrichtung ber bentfcpen Sßanberbüpne repräfen« 
tiren, wie biefe fld) um bie SDtitte bes nötigen ^ahrpunberts geftaltet 
patte. Die beiben Profpeft*33orricptungen bes ®oetpe’fcpen Puppen« 
tpeaterS nerbanfen inbefj nur einem ^ufatle tp« (Entftepung. 

Die beiben SBretter bes PobiuntS ftnb nätnlidp non ungleichem 
Älter, bas oorbere hat, benor es mit bem hinteren oerbunben warb, 
augenfcpeinlicp fchon p Süpnenjweden gebient, benn es fteflt fic% 
uns als einen urfprünglidp felbftänbigen SBüpnenboben bar, ber feine 
eigene Vorrichtung pr Anbringung bes ProfpetteS hatte. Den bei« 
ben Oeffnungen für bie ffiinlaffnng bes jRapmenS entfprecpen recpts 
unb lints bie ©puren einer breifachen ßouliffenjteüung ; bie Keinen 
Södper pr Aufnahme ber Stifte ober Näpfchen bet (Eonliffenräpmcpett 
finb jwar forgfältig oerftopft, aber fo beutlicp noch ertennbar, bafj 
wir baranS ganj genau erfehen, wie bie (Souliffen ber älteren Sühne 
erpeblidh breiter als bie ber neuen waren (jte hatten nier, bie bet 
neuen nur btei ^äpfcpen). ^ubem geigen f'<h auf bem alten Pobinrn 
ungweibeutige ©puren einer früheren felbftänbigen Semalung non 
bnnleler (grüner) Färbung, bie fiep quabratifd) nnb niept in per* 
fpectioifcper Verjüngung über bie 5läcpe beffelben erftredte. 

Heber bie ©dpicffale bes Puppentheaters hat ©oetpe felbft uns 
berichtet, giemlicp furg in „SBaprpeit unb Dichtung", ausführlicher 


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116 


in „8Btlf)elm Weiger". Qn lefcterem ©eile bet ffirjähler 
feinen Seridjt in ben ©Fleier bet Didjtuufl, allein ba£ ©ewebe 
begelbeu ift fo lodet gehalten, bas wir beutlich bie ©irflidhleit be£ 
Sehens unter iljm erlernten unb namentlich wahrneljmen tönnen, wo 
faftifdje 33erhältniffe mit fingirten oertaufd&t werben, wie es u. a. 
bet Qfafl an einet ©teile ift, wo in bet ^Dichtung anftatt beS 33aterS 
bet ©rogoater genannt witb. ©a£ ©illjelm Weiftet feinet geliebten 
Watiamte erjäljlt, ift oon wenigen bichterifdjen 3uthaten abgefeljen, 
ba£, was bet junge ©olfgang felbft erlebt hat. 

9iach „©agrljeit unb Dichtung“ erhielten bie ©oethe’fchen 
Sinber — neben ©olfgang war bamals noch ein ©djweftercben unb 
ein Srüberdjen oorhanben — bas erfte s f5uppenfpiel oon bet ©rog* 
mutter p ©eihnadjten 1753 befcheett. £)aS §au£ auf bem $irfdj* 
graben hatte p jener 3eit nod) nicht bie ©eftalt angenommen, in 
bet wir e£ heute tennen, e£ teidjtc in feinem ootbeten Zf)eüe oon 
bet füblichen Sranbtnauer nur wenige Schritte über ben jefcigen 
$au£eingang hinaus unb umfchlog in bem (Srbgefcboffe äuget fj>au£* 
flur unb Sreppenraunt blog bie nadj bet ©trage p gelegene Äüdje 
unb eine batan ftogenbe geräumige Jpinterftube. ^n biefet häufte 
fjrrau Cornelia, bie gute ©rogmutter, bie ehemalige ©afthalterin 
put „©eibenhof", unb in ihr jeigte ft<h {ebenfalls ben bariiber nicht 
wenig ftaunenbcn Stinbern pm erften Wale bie $errlid)feit be£ 
fßuppenfpiels, bie „in bem alten $aufe eine neue ©eit fdjuf 
Weht als einmal werben ge ft<h an bemfelben fdgoerlich ergäbt 
haben; bie ©rogmutter, ohnehin fdjon leibenb, begann mehr unb 
mehr p tränlelu unb fcfjlog wenige Wonate nach bem erwähnten 
©eihnachtsfefte ihre Äugen für immer. Äuget bem ungewöhnlich 
lebhaften ßinbrude, welchen bie SorfteKung auf ba£ ÄinbeSgemfitlj 
machte, fdjeinen gdj bei ©oethe leine befonberS poerlägtgen <£r* 
innetungen an bas ißuppenfpiel oon 1753 erhalten p haben. ÄHe£, 
was wir aus „©ilhelm Weiger" erfahren, bezieht geh auf bie 
fpätere ©iebetholung beS ©djaufpiels im nenen fpaufe. ©ooiel 
geht tnbeg feft, bag bas pr Äugüljrung gebrachte ^h ea terftüdchen 
bie ©efdgd)te non ®aoib unb ©oliath beljanbelte, unb bie ganje 
Sühne nur für biefe einzige Ängübtung eingerichtet war. 

$)aS ^ahr 1755 braute ben Umbau beS Kaufes, unb ein 


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weiteres $af)t mochte »ergeben, bis bie Familie ftch »oBftänbig iit 
beit neuen ©erhältniffen eingelebt f>atte. Um Sßeihnachteu 1756 
bai^te bie F ra u Äat§ baron, ben Äinbern bas ißuppenfpiel ber 
©rofjmntter p erneuern, nnb ein greunb beS frnufes, ber junge 
„Lieutenant non ber (bürgerlichen) Artillerie", wie er im ffiilhelm 
SDteijter genannt wirb, ber bem ©ater fc^on bei bem Umbau niele 
wefentlidje Oienfte geleiftet hatte, trat ihr babei bjelfenb pr ©eite. 
Cr „baute, fchnifcte unb malte" in feinen muffigen ©tunben, bis 
bas fertig eingerichtete Sweater oor ihm ftanb, über beffen weiteres 
©efdjid wir in ausführlicher ffieife burch ÜBeifterS ÜBunb 

Sunbc erhalten. 

2Bir müffen bemnach, wenn wir non bem ©oethe’fdjen puppen» 
theater fprechen, pifdhen p>ei ©ühnen nnterfdjeiben, ber ber ©roff* 
mutter unb ber beS Lieutenants, wie fie genannt fein mögen, 
©eibe hatten baS miteinanber gemein, baff fte pnädjft nur für bie 
3)arfteüung eines einzigen ©tüdeS, beS fchon erwähnten ©pieleS 
»on Daoib unb ©oliatlj, eingerichtet waren, wie bettn auf beibeu 
jebenfads bie gleichen Keinen AtteurS aufgetreten ftnb. ©on ber 
erfteren unterfchieb fid> bie le|tere burch größere Dimenfionen, baS 
neue fßrofcenium unb bie neugemalten 'Decorationen. Qn ben fo* 
genannten Fragmenten haben ftd) ©eftanbtheile non beiben ©ühnen 
erhalten. Das oorbete ^Sobium ift fid)tlich baS urfprüngliche ber 
©rofjmutter, ben Anfafj hat ber Lieutenant bei ber Umgeftaltung 
unb Crweiterung ber ©ühne pgefügt. ©on lefcterem rührt auch 
bie jefcige Sühnenwanb her, aus bereu Aufrifj ber „©ürgerlientenant 
non ber Artillerie" p uns fpridjt, als ob er cor unfern Augen 
(eibte unb lebte, ©on ber ©ühneneinridjtung, beren »ergänglicher 
©toff ein SBenfdjenalter fdhwetlich überbauern tonnte, ift nichts auf 
uns gefontmen. An ber Sftüdwanb beS ißrofceniumS beutet über ber 
©ühnenöffnung nur eine SRetlje Heiner (Drahtftiftchen barauf ^i«, 
baff ein 3eug»orhang bie Oeffnung abfchlofj; von ber ©orrichtung 
pm Aufziehen beffelben haben ft<h jwei Atollen unb ein ©tüdchen 
©cpnur erhalten. 

SBaS ben Ort ber Anffühtnng non 1756 betrifft, fo 
bürfen wir benfclben nicht, wie es bisher gesehen ift, in ben »or* 
beren ßimmern beS erften ©todwertes fuchen. 'Die @hnftbefcheerungen 


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tonnten um bie ÜRitte be« ü origen ^a^unberts in granffurt nodjr 
nid)t ben . lichter fit a t) len b en SEannenbaura unb atmeten überbauet 
einen jo fc^tte^ten (Sljarafter, baß felbft in oornehtnen Käufern bie 
fßrunf» unb ©taatsgemächer jd^roerltc^ je bagu benu$t worben finb. 
@d^aupla|. ber ©ejdjeerung wie ber ^ßnftyenfpiek'äuphrung jtnb 
gweifello« bie eigentlichen fjamiliengimtner be« gweiten ©todwert« 
gewefen, unb hier entfprechen bie Spebpungen auch genau ber 
Sreite ber Süßnenwanb, wäßreub im erften ©todwerte bie weiten 
fjrlügelthüren recht« unb linl« neben ber Sühne einen nicht unbe» 
tröstlichen freien fRaum gelaffen haben würben. 

(Sin eigentümliche« ©efüht befehlest un«, wenn wir ua« 
angefnht« ber erhaltenen Ueberrejte ba« »ergegenwärtigen, wa« ber 
Dichter un« ergäbt. Da« erneuete ^ßuppenfpiel brachte bem jungen 
SBolfgang bie erften »ergnügten Ülugenblide in bem neuen leeren 
jpaufe. Der heilige Mbenb be« Qahre« 1756 war gefomnten. fRadj 
Cmpfang bet gewöhnlichen ©hriftgefchenfe hieß man bie Ähtber uor 
einer Dhür nieberfi|en, bie in bie große SBohnftube be« gweiten 
©todwerte« au« einem anbern Zimmer ßetein ging, ©ie eröpete 
fith, allein nicht wie fonft gum £in* unb ffiieberlaufen, ber ©ingang 
war bur<h eine unerwartete jjreftlichteit ausgefüllt. ffi« baute fidt) ein 
fßortal in bie &öhe, ba« non einem mhftifchen Vorhang »erbedt 
war. @rft ftanben bie kleinen oon ferne, unb wie bie SReugierbe 
größer warb, um gu feßen, wa« woßl Slintenbe« unb SRaffelnbe« 
fich h^ter ber ßalbburcßfichtigen fjüüe (bem erwähnten $eug* 
t>orßange) oetbergen möchte, unb wie bie iReugierbe größer warb, 
wie« man jebem fein ©tüßlcßen an unb gebot allen, in ©ebulb gn 
warten, ©o faß nun alle« unb war ftiß; eine pfeife gab ba« 
©ignal, ber Vorhang rollte in bie $öße unb geigte eine ßoeßroth 
gemalte ÄuSfuht in ben Demfjel. Der fwßefmefter ©amuel erfeßien 
mit Jonathan, unb ihre wechfelnben wunberlichen ©timmen erfüllten 
bie Meinen gufeßauer mit bem ©efüßle ßöcßfter ©hrfureßt. Äm# 
barauf betrat ©aul bie ©eene, in großer Verlegenheit über bie 
^mjjertineng be« fSwerlötßigen Ärieger«, ber ihn unb bie ©einigen 
herausgeforbert hatte. ÜRit ihm athmete ba« junge ^ubitorium auf, 
al« ber gwerggeftaltete ©oßn Qfai mit ©cßäferftab, ^irtentafcha 
unb ©chleuber hertjorßübfte unb padf: „©roßmäcßtigftet Äönig 


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imb $err $err! ®S entfall« Seinem ber ÜWutlj um beSwillen. ©enu 
Jh*o ÜRajeftät mir erlauben wollen, fo miH id) hingehen unb mit bem 

gewaltigen SRiefen in ben Streit treten."-So fpielte in gwei 

Äften bie wunbcrfame ^iftorie fich getreu nach ber bibltfdjen @r» 
gählung ab, bis enblich ber Stiefe fiel unb bamit „ber ganzen Sache 
einen ^errlid^en 9luSfd)lag gab.“ Die Jungfrauen fangen: „Saul 
bat Daufenb gefangen, Daoib aber 3el>ntaufenb!" Der ßopf beS 
Ungeheuers würbe bot bem Keinen Ueberwinber hergetragen, bet 
nunmehr bie f<höne SönigStod)ter gur ©emapn erhielt. 

Unb nun bente man fid) bie Keinen Schaufpieler! 9ta«h ber 
Jbee Dom großen ©oliath unb Keinen Daoib hatte man nid>t Der» 
fehlt, bie beiben |>auptperfonen reiht <hatafteriftif«h gu machen, fo» 
ba| es ben jungen ©olfgang Derbroh, feinen ©lüdspringen fo 
groergmähig geftaltet gu fehen. Sönig Saul crfchien fteif unb peban» 
tifd) im fdpoargen Sammtrode, Jonathan mit glattem Sinn in 
gelb» unb rothem Sleibe, ben topf mit bem Durban bebedt, 
ber Prophet Samuel wies bas charafteriftifihe IBruftfcbilbdben auf 
unb trug einen Seibrod aus SdjiHertafft, ber Don einem alten 
Sleibe ber ©rohmutter genommen war. 

DeS mächtig angeregten Snaben eingiget ©unfeh war es nun» 
mehr, eine gweite äuphrung bes Stüdes gu fehen. ffir lag ber 
SRutter an, unb biefe fuc^te gu einer gelegenen Stunbe ben 33 ater 
p ber eben; allein ihre SDSftbe war DergebenS. @r behauptete, nur 
ein felteneS 33ergnügen fönne bei ben 9Renf<hen einen ©ertb haben; 
Sinber unb Sitte muhten nicht gu f<hä|en, was ihnen ©Utes täglich 
begegne. Die jungen Dheater»©nthufiaften hätten noch lange, Diel* 
leicht bis wieber ©eihnadjten warten mflffen, hätte niiht ber @r* 
bauer unb Director beS SdjaufpielS felbft Suft gefühlt, 

bie 33orfteKung gu wieberholen unb babei in einem Stachfpie'le einen 
gang frifdj fertig geworbenen §ansmurft gu probuciren. Jhm warb 
nicht fd>wer, ben 33ater gu iiberreben, ber einem Jreunbe aus ©e« 
fälligfeit gugeftanb, was er feinen Sinbem aus Uebergeugung ab» 
gefchlagen hatte. Das Dheater würbe wieber aufgefteUt, einige 
StadjbarStinbet gebeten unb bas Städ wieberholt. 

£>atte ber junge ©olfgang baS erfte ÜRal bie Jreube ber 
Keberrafchung unb beS Staunens, fo war gum gweiten ÜMe bie 


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Solluft bes KufmerlenS unb gorfchens groß. Sie bas §ugehe, was 
jefct fein Anliegen. ®aß bie puppen nid)t felbft rebeten, hatte ec 
ftch bas ecfte 9RaI fdjon gejagt; baß fte ftd) nic^t non fetbft bewegen 
tonnten, oermntfjete er auch; aber warum bas alles bod) fo t>öbf<^ 
war, unb es bod) jo auSjatj, als wenn fte jelbjt rebeten unb ftd) 
bewegten, unb wo bie Sinter unb bie Seute jein möchten — bieje 
Stäthfel beunruhigten ihn um bejto mehr, je mehr er wünfchte, unter 
ben SJejauberten unb Zauberern ju jein, jugleidj jeine ftänbe im 
©piel $u h^ben unb als 3ufthauer We tjreube ber QHufton ju 
genießen. 

®ie fßaufe jwifchen ber £>auptaftiou unb bem Stachfpiele, 
wäßrenb welcher bie ßufchauer umherftanben unb jdjwafeten, follte 
bem neugierigen Knaben ben erjehnten ©nblid in bie gauberwelt 
gewähren. @r brängte ftch an bie ST^üre, hob ben unteren £eppid) 
auj unb gucfte jwifchen bem ©ejtetle burcf). $>ie ÜRutter bemerfte 
es unb jog ihn gurikf, allein er hatte bod) jo Diel gejehen, bajj 
man jfreunb unb jfeinb in einen ©djiebfaften padte — unb jo 
erhielt jeine halb befriedigte iReugierbe frifd)e Nahrung. Das nun 
jolgenbe ©piel vermochte ihn, jo jehr auch ber neue $answurjt mit 
jeinen Kbfäfcen Kappern mochte, nicht jn unterhalten. (Sr oerlor 
ftch in tiejeS SRachbenten unb war nach &er gemachten ©ntbedung 
unruhiger als vorher. SRathbem er etwas erjahren, tarn es ihm vor, 
als ob er gar nichts mijfe, unb nad) feinem eigenen ©eftänbniß in 
jpäterer $eit hatte er Stecht, benn es fehlte ihm ber ^nfammenhang, 
„unb barauf tommt boch eigentlich Wies au." 

Keußere ©nbrüde prägen ftd) bem ftinbeSgemiitije tief ein, 
allein, jo nachhaltig fte fein mögen, fte »ermifdjen ftch, wenn ihnen 
anbere oon gleicher ©tärfe folgen. Das jottte auch ber innge ffiolf» 
gang erfahren. @o jehr ber Steij beS SEheatergeheimniffeS ihn fejjeln 
mochte, blieb er boch ein Stinb, wie Äinber jiub. Sieben ber Zf)üc, 
welche baS geheimnisvolle SBfihnengerfift verfdjloß, gab es eine anbere, 
auj bie feine ©inne mit befonberer ©dhärje gerichtet waren — bie» 
jenige, bie ju feiner SRutter ©peijetammer führte. Senige aljnungS» 
volle greuben, fo gefteht er jelbjt, glichen ber ffimpfinbung, wenn 
ihn bie ÜRutter manchmal heteinriej, um ihr etwas heraustragen 
ju helfen unb er bann einige gebörrte Pflaumen „entweber ihrer 


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©fite ober feiner Sift“ p »erbauten hatte. ®ie angehäuften @d}ä|e 
fibereinanber umfingen bie junge ffiinbilbungSfraft mit ihrer Qfifle, 
unb felbft ber munbetliche ©erud}, ben fo manche @pe§ereien bnrch« 
einanber auShaud)ten, h ft *te eine fo »erlodenbe ffiirfung, baff ©olf* 
gang es niemals »erfäumte, fo oft er in ber 9lät)e mar, ftd) wenig* 
ftenS an ber eröffneten Htmofphäre p meiben. ffiineS Sonntags« 
morgens war ber mertmfirbige Stblfiffcl ftecten geblieben — bie 
DRutter mar »on bem ©elänte fiberrafdjt worben, unb bas ganje 
$auS lag in tiefer Sabbathruhe. Qm 9iu war ber lebhafte Jhtabe 
m feinem £>eiligthum, nnb er »erfäumte nicht, ftch bie gebotene 
©elegenheit p ßlufce p machen, wenn ihm auch bie ffiahl unter 
ben »erfdhiebenen Äoftbarteiten fchwer faßen mochte. 9tei<h mit ©eute 
belaben, fdjidte er ftch P 1 » »orftchtigen SRfidpg an, als fein ©lief 
«tf ein paar neben einanber ftehenbe haften fiel, aus beren einem 
®rähte, oben mit |>aten »erfeljen, burch ben übel oerfd^loffenen 
Schieber hetanshingen. 2thnungS»oll fiel er barflber fyn, unb mit 
toelcher überirbifchen Qreube entbedte er, bafj barin feine gelben* 
unb Qreubenwelt fibereinanber gepadt fei. Raum hotte er ^eit, feinen 
jfunb p mnftem — in ber anftofjenben Äfiche machte bie Jtöchin 
ftch bemerlbar — aber GtneS menigftenS tonnt er ftch aneignen, 
bas gefdfjriebene ©Speichen, worin bie ©efchichte »on ®a»ib unb 
©oliath anfge§ei<hnet war. SDtit biefem S<ha$e — ber bie ©ente an 
getrodneten ©lautnen, bfirren Äepfeln nnb eingemachten ©omeranjen* 
fchalen bei weitem fiberwog — eilte er hinauf in fein ©iebelpnmer. 
— Unb nun ging es an ein Stubieren unb ©erorieren! Äße »er* 
ftoljlenen unb emfamen Stunben würben auf bas wieberholte Sefen 
bes SdjaufpielS »erwanbt, baS ftch halb ber ©hantafte bes Jtnaben 
einprägte nnb mit biefer fo »oßftänbig »erwuchs, bafj 5Cag unb 
Stacht fein 5Da»ib unb ©otiath »or ihm ftanben. SBenn er bie Dieben 
ber Reiben »or ftch hermurmelte, gab niemanb barauf licht als ber 
©ater, ber bann bei ftd) baS ©ebächtnifj bes Shtaben pries, ber »on 
fo wenigem 3uh8ren fo ßRancherlei h“&e behalten fönnen. 

£)ierbur<h warb er immer »erwegener unb recitirte eines 
Ubenbs bas Stfid pm größten STheitc »or feiner SDtutter, inbem er 
ftch einen ®a»ib unb ©oliath aus 3Bach«tlfimpchen bilbete, bie er 
Segen einanber auftreten lief), bis er felbft enblidj bem ßtiefen ben 


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Stoß gab unb baS unförmliche flaust beffelben auf einer ©tednabel 
aufgefpießt bem Meinen $Daoib in bie $anb Mette. Oie ÜKutter 
ßorcßte auf, brang in ißn unb er geftanb. 9lun faß bie gute SDlutter, 
bie ftcß übrigen« burcß baS ©ebäcßtniß unb baS oratorifcße Talent 
beS SoßneS nicht wenig gefchmeidhelt fanb, ein, baß eS oergeblicß 
fein würbe, wenn man bem Knaben baS erfehnte Spielgeug oor* 
enthalten wolle. Mud) ber Sieutenant hatte um biefc .ßeit ben Sunfcß 
geäußert, Solfgang in feine ©eßeimniffe einguweißen, unb oom 
©ater ftanb fein Siberfprucß gu erwarten, ba ihm felbft baran 
gelegen war, in ber immer unruhiger fich geftaltenben 3eit — ber 
Ärieg gwifeßen Defterreicß unb Preußen hatte begonnen — bie 
Äinber möglicßft an baS f)auS gu feffeln. 

So würbe benn jefct baS Puppentheater ben ®inbern gu 
eigenem Gebrauch überlaffen unb ftänbig in bem üßanfarbeftocl auf» 
gefcßlagen. ®en ^ufeßauerraum bilbete SolfgangS ©iebelgimmer, 
währenb baS Profcenium in bie Sßüröffnung eines anftoßenbeu 
gimmerS gu ftehen fam, welkes ben fpielenben unb birigtrenben 
Perfonen eingeräumt warb, gitternb oor greube trat ©olfgang fein 
neues Mmt an; er betrachtete forgfältig bie Puppen, bie auf beiben 
Seiten beS ©eftefls in ber Otbnung, in welcher fte auftreten faßten, 
aufgehängt waren, unb ftieg auf ben Stritt, fobaß er nun über ber 
Meinen SGBelt feßwebte. Glicht ohne ®hrfurcßt fah er gwifeßen bie 
©retteßen hinunter, weil bie (Erinnerung, welche SBitfung baS ©angc 
Pon außen thue, unb baS ©efüßl, in welche ©eßeimniffe. er ein* 
geweißt fei, ißn erfaßte. 

Mm anbern Sage fanb bie erfte ©orfteßung oor einer ©efefl» 
feßaft gelabener ©efpielen ftatt, unb es folgte nun ©orfteßung auf 
©orfteßung, anfänglich immer noch mit bem fjauptbrama, wogu 
Sßeater unb Scßaufpieler gefchaffen unb geftempelt waren, fpäter 
aber, als bie beftänbige Sieberholung ermübete, mit anbern Stüden. 
Mus ber ©ibliotßef beS ©aterS waren bem jungen ©üßnenleitet 
bie „Oeutfeße Schaubühne" unb oerfeßiebene iialienifcß*beutf<ße 
Opern in bie $änbe gefaßen, in bie er fteß feßr oertiefte, jebeSmal 
gunäcßft bie Perfonen überfcßlagenb unb bann fofort gut $nfcenirung 
beS SerfeS feßreitenb. ®a mußte nun ftönig Saul in feinem 
feßwargen Sammtfleibe gelben aßer Mrt barfteßen, wobei gu 


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benterfen ift, baß bie ©tüde niemals ganj, fonbero meißenS nur 
bk fünften Ähe, wo es an ein Dobtßecpen ging, aufgeführt mürben. 
Vu<h mar e« natürlich, baß bie Operntejte mit ihren mannigfachen 
Äbenteuern nnb SSeränberungen beoorgugt mürben. Da gab es Pr» 
mifche 2Reere, ©Otter, bie in ben ©ollen b^ahtonten, nnb, maS 
befonberS imponirte, ÜBlifj nnb Donner. Äucp gab es in ben Opern 
mehr ©elegenßeit, ben Daoib nnb ©oliath anjubringen, welches im 
gewöhnlichen Drama gar nicht angeben wollte. gür bie paffenbett 
Decorationen forgte ber junge Äünftler felbft, ber trefflich mit fjarbe, 
$appe nnb Rapier umjngeben mußte nnb längft fdjon bie $anb* 
ßabung beS 3irlelS unb SinealS uerftanb. Die Figuren mürben 
öor unb nach mit bemeglichen Äleibern ocrfehen. güt bie Sßeruotl« 
ßänbigung ber Db ta t«rgarberobe mußten bie puppen ber ©Chweßer 
ßerbalten, and) mürbe aus ben ©rfparntffeu hier ein Ritter, ba ein 
neues Sanb angefcßafft, ober ein ©tücttpen SEafft erbettelt, fobaß 
fcpließlicb bie Äusftattung für baS grüßte ©tüd oorhanben mar. 

3Bie lange bie Suft am ©cßaufpiel gebauert haben mag, ift 
nicht }u beftimmen, ße fanb aber mie jebe Äinberluft ihr ffinbe, als 
neue Steije ju wirten begannen. Der Dichter Hagt felbft in feinen 
Sebenöerinnerungen, mie bie Qualität feiner Sußhauer ßdj halb 
öerfcplechtert hohe. Die ©efpielen bie anfangs bie gulaßung als 
eine ©nnß betrachteten, blieben nicht lange ruhige 3ußhauer, ße 
uerßelen auf bie gewöhnliche ftinberunart nnb ßörten bas ©piel. 
(St mußte ein jüngeres fßublifum auSgefnp werben, bas allenfalls 
noch burch ftmmen unb ftinbermäbChen im #aum gehalten werben 
tonnte, nnb bamit mar bas natürliche ®nbe beS Vergnügens ge» 
tommen, für bas ohuehin ber ©inn aufhören mußte, - als bie geit 
fich immer emßcr geßaltete. 

CS iß gewiß, baß ©oetße’S gewaltiger Dichtergenius ß<h ber 
Bühne jngewanbt haben mürbe, auch wenn bas ^nppenfpiel ihm 
uiCßt in ben erßen Änabenjahren ßhon bie mächtige Anregung ge* 
geben hätte. Äls Unfall bürfen mir es jeboCh teinesmegs betrachten, 
baß baS erßc Äunftwerl, mit meinem er oor bie Oeffentltc^feit trat, 
ein bramatißhes mar. ©r felbß hat in naChbrfidlper ffieife auf 
ben ©inbrnd hingemiefen, ben baS oon ber ÜJiutter ernenete ©efChent 
ber ©roßmutter auf fein erwachcnbes ©eßaltungsoermögen gemacht 

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hat. gür und ift ed jebenfatld non h°h cm gntereffe, baff wir mit 
eigenen Hugen bad eigentümliche päbngogifche gnftrument angu« 
flauen oermögen, an beffen $anb ber junge ffiolfgang ben erften 
öinblid in bie magif^e iöühnenwelt erhielt, in welcher ihm eine fo 
bebeutungdooHe SRode 6efd)ieben fein follte. 


fperr @tabtard)iDar Dr. ©rotefenb fegte fjierauf feinen in 
ber oorigcn ©ignng begonnenen 3Sortrag „,3«r ©cfd)icf)te ber 
©regorianifdjen Ralenberreform" fort. 3)er ©cridjt über beibe 
Jheile möge ^ier feine ©teile finben. 

Stebner begann ben elften ber beiben Vorträge mit ber ÜJtit= 
tijeilung, baff am 4. September biefed galjred 300 galjte oerftoffen 
feien, feitbem Raifer 'Jtubolf II ben ©tünben bed bcutfdjen s Jteicf)d 
burä) ein !aiferlicf)ed ®ecret l)abe angeigen laffen, bafj er entfdjloffen 
fei, bad neue Ralenbarium fomo^I aid römifdjer Raifer im Steidj 
bcutfdjcr Nation aid in feinen ©rbtönigreidjen unb Sanben mit bem 
fommenben Oltober angunetjmen. ©ine ©rinnerung an biefen Jag 
fei auch * n |>ocf)ftiftd!reifcn angegetgt, unb inbent Stebner fid) biefer 
©hrenpflicht entlebige, wolle er ber grage ber 9?otf)Wenbigfeit ber 
!alenbarifd)en 9teform unb ber 9Sorgefd)id)te berfelben näher treten. 

Btebner bemerfte, baff er um fo lieber biefer Aufgabe ftd) 
wibme, aid feine eigenen frästen gorfchungcn fid) mit ben neueren 
bed ffiicner gorfdjerd gerb. Raitenbrunner *) becltcn, ja in Dielen 
fßunften burdj biefelben an lieben ollem ©ingehen namentlich auf 
bie aftronomifchen Jetaild übertroffen würben. 

®er aller mittelalterlichen Ralenberberethnung gu ©runbe 
liegenbe Ofterfanon beruht auf ben ©oraudfegungen, bafj bad tro* 
pifche gahr (b. h- ber Zeitraum bed Umlaufd ber Sonne Don 
ber grühlingdnadjtgleiche gu berfelben gurüd ober ber ©ieberfeljr 
bed ftufgangd ber ©onne im Oftpunfte unferer fpimmeldaquator* 
linie) 365 Jage 6 ©tünben enthalte unb bafj ber ©pclud Don 235 
fpnobifdjen SWonbmonaten gerabe 19 gulianifdjen fahren mit 6939 
Jagen 18 ©tünben gIeid)tomme. Seibe SSoraudfegungen finb irrig. 
®ad tropifche gahr ift 11 Minuten unb 12—15 ©ecunben ffirger, 


*) ®ie $orgefd)t(f)te bet gregoriamfefjen Äalenberveform. SBien 1876. 


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125 


bie ‘iRacgtgleicgen entferne« fitg alfo in etwa 128 $agren je um 
einen Jag non ber im <£gdu* ignen angewiefenen ©teile; bie 235 
fgnobifdgen äRonate enthalten aber 1 ©tunbe 28 Minuten 15 Se* 
cunben weniger als 19 julianifdge :ftagre. ®te fReumonbe treten 
bat)er alle 308 3fa^re einen Jag früher ein, als ber SgcluS fte an* 
giebt. Jag biefeS nicgt früher f<gon bemertt würbe, gat eineStgeilS 
an bem mangelnben Jrange nach aftronomif<gen SBeobadgtungen, 
fowie an ber $bee,‘bag eine cgclifcge SBeredgnung als anf ÜRittel* 
werten berugenb an ficg fdgon Abweisungen mit ficg bringe, an* 
berntgeils aber an bem beftimmten fircl^Itc^en Verbote beS Goncils 
non IRicaea gelegen, bei ©träfe bes ÄirdgenbanneS irgenb etwas am 
ftalenber ju neräubern. 

ttrft um bie ©enbe bes 12. unb 13. ftagrgunberts wirb man 
füg bcS Reglers Harer bewugt. 2Ran fucgt na<g einer geniigenben 
ßrflärung ber entgegcntretenben (Srfdgeinungen. 

@in 3Ragifter Sonrab, ein fonft unbefannter Somputift, ober 
wie wir geute fagen würben „Äalenbermann" madgt anf bie Regler 
aufmerffant, allein nnr für ben einen finbet er eine aftronomifdge 
(Ertlärung, bie ber ©irfliegteit nage tommt. Jie Abweisung ber 
SJRonbpgafcn erflärt er fegr nain babureg, bag ®ott ben URonb am 
nierten, Abam am feisten Jage erf(gaffen gäbe. Abam gäbe nun 
bem bamals 3 Jage alten s JRonbe bas Alter 1 beigelegt nnb biefer 
Regler fei noeg niegt auSgegli<gen. 

QfoganneS |>altf«j (a Sacro Bosco) war ber erfte, ber 
(1232) bie Autorität ber alten Äirdje bet Shiti! ber empirifdgen 
©agrnegmung ju unterlegen wagte, inbem er an ber $anb non 
SJeobacgtungen bie bisgerige Annagme non ber Sänge beS tropifdgen 
0agreS eines QrrtgumS jieg. Jag bie non igm genügte ©eoba(g* 
tung (beS fßtolemäns nämlkg) eine falftge war, änbert an biefem 
wagrgaften fjottfdgritt niegts. Qm fo anffaflenbet ift babei, bag er 
bie ^rrtgümlicgfcit ber SRonbpgafen jWar offen anerfennt, aber gleidg 
bas tirdglidge Verbot ber SBetänberung in ftalenberfacgen als einer 
SBerbefferung im ©ege ftegenb anfügrt. 

Jer audg bem 12. ftagrgunbert angegötige SomputuS beS 
Qogannes Sampan uS ift ber erfte ber neben bem fßtolemäuS audg 
arabifdge Agronomen genügte. Janeben ift nur noeg ©r offetefte 


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126 


(Stöbert Granbljeab oon Sincoln, bet Stegenerator ber ttnioerfität oon 
Offorb) als ^eroorragenb p erwähnen, ber erfte ber auch tabel» 
larifcp bie wahren SDtonbumlänfe feftjnlegen fuchte. 

Der erfte ber bie grage ber Äalenberoerbefferung oor baS 
gorum be« römifdjen Stahles brachte, war Stöger SBacon, ber p 
feinen Sehweiten oielgefcpmäbte unb oerfolgte, nachher aber faft noch 
wehr geehrte nnb als doctor mirabilis bewunberte ^nmanift beS 
13. Qahrhunbert«. Sr fleht in ben fje^lcrft beS ÄalenberS nur 
Sfotgen ber SDtifjadjtang ber Kirche gegen bie Sftronomie. SJlan 
hüte ftch ans gfurcht oor bem firdjlichem Verbote, ernfthaft an bie 
SJerbeffening beS ÄalenberS ^erangage^en. Siemens IV. foOe baS 
Seifpiel feiner Vorgänger 2eo I. unb ^ilariuS nachahmen, unb mit 
#ülfe tüchtiger Äftronomen eine ©erbefferung herbeif&hren, „bie nach 
ihrer ©oQenbung als eines ber größten, beften unb fünften Sterte 
gehriefen werben würbe, bie ie in ber Kirche Shrijti ooübracht wot» 
ben flnb“. 

Die größere Genanigteit in ben ajtrouomifchen Grratbelenten* 
ten ber Kirchenrechnung, welche SBacon noch 1267 oon ber 3>ttunft 
erhoffte, war bereits 1& $ahre poor burdj beS caftilifchen Königs 
(beSfelbeu ber ben betttflhen Königsthron erftrebte) Siphon* beS X. 
Sftronomen erreicht nnb in ben f. g. atphonflnifchen Dafein nieber« 
gelegt worben. 

Kuf biefen fugten oon nun an bie talenbarifchen fßroblema» 
titer. @o anch Johanne« be SRnriS nnb fffirminns be ©ella» 
oalle, welche 1846 für ben stapft Siemens VL p Soignon einen 
Dractat über Kalenberoerbeffernng fdjrieben. Sie oerlangen oor 
Süem eine Snsfdjaltung, fcplagen aber eine allmähliche oor, 
um Unocbnungen oorpbengen. Sie fehr ftc recht hierin, ho^cn, 
geigte bas 3at)r 1583. 3hre ©orfäfläge betreffs ber Stegnlimng 
beS SDtonbtalenberS waten mehrfache aber aDe unpractifch, weshalb 
auch Siemens ftch ® 0< h anberwärts weitere Belehrung fnd)te. Der 
bamit ©eanftragte Johannes be DhermiS tonnte erft bem päpft« 
liehen Stadjfolger fein ffiert überreichen. 

Das fünfzehnte ^aprhunbert gab ber Siffenflhaft hmreichenbe 
Gelegenheit, fleh an Soncile mit ©orflhlägen behnfs ftalenberoer» 
befferung p wenben. Schon für bas auf 1412 nach Stom oon 


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127 


3fotyarat bem XXIII einberufene (Sonett hatte bei (Sarbinal gierte 
Vättty (ißetrn« be Älliaco), cm flWann non eben fo reichem theo» 
logifdjen tote aftronotnifdjen ©iffen, einen Dractat über biefe fjrage 
gefdjrieben. ©edh« 3ah*e fpäter trug er bann felbft btefe feine ttr« 
beit unb bie barübet mit bem Zapfte gemechfelten ©riefe bem (Son> 
ftanjer (Sonette oor. 

3lu« bemfelben ging ^eroor, bajj ^oljann XXIII, als ißeter 
ihm feine Arbeit 1411 überreizt hatte, auf feine ©orfdjläge ein» 
gegangen mar, nnb nur bie ©efeitigung be« @chi«tna« abmarten 
wollte. 9taclj bem refultattofen ©erlauf be« SRömtfd^en Sonett« 1412 
ftanb 5ßeter wieber am Anfänge feiner SWühen. Da« Sonftanjer 
(Sonett ging auf feine Anträge nicht ein, wohl wegen be« unan* 
nehmbaren ©orfchlage«, bie 3ah c '3' unb ÜJlonatajählung ber Araber 
p aboptiren. $>ierp mürbe ißeter baburdh gebrängt, bajj burch 
feine ©djaltungsoorfchtäge einerfeit« bem lunaren Qahre p oiel, 
anbererfeit« bem folaren Qafire p wenig gefchah nub baff er be«» 
halb al« britte« Moment Dorfdjlug, bie ©eftimmung ber 9?achtgleichen 
nnb 9lenmonbe nach aftronomifchen tafeln oorpnehmen, wobei er 
al« eoentuelle« $ülf«mittel auf bie arabifche $ahre«form oerftel. 

ÜRehr, wenn auch nur fopfagen afabemtfehen Srfolg hatte 
bie Äalenberfrage auf bem Safeter Sonett. 

Sin Deutfcher Siftercienfermönch Hermann »on ©oeft hatte 
bereit« im ^ahre 1432 einen Dractat getrieben, ber jur Äalenber* 
uerbefferung anfforberte, nnb oermuthlich berfelbe war, ber im 
$ahre 1434 auf bem ©afeler Sonett pr ©erlefnng fatn. SRach 
bem barin enthaltenen ©orfdjläge be« Stator« würbe eine Sornmiffion 
pr ©pecialberathung niebergefe^t, unb biefer gehörte neben bem $er» 
mann oon ©oeft, auch ber au« Sue« an ber ÜWofel gebärtigte Sar* 
binal SWicotau« (be Sufa) an. Der ©ericht biefer Sornmiffion, ber 
im ÜKätj 1437 oon bem genannten Sarbinal erftattet würbe, ift 
wohl wesentlich ein Sompromifj jwifchen ben ttafidjten ber beiben 
genannten belehrten. 9iicolan« muffte halb barauf ba« Sonett oer» 
taffen, bie Sornmiffion arbeitete aber noch ba« p erlaffenbe Decret 
au«. Die ©paltuug be« Sonett« gab ©eranlaffung burdj Staftfibte# 
biefer fffrage niä|t noch neuen |>aber p fäen nnb fo blieb ©ericht 
wie Decret al« fdjfifcbare« ÜRaterial für fpätere ungewtffe 3 c *t liegen. 


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128 


©d>on bte ©djrift beS Hermann »on ©oeft hatte gellagt, 
baff infolge bet fehlerhaften cpclifchen Angaben bet Äalenber »iele 
<&h«ften ihre Äalenber ber SWonbphafen ber 3©aE>rE»eit getnäfj {ich 
einrichteten. Aftronomie, Aftrologie, ÜJtebicin unb Aberglauben reichten 
ftch bamals bie #anb jur $erftellung ber Äalenber unb alle biefe 
©iffenfdjaften beburften ber wahren ÜÄonbangaben, nur bie Äirthe 
tonnte ftch mit ben cpclifchen begnügen. 

Von folgen Äatenbern mit »eränberten üftonbphafen ftnb 
namentlich als Vorbilbet unb #auptrepräfentanten bie beS Johann 
»on ©münben unb bie beS @d)ülerS feine« ©chülerS (©eorg’S oon 
Fauerbach) beS Johann bon ÄönigSberg in ^raufen ju nennen. 
Namentlich bie beS teueren würben burch ben injwifchen erfunbenett 
Vuchbrud in zahlreichen ©femplaren unb Ausgaben »erbreitet. 
QohanneS SRegiomontanuS felbft, »on Napf* ©ijtuS IV. 1476 nach 
Vom §ut Verbefferung beS Äalenber« berufen, ftarb bafelbft plöfclich. 

SDlit feinem Sobe »erftummte ber Stuf nach Äalenberteform, bis 
ju Seo X. Da« »on biefem auf 1511 berufene Sateranenftfche Soncil 
foHte fidt) wieber bamit befaffen unb ber Ditularbifd&of »on gofforn* 
brone, ißaul »on SRibbelburg, Sehrer ber Aftronomie ju Vabua 
hatte für biefen ,3wed *in bidleibiges Such gefdjriebcn, in welchem 
er neben bem Veweife, bafj nicht nur ein Goncil fonbern jeber ^Sapft 
ohne Soncil ben Äalenber »erbeffern tönne, auch pofitioe Vorfhläge 
für bie Reform unter .guriidweifung ber bisher gemachten beibrachte. 

Die SSethanblung würbe ber 10. ©i|ung beS (Soncils am 
1. December 1514 »orbehalten, »orher fuchte Seo X. noch im 
October 1514 burch Vermittlung beS ÄaiferS ÜRajimilian gutacht» 
liehe Aeufjerungen »ergebener Unioerfitdten (ffiien, Tübingen unb 
Söroen) einzuholen. 

Von ©ien (©tiboriuS unb Dannftetter) fowie- »on Tübingen 
(©töffler) langten rechtzeitig ©utad)ten ein. Veibe ftnb nicht für 
einmalige Ausrottung jur Vegulirnng ber Vachtgleichen. Veibe 
wollen fte in erfter Sinie auf bem 10. ÜKärj fijirt wiffen, bie ffiiener 
fchlagen e»entueH ben 25. ÜRdrj als gijpunft »or; ©töffler will 
ben 21. HRürj beibehalten aber burch ©iftirung ber »ierjährigen 
©Haltung erreicht wiffen. fjür Sorrectur beS URonblalenberS fchlagen 


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129 


beibe ©utacbten aftronomifcbe ©eftimmung beSfelben unb jwar ein« 
heitlicbe in Angaben nach bem ÜJietibiane non Dom oor. 

Dicfe ©utacbten würben nochmals jur Prüfung an anbere Uni« 
»erfitäten oerfanbt, hierüber ntrftrid) bie $eit unb enblidj fcblojj 
man bie Steten beS Sateranenfifdjen ©oncils, ohne non ben SSer^anb» 
langen bieferbalb etwas p erwähnen. 

Das ©utacbten bev Uniöerfität Söwen foüte int Qabre 1514 
non SübertuS ißigbiuS ausgearbeitet werben. Diefer grünblicbe 
©elebrte butte benn auch bis 1518 einen großen £ractat über bie 
^a^rpunfte fertig gefteDt, unb !aw bann im ^aljre 1520 baju feine 
©orfdbläge über bie Reform bem Rupfte £eo X. p überfenben. 
©enn auch ber fachliche Xtyil berfelben non einem gang falfdjem 
©runbgebanten aus gebt, *) fo ift bod) bcs ißigbiuS Arbeit ein 
ftefentlicber gactor für bie Jolgejeit geworben, baburdj bafj fte perft 
wieber auf bie egelifebe ©ere^nung prüdgreift, anftatt ber Seftim* 
mung burd) aftronomifcbe lafcln, unb bafj fte fobann bie ÜJlöglicb* 
feit ber gleichzeitigen Anroenbung ber folaren unb lunaren ßorrec* 
iur für bie Folgezeit ins Auge fafjt. 9lur bei einer geeigneten 
Kombination ber beibeu ffiorrecturen war bie ©cibeljaltung ber c^clt» . 
feben ©ereebnung möglich, ©ar fomit ber ©regorianifdjen Deform 
auch bie rettenbe Ib at noch Vorbehalten, ber ©ebante baran reifte 
fd)on in bem ©igbiuS’fcben ©orfebtage ber Ausführung entgegen. 

Die ©türm* unb Drang*3ftb re tot Deformation tonnten felbft* 
nerftänblicb ber ruhigen ©etraebtung einer fo atabemifeben fjrage, 
wie bie Äalenberoerbefferung war, nicht günftig fein, ©or ben 
biel wichtigeren ficb neu erbebenben ©treityuntten muffte biefe grage 
in ben $intergrunb treten. 

©o war benn auch baS 1545 jufammen getretene Soncil 
non Iribent nicht ju bewegen gewefen, ftcb mit ber ©acbe zu 
befaffen, obfebon mehrere ©ebriften birect §ur Prüfung aufforberten. 

©o auch beS ^SetruS fßitatuS fchon 1539 »erfafjteS ©erf, baS 
gleich bei ber (Eröffnung beS SoncilS bei bemfelben eingereicht würbe 

*) ^Qtte fc^on in feinem £ractate angenommen, ber bisherigen 

$3ered)nung läge baS ftberifdje 3fahr (b. h« ben Umlauf ber @onne oon einem 
fünfte ber ©fliptif gu bemfelben gurücf) gu Orunbe, toährenb eS bodj ba$ tropifd^e 
3ahr mar unb auch fein muß. 


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130 


aber niemal« gur Vorlage in orbentlidger €>igung !atn. ißitatuü 
lieg barnnt 1564 nadg ©tglug be« (Joncil« feinen Berbefferung«» 
»orfcglag im Drudt erftgeinen, ign bem Zapfte ißiu« IY. mibntenb, 
in bet |>offnung, bag beifelbe ign mit bem SarbinaI«collegium prüfen 
unb eoentuefl au«fügren Iaffen mürbe. 

$itatu« magte biefe legtere Hoffnung gu begrünbett burtg ben 
Befcglug ber lebten ©igung be« Dribentiner ffioncil« am 4. October 
1563, ber bem ißapfte ben Äuftrag gab Bteöiet unb üttegbucg gu 
reformiten. Sar nicb»t in beiben audg ber Äalenber entgalten nnb 
innig bamit oertnüpft? konnte bager nitgt mit gug unb SRedgt ber 
ertgeilte Auftrag audg auf biefen Beftanbtgeil begogen merben? 

ÜRan nagm benn audg in ber Dgat non ©eiten be« päpftlicgen 
$ofe« ben Auftrag be« Soncil« gutn 8lu«gang8punfte ber meiterett 
Berganblungen. 

gür bie benfelben gu ©runbe gu legenbe miffenfcgaftlidge Arbeit 
mar genügenbe« fdgägbare« ÜRaterial norganben. 

Dagu gatte 1543 ba« Sopernifanifdge Ser! de revolutioni- 
bus orbium coelestium ancg eine Btenolution auf bem Gebiete bet 
. aftronomifcg*matgematiftgen gorfdgungen gu Söege gebracgt. Die auf 
©runb feiner Beregnungen unb Beobadgtungen non ©ra«mu8 iftein* 
golb im $agre 1554 ooflenbeten f. g. sßrutenifdgen Dafein leifteten 
ba« feiner 3 e it benfbar ©enauefte. ®Be 3 roe 'f e ^ bie burtg bie 
empirifeg beobacgteten ÜJtängel ber egemaligen (alfonftnifdgen) Dafein, 
in ben Serien ber frügeren Äalenberrefotmen gurfidgeblieben mareit, 
mugten üor ber 3n»erläffigfeit ber neuen Dafein gurüdtreten. ÜWatt 
lonnte mit frifdgent üttutge unb ogne auf jebent ©cgritte einem megr 
ober meniger berechtigten SOtigtrauen gu begegnen auf ©runb ber 
neuen Dafein an bie ftalenberreform gerangegen. 

ißapft ©regor XIII., ber als Sarbinal fjugo Buoncampagno 
unb Bifcgof oon Befti, bem Dribentiner ffioncile beigemognt gatte, 
füglte ficg gu bem Untemegmen burtg ben legten Befdglug be« 
Dribentiner ©oncil« nitgt nur autorifirt fonbern gerabegu »erpflicgtet. 

©leitg natg feiner Dgronbefteigung im Qagre 1572 gat ©regor 
bie Salenberoerbefferung ficg oorgenommen, um bamit ba« Serl 
feine« Borgänger«, ijSiu« V. gu frönen, ber bereit« Brenier uub 
ÜRiffale igrem liturgifcgen ^ngalte nacg einer Bteoifion untergogen gatte. 


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181 


$>a würbe igm oon bem Ätjte ÄntoninS SiliuS ein ©er! 
übergeben baS einft btffen wogl fZon oerftorbener ©ruber SKopfiuS 
oerfagt gatte, nnb ba$ ben bisherigen fcgwerfüBigen nnb babei un* 
genauen ©erbefferungsweifen gegenüber auf gaunenswertg einfache 
mtb übergZtliZ« Seife bie für bie bauernbe Äalenberoer6efferung 
notgwenbigen talenbarifZen üftanipulationen auf meZanifchem,* weil 
ZcltfZ angeorbnetem ©ege oornegtnen Heg. 

®a bie ©orjüge beS SilianifZen ©erfeS fegr einleuZtenbe 
waren fefcte @regor nicht nur eine (Sommifgon gu Sftom felbft ein, bie 
füg mit bet Prüfung beSfelben befZäftigen foBte, fonbern fanbte 
basfelbe auch int JJagre 1577 an alle tatgolifZen dürften unb Uni* 
nerfitäten, um beren ©noergänbnig einjugolen. 

Ueber bas ©efultat biefer ©nguete ift nichts überliefert, fte 
fcheint, wenn überhaupt, nur günftige SRefultate ergeben ju haben, 
ba wir am 24. Februar 1682 ben ^ßapft bie betannte ©uüe inter 
gravissimas pastoralis officii nostri curas erlaffen fahen, bie mit 
ihren ©eilagen ben Canones in caiendarium perpetuum bie ®runb* 
lagen beS neuen ftalenbers entroidelte. ©ir bürfen bie ^Einzelheiten 
bet getroffenen Änorbnungen hier als betannt ooransfefcen. 

(SS ift natürlich, bafjj bie päpftlichen ©orfZWge bei ber äugen« 
Midlich Hef einfcgneibenben ©irfnng ber ÄuSfZaltung oon 10 Jagen 
nur in Sänbern fofort Eingang finben tonnten, bie wegen ihres 
ftrengen ftatgolicismus ben ©efehlen beS fßapfteS teinerlei ©ebenten 
entgegenpfteüen gewohnt waren. Italien mit Ausnahme einiger 
Heiner Iftepubliten beS Horbens, «Spanien nnb Portugal waren eS 
allein, bie ftch jur Annahme beS neuen ÄalenberS naZ ber 9iorm 
ber pöpftlidhen ©uHe b. g. »au» 4. bis 15. October 1582 ent* 
fd)liefjen tonnten, f$rantreiZ unb bie fpanifdfen IRieberlanbe hintten 
im ©ecember 1582 nach. ©eutfZlanb’S ©egerrfZer Saifer SRubolf 
ber II., obfchon in ber päpftHchen ©uBe bireft unb an erfter Stelle 
jur Annahme beS neuen Stalenbers anfgeforbert, lieg bie Sache fegt 
an geh herantommen. Stuf bem Reichstag ju ÄugSburg überreizte 
Batbmal HXabrngji gegen ®nbe ber ©erganblungen, als noZ immer 
niZt bie oon igm erfegnte ©orlage auf ber Jagesorbnnng erfZeinen 
Wollte, ben Salenber bem ftaifer, um foIZen anjunegmen unb ein* 
juffigten, wie biefeS bie anberen Könige ber Sgriftengeit ebenfaBS 


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gugefagt hätten. SRubolf erwibertc, er wolle bas mit ben ©tänbett 
beS Steigs in (Erwägung giehen, nnb forbertc gHnädhft, um gleich 
bet Proteftantighen dürften Stimmung gu fonbiren, baS ©utachten 
beS Ihirfürften Don Saufen ein. 

DiefeS ©utachten war ein wenig in bie @ad>e felbft einge^en« 
beS, <xber es war wohl geeignet, bie dürften nnb ben Saifer oor* 
ftdf)tig gn machen. @S gipfelte in bem Gebeuten, bag bie Sinnahme 
biefeö allein Dom Zapfte auSgeljenben Söerfs bem Zapfte eine oor* 
her ungebräuchliche Qurisbiction nnb (Gewalt, bem Äatfer unb bem 
IReiche etwas gu gebieten, einräume. SJtan möge bie ©adf>e auf bem 
nädhften ^Reichstage Dorbringcn. 

(Damit wäre bie @ad)e, ba für bie nächften Qahre ein 
^Reichstag nid)t in SluSfidht ftanb, ad Kalendas graecas o erhoben 
gewefen. iRubolf legte ft<h bat)er baS ©utachten beS fächftfchen &ur* 
färften auf feine föeife guredht. 

Unter auSbrüctlidjer (Betonung beS UmftanbeS, bag ber Papjt 
nic^t allein, fonbern mit feinem, bes ÄaiferS, Borwiffen unb unter 
©eigülfe feiner wie anberer Potentaten SRathematiler ben neuen 
Äalenber eingerichtet hätte, geigt er, wie fefjon (Eingangs beS erften 
SBortragS gefagt würbe, am 4. ©ept. 1583 ben beutfehen IReichS* 
©tänben an, baff er in feinen (Erblanben ben neuen Salenber ein* 
führen werbe, unb forbert fte auf, biefem Beifpiele gu folgen. Die 
fatljolifchen dürften, Doran bie geiftlichen, Ieiften bem laiferltchen 
©ebote getreue ftolge. Die proteftantifchen dürften unb ©täbte 
bagegen weigern ftdh nadh wie Dor. 3D?it allem Aufgebote theolo* 
giften SBiffenS wehren ftd) bie oerfchiebenen Gutachten ber theolo* 
giften galultäten unb Prebigereonoeute gegen bie neue (Einrichtung, 
bie fie (lebiglich Don ihrem confefftoneO*befdhrän!ten ©tanbpunfte aus 
benrtheilenb) als ©atanswer!, ©ewiffenSgwang, IjeuthlerifcheS (Ein* 
fchleichen beS ÄatholiciSmuS begeidhnen. 

„Da fte wägten", fo f^reiben bie Dübinger Dh e °I°d en in 
ihrem ©utachten, „bag ber Papft nicht ein $>irt in ber eDangelifdhen 
Kirche, fonbern ber Äntidhrift felber fei, fo mfiffe man fi<h auch feines 
tfalenbetS erwehren". Unb weiter: 

„Diefer Stalenber fei nichts anberS als ber erfte Buchftabe im 
St 83 (S. Sernen wir ben erften, fo mug man nach unb nach mit 
ben anbern auch fort." 


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133 


„Der Satan ift (®ott fei ewig Sob unb Danl) mit feiner 
Abgötterei aus unferen eßriftlicßen ftircßen auSgetricben, ben foDcn 
mir burcß feinen Statthalter nicht wicbernm einbringen unb eittfd)Iet» 
<ßen laffen, fonbern Dßfit unb £ßor ihm »erf fließen." 

Wie wenig fthnmtc biefe Anfi<ßt mit berjenigen überein, bie 
2utßer etwa 40 ^aßre gn»or in feiner Schrift „33on ben (Eoncilien 
unb Äircßen" über bie Äaleflberoerbefferung bocumentirt hotte. 

(Er ift fowenig ber Anficht, baß ber Äalenber mit bem ©lau« 
ben etwas gu fchaffen höbe, baß er fogar non ben weltlichen dürften, 
benen er allein baS Stecht ber Äenberung beS ÄalenberS einräumen 
toiH, »erlangt, fte foOten baS Ofterfeft, (baS Scßudelfeft wie er es 
nennt, weil es im ^aßre hin unb her fcßudelt) einträcßtiglich auf 
einen feften SRonatStag legen, wie Weihnachten auch fo fiele. 

ÄeplerS, (beS freifinnigen aber eifrigen ißroteftanten) fcharfeS 
Mrtßeil über bie ^errfeßfueßt bet ©eiftlicßfeit jener 3eü ift nur gu wahr! 

„Das Uebcl, welches Deutfcßlanb brüdt," fo feßreibt er an 
ben aßarlgrafen ffirnft grriebrieß »on SBaben, „rührt größtenteils 
non bem Üebermutße einiger ©eiftlicher her, weite lieber regieren 
als lehren. SWandße Doctoren möchten lieber SKfdjöfe fein, fie fueßen 
in ihrem inseitigen (Eifer aOeS umguteßren unb »erleiten ihre dürften 
}u übereilten Schritten. ‘Der ©eift ber (Einigfeit unb wecßfelfeitigen 
Siebe wirb »ermißt.“ 

Stepler, biefer bebeutenbe Aftronom, ben fpäter Stubolf II. troß 
feines ^SroteftantiSmuS an feinen $of berief, gerietß wegen biefer 
feinet freien ©efinnnngen auch gleich 1593, naeßbem er naeß 9e« 
enbigung feiner Stubien naeß ©rag in Steiermart als Seßrer ber 
Watßematif gerufen worben war mit feinem SEübinger Seßrer bem 
Autonomen SWaeftlin in heftigen Streit über bie »on ben ißroteftanten 
fo ßartnädig »erweigerte Annaßme beS neuen SfalenberS. 

„WaS treibt bas ßalbe Deutfcßlanb? Wie lange wiH es noeß 
öon ber anberen Hälfte beS SteicßS unb »on bem gangen europäi« 
feßen fjeftlanbe getrennt bleiben? Scßon feit anbertßalb ^ohrßun« 
betten forbert bie Aftronomie bie SSerbefferung ber Zeitrechnung. 
Sollen wir es »erbieten? Worauf woQen wir warten? SBiß etwa 
ein Deus ex machina bie proteftantifeßen Obrigfeiten erleuchtet? 
ftnb gwar mancherlei SSerbefferungen »orgefcßlagen worben, es 


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ift jebocß btejenige, welche bet fßapft eingefüljrt hat, bie beftc... 
04 ift eine ©<hanbe für Deutfchlanb, wenn es attein berjenigen 
Verbtffernng, welche bie ©iffenfd&aft forbert, entbehrt.* 

@o bacßte unb fc^rieb ein bur<$ bie ©iffenfcßaft geflärter 
©tift, bet große §aufe aber backte, fo wie 9Jtäftlin in theotogifch 
befangenem ©inne feinem ehemaligen Schüler antwortete: 

„Da in biefer ©acße bie STßeolögen neben ben Slftronomen 
ftreiten, fo geteilt es biefen nicht pr Unehte, wenn fte betnjenigen, 
was ber Religion nachteilig werben fönnte, nicht beipftichten.“ 

Das wat bie Sofung, welche bie ©eiftlichfeit auf bet ganjen 
thront bet Äämpfenben ausgegeben hatte. Diefes ©ort erfchoH an 
ben §öfen bet gürften^ bie für ben alten Salenber eintraten, es tönte 
ans bem SKunbe ber Vürgerfchaft ber ©täbte bie ftd) beS neuen 
Salenbers erwehren wollten, unb foOte es felbft wie hi« in fjfranf* 
fnrt ein paar blutige Söpfe unb bie ffrenfterfcheiben ber mißliebigen 
SWönche toften ober wie in ÄugSburg einige Slbfefcungen unb SluS* 
treibungen non gefinnungstüchtigen ©eiftlichen. 

$n Slugsburg, bas ringsum umgeben war mit Anhängern beS 
neuen ftalenberS, unterlag bie ©ache beS alten ÄalenberS. !$n 
tjranffurt aber tonnte tro| ber Verfuche ber tatholifchen ©eiftlichteit 
ber neue Salenber feinen bauemben ©oben gewinnen. Der SRatß 
war, wie feine Machbaren, taub gegen bie für ben neuen Äalenber 
fprechenben ©rünbe. 

@o war allüberall Deutfcßlanb gehalten in jwei Heerlager, 
unb wie einft im alten Deftamente bas ©chibolet oölfertrennenb 
wirtte, fo ließ je|t bas Datum eine tiefe Sluft pnfdjen ^roteftanten 
unb Äatholiten aufgähnen. Qfnbeß bie ,3eit bet fchroffen ©onfeffio* 
nalität »erging; nach bem 30jährigen Stiege tarn ein erneuter 
SCuffäjwung ber ©iffenfchaften unb nicht meßr bie ftarre Orthobojie 
war es, bie bie $errfcßaft gewann, ^hilofophi* auf ber einen ©eite, 
innere Vertiefung beS religiöfen SJewußtfeinS auf ber anberen fchaff* 
ten einen SBoben, auf bem eine ©inigung über biefe »erhültnißmäßtg 
hoch nur äußerliche grage erwachfen tonnte. 

©aren fomit auch bie früheren Verhanblungen %. ©. 1648 
bei bem weftyhälifchen ^rieben, 1654 bei bem 0tegenSburger Steides* 
tage noch fruchtlos gewefen, fo tonnte man hoch am ®nbe beS XVII. 


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3aljt$unbcTt6, befonberb auf ^Betreiben beb grofjen £eibni| unb nn* 
ter Sermütlnng beb nid^t rainber beräumten Jenaer SWatbematifer* 
(Sr^arb ©eigel wagen, mit einem Anträge auf Rnnabme beb neuen 
Äalenberb au bie ebangelifdjen Stäube berangutreten. 

9m 23. September 1699 faxten biefelben benn auch bett 
35ej(blufe, oom 19. fjebruar 1700 ab gleidb auf ben 1. ÜRärg Aber« 
pgetjen unb bamit ben neuen Äalenber Sregorb XIII. angnnebmen: 
nur eineb geftattete ben Stäuben ipr eoangeltfd)eb ©ewiffen ober 
il|r Starrftun nidbt Die ftepler’fcpen rnbolfinifcben Dafein batten 
bie prutenifcben Dafein beb Crabmub Steinbolb corrigirt. Der gre* 
gorianiftbe öpattencbclnb ber fiep auf beb Steinbolb Dafein ftü|te, 
batte baburcb an Infeben uerloren. 9Ran tonnte ihm einen, wenn 
auch nwb fo Reinen Reblet nacbweifen, unb mit einer erflärlicben 
#ajt unb übertriebenen ©ewiffenbaftigfeit Rammerte man ft<b an 
Mefeb ffeblercben, gleich alb wolle man bamit bie frühere #albftarrig* 
bit entfcbnlbigen. 

Sdbon früh, ja felbft ftpon non ber Commifjton gur Serecb* 
ntmg beb Äalenberb mar ein ^eb^ ber ^Rechnung ertamtt worben, 
man batte aber au<b f<bon gleidb bie praftifcbe UnerbebKdbteit beb 
Seblerb erfannt, nnb felbft Äepler batte, in ^ortfepung ber oben 
cithten ©orte an SRäftlin, gefagt: 

,,©enn man audb eine beffere erfinbet, fo tann fte nicht in 
@aug gebracht werben, ohne Unorbnnng gn oentrfacben, nadjbent 
Wefe nun einmal in Uebung ift. gfüx bie nächften ftabrbunberte ift 
fte binreidbenb, für bie entfernteren woQen wir nicht forgen." 

Die noranbgefagte Unorbnnng traf benn auch ein, naibbent 
einmal bie fßroteftanten ft<h norbebalten batten, abweicbenb non ber 
ebdifcben Oft erberechn trug ber AatboISen naib ben wahren 9ten* 
tnonbctt ber rubolfinifcben Dafein ihr Dfterfeft gn beregnen. 1724 
toie and) 1744 feierten bie (Suangdifdjen bab Ofterfeft beibemale 
8 Doge not ben Itatbolüen unb ebenfo würbe eb 1778 nnb 1798 
emgetreten fein, wenn nicht auf Setreiben ffriebricb'b beb ©roßen 
Me enangelifdben Stänbe beb fReidjb am 13. December 1775 ben heil* 
famtn Sefdjlttß gefaxt hätten, bie cpclifcbe Ofterberedptmtg ebenfalls 
)n aboptiren, nnb ihre ®ewiffenb*Seben!en fcbminben gn laffen. 

Über nicht etwa reinen ©rfinben ber Sernunft gebührt bab- 


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SSerbtcnft, in bem Kampfe gegen ben ©tarrfinn ber ^Protestanten 
guerft obgefiegt gu haben. ®« war eine anbere gufäüige Urfache, 
bie bereit« oor Ännahtne be« principicflen Sefcgluffe« bie ^Jroteftan* 
ten oeranlagte, oon ihrer ^Berechnung für biefe« ÜRal abgufeljtn 
unb Oftern 8 Sage Später, alfo mit ben Statholilen gu feiern. 

S)a« proteftantifche Ofterfeft am 12. Äpril 1775 wäre näm* 
lieh — entgegen ben öefchlüffen be« nicänifchen Sonett« — mit bent 
erften ^affahtage be« jübifchen Ofterfeft« gufammengefallen, unb man 
war noch ungcbilbet genug, biefe« al« ein ©acrileg gu betrachten, 
ba« man coüte qu’il coüte oermeiben mfiffe. 

@o big man gunächft in ben fauern Äpfel be« einmaligen 
Scheinbaren Slbgeljcn« oon ber oorgefejjten Siegel, war aber banach 
um fo geneigter, für immer bie Aufgabe be« hoch einmal burch* 
lö^erten SPrincip« gu concebiren. 

£>od| nicht al« ©regorianifchen Stalenber nahmen bie eoange« 
lifchen 9teicg«ftänbe ben neuen Äalenber an, ber päpftliche Qrfprung 
hatte bei ber theilmeifcn Ännahme 1700 auch au« bem Siatnen oer* 
fchwinben muffen unb nur al« oerbefferten Äalenber hotten fte fi<h 
bie Steuerung gefallen laffen. Diefe berechtigte Sigenthümlichteit ber 
SBegeidjnung gu wahren, war auch 1775 btt« IBeftreben ber prote* 
ftantifchen ©tänbe gewefen, unb ber Staute SBerbefferter 9teich«talen' 
ber, ben ber neue Äalenber in $)eutfeblanb oon nun an führte, 
lonnte .3eugnig oblegen oon ben Schweren Stümpfen unter benen bie 
fo begeidjnete Einrichtung burd) ®ompromiffe nach unb nach 2» 
©tanbe gefommen war. 

Sie fdjon bemertt hatten bie SSüter be« neuen Serie« ifj* . 
Ergeugnig oon oornherein nicht für fehlerfrei Slaoiu«, ein ÜBit* 
glieb ber Eommiffion, ber ba« offtcietle Serl barüber herauSgugeben 
berufen, war, giebt fclbft ben fehler an, ber fi<h nach ihm alle 
26,800 Qaljre gu einem Sage anhäufen würbe. 

Äu<h Stepler fannte ben Regler oollfommen, aber — gleich 
feinem SSorgünger Slaoin« — überlieg er e« ben Stachlommen, für 
bie Äbhülfe gegen biefen erft in fo entfernten feiten eintretenben 
tJeljte Selber aufgulommen. Siun ift ingwifchen ber f^e^Ier in be» 
beutenb nähere feiten gerüCtt. 

Schon Salanbe berechnete oor nunmehr 100 fahren, bag bie 


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ignorirte Sifferenj äwifcßen bet maßren trnpifdhen ^a^veölänge unb 
bet Annahme be« ©regorianifchett Sfalenber« in 3000 faßten $u 
einem Sage anwacßfe. Sie pneßmenbe ©enauigfett in ben aftro» 
nomifcßen Beobachtungen unb Berechnungen hat ben Unterfdjieb 
etwa« Heiner bargefteßt, fo baß nunmehr nach Seßmann’S unb 2J?äb* 
ler’« Rechnungen bie Sifferenj erft in 3200 fahren ju einem ooflen 
Sage anmacßfen muß. 

ffi« ftnb nunmehr 20 ftaßre, baß auf Anregung feine« früheren 
Obmanne« ba« $ochftift ben Bejcßluß faßte, feinerfeit« bie ^nitia* 
tioe ju ergreifen, um burcß internationale Berabrebungen ber Oer* 
fcßicbenen Regierungen eine Berbeffernng ber Schaltung be« ©re* 
gorianifdßen Äalenber« ßerbeijufüßrcn unb gleichzeitig einen Srucf 
auf bie rufftfdje Regierung auöjuüben, baß fte ben ^ulianifcßen fla* 
lenber mit bem ©regorianifcßen ocrtaufcßen möge. 

Sie Borfdßäge waren gut gemeint, allein bie Art, wie fte ben 
Regierungen entgegen gebracht mürben, mar eine fo ungewöhnliche, 
baß oon oornherein [ich jeher Berftänbige fagen mußte, baß äße 
auf ihre weitere Berfolgung oermenbete SRüße ebenfooiel oerlorcne 
Siebeömüße war. 

Ser bie Schaltung betreffenbe, au« einer Senffcßrift be« $ro* 
feffor Dr. SRäbler über bie projectirte Berbefferung ßeroorgegangene 
Borfcßlag be« fßrofeffor« Dr. $ei« in fünfter (nämlich im Qaßre 
3200, abweießenb oon ber ©regorianifeßen Regel, ben Schalttag weg* 
jutaffen unb biefe« bann aße 3200 $aßr ju wieberßolen) ift an fteß 
feßr loben«mertß unb anneßmbar, er bewirft, baß bie Abweichung ber 
eßclifcßen ßftonbe oon ben waßren nie einen halben Sag öberfdßreitet. 
SWan tann aber woßl auch hierüber nach bem Borgange oon Sta* 
oiu« unb tepler bie Sorge ber Racßlommcnben überlaffen. BJo 
wäre ßeute bie SRacßt, welche ©efeße für ba« $aßr 3200 ju erlaffen 
ftdß erfüßnen bürfte, unb wo wäre bie üttaeßt, welche bie ©arantie 
ber Au«füßrung übernehmen möcßte, bamit e« nicht wieberum in noch 
erhößterem 9Raße oerlorene Siebeömüße wäre. 


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Wo IV. ©infettbitttgett. 

557« Carl Engel in £>re«ben: „^ofjanneS gauft" ein allegorifcbe« 2>rama 
1775. Olbenburg @cbul$’f<be ßofbucbbanblung. 

561. 93. ©u l$e, ©tabtorganifl, ©etmar: 2 Orgefcompofitionen bon 93. ©ulje 
nad) ©otiben bon SHi^arb ©agner« Sobengrin" a) ©ebet, b) Heine ^p^an- 
tafie. 6 be«gleicben Aber Sieber bon ©eorg &eumar! a) Hm HWorgen, b) Hm 
Hbenb, c) 93itte, d) fcrsft, e) 93itte, f) Sob göttlichen ©ort«. 

566. blnbolf Gönig, ©cbaufpieler, $ot«bam: „93erliner Jngebtatt" 9fa>. 171 r 
173 nnb 183, „HUertei über ©oetbe". 

567. G. H. 2)of) rn in Stettin: Gefalo unb ^ßocri«, 93urle«te, No hay barlas 
oon el amor, Sufityiel bon 'JSebro Galberon be la 93arca, überfefct oon G. 
H. 2>o!)m, Stettin. Stettin bei $en!e & Sebeling 1879 unb 1880, 8°. 

571. H. ttubolf, ©aarloui«: t&eparatab^üge au« oerfcbiebenen Reitfcbriften: 
a) Hgilo, Hliruna unb Hrumentil, (Gottheiten unb ^eilige im Inbein- unb 
3wofel*®aue, b) (Gine (Götterftatte im Eifellanbe, c) „2>ie ungleichen $au«« 
genoffen" ©ingfpiel oon Qoetfje, d) 3 Hbbanblungen $ur gauß-Siteratur. 
1) SWeifter #epf)äfiu«*2ucifer, 2) 2beoj>bilu«*gauft unb 3^ej)^ifU)^ele5 
. 8) (Eutyhiano&gfaufht* fenior unb junior. 

578. $ofratb Dr* med. g. ©. $auti, 2übed: 2>ie 3nfel Gbio« in geo* 
grap^ifchrr, geologifd)er, ethnotogifcher unb fommerjietter #inficbt. (93ortrag 
gebalten bon #ofratb Dr. med. g. ©. $auli in ber ©eograpbifcben <$efe&* 
fchaft in Hamburg am 5. 9Wai 1881) 8°. 

581. G. Hfcb & o u «, 93erlin: Sebrbucb ber 3 a $närjtlicben Chirurgie unb 
^Pathologie bon $rof. H. Goleman, Berlin, G. Hfcb & @on« 1888 8°. 

589. G. ©. yeter, ©cbulborfieber in (Gaffel: ,,©ie lattn bie Pflicht be« 2$ier« 
fdjufceS bei ber JJngenb gemedt unb bon ihr geübt merben ?" 2>re«ben, 93er« 
lag be« 93erein« jurn ©djufce ber Spiere 1888. 8°. 

591. ©uftao $empet, 93erlin: ©oetbe« 93riefe bearbeitet bon gr. ©trebtfe 
14., 15. unb 16. Steferung. 93erlin, ©. $empel 1883. 8°. 

595. 93erein für SRaturfunbe in (Gaffel: 29. unb 80. 93eri<bt ber 93erein«« 
jabre 18. Hpril 1881—1883. Gaffel, S. 2)öfl 1888. 8°. 

597. Dr. Hbolf 93robbed, 3)ocent, Stuttgart: 2>ie pbbftf<b*n ©ronbfragen 
ber SRufiNföiffenfcbaft, metbobifcb jufammengefteflt bon Dr. Hbotylj 93robbed. 
Stuttgart, G. H. önmßeeg*« äflnjlfbblg. 1883, 8°. 

607. gr. ©ei bei, Sebrer in ©eimar: Ginbergarten«3eitung fRo. 5. 93erlag 
G. Rebler*« ©me. & ©oljn. ©ien. 

608. äermann IRuete, ©eminarbireftor unb Obetyfarrer in fteugelle: 2)er 
unterricht in Sefen unb Literatur, eine bißorifcb«metbobologifcbe Hbbanblung. 
Seidig 2)firr’f<be 93ncbbanblung 1688 8° geb. Subrnig $einr. (tljriftepp 

r b. ©ein Seben unb Siebten. ©üben, Gbnarb 93ergen 1883. 8°. 

Sinh in Sonbon: ^att 2Raü Gfagette 91o. 5691 unb 5692. („Wis- 
dome of Goethe"). 

612. 9b. Ge bl» 93odenbeim: Haftpflicht, Unfaüberficherung nnb ÜRormalarbeit** 
tag bon Dr. St. glefcb, 9tecbt«anwalt, granlfurt a. 2fi SKüncben, <5eorg 
$oÜner 1888. 8°. 

615. Dr. aßa^@cbmibt,2Hrectorbe«goologif(benGfartenaingranffurta.Hi: 
2)ie $au«tbiere ber alten Hegbbter, @eparat*Hbrüde au« „#o«mo«" 1882 
unb 1883. 

617. Gar 1 Werter, Hug«burg: 3 ut Erinnerung an bie Eröffnung ber neu« 
erbauten Ergiebung«anftalt in Hug«burg. 16°. 

618. 9^abal Obferbatorb, ©a«bington: The parallax of a Lyrae and 61 
Cygni. ©afbington, ©ooemement ^rinting Off. 1882. 4°. 


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139* — 


Wo. 

620. 3- $. Ärelage, $aarlem: ©elbc ^pacintljen. ©onberabbrucf au« ber 
berliner ©artengeitung. ©erlin, s Jtoul '’ßarep 1883. 8”. 

624. grieb. 91 ug. Äienaft, 2lbmont: Slbmont. Sonrijtenbüdjlein für ba« 
untere @nn«tf)al unb feine Umgebung, ©on grieb. 9lug. Äienojt. üttit 
glluftrationen. ©rag, ©erlag«bud)l)anblung „©tpria" 1883. 8°. 

634. Wubolf Äönig, ©djaufpieler, s Jtot«bam: s }$ot«bamer 3 c ‘Umg Wo. 23. 
„2lffenmenfd)en" ©oßifdje 3 e i tuu 9 Wo. 141. ,,©ljt)loc!" ©oßifdje 3 e ^ un 9 
Wo. 219. „©Ritter unb Äörner". 

635. Subroig gung in üWündjeu: 21u« ber ©djule in*« 2eben oon 2ubn>ig 
gmtg, Wtündjen. Wiiindjen bei ©g. grang’fdje $ofbud$anblung 1883. 8°. 

638 Dr. theol. u. phil. 91. 2) am mann, ©ifenad): ÄtiUurfämpfe in 9llt*©ng* 
lanb. ©efdjidjtlidje 3)arfteüung. $011 Dr. theol. unb phil. 91. 2)ammann, 
©ifenadj. Seipgig bfci ©. ©aenfdj ©erlag 1883. 8°. 

640. 2angenfd)eibt’fdje ©erlag«bud) Ijanblu 11 g, ©erlin: Seljrbud) ber 
beutfdjeu ©prad^e für ©djulen. ©on *j$rof. Dr. Daniel ©anber«. 1. ©tufe 
bie Webetljeite, 2. ©tufe glejrion ber Webetljeile, 3. ©tufe a) Weftion, b) ©öfce 
unb ©afcüerbinbungen. ©erlin, Sartgenfc^eibt 1883. 8°. 

642. griebr. ©eibel Selber, Seimar: griebr. gröbel« ^äbagogifdje ©Triften, 
ljerau«gegeben unb mit (Einleitung oerfe^en boit griebr. ©eibel. 1. ©anb: 
$Wenf<$en*@rgiefyung. 2. ©anb: 2)a« Äinbergartemoefen. 2öien unb ?eip* 
gig, 9L s J$id)ler*« Sme. & ©oljn. 

643. Waturforfd)enbe ©efetlfdjaft, ©mben: 27. J3af)re«berid)t 1881/82. 
©mben, 2$. $aljn SÖroe. 1883. 8°. 

648. 2Ö e tt e r a u i f dj e © e f e 11 f d) a f t für bie gefammte Waturfunbe gu §auau. 
©eridjt 00 m ganuar 1879 bi« 31. 2)ecember 1882. $anau, SÖaifenljau«* 
2)rucferei 1883. 8°. 

652. Bureau of Education, Washington: Circulars of Information 

1881, 1882, 1883. Washington, Governement Printing Office. 

655 ©erein für ©efd)idjte ber 2)eutfd)en in ©öljmen, ^rag: ÜWit* 
tbeilungeu Wo* 1, 2, 3 unb 4. 21. JJaljrgang SWitglieberöergeidjniß unb 
Wegifler gu ©anb 1—20. ^rag, ©elbftoerlag, Seipgig unb 2öien, g. 91. 
©rocfljau« 1882 unb 1883. 8°. 

658. W aturforf djenbe ©efellf d) oft, ©ern: SWittljeilungen au« bem gafyre 

1882, 1 $eft. ©ern, $uber & Sie. 1882 8°. 

659. Soci et 4 Imperiale des Natur allstes Moscou: Bulletin No. 
3. 1882. Moscou, Alexandre Lang, Libraire 1883. 8°. 

660. 9lad)ener ©efd)id)t«*©erein, 'Hacken: 3 e itf4 r if* mit 9lbbilbungen 

5. ©b. 1. u. 2. £eft. Slawen, ©enratfj u. ©ogelfang 1883. 8°. 1 

661. 2ermann & 2ufc, ©ud)banblung $ier: 3^1^^ r,3ri8" Wo. 12 üom 
galjre 1825, mit 3^^»wng gu einem ©tanbbilbe ©oetlje’«. 

662. §an« geller, £ofbud$änbler, Äarl«bab: geft=Wummer be« „gremben* 
blatte« für bie böljmifdjen Kurorte", gur ©nt^üttung be« ©oetl)e*2)en!mal« 
am 5. guli 1883. SUMt Jglluftrationen. 

664. fßrof. Dr. 2ubtt>ig ©üdjner, 2)armftabt: Äraft unb ©toff. ©on s J$rof. 
Dr. Submig ©üdjner. 15. üottftänbig umgearbeitete unb bttrd) 5 neue 
pitel bermelprte Auflage. Seipgig, £l)eob. $ljoma« 1883. 8". 

667. Dr. 5öill). Äübner, 3^ en ^9 : S)ip^teriti« heilbar. SÖefen unb 

©efyutblung biefer Äranf^eit. ©on Dr. ©3illj. §übner. ©erlag be« ©er* 
f aff er« 1883. 8°. 

668. ©erein für ©efdjidjte ber ©tabt Meißen: 2ftittl)eilungen. 1. 
©anb-2. $eft 1882. Meißen, 1883, 2oui« SWof^e. 

676. 2ubtiig ©tar!, Wegen«burg: geßfpiel, aufgefü^rt beim 91rmbruftfd)ießen 
ber ©efetlfd^aft gum großen ©tabl. Wegen«burg im guli 1883. ©on 
2ubtt>. ©tar!, Wegen«burg. 

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140 


SRo. 

677. SRubotf Äönig, ©djaufpieter, Pottbant: „©ertiner Xagcblatt" 91o. 309, 
311, 313 unb 317. „(Sutbüttong be8 ©oetf)e*2)enfinal$ in ÄavtSbab' 1 uub 
bin. ©oetbe*2Utifet. 

686. ©iebenbürgifdjer Äarpatljen herein, $ermannfiabt: gabrbud). 
3. 3ab r 9<*ng 1883. 

688. Prof. Dr. ©tern, ©öttingen: 72 2)iffertationen gur ©rlangung bcr 
2)octont)ürbe bei ber Untoerfität ©öttingen. 

693. ©. 2. 2)aube & (Sie. $ier: granffurt a. 3 Jl. unb feine Umgebungen. 
#anbbud) bon ®. $artenfel$. 8°. granffurt a. 9Jt., ©. 2. Staube & Sie. 

Stoßer oorfteljenb oergeidjneten $3fid)ern unb ©djriften gingen in forttau* 
fenber Lieferung ein: 

„fietoetia" burd) 91. Söeber in ©afet. 

„4)er grrenfreuub" unb „Memorabilien" burcty grieb. 33efe in $eitbronn. 
„2tifcon>’$ 3 e itfdjnft für bitbenbe Äuitfi" burcty @. 21. ©eernann in 2eipgig. 
„®om gel$ gum SReer" burcb Prof. Äürfdjner in ©tuttgart. 

„Ueber 2anb unb SWeer" burd) benfelben. 

„£inbergarten*3*itung" burd) g. ©eibet in SBeimar. 

„©efunbbeit" burd) prof. Dr. 9feclatn in 2eipgig. 

„2eopotbina," Organ ber Äaiferl. 2eopotbinifcb*(Starolinifcben Stfabemie ber 
97aturforfc^er. 

„SJtittbeitongen" be$ f. !. ©teiermärfifdjen ©artenbau-2$ereiu$ in ©rag. 
„2$erein$btatt < ' be$ $aibe*(Suttur*2$erein$ für ©cbte$nng*$olflein. 
„SRonatlidje Ueberfübt ber Söitteruug" burd) bie 3)eutfd)e ©eeroarte. 

„Star 3 00 ^°9^ e ©arten" burd) bie 3°°to9* ©efettfdjaft in grautfurt a. 5R 
„granffurter 3 c *tung." 

„granffurter gournat." 

„granffurter Beobachter." 

„granffurter 2atern." 

„S>ie flehte (Sbronif", granffurter 2öocbenfd)iift. 

„Soctyenrunbfdjau." 

„OeffentlicbeS (SourSMatt be$ 2Öedjfetmafter-©1)nbifat8." 

2eftion$fatafoge, begto. Programme unb URittbeitongen fanbten ein bie 
Unioerfitäten greiburg i. ©., 2eipgig unb gena, bie $ed)ni{cf)en #od)fd)ulen in 
23raunjc^n)eig unb SBien fotoie bie #anbel$afabentie in Prag. 

2agerüergeid)nifje fdjhften ein bie 2lntiqnarifcf)en Bucbbanbtungen g. 93aer 
& (Sie., gfaac ©t ©oar unb £. Sb- Bölcfer ^ier unb 2B. #. Äübt tu Berlin. 


2Rit biefer Lieferung tttirb auSgegeben: ©ine autograpbifc^e 3 e ^ nut1 9 
„S>a$ ©oetfje’fcf)e Puppentheater". 


X-rud toon ftiimpf & ffieiS, ftranTfurt a. SJt. 


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iBertrfjt* 


Üfrewn Jlgntatjfgn 

ißt 

9Hrr*>r4«fr*ft* »«* iiUgruutiu gUbaug 

t« gMt^i ytfetfMfr )■ Jitmliwi «. SR. 

Ijtrauegtgtbtn 

im Jtnftrage in UnrniUmg. 


9«brgang 1882/83. 


DUf t €nr!i^t* rrfdjriiwii in poaitgloftn .. - 

CUfrnragt» ffir Me ÄttfUgrooffen CttftntBg 4* 

snb fnr befrean^ete Äretfe. 


t I. dkfd^äfttid^er 2$erfel)r. ^rrfonattcn. ©. 141. — n. Oeffentließe «Sifcungeit. ®. 142. 
— „Die »ouer*^ofmanns@tiftimg M . 6.142. — „Der Äönigtfientenant ®rüf Dfaranc*. 
©. 155. — „DaS Dagebud) beb @taMfd)uttl}ri§rit Q. 28. Dejtor". ©. 159. — 
DL dinfenbraigeru 

I. ©ef^ftftli^er $erfeljr. ^erfonalien. 

©äbrenb bet SDtonate äuguft, «September unb Dctober mürben 
»ier 5Berroaltung*ftbungen abgebalten, unb jroar am 13. Äuguft, 
10. September, 8. unb 22. Dctober. Der Ätabemif<be Vorbereitung*» 
fluafdjufj trat einmal, am 15. Dctober, jufammen. 

Da* Dagebudj be* Scbriftfübreramte* ^at 143 (Eingänge ju 
»erjei^nen, benen 151 Äu*gänge gegeniiberfteljen. Äu*gefcbieben 
finb 8 feitberige ©enoffen, eingetreten ift ein neue* SDtitglieb; butcb 
Pen Job öertoren mir 3 ©enoffen: 

Vernbarb Freiherr oon 2öfiiler*torf»Urbair, geftorben 
10. Äuguft in Älobenftein. 

$enbrif ffionfcience, ißrofeffor unb iWufeum*bireftov, geftorben 
9. September in Slntmerpen. 

fj. ffi. SRöjjler, 2Wunjmarbein, geftorben 9. Dctober bierfelbft. 



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142 


II. Deffenttfehe 6U?uugeu. 

Die jmölfte öffentliche Sifcung mürbe am 19. Auguft 
im ©oetljehaufe unter bem Sorfifce beS Obmannes, £>errn $uftij» 
raths Dr. Serg abgetjaltcn. Der einige ©egenftanb ber DageS» 
orbnung mar ein öon ber Serroaltung eingebrachter, auf Auflö* 
fung ber 35a uer*$of mann «Stiftung $u ©upften ber inSRotlj 
gerätsenen ffiittme bes «Stifters, 2öilf)elm Sauer, gerichteter Antrag. 

iWacbbem ber oorfi^enbe Obmann fid) turj über bie giele 
oerbreitet, roeldje bie Sermaltung bei Einbringung bes Antrags ge« 
leitet, oerlaS ber ©ermaltungSfdjreiber, |>err Dr. Submig £)olt* 
Ijof, ben ©Wortlaut beffelben; 

„Die Verwaltung bes freien Deutzen |>od)ftifteS erfucht bie 
„in heutiger Sijjung oerfammelten ©enoffen, fte rootlen — 

in Ermägung, ba§ 

1) bie üiothlage, in roeldje bie ffiittme unfereS hoch oerbienten 
oerftorbenen EhrenmitglicbcS ffiilhelm Sauer geraden ift, 
bie Ergreifung befonberer Entziehungen unb ÜJiafjnahtnen 
bebingt, 

2) bie 3mecfe, welche bei Segtünbung ber Sauer*$ofmanu« 
Stiftung ins Auge gefaxt mürben, fich fchmerlich je mit 
ben ju ©ebote ftehenben ober noch 3 U erhoffenben ÜJtitteln 
merbe erreichen laffen, bie Stiftung fomit, ohne baff fte je* 
manbett Vorteil gemährte ober einen erfpriejjlichen gmecf 
erfüllte, fich für bas fjochfttft ftets nur als eine Saft er* 
meifen mirb, 

3) bei einer gerichtlichen ober behörbUchen Anfechtung ber 
Stiftung Obfieg auf unferer Seite nicht §u ermarten fteht, 
bagegen uns in biefem {falle fchmere unb gehäfftge Anfein* 
buitgen nicht ju erfparen ftnb, 

4) Dr. ffriebrich fjofmann als üJlitbegrünber ber Stiftung eine 
Stimme hot,- bie nicht ungehört bleiben barf, 

5) oon ber ÜWünchener gmeiggenoffenfcljaft ju ermarten fteht, 
fte merbe bei einer etmaigen Auflöfung ber Stiftung eben* 
fofehr uufer Jjntereffe mie bas ber SBittme Sauer mähren, 

„fich barüber fchlüfftg machen, ob bas feither unter bem Flamen 


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- 143 


„Sauer*Hofmann*Stiftung" nom Hodhftifte oerwaltete 
„Kapital unter beit obroaltenben Umftänben an 3rrau Sauer ju* 
„rüdtjugeben unb in biefem $aQe bie Siünchener 3 lüe *99 eno ff en= 
„fchaft utn flJtitwirfung ju erfuchen fei," 
unb fchritt fobann im Slawen ber Verwaltung jur (Erläuterung unb 
Segrünbung beS StntragS. 

Angeregt, fo führte er aus, fei berfelbe bereits oor einer Steihe 
non Stonaten worben burch ben nodi) lebenben SDtitbegrtinber ber 
Stiftung, Dr. gfriebrich Hofntann in Seipjig, fobann neuerbings 
burch biretteS (Erfuchen ber 3frau Sauer, Grunb bes Antrags fei 
ibie überaus traurige Sage, in welch lefctere ohne ihr Serfdhulben 
geraden. 

Ueber ©ilhelm Sauer unb fein „(Srftnberfdhidfal", fo fuhr 
bann ber Stebner fort, ift es faum nötig, ein SEBort ju «edieren. 
,<Es erging ihm, wie es fchon fo mancher genialen Kraft feines 
Schlages in Deutfhlanb unb anberwärts ergangen ift: fein aus 
•einer enblofen Kette non (Entbehrungen, Hoffnungen unb (Ent* 
täufchungen fich jufammenfehenbeS Sehen geftaltete ft<h befonberS 
büfter in feinem lebten Slbfchnitte. Unheilbares «Siechthum warf ben 
:tafiloS ftrebenben SOtann mitten in feiner DiUigteit auf bas 
Schmerzenslager unb lieh 'h n foft «olle fechs Qahre bie enblich am 
10. ^uni 1875 erfolgte Äuflöfung norausfehen. 'Da, im Singefichte 
bes unoermeiblid) ihm beoorftehenben Sdhidfales, entfdhlofj er ftch — 
es war imgrühiahre 1876 — gu einer £h at < bur<h bie er glaubte, 
bem beutfdhen Solle ben Slntheil, ben biefeS an feinen Seftrebungen 
ijur Hebung beS Dampfers „Subwig" auf bemSobenfee genommen, 
nergelten ju tönnen. (Sr wollte bieSeiträge, bie ihm burch bie, non 
ber „Gartenlaube" angeregte unb auf bas Stachbrücflichfte unter* 
ftüfcte nationale Sammlung gur Durchführung feines Unternehmens 
; gu Dheil geworben waren, ber Station wieberum gurüdterftatten, unb 
plante gu biefem groedte eine Stiftung, welche „ein ewiger Sporn 
für (Srfinber werben unb ber beutfehen ^nbuftrie eine nicht unbe* 
beutenbe fjörberung guführen fottte." Stach ben erhaltenen Sin* 
beutungen war ber urfptüngliche Gebaute Sauers etwa folgenber. 
Die Stiftung foHte baS Slnbenten an ben ÜJiann unb bie Sereini* 
gung, non welcher ihm guerjt görberung unb (Ermutigung bei feinen 


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144 — 


Seftrebungen jtt J^eil geworben war, b. f). an ben Webafteur ber 
„Oartenlaube“, Dr. ftriebrtd) $ofntann, unb ba4 ftreie Deutfdje 
$o<hftift erhalten, barum ben Flamen Sauer « $ofmann * Stiftung 
tragen unb ber Serwaltung be4 freien Deutfchen $o<hftifte4 unter« 
fteflt werben. 914 Stiftung4fapital würbe ein betrag non 5—6000 
Onlben oorgefe^en, au4 beffen 3* nSertr ^gnt§, fobalb foIdje$ eine 
|)ö^e non 1000 2Wart erreicht habe, ein ißrei4 für bie befte Söfnng 
einer te$nifd)cn Aufgabe au4gefchricben werben foQte. Die Serwal« 
tung be4 Stiftung4lapitale4 foQte ba4 $ochftift übernehmen unb bie 
9u4fd)reibung ber fßrei4anfgabe burch bie technifchen Vereine jn> 
nädtft »on ftrantfnrt a. ü)?., bann »on Nürnberg, Stettin, ftiel*) 
unb Bremen erfolgen. Da4 Kapital, fo fügt Sauer ber erjten üRit« 
theilung, bie un4 über fein Sorhaben erhalten ift, h>nju, lönne er 
gunächft noch nicht $ur Verfügung fteüen, felbft nach feinem 9b« 
leben foQe e4 feiner fffrau jum 3tn4genuffe überlaffen bleiben, 
festere habe fi<h inbefj bereit erflftrt, feinem ffiunfche ju entfpredjen 
unb nach ‘h rem Ableben nicht nur ba4 bejeichncte Kapital, fonbem 
auch noch «twaigen Ueberfchufj au4juantworten. Seiter ändert fleh 
Sauer, bafj ber fßrei4getrönte »om $ochftifte eine ßhtenurfunbe er* 
halten folle, bie er, auch wenn feine ßrfinbung in einzelnen Staaten 
ober international patentirt werbe, jebenfatl« al4 työc^fte Slpen« 
marle betrauten müffe. 

Ueber ben Sßlan, wie er oorftehenb angebentet ift, trat Sauet, 
wie e4 fcheint, im v JKär§ 1875, mit bem Obmann, bejiehung4weife 
mit ber Serwaltung be4 $o«hftifte4 in Schriftwechfel. 9u4 bem 
SrototoHe über bie Serwaltungfifcung oom 11. 9prit erhellt; baff 
Serhanblungen über bie ju errichtenbe Stiftung in ber Serwaltung 
wie in ber üDleifterfcijaft ftattgefunben hatten. (£4 erging einftimmiger 
Sefchlufj, in ber am gleiten Sage ftattfinbenben öffentlichen Sifcung 
ben ©enoffen bie Annahme ber „Sauer • $ofmann « Stiftung“ §u 
empfehlen. 

$n ber erwähnten öffentlichen Sitzung berichtete ber Obmann 
namen4 ber Serwaltung über bie $u begrünbenbe „Sauer «$ofmann* 


*) @ei ben einteitenben ©djritten gur erjten 2tuS[d)reif>ung jteflte jidj heraus, 
bajj bort ein berartiger 8erein nicht »orljanben war. 


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146 


Stiftung" im «Sinne beS angebeuteten Sauer’fchen planes, hieran 
bie ÜJlittheilung fnüpfenb, baff eine Dame B. E. aus C. fidj er« 
boten ^abe, 1000 3Jiarl gu Renten, um fofort unb noch ehe bas 
StiftungSlapital, gefchweige benn ein 3inSerträgnih aus bemfelben 
gur Serffigung ftetje, ein ißreiSauSfchreiben, toie bie StiftungSibee 
es oorfehe, erlaffen gu tönnen. Die Serfammlung ertlärte ftd) mit 
Annahme ber Stiftung unb ber Sdjenlung oon 1000 ÜRart ein* 
oerftanben unb befc^log, bem Stifter gegenüber bie Sitte auSgu* 
fprechen, er möge bie Statuten berart formulieren, bajj, wie bei ber 
fßalmfonntag-Stiftung, eine fadjgemäjje oon ben ^eitumftänben ge¬ 
botene Äenberung möglich fei. 

3n ber SerroaltungSfifcung oom 3. ÜJiai 1875 geigte ber Sor* 
ftfcenbe an, baff Sauer ftd) mit bem Sorfd)lage begüglich gormu* 
lierung ber Statuten einoerftanben erflärt unb bafj er bie SBerttj« 
papiere gur glüffigma<hung ber »on grau B. K. aus C. gefchenf* 
ten Summe oon 1000 üflarl eingefanbt habe. @S mürbe fobann 
ein Statuteneutmurf für bie „Sauer-^ofmann-Stiftung" beraten, 
unb befc^Ioffen, in ber auf ben 9. üttai anberaumten öffentlichen 
Sijgung ben ©enoffen Annahme gu empfehlen, bamit bie Stiftung 
fofort ins Seben trete. 

Qu ber öffentlichen Sifyung oom 9. üftai erflärten bie ®e« 
noffen ftd) mit ben Sorfdjlägen ber Sermaltung cinoerftanben unb 
genehmigten bie Stritte, welche oon lefcterer gur Sermirtlichung beS 
erften fßreiSauSfchreibenS oorgefd)lagen mürben. 

Das ißreiSauSfcbreiben mürbe in unmittelbarem Stnfctjluffe 
hieran erlaffen, blieb jeboch, mie auch «in gmeitcS im gahre 1877, 
refultatlos, fo bah bisher bas Kapital oon 1000 üftar! unter bem 
tarnen „ffionftange-Stiftung“ (gur (Erinnerung an Sauer’s oer* 
ftorbeneS Äiub gleichen SWamenS) als Seiftiftung gur „Sauer »$of* 
mann «Stiftung 1 ' oermaltet morben ift. 

SRoch beoor inbefj alle Einleitungen gum Erlaffe beS erften 
fßreiSauSfchreibenS getroffen waren, langte bie Nachricht oon bem 
am 10. ftuni erfolgten lob Sauers ein, über welchen in ber Ser* 
waltungS-Sifcung oom 28. ÜJlittheilung gemacht mürbe. ‘Der oor* 
ftfcenbe Obmann fprad) bie Sefürdjtung aus, bah burd) biefes 
traurige Ereignis möglichermeife ber Seftanb ber Stiftung gefährbet 


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146 


werbe, ba man, faß« Sauet eine teftamentarifhe Verfügung nicht 
tjinterlaffen habe, auf ben guten ©iflen feiner SEBittwe angewiefen fei. 

gn bet am 5. guli folgenben SerroaltungS’Sihung war jeboh 
bet Obmann in ber Sage, mittheilen ju tönnen, et fei non grau 
Sauer in 9J?iind)en benachrichtigt worben, fte fei gefonnen, bas für 
bie Sauer=£>ofmann*Stiftung §u hi n terlcgettbe Kapital bem |)och' 
ftifte je|t fcfion einjufenben, unter ber Sebingung, baß ihr banon 
bie ihr gebiihrenben ginfen pünltlidh pgeftetlt würben. 

Am 21. beffelben ÜRonatS noch langte benn auch «ine ffierth* 
fenbung im Setrage non nominal 4500 fl. non «Seite ber grau 
Sauer an. gn bem begleitenben «Schreiben nom 18. beffelben IDtonatS 
fpecificierte biefe bie einjelnen SBerthpapiere, aus benen ber Setrag 
fich jufammenfehte, unb erllärte, bah biefe ft<h in einer bcfonberen 
Kaffette nah bem Ableben ihres ÜJtanneS norgefunben hätten, 
©leihjeitig bat fte, bie Serwaltung möge leine Nachricht barüber 
in bie Oeffentlichleit bringen laffen, bah baS ©elb ftd) bereits in 
ben $änben beS £>ocf)ftiftS befinbe, ba fte gezwungen fei, nach btefer- 
Sichtung hin Ütfidficht auf noch lebenbe Sevwanbte ihres Stanne^ 
ju nehmen. 

Stantit erfhöpfen fich, abgefehen non einigen ÜRittheilnngen, 
bie grau Sauer über bie Serwaltung bes Kapitales gemäht werben, unb 
einer AuSfunft, bie fte in Setreff bes ^Sreisausfhreibens non 1875- 
unb 1877 erhält, bie AnhaltSpunfte, bie ftd) $• 3• ' n bem Elften* 
materiale beS $>ohftifteS über bie Sauer*$ofmann«Stiftung befinben. 

®ie beiben Kapitalien, bas ber £>aupt* fowie baS ber Sei* 
ftiftung, ftnb bisher ftrenge im Sinne bes Stifters nerwaltet unb- 
bie aufgelaufenen 3infen bes lefcteren angefammelt worben. 

gtt biefem Stanbe befanb fth bie Angelegenheit ber Sauer* 
$ofmann*Stiftung, als bie beseitige Serwaltung in ihr Amt be* 
rufen warb. 

®a gelangte an ben beseitigen Obmann am 10. April 1883 
ein nom 6. gleichen 2W. batierteS Schreiben beS $errn Dr. griebr. 
£>ofmann in Seipjig, in weihet« biefer SHttheilung non ber überaus 
traurigen Sage mähte, in welcher fth grau Sauer befinbe. £>ie 
betagte grau, fo führte er aus, fei burh wieberholte ShictfalSfhläge 
um bie Heine §abe, bie fte ihr eigen genannt, gebracht worben; 


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Iran! unb gebrechlich fcfemebe fic baju nod) in ©efahr, iljr Augen« 
liebt p ücrlieren unb fei fomit nicht mehr in ber Sage, auf bie 
Beihilfe p rechnen, welche fie fid) bisher burd) Anfertigung feiner 
#anbarbeiten befdjafft habe. Unter biefen Umftänben rechtfertige fich 
wolll bie grage, ob ed ferner noch geboten erfchcine, bie Stiftung 
aufrecht p erhalten, bie Sauerd unb feinen tarnen trage. „Wilhelm 
Sauer", fo fefereibt Dr. fjofmann wörtlich, „hatte bei bem ©e» 
banlen an feine Stiftung Zweierlei oor Augen. (Sr wollte ber 

beutfeben Nation, bie ihm bie ÜRittel pr Erprobung feiner ®r* 

finbungen bargebracht, feinen ®ant, unb mir, ber ihn in ber treffe 
oertreten hatte, eine bauernbe Anerfennung bamit bemeifen ; er wollte 
aber auch jweitend feinen noch unausgeführten ffivfinbungcn bie Aus* 
führung bur<h fp&teve Talente ermöglichen. — Die erfte Abficht 
war ehrenwerth, aber unnötig; für bie Untere aber waren bie 
aufpbietenben ÜJüttel unpreidjenb. 3<h weife am beften, welche 
Summen »on ben ffirprobungen ber Schiffhebung unb bed ftlugapparated 
ocrfcfelungen worben finb, unb eben bedhalb hat auch ®auer für 
biefcd fein Sermäcbtnife bie bauernbe Unterftüjpng ber „©artenlaube" 
in Anfpruch genommen. Dem tobtfranfen äJfanne burfte ich bie 
Äudficht auf biefe Unterftüfcung nicht rauben. Aber fic ftcllte fid) 
feht halb ald unmöglich h^and. s )iur baburch, bafe mir in ber 
„Gartenlaube" Sauer’d Sache ald eine patriotifche behanbelten, 
tonnten wir in ber grofeen Slüthejeit bed düngend nach Einheit bed 

dteidjd, alfo oon 1860 bid 1866, fo bebcutenbe Summen für ihn 

aufbringen. Schon mit ©rünbung bed „diorbbeutfdjen Snnbed“ 
liefe fich eine Abfühlung gegen öauer’d Unternehmen oerfpüren, unb 
nach ber ©rünbung bed „Deutfchen dteiched", feiner flotte unb ben 
wachfenben Stenern tonnte ich nur für Sauer’d fßerfon noch Sfeeil* 
nafeme erregen. — Somit tönnte man bie gan$e Stiftung ald ein 
Oerfehlted Unternehmen bezeichnen. $<h, für meine fßerfon, öerjichte 
gerne auf bie beabfiefetigte Anerfennung, unb für Sauer’d bauernbed 
Anbenten bei ber 9?ation weife ich ebenfalls p forgen. Die Aud« 
führung ber Sauer’fchen ©rfinbungdplane ift mit ben gebotenen 
SJütteln unmöglich, unb bie Untcrftüfeung, welche alle brei $ahre 
mit ben p 1000 üßarf aufgelaufenen $infen jungen Talenten be* 
reitet werben tann, auch hoch anpfdjlagcn. Dad Schliinncfte 


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ift aber, baß um eines fo fraglichen 3roedeS wißen bie ffiittwe 
beS CrfinberS in bie bitterfte Soth oerfinten foß." 

Dr. #ofmann lieg wenige Stage barouf biefem feinem ecfien 
Schreiben ein jweiteS ergänjenbeS folgen, in welchem er ft<h nä§et 
über ben Sothftanb bet grau Sauer oerbreitete unb p erwägen 
anheimgab, ob e« ftch nicht empfehlen werbe, grau Sauer ben Se¬ 
trag ber fogenannten Seiftiftung mit 1000 Start auspljänbigen, 
ba burcß bie ©rfolgloftgleit ber beiben HnSfchreibungen ber 3»«* 
berfelben als total oerfehlt betrachtet werben miiffe. 

gn gleichem Sinne fchrieb gran Sauer felbft unter bem 
14 Sfprtl, bittenb, man möge ihr, wenn $ülfe in weiterem Umfange 
nicht gewährt werben !önne, bie anfgelanfenen 3«ifen aus ber Sei¬ 
ftiftung unb fpäter regelmäßig biefe 3* n f en mit benen ans ber 
$auptftiftung pfommen laffen. 

'Der Serwaltung fiel nunmehr bie fet)t ßeilele Aufgabe p, 
einen Ausweg aus Serljältniffen p fucßen, bie ftd), je näher fte ftch 
p erlennen gaben, befto metjr als fchtoierige unb oerWictelte -bar« 
fteflten. Der offenbaren Sotljlage gegenüber befchloß fte, ber tjart 
bebrängten grau pnächft bas p gewähren, über bas freie Serfügung 
pftanb, b. b. ben Setrag ber bis p 240 Start aufgelaufenen 
3infen ans ber fog. Seiftiftung. Sie überfanbte biefelben an ben 
©enoffen Dr. ffinglert in Ständen mit ber Sitte, grau Sauer biefe 
Summe auSpßänbigen unb pgleicß nähere (Srmittelungen über bie 
Sage berfelben anpfteßen. Stit banfenswertßefter Sereitroißigteit tarn 
Dr. ffinglert bem ißm geworbenen Aufträge nach, unb leiber ftimmte 
bas, was- er p berichten hatte, p genau mit bem oon Dr. $>ofmann 
bereits ©emelbeten überein. 

Huf Sericht Dr. ffinglert’S ließ bie Serwaltung fofort ans 
flüffigen Stitteln an grau Sauer bie Summe oon 210 Start ab¬ 
gehen, bie einftweilen als 3iofettüotfchuß regiftrirt würbe, was auch 
mit einer fpäteren 3 u f ctt ^ un 9 »on weiteren 200 Start gefcßaf), bie 
grau Sauer ftch i ur Fügung einer auf ben 1. Iguni laufenben 
Serbinblichteit erbeten hatte. 

grau Sauer ließ unterbeß wieberholt bie, auch oon Dr. ffinglert 
unterftüfcte Sitte an bie Serwaltung gelangen, ihr bas in 1000 St. 
beftehenbe Kapital ber Seiftiftung p oerabfolgen, fteßte inbeß fpäter, 


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149 


ba, wie fte ausfügrte, tgre Sage fteg oon Sag gu Sag oerf(glimmere, 
bas birefte ffirfuegen, bei bet ©enoffenfcgaft Äuftöfung ber Sauet» 
4>ofmann*Stiftung gu beantragen. 

£>ätte bie Verwaltung igrem ©efügle folgen fönnen, fo würbe 
fte ber f<gwer geimgefmgten SSMttwe beS oerbienftoollen SEBilgelm 
Sauer, gumal ftd» gegen bie non Dr. $ofmann geltenb gemalten 
©rünbe »out Stanbpunfte ber Vernunft nur in geringem Umfange 
©inwenbungen ergeben liegen, gerne alle« (Erbetene gugeftanben 
gaben. Allein abgefegeu baoon, bag bas nicgt innerhalb igrer 
SRacgtbefugnig gelegen, ergab ftd) für fie bie unabweisbare ^fliegt, 
tu einer geit, fo fritifdg für unfere ©euoffenfegaft wie feine anbete 
je guoor, mit äugerfter Sebacgtfamfeit oorgugegen unb feinen Scgritt 
gu tgun, oon bem fteg oorausfegen liege, bag er irgenb einer Än* 
feegtung unterworfen werben fönne. ®S mugte bager gunäcgft 
gelten, ben Sgatbeftanb ber Sauer*$ofmann*Stiftung, foweit baS 
ffreie Dcutfdge fjoegftift mit berfelben in Verbinbung ftege, feftgu* 
gelten, eine Arbeit, bie fteg bei bem mangetgaften unb unooüftänbigen 
3uftanbe, in welegem bie gegenwärtige Verwaltung bie Segiftratur 
übentegmen mugte, gu einer fegwierigen unb geitraubenben geftaltete. 
&ls ©tgebnig berfelben mag golgenbeS angefegen werben. 
Sauer fagte ben pan gu feiner Stiftung unb tgat bie erften 
Segritte gur Segrünbung berfelben, als er, ein tobtfranfer ÜHann, 
faft jeben Stugenblief fein ffinbe oorausfegen mugte. Sgatfäeglieg 
ift er benn audg mitten in feiner Arbeit oom Sobe überrafegt 
worben. So fam es, bag er wiegtige unb wefentliege Verfügungen 
unterlieg unb namentlicg feine Seftimmung barüber traf, wie es mit 
ber Sefteüung beS kapitales für bie gu begriinbenbe Sauer«^)ofmann* 
Stiftung gegolten werben fofle. Sauer felbft gat auSbrücflicg aus* 
gefproegen, bag er in biefer £>inftegt eine teftamentarifege Verfügung 
erlaffen, begiegungSweifebag er eine StiftungSurfunbe werbe errieten 
taffen. ©r gat jeboeg feine anbere legtwiüigen Seftimmungen ginterlaffen 
als bas im Qecember 1874 erriegtete, im wefentlicgen gu ©unften 
feiner SBittwe lautenbe Seftament. ©in fogenanter Stiftungsbrief 
ift niegt »organben, ein 'Mangel, ber früger fegon empfunben, unb 
auf ben in ber VermaltungSfigung oom 28. Quni 1875 oon bem 
bamaligen Obmann gingewiefen würbe, ffrnu Sauer geigte inbeg, 


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150 


bafj fie gefonnen fei, pietätvoll ben ffiiüeu beS von ihr fo febr 
verehrten unb geliebten üttanneS gu erfüllen unb fanbte freiwillig 
am 11. Quli 1875 bereits bie »on Sauer gur Vegrünbung ber 
•Stiftung beftimmten unb »on itjm gu biefem ^medc in einer be* 
fonbern Äaffette aufbemabrten SBertljpapiere ein. Ungroeifel^aft 
lag ber grau eine rec^tltdje Verpflichtung tjiergu uid)t ob, unb 

moralifch tonnte fie gu nichts weiter, »erbunben erachtet werben, als 
gu einev forgfältigen Verwaltung ber als bereinftigeS Stiftungsvermögen 
gualificirten ©egenftänbe, fowie gu einer teftamentarifchen Verfügung 
barüber, bafj biefelbcn nach ihrem Stöbe bem freien SDeutfcben |>och* 
ftifte gu bem mehrfach begegneten gwecfe auSgul)änbigen feien. 

9iiä)t unerheblich bürfte ber Umftanb fein, bafj grau Vauer 
in ihren an bie Verwaltung gerichteten 3uf<hriften bie 'Behauptung, 
auffteüte, bie fie ftcb im gatle eines SRedjtSftreiteS buvch @ib unb 

3eugenerbringung gu beweifen erbot, es h a & e ber Schreiber, bem 

fie ben Begleitbrief gu ber ©elbfenbung in bie geber bictirte, 

Ardptett Soreng Vauer in ÜWüncben, aus Verfeljen einen gang 
wefentlichen ^ßaffuS ausgelaffen, ben nämlich, bafj fie fi<h Vorbehalte, 
für ben gaC, bah f te f^bft in 97oth gerade, bie Verwaltung beS 
überfenbeten ÄapitaleS wieber an fid) gu nehmen. 

Stuf Seiten beS freien SDeutfdjen $od)ftifteS tmt man es mit 
ber gangen Angelegenheit ber Vauer*£ofmann*Stiftung von Anfang 
an etwas fehr legere genommen: man entwarf Statuten, erliefj 
fßreisausfdjreiben, fe|te in umftänblichfter 3Beife bie Details eines 
©hreubiplomS unb einer ÄrönungSmarte feft, ohne auch nur je im 
geringften gu unterfuchen, ob bie rechtlichen VorauSfefcungen für bie 
als begrttnbet erachtete Stiftung erfüllt feien, unb ob materiell bie 
(Sjiftengberechtigung beS Unternehmens, bas heutgutage ohne Auf* 
bietung atlgu groben fritifchen SdjarfftnneS als ein verfehltes be* 
geichnet werben barf, als erwiefen gelten fönne. Sütan nahm eben 
miOfommen bie Gelegenheit wahr, nach aufjen ein gewiffcS ©epränge 
gu entfalten unb mit bem Flamen beS |>o^ftifteS vor bie Oeffent* 
liebfeit gu treten. 

9ta<b biefen (Ermittelungen mufjte ber bergeitigen Verwaltung 
vor allem baran gelegen fein, bas geftchfete unb — fo gut cs unter 
ben obwaltenben Verhältniffen gehen wollte — georbnete tf)atfäd)li<be 


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151 


SDtaterial einer Prüfung »om juriftifdjen Stanbpuntte p unter* 
jie^en. $u biefem $wede £>eftettte fte eine Spectal-Sommiffion, 
beftef)enb aus ben |)erren guftijrath Dr. Verg, guitijratl) Dr. ®uler 
nnb Dr. Vraunfelä, unb iibergab biefer bie gefammten tlttenftüde. 
Die Schlüffe p benen bie Sommiffton tarn, waren gleichlautenb unb 
Ratten im wefentlichen folgenben gnhalt: 

J^atfäcblid) feien bie juriftifd)cn VorauSfefcungen pr Ve* 
grünbung ber Vauer*£>ofmann»Stiftung erfüllt worben, grau 
Vauer Ijabe burd) bie Uebergabe beö kapitales, felbft wenn 
man in berfelben nichts weiter als Aufgabe einer für fte Iäftigen 
VermögenSoerwaltung erbtiden wolle, p erfennen gegeben, baff 
fte bie 3lbfid)tett if)res8 »erftorbenen ffltanneö erfüllen wolle. “Da« 
$od)ftift habe burd) Ännafjme ber Verwaltung biefe« Kapitale« 
wie burd) fonftige Äunbgebungen ben SBillen betätigt, bie 
Stiftung anpnehmen unb bas Kapital unter ben »om Stifter 
auferlegten Vefd)ränlungen ptn ®igenthum p acquirieren, wie 
fie benn in einem an grau Vauer genuteten Schreiben »om 
26. December 1875 »on ffierthgegenftänben fpredje, „bie in 
unferm Vermögen p gfyra 9?u$nie|ung befinblicp gewefen." 
Selbft wenn ber grau Vauer baS »om fpodjftifte p einem 
beftimmten .gwede erworbene Kapital wieber auögehänbigt würbe, 
ptte bamit grau Vauer noch nicht bag Utecht erworben, biefes 
Kapital anpgreifen unb anfpbrauchen. @in 8tcd)t, Sluflöfung 
ber Stiftung p »erlangen, b a & e fonnd) grau Vauer nicht. 

Änbrerfeits fei aber, wenn e3 feftftehe, bafj ber mit ber Vauer* 
$ofmann*@tiftung beabftdhtigtc groed unter ben »orliegenben 
Verhältniffen nicht ober nur fehr mangelhaft erreicht werben 
fönne, bie ©enoffenfdiaft fonber groeifel befugt, biefe ganje, 
jwar fehr gut gemeinte, aber fehr unprattifd) angelegte unb 
pbem bie grau Vauer im f)öd>ften ©rabe in ihrem je^tgen 
Ütothftanbe fchöbigenbe Stiftung wieber aufpheben unb bas 
|)ochftift »on einer unnügen Saft p befreien. Darum fei bie 
Verwaltung p erfudjen, bie ®ntfd|eibung barüber ber @e* 
noffenfehaft anheim p geben. 

Sluf ©runblage beS in obigen Darlegungen enthaltenen Ih at * 
beftanbeä h fl t bie Verwaltung ihren Eintrag an bie ©enoffenfehaft 


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152 


gelangen laffen. 3ur Vegrünbung beweiben bfirften wenige VJorte 
genügen. 

Die 9iotfjlage bet grau Vauer ift eine berattige, ba| bad 
greie Deutfcfje $ochftift, bent bie Verwaltung ber Vauer«£ofmann« 
Stiftung gugefaflen ift, biefelbe, wenn ed ftch nid)t ben fch Werften 
Änffagen audfefcen will, nicht unbeachtet laffen barf. Dad iwcfjftift 
wirb ft<h, wenn ed ftd) für oollftänbige Aufhebung ber Stiftung 
audfpricht, nicht ben Vorwurf gugiehen lönnen, bafj ed leichtfinnig 
gefjanbelt habe, benn bie SWotioe, and benen bied gefehefjen fönnte, 
ftnb jebenfalld weit grünblicher in Vetracht gezogen worben, ald bie« 
jenigen, bie oor gahren für bie Annahme ber Stiftung geltenb gemacht 
würben. Slnbrerfcitd wirb bie ©enoffenfchaft, wenn fie nicht that» 
fräftig gu ©unften ber ffiittwe Vauer einfehreitet, ft<h in ben Stugen 
bed ißublifumd mit einem üttafel behaften, non bem fte ferner rein« 
juwafchen fein bürfte. Diefelben ©egner, bie und wegen Aufhebung 
ber Stiftung bed Seichtfinnd geihen möchten, werben nicht oerfehlen, 
im entgegengefefeten gaffe gu fagen: Den hochoerbienteu Vauer, bem 
auf engfifchem Voben ®h ren b«nfmale errichtet ftnb, hat bie beutfd)e 
Nation bem „Schidfale ber ffirftnber" anfjeimfallen laffen — bie 
SBittwe biefed Sffianned hat bad greie Deutle $o<hftift in bad 
2frmenhaud gefehlt!“ 

grau Vauer hat nicht bad Vecht, Slufföfung ber Stiftung 
p oerlangen, wir aber haben bie Pflicht, bie SBittwe ©ilheltn 
Vauerd mit Äufbietung aller unferer ÜÄittel oor ber fßoth, ber fie 
anhetmpfaden broht, p befdjüfcen. Äeinedfatfd bürfen und bei 
unferer i>ilfeleiftung fRücffichten auf bie 3 roe( * e (eiten, bie bnreh 
bie Vauer«£>ofmann«Stiftung erreicht werben fodten, benn biefe ftnb 
im günftigften gaffe — bafür fpredjen hoch p laut bie negatioen 
dtefultate ber beiben erfaffenen ißreiöaudfchreiben — mehr ald 
fragliche, mährenb anbrerfeitd, wie Dr. griebri<h $ofmann in einem 
feiner Schreiben treffenb fagt, ber aufjerorbentliche gaff aufjerorbent« 
liehe ©ntfehlüffe unb ÜJiafjtegeln erforbert. „gm ©elfte Vauer’d", 
fährt ber Schreiber wörtlich fort, „wirb bie Stiftung fidjerlich nicht 
oerwaltet, wenn fein einft oon ihm fo h»<h geKebted ffieib bad 
Opfer berfefben werben foH. geh ald äßitftifter, wie ber 
9tame bezeugt, ftimme jeben Stugenblid für Äuflöfung ber 
angen Stiftung". 


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153 


SBenn bie Verwaltung beantragt Ijat, int gafle, baß Sluflöfung 
befdjloffen »erben füllte, bie ÜJifinchener .ßwetggenoffenfdjaft um 
Vermittlung bei bet Süctgabe beS kapitales gu erfuchen, fo ^aben 
fte bagu SRüdfichten auf grau Sauer unb bereu Ieibenben 3 u P <in ^ 
befrimmt, bet ohne eine gemiffe Seauffuhtigung (Erreichung beS beab* 
fichtigten 3»«*e$ fraglich erfcheinen lägt. Unfet ©enoffe Dr. önglert 
in üRümhen hat gubem als Vertrauensmann ber Verwaltung feine 
SDhffton berart erfüllt, baß bet Raffung eine« SefchluffeS im ©inne ber 
VerwaltungSoorlage eine gfinftige Söfung ber gangen grage in 
fixerer fcusficht fleht. 

gm Verlaufe einer einge^enben Qistuffion, bie ftd) an ben 
obigen Vortrag anfchloß, würbe gunächft auf Anregung beS $errn 
31. @eig er ber Sefcfjluß gefaxt: 

„Qie Veratmung über bie Veiftiftung non ber über bie 
„$auptftiftung ju trennen unb gunächft nur (entere oorgu* 
»nehmen." 

Stn ber nun folgenben Qebatte betheiligte fich eine fehr große 
Xngahl ber in ber ©igung erfchienenen ©enoffen. Sei (Erörterung 
ber oon ber Verwaltung gefteQten gorberung gab ftch aflfeitig bas 
Veftreben tunb, ber grau Vauer gu helfen; eine SWeinungSOerfchie* 
benheit trat allein über bie grage gu Sage, ob fich gu biefetn 3wecfe 
eine Aufhebung ber Sauer*$ofmann*@tiftung empfehle, hoch war es 
nur eine Meine ÜJtinberheit, bie ber oon ber Verwaltung oertretenen 
Änfdjauung entgegentrat. 

#err © d)eibel fteflte ben Antrag: 

„®ie erfdjienenen ©enoffen wollen unter Ablehnung beS 
„Verwaltungsantrages baljin Sefchluß faffen, baß ber ffiittwe 
„Sauer gu (Ehren beS Stifters eine einmalige ober jährliche 
„Unterftügung aus ben SWitteln beS fwchftifteS. gewährt werbe." 
Von mehreren ©eiten, namentlich fehr feßarf unb bünbig oon 
ber beS oorfigenben Obmannes, würbe barauf h'ogewiefen, baß mit 
einem berartigen Anträge gerabegu etwas Unmögliches oorgefchlagen 
Werbe, ba SDiittel, wie ber SlntragfteHer fie oorfeße, nicht oorhanben 
feien, bie Verwaltung oielmehr immer noch mit «incr ©cßulbenlafl 
gu tämpfen h a H bie aus früherer 3 e > 4 ftamme. 


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154 


Die weitere DiSfuffton braute bann feßr halb Slarßeü über 
bie Satßlage, bie nur eine Abftimmung mit $a ober SRein über ben 
oon bei- Verwaltung cingebratßten Antrag gutaffe, ba ffioßltßätig« 
feitspiede, fofern barunter nid^t Anregung p Sammlungen prioaten 
EßarafterS unter ben ÜRitgliebern berftanben würbe, faßungsgemäß 
oon ben oon ber ©enoffenfdjaft p oerfolgenben Seftrebungen aus* 
gefcf»loffen {eien. 

Stuf ©tunb ber gepflogenen Erörterungen gab bie Verwaltung 
ifjrem Anträge bie nadjfolgcnbe genauere {form: 

„Die in heutiger Verfammlung erfcßienenen ©enoffen woßen 
„befdjließen, baß baS {eitler unter bem tarnen ber „Sauer« 
„^ofmann'Stiftung 1 ' oon bem freien Deutfcßen $od)ftifte oet* 
„waltete Sapital oon urfprünglicß 4500 ft. unter ben obwal« 
„tenben Umftänben ber ffrau Sophie Sauet in äRüncßett 
„prüdgegeben unb bie ÜDfümßener ^weiggenoffenfcßaft um 
„Vermittlung hierbei, gemäß einer ißr oon ber Ver« 
„waltung ju gebenben näßern ^nftruftion, erfucßt 
„werben folle." 

Qn biefer Raffung würbe ber Antrag ber Verwaltung mit 
allen gegen oier Stimmen angenommen, wobei jwei ber Abwefenben 
erflärten, fuß ber Abftimmung p enthalten. 

Eine Abftimmung über ben Antrag bes $errn Scßeibel würbe 
bamit ßinfällig. f)err Scßeibel gab barauf folgenbe Erflärung p 
fProtofoll: 

„3<ß erfläre unter Sepgnaßme auf § 50 ber Saßnngeu, 
baß i<ß micß gegen bie AuPfung ber Sauer«$ofmann«Stiftung, 
fowie gegen bie Auslieferung beS uns anoertrauten Vermögens an 
bie SBittwe Sauer oerwaßre." 

$err fjädel trat biefer Erflärung bei. hierauf erfolgt Scßluß 
ber Sißung um 12 ttßr 50 ÜRinuten. 


Die breijeßnte öffentliche Sißung fanb am 16. Sep* 
tember im ©oetßeßaufe unter bem Vorftße bes Obmanns, $errn 
Quftijratßs Dr. Serg ftatt. 

9tadj Erlebigung ber wenigen oorliegenben gefdßäftlicßen An« 
gelegensten ergriff $err Stabtarcßioar Dr. ©rotefenb bas 8öort 


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155 


ju einem Sortrage: „ äRUtbeilungen übet ben Sönigs* 
Lieutenant ©rafen I^oranc nach ben im granffurter ©tabt* 
ard)io non ihm ootbanbenen ©orrefpottbettjen mit bem SRatbe 
bet ©tabt aus bet 3 e ü feines fpierfeinS." ötebner fyoh ^er» 
t»or, bafj man bei ©oetbe’S @<bilberung bes S^araftetS besfelben 
ftebenfen müfjte, ba| et bei bem ©inriiden bet ffranjofen am 3. 
Januar 1759 als £b Dranc im ©oetljefc^en §aufe einqnartirt würbe, 
m Sllter oon 9 '/* fahren ftanb unb Jljotanc bas $aus beteits 
uerlaffcn batte, als ©oetljc fein jebnteS SebenSjabr ooüenbete. ©S 
toar ©oetbe fomit nur bie geringe 3eit oon etwa 6 ÜRonaten oer* 
gönnt, bas ^Bitten bcS Sönigslieutenants aus niid)fter 37äb e P 
beobachten. Um fo me^t ntujj man erftaunen, tote fetjr ©oetbe’S 
©ebilberung mit bem ans ben Sitten gewonnenen Silbe überein» 
ftimmt, wie fid) bei biefem nur alle bie bei. ©oetlje angebeuteten 
feineren 3ügen bei weitem jdjärfer ausprägen. £f)o ianc PSi ftcb 
als ein 'Diann oon ftteng rechtlichem, babei fotmgewanbtem, feinem 
SBefen, als unerfd)ütterlid)er ffreunb ber guten ©itte unb bet bür* 
geritten Orbnung, bei ben ihm als ftanbijaber berfelben oorgelegten 
Streitfällen unermüblicb in bet ©rforfebung bet SBahrheit, unb uu* 
erbittlidb in bet Durcbfe|ung beS einmal für Siedet ffirfannten. 

Die Seranlaffung p bem Sorttage gab ein Shtffaj} bes £rn. 
Dr. ÜRartin ©ebubart in Seipjig in ber SRenen freien fßreffe (oom 
10. Äuguft 1883 5Ro. 6808), beffen wefentlüben Inhalt fRebner prn 
Dbeil in wörtlicher Sorlefung pr Senntniff bet Änwefenben brachte, 
fjert Dr. ©ebubart hatte im fjabre 1876 im hicjtgen ©tabtarebioe 
fjorfebungen übet bie fßerfönlidbfeit bes SönigSlieutenantS angefteßt 
unb war ütebner babutcb auf bie im ©tabtarebioe befinblicben Sitten 
aufmertfam geworben. Der oor tnrjem in bet ftrantfurter Leitung 
abgebrudte Sfoffafe beS $errn @. ©ad, wonach er, SRebner, ber 
ffintbeder ber richtigen ©ebreibweife 2b oranc getoefen fei, fei banad) 
p berichtigen. Der Slrtifel fei in bes IRebnerS Slbwefenbeit er* 
febienen unb b a & € er ihn besbalb nicht p ©eftebt betommen. Son 
ber feinerjeit gegen $>errn ©ebubart übernommenen Serpflicbtung 
bes ©tillfcbtoeigenS übet bie fforfebungen besfelben fei er jefct, ba 
©ebubart felbft bamit betoorgetreten, überboben, unb freue er ftcb, 
mittbeilen p tönnen, baff berfelbe att<b im bieftgen ©tabtarebioe bie 
gorfdjungen wieber aufnebmen wolle. 


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156 


töebnet wollte be»halb nicht etngeljeitb bie Sitten be» Hrchioe» 
übet bie frangöfifdlje £)ccupation»geit, bie er feitbem grünblich burd&« 
forfdht habe, beljanbeln, fonbem bi« nur auf eingelne intereffante 
Partien berfelben aufmertfam machen. Sine mit SSorliebe gezeichnete 
fßerfönlichteit au» bet Umgebung £h ora nc’» ift ber ©eoatter DoB» 
metfcb. @oetbe fagt, feine üttutter h a & e bemfelben ein Äinb an» 
ber Saufe gehoben unb biefer Heine Umftanb zeigt am beften, wie 
fe|r febon bem alternben ©oethe bie äußerlichen Umftänbe jener #eit 
an» bem ©ebächtniß gefchwunben waren, unb wie feine @d)ilberung 
in SSkt^r^ett unb Dichtung weniger auf einer ©umrne einzelner Sr« 
eigniffe beruhten, bie im ©ebächtnifj hafteten, fonbern baß fie mehr 
al» ber ffiieberfchein beffen ju betrachten ftnb, wa» au» jener er« 
cignißreidhen in bem ©emütße be» Dichter» al» ©efammteinbruef 
jurfidt geblieben war. Der ©eoatter be» DoQmetfchen war nämlich 
nicht bie üKutter, fonbern er felbft: Johann ffiolfgang, be» §errn 
9tath 3 . ®afP- ®oethe ehelicher ©oßn, ift al» Saufpathe be» am 
1. SDlai 1759 geborenen, am 24. Huguft 1759 getauften britten 
Äinbe» be» Qoljann Heinrich Diehne in bem @tanbe»regifter ein« 
getragen. 

Diehne au» $annöoerfch«üWünben gebürtig, hatte fid(j, wohl 
in fßrioatbienften, hier niebergelaffen, eine ©ergeanten»£o<hter ge« 
beirathet, unb bewarb ftdh im Qaljre 1758 mehrmal» oergeblich um 
ba» Seifaffenrecht, ba» ihm geftattet hätte, felbftänbig al» Sohn« 
laquai fein Seben ju friften. SSereit» im Januar 1759 würbe er 
al» Interpret bem $errn non Sh° ranc beigegeben, ber bem treuen, 
gemiffenbaftenunbftrengrechtlicben Spanne — fo fchilbert ihn Sßoranc 
in feinen Briefen — fehr gewogen würbe. Sr oerfdjafft burch feine 
aSerwenbnng ihm ba» ^Bürgerrecht (al» ©am« unb Seinmanbträmer), 
er nerhilft ihm enblidb burch feine energifche gtörfprache ju bem 
Soften be» ftäbtifchen Saterneninfpettor», al» welcher er im ^aßre 
1786 im 25. Dienftjahre ftarb. Da» ftäbtifche Saternenwefen war 
eine ©chöpfung Shoranc’», ber überhaupt burch fein energifche» 
ffiirten gerabe. in bem fünfte ber äußeren Orbnung in mehrfacher 
$inft<ht northeilhaften Sinfluß auf ben SRath au»geübt hat. Die 
heute noch ber ®runbfteuer»8atafter gu ©runbe liegenbe Käufer* 
numerirung nad) Quartieren (Litera unb Numero) haben wir ber 


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157 


frangöftfcßen Einquartierung gu üerbanfen; bie 933ot>It^nt ber ©offen 
unb DrottoirS nerbanft in fjranffurt Dßoranc’S ftetem Einbringen 
ißre erfte Entfteßung, gu ber regelmäßigen Elbßolung beS fteßrfels, 
jefct eine lucratiöe Einnahme ber ©tabtfaffe, mußte ber Satß burch 
eine gange Steiße ber einbringlidßften SBriefe Dßoranc’S naßegu mit 
Änbroßung ber ©eroalt gegmungen werben; enblicß wie fcßon gefagt, 
ift and) bie öffentliche Erleuchtung ber ©tabt auf Dßoranc’S uner» 
ntüblicßes Sßirfen gurücfgufüßren. 

Das gremben'SJielbcwefen erhielt burch bie non Dßoranc ge* 
forberten Maßregeln fortan eine fefte Einrichtung unb bie 9lufved)t- 
erßaltung ber öffentlichen ©ittc burch Verbot ber ©piclßäufer unb 
burch Einfdßränfung beS DirnenroefenS mar nur Dßoranc’s pftfön* 
lidhem energifdjen Einfehreiten gu oerbanfen. begleitet uon feinem 
Stbjutanten, bem fjranffurter fiieutenant Etntoni, unb bem Doflmetfcß 
übernahm Dßoranc fdber non geit gu .ßeit bieSifitation aller Verbergen 
unb SBinfel, in benen baS Safter feine Zuflucht fud)te. Die fanitärifdje 
Orbnung in fjranffurt lag ihm gleichfalls am bergen. 2Bie fchon 
feine poligeilicßen Maßnahmen biefelbe beförberten, fo fueßte er auch 
auf bie Orbnung beS <S^>italn>efenS feinen Einfluß gu üerroenben. 
Sei @eucßcn, bie im ®efolge beS Krieges nicht ausbleiben lonnten, 
forgte Sßoranc unnadjfußtlicß für ftrenge Durchführung bet einmal 
erlaffenen ©c* unb Serbote. ©eine anatomifdje ®cßule, bie alle 
in ^rantfurt ftationirten SDtilitnrcßirurgen befueßen mußten, tarn 
and) ben einheimifchen Slergten, bie ißre Einrichtungen fetjr lobten, 
gu ©ute. Äurg es gab feinen $weig beS öffentlichen SebenS, in 
bem er meßt alle in ^ßaris gemachten unb gefammelten Erfahrungen 
für granffurt gu oerwertßen fueßte. Unb ber Danf bafür? Der 
Satß faß in Dßoranc immer nur ben Einbringling, erblicfte in aßen 
feinen Staßnaßmen, bie er woßl ober übel gut heißen mußte, benen 
er ftd) aber meift mit paffioem ffiibcvftanbe cntgegenießte, auf* 
gebrungeite ^Soligeiplatfercien unb 25>iflfürlid)feiten, jebenfallS aber 
fürchtete er ftetS Eingriffe in feine ©ouueränetät, bie er ßößer ßielt 
als bie 2Boßlfaßrt ber Siirger unb beS ©cmeinwefenS. Die bereits 
am 20. Elpril 1759 ergangene Elufforberung, falls man ctmaS er* 
füßre, was bie Segeln ober bic in bct'glcidjeu füllen in ber ©tabt 
üblidjen ©ewoßnßeitett uerleßen würbe, bem STönigSlieutcnant Sacß* 

ll 


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rieht bavon gu geben, bamit et besljalb prompte unb nachbrädliche 
Jgtülfe leisten tönne, benufcte bet Matt) faft nur gu ^roteften unb 
©inrebeu gegen ©orfehrungen J^ownc’«. Da« Söeifpiel beS MatljS 
ftäifte natürlich ben ©iberftanb ber einzelnen ©ärger, t»on bencn ja 
eine beträchtliche ftngahl, gleich ©oethe’S ©ater, in ben ftrangofen 
ihre 3feinbe fahen, wäljrenb wieberum anbere, namentlich ißatrigier, 
in ihnen nur bie läftigen Störer ihrer behaglichen Muhe unb bie 
Schäbiger ihrer meift ufurpirten fßrärogativen (namentlich ber äQuar* 
tierSfrciljeit) befämpftcn. So ift ber $err von Kcib, ein Schöffe, 
fc()r ungehalten, bafj man cS wagte, ihm in feinem SBohnhaufe- 
©inquartierung gugumuttjen. Sein £>auS enthielte nur 8 gimtner, 
9 unheilbare Kammern unb 3 ©orpläfce, fo bafj er feine SMöbeln 
gum Ih f ^ hätte auf ben ©oben (teilen muffen. Sie tönne er ba 
(Einquartierung annehmen. gubem höbe man feine beiben anbern 
Käufer genug mit (Einquartierung belegt unb in bem einen leer* 
fteljenben fogar bie anatomifche Schule errichtet. £h°t anc ’£ ® e * 
nehmen in derartigen Klagen, feine Unparteilichkeit in ben ©nt* 
fdjeibungen gwifchen ©ärger unb ^Militär, wovon Mebner mehrere 
flagrante $ä(Ie wörtlich aus ben Sitten mittheilte, {eigen 5£t) oranc 
in weit gänftigerem Sichte, als Kriegt’S ÜJiittheilung in ben beut* 
fchen ©ulturbilbem es vermag. MiematS ift er brutal gegen ben 
ÜMagiftrat, ftets fudjt er burd) ©äte, burch Ueberrebung, felbft burch 
©itten gu erreichen, wogu ihm, im Sichte beS Kriegsrechts befehen, 
bie ©ewalt mit vollem Med)t gut Seite geftanben hätte. Qn SWern 
geigt er ftch burch bi* Sitten völlig beS hellen Siebtes werth, in bas 
unfer größter ®icf)ter ihn in feinen ^ugenberinnerungen verfemt h a t* 
©r ift bas ^fbeal eines ftrammen unb burchweg eblen Solbaten, 
unb bas Sob, welches ber Sßring Soubife am läge nach bem ©in« 
guge am 3. Januar 1759 bei feiner ©infegung als KönigSlieute* 
nant ihm erteilte, inbem er bem Mathe ertlärte: Si je connoissois 
dans l’armöe que je commande ua sujet plus propre que Mr. 
de Thoranc ä faire regner la bonne intelligence entre vos ha- 
bitans et leur nouveaux hotes, je vous le donnerois. Je compte 
bien vous prouver, en vous le douuant, combien votre ville 
m’est chere! es h^t fich vollauf bewährt. 

Mebner gab gum Schlug eine eingehenbe Sdplberung ber 


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bet ber (Erwerbung bes ReiehSgrafenjtanbeS für Korane fettend bet 
©tabt oorgefaflenen ,8wifchenfäße unb ftattgehabten ©erhanblungen, 
bereu SetailS ein Mare« fflilb oon ber 93erflänbni§Iofigtett bes SRatheS 
für bie burd) I^oranc ber ©tabt geleiteten Sienfte geben nnb p* 
gleich beut ®rafen baS geugnijj auSftefleit, bafj er btefer Würbe, 
bte er mit bem größten, wenn auch e^rgetgigften (Eifer erftrebte, bem 
«bei ber ©eele nach oofltommen werth war. Utnfomeljr müffe man 
ben aus ben gamiltcnpapteren gefchöpften Radhridhten ©d^ubarfs, bie 
er als in Wilbe crfctyeinenb in AuSficht gefteßt habe, mit Spannung 
entgegenfetyen. 

f>err Dr. S. £>olthof ergriff hierauf bas Wort, um einige 
(Erläuterungen über bas pr Anftcht ausgclegte £agebudj bes 
ffranffurter ©tabtfchnltheifjen Johann Wolfgang Sektor 
p geben, bas ffreifjerr fpugo non ©ethmann oor feiner lieber« 
fteblung nach ißaris unferer ®enoffenfdf)aft pm ©cfdftent gemacht. 
Wir entnehmen ben Ausführungen bas Racljfolgenbe. 

Sie $anbfchrift beftetjt aus 142 Quartblättern, bie bis auf 
bie erfien, oon einem OelfledEen ftart angegriffenen, gut erhalten 
ftnb. Sie ftnb nicht äße befdhrieben, mehrere fogar nicht aufgefdhnitten, 
weifen bagegen eine, wahrfcheinlich oom ©erfaffer felbft herrührenbe 
fßaginirung auf, nach welcher oom erften bis pm le|ten Watte 
200 ©eiten p jählen wären. Ser ftdj ergebenbe Ueberfdhufj an 
Wärtern flammt oon (Einheftungen her, oon benen noch bie Rebe 
fein wirb. Sie ©dhriftjüge finb beutlich unb flat nnb in bem 
fteifen, nüchternen ®harafter ber Aftenfdjrift bes oorigen ^ahrljunberts 
gehalten. 

Ser ©eift beS ÄftenftaubeS weht uns auch aus bem Inhalte 
bes oergitbten £>efteS entgegen. (Es ftnb weitaus juitt größeren 
SE^etle Rotijen über ©orfommniffe im Qnnern beS ffranffurter 
RatheS aus ben fahren 1727 bis 1735. 5D?it bent lefctgenanntcn 
Qahre fchliefjt bas SWanufcript ab. Wenn es auffaßenb erfdheint, 
bafj mit Sur^bredhung ber dhronologifdhen Reihenfolge einzelne 
(Ereigniffe ans fpäteren fahren in ausführlicher Weife bargefteßt 
werben, fo ift eine (Ertlärung biefeS Umftanbes unfehtoer p frühen. 
Ser ©dhreiber beS lagebuchs hat beim ^ufammenheften ber eingelnen 


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160 


SBogett, ba« jebenfaB« erft nach 1735 ftattgefunben gat, dinfcgaltungen 
gemacht, unb gwar in ber ffieife, bag et nachträglich über beit 
wetteren Verlauf einiget früher begonnenen fRedgtSftreitigleiten be* 
richtete, baher ber anfcgeinenbe ffiiberfprud) in ber fßaginirung. Auch 
ber Abfcglug be« (Tagebuch« mit bem ^agre 1735 lägt füg ertlären. 
Dejtor fefcte feine Aufgeidjnungen über bie fRatgSfigungat fort, allein 
nach bem Qiagre 1735 änberte er infofern fein ©gftem, ol« er 
f$orm be« Tagebuch« aufgab. ffiir wiffen ba« au« bem, bereit« oon 
Sriegt (Die Srüber ©endenberg, ©. 335 f.) ausführlich befdgriebenen 
BRanufcripte, ba« ftch gut .Qeit auf bem tjtefigen ©tabtarcgio be* 
finbet. Diefe«, gleicgfaB« gum größeren Dgeile Don £ejtor« fpanb 
herrührenb, führt ben Ditel Bepertorium rerum memorabilimn 
in Senatu reipublicae Moeno-Francofurtensis ab anno 1727 us- 
que 1768 peractarum unb fteBt fid) un« als ein alpgabetifcge« 
(Regifter über aBe« basjenige bar, wa« innerhalb ber begegneten 
^agre im granffurter (Ratge oorgefommen ift. Augerbem finb noch 
einige Eingaben anberer Art oorganben. Die beiben $anbfdgriften 
ergängen einanber offenbar. @o finben fid» in bem (Repertorium 
£)inweifungen auf eine Autobiographie be« Schreiber« (Curriculum 
meum), bie, foweit fie gu ©tanbe gefommen, in bem (Tagebuche 
erhalten ift. dinige« ift beiben BRanufcripten gemeinfam, fo bie 
biograpgifdgcn (Kotigen über ben ©rogoater be« ©cgreiber«, ber 
gleicgfaB« fchon in granffurter Dienften geftanben hotte (ma« bei 
bem SSater be« ©tabtfcgultgeigen nicht ber fJaB gewefen ift). Der 
^ufammengang gwifdgen beiben fpanbfcgriften ift fonadg ein einfacher. 
Die erfte nmrbe, offenbar auf ©runb bereit« gemachter Aufgeich* 
nungen, einige $cit not bem Qagre 1735 begonnen, unb gwar in 
ber ftornt einer Autobiographie. Diefe fffornt würbe jeboeb auf* 
gegeben, al« bie Darftcflung fidg ben dreigniffen nach bem $agre 
1727 guwanbte; ftatt igrer tritt bei ber (Rebaftion be« angefammelten 
BRaterial« bie be« (Tagebuch« ein, in einem Uebergange, für ben bie: 
drflärung fid) oon felbft gibt. Da« (Tagebuch oerfolgte, wie e« 
fegeint, einen rein prattifegen e« foflte bem ©cgreiber gur 

Orientirung bei feinen amtlichen Arbeiten bienen. d« batf un« 
bager niegt wunbern, wenn biefent gwerfc entfprecheub bie rebaftionefle 
gorm nocgmal« wedgfelt, unb fcglieglidg ba« gu ©tanbe fommt, wa« 


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tn bem Repertorium oorliegt, ein reines Radjfdjlagewert, baS nun* 
mehr and) ooHftänbig non ben Vorarbeiten, wie fte uns in bem 
ütagebudie erhalten ftnb, getrennt mirb. 

©erfen wir nun einen Vlicf auf bas biographifdje RJaterial. 
®er Slutor beginnt: 

„Anno 1693 ben 11. ®ecentbr. bin id) gol). ©olffgang 
SEejtor, U. J. D. failr. Riaptt. Würfliger Rath unb a Rei<hS*Stabt* 
©erid)ts*@chultheifj, alliier jn granffurtl) geboten worben. Rlein 
Vatter fei. b war $£>. Stjriftopl) fpenrid) STeftor J. U. Lic. et Advo- 
catus Ordinarius, wie auch ©f)ur ^ßfätjifdjer fioff Rath; bie Rlntter, 
grau SWatia Satljarina $errn gol). Ricol. ©appels beS Ra^tS 
nub grau Sinnen ÜRarien einet geborenen ©alterin, e^eleiblidie 
£od)tet. ®iefe meine liebe ffiltern Ijaben mich JagS barauf jur 
heil. £aufe bringen Iaffen, wöbet) mein ©rofjoatter ^Bäuerlicher feilten, 
f>r. gohann ©olffgang £ejtor, J. C*“ 8 unb ältefter Syndicns bie 
fßathenftelle oertreten unb mir feinen Vornahmen bepgelegt hat. 

gn meinen ganfc jungen galjrcn bin id) ju $errn Sperling 
Xeutfdien Schreib* unb Rechenmeifter in bie Schule gegangen. 

Anno 1701 ift mein feliger ©rofjoatter, £>err SpnbicuS lejctor 
1702 ben 20. gebruar mein mütterlicher ©rofjoatter . . . Sappel 
mit bem SEobe abgegangen. 

Anno 1702 I)abe id) l)' e fi9 c $ Gymnasium frequentiret unb 
jwar anfänglich bei $erm Reges* Praeceptore Sextae Classis. 
Unb auf biefe ©eife fortgefahren unb burdj alle Classes gefommen 
bin. gn Quarta Classe war bamahlen $err Rlagifter ©lauer 
?ßraeceptor, bem ich 8 utn Ruhm nadhfagen mufj, bafj (£r jwar ein 
fcharffer, jeboch auch habet) ein fehr guther Schulmann gewefen, 
welcher fid) feiner Rlühe bauren Iaffen, benen Spülern bie Funda¬ 
men ta Grammatices grünblich unb beutlich bepjubringen. ©ie ich 
bann bet) ghm f° uiel gelernt, baß es mir gar leicht gefallen, ba* 
mahlen fd)on ein Exercitium sine vitiis ju machen. 

a. 9lad) meinem SeftattungS-Srieff ^eift eS: SReid)8 unb @tabt-®erid)t8* 
©djuttbeiß. 3d) habe mich balb Praetor, batb 8teid)8-@tabtgerid)tS @d)uitf)eijj 
auch Steidj» unb ©tabtgerid)t$ ©djultijeiji unterfdjrieben. 

b. vide Schema Generalogiae ab signo © in appendice. 

* $iefer mar ein gewaltiger Ränder unb großer Siebljaber ber Ocular 
Inspection, beren fe^r wenige unter feiner Stegiernng entgangen flnb. 


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3u gleicher ba ich ^ier ba« Gymnasium frequenttret, 
habe id) mich babet) im Seiten, £>anfcen, ber UJluftf unb gran^ö» 
fifeben ©prache qeäbt. Aud) nor meiner Abreife auf Uninerfttäten, 
ein Collegium styli privatissimum über bie Xeutfd) unb Sateinifcpe 
©prad)e bei bem bamaljligen Praeceptore primae Classis, nnb nafy 
maligen Rectore Gymnasii f>errn J^om. ftluntpfh, nebft bem älteren 
#erm non ©taQburg au« bem SBafeler £>off gehöret. 

Anno 1712 gegen Oftern bin id) auf bie ©tabt 9lürnbergifd)e 
Uninerfität Altborff gezogen; unb bet) fperrn Professore Äöhler an 
ben Stifdj gegangen. ©ep bemfelben Ijabe ich ein Collegium über 
bie Philosophiam Practicam ad ductum Buddei unb gu gleicher 
3eit eine« über bie Institutiones Justiniani bei fperrn Professore 
ordinario D2 ffieptner gehalten; auch einen Anfang in bet ^talie* 
nifd»en ©pra<pe gemalt. Anfänglich, unb gwar eine fur$e .geitp 
über ftnb $>err ©epffrieb non |)o(jenftetn fei. unb id) ©tubenpurfepe 
gewefen, nachgepenb« aber bin id) über 2 Qapv allein geblieben, 
big f>err fjriebridj Bllajimil. n. Serfner nunmehriger ©cpöff unb 
bermapliger regierenber älterer $err ©ürgermeifter ebenfalls nach 
Altborff studiorum causa fiep begeben, non welcher 3eitp bann 
unb big gu meiner erfolgten Abreife non Altborff wir gufamnten 
in einem 3immer gewöhnet, unb aUba mit einanber gefpeifet haben. 
ÜBeldje unter Unfj gu Altborff gepflogene guthe fjreunbfcpaft auch’ 
noch gegenwärtig alg nunmehrigen Sollegen fortbauert. 

3 ur felbigen geit ftubirten ber nunmehr nerftorbene f>ert 
SReinparb non $umbracpt, |>err Dr. Medicinae ©ramb« nnb |>err 

Dr. <ßerf$enbe<fer be« SRatp« wie auch ber nocp Iebenbe $err 

Dr. ©erdenrob unb ^Srocurator |>oflweg ebenfalls gu Altborff. 

ÜBäprenb meine« bafelbftigen Aufenthalte« nemlich anno *) 
nerftarb mein lieber ©ater in Qrranffurtp.“ 

Am 17. Quni 1717 befcplog er feine ©tubien nach abgelegter 

Prüfung mit einer ®ifputation gut ©rlangung be« ©rabe« eine« 

Idcenciatus Juris, ffir nertheibigte babei eine ^fnauguralfdjrift De 
Peudis Imperii propriis non oblatis annumerandis — ®ie 
9iei(h«lehen ftnb al« ©igentepen unb niept al« aufgetragene gu be* 

*) Jfltfe ira Original. 


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163 


hanbeln —, »ott ber er nicht ohne Stolj ^eroor^ebt, baft er fte 
„ohne jetnanbS ©eit)ülffe felbften auSgearbeitet" ^abe. 

©ne SReife führte i£>n barauf nad) ben Unioerfitäten ^ena, 
Seipjtg nnb $aüe. ®ann teerte er nad) fiaufe p feiner ÜRutter 
prüd unb begab ftch nach furgent Aufenthalte in ftranlfurt nach 
ber «Sitte ber geit an bas „höchftpreiftliche fat)ferlid)e ©eichS«Sammer= 
©ericht" p $Be|Iar, anfangs nur in ber Abficht, bort ben hraltifchen 
^uftijbienft fennen p lernen, ©alb jebod) entfthloft ftd) ber junge 
jßraftilant, ber bis bahitt bic Schreibftube beS Procurator Or¬ 
dinarius Dr. Schmibt „frequentiret, aud) bei Qhme »iele $ahr über 
an $if<h gegangen", ftd) bei beut (£ammer*©eri<ht p „etabliren", 
p welchem et ftd) nac h Abfoloirnng beS bap erforberlichen 

©jarnenS unter bie $ahl ber ©ameral«Ab»olaten aufnehnten lieft. 
AIS folget war er nicht nur prattifch tftätig, fonbern las auch ben 
fßraftifanten SoHegia über ben Sameratyrojeft. ©on feinen Schülern 
führt er an fperrn Lic. ^JiieS atts fjrrandfurth, $errn Lic. Schubad, 
nachmaligen ©ürgermcifter in Hamburg, unb £>errn Lic. Sangcrntann 
ebenbaher. 

Am 16. December 1717 würbe ber ®ameral=Ab»olat Johann 
Stalfgang Jejtor in Sffiefclar nad) erfolgtem Abfterben beS $errn 
©artholomäi »on ©arlhaufcn unb ©eförberung beS §errn Qoh- 
fßhtf • »on Äeöner p ber baburdj erlebigten SdjöffenfteHe »om ©athe 
ber Stabt fffranffurt p feinem ÜRitgliebe gewählt. iRach ffirlebigung 
ber nothwenbigen Normalien würbe ber iReugewähltc am 23. ®e* 
cembcr beim SRath »ereibigt. Die ffiahl fchien in gratilfurt more 
solito nicht allen Greifen p behagen. 

„Am 18. ®eccmber h at f>*rr Scabinus et Exconsul »on 
©chftenftetjn bei sTtath ad notitiam angejeiget, ©S hätte ber 9lotar 
©ücfttenlirch nahmenS ber ©ärgerlichen ®eputirten bie ffirinnerung 
gethan, baft bemfelben feftr frembb oorfätne, baft löblicher äRagiftrat 
bei lefcterer SRathSwahl |>errn Dr. Jejtorn, einen frembben, fo noch 
nicht aflhier »erbürgert, aud) auftwärthS bereits ftinber erzeugt, mit 
pr Staftl gejogen hätte. 

„3ft baranf becretiert worben: „©eruftt auf ftd)." 

3u bem ^ßaffuS über' bie Äinber fann ber Schreiber ftch nicht 
enthalten, folgenbe Sftanbbemerlung p machen: 


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„DiefeS war eine unoerfcbämte Suge, inbem mein erfteS ftinb 
anno 1728 attererft geboxten worben. Sei ber Sürgermeifterltchen 
Stubienj, wo ich neben benen ^Bürgerlichen Drehern (bürgerliches 
©ahl>©ontroll><SoC(egium) mich auf^ielte, bgfj ich in bie 9tatt)Sftube 
pr Ablegung bes ©ibeS beruffen würbe, fügte $err Dr. fttücfer 
p mir: 9Äan hätte hier an ©rabuirten p ütathSfteHen eben 
feinen ÜRangel gehabt; beme id) aber fogieich öerfefcte: Sie finb 
auch banacf)." 

hiermit hören alle Nachrichten perfönlidjer Statur auf, bis 
gegen ©nbc bes £>eftes uns ber Schreiber einige Daten über feinen 
©rojjoater $of)ann ©olfgang Dertor b. Sielt, gibt. Die Stelle ift 
übertrieben: „Nachricht oon meinem feligen ©rofcoatter wetjlanb 
|)errn Johann ©olffgang Dejtor Icto et Syndico Primario aUhicr" 
nnb lautet: 

„Derfelbe ift gebohrcn ben 20. Januar 1638 p Neuenftein 
in ber ©raffchaft £>ot)enlohe. Deffcn Satter war ©olffgang Dejtor 
J C tn8 unb in bie 30 $al)r lang gewcfener Sftath unb ©anfjlei Director 
bafelbft; bie Niutter ißrajebis, eine gebotene ©nSlerin. Sein Satter 
ift 3h m e fehr frühe unb ba er noch nicht bas jwötfte ^aljt erreichet, 
mithin ber »ätterlichen Dreue unb Sprforge am meiften »on nöthen 
gehabt hätte, nemlich 1650 ben 14. Januar burch ben zeitlichen Dob 
entriffen worben. Nichts befto weniger hat berfelbe in feinem ftubiren 
fich bcrgeftalt fleißig »erhalten, ba§ nad)beme ©r ben ©runb im 
©hriftenthum, ber Salinität unb benen fmmanioribuS in bem ©pm» 
nafio feines SatterlanbeS gelegt, @r fich t m 15* 5 a h r feines SllterS 
auf bie weltberühmte Unioerfität ^ena begeben unb bafelbften benen 
©iffcnfchaften, infonberheit ber NechtSgelahrtljcit mehrere $aljre über 
obgelegen. Son ba er anno 1655 auf bie gleichfalls fehr berühmte 
Unioerfität Strasburg p ferneren Qfortfejjung feiner studiorum 
unb barauf anno 1658 an baS t)öchftyreifjli<he fapferliche Neid)S= 
Sammergeridht p Speper fich gewenbet, in ber Sameral*Praxi fidj 
bafelbft fteiffig geübet unb bie Schreibftube beS berühmten Advocati 
et Procuratoris Dris. Pauli Gambsii unb anbercr Herren procura* 
toren fleifig befuget, wofelbft er »on bem fpochgeboprenen graffen 
»on Hohenlohe f>crrn »on Sauenburg ©Ieichen«Neuenfteinifcher Sinie 
bie Socation alfj Nath unb ©ancedep Director anno 1661 erhalten 


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nnb batauf ben 9. fcpril 1663 auf mehrbemetbeter Unioerfttät 
Straßburg unter bem Decanat be« weltberühmten J Gti Qoß. iRebhan 
pnt doctore utriusque Juris promoniret worben mit alten ge» 
möglichen ©olennitäten unb in ^ik^fter ©egenwart be« h oc ß* 
würbigften burc^lauc^tigften dürften« unb |>errn, $errn ©uftao 
Slbolph, SDtarfgrafen p SBaaben unb fwdjberg, unb beren Herren 
(Straffen unb ©emperfteien non Simburg, £errn ©raffen non Dohna, 
ingleichen beä^ertn Cancellarii Universatis,berer£>errn@cholatchen, 
be« Rectoris Magnifici, berer Herren Decanis (sic!) alter f^acultäten 
unb übrigen ^Srofefforen unb Doctoren. 

Qn biefen ^>o^enIot>tf<^en Dienften ift er einige ^aßre nerblie* 
ben, non ba aber non ^jocßeblent unb £)ocßroeifcn (Rath ber Üieicb«* 
Stabt Nürnberg anno 1666 pm Eonfulenten unb Professore 
Pandectorum auf bie Unioerfität Slltborff beruffen worben, wo* 
felbften Er jteben Qa^re burcß mit großem ©epfafl bie Jtedjte offent* 
lieh biß anno 1673 geleßret, ba Er bie oom Sßurfürften Sari 
Subwig non ber ©falfc gnäbigft auffgetragene ©teile eine« Professoris 
Juris primarii unb Assessoris be« (S^urfüvftli<^en ^offgerießt« auf 
ber ußralten unb bamal« fehr berühmten Unioerfttät £et)belberg an* 
genommen unb aüba biß p Enbe be« $ahr« 1690 in Dienften 
Oerblieben, barauf aber bem an Qhn Mense Januar. 1691 non 
einem £>ocheblen unb £>ochweifen Jtatß ergangenen SRuff p einem 
ßyndico Primario gefolget unb fich ^ie^ec begeben." 

©eben wir oon biefen beiben biograpßtfcben Darfteüungen, 
einer furjen Erläuterung ber fjranlfurtcr 9tath«o'crfaffung unb eini* 
gen aphoriftifchen ©emertungen über bie sßolitif ber ißatricier ab, 
gegen welche Sektor im ©egenfafc p feinem fpöteren Verhalten 
bamal« nodh fronbirte, fo hob«« wir e« faft nur mit einer trodenen 
Äufjählung ber tlemter unb ©tjrenfteUen p thun, p benen ber 
Schreiber im Saufe ber 3 e i* berufen würbe, einer gewiffenhaften 
©erjeießnung aller im Jtatße oortommenben ©atjlen unb einer ©e* 
rießterftattung über bie einjelnen 9fotb«ftßungen. SRur hier unb ba 
fällt ein Streiflicht auf ba« ^ßarteigetriebe unb ba« Eliquewefen, 
ba« im norigen Qaßrßunbert in granlfurt in fo üppiger Slütße 
ftanb. E« finb bie« aber ftet« nur turje iRotipn, bie non ber Ja¬ 
lousie non einigen ber Herren Patriciis unb benen Herren Äauff* 


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leutfeen im töatfe" melben. Stürmifefee 23erfeanblungen erfd^ütterten 
ben ftranffurter Btatfe in ben fragilen ^aferen nicfet, unb wenn e$ 
einmal etwa« erregt {(ergeben tnodjte, tonnte ei fecfe feöcfeftens um 
einen Sturm in einem ©afferglafe feanbeln. 

Dies mar nacfe ben oorfeanbenen Äufgeicfenungen jmeimal bet 
fjall, unb jebesmal feanbelte es fecfe um einen SRegrcfe ber gegen 
eine gerichtliche ober magiftratlicfee ßntfcfeeibung an ben taiferlicfeea 
5ReidjS*$ofratfe genommen mürbe, unb gmar jebesmal mit (Srfolg. 

$n bem einen gafle tarn ein junger tapferlicfeer SBerbeofftcier, 
ber gäfenricfe oon Sömen in S3etracht, ber auf bem Stabtroalle 
Sdjmalben gefcfeoffen unb fich baoon burcfe bie Sßacfee nicfet featte 
abfealten laffen, meSfealb er verhaftet unb mehrere ffiocfeen in Strafe 
gehalten mürbe. Sein fjauptmann, ®raf oon ©ütmbranb, befdjroerte 
fecfe baröber beim faiferlicfeen JpoftriegSratfe, unb biefer erliefe eine 
äufeerft fcfearfe Verfügung an ben ÜBagiftrat, in melier nacfebrücf* 
liefe betont mürbe, bafe Solbaten unter feiner anberen Qfuri«bictio« 
ftänben, als ber beS ftaiferS, ber faiferlicfeen ©eneralität unb iferer 
oorgefefeten Offeriere unb auefe in delictis non militaribus oon 
niemanb ÄnbereS gut Strafe gegogen merben tönnten. 

ffiicfetiger mar ber anbere ffaH, meil es ficfe bei ifem um bie 
§ofefeeitSrecfete beS Uiagiferats feanbelte. (Sr betraf ben langmierigen 
Ißrogefe, ber feit einer langen feleifee oon Qaferen bereits bei bem 
feieicfesfammergericfete gmifcfeen ber Stabt unb Sur='2Raing (als bem 
felecfetsnacfefolgcr beS gräflichen Kaufes oon fpanau unb SJefefeer ber 
Dörfer ©rieSfeeim) rnegen ber fpöfe fetebfeod nnb fpinfclfeetn, fonrie 
beS 'Dorfes felieberrab obf(femebte. ©egenftanb beS Streites mar ein 
fianbferrifen Oon etma 3000 2Rorgen, begiefeungSmeife bie territorial* 
feofeeit über unb bas ftagbrecfet auf bemfelben. Seit bem Safere 
1732 mar bie Stabt beftrebt, biefen alten Streit auf bem Sßege 
beS SSergleidfeS beigulegen, unb es mürben SSerfeanblungen feiergn 
eröffnet, bie gunäcfeft gu einem (Srgebnife nicht füfertcn. feleue 23er* 
feanblungen mürben im $afere 1736 angebafent, unb es gelang jefet 
nacfe enblofen SJJüfeen bie ©runblagc gu einem 23ergleicfee gu fenben: 
337 SRorgen fotlten an feRaing abgetreten, unb oon biefem befon* 
bere Soncefftoncn megen beS Qagbrccfetes gemacfet merben. Der 
HJiagiftrat featte fedfe auf bie 23erfeanblungen eingelaffen, ofene baS 


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167 


IBürgercotleg ber ©inunbfünfgiger gu IRathe gu giehen; legerem 
tonnte inbefj auf bie Dauer bie Sache nid^t oerheimlicht werben, 
unb es erhob Ginfprud), htbem es auSführte, es ^nble ftch um 
eine Abtretung oon Staatsgebiet unb fomit um eine Angelegenheit 
welche bie gange Sürgerfchaft angehe. 

Der ÜRagiftrat, aufgebracht Aber baS fünbernifj, welches ber 
Ausführung feiner ißläne ftch entgegenftetle, wanbte ftch mit einer 
©efchwerbefchrift an ben SReichShofratlj, biefen erfuchenb, bas ©ärger» 
coQeg gut {Ruhe unb gut Einhaltung feiner Pflicht gu oerweifen. 

Es hanble fid) um eine QuriSbictionSfache, in welker bem ©ürget» 
ausfchuffe fein Einmifchungörecht guftehe. $ubem Seite es, burch eine 
9SergIei(hShanbIung, bie ein oerhültnijjmäfjig Keines Opfer erheifche, 
einem langwierigen {ßrogeffe aus bem ©ege gu gehen, beffen Aus» 
fall fich gar nicht abfehen laffe. Das SürgercoUeg beftehe gumeift 
aus „Trümern unb £>anbroerfenf‘ unb habe in ißrogefjfachen fein 
Einfehen, wefchatb es gar nicht gu beurteilen oermöge, um was es 
ftch fpnble. 

Die Entfcheibung aus ©ien ftanb lange auS; als fie aber 
enblich einlief, lautete fte burchaus nicht fo, wie ber ‘üRagiftrat es 
erwarten motte. Der {Reichsljofrath bellagtc ftch gunächft um man* 
gelnbc Information, erllärte aber ausbrüeflieb, bah bem ©ürgercofleg 
bas {Recht gu einer SBorfteUung, wie fte gemacht worben, nicht p 
beftreiten fei. Eine Einmiftung in jurisdictionalia fei bem Goüeg 
aüerbingS oerboten, bo<h t»abe es bas {Recht, in wichtigen, bie all* „ 
gemeine ©oljlfahrt betreffenben Angelegenheiten bei bem URagiftrate 
in gegiemenber ©eife oorfteQig p werben, unb es befchränte ftch 
biefes {Recht nicht einfeitig auf baS {RechnungSwefen, oielmehr treffe 
es burchaus in einer Sache p, bie, wie ber abpfdjliefjenbe 35er* 
gleich, wit ben {Rechten unb Pflichten ber ©efammtbürgerfchaft im 
^ufammenhange ftehe. 

Darauf erfolgte eine neue ©orfteBung bes {RatheS, unb es 
langte nunmehr aus ©ien ein Gonclufum ein, baS ber Schreiber 
beS Dagebuchs ftch bei aller „fdjulbigen unb gegiemenben Ehrfurcht" 
oor bem i)ö<hften fienfer ber {Reichsgefdhide nicht enthalten tann, als 
ein „benen Juribus fämbtlicher löblicher {ReichSftäbte h^hf* «ach* 
theiligeS" gu begeichnen. 


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* — 168 — 

©S hat, fo wirb in bcr SSetfügung ausgeführt, bei bem frühe* 
ren Schluffe p bleiben, benn es beft|t bie ©ürgerfchaft nicht nur 
baS Siedet, wie fie es getfjan, bei ifjrev SBcljörbe oorfteüig p wer* 
ben, fonbern fie ift befugt, wenn ihr fein ®cl)ör gefdjenft wirb, ficf) 
immediate an faiferlidje SKajeftät p wenben, „alß welkes auch 
ohne Auftrag bie öürgerfchaft in Steichsftäbten p thun befugt ift". 
®ann aber wirb „bem Stabt»ÜJ?agiftrat p fjranffurth h*evburch 
ftarf oerroiefen“, baß er bie ber ganzen Stabt granffurt nach bem 
SBeftphälifdhen ^rieben unftreitig pftehenbe Sanbeshoßeit einfeitig 
auf fid) allein beziehen unb bie Stänbcrecßte ftch anmaßen will, ba 
er boch nichts weiter als bie Hbminiftration berfelben hat, unb baßer 
aUerbingS ber Sürgerfdjaft unb beS bürgerlichen SluSfchuffeS wohl* 
gemeinte unb gepmlidje ßrinnerung entgegennehmen muß. 

SBenn gefagt worben ift, bas Tagebuch enthalte, abgefeßen oon 
ben biographifeßen Stotijen nießt^ was ftd) auf bie ißerfon feines 
Urhebers beließt, fo erleibet biefer Slusfprucß boch infoferne eine 
©infeßränfung, als bie oorliegenben Aufzeichnungen uns eine per* 
fönlicße Eigenheit beS ÜJianneS betätigen, oon bet wir bisher nur 
burih eine uubeftimmte Ueberlieferung etwas mußten. ®er als ein» 
filbig unb oerfcßloffen oerfchrieene alte £>err, ben uns fein großer 
©nfel fo anfchaulich fchilbert, wie er in bem langen, talarartigen 
Scßlafrocfe, auf bem Raupte eine faltige feßwarje Sammtmüfce, — 
«in SQtittelbing jmifeßen AlcinouS unb Saertes — prifeßen ben 
^Blumenbeeten bes oon ihm forgfältig gepflegten ©artens einherwan* 
beit, ftanb in bem Stufe, eine Art oon SBeiffaguitgSgabe unb Iraum» 
beuterei p öefigen. Schon Stieg! bemerft, baß ©oethe bie ©in* 
brüefe feiner Qugenb unzweifelhaft ftarf ibealifirt habe, ^ebenfalls 
Hingt baS, was fich in bem erwähnten „Stepertorium" über bie 
SEraumgeficßte beS Stabtfcßultßeißen finbet, weit nüchterner, als baS, 
was uns ©oethe p berichten weiß. lejtor erwähnt in bem „9te* 
pertorium" einen SEraurn, welcher baS Scßicffal fjfranffurts in einer 
bebentlichen 3eit oorausoertünbete. ©r h at bort nämlich beim 
3«ßre 1734, in welchem fjranffurt oon einer Sefefcung burch fran* 
jöftfeße Gruppen bebroßt war, golgenbes eingefeßrieben: „10. SDtai 
1734 habe ich frühe gegen SDtorgen, in Anfcßnng ber bennaligen 
großen ©efaßr, welcher ^iefige Stabt oon ber franfcßjtfchen Armee 


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169 


beoorgeftanben, einen fegr mertwfirbigen Draum gehabt, welcher^, 
©ott fege Danf! aud) eingetroffen." 

Dag „Dagetmd)" enthält mehrere ägnlidje ©fetten, bie ung 
ben etwas* nüdjternen ©garatter biefer Ärt non „Draumfegerei" fegr 
Iebenbig oor Äugen rüden. Die erfte berfelben befinbet fid) ©. 67 
beS „Dagebudjg“ unb lautet, nacgbem ung bfe SSorfommniffe bei ber 
©rwäglung gunt ©Söffen, am 5. Octobcr 1731, gefcgilbert worben 
ftnb: 

„SJtertwürbig ift gerbet), baf; beS SDtorgenbg frülje nor bem 
SEBaljltage mir getränmt, alg wann id) oier oergulbetc Äugeln 
fäge, baooit 3 gang, bie oierte aber in ber üJZitte getfjeilet mären. 
SBelcgeg oießeicgt bebeutet t)at, bafj, wie id) nacggefjenbg erfahren, 
id) in bet erften Umfrage mit föertn non ber Sirgben paria 
gehabt, nadjgegenbg aber in ber gweiten Umfrage majora erhalten." 

Die gwcite ©teile fällt in bie ©djilberung ber ©rcigniffe, 
weldje infolge beg 1734—1735 unter Äarl YI. gwifcgen bem beut* 
fegen Steife unb granfreicg geführten Äriegeg in granffurt ißlag. 
griffen. granffurt würbe in biefe ©reigniffe nicgt fonberlicg oerftridt, 
eg tonnte ficg lange 3 c 't barauf befdjränfen, bie ©cfndje, bie non 
aßen in mcilenweitem .Umtreifc um fein ©ebiet unfähigen ßteicgg* 
ftänben unb Herren um Uebertaffung non SDtörfern, laubigen, gelb* 
ftüden fammt ben bagu gehörigen calibcrmäjjigen ©efcgoffcn unb 
ben nötigen Ärtiflerie*I8ebienten ober ©onftablern „mit ©limpf git 
becliniren". Da fing eg an, bebroglicger auggufegen. SOtontag 10. 
3Kai 1734 berief ber ältere regierenbe Söürgermeifter eine aufjer» 
orbentlidje SRattjgfigutig, mogu aud) bie Herren ©gnbici befcgieben 
würben, unb tgeiltc mit, baff mit ber eben eingelaufenen $oft eine 
Äricggcontributiongorbre non bem fraugöfifcgen föniglicgen gnten» 
banten ßtitter non gegbeau aug (Sljag angelangt fei, unb non bem* 
felben oerlangt werbe, baf; unoergüglicg gur ßtegulirung biefer 2ln* 
gelegengeit Deputirte naeg bem Ärieggtagcr abgeorbnet würben, ©g 
erging barauf iBefdjtujj, $errn Sgnbicug granc n. Cicgteuftein nnb 
$errn n. Sergner abgufcgiden, mit ber SBeifung, eine leiblicgc Äb* 
finbung in ©clb gu erwirfen gu fudjen, unb bem ©oßeg ber Bteuncr 
fofort ÜRacgridjt gieroon gu geben. 


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170 


„hierbei, fo Ijeijjt es nun »etter, ift merfwürbig, bafj in ber 
9la<ht juoor, als biefeS SontributionS»Schrei6en angelangt, frühe 
•gegen borgen ich einen fetjr nachbenflichen STraum gehabt. @S 
träumete mir nähmlich, aljj »ann alle ©ruitbfäulen beS 9tatt)aufcS 
ober IRömerS bergeftalt erfdjüttert »iirben, alfj »ann bas gange 
©ebäube über fpauffen ju faden fdjcine; jeboct) nach einiger geith 
ftunben biefelbcn wieber feft unb auf ^^rem vorigen Qfunbament. 
liefet Sraum h«t auch, (Sott fet) bafür gelobt, genau eingetroffen, 
inbeme anfangs bie gefaxt fefjr groß gefchienen, in furgetn aber 
glüctlich vorbei gegangen, ob es gleich öffterS gefährlich genug aus« 
gefehen et in urbe trepidatum fuerit." 

®ieS ftnb, fo»cit bie glätter beS Tagebuchs in SBetracht fom* 
men, bie einzigen ©inblide in bas Seelenleben beS merfmürbigen 
ÜJianneS, ben bie frohfinnige, lebenSfluge grau SRath ihren SSater 
nannte. 


®ic vierzehnte öffentliche Sigung fanb am 14. October 
unter bem ©orftge beS ftellvertretenben Obmannes, £>errn Dr. ©r ote* 
fenb im Ooethehaufe ftatt. 

9lad) ffirlebigung ber gefdjäftlichen ©orlagen ergriff $err Dr. 
£ub»ig ©raunfels bas Sffiort ju bem angetünbigten ©orttage 
über „1)on Oüijote unb bie geü beS ©ervantes." 

2>a bie Ausführungen beS IRebnerS feither in ber ©orrebe ju 
feiner Ueberfegung beS „®on Ouijote" (Stuttgart, Speemann, 1884) 
venverthet ftnb, feiert »ir unter ©erweifung auf baS ©er! hi« 
von einer ©eridierftattung ab. 


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171 


III. ©tttfenbititgen. 

92o. 

703. Äoiferl. 2iotünbif<be öfotiomifcbe unb gemeinnüfcige ©o* 
cietöt in 2)orpat, Dorpat: ©eneral-Wioellement oon Siolanb 
oon Dr. (5. 3 ü. ©eiblifc, mit einer fyjpfometvifdjen ßarte oon (Sflb* unb 
Siolanb, 2., 3. u. 4. (©cbluß*) Lieferung. 1883. 2)orpat, $einr. Saafmann’S 
2>rucferei. 

709. ©ebrüber $euninger, $etlbronn: granffurter ©eleprte Stnjeigen oom 
3<»b rc 1772. 2. Hälfte, ^eilbronn. ©ebrüber $enninger. 1883. 

718. Waturpiflorif <§e ©efellfdjaft, £aitnooer: 31. u. 32. 

für bie ©efcbäftSjabre 1880/82. $amtooer, ^abu’fcb* ©ucbbanblung. 1883. 

724. (Sari ©ploio Itöbler, #aüe a. ©.: 3)ie SBeiSbeit ber Xragifer. ©on 
(£. ©. ftötjler. $atte a. ©., Otto $enbel 1883. (Heb. gr. 8*. 

726. ©taatSratp 3 3merfon, ©t. Petersburg: Slufflfc^e SWün$en» unb 
9WebaiClen*£unbe. 4°. Petersburg, ©taatSbudjbrucferet. 1881 u. 1882. 

727. granjÄepler, ©t. Petersburg: SWattifefi ©r. SWaj. beS ÄaiferS oon 
Wußlanb, angefertigt für bie ÄrönungSfeier in SWoSlau. 1883. ©taats» 
buepbrueferei ©t. Petersburg. 

2)ie 9tri. 726 u. 727 mürben oon öerrn ©. ©camoni, faif. ruff. 
©eamten in ©t. Petersburg, perfönüd) überreizt. 

738. ©ebrüber Henning er $eilbronu: Ephemerides unb ©oltslieber oon 
©Oftpe. #eilbronn, ©ebntber $enninger. 1883. 

742. griebr. ©eibel, SBeimar: 1. gröbel’S päbagogifcbe ©Triften oon gr. 
©eibet. Butter* unb Äofc-Siebcr. 8°. ©Jien unb 2eip§ig, pidjlerS ©3roe. 
u. ©opn. 1883. 

743. 2. 2)aS geben $eiitricb gangetbatS oon (Spr. (Sb. gangetbal 8°. 2Bien unb 
geipgig, Pic^terS Sßroe u. ©opn. 1883. 

750. SHrector Dr. phil. 9t. ©cbomburgf, 3lbelaibe: Report on the Progress 
and Condition of the Botanic Garden and Government Plantations 
during the year 1882, by R. Schombnrgk Dr. phil. Adelaide, E. Spiller 
Governm. Printer. • 

767. &arl JtöfHng, ©djriftfietler, §ier: 2)er ©leg nach ®ben, epifdje 3)icb* 
buitg in 5 ©üc|ern oon Äarl Höfling. geip$ig, (Srnft ©üntber. 1884. 

773. ©runo £opf in gangenfat$a: 2)ie Sraufirdje. 12 (Sboräle für gemifdjs 
ten (Spor mit gieberte$ten $um ©ebraudje bei Trauungen oon ©. $opf, 
gangenfat§a, fi. ©eper unb ©öpne. 1883. 

783. üRorip 9W filier, Pfor$beint: 3)ie gortfepung uitfereS gebenS im 3enfeitS 
oon SW. SWüller fen. 8°. $afle a. ©., ®. (£. SW. Pfeffer. 1884. 

808. Soci4t£ Imperiale des Natnralis t e s Moscon: Bulletin No. 
4. 1882, et Nr. 1. 1883. Moscon, Alexandre Lang, Libraire. 

817. Prof. Dr. 3- ©djneiber in 3)üffelborf: 3)ie ölten #eer* unb $anbetS* 
»ege ber ©ermanen, 9tömer unb granfen im 2>eutf(pen 9teicbe oon Prof. 
Dr. 3 . ©djneiber, ®üffelborf, grieb. 3)iep. 1883. 

824. ©uflaü 0 . goeper, ©ep. Ober *9tegierungSratb unb oortragenber 2tatp 
Dr. phil. in ©erlin: ©oetpeS ©ebidjte mit (Sinleitung unbglnmertungen, 
oon (8. 0 . goeper. ©erlin, ©uftao $empel. 1882. 

874. Prem.*gieutenant (SggerS in ©remen: beS ©ereinS für 

t amburg’fcpe ©efdjidjte. Hamburg, 3- 8. Meißner 1883. 8*. 

»erfelbe: $anftfcpe ©ef (picptSblätter: 3*& r 0<M8 1882. geip$ig, 
3)unfer unb £>umblot. 1883. 

875. 3)erfelbe: 2luS bem gamilienlreife ber ©ggerS. 8°. 

876. w 3)ie ^acciuS. 8°. 


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172 


Ro. 

878. Dr. Otto #agn in Reutlingen: ©oltaire am #ofe griebrieg* IL ©tgait* 
.fpiel Don Dr. Otto #agn. ©tuttgart, Äarl ©rünittger. 1882. 8°. 

879. grieb. ©Silg. gricle, ©MeSbaben: *ßringeffln ftlfe, ftlfenfage mtfr 
glfenfprücge, oon gr. ©3ilg. gricte. ©tuttgart, ©ufi. §ogl. 1883. 8°. 

931. ©$ilfj. ©rautnüller, Unio.-©ucgganblung ©$ien: ©Bilgeltn oon ©rau» 
mfiller unb $einr. oon ©otta, gtoei Düringer ©garafterföpfe, oon Dr. ©. 
©etjer, ©tuttgart. ©Bien, ©Bilg. ©rautnüller, £of- unb Unio.- ©utgganb» 
lung. 1881. 

2lußer ben im ©ericgt Ro. 3 öeröffentlicgten 3citf<$riften gingen in fort* 
laufenber Lieferung ein: 

2)urdj 31- ©eentann, Seipgig: „©ilbenbe Äunft". 

„ $rof. Dr. gr. &ip$ig: „Siterariftge« ©entralblatt". 

„ o. ©elar, ©erlin: „2)eutfcg*öfterr. $geater-3eitung". 

„ ©rof. ©tnil ©reSlauer, ©erlitt: „2>er Älaoierlegrer." 

„ Ä. ©d) toi er, ©Beimar: „2)eutfcge ^ßgotograpgengeitung". 

„ Ratg ftung, SRüncgen: „3*itung für geuerlöfcgtoefen". 

„ benfelben: „Änabengort". 

„ ©mannet ©lau, ©Men: „Oefierreicgiftger Oefonomift". 

„ ©Bin. o on greeben , ©onn: „#anfa". 

„ ©. ©appengeitn: ©Bien: „OegerreicgifcgeS #anbel$journal". 

„ benfelben: „üftontan- unb 9Retatl'3fnbufh:ie". 

„ benfelben: „Sflüller^eitung". 

„ Dr. g. ©3. gricfe, ©BieSbaben: „Reform". 

„ RicgarbSeffer, $ier, „2)eutfcge ©olonial*3citung". 

SeftionSfataloge, begto. Programme unb üRittgeilungen fanbten ein bie 
UnioerfUäten ©öttingen, ©gernotttifc, .gnnSbrucf, S^i&urg unb bie £e<gnifcge §odj» 
feg ule $auttooer. 

tfageroergeiegniffe fegidten ein bie 3lntiquarifcgen ©ucgganblungen: ©. 
prieme ©erlin, Segmann u. Sufc #ier, $erfdgel & 3ütgeifer ©tuttgart, g. ©aer 
& ©ie. #ier, ©. £g. ©ölcter £ter. 


2>nuJ Oonititmpf&fteiS, ftranfftut a. *JUt. 


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Delikte 


be§ 

Ufratit 

in 


Iranltfurl am Palm 


^aljrgcmg 1883 — 84 

(Sßoöember 1883 bis 9Jlai 1884). 




Frankfurt am üain. 

$ t t i t * |e«tfi|e« 9 * 4 |H f t» 

1884. 


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$>rucf bott ci^ in Srranffurt a. 2JL 


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3n0atts-2i*eqetdmi| 


©eite 

|ln i>fe ©en0|fc» .. 1 

(»Bcltyäftltdfjr IFeriw&r. ftapMwlwn. 2 

©efletttlidfe jungen. 

„ßutber,ber83egrünber ber neubodjbeutfeben (Sprache" (Dr.ß. föoltbof) 3 

„3abte$bericbt für 1882/83".. ♦ ♦ . ♦ ♦ ♦ . 23 

„lieber einige ©ingänge gur S3ibliotbef beS freien $>eutfd)en 
föocbftifteS aus bem Gebiete ber ©efdfjidfjte" (Dr. ©rotefenb) 25 
„$>ie ©rfinbung unb ©ntmidttung beS £elepbonS" (§auptmann 

Soltbof).. ♦ ..27 

„$>ie §umanitätS=3bee im flaffifdjen Siltertbum. 3ur ©rimterong 
an ^onrab Scbtoencf" (Dr. ß. §oftbof) ..36 

Verträge uttit ^rlefungdt. 

„®ie ®unft beS SSlam" (§ofratb Dr. Schäfer aus $armftabt) ♦ 48 
„lieber ben fjortfe^ritt im ßiepte ber $arttrin’fcben 3bee" (fprof* 

Dr. ß. S3üd)ner aus Starmftabt) . ...55 

„2)ie älteften Sftepertoireftücfe ber ^ranffnrter Schaubühne. (1546 

bis 1630)" ©rau ©♦ 3flenfcel).60 

„®fopftocfS S3ebeutung für bie beutfdje ßiteratur" $kof. Dr. Otto 

Btoquette aus $armftabt). 85 

„2fteine erfte Begegnung mit Schopenhauer" (Dr. SB. Sorban) ♦ 89 
föecitation beS §errn $rof* Sllejanber Strafofcb ♦♦♦♦♦♦ 92 

©tnrettbmtgeit. 92 


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lUrirfftf 

beS 

Ureieit Jbnl$t|*n ^ot|slil}b$ 

für 

PilTcnfityflften, un& Allgemeine gjilbung 

in $oei(e’5 ^aierßanfe jit grtanftfnrt a. 3&. 

IjevauSgegebeit 

im Müflfl* i» llerroaltung* 

^ Dtefe Drrtdjt* erfd}*in*n ixt fwanglafien 

Stafyraatta 1883/84* «üfanmaen ffir Me Ättft»gewo(fe« Cieftruttg 1 unb 2. 

mtfc fär befrennbete Äretfe* 



: 2fa bie ©enoffen. I. ©efdjäftlidjer ©erfeljr. ’ßerfonatien. — n. Oeffentttdje ©ifcungen. — 
„Sutljer, ber ©egrftnber ber nenljodibeutfcijen ©brache." — „<)aljrelberidjt." — „2>ie 
©rftnbiutg intb (Enttttdetung bei STeltyljoiil." — „2)ie #umanttiit6*$bee im flaffifdjen 
STCteriljum. 3ur (Erinnerung an Äonrab ©dornend (t 20. gebt. 1864.)" — m. ©orträge 
unb ©orlefungeu. „$)ie #unfi bei Sitarn." — „lieber .ben ftortfdjritt im tfidjte ber 
Storttrin’fdjen ftbee." — „®ie älteften SKeperioireftüde ber ftranffurter ©djaubttljne 
(1546—1680)." — „iflobfiod’l ©ebeutung für bie beutfc^e Literatur." — „Weine erfte 
©egegnung mit ©djopenljauer." (Vorbau.) — IV. (Einfenbungen. 


odjgeeljrte ©enoffen! 

SOZit bent üorltegenben £>efte ftnbet bie 9Ret^e ber bisherigen 
Sßerihte i£)ren Sttbfdjlufe. ®ie gorm ber £>oppellieferung ift ge* 
Wüfjlt worben, tueif ein gefonberter SBeridjt über bie brei lebten 
Sftonate ftd) nicf)t wofyl geben liefe. £)ie Verwaltung featte Wälj* 
renb biefer ßeit ifer Slugennter! tjauptfädjlidj auf bie Ueberfüljtung 
in bie neuen 93er£)ältniffe ju rieten, woburcfe ficf) naturgemäfe 
eine Vefdjriinfung ber in 2Iu§ficf)t genommenen Veranftaltungen 
ergab. Qn ben neuen Vafjnen, in benen fidj fortan unfere 
©enoffenfdjaft ju bewegen Ijat, wirb mit ber 2lu§bef)nung ber 
wiffenfdfeafttidEjen Sfeätigfeit audj bie Veriifeterftattung über bie* 
felbe eine erweiterte Werben. Gsinftweüen fei an biefer ©teile 
unferen ©enoffen ber ®anf auSgefprodjen für bie üytadjficfjt/ mit 
welcher ba3 ©ebotene aufgenommen unb für bie 2:fjeilnaljme, bie 
bemfetben allfeitig gewibmet Worben ift. 

Die Derroaitnng be« ^Freien Deutfdjen Ifjodjftiftes. 

l 


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2 


I. ©efdjirftlidjer SBerfelfr. SßerfottaUett. 

9Q7it bcnt 11. 97oüember 1883 Würbe baS fünfunbäWanäigfte 
93erWaltungSjaljr eröffnet. SSäfjrenb ber erften ^ätfte beffetben 
Würben 9 93erwa(tungS=Si§ungen abgeljalten, am 28. 97otiember 
unb 10. ®ecem6er 1883, 7. unb 12. ganuar, 11. gebruar, 
17. 907är$, 7. unb 21. 9lprif fowie am 5. unb 19. 907ai 1884. 
®er 9lEabemtfcf)e 33orbereitungS=9lu3fcf)uf} trat einmal, am 8.9Q7ai, 
jufammen. £)a3 Jagebucf) beS SdjriftfüffreramteS f)at 691 ©in= 
gange ju oerjetcfpien, benen 712 9tu3gänge gegenüberftefjen. 
9lufgenommen Würben 28 neue 907itgfieber, iffren 9lu3tritt er= 
Efärten 24 fettfjerige ©enoffen; burct) ben £ob oertoren wir 
24 ©enoffen: 

Dr. phil. $oacf)im S3aranbe, geftorben 15. October 1883, 
grof)3borf. 

Dr. phil. 91 n t on, geftorben 16. Dctober 1883,97aumburg a. S. 

Dr. SBütiam (Siemens, geftorben 18. October 1883, 
Conbon. 

gräufein 907arie öenj, geftorben 24. Otoöember 1883, ®orpat. 

ißrof. Dr. granj X. Scfjmib = Sd)war^enberg, geftorben 
28. 97oöem6er 1883, ©rlangen. 

gerb. ^jeifj, ©arteninfpector, geftorben 28. ®ecember 1883, 
f)ier. 

üDahib £jaaS, geftorben 10. ganuar, Ijier. 

■äftapimifian ©rofjbad), geftorben 8. gebruar' 1884, 
$)onauwörtlj. 

Dr. griebrtcf) 97 otffer, geftorben 15. gebr. 1884, Stuttgart. 

ißrof. Dr. ^jeinrid) 93ergf)auS, geftorben 18. gebruar 
1884, Stettin. 

Dr. Hermann ißreSber, geftorben 3. 907arj 1884, fjier. 

SRitter ©arl hon Carole, t t ^offcpaufpiefer, geftorben 

II. mtj 1884, SBien. 

9ßrof. Dr. 97einl)ar b 331 um, geftorben 13. 907ärj 1884, 
£>eibelberg. 

gräutein ©lariffa Stodinger, geftorben 14. 9D7ärj 1884) 
SBien. 


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3 


granj greif). oon 58ernug, geftorben 17. Söiärj 1.884, 
(Stift Steuburg. 

©ridl) ^Brutto £opf, 9tector, geftorben 17. SDiärj 1884, 
8angenfaf$a. 

^ßrof. Dr. Stuguft Stöber, geftorben 19. 9Äärj. 1884, 
9Jiüfl)aufen i. ©. 

Dr. griebridj SBicfjarb Sange, geftorben 23.SWärj 1884, 
Hamburg. 

$tof. Dr. 8 u b W i g Start, geftorben 24. SOiärj 1884, 
Stuttgart. 

$ßrof. ©uftao Stifter, geftorben 3. Stpril 1884, SBerltn. 
©manuef oon ©eibet, geftorben 6. Slpril 1884, 8übedf. 
g. £). £>. 907 üfylig, geftorben. 12. Steril 1884, f)ier. 

©. $tofb, geftorben 2. 9Jiai 1884, SBapreutf). 

Dr. g. 28. Sonber, geftorben 5. 9)?ai 1884, Hamburg. 


II. Deffeutltdje Strängen. 

£>te erfte berfelben fanb am 11. Sfioüember 1883 jur 
©riJffnung be§ 93erWaItungSjal)reg in bem feftlidf) gefcfjmücfteri 
©oetl)ef)aufe ftatt. ÜDie geftrebe f)ielt §err Dr.-8ubwig 
£>oftf)of über „8utl)er, ben Segrünber ber neufjod)* 
beutfdfen Spraye".* ®er Otebner entwicfefte feine 8lu3= 
füfjrungen in ber fofgenben SBeife: 

2Ber geftem an ben Ufern beS SftieberrljeinS geftanben 
fjötte, ba etwa, wo ber ftolje Strom jwifdfen ®rad)enfel3 unb 
SRofanbSedt wie burd) ein weitet geffentI)or ht bie ttieber= 
rljemifdje ©bene tritt, bem würbe ein mertwürbigeS Scffaufpief ficf) 
bargeboten f)aben: er würbe mit einbredjenbem Stbenbe ringS um 
jtd) I)er müdjtige geuer fjaben emporfobern fef)en, oon ben ber= 
gigen kuppen unb tanggeftretften gtöfjenjügen ju ÜEfjaf grüfjenb, 
in ben gürten beS gfufjeS ficf) wieberfpiegelnb, unb in bem 
Weiten glad)lanbe ftd) fortfe|enb, oon ©eljöft ju ©ef)öft, oon 0rt= 
fdjaft ju 0rtfd)aft, oon ©emarfung ju ©emarfung, foWcit ba§ Sluge 
ju reichen permag — unb um bie glamntenfäulen baS ©lüfjen unb 
Sprühen eines fdfilfernben gmtfenregenS unb in bem geuer unb in 

l* 


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4 


ben gfunfen baS Sdjmeben unb SBeben fchattenfjafter ©eftalten — 
mit einem Sßorte: ba§ Vitb aus ja^rtaufenbaltem ©rabe mieber» 
erftanbener altgermanifcher geuer* unb Steigentuft. 

Sie Slnmoljner beS SHeberrheinS begehen an biefem Slbenb 
bte gejer beS SJtartinSfefteS. Ser heutige Sag, ber 11. Stotiember, 
ben bie abenblänbifcfje Äir<f)e bem Slnbenfen beS h- üftartin ge» 
mtbrnet hot, begann in alter 3ett bas! Qafjr, baS firdjtiche, mie 
baS bürgerliche unb bäuerliche, mie er ja in machen ©egenben 
al§ ßinStermin für baS Canbüolf erhalten h a t, meShatb 
(Sanft 9P?artin mohl ein „harter ^err" unb „fehlerer Vegahler" 
gefüllten mirb. 35er fc^lidhte Vifdjof öon SourS mirb als 
Stpoftel ©atlienS tierehrt, fein Ceben enthüllt unS einen unter 
Verfolgungen alter Slrt aufrecht erhaltenen mafeHofen, ftreng 
restlichen Söanbet, allein biefer mürbe ihm ebenfomenig mie 
fein Verbienft um bie Vefehrung ber ungläubigen Sfeltoromanen 
gu einer berartigen Stellung unter ben SDtitgliebern ber triumphi* 
renben Kirche tierh olfen h^en, baft mit feinem ©ebächtnifttage 
baS grofje Ä'irchenfeft meltlichen ©h ara ^ terg / germanif^e 
£>erbftgefage, hätte tierfnüpft merben fönnen, menn nicht anbere 
©inflüffe im Spiele gemefen mären, unb gu ber 3eit, ba baS 
©ermanenthum bie SEBelt gu beherrfdjen unb umgugeftalten be¬ 
gann, unb bie römifSe SHrcfje ftdh feine Söirff amfeit bienftbar 
gu machen mufjte, ber djrifttiche ^eilige hätte an bie Stelle 
einer ©ottljeit ber heibnifdjen SBeltumgeftalter oorrücfen müffen. 
Sie VefeljrungSpotitif ber Kirche ift befannt: jte ift ein getreues 
Slbbilb ber UntermerfungSpolttif beS römifSen Staates. 2öie 
biefer eroberten Völferfdjaften ihr Stecht unb ihre Stetigion be= 
lieh — aber nicht etma aus Solerang, fonbent um biefem Stecht 
unb biefer Steügion einen abfolut geltenben höchften 2öiHen, ben 
ber respublica romana gu geben, meldjer fich burch bie Slufpicien 
mit bem ihrer Stationalgottheiten ibentificirte — fo leugnete auch 
bie Äirdje ben gu befeljrenben Völfern gegenüber nicht baS Söalten 
eines GrinfluffeS, ber bisher als f)öchfter gegolten hatte, fonbem 
fte fuchte biefen ©inftufj unter ihre Votmäjjigfeit gu beugen, 
fte begrabirte bie ©ottljeiten tion ehebem gu Sämonen unb VLn- 
hotben unb ließ an ihre Stelle Sriftliche ^eilige treten, babei 


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5 


aufrecht erljattenb, waS an äußeren «Sitten unb ©ebräudhen lange 
©ewöhnung bern ©olfSgeifte lieb unb Werth gemacht hatte unb 
al§ geheiligt erffeinen ließ. 

ber grofee ©öllerfturm, bern bet römifdje SSeltftaat 
erliegen füllte, bie ©olfSgemeinfdjaft bet gtanfen nach ben Ufern 
beS 9tf)eineS unb Don bort weiter weftwärts geführt hatte, Doll* 
Zog fidf) für baS franftfc^e ©oß auf gattifdjem ©oben biefer 
ÜduSgleidj gtoif^ett heibnifdjen unb cf)rifttid)en 2lnfdjauungen. £>ie 
StammeSgottfjeit ber granfen war Söotan gewefen, bejfen Sieg 
unb Störte Derleifjettber Sötantel an geheiligter Stätte auf* 
Bewahrt unb ben in bie Schlacht gieljenben granlenfönigen Doran* 
getragen Würbe. üDie Kirche tiefe ben alten ^»eibengott jum ®ämon 
herabftnfen unb fefete au feine Stelle ben üftationalljeiligen beS 
ßanbeS, bie alten Sitten unb ©ebräudje aber fudjte fie forgfam 
unter ihrem Sdptfee §u wahren. Schon bie Cegenbe beS ^eiligen 
bot willlommene ©erül)rungSpun!te mit bem SDtpthuS beS ©otteS 
bar. ®en djriftlidjen ^eiligen pflegte man ju hüben, wie man 
ftdj einft bie ©ottljeit üorgeftettt, als 9teiterSmann mit Speer 
unb wattenbem SDtantel. Selbft ber leitete blieb als 9tational= 
heitigthum unangetaftet, nur bafe er ben Segen ber Strebe über 
ftch fpreefeen unb jtdj in bie cappa Sancti Martini umwanbeln 
laffen mufete, bie ftatt Don ^etbnifd^en nunmehr Don cf>rift= 
liehen ©rieftern gehütet warb. 9tm Wenigften rüttelte man an 
bem herbfttichen. SBotanSfefte mit ber raufdjenben ßuft feiner 
Sdpnaufereten, feiner flacfernben 0feuer unb feines wilben gaclel* 
tanjeS. ©S war nicht nur bem fränfifdjen Stamme eigen, 
fonbern galt bem ganzen germanifdjen Sllterthume als baS Dor= 
nehmfte ber brei mit Opfern unb ben regelmäfeigen ©olfS* unb 
©eridjtSüerfammlungen — ben ungebotenen gingen — Der* 
bunbenen 9tationalfefte. SSenn eS bei bem fränfifdhent ©olfe in 
befonberer ©Ijre ftanb, tarn baS bafjer, weil bie ©ottheit, ber 
eS heilig war, als Schirm unb |)ort ber StammeSgemeinfchaft 
galt, üDaljer bie ©rfdjeinung, bie auf ben erften ©lief befremben 
fönnte, bafe feine Spuren ftdj auch aufeerfealb ®eutfd)lanbS nach* 
Weifen laffen unb heute noch We SDtartmSfeuer, über ben ©e* 
reich unferer bermatigen Sprachgrenze hinaus, auflohen, foweit 


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6 


bie £>anb beg UferfranEen bag ftegreidh? ©<hwert in gaHifcheg 
8anb .getragen. 

2Bir feljen alfo, ber Sag, ber für ben engeren Shreig unferer 
©enoffenfchaft befonbere 23ebeutung hat, weil er ber ©ebettEtag 
ber Stiftung berfeiben ift unb ung Slnlaf? ju unferer feierlichen 
Qahregoerf amntlung bietet, tft ein bebeutfamer auch für unfer 
ganzes £>eimathlanb unb hat eine ©efdhidjte, bie fidf jurücE oer= 
folgen läfct big gu bent ahnunggoollen Sämtner ber 23orgeit. 

Unb burch biefe ©efchichte sieht f tc h itt ber Shat etWag 
oon bent geheintnifjöoHen SBalten enter ©clfuhgottheit unfereg 
23olEeg. SOton Eönnte öerfucht fein gu glauben, eg üerljalte fi<h 
wirtlich f°/ töte'eg feit alter $eit leife üon ©efchlecht gu ©e= 
fehlest fortgeflüftert worben ift: ber alte fterrfdjer 9lfenf)eitng, 
ber heilige SDtontelträger, fei nicht, wie ber Stömling eg oer* 
fünbet, in ben ©dhojj ber £)öHe gefahren — er habe ftch m it 
feinen ©etreuen in bag 2lfpl heinttf^er 33erge gurüctgegogen unb 
Wadje bort über bag ©efcf)icE feineg 23olfeg. Sie an fein 2ln* 
benfen geEnüpfte ntertwürbige, burch bie Stacht beg geuergauberg 
ntit einanber oerbunbene Sagfolge beg 10. unb 11. Stotteiftber ift 
eine hehre unb heilige für ben Seutfdjen, big an bag ©nbe aller 
ßeiten geEenngeidjnet burch bie Stomen SO? artin 8uth er unb 
griebrich ©cfjiller, Spanten, in beren Srägern ftch bag oet? 
förpern fotlte, wag bent Seutfhen ftetg atg höchfteg giel feineg 
©trebeng üorfdjweben wirb, ©amntlung unb ©törfung gu bent 
Santpfe unt bie geiftige ^Befreiung ber SDtonfchheit. 

gür bie 28orte ber 2Betf)e, bie heute an biefer ©teile gu 
fpredjen jtnb, ift 'ber ©egenftanb oon felbft gegeben. 28ir pflegen 
bei bent ßufatnmentreten an unfemt ©tiftunggtage ung ben 
Sag beg Eontmenben Qabreg gu oergegenwärtigen, ber alg ©ebenE* 
tag an 'ein gefcbichtli<he8 ©reignift ju befonberer ©rörterung 
Slnlafe bietet. Surcf) eine eigenthüntliche Rügung fällt biegntal biefer 
Sttemorialtag mit bent unferer erften 23erfamntlung gufantmen: in 
ber ©tunbe, in welcher Wir ung anfdjicten, ben fünfmtbgwangigften 
Jahrgang unfereg ©enoffenfchaftglebeng gu inauguriren, haben 
ftch Saufenbe unb aber Saufenbe oon Seutfchen jufamnten* 
gefunben, um feierlich bag SlnbenEen an bie oor oierhuttbert 


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7 


galten erfolgte ©eburt beö 33ergmann§fofjneS oon ©sieben ju 
begehen. 

3öie ber ©egenftanb, fo bie Betfanblung beleihen und 
burcf) ba§ GebenSgef'eh unferer (Stiftung borgef(^rieben: Wir 
fielen nicht auf bem Boben ber gartet unb nehmen an Ißartei* 
beftrebungen, feien fie politifcl)e ober fir^tid^e, ntcE)t S£E>eit; ba3 
öffentliche Geben fCöfgt un§ nur Sf)eilnahme ein, foweit eä fidj 
üon ber wirtlich ^öEjeren ÜBarte überfcf)auen täftt, Oon weither 
ber Sichter fingt bon ber Sßarte, bie unferm Sluge nicht 
einfeitig nur ein befchränfted ©efidjtSfelb eröffnet, fonbern bem 
Blict geftattet, wie in bie Söeite ju fchweifen, fo in bie Siefe 
hinabjubringen amb fid) ju erheben ju ber lichten .fpöhe beä 
5letherg. 

Söir haben nicht §u befürchten, baff burch eine berartige 
Behanblungäweife ber ©egenftanb unferer Betrachtung unb @r= 
örterung eine Beeinträchtigung erteiben werbe. Gutlfer, ber Stttann 
ber SHrdje, wirb einem Slj^fe unfere# Botte« ftetä ferne fteljen — 
ber ©harafter, bie beutfdje Sternnatnr, ber Schöpfer unferer 
Bolfäbewufftfeina unb ber Begrünber unferer mobernen Sprache, 
ift ber Giebe unb Sheilnahme unferer gefammten Boltögemein* 
fdjaft geWtff, fo lange ber Sinn für beutfdfe Slrt nicht erftirbt, 
fo lauge bie B r °bteme ber tttlenfchheit in unferer Sprache erörtert 
Werben, fo lange ein beutfcheö Gieb erflingt. 

90?an oerfennt ben fühnen 9tuguftinermön<h, ber am 31. 
October 1517 feine 95 Sljefen flogen Se$er§ Slblajjfram an 
bie Shüre ber Schtofjtirclie gu SBittenberg anfchlug burchaud, 
Wenn man ihn nur mit bem 9tuge beö Äirchengläubigen an* 
fieht, ebenfo wie man ihm nicht gerecht ju werben oermag. 
Wenn man ihn im Gierte ber oberflächlichen 2iufflärung§fucht 
betrachtet, bie in imfern Sagen fo oft bem wirtlichen unb ächten 
Streben nach ^treiheit ben 28eg oertegt. S9?an rauf ftd) bie 
©igenart feinet SBefenS erfchtiefjen unb ftdh Kämpfe bergegen* 
Wärtigen, bie er hat burchmachen muffen, wenn man beurtheilen 
Witt, wa§ er geleiftet hat, wa§ er hat leiften wollen unb 
fönnen. ©lücflicherweife finb wir Söhne einer ßeit, bie fo weit 
ba§ Borurtheil oergangener Sage befämpft hat, bajj ein gefdhi<h t= 


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8 


ltdj gerechtes Urtljeit möglich ift. ißroteftanten uttb ÄatljoliEen, 
fofern beibe nicfjt t>on bett 33anben eineg bumpfen SöljlergtaubenS 
gefangen gehalten »erben, ftnb Ijeutjutage einig in ber SSertlj* 
fdjä^ung beS großen SOtanneS. ©djöner als bet StomantiEer 
©idfjenborff unb magrer unb richtiger als Göttinger — unb jwar 
nidjt ber gegen 9tom fronbierenbe altEatljolifdje (StiftSprobft, 
fonbern ber in bent überfontmenen ^beenEreife fid) bewegenbe 
Celjrer ber SEirdfjengefdjidjte — £»at niemanb baS 33ilb Cutljer’g 
gejeid^net. SBenn jener iijn als Ijelbenfjafte, burcfyaug öolES= 
mäßige ^Serfönfid^feit barfteUt unb bie erften proteftantifdjen 
SEirdjenlieber fdjötte SEriegSlieber nennt, mitten im ©etümmel 
ber ©eifterfdjladljt ober in feiten ber Stotlj auf nädjtlidjer Stunbe 
unb gfelbwadjt erfunben, ooH männlidjer guoerfidjt im ©lücE 
unb UngUicf, unb alle oljne ©efang Eaupt benEbar, fo fcfyeut 
biefer nidfyt tu»r bem <Sa£e gurüdE, bafs er ber geWaltigfte 33oItS= 
mann unb ber populärfte ©IjaraEter geWefen, ben ®eutfdjlanb 
je befeffen. „$n bem ©eifte biefeS SRanneS", fo fagt er ein 
anbertnal, „beS größten unter ben ®eutfd)en feiltet Zeitalters, 
ift bie proteftantifdje Doctrin entfprungen. 33or ber Ueberlegen* 
Ijeit unb fd)öpfetif(f)en ©nergie biefeS ©eifteg bog bamalg ber 
aufftrebdnbe, t^atCräftige Sfjeil ber Station bemutfySOoH unb 
gläubig bie S'ntee. $n iljm, in biefer 33erbinbung oon SEraft 
unb ©eift, erfannten fie iljren SReifter, üon feinem ©ebanten 
lebten fie; er erfdjien iijnen als ber £)eroS, in Wetdjem bie Station 

mit allen üjren ©igentljümlidjEeiten fidfy berEörpert tjabe. 

@o ift CutljerS Stame für ®eutfcf)lanb rtic£)t meljr bloS ber 
eines auSgejeidjneten SDtanneS, er ift ber ®era einer ißeriobe 
beS nationalen CebenS, bag ©entrurn eineg neuen QbeenEr eifeg, 
ber Eürjefte StuSbrucE jener religiöfen unb etljifdljen 2lnfd)auungg= 
toeife, in melier ber beutfd^e ©eift fidfj bewegte, beren mächtigem 
©inftuffe audj bie, wetdje fie befampften, fi<f) nicf»t ganj ju ent* 
jieljen üermodjten.'' 

Cutter War eine jener fettenen Staturen, in benen bie 
mtettectueKen unb moralifdjen gäljigEeiten bie gleid^ftarCe Stntage 
berratljen, unb in benen £>enEen unb güfjlen, ©eift unb ©entütlj, 
^u Ijarmonifdjem SluSgleidje gelangen. Qu feiner geiftigen SEraft= 


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9 


fülle war er jum ^Reformator, bem bie SRaffen beherrfcljenben 
Sorfäntpfer einer neuen ßeit Wie gefdjaffen. Unter anbern 
(Sinflüffen erlogen, Würbe er, an bie @pi§e ber in bem Säuern* 
aufftanbe fidj oerförpemben Solfgbewegung geftellt, oietteid^t bag 
^afjrhunbett aug ben Singeln gehoben unb bie ganje feitfjerige 
Orbnung ber Dinge über ben Raufen geworfen ^aben. Sllletn 
bag <Scf)i<ffal ^atte eg niefjt fo befthnmt, eg führte 'ilpt oor 
ooUenbetem ©tubienlauf in bie 3 c ^ e Sluguftinermöndhg, 
unb in biefer tiermag itiemanb ungeftraft fünfzehn Q a h re ju 
tierweilen. (Sine ßeit lang freilich fcfiien eg anberg. Dem jungen 
sßrofeffor ber Dljeologie, ber fo ^erj^aft unb bodj fo befdjeiben 
gegen bie Stugwüdjfe ber firdjtidjen Gel)re unb beg firdhlidjen 
Gebeng auftrat unb feinen 28eg, unbeirrt um ben aKerortg 
hertiorbredjenben 3 orn feiner ©egner, in berfelben feften, mutigen 
unb mafitioKen SEßeife tierfolgte, fd)tugen alle ^erjen entgegen, 
bieTinter bem ferneren Qoc£)e eineg fdjwer laftenben 3eitalterg 
ftd) beengt füllten. Unb in ber Dljat, ber greunb ber frei^eit* 
lid^en (Sntwidlung ber SRenfc^^eit tiermag, wenn er bie Slätter 
ber ©efd^i^tgbü^er unfereg Solfeg umwenbet, fein fdjönereg 
Süb ju finben, alg bie fortfdjreitenbe (SntwicKung Cutter? tion 
feinem erften Auftreten big ju feinem mannhaften Serhalten 
auf bem Sleid^gtage ju Söormg. 

(Sin Siograpf) beg SReformatorg, ,'peinrich Gang, fagt, wenn 
•er auf biefen Slugenbltcf p fprecfjen fommt: „'Dag — ber 26. 
9Rat beg Qaljreg 1521 — war ber fdjönfte Dag im Geben 
unfereg gelben, ein Dag fo grojj unb rein, wie er tiietteidjt 
feinem 3ü>citen $u D^eil geworben ift. ©(habe, bajj ju feinem 
tiollen ©tanje (Sineg fehlte: bie 2Rärtprerfrone. (Sr h atte f te 
tierbient unb mehr alg Sin 2Ral ohne Sangen ju ihr auf ge* 
fdhaut. @ie hätte fein Sitb gleich bem beg Sldjitteg iu bem be* 
gaubemben 9Reije untierwetflidher Qugenb ber (Sinbilbunggfraft 
ber SRadjwelt emgepriigt. Die (Stimmung ber beutfch’en Station 
f<hü|te ben Slngefodjtenen, unb bie Sorforge feineg dürften bot 
ihm gegen bie Pfeile ber faiferlidhen 9Reicf)gacf)t ein Slfpl auf ber 
SBartburg. $e$t h°t bie ^eber beg Siograpljen in bag Such 
biefeg Gebeng nodj 25 Qahre einjujeichnen, an beren (Snbe bag 


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10 


lebenStnübe 28ort ftefjt: „eS ift ein SBunber unb fefjr ärgerlich 
Ding, baff, nacfyöem bie reine 8ef)re beS ©oangeliumS wieber 
an ben Dag gefommen ift, bie 2Belt immer ärger geworben ift. 
Qebermann gie^t bie djriftlidje greipeit nur auf fCeif<f»Iic^en äftutlj* 
Willen. SBenn idj eS üor meinem ©ewiffen fönnte oerantworten, 
fo Würbe tc^ lieber baju ratljen unb Reifen, bafj ber '»ßapft mit 
allen feinen ©räueln wieber über unS fommen mödjte, benn fo 
Will bie äöelt regiert fein: mit ftrengen ©efeljen unb mit Slber* 
glauben. Qid) 6itte ©ott um ein gnabigeS Stünblein, bafc er midj 
bon Rinnen neunte unb ben Jammer nic£»t feljen taffe, ber über 
Deutfdjlanb fommen mufe." SEBetcl) ein Slbftanb jwifcpen biefem 
lebenSmüben Sßort, biefer HoffnungSloftgfeit auf bem 9lntli§ 
beS ©reifen unb jenem feftlidjen Sriump^ug bon SBittenberg 
nad) SßormS unb bon SBormS nacf) ber Sßartburg!" 

SJtiemanb fyat bem beutfrfjen S3otfe ein fdjönereS unb Iiebe= 
öotlereS CebenS* unb ©Ijarafterbilb beS grofjen SDtanneS entwPTfen 
al§ ©uftab greitag, unb biefer ift audf) ber ©rfte geWefen, ber 
auf bem tragifdjen ßug in biefem Sieben Ijingewiefen ^at. ©S 
ift merfwürbig unb Wie bie Rügung eines. geljeimnijjttoll bie 
Sftenfcpenloofe orbnenben SSer^ängniffeS: berfetbe SWann, ber 
jum erften SJtate fiiljn unb nadjljattig feine (Stimme gegen 
©laubenSwutf) unb sßriefterübermutlj erhoben, oermocfjte wäljrenb 
feines gangen CebenS ben SBannfreiS nicfjt ju berlaffen, ben biefe 
Söutlj unb biefer Uebermutlj gezogen — er befämpfte bie alte 
Sirdje unb Würbe bod) immer wieber auf ben ©oben jurüdf* 
geführt, auf bem biefe errietet war. (Der 9tef ormator warb 
jum Sirdjenftifter, ber 9htfer im (Streit, ber 93orfämpfer 
ber ffretljeit, ber gefommen War, aus Setten unb SBanben ju 
erlöfen, lieferte, beöor nocf) bie alten gefprengt waren, Stoff 
unb SBerfjeug §um Scf)tnieben neuer geffetn unb führte felbft mit 
wuchtiger $anb bei biefer traurigen Hantierung ben erften Schlag 
auf ben Sltnbofj. Die Ijerrlidje urfprünglidfje Sraftnatur oerjeljrte 
ftdj wäfjrenb ber beften SjjanneSja^re in furdjtlofem SRingen 
mit ftdj felbft, feinte ben Dob fjerbei, beoor jie nodj ber Schwelle 
beS ©reifenalterS genagt unb fcpieb fampfeSmübe auS ber SBett 
in bem feften ©lauben, bafj baS ©nbe aller Dinge nicfyt meljr 


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11 


fern fei. -Grat S3erhöngnij3 fürmahr! Rur bürfen mir ben Ur= 
grunb beffelben nicf}t in ber Satire einer mtjftifc^en ©eiftermelt 
ober überhaupt in etmaS fudhen, bafj außerhalb unferer eigenen 
Ratur, außerhalb beS menf^lidien $er$enS gelegen märe, beffen 
galten aßerbingS oftmals ferner ju ergrünben finb. • 

Cut^erS ©dpcffal erflärt ftcfi, miebaS jebeS anbem SRenfchen, 
auS ber (Eigenart feines- SßefenS, unb in biefer — unb nur in 
ilfr — fjaben mir ben ©runb §u futpen für bie Sßirff amfeit, 
bie er als Reformator, als Grrmecfer beS beutfdfen Rational* 
gefü^lS unb als Segrütiber unferer ©cprift= unb 93erfeI)rSfpradje 
entfaltete. 

(S'^rlit^e Ueberjeugung unb unbeugfame SßißenSftärfe, biefer 
mit allen Spitteln unb unter aßen Umftänben $ur S3etljätigung 
ju öerljelfen, baS finb bie ©runbpfeiler, auf benen fein ©Ijarafter 
fid(j aufbaut. UeberjeugungStreue führte ilfn in baS ftlofter unb 
hieff iljn mieberum bie SE^üre ber 9Jfönd^S§eUe fprengen, fte 
geleitete if)n jum Reichstage gen SßormS unb rief ihn jurücf 
oon bem fchü^enben Stfpl ber Sßartburg burcf) bie gährlidhfeit 
beS öffentlichen ßebenS nadh Sßittenberg, um ben Sampf gegen 
bie S3ilberftürmer aufjunehmen; fie fjalf ihm Sicht unb ®ann tragen 
unb blieb feine ftete ^Begleiterin burdh baS Gsrbenmaßen, mie 
immer auch biefeS fidh geftalten mochte. SßißenSftärfe fpricfjt 
auS jeber ^anbtung ßutfjerS, .fte ^eifjt ihn beftänbig oormörtS 
fdhreiten, audh bann, menn eS fidh h^auSfteßt, bafj ein (Schritt 
ein irriger unb oerfeljlter gemefen ift. Sluf biefe Sßeife erflört 
eS ftch, bafj ber ©harafter etmaS feiten ©efdhloffeneS annehmen 
muffte. <So ntilbe ßutlfer Oon Ratur aus mar, unb fo menfchlicf)= 
liebenSmürbig er in aßen S3erhältniffen feines sßrioatlebenS er* 
fcheint, fo fc^roff unb unnachgiebig, fo bis jum ^erle^enben fcharf 
nttb abmeifenb fetbft gegen greunbe giebt fidh f«n Sßefen, fobalb eS 
gilt, oor ber Offentlichfeit für baS Sßerf ju jeugen, baS er begonnen, 
ßuther hat ben öffentlichen Sfampf nicht eigentlich gefugt, er ift ju 
bemfelben burdh bie Slrt feines SßefenS, burdj feine UeberjeugungS* 
treue unb feine unbeugfame SßißenSftärfe gebröngt morben. Sßie 
bei aßen ftarfen Raturen h°t fein QcntmicflungSgang etmaS 
auf bie eigene sßerfönlichfeit ©eridfteteS an fidh, baS beifchmädheren 


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12 


ßfjarafteren leitet af§ fet6ftfücf)tig erfdfeinen Eömtte. Qm ©runbe 
genommen Ijat er nie etmaS SlnbereS gemottt, als ben innern 
$ampf, ber fid) in bet SHofterjetle entronnen, ehrlich unb ganz 
auSfedjten, gleidjbiel, ob et baS in feinem ftiHen- £>eim tffun 
Eönne, ober ob er baburdj genötigt merbe, hinaus auf ben tauten 
SOtarEt beS Gebens §u treten. 3Sor ben an teueren Qatt geEnüpften 
folgen ift er nie jurihfgefdfrecft, attein eigenmiQig hat er fie nicht auf 
baS Ungern tffe tjin heraufbefchmören motten. Söenn ber (Seelen* 
Eampf beS SDtöndjS oon SBittenberg berufen mar, bie SBett inS 
Sd^manfen ju bringen, fo tag baS einfach baran, bafe biefer 
SWöndj eine jener gemaltigen Naturen mar, bie mit eherner 
Sohle burch bie ©efchichte fdjreiten, unb bot beren kommen 
unb ©elfen bonnernb bie gett erbebt. 

©enau auf biefetbe Söeife, mie Öutljet ju feiner refor* 
matorifdjen SDtiffion gebrängt marb, mürbe er berufen, baS 
Stationalgefühl unfereS 33olEeS mach gu rütteln. 93or feinen 
Sagen hämmerte in ben beutfdfen Stämmen Eaum baS ©efüht 
ihrer gufammengehörigEeit. 3t oc h h ert f<hte bie mittefatterliche 
Slnfdjauung bon ber ©eftattung • beS öffentlichen CebenS. Sie 
SSötEer ©uropaS fühlten fith Eaum probinjiat bon ehtanber ge* 
fchieben, unb befonberS mar baS innerhalb ber ©rennen beS 
heiligen römifchen SteidjeS beutfeher Station ber Qaü, beffen Sartb 
einft beri größeren Sfjeil ber Cänber unfereS ©rbtljeits ümfafet 
hatte. 2öar auch bie alte tjietardjtfche 2öettmonar<hie mit ihrer 
Slggtomeration bon 33ölEem gerotanifdjer, romanifcher, ftabifcher 
unb finnifcher 3 un 9 c ntorfch unb matt gemorben, unb brohte fie 
au§ ben Qugen ju gehen, um ftd) in einzelne bhnaftifdje SDto* 
narchien aufjutöfen, fo friftete hoch ber ©ebanEe bon ehebem 
noch *bi e ein fdjeueS, umheimliches ©efpenft fein unbeftimmteS 
Safein. ©rft ber SBecfruf, ber bon SBittenberg auSging, gab 
anberen SBorfteHungen Staunt unb rief baS Semufetfein ber 
nationaten Sonberart Ijerüor. CutljerS Stuftreten fottte in ber 
Sf)at ben erften pofitiben Slnlafe zur Sluftöfung beS alten SteidjeS 
unb jum Uebergang in neue ftaattiche SSerljältniffe geben. Sie 
lange achtzigjährige ÄriegSjeit, bie ber großen Sürdjenbemegung 
folgte unb ftdj mährenb ihrer testen breifeig Qaljre auf unfer 


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13 


fdfwer ffeimgefudjteS 33aterlanb concentrirte, tiefe nidjt Diel meljr 
als bett ßeidfnant beS alten ©taatSgefügeS prüdf, bet nodj ein. 
$atfrfjunbert fang ben ©dfein beS ßebenS barbieten füllte, um 
bann fang* unb EtangloS beftattet p werben. Steuer mar ber 
?ßreiS, ber für baS erlangte ©ut beplflt werben mufete — fo 
treuer, wie ^erjbtut fein Bann — pmal bie gfrüdjte biefeS 
©uteS nodj nicfyt genoffen werben Eonnten. $)eutfdflanb blieb 
jerriffen nadf wie bor, aber ©ineS war bocf; gewonnen, bie 
©ewifefjeit, bafe bie 3öiebex£ef)r ber alten 3 u ft“nbe pr Untnög* 
lidfEeit geworben. @8 ift merEwürbig, wie in £>eutfdflanb gerabe 
Wäffrenb ber 3ett beS ungliiiffeligen SriegeS- bie erften 3 e ^ en 
beS ©efüEjteS nationaler ©elbftänbigEeit auftreten, ber erfte 
©pott unb §o^n gegen bie $aljrl)unberte alte Uebuttg, ’ baS 
SluSlanb al§ mafegebenb für alle SSer^ättniffe ber ©efittung 
anpfeifen. 

®aS ©efülfl ber '3ufammengelförigEeit, wie eS unS je^t 
eigen ift, foHte freilich burdf bie ftüratifdfen unb blutigen S3e= 
Wegungen nidft erreidft werben; allein eS Würbe bod) ber ©runb 
bap gelegt, unb par gerabe in ber 3 e ^ beS mtffeilbollen 
SruberEriegeS. Qjn ben §unbert ^affren, bie nadf ßutffer’S Stob 
tierftoffen, begann baS EiJftlidfe $Bermäd)tnife, baS er unS in ber 
unter feiner unmittelbaren ©inwirtung entftanbenen ©dfrift* unb 
SBerEeffrSfpradfe hinterlaffen, fruchtbar unb ergiebig p werben. 
Offne bie gemeinfame ©pradfe würben wir nie p einer geiftigen 
©inffeit oorgebrungen fein, unb offne biefe wäre bie politifdfe 
entweber eine UnmöglicffEeit ober — wertlos. 

SWan fjört bielfad) ßutffer als ben @d) öpf er unferer 
feigen ©cferiftfpracfje bejeidfnen, freilich nid^t offne Slnfedjtung, 
unb eS mag in ber Stffat bamit poiet gefagt fein, ©pradfen 
Werben ebenfowenig gef cf) affen wie organifdfe Uiaturgebilbe; gleich 
biefen ftnb fte baS ^ßrobuEt eines attmäfyiid) unb faft unbemerEt 
ftdf üoUjiefjenben SBerbe* unb ©ntwicElungSprojeffeS unb äufeerer 
©inwtrEung nur foweit unterworfen, als. fotc^e bei einem ÜJtatur* 
borgange möglich ift. ©leidfwoffl fteE»t ber ©influfe Cutters auf 
baS SBerben unb bie ©ntwicllung unferer heutigen ©pradfe in 
ber ©efdfüffte aller ÜSblEer unb aller 3 e ^ ten ein SBeifpiet 


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14 


ofjne ©leiden ba. könnten wir, tote bie «Sage eS toiH, einen 
©rfinber ber Öautjeic^en annebmen, fo möchte biefer einjig tljm 
jur (Sette ju [teilen fern. 

Sprayen, fo fagten toir, entfielen unb neunten einen 33er* 
lauf wie bie ©ebilbe bet organifdjen Statur. Sie 2Siffenfc£»aft 
unferer Sage ift toeiter gegangen, fie fjat ben Verfudj gemacht, 
bie Sprache, ober bie ©praßen, unoermittelt ben StaturorganiS* 
nten einjurei^en unb bie Spracbtoiffenfcbaft auS - ber klaffe ber 
Ijiftorifdjen SiSciptinen in bie ber natur^iftorifc^ep ju bertoeifen. 
SaS Sprechen ift mit bem SenEen gegeben, eS ift ber lautliche 
Stefley einer S^fttigteit beS menfdblidjen ©eljirnä, mag biefe nun, 
nad) teleologifdjer Slnfc^auunggtoetfe, burd) ein Stufbli^en beS 
unS innetoobnenben göttlid^en gurttenS ober nach materiatiftifd)er 
burdj einen med)anifd)en Vorgang betoorgebraebt toerben. Sie 
©pra^e ift bemnadj mit bem SWenfcben entftanben,.unb eS Oer* 
fdjlägt auch b^ et lieber nichts, toelcben StanbpunEt ber Sßelt* 
unb Staturanfdbauung toir einnebmen, ob toir mtS ben SJtenfcben 
bureb einen SdjöpfungSaEt beS SßeltenlenEerS ober bureb einen 
langfamen unb attmäblicben Uebergang aus einer nieberen ht 
eine höhere Sbierform als in bie SBefenbeit ber Singe eintretenb 
ober in biefer Stellung nebmenb benEen. Qu bie ©efdjicbte 
bringen bie VölEer ihre Spraye in enttoicfeltem guftanbe mit, 
bie ißeriobe ber ©praebbilbung liegt hinter ber ©ränje, bis ju 
toeteber toir mit §ilfe ber 3Biffenfc£»aft bei einem VolEe baS 
SunEel ber Vergangenheit ju erhellen oermögen. Stiebt feiten 
ift bei bem ©intreten in baS Siebt ber ©efchidjte ber Verfall 
ber fpradhlidjen gorm *fchon gegeben, bie Ueberenttohflung ein* 
getreten, toomit bann ht ber Sieget bie-geiftige, bie culturetle 
Vebeutung ber Sprache erft beginnt. Sie Vetoegung im Ceben 
ber Sprache bauert fort, unb eS gehört ju biefer Vetoegung 
namentlich bie Spaltung, bie Trennung einer Stamm* ober 
©runbfpracbe in oerfdjiebene Spracbäfte, [bie ftdj bann toieber 
in gtoeige unb Stebenjtoeige beräfteln unb fo fdhliejjtidh auf bem 
Spradjgegebiete eines VotEeS bie SialeEte ober Sftunbarten 
berbeifiibren. SlnfangS gleichartig unb gleidbtoertbig, beginnen mit 
ber fteigenben ©ultur bie SialeEte eines VolEeS mit einanber 


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15 


um bert Vorrang ju ftreiten bis einer bie Oberljanb genannt 
unb fid) §u bem Stang ber ^errfc^enben ober ber ©ulturfpradje 
ergebt. SBo^tn wir ben 231ict im Sßölterleben wenben, überall 
gewahren ttiir auf fpradhlidjem ©ebiete biefen ^atnpf ber 2 Jtunb= 
arten. $nt alten ©riechenlanb fe^etv wir anfangs brei ®ialette. 
ben höheren ©ulturjwecfen bienen, bis fc^tie^ticf» ber eine bie 
beiben anbern oerbrängt unb fid) gur «Spraye beS wiffenfd)aft* 
ticken unb fünftlerifdjen 33ertei)rS ergebt, $n Italien hatte früh* 
jeitig bie SJtunbart GatiumS fid) §ur ^errfc^enben aufgeworfen, 
unb je Ijöljer bie fütacfit StomS ficf» entwicfelte, befto Weiter würbe 
ihr ©eltungSgebiet, bis fie fid) fd)ließlid) mit bem römifd)en 
3 öcltreid)e gut (Stufe unb 511 m Stange einer 28eltfprad)e erfjob. 

£)ie mobemen Sprayen ftnb in ber gleichen SBeife auS 
Violetten er warfen, unb gWar gab auf bem betreffenben ©ebiete 
meiftertS bie Spraye beS §ofeS, an welchem baS Kulturleben 
ber Station jur fjödhften 23lüt^e gelangte, bie ©ntfdjeibung ab. 
So entwicfelte fid) in g-ranfreid) bie Sprache ber nörblic^en 
Ganbfdjaften, in Italien baS $oSfanifd)e, in Spanien baS.Kafti» 
liartifd)e ju ber für ben 23etfef)r ber ©ebilbeten maßgebenben. 
$n ©nglanb mußte jweintal bie Spraye ber GanbeSeinwohner 
berjenigen ber einbringenben ©roherer Weidjen, baS Steltifcf)e 
bem Säd)ftfd)en unb biefeS bem Stormannifd)en, in foweit Wenig» 
ftenS, als eS normanifdje ©lemente in fid) aufne^men mußte, 
unb fo ben ©tjaratter einer SDtif d) fpracße annahm, bie nad) 
längerem St^Wanten ü)re Siornt in berjenigen 0 form erhielt, 
Welche an bem £>ofe ber Königin ©lifabetf) gefprodjen würbe. 

SlnberS lagen feit alter ßeit bie 93er£)ältniffe in £>eutfcf)= 
lanb. Äurj nad) feinem ©intreten in bie ©efd)id)te weift baS 
©ermanentl)um brei große Sprachgebiete auf, baS beutfdje, baS 
gottfd^e unb baS norbifdje. 2Bann [ich biefe (Dreiteilung 00 U* 
$ogen ho*/ oermag bie 2Biffenfd)aft nicht ju befthnmen; Oon ber 
beutfdjen ©runbfprad)e ftnb unS nicht einmal bürftige krümmer 
erhalten, fobaß wir unS ihre formen nur nach & cm ©cfe^e ber 
Sinologie erfdjließen fönnen. Die Spradhen beS gotif<hen.©ebieteS 
ftnb frühem Untergänge anheimgefallen, bie beS beutfdhen unb 
norbifdjen beftehen je§t noch nebeneinanber. Stuf beutfdhem 


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16 


Sprachgebiete üolljog ftd) in ^tftorif^er 3 e *t eine ©cheibung, 
bie in ber ©efdjichte bcr ©praßen emjig haftest, bie in baS 
$oi)' unb SHieberbeutfche, ^erbeigefü^rt nadj bent ©efeße bcr 
fogenannten ßautöerfchiebung, b. h- nad) bemjenigen ©efe|e, 
.nad) welchem — eS beruht auf einem beftimmten SBedpel ber 
momentanen ©onfonanten — ficf) in fjiftorifch abfolut nicht mehr 
beftimmbarer, ja faum berechenbarer 3 e it bie ülbfdjeibung ber 
urtiermanbten ©praßen beS großen mbo=germanifd)en Sprach- 
ftammeS üon einanber ooH-jogen hatte. $)aS SRieberbeutfdje, bie 
Sprache beS beutfchen glachlanbeS, entmicfelte ftd) nach biefer 
ülbfonberung nur menig unb langfam meiter, mäljrenb baS §och- 
beutfdje eine gütte neuer formen trieb unb unS faft in jeber 
gefchidjtlich irgenbmie bebeutfamen ©poche eine neue ^ßhhfi°9 notn i e 
jeigt. Söährenb ber erften Qahrljunberte beS SDtittelalterS, mäh= 
renb ber fogenannten ißeriobe beS Slltljochbeutfchen, b. h- 
Oom 6. bis jurn 10. Qahrljunbert, finben mir große 2)ialeEt= 
gruppen, bie felbftiinbig neben einanber beftehen, ohne baß ein 
SBorrcytg jur ©eltung Eärne — mie in ber alten SSotESgemeinbe 
jeber SOIann für ein föaupt gewählt mürbe. 2lnberS in ben 
folgenben $abrl)unberten bis jum auSUingfttben Oierjehnten, 
mährenb ber fogenannten mittelhodjbeutfchen 3^. ’SWit 
ber fortfdhreitenben Suftur änbert ftd) bie ©prachform. . 3 tt,ar 
bie alten. ®ialeEte, baS gräntifdje, ©chmäbijch-Slßamannifche unb 
Saierifdje beftehen fort, aber innerhalb berfelben geht gleichmäßig 
eine SSeränberung bor. ®ie botttönigen totale meichen, jumat 
in ber auf bie ©tammfübe folgenben ©übe, einem minber= 
tönigen e; bie ©tammfilben felbft behalten ihre alten 33ofaI= 
unb Sonberhältniffe bei, nur bie Gmbfitben fchmächen ftch ab, 
moburd) bie SBortform, bei immer noch ?ei<hem öoEalifdjen ©olo* 
rit, biegfamer unb gefchmeibiger mirb. $)aS ©h r if* für bie 
feinften Unterfcheibungen empftnbltch, baher bie Äunft beS SSerS* 
baueS ju nie mieber erreidhter $öhe emporfteigt. ülber noch eine 
anbcre Ummanblung gegen früher hat fich ooügogen, bie bemo* 
fratifdje. ©teidjmerthigleit ber £>ialefte ift gefcfjmunben unb eine 
befonbere ©prachform als ©prache ber Citeratur unb beS h^hern 
Umgangs gu allgemeiner ©eltung gelangt, bie Sprache ber 


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17 


gürftetitjöfe unb üor allem bie Sprache bgä ftauftfd^ert Jtaifer» 
hofeS, bte fdhmäbifdhe SWunbart, ba§ SDttttelljodjbeutfdje im engeren 
Sinne, ba3 nunmehr auch Don benen gebraucht rnarb, beten 
heimifche SWunbart e§ nicht mar. 

2)?it bem 13. QaJjrfjuttbert fc^minbet ber ©influfj ber 
gürftenfjöfe, unb bte ^öftftfje Sprache beginnt nunmehr mieber 
ber £)ialeftfprache gu meinen, mit beten Stuftommen ber fpradf)» 
liehe SerfaH, bie fpradjlidje Sermilberung $anb in £>anb 
geljt. ©rft mit bem beginnenben 9ieformation3jeitälter läfjt ftd; 
mieber eine 9iotm für bie fprachlichen SBerEjättniffe aufftellen. 
35er Sofafreichthum h°t $u ©unften be§ tontofen e, bem ftcfj 
halb auch ein ftummeg betgefellfc, eine größere ©inbufje erlitten; 
bie Serflüchtigung ber ©nbfilben ift fortgefdritten, gerabeju Der» 
mirrenb finb bie SonDerfjältniffe gemorben, ba in ben «Stamm» 
ftlben ber Unterfdjieb jmifc^en Sänge unb it'ürge gefdjmunben 
unb bie ©mtiJnigfeit nunmehr mirtlict) in bie Sprache eingebrungen 
ift. ®a§ mittel^, maln (auf ber SDWi^Ie) mirb mie mülen (mit 
bem pnfel), tor (X^üre) mie tör (SUarr) gefprodjen: ber 2Sort= 
ton gilt allein, er macht bie Splbe lang, auf bie er fällt, unb 
läfot ate Stürze bie tonlofe gelten; ber organifdje Unterfd^ieb 
gmifc^en furj unb lang, ber bem äJiittelljodhbeutfdjett eine fo 
grofje 9Kannigfaltigfeit be§ Slangeä oerliehen hatte, ift unter» 
gegangen. 

©ine neue ©rfbheinung be§ SprachlebenS tritt auf, eine 
fogenannte «Sdfjriftfpradje, eine Sprache, bie meber «Dialeft» 
fpradje, noch i e gefprochen morben ift, eine Sprache papierenen 
UrfprungS, mie man fie genannt hat, bie Sprache ber Sutfjer’fdhen 
Sibelüberfefcung, ba§ Sfteuhochbeütfdhe. 

3u bem SWittelhodhbeutfchen fteht biefe Spradhe nicht etma 
in bemfelben Serhältniffe, mie biefeS ju bem Sllthodhbeutf^en; 
jmifchen ihr unb bem 3J?ittelE)oc£|beutfcf)en liegt eine unüberbrücfte 
«foft fprachlidher unb üterarifcher Sßermilberung. Qh rer Sorm 
nach nimmt fie aUerbingä feine hohe Stufe ein, fte jeigt eine 
©ntartung, bie, gegen bie E)öftfc£)e Spradhe be3 SDTittelalterS 
gehalten, an ba3 Ungeheuerliche ftreift. „ffietn Stamm", fofagt 
Schleifer in feinem oortreffli^en Suche über bie beutfdhe Spraye, 

2 


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18 


wfpradj ober fpridjt $iefe Spraye, nirgenbS ^ört man fte im 
Sfliunbe beS eigentlichen SotfeS. 35iefe ©tgentfjümlidjfeit beS Steu* 
hochbeutfchen ift bie tlrfadje feiner fprachtühen ttnnatürlichfeit, 
benn in ber 2/fjat unnatürlich, ja monftröS ift in manchen 
Sauten unb formen unfere nenhocijbeutfche Schtiftfpradje; fte 
ift fein am tebenbigen Saum ber beütfchen «Sprache unbemußt 
unb naturgemäß ^eroorgefpirofeteei SReiS, fonbent oielmehr etmaS 
in oieten Stücfen burch ©influß beS menfehlichen SöillenS Qu* 
f ammenge würfeltet. Slber eben nur beShatb, meil baS Steulfoch* 
beutfdje feine 90tunbart ift, weil fein einzelner Stamm ein 9tecf)t 
beS ©igenthumS auf baffelbe hat, befi^t eS bie gfäljigfeit, ein 
getneinfameS Sanb — leiber faft'baS einzige —für alle beütfchen 
Stämme, hcthbeutfdfe unb nieberbeutfdje $u fein, unb fomit 
ift eben baS, maS bie fpracfjliche Untiollfommenheit beS 
SReuhochbeutfchen bebmgt, bie Ouelle feiner Ijahen, für bie 
Nation unfehlbaren Sebeutung. — ü)ie mirflidhe 33olfSfpra<he 
eines beütfchen Stammes hätte e§ bahnt «immer unb nimmer 
bringen fönnen; jeber anbere Stamm mürbe ftdj gemeigert haben, 
oon feiner 2flunbart ju ©unften eines SruberftammeS abjugeffen, 
unb 3 er fp»Ittterung märe felbft in ber Sprache unfereS Sater* 
lanbeS eingetreten. ®aS aber, maS feinem Stamme angehört, 
unb nur baS, fann allen gemeinfam fein, ohne ©iferfudjt, ohne 
SReib §u erregen. So ift alfo ber Söerth biefer Sprache nicht 
in ihrem Söefen felbft, fonbern in ihrem ©ebrauche, ihrer 5ln= 
menbung ju fudfen." 

Sutljer hat biefe Sprache nicht gefchaffert, allein er hat 
ihr ihre Sebeutung oertiehen. ©r felbft giebt uns bie CtueHe 
an, moher er fte für fein Sibelmerf entnommen, ©r fagt: „$<h 
habe feine gemiffe, fonbertiche, eigene Sprache ber beütfchen," 
alfo nicht eine fpecielle SDümbart, „fonbern brauche ber gemeinen 
beütfchen Spraye, baß mich betbe, Ober* unb Stieberlänber, 
oerftehen mögen. Qd) rebe nach ber fäthftfchen Sanjlei, melcher 
nachfolgen alle gürften unb Könige in Oeutfchlanb. Sfaifer 
SWajcimilian unb Sturfürft fjfriebrieh haben tm'Siömifchen SReid^ 
bie beütfchen Sprachen alfo in eine gemiffe Sprache gezogen." 
®ie miffenfchaftliche gorfdjung hat bie Süchtigfeit ber oon Cutljer 


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19 


gegebenen SluSfunft über bie oon ihm' gebrauste (Spraye 
bestätigt. (ES ift bie ©prache, *bie fett SRajränilian in ben faifer* 
licken Sfangleien gur Wnmenbung fam unb babutd) ©ingang in 
faft bie gefanunten amtlichen ©chreibftuben beS beutfdjen Reiches 
fanb. ©ie ift allmählich auS einer SRifchung non SRunbarten 
«ntftanben, bie born Rieberbeutfdjen bis gum ©aierifch=£)efter* 
reid^ifd^en barüren, int ©roften unb ©angen inbefj oberbeutfe^en 
fiautftanb unb oberbeutfdje formen geigen. 2tuS öfterreit^ifc^en 
Rhtnbarten ift namentlich eine gang befonbere (Eigenart beS 
VofalftanbeS erfloffen, bie fidj fonft auf bem gangen beutfdjen 
©prathgebiete nicht mehr ftnbet unb namentlich allen übrigen 
■J)ialelten fremb ift, bie (Ermeiterung beS 1 unb ü gu ei unb 
au, min gu mein, hüs gu |jauS, fobaf gmifchett ©tein unb 
mein, stain unb min fein bofalifcljer Unterfthieb mehr herrfcht. 
Zu nicht geringem Xhetle beruht bie formale SluSbilbnng beS 
Reuhodjbeutfchen übrigens lueniger auf ben urfprünglichen (Eigen* 
f(haften als auf bem fdjriftlidhen ©ebrauche, ber praftifchen 
Vermenbung beffelben. 

f)at Cutljer biefe ©prache nicht gefdjaffen, fo hat er hoch 
für fie ettoaS geteiftet, maS nahegu einem fchöpferifdjen Slfte 
gteichfommt. ©r h°t tljr burch fein Sibeltnerf eine SWgememheit 
gegeben, bie auf anberm Söege gerabegu unmöglich gemefen märe. 
2 )ie papierene ©prache ber faiferlichen Sanglei mürbe eines 
ebenfo unrühmlichen £obeS geftorben fein mie baS alte Saifer* 
reich, menn ber fühne Reformator fie nicht mit genialem ©lief 
für ein SBerf bauemben SBertljeS unb meitefter Verbreitung 
auSerfehen hätte, menn biefem Söerfe nicht eine gang mefent* 
liehe Rolle bei einem bie 2Belt erfchüttemben (Ereigniffe tiorbe* 
halten gemefen märe, unb eS nicht gum Urheber eine ißetfön* 
iichfeit gehabt hätte, in metdjer baS geiftige ©treben eines gangen 
Zeitalters fich berförperte. £>ie Vebeutung ber Suther’fchen 
Vibelüberfehung fenngeichnet ftch am beutlichften in ihrer ©efRichte. 
Rur tangfam unb allmählich burdjbradh fte bie nieberbeutfdhe 
©prachfeheibe, fobafs anfangs befonbere Uebertragungen in baS 
Rkberbeutfche borgenommen merben mußten; mo fie aber ftch 
©ettung berfchaffte — unb baS mar fchtieftlich nt bem gangen 

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20 


proteftantifdjen ®eutfd)lanb ber gaß — ba warb ß)re (Sprache 
audj bic beg geiftigen 93erEe!)rg auf Eirdflidjem wie auf Weltüdjem 
©ebiete. Sttlem nicf)t nur burd) fein 33i6e(werE wirEte Cutter 
fpracfjbßbenb unb fpradfygeftaltenb, er üerlielf ber für biefeS er* 
Eorenen ©ptadje nadj aßen Sftidjtungen £)in eine 9tug* unb 
®urcf)bilbung, bie gerabegu eine ftaunengwertfje ju nennen rft- 
2öie unter Gutfyerg §änben bie beutfdfe Stangleifpracfye fidf ge* 
ftaltete, Würbe fie fäffig, jebem literarifefen ßwedEe gu bienen, 
fäf)ig Dor aßem, bem in ber 2Biffenfd)aft big baljin mit fomjerainer 
2lügewalt Iferrfdjenben Catein alg iRiüale entgegengutreten, unb 
gwar alg ein glücflidjer. 33ig gu welchem ©rabe ber fjieinljeit 
unb 3 ar tfj e ü fie auggefporaten Werben Eonnte, beWeift ber „33on 
einem Ijübfdfen luftigen ©arten" überfdjriebene 33rief beg Slefor* 
matorS an feinen ©ol)n $of)anneg; wie gtiicfticE» fie ber fdjärfften 
©atire unb bem jooialften §umor biente, mag man aug ben Briefen 
an feine Sifdjgefeßen erf elfen, in Wellen Don bem „Sieidfgtage 
ber Äräfjcn unb ÜWlflen" unb ber „Sittfdjrift ber SSögel" ge* 
ffanbelt wirb. Sßären Don allen SBerEen Cutljerg nur biefe brei 
©tücEe auf unfere ßeit geEommen, fo mufften wir ben SSerfaffer 
berfetben unfern gtöffern ©clfriftfteßern gur ©eite fefjen. Slber 
nidjt nur ber toiffenfcfyaftlicfjen unb Eünftterifd^en ®arfteßung 
machte er bie moberne beutfe^e ©praefje gugänglidf), fonbern 
auch — unb ba§ ift Dießeidft fein gröffteg SSerbienft — ber 
pubticiftifdjen. Gutfjerg ©treit* unb ©elegenlfeitgfcfyriften 
Ijaben gum burclffcfflagenben ©rfolge feiner ©pradfye Dießeidft eben* 
foDiel beigetragen wie bie SSibelübertragung; in iljnen entljüßt 
ftdfy ung ber ©pradfgewaltige Don feiner glängenbften ©eite, 
wie wir benn rulfig eingeftefyen Eönnen, baff biefer manche fdfywadfe 
©acf)e beg 9teformatorg unb Äirdfenftifterg gu einer ftarEen 
gemalt Ijat. SSergeffen Wir nidft, baff in biefen ©treit* unb 
©eiegenffeitgfdjriften eine ©eite ber fpradflidfen ®arfteßung 
gepflegt wirb, bie neben ber Slugbilbung gu ftiliftifdjer geinlfeit 
unb CekfytigEeit gewiff Üfren niefjt gu unterfdfyäfcenben SBertlf 
Ifat, bie elftticfje ^örnigEeit unb gute beutfdje ©robljeit, ber gu 
feiten im titerarifcEjen ©treite nidft gu entratffen ift. 

£)ag ift eine Slfatfadfe Don unumftöfflidlfer ©ewifffjeit: 


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21 


wenn in bcn nädjften auf Cutter folgenben Qahrf)unberten bie 
^rüdjte ber Reformation burd) eine ©egenreformation oottftänbig 
aufgehoben unb öeraichtet worben wären, fo würbe baburd) baS 
einheitliche Vanb, Welches baS beutfd^e Volt ftd) burch feine ge» 
meinfame (Schrift» unb VertehrSfprache errungen, nicht auch ber 
Vernichtung anhehngefallen fein. Selbft bie gefütterte unb öer* 
eitette Bewegung würbe ftcE» in CutljerS Sprache ein Senfmal 
faunt oergängticher Sauer errietet haben.. 

3u einem beutfdjen Rationalbewufctfein würben wir ohne 
baS, was Cuther für unfere Sprache getljan h Q t, jebenfaüS 
nur auf einen feljr mühe» unb bornenüotten Sßege gefommen. 
fein, eS fei benn, bajj ünS ein anberer fpradjlicher Reformator 
erftanben wäre. Siber Würben biefem biefelben Vortheile ju 
©ebote geftanben haben, wie bem genialen Sluguftinermönch oon 
Sßittenberg? 2ßir fürsten, nein, benn Scanner biefeS Schlages 
Werben nicht oon jebem Qaljrhunbert geboren, unb, Wenn fxe 
fomrnen, müffen fie öfter ihrer 3 e it hatten, als biefe ihnen 
entgegenfommt. Qn Cuther fanben ftch in feltener Vegegnung 
Rtann unb 3 e *t jufammen. ütnberthalb Qahrljunbert nach CutljerS 
Sobe brach lieber eine fprachlidje unb literarifc^e Verwilberung 
unb VerWahrlofung in Seutfdjlanb ein, wie fte fdjon einmal, 
furj Oor Veginn beS ReformationSjeitalterS, bageWefen war. 
SlUein, als bie Sage gefommen Waren, bie unS ein jWeiteS Vtüthe* 
jeitalter unferer Citeratur bringen foßten, beburfte eS nur eines 
ßurütfgehenS auf ben Stanon unfereS SprachgefügeS, auf CutherS 
Vibetwerf, unb baS beutfd^e Sßort tonnte ftch hüben ju CefftngS 
burchfidjtiger Klarheit, ju ©oetljeS ruhiger Schönheit, ju Schillers 
feuriger ©inbringlichfeit. 

Von allen Rachgeborenen hat feit Cuther vielleicht teiner 
töte tiefere ©inwirfung auf bie ©eftattung tmferer Sprache 
auSgeübt als gerabe Schüler. ©S Würbe ju weit führen, wenn 
biefer Sah je^t näher begrünbet Werben fottte, aber her VeweiS 
für ihn bürfte ju erbringen fein. Vielleicht unternimmt ihn ein 
tunbigerer SReifter beS SBorteS bei anberem Slnlaffe an biefer 
Stelle, ©inftw eilen möge eS genügen, ben Ramen unfereS grofjen 


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22 


SBotfSbidhterS genannt ju ^a6en, bent mit Cutter ber beutfc^e 
Qsljrentag beS 10. Robember gemeint bleibt. 

35 er ©eift aber, bem im Canbe ber Uferfranfen an biefent 
Oage bie ©h re ber ftacfemben geuer gilt, ^at ftd) als einen 
unferm SSaterlanbe freunblidjen unb günftigen erttriefen, mag 
er in einfamem feergafhle beS großen SöeltfriebenS Darren, 
mag er fegnenb fein 33oK umfdarneben. $abe -er Oanf bafür. 
2 öie er uns burdj fpine beiben großen ©enbboten jum Semujjt* 
fein unferer nationalen ßufammenge^örigteit gebraut, fo möge 
er felbft uns auS ben ©eifteSfämpfen, bie unfer noch Darren, 
führen burct) bie Sinh eit gur Freiheit, burdj bie grei^eit 
•jurn grieben! _ 


Oie jtoeite öffentliche ©i^ung fanb am 16. Oecember 
1883. unter bem SSorfi^e beS ObmanneS, |>errn Quftijrath 
Dr. ©erg, im ©oetfjefjaufe ftatt. 

Rad) ©rlebigung ber laufenben gefd^öftlid^en Vorlagen 
unb einem furzen Rachrufe, ben $err Dr. Cubmig .fpo £t^of bem 
©ebäd) tniffe beS beworbenen ©enoffen unb ©IjrenmitgliebeS, 
Dr. Sßilliatn Siemens, mibmete, ttmrbe bie 33ilanj für ba& 
Rechnungsjahr 1882/83 borgetegt unb erläutert.- Oiefetbe ging 
jur Prüfung an bie Herren Rebiforen. 

©S gelangte fobann baS 33ubget für baS Rechnungsjahr 
1883/84 jux Vorlage unb nadh bem erläuternbett 33eridjte bes¬ 
seren ©djajjmeifterS jur ©eneljmigung feitenS ber SSerfammlung. 

hierauf mürbe jum SSortrage beS Jahresberichtes 
gefchritten. 

gunädjft gab ber oorft^enbe Obmann Slufflärung über 
ben ©tanb ber noch fdhmebenben ißrojeffe. Oer midhtigfte ber* 
felben, ber mit £jerm ^ßonge auf Jibbid)om megen beS angeblichem 
bon SJügelgen’fdjen ©oethebilbeS geführte, fei in jmei Jnftanjen 
äu ©unften beS ^»odhftifteS entfchieben morben unb h<*rre ber 
enbgültigeij ©ntfdjeibung burch baS Reichsgericht. Oie Sflage beS 
Serrn Jüclel (gorberung ber ©oncurSmaffe ©adhS u. ©otttp. 
betreffenb) fei in allen Jnftanjen bis auf eine nodj beftrittene 
©uumte bon 125 SR. (gtnSjafjlung an ^ßonge) jurücfgemiefen 


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23 


unb Werbe ifjte öoUftänbige Qcrlebtgung mit bem Abfdjluffe beS 
öorijtn erwähnten ^rojeffe^ ftttben. 3)er (Streit mit $emt Dr. 
Volger wegen giiljrung ber fogenannten ©tiftSmarfe fowie 
Verausgabe ber ©efcfjäftSsQournale unb ber nod) in feinem Vejt^e 
beftnblicfyen ©tiftS=Veftänbe fei in jwei $nftan§en ebenfalls ju 
©unften beS VodjftifteS entfliehen. ®ie non Verm Dr. Volger 
gegen baS julefct erlaffene Urteil angemelbete SReöifton fei non 
biefem jurücfgejogen unb jwifd^en ben ftreitenben Parteien 
ein Vergleich wegen Wedjfelfeitiger Verausgabe ber als Origen* 
tfjum beanfpruchten ©egenftänbe in AuSftäjt genommen worben.*) 

3BaS ben leiteten ‘’ßimft betreffe, fo beanfprudje nämlich 
Verr Dr. Volger eine Steife nod) im ©oetheljaufe befinbticfjer 
©egenftänbe (Vüd)er, ©Triften, einzelne SBIötter u. f. w.), Weshalb 
ein Vergleich wohl angebracht erfd^eine. $)ie Verwaltung fteHe 
baljer an bie Verfammlung baS ©rfudjen, fie jutn Abfdjluffe 
beS Vergleiches ermächtigen ju Wollen unb auf biefe SBeife ihre 
Vülfe jur enblidjen ©rlebigung einer ebenfo leibigen wie lang* 
Wierigen Angelegenheit gu leihen. 

$)ie Verfammlung ert^eilte hierauf einftimmig bie nadjge* 
fudjte ©rmächtigung. 

®er VerwaltungSfchreiber erftattete fobann ben QahreS* 
bericht. ®aS VerWaltungSjaljr 1882/83 bewegte fich noch in 
ben feitherigen Verhüt tniffen. $)ie beftnititie Seratljung unb' 
geftfehung ber neuen ©a^ungen Würbe in ber fünften, fed/ften 
unb fiebenten öffentlichen ©i^mtg oorgenommen. ®ie fjeftftel* 
lung beS äßortlauteS erfolgte burch ben f)ivc$u- berufenen 
©iebener*AuSfchu§. Von ben Eöniglichen SDfinifterien beS ©ultuS, 
ber Qufti§ unb beS ^nnern traf im Caufe beS 9ftonateS $uni bie 
©rElarung ein, bafe biefeiben nunmehr Weber gegen ben Inhalt ber 
neuen ©a|ungen noch gegen bie bei Verathung berfelben beobach* 
teten görmlichfeiten etwas emjuwenben hatten. ©eitenS ber 
Verwaltung erfolgte barauf bie öorfdhriftSmä|ige ©mfenbung beS 


•) Die fämmtlicf)en sproaeffe ftnb injtoifdjcn enbgültig ju ©unften beS 
©ocbfÜftt# entfcfjieben toorben, auch bat ber Sßerglettf) mit §errn Dr. Sßolger 
SRecbtäfrtfft erhalten. ©. Sericbi über bie britte ©ifcung. 


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24 


Beratenen ©ntwurfs in ber gform eines befinitiüen (Statuts. 
SBeitere Verljanblungen mit ber Vehötbe Betrafen bie JDrbnung 
üon 3lnf prüfen, Welche SeitenOerwanbte beS VermächtnifjlafferS, 
beS gewefenen SanjleirntfjeS Dr. 50?üHer, erhoben Ratten. ®a 
bie ©enoffenfdhaft in ihrer öffentlichen Sifcung oom 4. ÜRoOember 
1883 fid^ mit ben beSfaffS an fie gefteltten Stnforberungen ein* 
Oerftanben erElärte, fteljt im Saufe beS neuen VerWaltungSjahreS 
bie lanbeS^errlic^e ©enehmigung ber Sa^ungen fomie bie 33er* 
leifjung ber ÄörperfdjaftSrechte im nachgefudjten Umfange ju= 
tierftc^ttid) ju erwarten. ®ie Verwaltung hat in bem aBgelaufenen 
©efdjäftSjahr 23 Si^ungen abgeljalten, ber afabemifdje Vor* 
BereitungS=3luSf^ufe trat fedjSmal §ufammen. ®ie öffentlichen 
Si^ungen haben in ber oorgefdjriebenen 333eife ftattgefunben; §ur 
Verathung beS SafcungSentWurfS Würben jwei aufjerorbentliche 
an6eraumt, beSgleichen eine zur Vornahme ber 3EBahlen für baS 
Verwaltungsjahr 1883/84. ülufgenommen würben 17, auSge* 
fdjieben finb 32 ©enoffen; burdj ben 3Wb ertofdjen jwanjig 50iit* 
gtiebfdjaften. Unter ben VerftorBenen Befanb fidh eine unge* 
Wöljnlich grofje gatjl Bebeutenber, um SBiffenfchaft unb Sunft 
hodjoerbienter EßerfönlidjEeiten, fo ©. fjowalb, SBolfgang 
0. ©oetlje, Qfrau 50?arie Velli*©ontarb, fRidjarb 
SBagner, Schulze = 2)elif}f(h, ©uftao SiönigSfelb, 
•£)enbric ©onfcience u. a. m. 

SDie in ber lebten ßeit oielfach geftörte wiffenfd^oftlic^e 
^hätigBeit Eonnte in bem neuen VerWaltungSjahre wieber auf* 
genommen .werben. 5Die oon bem aEabemifdjen VorbereitungS* 
SluSfdjuffe in SluSfidjt genommenen Veranftaltungen finb, fo* 
Weit bie Verhälniffe eS geftatteten, ins Ceben getreten, unb 
eS haben bie öffentlichen Sifcungen ©elegenheit geboten, eine 
fReilje oon wiff enfchaftlidjen SageSfragen pr (Erörterung ju 
bringen. Von ber Abhaltung Oon SeljrEurfen muffte Slbftanb 
genommen werben,’ weil bie bie VorauSfefcungen entfielen, unter 
benen ber auf fie bezügliche Vefchtufj gefaxt worben war. dagegen 
haben zwei SMScuffionSabenbe ftattgefunbeu. 3ln ben abgehaltenen 
Vorträgen betheiligten fich bie Herren Dr. SÖUl/elm ^orban 
(mit 2), Dr. Cubwig VraunfelS (mit 2), Dr. Hermann 


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25 


‘©rotefenb (mit 5), Hermann Runter (mit 1), Sekret 
O. 9t. SB. Vau(j (mit 1), Dr. Cubmig ^olt^of (mit 5), 
Hofratf) Dr. ©djäf er (mit 1) unb ^ßrof. Dr. Cubmig 
Vürf/ner (mit 1). 

$)ie öom 15. Quiti bis 25. October im ©oethehaufe öer* 
anftaltete 2tuSfteflung öon GsrinnerungSgegenftänben an ©oetlje 
unb beffen Slngefjörige §atte ftd) guten VefucheS ju erfreuen. 

$>ie ©efarnrntja^I ber Vefudjer be§ ©oethefjaufeS bezifferte 
ft<h auf 6584. 

Von ben Veristen über baS VermattungSjahr 1882/83 
crfcf)ienen 3 Cieferungen. 

Hierauf fptacf) $exx @tabtard)ioar Dr. H- ©rotefenb 
über einige (Eingänge jur VibliotljeE beS freien 
beutfdjen ^oi^ftiftä auS bem ©ebiete ber ©efdjidjte. 
gunädjft c^aratterifirte er Eurz bie überatt gleich regen Ve= 
ftrebungen jur ©rforfdjung beS öorgefdjichtlichen Slitert^umö. 
SBäljrenb ber Smithsoniau Report öom Qa^re 1881 auf natjeju 
200 ©eiten einen inhaltlich reichen Verist über bie tranS* 
atlantifchen Veftrebungen jur Vertiefung ber antljTopologifdjen 
SEerattniffe liefert, ber mit zahlreichen ülbbilbuttgen öon gunb= 
ftücfen, ©tizzen öon Hügelgräbern, ©pezialplänen öon alten 
Vefeftigungen gefdjmüdt ift, Eonnte auch für $)eutfdjlanb burdj 
Ißrofeffor $. ©chneiber’S „Sitte Heer* unb H an ^ e I §tt,e 9 e & et 
©ermanen, 9tömer unb gfranEen" im beutfdjen 9tei<he analoges 
planmäßiges ©treben aufgewiefen merben. gür bie ©efdji(f)te 
beS 2/ttttelalterS mären banEenSmerthe ©aben eingetaufen. 

21. 2)ammann’S zweiter SEheil ber KulturEäntpfe in 2llt* 
©nglanb machte ben 2lnfang ber Vorlage. 

©obann conftatirte 9tebner auf £)eutf<htcmb übergehenb, 
baß einerfeitS bie ^rofefforen ber Uniöerfitäten ihren ßuljörern 
ouS ben älteren ©emeftern mehr unb mehr 2lrbeiten aus ber 
^Sroüinzialgefchi«hte zumiefen, ober menigftenS 2lrbeiten, bei benen 
bie ©tubirenben auf bie Venufcung archiöalifchen ungebrucEten 
SDtaterialS angemiefen feien. Sieben bem allgemeinen Stufen, 
ben eine jebe fpeciatifirenbe 2lrbeit für bie gorfcßung fyat, fei 


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26 


auch bet SuttmdjS neuen CluellenmaterialS, bie ©rfdjließung 
neuer größerer ©efuhtSpunEte für bte ißrotinaialgefchichte als 
©ettmtn für bte Sßiffenfchaft bet biefen Slrbeiten ju uerjett^netu 
SRebner tetanfchaulichte biefeS an einet Slnja^t tion |>erm ißrof. 
Dr. (Stern auS ©öttingen emgefanbten Soctorbiffertationen 
biefer Unioerfttät. SlttbererfeitS aber, h°& Sftebner Ijettor, täfjt 
ftdh biefeS engere Slnfdjließen ber fachgemäßen £>iftorifer an bte 
sßroötnäialgefdjidjte in einem allmählicheren gortfehritte in bem 
Jnljalte einer Slnjaßl ton SereinSjeitfcßriften erlernten. . Sor 
allem leuchten toran bie ißubliEationen beS ^attftfc^ett ©efdjichtS* 
tereinS, beffen Jahrgang 1882, mit anberen norbbeutfdjen Ser* 
einSpublifationen, ton £>errn sßremierlieutenant ©ggerS auS- 
Sternen eingefattbt, jur Sorlage tutb Setyrechung gelangte. 
Son ben äftittheilungen beS SereinS für ©efdjichte ber Seutfdjen 
tn Söhnten gab junächft ba§ $eft HL beS XXI. Jahrganges 
Stebner Seranlaffung ju näherem ©ingehen, ißtof. Dr. J. Cofertß 
fchilbert bort ben „©tenjtoalb SöhmenS", bte berühmten böt)= 
mifchen Söälber, bereu UnjugänglichEeit, burdj ©ebücfe unb 
Serljaue Eünftlich erhöht, ber midjtigfte Schuß beS CattbeS gegen 
äußere Jeinbe bilbete, Serljältniffe, wie fte bei unS tm Säumt# 
unb iRheingau in ähnlicher, menn auch nicht mehr fo fhftematifch 
erlernt* unb nachtteisbarer SBeife tothanben marett. SBaS bort 
in hifitrißh controlirbarer 3^* f lc h toltjieht, baS Eönnen mir 
hier nur aus Sinologien unb SRüctflüffen conftruiren. Um fo 
»nichtiger ift jenes Seifpiel für bie Urgefdjichte unferer ©egettb 
unb für bie Sefteblung beS ©ebirgeS. 3)aS IV. $eft beffelben 
Jahrganges enthält eine $riti! beS neueften ©eßhichtSmerfeS (?) 
über bie Stabt ÄarlSbab. ©S mirb barin laute Älage geführt, 
baß auf bem ©ebiete ber CoEalgefchichte ftcfj fo oft „grobe Um 
fenntniß unb SBidjtigthuerei an bie Cöfung ton Problemen 
heranmagt, bie bem Fachgelehrten nicht immer gelingt", ßafo 
reiche fchlagenbe Seifpiele belegen biefeS für jenes SEarlSbaber 
SBerE, aber gleiche SlnEIagen glaubt Zehner auch gegen ein auf 
JranEfurter Sobett gemadjfeneS mobemeS ißrobuEt erheben - ju 
tnüffen, nämlich gegen: ^jartenfelS, JranEfurt unb feine 
Umgebungen. SaS Such ftroßt ton Fehlem, ton offen? 


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27 


barer UnEenntniff, ja oon effectiüem Unfinn! 2Rit einem ge* 
Kliffen ©tolje glaubt berartigen Ceiftungen gegenüber SRebner 
auf baß Streit) für granffurter ©efdjidffe unb Äunft fffntoeifen 
ju Eönnen, bie ißublication beS ©ereinS für ©efdjidjte unb Elfter* 
tljumSEunbe, oon toelcffem ber adjte, neunte unb jeljnte ©arib 
jur Vorlage Eamen. ©aljrenb ber adjte ©anb ber SRünj* 
gefdjidjte granffurtö unb feinen ßfyronüen gewibmet ift, füllt 
ben jefjnten eine ©efdffdjte beS ißoftttiefenS in grantfurt, ber 
neunte aber, bie Xljeatergefcljicljte granEfurtS bis jum Qaljre 
1782 non @. 2Ren§el, bürfte gerabe bie Greife beS £>odjftifteS 
infonberljeit intereffiren, bietet er ja audj in feinem Sfapitel 
„bie franjöftfdje unb beutfdje Somöbie oon 1759 bis 1763 unb 
iljr (Sinfluff auf ben jungen ©oetfje" einen toertljoollen Beitrag 
jur ©oetljeliteratur. _ 

£)ie britte öffentliche ©ffjung fanb am 13. Januar unter 
bem ©orftffe beS |jerm Dr. £>. © r o t e f e n b im ©oetfjefjaufe ffatt. 

SRadj ben üblichen gefcfjüftlidjen 2Relbungen madjte ber 
©orftfcenbe ber ©erfammlmtg bie 2Rittfjeilung, baff ber ißrojeff 
gegen ben ©utSbefiffer ißonge auf gfibbidjoh) in britter unb fester 
Qnftanj ju ©unften beS §od)ftifteS entfliehen fei. (Sr erteilte 
fobann |>errn §anptmann j. ®. §ranj § oltl) of baS 
©ort ju bem angeEünbigten ©ortrage über „(Srfinbung unb 
©nttoitfelung beS XelepIjonS." 

$n feinen einleitenben ©orten mieS ber ©ortragenbe auf 
bie geier Ijin, metdje Eürjlidj hn ^ieftgen (SleEtrotedjnifdjen ©er* 
eine jur ©egefjung beS 50. ©eburtStageS oon ©fjiltpp SReiS 
ftattgefunben, beS leiber fo früfje feinem ©irEen entriffenen fjodj* 
begabten 9RanneS, beffen SRame audj in ben Annalen unferer 
©enoffenfdjaft für immer eine efjrenbe ©teile finben mirb. 

SReiS ffat biSljer als erfter ©rftnber beS itelepfjonS ge* 
gölten, ob iljm biefer SRame gebührt, mag ftreitig fein, feft 
ftefft inbeff, baff er ber (Srfte getoefen, ber ben ©ebanEen, Söne 
unb ©pradjlaute mittels ber ©lectricität ju reprabiciren 
prattifdj auSfüljrte, unb ber baS erfte Qnftrument, 
meines bie Aufgabe, menigftenS innerhalb gemiffer ©ren* 
jen, lüfte, conftruirte unb in bie OeffentlidjEeit braute. 


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28 


Ueber 9leiS ift in ber füngften geit fooiel gefprodjen 
nnb getrieben worben, baff bie ©efdjtdjte feines SebenStaufS 
als beEannt üorauSgefeht »erben barf. UnElarheit ift bagegen 
noch üietfadj o erbreitet über baS, was er erftrebt, unb baS, 
waS er wirElid) erreicht hat, barunt foUen über biefen SßunEt 
an ber §anb non praEtifdjen Verfugen einige Erläuterungen 
folgen. 

£>ie erften Beobachtungen in Bezug auf bie SBiebergabe 
oon £önen oermittelS Electricität machte EharleS V a 9 e 
in Salem, SWaffadjufettS; er oeröfferttlicEfte fte in einer ameri* 
Eanifdjen geitfdjrift unter ber lteberfd^rift „©atoanifche ÜDluftE". 
Seine Experimente beftanben im wefentlidjen barin, baff er einen 
intermittirenben eleftrifc^en Strom um einen Eifenftab Ereifen 
lief), Welcher baburch in Schwingungen üerfe$t würbe, bie einen 
Xon heroorbradjten. Sein Slbljanblung erregte SlufmerEfamEeit 
unb bewirEte, bah ficf| allerorts bie ißhhP er bemühten, bie Urfadfen 
biefer fonberbaren electrifchen.Xöne zu ergrünben. SBeitere Unter* 
fuchungen auf bem bezüglichen ©ebiete ftellte ^rofeffor Söert* 
heim in ^ßefth an, ber im $afjre 1847 barüber Veröffentlichungen 
erlief, $u einem pofitioen Befuttate gelangte er noch nicht; 
bieS War oielmehr 9teiS oorbelfalten, ber auS allen bisherigen 
Verfugen eine praEtifdje Verwertffung für bie gortleitung ber 
menfd)ltcben Stimme gu erzielen fuchte. ES gelang ihm jebodj 
nur, mufiEalifche SLöne, nicht aber fpradjliche Saute fort* 
Zuleiten, wie er baS auch unumwunben in feinem Berichte an 
ben hieftgen ^ßhhf^ a ^f<hen Verein oom ^alfre 1860 zugefteht. 

®er Vortragenbe fdfritt nun zu einer Erläuterung beS 
SfteiS’fdjen SlpparateS unb lieh benfeiben unter SShtWenbung oon 
tiier ftarEen Bunfen’fchen Elementen in gfunction treten, £)örbar 
Würbe nur ein uibrirenbeS ©eräufd), auS bem fidf nur mit 
3Rühe fchwache £öne unterfcheiben liehen. ®te Verfuche z ur 
Uebertragung oon articulirten Sauten ober 2Öorten blieben 
ohne allen Erfolg. 

BeOor ber Vortragenbe in feinen Erörterungen fortfuhr, 
berichtigte er bie üiel oerbreitete, aber irrige Slnfidjt, bah ^etS 
9Äitglieb ober Sfteifter beS freien ©eutfcpen £>o<hftifteS gewefen. 


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29 


Tie Slbfidfjt/ ihn gum ©hrenmitgliebe unb SReifter gu ernennen,, 
habe gwar beftanben, auch fei baS Tiplom fdjon ausgefertigt 
gewefen, bod) fei eS gu Weiterem nicht gefommen. 

Qn feinem SSortrage fortfafjrenb wies bann bet Diebnet 
barauf f)m, bafj eS ficb wie mit bem heutigen fo mit faft alten 
feitljer angeftettten ©ypertmenten oerhalten habe. SRocf) beut* 
lieber als in feinem SBeric^te an ben iß^ftfalif^en SBerein 
habe ficf) 9?eiS im Qahre 1863 über bie CeiftungSfähigfeit feinet 
Apparates in einem (gu beri Ritten beS ^jodjftifteS gegebenen) 
ißrofpefte beS SRechaniferS Sllbert auSgefprodjen. |)ier merbe 
unummunben ^erüorge^oben, bafe mittels beS „Telephons" 
lebiglid) mufifalifdhe Töne fortgeleitet merben follten,wäfjrenb 
gut Vermittelung beS gefprodjenen SöorteS an bem Apparate 
- ein befonberer Jftlopftelegraph angebracht war. gut leiteten habe 
fReiS ein eigenes, ^öc£)ft originelles afuftifcEjeS Sllpljabet erfunben, 
baS bie berfdhiebenen Cautgeidjen burch einen einfachen unb einen 
Toppelfdjlag wiebergebe unb für fiautcombinationen bis gur 
ßahl 5 einen TactpluS oerwenbe, Woburch eS an CeiftungS* 
fähigleit bem 2Rorfe=9tlphabete faft gteidjfomme. 

Qm Qrrthum hat DteiS ftch befunden, wenn er geglaubt 
hat, ber 2luSbrucl „Telephon" (richtiger oieHeidft „Telephonie"). 
fei guerft bon ihm angewenbet worben. TaS SBort „Telephon" 
Würbe fc^on 1838 bon DiommerShaufen für einen afuftifdjen 
Telegraphen, eine 9lrt (Sprachrohr, gebraucht. Selbft bif 
Vegeidjnung „eleftrifdje Telephonie" finbet ftch f<h on geraume 
geit bor fReiS. 8e|terer operirte mit feinem Slpparate, wie 
heute unter Slnwenbung bon hier Vunfenfdjen ©tementen, unb 
gwar mit bemfelben Qnftrumente, baS heute gur SSerWenbung 
fam, im Qaljre 1862 bor ben ©enoffen beS ^wchftifteS im Keinen 
Saale beS SaatbaueS *), unb auch bamalS War wefentlidj ein 
anbereS ©rgebnifj nicht gu ergielen als heute. 3Rer!würbig ift, 


*) ®a8 betreffenbe Snftrument, ba8 lief) in ben Sammlungen be8 
§ocbftifte8 befinbet, ift biefem öon 9teiS gefcfienft tnorben; e8 ift aber nidjt 
ber 0riginal*8lpparat, ber in yfriebricf)8borf im ©arnier’fdjen Snftitute 
aufbetoafirt mirb. 


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30 


bäh man bisher. nodj bet allen mir bem ttleiS’fchen Selepljon 
angeftettten ©yperimenten ©ineS überfein ^oft, bie merfwürbige 
S^atfat^e, bah ttteiS bereits, ohne bah er eS wuhte, in feinem 
SEelepfjon baS 90?ifropljon Ijergeftettt fjat. ©r fpridjt ftetS baüon, 
bah er ftdj eines intermittirenben (Stromes bebiene, b. tj. 
eines Stromes, ber jeitweilig unterbrochen unb bann wieberljer* 
geftettt wirb. üDaS ift aber nidjt richtig, im SReiS’fdjen Telephon 
fontmt oietmehr ber unbulirenbe Strom, b. h* derjenige, 
ber halb ftärfer halb' fdjwädjer -wirb, nie aber ganj aufhört, 
jur Serwenbung. 

®aS SReiS’fd^e £elepljon geriet^ mit ber $eit in Sergeffen* 
heit unb erhielt ftdj nur als WiffenfdjaftlidjeS ©uriofutn in ben . 
Sammlungen, bis im I^aljre 1876 auf ber SöeltauSftettung in . 
^ßfjitoöelphia ^rofeffor ©raljam Seil mit feinem $£elepljon * 
auftrat unb bie frühere beutfdje ©rfinbung wiebet. in ©rinne» 
rung brachte. Seil gefteljt ju, baf} er oon SReiS auSgegangen 
ift. 2ßte biefer bebiente er ftdj anfangs bei feinem Qnftrumente 
ber Satterie unb ging erft fpäter $u ber Anwenbung üon $n* 
buctionSftrömen über. Siemens unb fpalSfe waren bie erften, 
welche ben $ufeifenmagneten in ber ©onftruction beS SelepljonS 
oerwenbeten. Qh r Qnftrument ift nur tion einem einzigen über» 
troffen worben, bem Telephon beS Ijteftgen £elegraphenfefretärS ‘ 
Söttdjer, baS auch au f ber SRümhener AuSftettung ade anberen 
gefdjlagen hat. 

£>er Sortragenbe gab nun an einem »orljanbenen 2Ro* 
belle eine ausführliche ©rflarung biefeS Separates unb lieh ben» 
felben in Söir ff amfeit .treten, wobei bie Anwefenben oon ber 
erhielten Söirfung gerabeju frappirt würben. ®er Stebner 
fdjlofc bann feine Ausführung mit ben SBorten: 

^urje $eit nach ©rfinbung beS SelepIjonS Würbe baS 
3Rifr opfjon erfunben, welches bem Telephone erft bie Sott» 
fommenljeit gewährt, beren es bebarf, um ftch in bem gewöhn*, 
liehen Ceben als wtrffam ju erweifen. ©erabe für baS SDtfifro» 
Phon war bie fReiS’fdje ©onftruction beS ©eberS fruchtbar; 
er hnt faft ganj bie alte Anwenbung behalten, .nur bah ftatt 
beS ißlatincontafteS je^t Sloljlencontaft genommen wirb. ®af} 


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31 


SReiS ftdj biefer Tragweite feiner ©rfinbung niefet bewufet war, 
geljt aus einem ©riefe an ©armer in griebrüfeSborf auS bem 
lebten $ah re feines 8ebenS Ijerüor, ber übrigens in ber ffünften 
SBeife 3 cu 9 n ^ für feine ©efefeeibenfeeit ablegt. „Qdj habe", 
fefereibt er, „ber SBelt ben 2öeg ju einer großen ©rfinbung 
gezeigt; anbern tnufe id) eS überlaffen, benfelben Weiter ju 
[«breiten". 

|)err ßdjrer 501 er^ auS ©oefenheim fnüpfte an ben obigen 
©ortrag einige üöHttljeilungen über SieiS unb beffen ©erfönlicfe* 
feit. Siebner arbeitete 1861—63 bei bem SJiecfeanifuS Stuguft 
gri^ in ber Sloftergaffe als Cehrltng unb ^atte baburefe ütel* 
fac^ ©elegen^eit, peTfönlttfe mit SieiS ju oerfeljren, ber bamalS 
feiner ©rfinbung wegen oft non griebricfeSborf nad) 0-ranffurt 
feerübetfam. ©r liefe bei 3fri£ feine Slpparate anfertigen, unb 
iRebner arbeitete felbft baran. 9teiS f)abe jwar grofee fpoff* 
mmgen auf feine ©rfinbung gefegt unb baü'on gefprodfen, bafe 
man beremft gerabe fo wie bie Sdjrift burcf) ben (Sdjreibtele* 
grapfeen burefe einen entfpreefeenben Separat bie mehfdjlidje 
(Stimme Werbe über baS 9Reer fenben fönnen, fei fiefe aber 
bennoefe bewufet gewefen, bafe baS mit feinem „Selepfeone" nod) 
nicht möglich fei. ©on ber Uebertragung artifulirter Caitte 
burdj baS SReiS’fdfe Telephon fei niemals bie Siebe gewefen, 
was man gehört habe, feien flmfifatififee £öne, begiefeungSweife 
ber ©hptfemuS unb bie ©abenj berfelben gewefen. 

£>err ©ernfearb (Scfemibt gibt StuSfunft in ähnlichem 
(Sinne, ©r war eng mit Steis befreunbet unb ftanb nament* 
lieh in regem ©erfehr mit bemfeiben, als er ftefe mit bem er* 
Wähnten Sflopftelegraphen befefeäftigte. 35aS Oon ihm combinirte 
afuftifdje Sliphabet fei noch weit ooUfommener ausgearbeitet 
Worben, als ber ©ortragenbe angebeutet. gu einer Uebertragung. 
öon (Spracfelauten burch baS SteiS’fcfee Telephon fei eS niefet 
gefommen. 

<£>err (Scfeeibel erinnerte baran, bafe oon .(Seiten beS 
^odhftifteS gleich &eün Sluftaucfeen beS ©ett’fefeen SelepfeonS 
<©^ritte gefdjehen feien, um bem ©rfinber SieiS bie ©riorität 


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32 


ju »adrett. (Sr münfdje, bafj ber bern ^jochftifte gehörige 9tetS’fd)e 
Apparat unter ©laS unb Stammen jur Stuftet ber ^remben. 
auSgeftedt roerbe.*) 

§ert 91. ©eiger möchte conftatirt miffen, baf$ ber 9J?e= 
djanifer 911Bert bie SRetö’fcEjert Separate nur tiertrieben h a &e/ 
mährenb bte £>erftedung berfeiben tebiglidj tion bem SWe^anifer 
9luguft .gri£ beforgt morben fei. 

£>err Dr. Öubmig o11^of machte hierauf bie 90?it= 
theilung, bafj ftcf» in ber „OibaSfalia" tiorn 28. (September 1854 
bereits ein „(Sieftrifdje £ e l e p h o n i e" überfdfjriebener unb 
mit L Unterzeichneter 9lrtifel befinbe, ben er tiorlaS unb ben- - 
9lnwefenben in mehreren (Syemplaren jur Vortage brachte. 9luS 
biefem 9lrtifel gehe hertior, bafe barnatS bereits ein junger fran= 
jöftfdjer dWedhanifer SdamenS 33outfeul einen „Telephon" genannt 
ten 9lpparat befdhrieben h Q & e / ber nichts mehr unb nichts 
minber fei als baS 33ed’fche $nftrument in feiner erften ©eftalt. 
(SS überrafdhe orbentlidh/ menn man, baS Setl’f<h e Telephon 
tior 9Cugen, bie im Raffte 1854 niebergefdhriebenen SBorte lefe- 
SBourfeut fei {ebenfalls ber geiftige SSater ber Selephon^bee 
in bem heutigen Sinne. Ob man ihm ben tarnen beS „(Sr= 
finberS" beilegen fönne, möge ftreitig fein, eS hänge bation ab, 
meldhe ÜJJterfmale man in bem ^Begriffe beS „(SrfinberS" ein* 
gefdjloffen miffen mode. 3SerfteE)e man barunter benjenigen, ber 
junt erften Üftale einen neuen ©egenftanb flar unb beutlicf) be= 
fchreibe, unb jmar fo, bafj berfetbe nach ber 33efchreibung \)ix- 
geftedt merben fönne, bann fei 33ourfeul unjmeifed)aft ber (Sr= 
finber beS mobemen Telephons. Verlange man bagegen tiom 
(Srfinber, bafj er felbft ben ©egenftanb in bie SüBirfüdhfeit beS 
CebenS einführe, bann fönne man bem franjöftfthen SJiedjanifer 
ben 9tuh m ber (Srftnbung beftreiten. immerhin müfjte man 
ihn- bann aber als ben (Srften gelten taffen, ber in flarer (Sr- 
fenntnifj ber in ^Betracht fommenben phhftfalifchen ©efe^e bie 
Theorie beS heutigen SetephonS aufgeftedt hübe. 93ourfeul fei 


*) @. 29 ift bereits fierborgefioben worben, bafc biefer älpparat jwar 
tion Stets gefdjenlt, aber nidjt beffen Original »Separat ift. 


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33 


tn biefer. $inftcht 1854 bereits .trief toeiter getoefen, als 9teiS 
1863, ba er, gattj tote ißrofeffor SBeH eS auSgeführt, fotooljl 
für ben ©eher* tote für ben ©mpfänger=2lpparat ein SWembran 
oorgefdjrieben ^abe. Ceiber fei über bie ißerföttlidjfeit 33our= 
feul’S fo gut toie gar nicf»tö ju ermitteln; man toiffe nur,, bafj 
er ftd) 1848 als ©olbat ber atgerifcf)en Slrntee ausgezeichnet 
habe, 1854 in fßariS, 1861 in 2Jie£ unb 1877 ü£elegraphen= 
Unter^gnfpeftor in 9lu<h getoefen fei. 2öenn er fetbft nicht jur 
^erfteüurig etneS Apparates gefd^ritten, fo habe baS unjtoeifel» 
fjaft nur an feiner SRittellofigfeit gelegen. 2ftangel an Energie 
fönne man ilpn nicht tortoerfen; er ^abe, unter auSbrücffi^er 
sßrooocirung ber Söiffenfcfjaft, ber franjöftfchen SHabemie 3X?it= 
Reifung Oon feiner Qbee gemalt, biefe fei aber, toie fo oft, 
toenn bie äöiffenfdjaft proüocirt morben, über ben ©rfinber unb 
feine Gsrftnber=gbee $ur SageSorbnung übergegangen.*) 

gaffe man baS ©rgebnifj ber heutigen ©ifjung jufammen, 
fo fomme man, im ©egenfa^e ju ben Schlußfolgerungen, bie 
ber ©nglänber Sljompfon in feinem S3u^e über 9?eiS, unb jtoar 
irriger Söeife, gejogen, ju nacfjfolgenben ©äßen: 

1) £>aS 9teiS’fdf)e Xelepljon übermittelt nicht artifulirte 
Caute, fonbem nur muftfalif^e S£öne, unb fantt in golge feiner 
©onftruttion nichts SlnbereS tljun. 

2) 9teiS i)at nie ettoaS SlnbereS oon feinem Apparate be= 
Rauptet unb jur Uebermittelung ton Söorten '•— nicht ettoa junt 
bloßen Anrufen — an bemfelben einen befonberen £lopftele= 
grapsen angebracht. 

3) SReiS f)®* tu her £h at jurn erften 9Rale ben Apparat 
hergeftellt, ben toir jeßt „SRifropfjon" nennen, aber ohne ftch 


*) Heber SBourfeul unb feine, ©rfinbutig hat feitper Jpauptmann 
fff. § ß 111) o f in ber „$iba8falia" uom 11. tDiärj 1884 nähere äRittheilung 
gemacht. Stad) berfelben finb ton SSourfeuI praftifd)c SSerfudje, unb ä»ar 
günftige, angeftettt morben. Söourfeul felbft hat auSbrücfitcfj hertorgehoben, 
bafe bur<h feinen Slpparat artifulirte ßaute übermitteit merben fallen- 
S)er SIrtifel in ber „Dibagfalia" oont 28. September 1854 ift feinem mefent* 
liehen Steife nach hie Ueberfepung eines DriginaI*SIrtifelS ber franjöfifdjen 
3eüf«hrift „3ttuftration" com 26. Sluguft 1854. 

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34 


ber 2/cagmette feiner Qrrftnbung bemüht gu fein (bo er ben 
unbutirenben «Strom confequent für einen intermittiren» 
ben hielt). 

4) 93on ©bifbn mie 33ett ftefjt e§ feft, bajj fie bon bem 
SReiS’fdjen Slpparate ausgegangen jtnb. ($3 ift Baum anguneljmen, 
bafj Seit Beine S?enntnifj ber Sourfeut’fchen SluSfü^rungen ge= 
habt hoben fott. 9tei3 bagegen f)ot biefe Äenntnifj ungmeifetfjoft 
nicht gehabt, fo auffattenb e§ aud) erfdjeint, baft ihm ber fern 
fationede SlrtiEel ber „Ü)iba3Eatia /y bom 28. September 1854 
entgangen ift. 

5) 3)erfrangöftf(^e9) l ied^antEer ©hartes 33ourfeut 
ift {ebenfalls ber Gcrfte gemefen, ber in Elarer unb 
bolter ©rEenntnifj ber miffenf djaftlichen ©runb= 
tage bie richtige S^eorie beS ntobernen, fpäter 
bon 33ell unb bann bon ©bifon bermirElichten £ele = 
phonS aufgeftetlt Ijat. 


■Die bierte öffentliche Sifjung fanb am 24. gebruar 
unter bem Sorfifje beS ObmannS, ^errn $uftigrath8 Dr. ©erg, 
im Goetljehoufe ftatt. 

33ebor nach ©rlebigung ber gefchäftlidhen SÖtfittlfeilungen 
’gur Slbfolbtrutig ber SageSorbnung gefdfritten mürbe, erbat fi<h 
£>ert Dr. Cubmtg § o 11 h o f baS 2öort gu einigen 95emer= 
Bungen im Slnf^tuffe an baS bertefene ißrotoEoH. 3Me le^te 
öffentliche Sifcung fyabt nach fonger $eit mieber einmal ber 
ißreffe Gelegenheit gegeben, f«h in angelegentlicher Söeife mit 
bem freien £>eutfcf)en ^ochftifte als einer miffenfdhafttidhen 3tn* 
ftatt gu befchßftigen. U. a. höbe bie „SEägtidfje 9Runbf<hou yy eine 
feitljer bon einer Steihe bon ©tattern reprobucirte URittheitung 
beS bergeitigen CeiterS ber ©arnier’fdhen Cet)r= unb ©rgieljungS* 
Slnftatt in griebridjSborf, f>errn SSongert, gebracht, metche 
gmifdhen feinen (beS ERebnerS) fünf Siefen unb ben 33ehaup= 
tungen Shompfon’S gu bermittetn fudje. §err Sangert fei ber 
Slnftdht unb erftüre, bajj baS 9tei3’fche Telephon atterbingS im 
Stanbe gemefen fei, bie menfdjtiche Sprache auf meite ©nt* 


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femungen gu übertragen, bodfj fei bie Sötebergabe unbeutüch, 
oon einem fdjnnrrenben ©eräufche Begleitet unb bafjer nur einem 
geübten Oh^e öerftdnblidh gemefen. 2113 33emei3 führe £>err 
Sangert bie' üölittljeilung be3 2ftufiflehrer3 ißeteri an, nach 
meldher 9tei3 burdj feinet* 2lpparat nicht-etm’a nur leicht oer* 
ftiinblidhe ober combinirbare, fonbem gang ftnnlofe Säfce, g. 33. 
„£)te (Sonne ift öon Tupfer", ober „Oa3 ißferb friftt feinen 
©urfenfalat" oernommen f)abe. Somit merbe bie alte, oon SReiS 
felBft fdjon mibertegte Segenbe erneuert. !Dajj ber 9iei3’fche 
Apparat, aud) menn man t§n meit empfinbitcper conftruire, als 
eö bem ©rftnber möglich gemefen, feine artifulirten Saute üper- 
mitteln fönne, fei in ber lebten Si^mtg Bis gur ©Otbeng burcf) 
bie toiffenfdjafttidjen ^Darlegungen, bie angefteEten 33erfutpe unb 
bie 2lu3fagett gerabegu 6faffif<f»er 3eugen barget^an morben. 2Ba£ 
ba3 iBerftünbnijj ber angeführten Säfce antange, fo fönne e8 
nur ba3 SRefuItat einer Selbfttäufdhung gemefen fein. 2Bie 
gründlich 9tei3, ber hoch eigentlich ber ©ingige gemefen fei, ber 
ba3 oon f)errn 33angert fupponirte „geübte Ohr" Befeffen, üon 
feiner Selbfttäufdhung gurüdfgcfommen, gehe eine3theil3 au3 
feinem 33eri^te an ben ^hhf^ a ^f<^ en ®e*ein Oom $af)re 1861 
unb anbrerfeit§ nod) meit beutlidher au3 feiner ©rflärung in 
bem ißrofpefte be3 äßechaniferö Sllbert oom Qafjre 1863 Ijeröor. 
Se^tereä Oofument fdjliefje ein für allemal bie Elften über bie 
Streitfrage, ob e3 je möglich gemefen fei, burdh ba3 fReiS’fdhe 
Telephon ba8 gefprodjene SBort, ober richtiger, bejt artifulirten 
Sprachtaut gu übertragen. — 33on anberer Seite fei gettenb 
gemacht .morben, man fönne 33ourfeul nicht mofjl als ben ur= 
fprünglichen ©rfinber be3 5£elephon3 betrachten, benn thue man 
ba3, fo ntüffe man folgerichtig audh bie alten SRörner al§ bie 
©rfinber ber Sudhbrudferfunft begeichnen megen ber Stempel, 
bie fte ihren giegetarbeiten oufgubrüdfen Oerftanben hätten* 
!Demgegenüber fei gu bemerfen, bafj mit 33ourfeul bie Sache 
bodj mefentlieh anber3 liege, fpütten .bie 9tömer baö gethan, 
ma§ oon biefem ermiefen fei, b. h* hätten fte gefügt: „©benfo 
mie * mir 33udhftaben auf meidhen Dh° n einbrüdfen, mirb e3 
möglidh fein, Sdjriftgeidhen auf Pergament ober ißapier gu 

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36 


übertragen, wenn man bie - betreffenben Stenberungen beS 93er= 
faljrenS oomimmt", bann müßten fte in ber Xfjat als bie Er* 
ftnber ber SBudjbrucferfnnft angef elfen werben. '3)aS, WaS ben 
kanten SBourfeulS für alte 3eiten ju einem benfwürbigen macht, 
tft bie Sh at f ac h e / baf? ber Präger beffeiben genaue unb beftimmte 
Sin weifung jur Slnfertigung eines QnftrumenteS gab, baS jwanjtg 
^alfre fpäter non einem anbern in berfetben SBeife ^ergefteöt 
würbe, unb bafj er feine Einleitung gab in ber Haren Erfenntnifj 
ber wiffenfdjaftlicSjen ©runbfä^e, auf weldje bie Eonftruction 
unb bie SSirffamfeit beS mobemen Sel^onS ftd) ftü$t. 

. £)er 9?ebner ging hierauf ju bem angefünbigten 93ortrage 
über, beffen Sterna iautete: „Öie §umanitätS*$bee im 
flaffifdfen Ellterthume. 3 UT Erinnerung an Sonrab 
©djwentf (f 14. gebruar 1884)." 

feiner Einleitung fuc^te ber 33ortragenbe bie $bee ber 
Humanität ju entwicleln, bie ft cf) mit ber beS ©ittengefe^eS 
becfe. ©djon baS Etitertljum h«be ben Qbealbegriff ber 9J?enfdf)* 
heit gehabt unb benfelben nicht nur in ben Wefttic^en Säubern 
fonbern, wie u. a. bie ^Bewegung beS SBubbhiSmuS. eS bartfjue, 
aud) im Oriente ju ooDjfommener SHarljeit, ja man bürfe fagen, 
ju ftaunenSwertljer Erhabenheit entwicfeit. SBenn er eS unter* 
nehmen wolle, bieS fpecietl für baS ©einet beS fogenannten 
Kafftfchen EllterthumS ju beweifen, fo leite ihn ein boppetter 
ßwedf: einmal wünfche er bem Sage, ber oorauSfichtlid) jurn 
testen 9Äale bie ©enoffen in ber altgewohnten SBeife jufammen* 
führe, ben ©tempel einer befonberen Söeifje aufjubrücfen, bann 
aber fei eS ihm barum ju thun, baS Elnbeufen eines-EJtanneS 
ju erneuern, ber geiftöoüer unb fdjöner als irgenb ein anberer' 
ben jum ©egenftanb beS 93ortragS gewählten ©toff behanbelt 
habe, $onr ab ©chwencf’S, beS leiber faft öerfchoßenen unb 
hoch für granffurt unbeweglichen h ot h ti erbienten ©eiehrten. 
greunbeSljanb fyabt ihn in ben 33efi§ einer na<f)gelaffenen 
$anbfd)rift biefeS SöianneS gefegt, öon ber ftd) fagen taffe, fte 
fei mit' bem §erjblute eines ber Ebelften unb 33eften gefdjrieben, 
bie je hn ®ienft beS £)umanitätS*©ebanEenS gewirft. 

®aS Eßerl, an weldjeS ber SSerfaffer bie le^te §anb nid^t • 


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37 


mehr habe legen Eönnen, taffe ein langfanteä unb attntä^li^eä 
(Entfielen erfennen; man gehe tt>o£)t nicht fe^t, wenn man an* 
ne^me, fein Urheber habe baä »olle lefcte drittel feiner 
SebenS^eit auf bie Slbfaffung beffelben »erwenbet. (E3 fei eine 
berebte 23ertheibigung ber tieffittlidjen 8eben3anf<hauung be8 
ftaffifdjen 2llterthum3, eine SBertheibigung, geführt mit einer 
23ünbig!eit unb (Scharfe, wie noch fetten eine, benn ber 23er= 
faffer gönne fidf felbft nur ba3 2Bort in einer furjen, teiber 
untioHenbet gebliebenen (Einleitung unb in apE>oriftifcE)en Senter* 
Jungen ju einer 9?eihe in Etaffifrfjeä ®eutfd) übertragener ©teilen 
au3 griedhtfdjen unb lateinif^en Slafftfem, fo birect bie ©eifter 
befchwörenb, gegen bie ftch tu ber öerhängntftoollen Sftachblüte ber 
Siomantif ein heftiger Stampf ju entfpinnen gebroht höbe. Stuf biefe 
28eife fei, gewifferatagen polemifdj begonnen, ba3 23er! weit über 
bie ihm urfprünglidj gefegten ©renjen hinauf gewachfen, ftch i u 
einem $)enfmal geftaltenb, wie e§ ehrenooller einer in ihrer 
ftttlichen ©runblage heute noch vielfach öerfannten ßeit nicht 
gewibmet werben fömte. 

©cf)Wen<f h«be ba£ tion ihm feinem Inhalte nach at3 ab* 
gefchtoffen betrachtete 23er! „^feibnifdje Humanität unb 
beren ©ittlidfEeit" überfchrieben. ber (Einleitung »er* 
breite er fidj furj über bie allgemeinen ©eftchtäpunfte, »on benen 
er aü3gehe, unb über bie ©chriftfteüer, benen er feine, fo wie 
fte un3 öorliegen, forgfältig nach Kategorien georbneten Sin* 
führungen entnehme. (Ein $h e ^ ber Autoren gehört ju ben 
minber betannten ^ß^ilofop^en ber römifdjen Kaiferjeit, beren 
©driften barum befonber3 werth»oll finb, weil fie < un3 bie 
philofophifdjen ©hfteme, bie fte »ertreten, abgefdjtoffen in ihrer 
gangen (Entwicfelung geigen. $n biefer Slbgefdjloffenheit läfet fidf 
aber erft ber 2Berth, bie ftttlidje 23ebeutung ber ^ßh^°f°P§te be3 
SllterthumS erfennen. 2Jiit SRed^t nennt ©djwemf bie Vertreter 
berfelben wahre S3ufjprebiger, beren *23or trüge oft mehr djrift* 
liehen ^ßrebigten ftch uähem al3 weltlichen 23orträgen. 9lm 
tneiften ftnb in biefer ^mtftcht »erfannt Worben Sie (Epnifer, bie 
ber 2Belt entfagenben, au§ freiwilliger ©elbftaufOpferung bem 
23ufjprebigerberufe fich wibmenben 2öetfen. Sludj bie ©toifer 


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38 


rerfteßen unter ißrem „Sßeifen" mcßt etma einen unenblidj 
33ieteS SSiffenben, fonbern einen burcß SSemunftibeen unb bie 
im (Sittlichen geübte SSiltenSfraft nerebelten SRenfdßen, unb fte 
gefteßen, baß baS ein $beal [ei, bem auch ber cbelfte ficf) nur ange= 
nähert höbe. SBenn bie 8eßre ber Stoifer nicht frei öon «Heuchelei 
blieb unb alä einfeitig (Gelegenheit gunt Spotte gab, ift eS ihr 
nicht anberS ergangen tute ber chriftlidßen. £)ie Sehre muß barum 
nicht fchlecht fein, meil fie mißbraucht mirb. ©pifur gebietet 
Xugenb, bamit ber SRenfd) bie ßöcßfte Cuft erlange, bie Stoa 
befiehlt, fte ihrer felbft megen gu üben, gibt ihr aber bie Suft 
gur unausbleiblichen (Gefährtin. ®ie ' geoffenbarten -Religionen 
befehlen ebenfalls bie £ugenb, bamit ber Rienfcß nach feinem 
£obe felig mcrbe, b. ß. bie ßöcßfte Cuft erlange. $n biefem 
STugenbbebürfniffe bemäßrt ftch überall bie beffere menfchliche 
Ratur. 

(Gerabegu problematifch muß unS ber Sßertß aller geoffen* 
barten Religionen erfcßeinen, trenn mir unS ben (GotteSbegriff 
rergegenmärtigen, mie er uns aus ben gcugniffen antiEer 
SchriftfteHer entgegentritt. 2öo bleiben unfere ianbläußgen 
SSorfteHungen rom ißolptßeiSmuS, menn mir biefen Segtiff tm 
„ßeibnifcßen" Slltertßume auf einer fittlicßen (Grunblage conftruirt 
feßen, bie gerabegu unfer Staunen macßrufcn muß! „(Gott — 
fo fagt Sßlato ((Gefcße IY) — mie bie alte Rebe fagt, hält 
Slnfang unb Gmbe unb SRitte alles Seienben unb roHenbet 
naturgemäß manbelnb feinen geraben 3öeg, unb immer folgt baS 
Recßt ißm nach-" klingt eS nicht mie eine bloße ißarapßrafe, 
menn eS,in ber Offenbarung QoßanniS ßeißt: „$<h bi n baS 21 
unb baS JO, ber Slnfang unb baS ©nbe, fpricßt ber §err, -ber 
ba ift, unb ber ba mar, unb ber ba Eommt, ber SMmäcßtige" ? 

(Sicero (J£raum Scipio’S) fpricßt ron bem oberften (Gott, 
ber biefe gange Sßett Beßerrfcßt. — £)er (Gott, beffen Stempel 
alles ift, maS mir erbtiefen. 

Seneca (SBoßltßun IY. 7): ®u fagft, bie Ratur gemährt 
mir biefeS. Semerfft Ü)u nießt, baß, inbem JDu fo fpricßft, ®u 
nur ©otteS Ramen änberft? jfeenn maS ift bie Ratur anberS 
als ©ott, als bie göttliche Vernunft, burcß. baS Sßeltall unb 


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feine einzelne Ütfjeüe ergoffen? Du barfft, fo oft Du willft, 
biefen Urheber unferer ©djöpfmtg anberg nennen; Du wirft 
if)n mit §ug ben heften unb größten Jupiter Ifeifjen, ben Don= 
nerer u. f. W. — unb nennft Du il)n ©djidfal, fo wirft Du 
nid)t irren, benn ba bag <2>d)idfal nichts anbeteg ift, alg bie 
öerfdjlungene Steife ber Urfadjen, fo ift er bie erfte Urfadje 
unter allen, oon welken bie übrigen abljängen. Du wirft mit 
9?ed)t ifm jeglichen tarnen geben, ber nur irgenb eine .traft 
unb Söirfung t)immlifd)er Dinge bejeidjnet. 

(Briefe 65): 2öir fudjen bie erfte unb allgemeine Urfadje. 
Diefe mu§ einfach fein, benn aud) bie äftaterie ift eirtfact). SBir 
fragen alfo,. wag bie Urfac^e fei? "Die wirfenbe SSemunft, b. i. 
©ott. — Sllleg närnltd; befteljt aug ber Materie unb aug ©ott, 
©ott beljerrfdjt bie ftdjtbaren Dtnge, weilte um il)n I)er ergoffen, 
iljrem Center unb gü^rer folgen. 2öag aber wirft, ©ott alfo. 
ift mächtiger alg bie ÜDiaterie, bie ©otteg ©inwirfung erfährt. 

(9latur=Unterfud)ungen I): Unfer befferer Dl;eil ift ber 
©eift, in ifjrn ift nid)tg alg ©eift, er ift gang Vernunft. (II, 45): 
Die etrugfifd)en ©rfinber ber Celjre Oon ben 3Sorbebeutungen 
burd) ben SBlifc fabeu aud) rticfit geglaubt, bafj ber Jupiter, wie 
wir in bem ©apitolium unb ben übrigen Tempeln il)n oerefren, 
mit feiner £>anb bie 33Ii£e fenbe, fonbern fte benfen ftcf» babei 
ben nämlichen Jupiter wie wir; ben 53ewafrer unb Cenfer beg 
Söeltganjen, ber nur ©eift ift unb Cebengfjaud), ben .£)crrn unb 
SDteifter biefeg trbifcfjen SBerfeg, für ben jeber 9tame ficfi fd)idt. 
Söittft Du il)n @cf)icffa( nennen? Du wirft nicf)t irren, ©r ift 
eg, oon bem Slüeg abl)ängt, bie Urfadfje ber Urfadjen. SBißft 
Du if)n 33orfel)ung Ijetfjen? Du wirft if)n redjt benennen, ©r 
ift eg ja, burd) beffen 9tatl) für biefe SSett geforgt wirb, bafj 
fte unoerworren il)ren ©ang gel)e unb iljre SBirffamfeit entfalte. 
SEßittft Du ifjn 9iatur feifen? Du wirft ttid)t fehlen, benn er ift 
eg, aug bem 2tdeg geworben ift, burd) beffen £>aucf) wir leben. 
SBillft Du ü)n 2Belt benennen? Du täufd)eft Did) nid)t; er 
felbft ift ja bag ©anje, bag wir fefjen, unb gang in beffen 
Dljeile ergoffen, unb burd) eigene traft fid) erfjaltenb. 

9Wel)r 0ieCeid)t nod) alg biefe Slugfprüdje, bie ung trofc 


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ber manchmal burdffcfjimmemben pantfjeifttfcffen $bee, tote fte ftdj 
namentlich bet ben ©totfern finbet, ben SemeiS erbringen, bafo 
bie djriftlidfe ©otteSibee nidjt nur auf ben SSorftellungen beS 
ff) eiteren Qubent^umS fufjt, mürben un« ©teilen frappiren, bie 
oon ©otteS SlUgegenmart unb Sltlmiffenljeit, üon feiner 5111* 
rnacfft, ©eredjtigfeit, ßiebe unb ©üte reben. Sieben biefen frei* 
lidj, bie, mir möchten fagen, einen cfjrtfttidfen ©fjarafter oor unb 
neben bem ©f)riftent(jum atfjtnen, finben mir anbere, bie mir 
birect mit bem Slamen mobern*I)eibnif djer belegen mödjten. 

©o fjeifet eS bei ©urifribeS (Setteropfjon): 

©agt einer, ©öfter fei’n fürtoaljr im §immet bort? 

Stein, nein, mit Dtidjten i meint ein SWenfdj e8 aber fagt, 

©ebraud)’ er nicht baS alte 3Raref)en als ein fEfjor. 

®erfelbe (SMantppe): 

3eu8, mcr e8 fei, benn aufjer §örenfagen meifs ich 
3ti<ht8 bon ihm. 

©ejrtuS ©mpiricuS (IX. 65) füfjrt 43 33erfe be£ SfrtttaS, 
eines ber 30 £tjrannen üon Sitten an, morin auSgefülfrt mirb, 
bafj eine im |)imtnel maltenbe ©ottijeit üon benen erfunben 
morben fat, bie eine foldje jur ©ntmilberung be§ ntenfcf)ltd)en 
©efdjtedjteS für nötljig eradjtet Ijütten. 

Sieben foldjer ßeugnung ber ©ottfjeit finbet fiel) audj 
ganj im ©inne ber mobernen Slaturpfjtlofopljen bie Stuftet 
auSgefprocfjen, ber menfdjlidje ©eift fei ©ott. ©urtptbeS läfjt 
$efuba in ben (Eroerinnen fagen: 

2Ber ®u auch fetn magft, ber ftdj nicht begreifen täfjt, 

3eu8, ob ®u feift Diaturgefeb, ob 2Renf<hengeift. 

Ste^nlic^, aber nid)t fo fdjarf auSgefprodjen fjeifst eS bei 
SSlenanber: 

®er ©eift ja ift in jeglichen bon un8 3Jtenfchen ©ott. 

3Harc=9turel (VII. 9): 

@8 ift nur eine Sßelt, aus adern ©eienben gebilbet, nur ein ©ott 
in att&t, nur ein SBeltftoff. 

gaft ber gleiche an bie moberne unb mobernfte geit er* 
innernbe jie^t fidf) burcf) bie ©teilen, bie üon ber 

gortbauer nadj bem Ccbert (janbetn. 


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©laubig" fromm Reifet eS bei SopfjofleS, Sintigone: 

.... ®enn öiel länger muß 

©enebm tcf) benen brnnten fein, als benen hier, 

®enn bort ja toerb’ icf) einig fein. 

fßlato (©efefce XII.): SOtan fott bem ©efe^geber glauben, 
toenn er fagt, bie (Seele fei gang unb gar üerfdjieben öon bem 
fieibe; jte allem fei eS, hielte im geben jeben oon uns ju bem 
macht, WaS er ift; ber 8eib aber folge uns nach, einem Slb= 
bilbe ju Dergleichen — unb WaS in unS wahrhaft unfterblidj 
ift, baS h e ife e @eele unb ge£)e bereinft ju anbern ©öttern fp n = 
über, um SReci^enfd^aft §u geben — eine ermut()igenbe für ben 
©uten, eine furchtbare für ben Vöfen, für Wellen feine grofje 
4?ilfe mehr fei, Wenn er abgefcf)ieben ift. ©8 hatten beöljalb 
alle feine Singehörigen im geben ihm geifert follen, bamit er 
mögtidhft heilig unb geredjt gelebt hiätte, unb bamit er im £obe, 
im geben nad) bem je^tgen, üerfdjont geblieben Wäre oon 
furchtbarer Vergeltung. 

©kero (Sügculanifdje Unterfudjungen 27. 66): ®er Ur= 
fprung ber Seele fann auf ©eben nicht gefunben Werben, benn 
eS ift nichts ©emifdjteS unb gufammengefe^teS in ihr, nodj 
WaS auS ©rbe hätte geboren unb gebilbet Werben fönnen, auch 
nichts feuchtes, SBefjenbeS ober geurigeS (alfo nichts oon ben 
tner ©lementen enthaltenb, welche faft noch bis auf unfere geit 
für bie ©runbftoffe ber Störperwelt galten). gn all biefen 
Stoffen ift nichts, WaS eine Straft ber ©rijtnerung, beS ©eifteS, 
beS ©ebanfenS enthielte, was baS Vergangene bewahrte, baS 
gufünftige üorauSfähe, bie ©egenwart umfaffen fönnte, Weites 
allein nur baS ©öttlidje Oermag. Sluch wirb man nie finben 
fönnen, Oon wannen biefeS ju bem SOtenfcljen habe gelangen 
fönnen, aufjer nur oon ©ott. ®ie Statur unb baS Söefen 
ber Seele ift bemnadj ganj einziger Slrt unb Oon ben niebrigen 
unb befannten Staturen oerfdhieben. SSaS alfo auch fein wag, 
WaS empfinbet, erfennt, lebt unb feine Straft fühlt, eS ift 
himmlifch unb göttlich, unb beSWegen nothwenbig auch ewig- 
Vottftänbig pantheiftifch im Sinne ber mobernen Staturan* 
fchauung bagegen öujjert ftd) ©piftet (III, 24. 93); üDiefeS ift 


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bet Dob: ein größerer Uebergang, nidjt aug bem je|t ©eienben 
in bag nidEit ©eienbc, fonbern in bag je§t ntdjt ©eienbe. ©o merbe 
id) atfo ferner nttf»t fein? Du mirft, mag Du je($t bift, nidjt 
fein, fonbem irgenb ein Slnbereg,. beffen bie 3Bett (bag ©anje) 
atebann bebürfen mirb. 

Sltod) fdjärfer in einem anberen Sluffprudje (IV. 7. 15): 
Sö'ag fagft Du, fterben? ©age bod), mag eg mirtlid) ift. ©g 
ift bie 3 ß it gekommen, bafj ber ©toff (unfereg Seibeg) in bag, 
moraug er jufammengefe^t ift, mieber aufgelöft merbe. Unb 
marura ift bag furchtbar? Söirb benn irgenb etmag Von bem, 
mag in ber SBelt ift, untergeben? 

grtooter fprid)t jtd) ®attimad)ug in feiner ©rabfd)rift auf 
ben ©Ijaribag (©pigramme 14) aug: 

SenfeitS, Gbaribaä, fage, ioie ift e§? dtadjt ift e». Eie 3türftef)r ? 

ßügen. Unb ißluton ber Qfott? fynbel, mir mürben ju 9tid)t«. 

EiefeS öermelb’ id) als mobren iöericfjt eucf). * - 

©in ©pigramnt (Slntfjologie X. 118): 

SBie bod) warb ich, »ober, toeet)aIb bod) tarn id) unb jd)cib’ id)? 

2Bie mirb foldjeS mir tunb, ber id) cS nimmer begriff? 

2Barb, nidjtä feienb, unb merb’ I]iuroiebermn, mnS id) getoefen. 

Denn nidjt« meitcr al8 nidits ift ja bas 9Jtenfd)engefd)led)t. 

216er mofjlan! rcid) ber mir beS SBeinS luftfpenbenben i'edicr, 

®enn ber ift für ba« fiinberungSmittel allein. 

Slntfjologie, ©rabfdjrift (2lnf)ang 280): 

©inft »ar id), id) marb, mar, bin jegt nicht, in ber 3*ttunft 

Stiebt, fo iftS, unb el lügt, mer ®ir ein ülnbereS fagt . 

üftidjtg ift ben etljifdjen Stnfcpauungcn ber antifen Sßelt §u 
fdjmererem ißormurfe gemalt morben alg bie ©flaoerei (bie 
übrigeng burcfj bag ©f)riftentf)um nicft aug ber Sßelt gefdjafft 
mürbe). Sittein felbft auf biefem ©ebiet maren bie inhumanen 
2lnfid)ten nid)t fo Oorf)errfcfenb, mie mir gemeinhin nad) ben 
nur fragmentarifd)en ©inbliden, bie mir felbft auf fogenannten 
gelehrten ©djulen in bag Sßefen ber Slntife merfen, anne^men. 
Dag Qnftitut ber ©flaoerei beruhte nicfyt auf einem etf)ifd)en, 
fonbem auf einem mirt^fd^aftlicken Qrrtfyume & er uutifen 
SBelt, unb biefer Qrrtfum £>at fid) burcf bie ©efcf)i<f)te ber 


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43 


SDtenfdjljeit fortgefdfjlefipt bis wett über bie geit IjinauS, ba bie 
antiEe Sßeltanfdfjauung rtocJ) irgenb einen ©influff auSguüben 
bermodjte. (Das ftttlidje Verljättniff be§ f>erm gum ©Haben 
ift bon ebleren ©elftem beS SlttertliumS nie unterfertigt Worben. 

Dbgleidf) — fo trifft eS bei ©eneca (Von ber SOtitbe I. 
18) — obgleid). gegen bie ©Haben alles ertaubt ift, fo ift bodj 
etwas, waS baS allgemeine 9^ec£|t alter tebenben SEßefen gegen 
ben Sjtenfdfjen nid)t erlaubt fein (äfft, weit fie bon tfer nämlichen 
Statur finb Wie wir. 

(Vom gtücElidjen Ceben 24): (Die Statur ^eifjt unS ben 
SJtenfdjen nüfjticl) fein, feien fie gteie ober ©Etaben, gfreigeborene 

ober greigetaffene.-2öaS liegt baran? 2öo ein SDtenfd) 

ift, ba ift Veranlaffmtg, ifjm woE)tgutf)un. 

(Vom SBo^tt^un I. HI. 20): SDtan irret, Wenn man glaubt, 
bie ©Haberei burd)bringe ben gangen ‘’Dtenfcfjen; ber beffere 
S^eil beffelben ift babon frei. (Die Seiber finb iljr unterworfen 
unb ben Herren überantwortet, ber ©eift gehört ficE) felbft an. 

(Vriefe 47): ©ie finb ©Haben? Stein, SDtenfcfjen. ©ie 
finb ©ttaben? Stein, geitgenoffen. ©ie finb ©Haben? Stein, 
niebrige greunbe. ©ie finb ©Haben ? Stein, StebenfHaben, wenn 
(Du bebenEft, baff baS ©tücf gegen beibe Steile gleiche SDtadjt (jat. 

StabiEaler noä) fprtct)t ftrf) ©giftet (I. 13. 4) auS: SBittft 
(Du bebenEen, Wer Du bift, unb über wen Du §errfd^eft? näm= 
lid) über Slnberwanbte, über Vtüber, über SlbEömmtinge ©otteS. 
(Fragmente 34): VebenEe, baff Du nidfjtarbeitenb bon Slrbeiten* 
ben, effenb bon 3tid)t=effenben, trinEenb bon Sticf)t=trinEenben, 
rebenb bon ©dfweigenben, unbeEümmert bon f)bd)ft=aufmerE= 
fönten bebient wirft. (Unb biefer SlnblidE eines bem beinigen fo 
tief untergeorbneten ©efcfjicEeS möge Did) mitber ftimmen.) 

Daljer aucf) bie Vorfdjriften bei ©eneca (Vriefe 47): SDtit 
bem ©Haben lebe ffutbbolt, ja felbft ftcunbltcf) fcfjergfjaft; laff 
ifjn gu deinen ©efpräcfyen gu, gu deinen Veratmungen unb gu 
(Deinem Difdije. 

(Dem entfpredjenb bie SOtayime: SBaS immer über baS 
SOtaaff ber ©Blabenpfltc^t Htnauäge^t, waS nicf)t auS fdmulbigetn 
©eljorfam, fonbern auS freier ©efinnung geleiftet wirb, baS ift 


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jum ®anf öerpflicßtenbe SBoßttßat, Wofern eg anberg oon ber 
9lrt ift, baß wenn irgenb ein Stnberer eg geleiftet ^ätte, eg fo 
ßätte Reiften Eönnen. 

3u frönet unb freier SCRenfcE)ticE)feit ergeben bie ftttlidEjen 
Slnfdjauungen ber Slntite ftcf) überall. ba, wo einfache menfdj- 
lidße 33erßältniffe, |>aug, ©ße, ©Itern unb Siinber, Elfter unb 
ftugenb, in 33etracßt Eommen. @cßon spornet (Obpffee VL 182) 
fingt: 

— Denn nidjtB Schöneres gibt’8 als ba8, unb SBeffereS gibt’S nicht, 
9U8 Wenn eintrachtsooll in ©efinnungen führen ben §au8f)alt 
©tarnt unb SBeib. 

©atanter — unb ungalanter brücEte ftcß ^efiob (SBerfe 
unb Sage 700) aug: 

5)enn nichts SöeffereS erwirbt auf (Srben irgenb ein ©tann ft<h 

StlB ein treffliches SBeib, hoch SlergereS nicht als ein fchlechteS. 

($efug «Stracß 26. 18: ©in woßlerjogeneg 2öeib ift nicßt ju 
bejahten. 25. 30. ©in böfeg SBeib macßt ein betrübtet §e% 
traurig Slngeftcßt unb bag ^erjeleib. (Sprüche, ©ap. 14. 1: 
£)urcß weife Söeiber wirb bag $aug erbaut, eine Närrin aber 
jerbricßt eg mit ißtetn £ßun u. a. m.) ©icero (©renjen beg 
©uten unb 33öfen in 20. 18) ^ätt eg für bie fließt beg SBeifen 
— bamit er naturgemäß lebe — eine ©attin mit ftcß ju oer- 
einigen unb Sünber mit ißr ju erzeugen, ©elbft eine reine 
Siebe fei nacß ben 2Äeiftern ber ftoifcßen ©cßule nicßt unge= 
jiemenb. (fßaulug im 33rief an bie ©orintßer, meint ©cßwewf, 
empfiehlt jwar bag Unoerßeiratßet bleiben, muß jebocß bag 
ffeiratßen a(g notßwenbig jugefteßen, wag er gerabe nicßt mit 
feinen SBorten tßut.) 

®ie ©itemliebe öerßerrlicßt $omer (Obpffee 9. 34—36): 
©ibt’S hoch ©üjjereS nicht als bie §eintath ober bie ©Itern 
Srgenb, unb wenn auch rinn ®ctu8 Doll reichen SBefifcthumS 
®rau8 in ber fjrentbe, getrennt öon ben ©Item bewohnte. 

^ßinbar ($ftßm. 1. 5): 

SBaS teureres gibtB für bie ©uten, als bie ebrwürbigen ©Itern? 

©opßoEfeg (gragm. XIX): 

®a wo bie ©Item unterthan ben Stinbern finb, 

®a ift fürwahr mit Stiebten eine tluge Stabt 


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©urtyibeS (gragnt. 241): 

Sßer alle 3«* bie ©Item ehrt mit frommem Sinn, 

2>er ift im Beben unb im !£ob ben ©Ottern lieb. 

dfienattber: 

2Ber feinen eigenen SBater fdjmäbt mit Derrudjtem SEBort, 

§at gegen bas ©örtliche felber ßäfterung erbaut. 

— £)ie ©ttcrn etjrenb, boffe baf? Siir’S Wohl ergebt 
— SBerepre (Sott unb ©Item, ibn äuerft, bann fie. 

— ®em, ber bie ©Item pflegt, ergebt eS ttobt 

©opljofteS (©tettra): 

©in mächtig SMng ift’S, SDhrtter fein, unb gebt eS ibr 
Sind) fcbümrn burdj ihre (tinber, bafjt fte bocb fie nicht. 

«Strenge badjte ba§ Sltt'ertffum Oon ben ‘’ßfüdjten beS 
SltterS gegen bie gugettb. $)en Ambern — Ijeijjt eS bet Eßtaton 
(©efe^e 5) — fod man nid^t üieteS ©otb tjintertaffen, fonbern 
niel ftttfidje ©cfyam unb ©cfyeu. — CDtefe erlangen aber bte 
Seute nidjt burct) bie jc£t üblichen ©mtafjnungen. — ©in öer= 
ftänbiger ©efc^geber mürbe eljer bie alten Ceute emtaljnen Oor 
ber $ugenb ©ctjeu gu (jegen unb tior adern ficf| gu ffüten, baff 
nie einer ber jungen fetje, mie er felbft. etmaS ©dfönbtidfjeS 
tf)ut ober fagt; benn, mo bie Sitten fdjamtoS ftnb, ba müffen 
bie jungen burdjauS £)öc£|ft unöerfdjämt fein. 

lieber bie grauen üuffert ©eneca ftdj in gang mobern* 
berbinblic^er SBeife in einem ^Briefe an 9J?arcia: 2öer mag 
fagen, bie 9iatur fei gegen ben ©eift ber grauen farg gemefen 
unb fyibe if)re Siugenben befdfjräntt? @ie befi^en, glaube mtr, 
biefelbe Äraft, biefelbe gö^igfeit, menn fte nur modeu, für baS 
ftttlidj ©cfjöne, fte ertragen, menn fte barin fiel» üben, Slnftren= 
gung unb ©dfjmerg. — Sdidjt fetten, Bemerft ©d^mentf gu biefer 
©tede, oernimmt-man, nur baS S^riftent^um taffe bem meib= 
tigern ©efd£)[ec£)te fein 9iec^t mtberfafjten, bodfy tauten biefe 
SBorte ©eneca’S um ein gutes SEljeil beffdr, als bie beS 
EßauluS im Sdömerbrief. Slud) ißetruS erftürt bie SBeiber für bie 
fdjmiWjften SBerfgeuge, bie bem 3D?ann untertlfan fein müffen. 
©djön fagt ©optjofteS (gragm. XXIV): 

2BeI<b §au3 ber SDtenfdben »urbe jemals öollbeglütft, 

Unb prangte ftolä, toorin ein gutes SBeib gefehlt? 


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2ftenattber: 

©8 ift ba8 2Beib be8 $anfe8 Unheil ober §eil. 

©in rechter ©egen ift ein tugenbfante8 SBeib. 

. 2Beit toeniger galant Hingt eine anbere (Stelle bei <Sopl)oHeg 
(Epigonen 2): • • 

3riir»af)r, e8 gibt nichts @cf)timmere8 als ba8 SBeib, nnb rnitb 
©8 nimmer geben, tteldjeS £eib aud) fommen mag. 

gn unfdföner (Steigerung behauptet gar ißattabeg, Jegliches 
SBeib fei ©alle, jmeimat int öeben fei fie leiblich, einmal am 
$odl)§eitgtag — „einmal im 2mbe fobann". 

Ueber bie grauen gibt eg fo üiete bitterfte Stugfprüdje, 
bafe fte ftdf) bäum jufammenftetten taffen. 2tlg befonberer 
SBeib erraffet galt im Stttertljum ©uripibeg. Slttein auit) er 
behauptet im 3. 33rud)fttiif beg ißentefttaog, bcife eg £l)or()eit 
fei, fte attjumal ju befd) impfen, ba bie eine gut, bie anbere 
fdjtedijt fei. 

2ttg eine £ugenb, bie faft nur tf)m gufommt, barf bag 
Slttertljum bie ©afttidjteit betrauten, bie bie ißerfon beg grentb* 
tingg atg eine geheiligte erfdjeinen tiefe. 

©leid) bem iöruber betrautet ben ©aft uttb btttenben grembling 
2SegIid)er 3Rann, ber auch nur ein toenig ©efiitjl in ber S9rnft bat, 

ftngt §omer (Obfeffee Viii. 546). ©benfo IX. 270: 

3en8 ift aber ein SRäcfier beS ©afte8 unb bittenben gremblingS, 

SB er ate @d)ü§er ber ©äff ebrtoiirbige ©äfte geleitet. 

S3eben!et — rnafjnt ißtato (©efefee Y) — bafe *an bie 
grembtinge bie feeitigften Vertrage ung btebett. — ®er gremb* 
ting, ber ©enoffen unb S3ermanbten beraubt, ift ©öttern unb 
äftenfdjen um fo tneljr beg Sftitleibg rnertfe. — ®arum bemühe 
ftdh jeber, bem audj nur einige SBebacfetfamteit innett)o^nt, bafe 
er feinem ©nbe §umanble, ofene aud) nur bag minbefte gefiinbigt 
ju feaben in feinem geben. 

SJtit biefer fdfönften (Seite ber etf)ifd)en Slnfdjauunggtoeife 
ber oordjriftlicfien geit — fo fdjtofe ber Sftebner feine Slug* 
fiiljrungen — berühren mir audj ben ttmnbeften ißuntt berfetben. 
£>er grembting galt ber ftttlidjen 2tnfd)auung beg Stttertljumg 
atg Ijeilig, ttteit er fcpufe= unb recfettog mar; mie rät ßateinifcfeen 


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bag SBort hostis einft ebenfomohl ben ßanbegfeinb mie ben 
grembting bejeichnete, mar ber griechifche ßapßapoc ber oon bet 
nationalen ©ultur unb bamit Oon bem 9iecf)t§fcf)u|e 2lug= 
gefdjtoffene. Söie bie treffliche Arbeit (SdjmettcE’g, oon ber tdj 
Q^nen tn meinen Slugfüljrungen nur einen fdjtoadjen begriff 
Beibringen Eonnte, ung mit ü6er^eugenber Klarheit bartlfut, ^at 
bag ©§riftent§um taum eine Sugenb aufjutoeifen, für melche 
bag heibnifdhe Sllterthum nicht ein glanjenbeg, ja mir bürfen 
fagen: ein glönjenbereg 33orbilb aufftelit — unb bodj ^at eg in 
einem fünfte bie gbee ber Humanität §u einer ©ntmicElung 
gebraut, bie if)r früher fremb mar. £>at eg bie (SlEaoerei nicf)t 
ju gatte gebraut, unb mar eg feinem SBefen nad) nicht im 
«Stanbe biefeg ju tljun, fo ffat eg ber Söienfdjljeit hoch einen 
gleich großen ®ienft geleiftet, einen $)ienft, ber .eg ben Qbeaten. 
ber SCRenfchheit erft geftattete, in ihrer mirEtichen SSebeutung 
heroorjutreten. ©g ^at bie ©djranten ber Nationalität nieber- 
gemorfen unb junt erften Ntale ben ©ebanEen beg 333eit = 
bür gert^umg auggefprodjen; eg ift bie erfte Söeltanfchauung, 
bie ihren (Senbboten bie Söeifung erteilte: „©elfet Ijin in alte 
2Belt unb teilet alte 33ötEer", eine Söeifung oon einer reoolu* 
tionären SÜraft unb 33ebeutung, mie fte bie'ÜBelt big bal)in nicht 
geEannt. Nur biefe Söeifung oerftricEte bag ©^riftent^um in ben 
Sampf mit bem nationalen römifcfyen Söeltftaate, unb nur biefer 
SEampf hat üjm pm (Siege unb jur ©roberung ber cioiliftrten 
SBelt üerljolfen. SNit bem fiegreidjen ©urchbredjen beg ©Ijriften* 
tljumg ift baljer für bie ©eftttung ber Ntenfchheit in ber Sljat 
eine neue Slera eingetreten, ein SNarEftein zmifdjen Ijeibnifdfer 
unb dhriftlidher geit gefegt morben. ge^t erft ift eg möglich 
gemorben, eine ftttl«he Norm aufjuftetten, binbenb unb zugleich 
befreienb für atteg, mag SNenfchenantlih trägt, eine Norm, bie 
einzig unb allein eg ermöglichen mirb, bah bereinft „rtngg ber 
SNenfdj bie Sruberlfanb — bem Nienfchen reidht— tro§ attebem!" 

Nach Seenbigung beg SSortrageg nahm ber oorfthenbe Ob= 
mann, §>err guftijrath Dr. 33erg bag 2öort, um alg ehemaliger 
(Schüler (SdjmencEg in marmer unb herzlicher 333eife bem ©e* 


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fühle ber 33erefjruttg SluSbrucf 51 t berieten, wie. e3 Bet oEett 
benett fortlebe, welche irgenbwie in näherer SSejie^ung ju betn 
trefflichen ©eiehrten unb Qugenbbilbner geftanben. ©einer 2 tuf= 
forberung entfprechenb bezeugten fobann bie SSerfammelten burdf 
©rheben öon ben ©i§en ihre Hochachtung bor bent Stnbenfen 
Sonrab ©<hwencf§. 


HI. ©orträgc unb SBorlcfungen. 

1. Oie Stunft beS ^§Iant. 

Oen erften ber bon bent borbereitenben afabemifchen 
SlugfChufj befthloffenen, bon ber H oc hMf3=SBetwaltung geneh¬ 
migten unb im-Saufe be§ SöinterS 1883/84 in ©oetlje’S ©ater* 
häufe abjuljaltenben wiffenf<haftli<hen SSorträge über* 
nahm Herr Hof^h Sßrofeffor Dr. ©. © dj aef er auä Oarmftabt, 
Welcher am 25, SftoOember 1883 über bie $unft be§ ^§Iam 
fpradh- Sin ben SBänben be§ ©aaleS Waren nahezu einhunbert 
grapljifChe, photographifche unb polychrome Slbbilbungen als $Eu* 
firationen be§ Shema’g auSgefteEt, OorjugSWeife au§ bem ©ebiet 
ber Slrchitettur, ber glächenbecoration unb ber Oejtilomamenttl. 

Herr Quftgrath Dr. SB erg begrüßte als Obmann burdh 
eine h^lühe Slnfpradje bie SBerfommlnng, worauf er §erat.. 
Dr. ©chaefer aufforberte, baS Sßort ju ergreifen. Oerfelbe 
leitete feinen SSortrag folgenbermafeen ein: 

Hochgeehrte ©tiftSgenoffen! 3 U einer 3 ^* ^ie bie gegen* 
würtige, in Welcher bie SBlicfe ber gangen 2Belt auf ben Orient 
unb bie bort gährenben enbtofen SBirrfale gerichtet ftnb, au& 
benen, aEen biplomattfchen (Songreffen unb ©onferenjen §um 
Oro§, ber jünbenbe ffunfe jeben Slugenblicf wie aus einer mit 
©leftricitat gekannten SEßolte nieberfahren unb ber erbittertfte 
Stampf auf § neue in IjeEen Rammen aufobern fann, wie je^t 
Wieber in ©erbien unb im ägypttfepen ©uban, bürfte eS Wohl 
nidht unangenehm fein, bie geehrte Ho<hfttft§=33erfantmlung über 
einen ©egenftanb ju unterhalten, ber gleichfalls im Orient feine 
SBurjel hat, mit bem wefentlichen Unterfdjieb jeboch, bafj biefer 


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©egenftanb nicht friegerifctjer, gerftörenber Strt tft, fottbetn frieb= 
lieber, meil fünftterifcfjer Statur, ©ein öölfergefdhichtlidher unb 
politifctjer fpintergrunb allein öffnet Stuäblicfe' auf ©reigniffe öott 
Äampf unb 33tut. Senn maä bei ben SBetooljnern ber arabifdhen 
SBüfte naef) intern Ueberfcfjreiten ber ^eimatffüdien ©renjen ben 
Slnftofj gegeben 311 einem fetbftftänbigen fünftterifdlfen ©Raffen, 
morin ©igeneä unb grembeä toecEjfetfeitig fic(j burdfjbrang, baä 
mar fein frieblidheä SBerfiättnif? §u ben SJladhbarlänbern, fonbern 
gemattthätige ©roberung. 

Sladh biefen einteitenben SB orten gab ber 9?ebner junäc^ft 
eine gefdt)ichtlidhe Ueberfidft beä ©rfdheinenä ber Araber auf bem 
©dfjaupla^ ber ©efdjidtjte, inbem er an baä Stuftreten beä ißro= 
p^eten SWuIfammeb anftiiipfte, meiner bie £jerrfd)aft feiner ßeljre 
burdj baä ©cfjmert geprebigt unb bie 33ottbringung ber Sonti= 
nation beä gäfant feinen Slnt)ängern atä ©ebot hinter taffen hatte, 
morauf fc^on narf) tierhältniffmäfjig furjer $eit bie ©rennen beä 
Slraberreidjeä tiont tt)bifc£)en SBüftenfaum öfttief) biä jum 5!au= 
fafuä, $nbuä unb ©angeä, meftlidh biä an bie ißprenäen unb 
ben atlantifdjen Ocean reichten. 

SBaä biefen unerhörten ©rfolg erftärt, liegt nietet jum 
minbeften in bem ©efe| ber gleichen Religion unb ©itte, metdheä 
alte SBefenner beä gätam umfcf)tingt, ein ^erhättnifj, metdheä 
biä jur ©tunbe feinen gemaltigen ©inftufj nicht tierloren tjat, 
unb baä allemal in ben Sagen ber ©efaljr in bem geflügelten 
SRuf ’nadj ber ©ntfaltung ber grünen gähne beä Propheten 
einen mirfungäöolten fpmbotifchen Sluäbrmf finbet, um bie mu= 
hammebanifdhen SBölfer alter ßungen ju einer mahrhaft fanatifdjen 
S 3 egeifterung für bie ©rljaltung ihrer gemeinfamen gntereffen 
ju entflammen, gn biefer ©emeinfamfeit oon Religion unb 
©itte behaupteten ftch bie.Slraber tangere ßdt' als Ijerrfdhenbeä 
33otf, unb ihre ©pradje mürbe unter bem ©inftufj beä in ihrem 
gbiom gefdhriebenen Storan jum Sräger einer überrafdhenben 
©eifteäbitbung, befonberä t>on bem gdtpunft an, mo baä biä= 
herige Stomabentiotf in benjenigen Cünbern fejfhaft mürbe, bie 
fdhon feit galjrtaufenben ©tätten höherer Kultur maren. Siefe 
©etfteäbilbung gebieh ju hoh et ,53tütf)e u. a. in ber ißhitofophie 

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(ber fRebtter erinnert an bie ©elefjrtenfdjule ber lauteren SSrüber 
ber Saffora unb iljre fünfzig jractate), in ber SRathematif 
(beren ßaljlencljaraftere mir ben Slrabera oerbanfen), ferner in 
ißoefte, Slftronomie, SRaturwiffenfdhaft unb CanbmirtljfdjaftSleljre. 

Qn biefern gufammenhange gelangte nun ber SBortragenbe 
jum Sem feines Sljenta’S, jur bilbenben Sanft ber Araber 
ober beS QlSlant, auch 2Ro8lem*Sunft genannt, welche bannt 
begann, bafj bie erobemben Söffne ber Söilfte ht ben ilpten 
unterworfenen ßänbergebieten ben bereits norijanbenen Eünftle* 
rifcffen S^atbeftanb, öomehmlidh bie Sunft ber 33%antiner in 
ähnlicher Söeife ftd) ju eigen machten, wie bieS im Caufe ber 
©efdjidjte bei anberm urwiidhftgen 33ölferfdjaften, j. 93. bei ben 
©ermanenftämmen gefdhah, als biefelben in baS ftnlenbe 9?ömer= 
reich einbrachen unb nach ihrer @e^aftmacf)ung bie prhnititien 
Slnfä^e eigener Sunft burdj bie Aneignung frember Elemente 
läuterten unb fteigerten. 

Söenn ber 9RoStem in biefem ißrojeff bie Slrc^iteEtur in 
93erbinbung mit ber ^ol^romie in ben SBorbetgranfc rücfte 
mit faft gänjtichem SluSfc^lu^ ber ^SlaftiE unb ber Ijöljeren 
gigurenmaterei, fo finbet auch biefeS 33erf)ältntf in ber iSla= 
mtfc^en Sa^ung feine Gsrflärung, Wonach, wie ber Soran au8= 
brieflich betont, Weber -äRenfclj nod) S^ier in bilblidje gornt 
gebraut Werben burften, ein ©ebot, Welches ftrenge beobachtet 
würbe unb nur burdf einzelne SluSnaffmen bei ben Schiiten in 
Werften unb Spanien (Cöwenbrunnen ber Alhambra) ljintan= 
gefegt blieb. 

®ie Hauptaufgabe ber arabifdjen 2lrcpite!tur war anfänglich 
auf ben äRofdfeenbau gerichtet, Welker unter bem ©eftdjtSpunft 
beS HatlenbaueS wie beS SuppelbaueS eingehenb erflärt, unb 
wobei in teuerem betracht bem ®ecoratiofpftent beS StalaE* 
titengeWölbeS, einerfeitS in feiner geringen teEtonifdjen, anberfeitS 
in feiner pradjttioHen pothdjromen 93ebeutung, eine befonbere 
Slufmerffamfeit gewibmet würbe. 

$n ähnlicher Söeife würben bie 93ogen* u. Säulenformen 
mit Unterftiihung lehrreicher Slbbilbungen (fRunbbogen, Spih* 
bogen, Hufeifenbogen, Sielbogen) erläutert, auf ihr 93orfommen 


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51 


in ben toerfdjtebenen morgenlänbifdijen tote abenblänbifdjen ©e* 
genben ^ingebeutet unb bie HuSgeftaltung biefer gormmotioe 
m ftmttiolle Sejiehuttg gebraut $um arabifcßen $tlt, beffcn ®r* 
innerung ebenfowoljl in ben bünnftäbigen Säulenfchäften ttrie in 
ben gacEenumfäumten Sogen ber HrdjiteEtur beS IgStam nach* 
Elingt, woher eS aber auch Eommen mag, baß biefe Shrnft eS 
webet burdj bie SSölbung, nodj burdj ben Sogen, noch burdj 
bie (Säule ju einer wahrhaft großen ftructioen Sebeutung ge* 
bracht h«t. ©hteS aber ift, ba£ für ben Mangel beS großartig 
SeEtontfc^en tote beS Sßlaftifchen ©rfaß gewährte, unb bie§ ©me 
tft: bie ftraßlenbe Hugenweibe ber malertfcfjen Ornantentation, 
Womit bie üöättbe ber arabiftßen Qnnenarc^tteEturen über unb 
über oerfc^toenberifcß bebedEt ftnb, unb worin neben ben ftilifirten 
^ßflangenformett, bie bon ben Hrabem ben beEannten “Kamen 
HrabeSEen tragen, bie öerfcßiebenften geometrif^en Sinienfpiele 
auftreten, untermifdjt mit SÜoranfßrüchen, tfyeilß in ber Eufifdjen 
Schrift mit ihren geraben Settern, tljeilS in ber KeSEi* ober 
©urftbfcßrift mit ihren gefdjwungenen ßügen: alles unauSgefeßt 
aneinanber unb ineinanber geflochtene ^ß^arttaftegebilbe in gor* 
men unb garben, bergleid)bar ben bunt gefdjlungenen ©r* 
Ölungen in „Saufenb unb eine Sftadijt."' 

3ur ÄunftbenEmälerfcßau nad) ber örtlichen Verbreitung 
übergeßenb machte ber Sortragenbe junächft barauf aufmerEfam, 
baß an ben Monumenten eines fo ungeheueren CänbercomplejeS, 
Wie bie gStambomination fte umfaßte, unmöglich dne ööHig 
übereinftimmenbe gormfßradhe gum HuSbrucE gelangen Eonnte. 
UeberaH machten ftd) üielmehr bie alten Ueberlieferungen, auf 
weldhe bie Araber bei ben ©inheimifchen fließen, gettenb, beifpielS* 
weife in gleichem ©rabe auf ber pßrenäifchen ^albinfel, Wo fie 
Spuren römifdher ©ultur begegneten unb mit ben SBeftgothen 
jufammentrafen, wie in ißerfien unb gnbien, Wo bie ©rinne* 
rungen ber uralten Warfen* unb ^inbucultur mit *3ähigEeit 
fortbauem. 

• ®ie hiermit in allgemeinen 3^9 en ongebeuteten Sehnlich* 
Eeiten unb Serfdljiebenheiten ber iSlamifdhen SEunft würben nun 
mit £)in Weifen auf bie reiche Serie ph°t 0 9raphtf<h e r Hufnahmen 


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in ber toeiten Verbrcitunggfphäre iljrer SenEmäler natf) bereit 
dharaEteriftifdhen Kigentf)ümtichEeiten oerfolgt unb habet ber 2lug = 
gang öon (Sorten unb ^ßatäfiina, ingbefonbere ber großen SJiofc^ee 
ju SantagEug unb ber Omarmofc^ee ju Qerufatem genommen, 
bie sunt Sl)ei( aug alten btjsantifchen ©acra[arcf)iteEturen hefteten. 

3u einer mehr felbftftänbigen Kntmicfelung gebiet) bie Qglam» 
funft in Stegtjptcn/mo, bei allem 9iach tönen beg älteren ^ei= 
mifdhen ©tileg, bie 2tmru=9ttofchee ju Kairo fcf»on ben beginn 
ber formen beg ©pi§= unb gmfeifenbogeng aufmeift, Silbungen, 
bie an ber äftofdfjee Qbu Sulun ooll entmicEelt erfcf)einen unter 
gleichzeitigem fnnsutreten beg SEufipet» unb Sftinaretbaueg, meiner 
in ber fpäteren 2lugbilbung ju Kairo mannigfache giertid^e 
Sliithen trieb, mie in ben SRofchcen beg Galann unb beg 
£>affan. Stuf perftfchem Soben mürbe beg üerfcf)tounbenen 
©lanseg ber SautocrEe beg §arun at Stafdjib ju Sagbab unb 
beg 9Ö?uhamnteb Qemin ju ©agna gebacht, bie KinmirEüng ber 
©affanibenEunft auf bie ÜlbaffibenarchiteEtur heroorgehoben unb 
an ben Sauten ju Qgpafjan ber bunte garbeufdljimmer unb im 
^lädhenornament ber eigenartig perfifdje Stumenftil djaraEtcri» 
firt. 2ltg ©ammelputtft ber QglamEunft in ^nbien mürben bie 
Saumerfe beg alten unb neuen Seiht gefdjitbert unb bie Kim 
mirfung ber alten SEunft ber §inbu auf bag SEunftfdjaffen beg. 
Sffioglemgeifteg big tief nach SeEan oerfolgt. 

Slehnlich toic nach Offen hin in bag innere oon Slfien, geigte ber 
©ang ber ^Betrachtung nun auch ba§ Vorbringen beg $glam 
gegen SBeften, junädhft längg beg afriEanifdhen ßittorale, mo 
ber §)albmonb nicht nur bie öegionen ber btjsantifchen Saifer, 
fonbern auch Ureintoohner unterjochte, bie nun ganj im 
arabifdhen SBefen aufgingen, eine SDEifchung, melche ben* 3tach- 
Eommen (befonberg ben^atgerifchen ©tämmen) ben milben, um 
ftäten $ug jurücflie^, ben bie fransöftfcfjen ©eneräte mohl 
Eannten, alg fte im testen Kriege junächft bie Surcog auf bie 
beutfdhen fpeeregabtfjetlungen Ibgliefjen-. 

Sag Kittbringen ber Slraber in ©panien gab bem Vor* 
tragenben ©elegenheit ju einer ©chitberung ber hohen Kultur» 
blilthe, su meldher bie ehemaligen 28iiftenföhne auch in biefem 


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Canbe ftcfy auffcfjmangen, BefonberS nad) ber ©rünbung beS fe[6= 
ftänbigen Kalifates toon ©orboua burd) bett ©mmapaben 2lBbe= 
rljaman. ©leidjmie bamalS ber $Rul)m ber corboüanifdjen Uni= 
herjttüt burd) ganj ©uropa ftc£) oerBreitete, fo gebiet) in ber 
Dauptftabt am ©uabalquiötr audj bie Bitbenbe Äunft §u (jofjer 
StnerEennung. £)a3 nun folgenbe ©itb ber Sunftbenfmäter 
auf bem ©oben ©panienS naljm mit tRectjt, als baS uns junädjft 
gelegene reidjfte, ben ©djmerpunft ber ®arfteHungen ein, ®ie 
gütte beS ©egenftünblidjen, metdje ber tRebner im ©erlauf 
feines faft jtoeiftünbigen ©ortragS gerabe an biefer ©teile ju Be* 
mättigen Ijatte, unb bie baburdj für ben ^Referenten ermadjfene 
©djmierigleit, ben. bargeBotenen tReicptljum ber Stufgaumigen 
in ^ürje jufammen $u faffen, mag eS entfdjutbigen, wenn mir nur 
bie £>auptmomente ber fpanifdjeri £>enfmiiterfdjau fjerborfjeBcn, 
meldje bometjmlidj bei ber äRofdjee ju ©orboha, bem SEatifen* 
fdjlofj ßara, bei ber ©uerta bet ©ol ju $£olebo, Bei ber ©i= 
ratba unb bem Sllcajar §u ©ebitta bermeitte, um fobann in ber 
©d)ilberung ber 9Ird)itefturen bon ©ranaba, ber ültljamBra, 
bem Berühmten Söiaurenfdjtbfs, inSBefonbere ju gipfeln, 2Rottu= 
mente in melden ber fogen. maurifdje ©til Ijerrfdjt,. unb 
meldje ben testen Eünftlerifdjen SRarEftein bilben in bem ®rama 
iSlamitifdjer ®omination auf ber pprenäifdjen»|jalBinfel. 

©oh ©panien lenfte ber tRebner baS geiftige Sluge ber 
©erfammlung nadj ©icilien, mo bie arabifdje &\tnft bie Su6a= 
3ifa= unb ©efaluBauten fd)uf unb auf geraume 3eit IjinauS 
fo feften gufj faftte, baf; fie fogar auf bie SEunft ber Normannen 
(bie SRadjfolger ber ©aracenen auf ber . ficilifdjen $nfet) ein= 
mirfte, mie an ben ®omen ju ©atermo unb SRottreale, unb 
felbft auf bem geftlanbe QtalienS ©puren itjreS ©injluffeS 
fjinterüef;, mie am ©djloj 3 tRufalo ju tRabetto Bei Stmalfi, Ijodfy 
über bem ©otf hon ©alerno. ©ei ber lebhaften ©djilberung 
biefer ®enfmäter machte fidf) beutlicf) bie perföntidje Slnfdjauung 
beS ©ortragenben fühlbar, BefonberS Bei bem $inmeiS auf bie 
Eu(tur= nnb funftgefdjidjttidje ©ebeutfamfeit ber gefammten 
SRonumentatmett im glüdttidjen ©ampattien, bie ben benEenben 
unb empfinbenben ©etradjter mächtig ergreife, menn er oon ber 


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^erraffe jenes Sergfdjloffeä au§ ber griechifcfjen £empelgru|)f)e gu 
ißäftum, ber üerfdjütteten römifdijen Vefuöftäbte ^Joitrpeji unb 
^erculanum, ber romanifc^en ®ome gu Slmalfi unb «Salerno, 
unb ber tro^igen Saracenenöefte gebenEe, SSerEe, bie bort nahe 
genug beifantmen liegen, unt ihm ba§ tüec£»fetoo(Xe Vilb einer 
mehr al§ taufenbjä^rigen Shmftentmidftung oon monumentaler 
$errlidhbeit in rafcfjer gfolge bor Slugen gu führen. 

©ne befonbere (ütyifobe feilbete- ein Streiflicht auf bie Äunft 
ber dürfen, als ©Ben ber araBifdjen SEunft. ®ie anbauentbe 
Stoße, Welche ber Spi^bogen auch im türfifc^en SEunftfdhaffen 
übernahm, gab bem Stebner Verantaffung gu einem, intereffanten 
Vergleidj beä iätamifdhen Spi^bogenä mit bem abenbtänbifdjen 
Spi^bogen al§ ©onftruction§:|mngip ber ©otljiB, mobei bie 
0-rage nadj bem gufäßigen Stuftreten ber @pi|bogen=^orm im 
Orient nicfet oermedhfett merben bürfe mit ber 0frage nadj bem 
Stuftreten be3 S)nfcbogen=Stile3, be§ üEriumpheä alter ©on= 
ftruction, tbeldjer für ben abenbtänbifcfjen Shinftgeift gu bean* 
fprudhen fei 2öa§ an ber arabifc^en SEunft in erfter Ginie t)odf- 
bebeutenb erflehte, befiele nicf)t im Settonifc^en, fonbern in 
ihrer OmamentiE, bie benn auch fdfjon früher hn SEunftgemerbe 
SlnEtang unb Stachahmung gefunben habe. Qn biefem gufantmem 
f)ang- mürben nocf) eingetne Eunftinbuftriette gmeige heroorgeljoben, 
barunter bie faracenifdje föeberei, beren moljttljätige ©nmirEung 
auf ben mobernen ©efdljmadf, namentlich in Sachen be§ garben* 
berftänbniffeg mieber gu @hten geEommen, in erfreulicher SBeife 
im Sßadhfen begriffen fei unb gum Stuffdhmung ber XejctilEunft 
ber ©egenmart mädhtig beitrage.*) 

SQtag barum, fo fchtoft ber Stebner, bie orientatifdhe $ ra 9 e / 
metdhe je^t bie SBett bemegt unb berunruhigenb bie Sage beherrfdht, 
eine Göfung finben, metdhe fie moHe, mag bie eroberungSfüdhtige 
Gange be§ SEofaEen unb SltbionS unamSgefefcteS Vorbringen im 
Orient -über bie grüne Sßrophetenfahne unb ben fdjneibigen 


*) $iefer £f|eil be8 SBortrageS mürbe itfuftrirt burd) eine Sfteifee poly¬ 
chromer tafeln au8 bem artifttfdjen Sßradjtoerf non ^rieberid) ^tfcfj&acfe: 
S)ie Ornamente ber ©etoebe. 


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jDamaScener beS 2RoSlent. ftegen, unb baS ißfortenregiement 
bieffeitS mie jenfeitS ber SDarbanellen untergeben: bie Sun ft 
beS QSlam, tbre formen» unb farbenfprüfyenbe JDrnamentif p* 
mal, mirb aud) mit einer Stataftxophe nicht p ©runbe gehen; 
fte mirb fortleben, benn fte ift unb bleibt eine SEulturtfjat, eine 
ber ebelften unb fdhmudföollften Stützen beS menf (blichen ©eifteS. 


2 . Ueber ben gortfdjritt im Cidjte ber ®artt>in’fcijen 

S^eorie. 

£>en jmeiten ber angefünbigten 33orträge hielt am 10. 
Februar £>err ^ßrofeffor Dr. Öubmig Siid)ner auS ®armftabt 
über baS in ber Ueberfdjrift angegebene Schema. 2Bir entnehmen 
feiner SluSfüIjrung bie nacfjftefienben ©inplheiten. 

®ie grage, ob bie SC^atfad^en ber Statur unb ©efdjidjte 
erlauben, anpnehmen, baft ein fteter (förderlicher mie geiftiger) 
gortfd^ritt ftattftnbet ober nicht, hat p allen $eiten benfenbe 
©eifter befeijaftigt unb ift bereits in ber oerfd^iebenften' SBeife 
beantmortet toorben. ©S gibt ebenfo begeifterte Anhänger, mie 
entfdjiebene ßeugner beS gptf^rittS. @8 gibt auch eine 
URitteldartei, meldje ben gortfd)ritt in einzelnen gingen ober 
^Richtungen anerfennt, in anbern bagegen leugnet. 2)ie SEBahr» 
heit liegt, mie in aßen menfcfjlichen gingen, in ber SRitte, nur 
hat bis je$t ber ©chlüffel beS StäthfelS gefehlt. 3)iefer @<htüffel 
barf je|t als gefunben betrachtet merben, unb par pm 
großen $J)eile burch ben ©mfluf ber berühmten $>armin’f<hen 
Sheorie unb burch bie ©rfenntnifj ber ©efe^e; melche ben ©nt* 
micflungSgang ber untergegangenen OrganiSmen*2Selt geregelt 
haben unb noch regeln, unb melche ganj analog benjenigen ftnb, 
melchen audh ber • ©ang ber 9RenfdhheitSgefdhi<hte folgt. Unb 
biefe Slufflärung ift um fo mistiger, als grabe nt ber ©efdjidhte 
ber ©rbe unb ber untergegangetten OrganiSmen*SEBelt jene 
©egenfä^e ber Stttfdjauung bis je£t am ©djroffften herborge» 
treten ftnb. 

. SRebner fdhilbert nun im ©injelnen bie ©rünbe, melche tion 
ben Anhängern, mie oon ben ©egnern ber gortfchrittS^heorie 


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auS ben paläontologtfchen üEfjatfadjen uttb gorfcfjungen fyex* 
geleitet worben ftnb, unb welche balb gortfcfjritt, halb 9tücf* 
fdjritt, balb einen, wie eS fcf)eint, regellofen gomtenwedhfel 
erlernten laffen. ©ang biefelben ©rünbe §at ntan aud) bei 
33eurtf)eilung ber gortfd)rittStheorie in ber ÜRenfdhheitSgefchichte 
geltenb gemalt unb barauf hingetoiefen, bafe neben großen gort* 
fdritten eben fo grofee D'iücff cf) ritte ober ©tiUftänbe ftattgefunben 
haben ober nachweisbar ftnb. Oer gelter ber gangen 33eur* 
t^eitung liegt nun barin Oerborgen, bafj ntan bisher immer, 
fowoffl in ber SRatur, wie in ber ©efdjidjte, ben gortfdjritt als 
eine einfache, oon ©tufe gu ©tufe ooranfdfreitenbe SReihe auffaffen 
gu miiffen geglaubt hot, wäljrenb in SBirflidhfeit bie SSerhältniffe 
gang anberS liegen, unb Währenb oielmehr ber gortfchritt ftch 
aus einer gangen Slngaljl nebeneinanber h^rlaufenber Leihen 
gufammenfe^t, oon benen fich eine über bie anbere erhebt — 
ähnlich ben feigen eines Weitäftigen SaumeS, Weldhe, wenn 
auch ouS berfeiben Sßurgel entfyringenb, bodj in ihrem 
Weiteren SBadhSthum bie oerfdhiebenften ©tabien eines im ©angen 
auffteigenben ©ntwidlnngSgangeS repräfentiren. (Singeine ßweige 
fterben ab, anbre bleiben ftehen, anbre wieber ftreben ftetig nach 
oben. Oaher fann eS auch nicht erftaunen, Wenn im Saufe ber 
©rbgefdhichte eingelne Schier* ober ißflangenf reife, nadhbem fie 
eine foldje ©tufe ber ©ntwidKung erflommen hatten, gurücE* 
gegangen ober ftehen geblieben finb, um anberett, höh^ ftreben* 
ben unb ihrer Einlage nadh gu höherer ©ntwäflung befähigten 
Greifen ^3la§ gu machen. (Sbenfo ging eS in ber 2Renfd)heitS* 
gefdhichte, wo ebenfalls grofje Reiche, mädhtige 33ölfer, h 0( h' 
gefteigerte ©ioilifationSguftänbe gu ©runbe gehen ober ftehen 
bleiben mußten, um auf ber ©tufenleiter beS gortfdhrittS burch 
anbere, gu höherer ©ntwicflung beftimmte gweige ber großen 
SBötlerfamilie abgelöft gu werben — fo bafj nicht oon einer ein* 
fad) auffteigenben Sftei^e, fonbem oielmehr oon einer SSerfdjiebung 
ber gortfdjrittSlinie nach SRedftS ober Sin!S gebrochen werben 
ntufj. Sluch barf nicht üergeffen werben, bafj neuere gorfdhungen 
bie erften Anfänge ber Organismen *2öelt, wie ber großen 
9RenfdhheitS*gamilie in immer weitere gemen unb immer un* 


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oollEontmenere 3 u f^ n ^ e »erfolgen taffen, fo bafj bie früher 
angenommene, oerhältnifjmäfjig ^oc^grabtge ©ntwidfelung biefer 
Stnfänge ber £$fortfchrittg*£>oEtrin nicf)t meljr im SBege fteljt. 
3)te orggnifUje ©eoötEerung ber (Srbe §at fiel) mit $ülfe feljr, 
feljr langer 3«träume aug ben einfacfften unb unooHlommenften 
Anfängen big ju' iljrer heutigen £>öfje entwicEelt; ebenfo wie ftd) 
aucf bk gegenwärtige ÜDtenfcpbeit im Saufe oon £mnberttaufenben 
oon fahren, oon benen leine ©efcf)tcf)te Sunbe gibt, nach unb 
nacf) aug einem rohen, t^ierä^nlicfjen ©arbarenthum big ju 
Ufrem je^igen (StanbpunEt emporgehoben f)at. SBenn babei ein* 
jelne culturlofe Staffen ober ©ölEer auf ber (Stufe ber urfprüng* 
licken SBilbljeit mehr ober Weniger fielen geblieben finb, fo be= 
Weift, biefeg ebenfowenig gegen ben gortfc^ritt im ©rofen unb 
©angen, wie bie unoeränberte g-ortbauer einiger niebrigen ober 
unöoUEontntenen Xgpen ber X^kr= ober Pflanzenwelt burdh alle 
geotogifc^en ßeiträüme ^tnburä). 2tudh für jene gformenEreife 
ber organifcfen Statur, Welche, wie §. 93. bie ©eutelthiere ober 
(Sdjnabeltlfiere SteuhoHanb’g ober manche g-ifchformen, eine ge* 
wiffe ^ö^e ber Organifation erreichen, bann- aber längere 3 e it 
unoeränbert fte^en-bleiben, bietet bie ©efdfidjte ein beutlicheg 
Analogon in bem großen Steicf ber ÜDtitte (©fina), beffen in 
ihrer 9lrt Ijodhgefteigerte ©ioitifationg*©ntwicfelung ung ^eute 
Eeine Sichtung mehr abnötljigt, Weil fie eine fteljenbleibenbe, ge* 
Wifferntafen oerEnöcferte geworben ift. 

SOtan §at oft ben grortfclfritt mit einer auffteigenben (Spiral* 
link oerglidjert, Wobei ficf ber ©ang berfelben in fcfeinbar 
rücEläufigen, aber bod} ftetg über einanber emporfteigenben 2Sin* 
bungen langfam nadj oben bewegt — ober auch mit einer auf* 
fteigenben 3^3 ac ^ 5 öi n ’ e / Wobei ftetig ©or* unb StücEfcfritte 
mit einanber abwedhfetn, Wobei aber bodfj bag ©anje einen 
aufwärtg ftrebenben ©ang ein^ält. ©eibe ©Uber geben eine 
falfd^e ©orftellung, Weil fte immer ben ©ebanEen einer jufammen* 
Ijängenb fortfcfreitenben Sink feftfjalten. 2Seit beffer eignet ftd) 
für einen folgen ©ergletcf bag bereite .gebrauchte ©Ub eineg 
mächtig aufftrebenben ©aumeg mit weiter ©erjweigung, wobet 
jeber Stft für ^ fiep weiter wächft, aber hoch nur, naefbent er 


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feinen Urfprung au3 bem gentemfanten (Stamm unb Sßurjelftodf 
genommen/ unb Wobei ba3 ©anje mit feinet ^öc^ften Spi^e 
ober ©ntwidftung alles ttebrige überragt. Üludj Karmin ge* 
braucht biefeS SBilb mit Sorliebe, um feine ©ntwicflungätheorie 
baran ju erläutern, Wobei er bie heutigen %fyn* unb ißffonjen* 
Slrten ben grünen unb fnoSpenben, bie er (offenen ober erlä* 
fdhenben ben älteren unb abfterbenben ßweigen tergleicljt. Siele 
3weige ftnb abgefaHen ober oerborrt; einige aber warfen Weiter 
unb geben felbft wieber $weige ft b. 9lucf) ber beutfe^e 3)arwtn, 
^rofeffor $ütfel in gena, erläutert feine 2n>ftammung3=S£tjeo* 
rien burd) fogenannte Stammbäume. 

^ebenfalls Eann man behaupten, bafj bie ©efe^e be8 gort* 
fdhrttteS in Statur unb ©efdjidjte biefeiben ftnb, unb bajj ber 
©efdjidjtS=gortfdjritt im ©runbe nichts 2lnbere§, al3 eine ein* 
fache gortfefcmtg be§ 0latur*gortf(^ritt§ ift — wobei allerbtngä 
burdj ba§ Auftreten be§ SWenf^en unb feiner geiftigen Sraft 
ein ganj neuer unb höcfjft wirlfamer gaftor hinjugetommen ift. 
Son biefem Slugenbltd an oolljieht jidj ber gortfe^ritt mehr 
auf geiftigem, ftatt, wie früher, auf gröf|tentljeil3 förper* 
lichent ©ebiet. 3lHerbing§ !ennt auch baS S^ier einen geiftigen 
gortfäjritt; aber er tritt bodj feljr hinter bem törperüc^en ju* 
rücf, wäljrenb bei bem Sflenfdjen ba§ ©egent^eil ber gaH ift. 

SEßenn nun unter biefen Umftänben ber gortfe^ritt al§ 
folget ober im ©rofjen unb ©ankert nidjt woljt geleugnet 
Werben fann, fo müffen wir mt§ böd) auf ber anbern Seite 
gefte^en, bafj berfelbe", Wenn wir ihn an bem Sölaafeftab unfrei 
eignen furjen ober tleinen CebenS meffen, unenblid) langfam 
öor ft«h geht, unb bafs jeber, auch ber ileinfte Stritt, ben 
Statur ober ©efdjidjte nad) Sorwürtö tljun, burdj unjäljlige 
Seidjenhügel bezeichnet wirb. 3lber wa§ bebeutet ber Segriff 
„ßeit" im ewigen Saufe ber Gegebenheiten! ®er SÄenfch geigt 
mit ber SDJinute, weil er fein ©nbe täglich unb ftünblidj öor 
fidj fteljt. Silber bn ©ang ber SEBelt = QmtwidElung bebeuten 
SWiUionen galjre nicht mehr, als für un§ SDHnüten ober SeEunben. 

ltebrigeng ift babei nidht ju oergeffen, bafj ber gortfdhritt 
um fo rafdher tor ftd) geht, je fyfya hinauf er Eqmmt, unb bajj 


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gewiffermaahen eine fteigenbe SSerbidjtung beS Sultur^rincipS 
Jtattfinbet, währenb umgefe^rt bie Neigung jur (Stabilität ober 
j$unt ©tiHftanb unt fo größer wirb; je älter, einfacher unb 
urfprüngltdjer bie Sßerhältniffe ftnb. 2)a^et biirfen wir unS 
nicht oerwunbern, wenn heutzutage ber gortfdjritt eines gatjr* 
IjunbertS benjenigen oon galjrtaufettben auS früherer -ßeit 
aufwiegt, unb wenn mir bemerSen ntüffen, bafe in oorljifto* 
rifcher ßeit fjunberttaufenbe oon galjren ohne beutlidj benterS* 
baren gortfdjritt oerlaufen Sonnten, währenb gegenwärtig faft 
jeber neue £ag etwas SReueS bringt, ©rabe fo Ijat eS ftd) 
auch mit ber untergegangenen OrganiSmenWelt oerhalten, 
'treibe in ben primär» ober 2lnfangS=3eiten nur oerhältnih» 
mäfetg feljr langfam ooranfdjritt, Währenb nad) ©rreidjung beS 
SBirbeltljier*, noch mehr aber beS Ijödjften ober ©äugethier^puS 
bie ooranfdjreitenbe Umwanbtung einen fdjnelleren unb immer 
fdjnetteren ©ang annahm. 

greilich wirb man ftdj fyvc bie wichtige grage oorlegen 
müffen, wohin benn biefer gortfdjritt fchliehltth führen wirb 
«ber ju führen beftimmt ift? 9tebner beSennt, barauf Seine 
genügenbe Antwort geben ju Sännen;. er glaubt nur, nach 
Sinologie beS SSorhergegangenen annehmen ju bttrfen, bah Wir 
int großen ©anjen noch * tt ^ cn erften Anfängen, geWiffermaßen 
in ben ^inberfdjuhen ber ©ultur unb ©iüiüfation, fteijen, unb 
bah wir jur ßeit oiellei^t noch Seine Slljnung baoon \)dbtn, 
was ber -äRenfchengeift in feiner weiteren QsntwicElung noch 
■SlUeS ju leiften berufen fein wirb, freilich h^ neuere 
IRaturforfdjung nachgewiefen, bah hfe ®rhe <*& ©injelwefen 
- einem fchtiehlidjen, wenn auch nt nod) f° weiter gerne liegenben 
•Untergange geweiht fei, unb bah bamit SlUeS ©rohe, ©bie unb 
<5<höne, was bie SRenfdjen jemals geleiftet ober gebacht hätten, 
in ben ©djooh ewiger SBergeffenfjeit oerfinSen Werbe. ®a aber 
ein folcheS ©djicffal in unberechenbarer gerne liege, fo möge 
ber greunb beS gortfehritts fid} einftweilen noch an äem ©e* 
banSen laben, bah hie 9Renf<hheit als fotdje in ftetem SSoran« 
ffreiten nach ben groben fielen oon SBaljrheit, SSMffenftljaft 
unb Vernunft begriffen fei, unb bah jeber ©injelne, bewuht 


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60 


ober unbewußt, oiel ober wenig, fcf)on burd) fein bloßes Safein 
an b.er ©rreichung biefeS großen ßieleS mitarbeite. Saß aber 
ber SBaljrheit ber fdjließliche ©ieg bleiben rnüffe, fei fo gewiß, 
Wie eS gewiß fei, baß ber Sag auf bie Dacht folge. 


3. Sie alte ft en Depertoireftücfe ber granEfurter 
©djaubühne (tion 1546 bis 1630). 

Am 10. gebruar 1884 Ejielt grau ©. 9Den$el ben britten 
ber befdjloffenen 93orträge, ber ft<h mit einer bemerEenSWerthen 
sßeriobe auS ber älteren ©efdjidjte ber granEfurter Sühne be* 
fdjäftigte. 

Dadjbem bie Sortragenbe eine Eurje Ueberfidjt über bie 
©ntwkfelung ber bramatifcljen Äunft gegeben unb namentlich 
ber öerfdjiebenen bramatifchen Aufführungen gebacht hotte, welche 
in granEfurt währenb beS DiittelalterS ftattgefunben, fuhr fte 
in ber folgenben SBeife fort: 

AIS bie Deformation toie ein erfrifchenber Diorgenwinb in 
bie butnpfe Atmofpf)äre ber erften galjrjehnte beS XVI. galjr* 
hunbertS hmehtbraufte, entftanb in granEfurt eine Sßaufe im 
bramatifdhen Geben, bie erft bann ihren Abfdjluß finben foHte, 
als ber ©türm ber neuen Bewegung ftch einigermaßen in ben 
©emüthern gelegt unb Datf) unb Sürgerfcfjaft ber wichtigen 
©laubenSfrage gegenüber eine einigermaßen beftimmte ©tettung 
eingenommen hotten, ©in SDenfdjenalter liegt jwifdjen ber Auf* 
führung beS lebten SDpfteriumS unb ber Sarftetlung beS erften 
©cpaufpielS, welches ein proteftantifdjer Sichter abgefaßt unb 
ein „teutfcfjer ©chulmeifter" DJatljiS Deuter ober Deiter mit. 
#ülfe feiner größeren ©djüler unb ber mittlerweile §'u einem 
ftarEen §alt beS jungen ©laubenS geworbenen 3^ttfte 1545 hie* 
auf bem Dömerberge jur SarfteHung brachte. 

Ser Serfaffer biefeS ©tücES, „ein geifttich ©piel oon ber 
gotteSfürdjtigen unb Eeufchen grawen ©ufannen", ift ber hunta* 
niftifche ©eteljrte ißaul Debhuhn, ber greunb GutfjerS unb 
ÜDeiandjthonS. Sa biefer ÜDamt mit einer umfaffenbeit Silbung 
ben ©inn für bie Sereblung beS SolESthümlidjen in ber Sicht* 


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61 


funft ju paaren oerftanb, fo überragte fein $)rama alle ber* 
artigen gleidjäeitigen Sßerfe fo ju fagen unt Haupteslänge. 

3Me betannte biblifdje §>tftorie ift in bentfelben oon SRebljuhn 
nach ben* Siegeln ber Slntife unb mit einer fixeren ©mpfinbung 
für baS bramatifcf) SBirffame aufgebaut unb mit überrafchenben 
ßügen pfpcf)etogifd§er SBa^r^eit unb g-einheit auSgeftattet Wor* 
ben. ®ie H an ^fung beS ®ramaS ift in fünf Sitte gegltebert, 
jebem berfelben folgen metrifepe ©föte, meiere eine äfjnlidje 
Slufgabe haben, Wie bie ©höre im griedjifc^en ®rama, ober rief)* 
tiger oietteidjt, wie bie über ben bargeftettten Vorgang reflec* 
tirenben ©) öre in ©cpillerS Vraut oon SOieffina. 

®ie Vürgerfpiele, Welche oon ber SRitte bis jum (Snbe beS 
XVI. gjahrljunbertS in grantfurt auf geführt Würben, nahmen 
iffre SDarfteHer ^auptfädjlicf) auS ben fünften ber ©djulfmadjer 
unb Vuchbrucfer, ben bebeutenbften ©tüfcen ber ^Reformation 
unb fortfeffreitenben VolfSbilbung. Q^ren ^öepften ©ipfelpuntt 
erreichten bie Vürgerfpiele in bem 1579 im Stahmljof oon einigen 
©efeHen aufgeführten ©piel „®ie gebutbig unb -gehorfam rnarg* 
gräfin ©rifelba, ein fomöbie in fünf Sitten mit 13 ißerfonen 
oon ©arfiS." £>en (Stoff §u biefer Äomöbie nahm ber 

poetifd^e Siürnberger ©chuhmadjer auS ber lebten StoöeHe beS 
Voccaccio im üDefamerone. ©rifelba ift bie Softer eines armen 
CanbmanneS in ^ßiemont, bie SRarfgraf 2Baltf)er oon ©alujjo 
ihrer anmutigen <Sc£)önt»eit wegen jur ©emahlin ertor. Stach» 
bem beibe mehrere ^aljre oermählt ftnb, tommt ber ÜRarfgraf 
auf ben ©ebanten, ©rtfelba’S Sreue unb ®emuth prüfen ju 
wollen. @r erfinnt auch oerfdjiebene, man möchte fagen, feljr 
graufame' unb unmännliche groben. SRadjbem er ihre beiben 
Sfctnberfl fdjeinbar h<*t bei ©eite fchaffen taffen gebietet er ihr 
enbtidj, Wegen feiner anberweitigen Vermählung ju ihrem Vater 
jurücfjufehren, ©rifelba murrt nicht unb fügt fid) bemüthig 
bem SBitlen ihres ©emahlS, ber nach folchen VeWeifen genug* 
fam oon ihrer SlufopferungSfähigfeit überjeugt ift, ihr bie tobt* 
geglaubten Stinber juführt unb fie wiebgr in alle ihre Stedhte 
^einfefct. 

®er ©toff ift oielfach oon italienifchen unb beutfehen ^Dichtern 


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62 


ju tmuitatifdjen SBerfen bernt^t mbrben, in ben 30er Qa^reit 
unfereS ^a^r^unbertö am erfolgreichften oon $alnt in feinem 
rüljrfeligen £)rama ©rifeQ)iS. 

$)er erfte beutfdje Bearbeiter ber ©rifelba unb *frü§efte 
Dramatifer unferer Citeratur r in beffen (Dichtungen mir jmar 
fein unmittelbares §eretnjie^en ber ßeit unb- ihrer Qntereffeu 
nadjmeifen Eönnen , eröffnet ber injmifchen jur ©Ijre gef^id^t*. 
liefen BemufjtfeinS ^erangereiften Station auf bem ©ebiete beS- 
Dramatifchen eine neue unerfd)öf)fltdje gunbgrube oon (Stoffen, 
©Ijarafteren unb Situationen. $atte man feiger einesteils in 
bem ÜDKfterium ben oon tijeologifdjer ©inbilbunqSfraft fünftlich 
oerflärten ober oerjerrten SDtettf^en unb anbemt^eilS in bem 
meift mit einem $uge berber. ©emeinheit auSgeftatteten gaft* 
na<htfpiel bie läppifche ober lädjerlidje Sfarifatur beS mitflichen 
^nbioibuumS gefeljen: fo mürbe burdj £>anS Sad}S ber ooHe 
ma^re SDtenft mit bem ganzen Umfang feiner Ceibenfdjaften unb 
folgerichtigen JEftmpfe fortan ein ©egenftanb ber bramatifdjen 
Dichtfunft unb DarfteHung. 

Drojj biefeS BerbienfteS biirfen mir aber baS Talent beS 
Stürnberger Boeten, beffen bic^terift^e Begabung ja unangefochten 
haftest, fetneSmegS überfdjäfcen. §anS Sad)S gehört nicht z u 
jenen bebeutenben ©eiftern, toelche bie SEämpfe beS QahtunbertS 
in ihren eignen SEümpfen mieberfpiegeln, unb in beren einzelnen 
perfönlidjen ©ntmicflungSphafen bie 3eit felbft nach ih rer ^ eUs 
geftaltung ringt. @r lebte nur in einer großen oon brantatifdjen 
©lementen gleichfam burdjmühlten ©poche, unb ber ©eniuS beS 
gortfdjrittS, ber feine Qbeen im Drama ber Citeratur mie im 
Dranta ber 2Beltgefchi<hte nicht immer burch bie grofjartigften 
©eifter bitrchjufe^en toeifj, mahlte ihn felbft jum unbetoufjten 
poetifdjen Dolmetfcher ber gemattigen Strömungen beS 4 9tefor= 
mationSjeitalterS. immerhin freilich bleibt eS baS unfierbliche 
Berbienft beS Stümberger SReifterftngerS, biefelben oöHig in ftch 
aufgenommen unb tn naioer Begrenzung ju bidjterifehern 2luS* 
bruef gebraut ju haben. • 

Sämmtliche bramatifchen SGßerfe beS $)anS Sachs, unb fo 
auch bie 1579 hier aufgeführte ©rifetba, ftnb eigentlich nur 


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63 


bialogiftrte ©eenen, ofjne einen bebeutenben SRittelpuntt, ohne 
einen er^ebenben ober fpannenben 8eben?nerü. Obgleich er nadj 
benx 9Rufter ber oielfadjen Ueberfefcungen be? Sterenj feine 
bramatifeben (Stoffe in Sitte eintljeitte, alfo bie organifdje ©lie* 
berung be? bramatifeben Sujet? in unfere Citeratur einfiUjren 
half unb fogar febon jttnfäjen tomöbie unb £ragöbie unterfebieb, 
fo jeigt fub bei i^m bodj noch eine - folcbe Unfenntniß in ben 
StnfangSgrünben ber bramatifdjen Secbnif, baß man ftdj nicht 
genug über ben Untf^hmng nranbera tann, ben er mit feinen 
geringen äRitteln auf bent ©ebiete ber bramatifeben ®i<btfunft' 
berbeiäufübren berufen mar. 

2öa? in feinen SEBerfen befonber? jünbete, unb ma? auch 
bie Qfrantfurter 1579 berartig ergriff, baß bie SorfteHung ber 
©rifelba im Stabmbofe wieberbolt »erben mußte, ba? mar bie 
treuherzige 97atürli^feit unb tiefftnnige ©infalt, in metdjer ber 
gefunbe Sinn unb ba? §erj be? Sötte? ibr geläuterte? ©dfo 
fanben. • 

Oie Sluffiibrung be? lebten Sürgerfpiele? am 20. Februar 
1594 fällt febon in eine ßeit, in melcber bie erften SerufS* 
fomöbianten bie bramatifdje .Stunft ht granffurt bereit?- einer 
neuen ©ntmicflungSpbafe -entgegengefübrt bitten. 

Seim Ueberbticfeu biefe? intereffanten SBenbepunfte? muß 
man über bie mabrbaft logif^e ©onfequenj be? gortfdjritt? 
erftaunen, meldje gerabe in bem Slugenblict, at? bie Sürger* 
fontöbie .anfing amufante SRebenbefcbäftigung zmeifeUjafter ißer* 
fanen §u merben, bie au?geftreuten bramatifeben Steinte jur 
SBeiterförberung anberen berufsmäßigen Pflegern anoertraute. 

2Bir ntüjfen fyex oon ber ©djitberung jene? ungebunbenen 
Ceben? unb Treiben? ber fabrenben 2Ebc?fi?jünger abfeben, bie, 
oon bem SBeltruf ber granffuter Süteffen angejogen, oom ©nbe 
be? XYI. bi? junt britten ^abrjebnt be? XVII. Qabrbunbert? 
ihre tünfte tbeil? in Subeu am 2Rain, tbeil? in ben Sailen* 
bäufem. btefiger ©aft^öfe auffübrten. 3Bir haben e? b>* mit 
bem ^Repertoire jener manbernben Gruppen unb oor allem mit 
bem ber. englifdjen tomöbianten ju tbun, bie jebenfaH? febon 
bei ihrem erften Slufentbatt in granffurt, in ber ^erbftmeffe 


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64 


1592, bie ©tüde ifjreg berühmten Canbgmanneg .©hriftoph« 
IDtarlow aufgefüt)rt haben werben. 

liefet geniale dichter, ber in ber englifc^en Siteratur mit 
feinen beiben 3*itgenoffen Ätjö unb ©reen eine ö^nlic^e Stettung 
einnimmt, Wie bie Jünger, 8enj unb SBagner in ber Sturm» 
unb tDrangperiobe ber unfrigen, war ein unmittelbarer. 93or» 
lüufer StjaEegpeareg unb beljanbelte fctjon 1588 benfelben Stoff 
•in einer Wirfuttggoollen Sragöbte, aug bbm beinah 200 ^affre 
fpäter ©oettje feinen unfterblid^en „gauft" ‘bitbete. 

3wo§ ber eifrigften 0forfdfungen ljat big jefct nicf)t alten» 
mäfgg feftgefteöt werben Eöniten, ob fctjon 1592 „£)ie tragifc^e 
$iftorte oon Dr. gfauft" oon ©^riftofi^er ÜRarloW in englifc^er 
Sprache hier aufgefübrt Worben ift, allein bie neueften gror» 
f jungen über bie in jenem Qatjre ^ier auf getretene, unter ber 
Ceitung eineg gewiffen Stobertug iBraun fteljenben englifd^en 
fiomöbiantenbanbe unb einige Slnbeutungen zeitgenöffifcfjer 3lu= 
toren taffen Eaum noch einen ^Weifet an biefer Annahme auf» 
Eommen. ' 

©in Statljfchlufs, Wetter biefen Stomöbianten in ber £>erbft= 
meffe 1593 unter ber SBebingung wieber bie ^Bewilligung jum 
®arftetlen Ufrer STEtioneg gibt, fte oon ben jungen nicht 
fo oiet nehmen füllten wie oon ben Sitten, weift barauf 
bafs i^re SSorfteHungen oon ber granffurter Qugenb ffljr jahl* 
reich öefuc^t würben. $)ieg geht auch aug anberen gleichzeitigen 
ClueHen heroor, welche ebenfattg berichten, baft bie „Singerftinfte 
unb barwarifdj SSerbrehungen junt ergeben nach bencn blutigen 
tragöbiag" beitragen füllten. 

Unter biefen „barwarifdjen Serbrehungen" finb ©qutli» 
briftenEünfte ju oerftehen, welche bie engtifdjen Stomöbüxnten um 
fo mehr atg ßodffjeife anjupreifen genöttjigt Waren, atg bem 
beutfdjen ^ßubtifnm für bie in frember Spraye gegebenen 
Stüde gewiffermaßen eine ©ntfcfjcibigung geboten Werben mujjte. 
3« biefen beiben 3ugmitteln Eant noch bie aufjerorbentlich gute 
Vertretung beg Eomifchen ©tementeg, wetcheg in ben bamatigen 
engtifchen Stüden burch ben luftigen Starren ^ah tt — ben 
■SOjnherrn einer ganzen Siarrenfippe — repräfentirt würbe. 


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Obgleich fiep jeboef) ihre Aufführungen beS aHgemeinften 
SöetfaH^ erfreuten, faßen fiep bie englifcßen Slomöbianten noch oor 
bem beginne beS XVTI. QahrfjunbertS genötigt, folche (Stoffe 
für iljre bärguftellenben ©tücfe gu wählen, bereit befannter ©egen= 
ftonb bem ißublifttm baS Serftänbniß für bte in frember (Spraye 
gegebenen SSorftettungen erleichterte., ©o geigen bie grüßrer ber 
Gruppe bem IRat^e ber ©tabt g-ranffurt unter anberem an, baß 
fie „bie ©omöbia oon Abraham unb Cotß unb oom Untergang 
non ©obom unb ©otnora beneben anberen fünften" gut S)ar= 
fteHung bringen wollen. 

©he nur baS Repertoire ber englifcpen Stomöbianten 
Weiter ht’S Auge faffen,.müffen Wir einen SlicE auf bie ©efefjid^te 
ber-Aufführungen felbft Werfen. 

3Me älteften tßeatrcxlifcßen ©piele, bie SRifterien, Würben 
unter freiem Fimmel tßeilS auf großen bretternen ©erüften, 
tßeilS auf öffentlichen flößen aufgeführt. Anfangs, als ber 
©egenftanb ber 3)arftellungen noch einen befeßeibenen Umfang 
hatte, waren nur ©etliche bie AEteurS, nachbem -jebodß gange 
©chaaren oon ©ngeln, Heiligen, Quben unb 9Rartprern auf bte 
33üßne gebracht Würben, reiften natürlich ©entließen nicht 
mehr auS, ba mußten ßaien mithelfen, meiftenS religiöfe SSer= 
eine ober SBruberfdjaften, bie fidh, wie hier in gfranEfurt/ oft 
eigens gu biefem gwecle oereinigten. Reben biefen wirEten 
aber auch gewerbsmäßige umhergiehenbe ©auEler unb luftige 
junge ©efeHen mit, welche baS Eomifcße ©lernent oertraten unb 
bie langatmigen troefenen Reben ber Hauptfiguren tm SRifterium 
bur<h ein ht bie feierliche Hanblratg emgefcßobeneS ^citercö 
3wifdßenfpiel .unterbrachen. ®ie $auer ber ©orftellüngen betrug 
meiftenS ein paar tage; bot gfebt eSaucß geiftlic£»e ©piele, 
beren Aufführung eine Sßocße in Anfprudj nahm. ÜReiftenS 
folgte einer foteßen ein. großes 3ecßgelage °^ er SanEet, welches 
■bie Sürgerfcßaft ben betreffenben ®arfteUern gur Belohnung 
gab.* Hier ht granEfurt, wo bie 33orfteUungen fehr großartig 
gewefen fein müffen, gab ber Rath ftetS <*oS feinem Seiler gu 
ber luftigen Rachfeier einen erElecflicßen Beitrag. 

„ SBaS nun ben fcenifchen Apparat gu ben 'Söürgerfpielen 

5 * 


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anlangt, fo muß man ftd) ihn fo primitio als möglich benten. 
$ie Sühne war ein einfaches niept fe^r hohes ©erüfte, welkes 
juweiten mit Surf) belegt War unb Bei Aufführungen mt freien 
Wegen beS Schalles oft eine bretterae Stücfwanb belant. 

Sie Aufführungen ber h^ßgen Sürgerfpiete waren lange 
nicht fo großartig, wie bie ber SJtifterien, beren becoratioe AuS* 
ftattung burd) ben reifen Sorrath oon foftbaren firdjlidjen 
©eWanbern, Welche bie brei tjieftgen Stifter unb befonberS baS 
SartholomäuSftift für bie heilige Sache herliehen, üußerft prunf* 
ooll gewefen fein muf. 

©S bebarf Wohl faum einer ©rtoahnung, baß bie grauen* 
rollen hn geiftlichen wie bn Sürgerfpiel unb auch noch lange 
3eit in ben Aufführungen ber berufsmäßigen SÜomöbianten'oon 
jungen SJtännem bargefteHt Worben finb. So fömten wir ftcher 
annehmen, baß bie ehrfante grau Sufanna oon einem ber 
größeren Schüler beS SJtatljiS Deuter, unb baß bie gebulbig unb 
geljorfam SWarfgrößn ©rifelba — um einen technifdjen AuSbrucf 
ber englifd)en Äomöbianten ju gebrauten — oon einem „fein* 
artig fraulichen gunggefeH" gegeben würbe, gn ^infteßt beS 
SoftümS bürfpn wir unS bie ©rftere in ber Sradjt ber ^ßatri* 
cierfrauen beS XVI. gahrfjunbertS, bie Ceßtere in einem ihrer 
Stolle fchon mehr entfprecljenben Sleibe oorftellen. Sie An* 
Weifungen, welche .jpanS Sachs in ber ©rifelba in Sejug auf 
baS Softünt ber einzelnen Stollenoertreter gibt, waren ben 
granffurter ©efetten gewiß nicht entgangen, wenn natürlich in 
biefer frühen ©poche ünfereS S^eaterS aud) nojh nicht im ©nt* 
femteften oon Ijtftorifcher Softümtreue bie Siebe fein fann. 

2BaS nun bie Sühne ber engtifrfien Somöbianten anlangt, 
fo muß biefelbe, einem alten £>oljf<hnitt jufolge, aus einem 
größeren oorberen unb einem Heineren hinteren S^eit, Srügge 
ober Srücfe genannt, beftanben haben. Seibe Stüume waren 
Weniger breit als tief unb burd) einen jurücfjiehbaren Sorfjang 
gefdjieben. Ueber biefem feitlich auSeinanber geljenben Sorljang 
erhebt ftd) ein jeltartiger Auffaß, aus beffen Oeffnung ber $opf 
eines ©loWn heroovfteht. SteS möchte eine Anbeutung bafür 
fein, baß felbft biefer Heine Staunt bei ben Sarftellungen nicht 


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unbenufjt blieb, ©outiffen urtb eine Sorbergarbtne ober Sorljang 
ftnben fidj auf beut Silbe nocf) nid^t, ftatt beffen Rängen faljnen* 
•artig einige Stüde $eug öon ^ er S*ede §erab. Siefe (Stoffe 
Ratten jebenfattg bie Seftimmung, bie Sagegjeit anjufünbigen, 
in welker ftdj ber auf ber Süfjne bargefteHte Sorgang abffiiette. 
Sßenigfteng bebeuteten in bem 1576 nt Conbon errichteten 
Sladfriargtljeater} in bem Stjafefpeareg Stüde juerft aufgefüfjrt 
mürben, hellblaue non ber Sede tjerabljängenbe Sücfjer, bafe eg 
Sag, graue, baft e§ Dämmerung unb fdjmaräe, bafj eg oöHig 
Sftadjt fei. 

31m Sftanbe unb gerabe in ber üüiitte bei oorberen Stjeitg 
ber Süfjne ift auf einem rnäfjig fjoljen Srett ein Säflein ange* 
bradjt, beffen Qnfdjriften bie Slufgabe Ratten, bag Sßublifum mit 
bem Ort ber bargeftellten ^anblung befanrit ju machen, ©in 
SBet^fel biefer Qnfdjriften genügte alfo ooUftänbig, um bie mittige 
sßljantafie ber gufdjauer bie größten Sprünge oon Sftorben nadj 
Süben unb umgefefjrt matten ju taffen. Sag ißublifum fajj um 
bie an brei Seiten freie Süfjne tjerum; bodj mirb eg Ijier gerabe 
fo gemefen fein mie in ben Stjeatem Conbong, mo bag-parterre 
ober ber fogenannte §of mit feinen Steljptäfcen ben §mupt= 
jufdjauerraum bitbete. 

©inige Senterfungen in ben Stücfen aug jener ßett beuten 
barauf t)in, bafe bie engtifctjen Stomöbtanten aud) bie 

Safteten angemenbet Ijabejt, metdje it)re Süfjne ju ben Seiten 
unb im £>intergrunbe abfdjtoffen. Sßenn mir biefe fcenifdje Ser= 
öottfommnung nodj fjinjurecfinen, fo fjabeg mir, mit 3lugnat)tne 
einiger unbebeutenben 3lbänberungen, bie 33üt)nenemrid)tung ber 
SEBanbertruppen für einen ßeitraum oon nteljr atg Ijunbert fahren. 

©aben nun bie englifdjen Somöbianten big 1597 ifjre Sor= 
ftettungen in granffurt. nur in englifdjer Spradje, fo filmten 
mir bodj ben- SJtadjmeig liefern, bafj in ber £>erbftmeffe biefeg 
Qa^reg bereitg beutfcfje Stüde £)ter aufgefüljrt morben finb. 
. Sarnatg fpiette eine Sruppe unter Ceitung eineg Qjofjn Sadeoille 
in gfranffurt, beren üütitgtieber tljeilg Seutfdje, tljeitg 9 f iieber= 
tauber maren. Siefelben fjatten, mie aud) t§r güfjrer, früher 
in ben Sienften beg .gterjogg §>etnric£) Julius oon Sraunfdjmeig 

5 * 


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geftanben unb jebenfattö bie bramatifdjen Serfe bc§ fürftlichen 
®idjter§ in feinem Sweater in Sßolfenbüttel nufführen Reifen. 

35er ^erjog £>ehtrich Qutiu§ bon 93raunf<hwetg ift ber erfte 
beutfdje Sramatifer, in beffen Serien ftd) bie bon ben engtifchen 
Somöbianten gegebenen Anregungen unb .©inflüffe genau na<h= 
Weifen taffen, greilidj mangelt feinen ©türfen bie ©tarle ber 
Ceibenfchaften, ba8 Skrftänbnif? für bie ßeidjnung bramatifcf)er 
(S^araltere unb Situationen, überhaupt alles ©rgreifenbe, Woran 
bie engtifchen 33orbilber überreich waren. Sn ber $erjog nicht 
ben feinfühligen Satt be§ ©entes befafj, übertrieb er ba§ Stutige 
in’§ SRafjlofefte unb behanbelte heilte fünfte mit einer unteug* 
baren Notzeit, um nicht ju fagen Seftialität ber ©mpfinbung. 

Sie fomif^e fjrigur nt ben ©cpaufpielen be§ $erjog3 — 
eine Nachahmung be§ englifdjen ©loWnS — führt meift ben 
Namen Johann ober Qoljn Soufet. Sief er Narr rebet burcf)* 
gehettbS eine befonbere Sprache, beren ©runbetement jwar 
^ottänbifch/ aber mit plattbeutfdjen unb engtif^en Neben ber= 
mifept ift. Qn ber beborjugten 93erWenbung beS ^ottänbifchen 
für bie SRoHe biefer wichtigen gfigur liegt ein faft untrüglicher 
f)inwei§ auf ben Seg, ben ber urfprünglicp englifche ©loWn 
burch bie Nieberlanbe ju un§ genommen. 

33on ben gehn ©tücfen be§ ^jerjogä Heinrich Julius bon 
SBraunfcpweig ftnb ftcher $wei am ©nbe be§ XV. unb auch tm 
erften Secennium be§ XVI. ^ahrljuttberts hier in grantfurt 
jur Aufführung gekommen. (J§ ftnb bieS „Sie ©hebrechetht, 
bie ihren SWann breimat betreuet" unb bie „Stomöbie bon 
SSincentiuS CabiätauS". 

Sa wir nun feine ganj beftimmten Nachrichten über bie 
Aufführung biefer ©tücfe hüben, fei hier nur erwähnt, bafj bie 
Sruppe be§ SpornaS ©acfebiHe bon hie* nach Nürnberg reifte 
unb ohne grage ben größten ©inftuf auf ben bort lebenben 
bramatif<hen Sichter Qacob Aprer auäübte. 

Ober fotlte e3 ein merfwürbiger ßufatt fein, bafj ber Nüm* 
berger ©erichtäproturator in feinem fünften, 1598 gefdjriebenen 
©tücf „9Son ben rbmifepen ^»iftorien ber Stabt Nom" bie frühere 
^Bezeichnung für ben Cuftigmadjer fatten läfst unb ipn in biefem 


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©tücf gunt erftenmale Q a h n hoffet, alfo Qoljn Voufet nennt?! 
ßefctereS ift nicf)t glaublich, unb baS unt fo Weniger, als bis 
je^t* Beine anbere Verbinbung nadjgewiefen unb ber berühmte 
Xmppenführer unb ®arfteHer ber luftigen £$rt9 ur tn ben SRatl)3* 
Protokollen unb SBürgermeifterbüdjern ber freien ©tabt gfranBfurt 
immer Stornos ©acfeüille, alias ^a^n Voufet ober hoffet ge= 
nannt würbe. 

®ie fünftlerifc^e Verbreitung biefer ©pejialität in ber großen 
Gattung ber thpifdjen S^eaternarren brängt ^ier ju einer be= 
fonberen Vemerfung ü6er bie fomifcfjen giguren in ben alteng» 
tifd^en ©tücEen. 2Bir ftnben in benfelben jWei ©pejieS ber 
sßoffenreifjer, ben Qja^tt unb ben ©lown, wel^e bie ©tammoäter 
einer langen Steife oon Cuftigmac^ern geworben finb. ®er 
gal)n entfpricht bem geiftreic^en wiegen fool bei ©halefpeare, 
.ber ©town ift ein bäurifc^er Xölpel, ber mehr lächerlich als 
Bomif<h ift unb bie nüchterne unb IjauSbacBene Storni! beS ßebenS 
oertritt. 

ßefftng fcbreibt in einem Vriefe an ©fc^enburg im Qjaljre 
1774, bafj für ben englifcfjen ©loWn baS beutf^e 2Bort Siüpet 
baS entfprechenbfte fei, auch Stuguft SBil^elm oon ©Riegel f)at 
in feiner Ueberfe^ung be§ „©ommernachtStraumS" für bie 
^anbwerler, biefe eigentlichen ©loWnS, biefelbe treffenbe Ve= 
jeidjnung gewählt. 

®a 2)eutf<hlanb Beinen würbigen ültadhahmer ©IjaBefpeareS 
aufjuweifen hatte, ift eS begreiflich, bafj bie bamaligen ®rama» 
tiBer mehr bie ©igenfdjaften be§ gröberen ©town, ber bei unS 
anfangs ben Xitel „SBurfthänfel" erhielt, als bie beS geiftig 
gefdjmeibigen Qaljn cultioirten. £>er Qoljn Voufet beS ^»erjogS 
Heinrich ^uliuS oon Vraunfdjweig ift ein 9Jtittelbing jwifchen 
^ahit ünb ©lown. ©r geigt hie unb ba einen gefunben Sülutter* 
wi£, aber er hat nicht ben geringften tbealiftif^en Slnflug unb 
artet oft in bie rohefte Xölpelei aus. 

Qe mehr wir unS bem Veginne beS 30jährigen StriegeS 
nähern, befto mehr finBt bie luftige gtgur ber beutfdjen ©tüdEe 
in ben tiefen Vfahl bobenlofer ©emeinheit hw°b. ©S ift eine 
rohe Wüfte ©efeHfcfiaft, biefe ^ßicBelljärtrtge, $anSwurfte, QacE 


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70 


ißubbhtgS, Qeatt ^ßotage, unb welche Namen fte auherbem' nocfj 
alle führen mögen. Ser berühmte $iftoriler unb ^ßuBttcift QuftuS 
SNöfet hat behfjatb nollftänbig Nedjt, ttenn er behauptet, bah 
in jener ©poche baS (Entarten ber Eontifdjen VotESfigur mit bem 
^erabtommen ber Sitten unb Veftrebungen beS beutfcpen Volles 
ooltlommen gleiten Stritt gehalten habe. 

Sah aber fcf)on gleich nach bem ©rf ehernen ber englifcljen 
Somöbtanten in Seutfcplanb ber lotntfchen gigur eine grofee 
SEBichtigleit beigelegt mürbe, bemeift unter Slnberem eine Stelle 
in einem gfranffurter fNehgebidjt aus bem Qat)re 1597. $n 
bemfelben mirb fchon jmift^en bem Qaljn unb bem SBurfthänfet 
ein Unter)cfjieb gemacht unb ber SNeifterfdjaft beS ©rfteren im 
Slomifchen unb feiner djaratteriftifdjen Straft ausführlich gebacht. 

Obgleich ein pofitiner 2lnhaItSpunlt bafür nicht oorhanben, 
ift bodh nicht baran ju gmeifeln, bah menigftenS non ber Sruppe . 
beS ShomaS SadeniHe, bie non hier auä ihre Äreuj= unb Ouer= 
jüge nach bem Süben unb Söeften non Seutfcplanb unternahm 
unb gang fidjer in Nürnberg fchon in jener 3eit fptelte, bort 
unb hier Stüde non Qacob Slpter aufgeführt morben finb. @S 
ift §u merlmürbig, bah ber Nürnberger Sramatiler gerabe im 
$aljre 1598, alfo nach bem Stuf enthalte bet Gruppe beS ShomaS 
SacEeniHe in biefer Stabt, eine aufjerorbentlidhe ißrobuctinität 
entfaltet, unb bah eS in ber 1618 unter bem Sitel »Opus thea- 
tricum« erfcheinenben SluSgabe feiner SBerle heif?*/ // e ^ fei itt 
ben Stücfen 9lHeS nach bem Geben angefteÜt unb man lömte 
eS auf bie neue englifdje SNanier perfönltch agiren unb fpielen." 
Sluherbem läht fich an ben groben unb ftarfen Slffelten, mit 
benen Slprer arbeitet, an ber brennenben unb blutgierigen 8eibett= 
fchaft nieler feiner ©eftalten unb an ber oft fehr lebhaft bemeg* 
ten ülltion nieimehr ber englifdje ©influh als bie ja auch in 
mannigfaltiger Vegiefjung, befonberS in ber gform ber Stüde, 
ju Sage tretenbe NadjmirEung feines poetifd)en Vorgängers, 
|)anS Sachs, erlernten. 

©S ift fchon niel über baS Verljältnih Sfjalefpeare’S §u 
Slpret gefdjrieben unb gefprodjen unb fogar bie tüljne ^ppotljefe 
aufgeftellt morben, bah ber grohe Vrite in Seutfdjfanb gemefen 


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fei unb f)ter bic Stprerfcbe Sotnöbte „tion bet frönen <3tbea" ge= 
feiert ober getefen habe, beten ©runbibee et jutn ©egenftanbe 
feinet ©cbaufptelS „‘©er ©türm" oertnenbete. 

©S ift nidbt mabrfdbeinlicb, Safe ©baEeSfpeare jemals in 
©eutfdjlanb mar, feljr tiieleS aber fpridjt -baffe, bajj bet 
berühmte ©^omaS ©adfetoille, bet in ben fahren 1605 ober 
1606 für eine 3dt lang nad) Bonbon jurüifgeEebrt fein mufs, 
ben engtifeben ©idbter mit ben bramatifdjen SBerEen beS 9lfen= 
berget ©eridbtSproEuratorS belannt matzte. ©S ift baS um fo 
elfer anjunebmen, als um 1609 ©baEefpeare unb ©acEetiille 
Eutje 3 c it gemeinfam am neuerridbteten ©tobetbeater mirEten, 
unb bie -Slbfaffung beS ©turmeS etma jmei ober btei Qabte 
fpater .erfolgt fein foH. 

Qn ben beiben erften ©ecennien beS XVII. QabrbunbertS 
haben mit btei grofje £)auptttuppen in’S Sluge §u fajfen, meldbe 
abmedbfetnb in gfranEfurt fielen unb tion bmt aus ihre ©treif* 
güge bis nadb Oefterreidb bin unternehmen. ©S ftnb bieS bie 
SEomöbianten unb SöluftEanten beS Canbgtafen 2Jiorij} tion Reffen, 
ferner eine tion ben £>öfen in Berlin unb ©reSben Eommenbe 
©rappe unb fäfliefflicb eine britte ©efellfdbaft, beren SBern fidb 
auS ^jofEomäbianten beS $er§ogS Heinrich QutiuS tion 33raun* 
fdbmeig gebilbet batte, ©er Seftanb biefer ©rappen unb bie 
Flamen ihrer führet medbfeln natürlich, au<b laffen ftdb tier= 
fdbiebene Stbjmeigungen tion benfelben burdb bie SlEten beS granE* 
furter ©tabtardbitiS beutlidb nadbmeifen. 

33on bem ^Beginne beS neuen QalfrbunbertS an fpielen bie 
fabrenben SEomöbianten niept mehr in SSuben am SJlain, fonbern 
tn gefdbtoffenen CoEalitäten. 9ltS bie erften berfeiben ftnb bet 
©aftifof jur ©anbubr unb $errn SJlartin iöauerS Sebaufung 
auf ber 3eil ju bezeichnen. ©ie letztgenannte ÖoEatität, meldbe 
einen großen tierbecEten §of gehabt haben muff, befanb fidb auf 
bem ißla^e beS hantigen SEaffee Süfiüller (3eit 30), bie ©anb= 
ubr ift beim ©urdbbruebe ber ©dbnurgaffe nadb ber $ubenga|fe 
abgebrodben morben. ©ie batte grofe SRüumlidbEeiten, meldbe tion 
hinten an ben ©eftbof jum Ärädbbein je§t „SEönig tion ©nglanb" 
ftiefjen. 


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72 


$)afj bie engltfdjen Somöbianten ftdj eines feljr jaljlreidjett 
ßufprucfjS erfreuten, bemeift neben ber aufjerorbentlidjen SPtülje, 
bte fte ftd) ftetS um bte Gsrlangung ber* ©ptelerlaubntfj in 
granffurt gaben, bte metjrtftalig erfolgte obrigtettlidje 39eftim= 
mung beS QrintrittSgelbeS jn if)ren gemöfjnlidj um 3 ober V* 4 
Uljr begtnnenben 93orfteHungen. _ $nt $a£)re 1601 orbnet ber 
Statt) an, bajj fte „fünften 8 (jett’er unb off ben gengen — atfo 
im parterre — nur 4 Ijetter nehmen burften", toelc^e 95er» 
fiigung gleidjjeitig audf) ben 93emeiS liefern möchte, baS eS ba* 
malS l)ier fd^on, mie in ben Sweatern, GrnglanbS, f|öljere unb 
niebere sßlafce gab. 

35ie ©pielerlaubnife ift in biefer 3 e *t ttoef» immer ftreng an 
bie ®auer ber SDteffen gebunben, unb eS mürbe jebeS Slufuc^en 
ber Somöbtanten, früher anfangen ober nadjljer nodj einige 93or* 
ftettungen geben ju bürfen, oom Statue gfranffurtS ftetö fefjt 
nadjbrücElict) abgemiefen. 

£ro$ eifrigften SftadfjforfdjenS Ijat fictj in ben Sitten be& 
Ijiefigen SltdjtüS leine genaue Ijanbfdjriftlidje Stotij über bie 
Sluffüljrungen ber englifcfjen Somöbianten in ben erften Qafjren 
beS neuen $at)rt)uubertS ftnben laffen. Slber eine SDtittfjeilung 
aus bem Slrdljiü üon Störblingen ergänzt gemiffermaßen biefen 
SDtangel unb beftätigt aufterbem, baff fdtjon ym 1604 ©Ijate* 
fpeare’fdfje ©tücfe in beutfcljer ©pradlje üon ben englifdjen So* 
möbianten aufgefüfjrt morben ftnb. 

$tn Januar biefeS $a£)teS menbet ftef) eine Sruppe an ben 
Statlj ber freien SteidjSftabt Störblingen unb bittet „in beutfdjer 
©pradtj ünbt gierlid^em ^jabit ben 3uf)örettben funberlid) aber 
ber Qugenbt jur gordjt ünbt (£f)r ©otteS, audj ge^orfamen 
iljrer ©Item, feine ©yetnpla fürftetten, gebrauten laffen, als 
nemlidjen; 

1. SluS bem 93uclj £>anieKS 6. ©apitel, 

2. üonn ber fljeufdfjen ©ufanna, 

3. üonn bem üerloijrenen ©ofyt, 

4. üonn bem meinen ürljteil Carolj beS Iferfcogen SluS 
93urgunbt, 

6. üonn Thisbes ünubt pyramo, 


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7. üon Romeo bratbt Julitha, 

8. oonn Annabella eines per^ogen Softer oon gerrara, 
8. oonn Botzhario (?) einem Sitten SRörner, 

10. Oonn Vincentio ladislao Satrapo a Mantua.“ 

®er Umftanb, bafj aujjer bem letztgenannten bereits er* 
wäfjnten ©tücl nod) gm ei SJBerfe beS ^jergogS -gieinrid) QutiuS 
bon Sßraunfdjmeig, nämltcp bie ®romen „oonn ber tpeufcpen 
©ufanna" unb „oonn bem berlorenen ©opn", gu biefem SRörb* 
linger ^Repertoire gehören, legt bie 93ermutpung nope, bafj bie 
SRitglieber jener ©efellfdjaft menigftenS tpeiltoeife in ben ®ienften 
beS Eunftfmnigen dürften geftanben paben müffen. ©S fann 
beSpatb faum ein ß^dfel bariiber auftaüdpen, baj) Wefelbe iben* 
tifd^ ift mit ben in ben beiben SReffen beS QapreS 1604 pier 
fpielenben $offomöbianten beS bem £>ergog ^einridp QutiuS oon 
Sraunfdptoeig fepr befreunbeten, fpciter fogar oerfdpmägerten 
SRarfgrafen ©priftian üon 93ronbenburg. 

®aS ©cpaufptel oon SpiSbeS unb ißpramo, beffen ©egen* 
ftanb ja burdp ©pafefpeareS ©ommemadptStraum allgemein 
befannt ift, ift {ebenfalls bie gleichnamige Sragöbie oon ©amuel 
QSrael, toeldpe 1604 aucp in äRünfter aufgeführt ttmrbe. 93e* 
merft fei über biefeS SBerf nur, bafj eS ein fepr großes ißer* 
fonat üerlangt unb burdp einen fpmbolifdpen Vorgang eröffnet 
toirb. 

93enuS tritt auf, um gu berieten, baf) fie gmei 9Renfdpen 
in ßiebeSnotp bringen toolle unb gibt piernacp bem ©upibo ben 
Sluftrag, bajj er ben ißpramuS mit einem ißfeil oerwunben folte. 
Sludp im gtoeiten 8l!t erfdpeint 93enuS toieber unb ergäbt, bafj 
©upibo bereits einen ^Sfeil auf ißpramuS abgefdpoffen pabe, unb 
bafj nun audp £ptSbe an bie SReipe fommen folle. SBalb banadp 
gibt XpiSbe bem ©etiebten burcp Slufpüngen einer ßaterne ein 
geicpen. ©S fpielt ftdp nun eine lange CiebeSfcene gtoifdpen beiben 
ab, in ber gulefct ißpramuS ein Sieb „üom Urtpeil beS $ßariS /A 
fingt. ®ann trennen ftdp bie Ciebenben, unb eS folgt im üierten 
Sltt bie traurige SEataftroppe beS ©tücfeS. SRadp bem Xobe oon 
ißpramuS unb SpiSbe palten Sßalbnpmppen einen SElaggefang 
unb bann fommt nocp ein fünfter Slft, in meldpem fte im 


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74 


Sßatbe gefuttben unb jum Sfönig unb ber Königin gebraut 
»erben. 

lieber mehrere ber angegebenen ©tücfe beS Rörblinger 
Repertoires ^at fiep in ben fpärlich füeßenben Itterarifdjen 
OueHen feine Rtittheilung gefunben; bod) wirb biefer Rtangel 
einigermaßen burefj bie 2^atfac§e ausgeglichen, baß fdjon in einer 
fo frühen Gcpocfje beS beutfdjen Sweaters eines ber hetrlicpften 
SBerfe ©hafefpeare’S, wenn and) in gewiß oerfümmerter beut* 
fdjer Bearbeitung auf bie granffurter ©djaubiifjne gebraut 
würbe. 

Den ©runbftocf beS Repertoires ber brei früher genannten 
©efeltf «haften ^at fürjlich Dr. $of)amteS 9J?eißner in Söien in 
feiner oerbienftoollen,] für unfere Darftetlung mehrfach oerwerthe* 
ten SDtonographie „Die englifdjen ©omöbianten §ur 3eit ©h<*fe= 
fpeare’S in Oefterreicb" tfjeilwetfe feftgeftellt. 

'Danadj ftef)t eS gWeifeltoS feft, baß ber gfüljrer ber 6ran= 
benburgifdj=fädjfifd)en ©efettfepaft, ber berühmte englifcpe ©omö* 
biant Qopn (Spencer, in ber Dftermeffe 1614 unb ber |)erbft* 
meffe 1615 biefelben ©tücfe hier jur Aufführung braute, Welche 
burdj feine Druppe 1611 am £jofe beS Shtrfürften Johann 
©igiSmunb tion Branbenburg, 1613 üor bem Äaifer RfattpiaS 
unb bem oerfammelten Reichstag ju RegenSburg unb etwas 
fpüter am turpfälgifdhen |)ofe in $eibelberg bargefteHt Worben ftnb. 

SS laßen fiep Don bem ©pencer’fcpen Repertoire etwa fieben 
©tücfe mit Sicherheit nachweifen. Daju gehören folgenbe: 
„Bhitole", „SRarianne", „Selibe", „©ebea", „Die 3 e rftö*ung 
oon Droja", „Die 3erftörung oon Sonftanthtopef" unb enbtich 
y ,Bom Dürfen". 

3t»ei oon biefen ©tücfen rühren ohne 3ü>eifel oon beut* 
fchen Autoren her, wenn auch Bermutljung nahe liegt, baß 
fie für bie englifcpe DarfteHungSmanier an gforat unb $npalt 
etwas jureept gefüllt worben ftnb. „Sebea" ift jebenfaHS Qacob 
AprerS bereits früher erwähnte „Schöne ©ibeci" unb bie 3er* 
ftörung oon Droja |janS ©acpfenS Dragöbie „Die 3 e rftörung 
ber ©tabt Droja". 

Sinen ftarfen §>alt ßnbet biefe Annahme in ber. im Quni 


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75 


1613 in Nürnberg unter großem PolESgulauf ftattgehabten 
Sluffü^rung btefer Beiben StücEe. £)er Nürnberger S^ronift, 
toeldjer ergäbt, baß „btefe unb anbere $iftorien mehr neben 
gierlicljen Sängen, lieblicher SNuftEa unb anberer CuftbarEeit in 
guter teutfcßer (Spraye, in töftlidjer SNaScarabe unb Stleibungen 
in feiner SBaterftabt" agiret unb gehalten morben finb, ermähnt 
grnar nichts oon ber 9lutorfcf)ctft beS §anS (Sad)S unb' $acob 
SthrerS, bodf) -muß man bieS bem Umftanbe gufdfjreiben, baß in 
jener 3^it ber Sinter bramatifdjer SßerEe bei beren Stufführung 
nöttig in ben ^jintergrunb trat. 

Sluf ben erhaltenen Sheater^rogramnten finbet fiel) niemals 
ber Name beS SichterS beS aufgufüfjrenben (StücEeS, aud) in 
einem 1620 erfcßienenen (SanttnelmerE englifdjer ©omöbten unb 
Sragöbien in beutfcßer (Sprache finb bie Namen ber betreffenben 
Slutorgn ober Ueberfefcer nid^t genannt morben. 

©in fo naioeS publiEum, mie baS beutfc^e bamalS mar, 
hatte, um mit ©u^Eom gu reben, „in feiner ftumpffetigen ^>arm= 
loftgEeit im SlUgemeinen noch &in 23ebürfniß nach berartiger 
Söiffenfdjaft", maS natürlich nicht auSfdjließt, baß bie beEannte 
bidjterifche Sebeutung ber beiben Nürnberger Poeten, befonberS 
bie Popularität beS |)an§ (Sachs, in ihrer Paterftabt getoifj 
oiel gu bem außerorbentlicfj gahlreidhen 33efu<h jener SorfteHungen 
beitrug. 

3Son oiet (StüdEen beS (Spencer’fchen NepertoireS, oon 
„Philoie", „SNariane", „©elibe" unb „oont SürEen" finb mir 
fo gut mie ohne mettere Nachricht; oon bem SSerEe beS |>an8 
<SadhS fei nur - ermähnt , baß in ihm ber großartige hiftorifcße 
Vorgang ber 3erftörung oon Sroja mit ber beEannten naioen 
unb forglofen CeidjtigEeit beS Nürnberger SNeifterfingerS unb 
ohne jegliche tedhnifdje NüdEftcßt auf 3eit unb Ort beljänbelt ift. 

Qn ber frönen <Sibea hnnbelt eS ftdh etma um folgenben 
Shatbeftanb. Cubotf, g-ürft in Cittau unb Ceubegaft, gürft i tt 
ber Söiltau, forbem einanber beim ^Beginn ber. Siomöbie burdh 
eine fdhriftlidhe Nlelbung heraus. Cubolf mirb gefdhlagen unb 
bittet um ©nabe, morauf ihm Ceubegaft unter ber SBebingung 
baS geben fdjenEt, baß er mit feiner Sodßter (Sibea baS Canb 


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öcrlaffc uttb nur fo oieC mit ftd) nehme, als. er unb feine Softer 
ju tragen tieratödjten. Cubotf aber trautet banach ftdj §u räd)en.- 
@r hat einen meinen ©tab mit ficf) genommen unb gibt ftd^ 
als mir ihn mit ber frönen ©ibea altem feljett, als ßauberer 
ju erfennen. ©r befdhmört ben Teufel SiunbifaH , unb biefer 
antmortet ihm auf feine fragen, er merbe. halb ben ©ofjn feinet 
geinbeS einfangen fönnen. 

®iefer ©ohn mit SRanten ©ngelbrecht miiffe bann fo lange 
in ßubolfS ®ienftbarleit fteljen, bis er mieber gu feinem 33ater 
jurüdfteljren merbe. 2113 ©ngelbredht erfdjeint, mirb er benn audfy 
alSbalb burdj CubolfS ßauberftab iibermiiltigt. ©pater mufj ber 
gefangene ^rinj bann am £jofe CubolfS unter ©ibeaS SBefefyl 
®ienfte thun, fogar einige Ätöfce fpolj tragen unb nieberlegen. 

'2lber bie fdhöne Softer feines geinbeS h ft t‘ 2lnbereS mit 
bem (Befangenen im ©inn; fte # mitl iljre (Bemalt über iljn 
ju einer gemeinfamen gluckt aus ber brüclenben Gcinfamteit 
benufcen. O^ne jegliches SBebenfen fragt ©ibea ben ißrinzen, ob 
er einoerftanbejt fei, fte ju entführen, ©teichzeitig macht fte ihm 
aud) in unummunbener Söeife ben 2tntrag, bafj er feine greiljeit 
mieber haben folle, menn er fte jur ©emahlin nehmen mürbe. 

Gcngelbredfjt geht aud) auf ©ibea’S SBünfd^e ein, unb beibe 
entfliegen. ®ie glüdjtigen machen nun oerfdjiebene 2lbenteuer 
burd), fontmen aber fdfjliefjlidfj glüdflid) an ben £>of beS Öeube^ 
gaft, mo burd) bie ^Bereinigung ber beiben SÜinber aud) eine 
95erfö^nung ber feinblic^en 93äter ^erbeigefü^rt mirb. 

3Me berb gezeichnete, hie unb ba fogar etmaS plumpe ©e^ 
ftatt ber fdjönen ©ibea hat* nic^t ben entfernteren SSergteidh 
auS mit ber munberbar anmuthigen 9Riranba in ©halefpeare’S 
©türm, m beren SBefen, mie 2luguft SJBilhelnt oon ®<hlegel fo 
treffenb fagt, bie ißh flnta f te ^eS 3M<hter3 bie ebetften Qrleptente 
fd)öner SBeiblidjfeit aufgetüft hat. 

28a3 nun baS le^te ©tücf beS ©pencer’fdhen ^Repertoire# 
„®ie ^erftörun^ oon ©onftantinopet" anlangt, fo ift baffetbe 
offenbar ibentifd) mit ber „£ürfifd)en Triumph ©ontöbia", metdhe 
©pencer im Qaljre 1611 jur SöelehnungS* unb ^utbigungSfeier 
feines §erm, beS Äurfürften Johann ©igiSmunb oon 33ranben= 


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bürg, in Königsberg auffüßrte. ©8 War bieS ein für bie barna* 
lige 3 e >t 9 an ä großartiges StuSftattungSftüdf, ju welcßent ber 
Kurfürft ben ©omöbianten Eoftbarej mit Silber unb ©otb be= 
fe$te Kleiber, fcßötie Blaue, fcßWarje unb Weiße Stoffe §u 
SöotEen, üerfcßtebene ScßnifjwerEe, allerlei SDialereien unb fon= 
ftige 3utßaten anfertigen ließ. Spencer ßatte {ebenfalls bon 
feinem £>errn bie Grrlaubniß erhalten, biefe Stequifite auf feinen 
SBanberjugen gebrauten ju bürfen. 

$n ben SBtttfcßriften an ben 9tatß ber Stabt g ran Efurt 
fpridßt er nämlicß oft „üon ben ßugefjiJrungen §ur auSftaffierunE 
unb großen präparation feiner Somöbien unb ^iftorien, fo 
fünften nocß niemaßten in biefer berühmten Stabt gefeßen unb 
auf meßreren Stüftwäglin (^SacEmageu) anßero gebradßt würben." 

Sluf biefe wicßtigen |)ülf8mittet ^ur SBerfdßönerung feiner 
Stücfe unb auf feine auS 35 SDlitgliebern, auS 19 (Somöbianten 
unb 14 3ftufiEanten befteßenbe Sruppe fcßeint benn audß Spencer 
nicßt wenig ftolj gewefen ju fein, $n feinen (Eingaben an ben 
SRatß, in benen er Wegen Gsrßößung beS QsintrittSgelbeS nacß= 
fucßt, gießt er für ftcß feßr günftige SSergleitße jwifcßen feiner 
unb anberen ©efeUfcßaften unb ßebt nodß ganj befonberS ßeroor, 
baß er ju feinen SlEtioneS auiß nodß tiiel anbere ÜDtannSbilber 
braudße, benen er ißr ©etßu meift Eoftbarlidß oergüten müffe. 
3)iefe SötannSbilber fteKten {ebenfalls baS SSolf ober bie KriegS- 
fdßaren in ber 3 et fiörung üon (Eonftantinopet unb Srofa oor, 
Wetdße beibe StüdEe, wie ftdß nocß aus anberen aEtenmäßigen 
Cluetten fdßtießen läßt, an SDiaffenfcenen, natürtidß in Eteinerem 
Stil wie ßeut ju Sage, feßr reidß gewefen fein rnüffen. 

Srofc feiner bringenben SorfteHungen erßielt aber Spencer 
t)om Statße ben 93efcßeib, baß er bei Strafe üon 100 Sßalem 
leinen 23a$en, fonbern nur einen StlbuS ©intrittSgelb neßmen 
bfirfe. ($r blieb aber bennodß in granEfurt unb fpielte unter einem 
Slnbrang beS sßubliEumS, ber Eeine (Ebbe in feine Kaffe Eommen 
fonbern ißn üietmeßr bie glänjenbften ©efcßäfte madßen ließ. 

Qntereffant unb gugteicß ßödßft brotlig ftnb einige aEten* 
mäßige SRotigen, wetcße für ben ftarEen Slnbrang ju Spencer’S 
33orfteflungen in ben CoEalitäten ber Sanbußr jeugen. ®a wirb 


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78 


einmal einem armen gfetl toegen argem ©ebrütf in bem ©ang 
fein neu SBämSle in Gappen jerriffen, ba merfen fidj jmei 
SSeiber im «Streit um einen guten ißlafc Bei •ben „«SeitenfdjpKen" 
alle Begangenen «Sünben tobr, unb ba enbtid) entfielt aus äf)n= 
litten ©rüttben tior bem ©eriift (alfo ber SBüIjne) jtoifdjen allerlei 
©efinblein eine — um genau ben Sitten §u folgen — „traEtir* 
lidje 33algerei, genannt ^nufferei." 

Sind) ber erfte feinblidje Singriff ber SHrdje gegen bie immer 
ntefjr Slnfeßen in granffurt erbaltenbe «SdjaufpielEunft erfolgte 
in jener 3eit. ©inige ißräbiEanten erljoböt broljenb ißre Stimme 
gegen ben übermäßigen 93efudj ber englifdjen Äomöbien unb fugten 
in oerfdjiebenen 33ittfdjriften an ben Sftatlj auSbrücElicf) auf ben 
„fdjemfrirlicfien unb mefc^anten ©influß folget merberifdjen unb 
jujrigen SlEtioneS" ßinjutoeifen. 

Qn einem 1615 ßier erfcßienenen ©ebidfjt „©in-SDiScurS 
oon ber granffurter Steffen etc.", beutet ber S3erfaffer in un= 
OerljüHter Ironie ebenfalls an, baß bie Geute lieber ju ben 
englifdjen ©omöbianten als ju ben ^räbiEanten in bie Stircfje 
gingen, ©r meint, fte ftünben lieber 4 «Stunben unb ßörten ben 
©rfteren ju, als baß fie nur eine «Stunbe ruljig auf bie ^rebigt 
in ber Stirdje tauften müßten. 

©in beutlidjer <Seitenl|ieb auf bie nicßt gerabe bebeutenbe 
rßetoriftße ^Begabung ber bamaligen £>errn ^ßräbiEanten bürfte 
t»ieHeicf|t in ben 93erfen liegen, baß bie Geute in ber Stircfje 
tJluj etnfdjlaffen auf ein Bart band, 
ffitetoeil ein ftunb in feit p lang. 

UebrigenS ift eS ein eigentßümlidjeS ßwfammentreßen, baß: 
«Spencer gerabe m einem Qa^re «Stüde mit oolEStljümlidjen 
Slufftänben unb Kämpfen ßier unter großem Slnbrang beS fßubli= 
EumS auffüßrte, in meinem granEfurt Eurj Dörfer felbft ein 
«Sdjauplafc tief erfdjütternber äfjnlicfjer Vorfälle gemefen toar. 
Qn jene ßeit fällt nämlid) bie baS granEfurter ©emeinmefen 
Ijeftig erfdjütternbe fReootution, meldje man gemößntidj rtacf) bem 
SRamen ißreS ^auptfüßrerS ben ^fettmildj’fdjen Slufftanb nennt, 
©erabe im Sluguft beS $aßreS 1614, alfo ganj Eurj oor ben 
erften SSorfteKungen «Spencer’S, fpielte gfettmildj feinen lebten 


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79 


Treffer au£ unb plünberte in tta^aft beftialifcher SBetfe bie 
Qubengaffe. 

Qn bcn 93erorbnmtgen, tnetd^e ber 9icctb grantfurtg in ben 
erften beiben ®ecemtten beS XYII. $af)tljuttbett§ ben engtifdjen 
(£omöbianten gab, bofumentirt ftd^ ba£ geringe Anfehen be3 
bamalS jjir unehrlich gehaltenen Schaufpielerftanbeg oft in höchft 
fomifcher SBeife. 

9hir mit folgen Shegpigjüngem, bie bon einflußreichen 
beutfdjen dürften ober bom Satfer fetbft empfohlen mären, 
gingen bie hochmeifen unb hocheblen Häupter ber alten SReichg- 
ftabt au£ biplomatifdhen ©rünben behutfamer um. 

®aß bie barfteCenbe Sfrmft nun nicht mehr bie gebührenbe 
Anetf ennüng fanb, ift neben bem bagabunbenähnlichen Ceben ihrer 
Angehörigen aud) öielfadj ber zweifelhaften ©efellfcpaft juju* 
fdjreiben, in ber fte in jener ßeit oft auf Qahrmftrften, 33olf§= 
feften nnb auch au f ben grmtffurter SKeffen erfcpien. £)erum= 
reifenbe Sdjwinbler, (Storger, ’ßahnbreiher unb Operateure 
fudjten burch bie Aufführung einer Somöbte in ihrer SBube baS 
sßubliftxm heranjulocfen unb für ihre betrügerifchen SBeftrebungen 
Zugänglicher ju machen. So tritt j. 33. in ber Oftermeffe 1622 
ein fpäter entlarbter Schwinbler hier auf, ber ben hodjtönenben 
9iamen Claudius D’aguaviva führt unb ft<h einen italienifdjen 
ÜWebicug nennt. 

©r oerfaufte allerlei Arzneimittel unb Schönheitgtoaffer, 
fdjtug Aber, fdjnitt böfe - ©efcpmüre auf unb jog 3^ ne au8. 
2Bäf)renb unb nach liefen ^rojeburen tourbe ben Patienten 
„jur £)anffagung nnb recreirung beg ©emütf)3 eine liebliche 
ÜDhtjtca unb ©omöbia nach ber alten Körner auf ^talienifdj 
borgefpiett." 

Qn ben 33uben ber 3 a ^brecher, beren oiele in granffurt 
auftauchten, muß immer ein furchtbarer Cärrn gemefen fein; 
benn ber SRath fah ftd) mehrfach genöthigt, 33erorbnungen „zum 
Unterbrücfen beg ü6ermenfchti(hen ©efchrepg" z« erlaffen, ©leich* 
Zeitig erhielten aber auch bie englifchen ©omöbianten ben 33e= 
fcheib, baß fie fuß aug Diücfßcht auf bie ißeftfranten beg un¬ 
mäßigen £rommetf<hlageng enthalten fotlten. 


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80 


GieS Gebot beS 9?atheS ber (Stabt f^ranEfurt brangt ju 
•einer Eurjen SenterEung über bie bamalige SlnEünbigungSart 
ber 33orftettungen. 

(Die neueften gorfdjungen haben jwar ergeben, baft aud) 
fcfjon in jener frühen Gpodfje ber beutfdjen Söüljne Gheaterjett^l 
für ben Slnfdhlag an |)äufer gebrucEt würben, allein tue Ijaupt* 
füdjlidhfte ^ßubliEatioit für baS 33o£C beftanb botf) wolft in ben 
Umzügen ber Gomöbianteu burd) bie Straften ber betreffenben 
Stabt. Sie legten bei biefer Gelegenheit ihre aujfatlenbften 
Kleiber an, machten an jeber bemerEenSwerthen Stelle §>alt 
unb tierEünbeten, nachbent ber Grommter unb ber Trompeter 
ihre Qnftrumente p QebermannS Gehörlid)Eeit breimat ftarJ 
gerühret unb gefchmettert, ben Sllanten beS StüdEeS unb barauf 
[ehr Eurj aber lodEenb ben Inhalt beffeiben. 

SWehr als oon biefer rhetorifdEjen Ceiftung fcfteinen fi<h 
jebod), einem alten ^jolgfcfinitt infolge, bie Urnfteljenben tion ben 
Grimaften angepgen gefühlt p höben, mit benen ber gewöhnlidh 
berittene SBurftljänfel bie SlnEünbigung beS StüdEeS p begleiten 
Pflegte. 

SBemerfenSWerth für unS ift noch baS Slepertnire ber fürftlidh 
heffifchen Gomöbianten unter Ceitung eines gewiffen Grün. 
GÜefer Gruppenführer, ber mit feinem SöiitbireEtor SftobertuS 
SBraun in ber Oftermeffe 1607 hier SSorfteüungen gibt, führt 
gebruar beS folgenben Qaf)reS oor bem £jofe in Graj plpt 
Stücfe auf, bie bei ber bamatigen SefdjrünEtheit beS 9tepertoireS 
ganj ftcfter auch in StanEfurt bet feinen früheren ober-fpäteren 
9lufenthalten pr Garftellung geEommen finb. GS ftnb bieS 
folgenbe StüdEe: 

1) SSon einem Süönig aus Gnglanb, ber ftd) in eines Gotb* 
fcftmiebS Sßetb tierliebte unb fie entführte.. 

2) £>te Gontöbie tiom tierlorenen Sohn. 

3) 33on einer frommen 0frau oon Antwerpen. 

4) SSon bem GoEtor gfauftuS. 

5) SSon einem $erpg tion ffloreng, ber ftdh in eines Gbel* 
manneS Götter tierliebt hat. 

6) Sftientanb unb Qernanb. 


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81 


7) Son be3 gfortunatuä Seutel unb äßünfcbbütel. 

8) Sorn Quben. 

9) Son ben gtoet Stübern Äöntg Cubmig ünb Äöntg 
griebrid) non Ungarn, toorin ber SEönig griebridj 91 lieg erftod^en 
uub ermorbet ^at. 

10) Son einem Stönig oon (5^em unb einem $erjog non 
Senebig. 

3« biefen jeijn ©tütfen ift noch bie 1607 oon ber Gruppe 
©reen3 Burg oor ihrer Slbreife nach ^ran!furt aufgefübrte 
Somöbie oon einem Sönig oon ©cbottlanb §ur SerooKftänbi* 
gung be8 ^Repertoires I)in§ugujä^len. 9iacf) ben beiben gelben 
ber f eiben, einem engltfdjen ißrinjen unb einer fd^ottifdEjen ißrim 
jefftn, Weiche gegenfeitig in bie §)ünbe ihrer miteinanber SBrieg 
fü^renben Süter gerätsen, mirb bie Somöbie auch „©erule unb 
9lftrea" genannt. DiefeS ©tücl unb nocf) brei anbere be§ 9ieper= 
toireS, nämlich „Die SEontöbie üom Oeriorenen ©ofyn", ferner 
„Son beS gortunatuä Seutel unb SBünfdjbütel" unb fdjliefjlicb 
bie luftige Somöbie „Son $emanb unb 9itemanb" ftnb in bem 
bereite ermahnten 1620 erfc^ienenen ©ammelmerB engtifcfyer 
Somöbien unb Dragöbien in beutfdjer @pracf)e ooüftänbig erbalten. 

Die bibiifcbe ©efdjicbte üom oeriorenen ©obn mar ein 
CieblingSftoff ber bramatifdben Didjter beS 16. unb 17. Qaljr= 
bunbertS. 2Ba§ biefem ©tücl befonberS bei bem getoö^ttlid^en 
Sotf ju einem großen ©rfolg oerbaif, mar ber Umftanb, bafj 
ber £>ait§murft bie Hauptrolle barin fpielte unb ficb im §meiten 
9lEte mit einem Heiligen unb gtoei Deufeln herumprügeln mufjte. 

Die Somöbie oon „QfortunatuS" mar fd^on auf .ber alteng= 
lifdjen Sühne fe^r berühmt. Sludj H an§ ©adjä h at ben burdj 
bie jauberbafte Umhüllung barnatS febr populären ©toff all 
„gortunatuS SBunfchfecfet" bearbeitet. DaS oierte ber .genannten 
©tücfe, bie ^omöbie oon „$emanb unb SRiemanb" ift eine 
banbgreiflitbe, aber febr oolfSthümliche unb gut begrünbete 
©atire. Die ißerfonen in bernfeiben finb bie beiben ©rafen 
9D?arftanu8 unb ©arniel, bie Könige 9lrcial k unb ©llibot mit 
ihren ©emablinnen, ferner bie attegorifdjen Figuren: $emanbt; 
SRiemanbt; SRidhtS; ©arnicbtS; ÜRiemanbt&Diener unb 97iemanbt8= 

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82 


gung. £>ie beiben Könige werben abwedjfelnb Dom 5£()rone 
Der trieben; nadj wetten SdjidfalSfdjlägen ber ißarafit immer 
bie geftürgte Königin fcf)mäf)t unb quält. ®agwifd)en flogt ber 
nidjtswürbige „gemanb" ben etjrlicljen unb in Sßirflidjfeit gang 
unfdjutbigen unb f)armlofen „Rtemattb" aller nur benfbaren 
Öafter an. Sied §at biefe Stomöbie, in melier altenglifdje 
©efdjidjte unb SlUegorie fefir glüdtidj gemifdjt finb, als eines 
ber bemerfenStoertljeften (Stüde auS jener geit Ijingefteltt unb 
fie mit SRed^t einen Qsntwurf Don großer ^üljnljeit unb Doll Don 
bramatifdjer ßebenbigfeit genannt. 

lieber bie Sfomöbie „Ron einer frommen grau Don Stntorf" 
(SlntWerpen) Derlautet weiter nidjtS, als bajj fie, „fef^r fein unb 
güdjtig geWeft" fein fotl. ®a bieS (Stüd am fat^olifc^en .$pofe 
gu ©rag fo Wo^l gefiel unb eine fromme grau gur fjetbin 
ijatte, fo Ratten eS einige gorfdjer für ibentifcf) mit ber „äftär= 
tprerin ÜWrotljea" Don ÜDtaffinger. ©rün gab biefeS Stüd im 
guni 1626 in £)reSben, alfo aurf) {ebenfalls furg Dorier in 
granffurt wä^renb feiner Don fo großem ©rfolg begleiteten 
Sunfttljätigfeit in ber Oftermeffe beffelben galjreS. 

2öaS ben gntjatt beS StüdeS: „Ron einem Stönig auS ©ng= 
laitö, ber fid) in eines ©olbfc^miebs Sßeib Dertiebte unb fte ent* 
führte" betrifft, fo beljanbelt er bie Regierungen ber ®ame gane 
©Ijore gu bem englifcfjen Könige Gsbuarb IV. ©fjatefpearc gebenft 
mehrmals in SRidjarb III. ber ©efd^id^te biefer grau, bie gWei 
feiner ßeitgenoffen um 1600 für bie ©djaufpicler * ©efellfdjaft 
beS ßorb SBorcefter bramatifd) bearbeiteten. gebenfallS War bieS 
Stüd Don . fpenrp (S^ettle unb goljn £)ap baS Rrototpp ber 
beutfdjen ^Bearbeitung. 

Ueber baS Stüd „Ron einem Sfönig Don ©ppern unb einem 
SfiJnig Don Renebig" ift ebenfo wie über bie Somöbie „Ron 
einem £>ergog Don gloreng, ber fidj iu eines ©belmanneS Sodjter 
oerliebte" faum etwas guoerläffigeS befannt. SKeifjner nimmt 
gwar mit großer ©id^er^eit an, bajj bieS Stüd ber erft 1636 
im $>rud erfdpenene „©rojjfjetgog Don gloreng" Don SERaffinger 
unb Don bem ßefcteren eigens für bie ©rager geiertidjfeiten 
ber Wäljrenb beS gafd)ing§ 1698 erfolgten Rerlobung ber ©rg= 


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83 


hergogin ättagbalena mit bem ©rbgtofehergog non glovenj, einem 
©ofttno non 9ttebici, gefcfjrieben morben fei. Slßein tro^bem 
biefe ^^ot^efe fictj auf einige augenfällige SBaljrfdjeinlidjfeiten 
ftüfct, galten fid) bod) ©rünbe unb ©egengrünbe giemtid) ba3 
©leichgemidjt. 

2ßa§ un3 in bem ©raget Dtepertoire am meiften intereffirt, 
finb fdjliefelich bie beiben ©tücfe non ©IjatefpeareS genialem 
Vorgänger: £)et Qube non Sftalta unb bie tragifc£>e Eiftorie 
oom Dr. gfauftuä. 9tlfo fdjon im erften ®ecennium bee> XVII. 
$aljrljunbert3 mürbe ba§ leitete ©tüd, beffen Umgestaltung 
gum beutfdjen 33otf3f^auff)iel für unfere Öiteratur eine fo meit= 
geljenbe 33ebeutuug geminnen fotltc, in beutfc^er ©f>ra<he in 
granffurt aufgeführt. 

Qe mehr mir un3 bem breifeigjährigen Kriege nähern, befto 
reifer merben bie 23orfteßungen ber manbernben Somöbianten 
an ©reuet* unb ©djauberfcenen aßer Slrt. 33eim Ueberblicfen 
ber nodj nor^anbenen bramatifchen Giteratur jener ©poche brängt 
firf) einem maljrljaft ber ©ebanfe auf, bafe bie ®id)ter eine Slrt 
SBorgefüIjt ber nun fommenbett fdjrecf liefen $eit Rotten unb 
eingig nur an bie bat&arifcfje SSerfunlen^eit unb bie geheime 
^Blutgier im 33otfe appeßiren tooßten. ®em ^nfalt ber ®id)= 
tung entfprad) aud) bie fraffe, oft ungeheuerliche 35arfteßung. 
Um eine recht graufige SBitfung gu ergielen, mürben bei ben 
in ben ©tüden oorfommenben Einrichtungen ober SD?orb= 
thaten an bie betreffenbe Sförperfteße mit 33tut gefußte Olafen 
angebracht, bie, mie eine Stegiebemerfung in einem biefer 
Söfachmerte fagt, „im rechten 9Jiomentu§ gefc£)ic£licf( unb gu’jeber* 
ntanng ©rlefelidjfeit gerfchnitten merben foßten". ®eidt man 
fich nun noch fdjamlofen ungüchtigen SBtfee be§ ^attSrourft 
ober ^ßicfelhäring unb ein paar gut auägefüfrte ©quitibriften* 
fünfte bagu, fo h<*t man im Slßgemeinen ein richtige^ Stlb non 
ben theatralifdjen ©enüffen nor unb mäfrenb be§ breifeigjährigen 
Krieges. 2lud) bie Sfomöbiantenbanben oermilberten immer mehr, 
unb menn ©hdfcfpeate ben Hamlet fagen läfet’: „35ie ©djau* 
fpieler finb ber ©Riegel unb bie abgefürgte ©hronif ih reg 8 e ü s 
altert", fo finbet biefer Stuäfprud) feinen jgutreffenberen 93eleg 


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84 


als in ben SBanbertruppen ber gwangtger, ©reifeiger unb Sier* 
giger Qa£)re beg XYII. ^aljrljunbertg. 

9tiUjmlid£)e Slugnaljmen ftnb natürlich unter biefen 5 « 
finben, unb gu ifjnen gehört bor 9tttem bie Stulpe beg Qoijann 
©rün, bie mitten im ©ewoge beg bretfjigjäfjrigen Krieges 1626 
unb 1628 granffurt, wie ifyr güfjrer fagte, mit CeiB unb CeBeng= 
gefaxt wieber auffudjte unb bamatg fieser iiier ©Ijafefpearefdje 
Söerfe: „Borneo unb Quita", „Seat", Julius ©äfar" unb 
„tarntet" unb audj bag ajiarlow’fdje StüdE „®ie tragifcije 
^jiftorie bon Dr. wieber auffüfjrte. 

Sltodlj einmal, elje burcfj bie Sdjladfjt Bei Sftörbtmgen bag 
enbtofe Setbenggefolge beg breiftigjätjrigen Striegeg auf lange 3«t 
ber ©egenb bon granffurt gugefüfjrt würbe, fpielte wäljrenb 
ber ©ftermeffe eine wanbembe S/ruftye im ©aftljof gunt SBolfgedt. 
®ann tritt Big gunt Qafjre 1649 im tljeatralifdjen CeBen §ranf= 
furtg eine ^ßaufe ein, welche um fo Weniger gu Betragen ift, alg 
burdj biefelbe boc£» fo lange alg ntöglidj jene elenben ©aufler- 
Banben fern gehalten würben, Bei benen ein winbiger Springer 
SRomeo’g Ijolbfelige ©etieBte unb ein leidfjtlidjer ©orbenbanger 
ben ^ringen $amtet bon Ü)anemarf barfteHte. 

$n ber Sittfdjrift eineg fafjrenben Sßanberprmgipalg an 
ben Slatlj ber Stabt granffurt aug bem Qaljre 1649 finbet 
ftdj bie Stelle; bafj er aucf) ein Stücf wieber Ijier barftellen 
wolle, bag fdjon Beinah 60 Qa§re früher unb feitbem gum 
öfteren in ber alten 9ieidf)gftabt unter grofjem Seifall aufge* 
füljrt Worben fei. ®a in ber Betreffenben Sragöbie eine Slngafjl 
teufet, „erfdjröcflidje Söiagquen" unb biel 3 au Beret bortommen 
füllte, fo möcfjte man fte für ben bietteidjt etwag umgeftalteten 
SDtarlowfdjen gauft galten unb in ber gerabe 100 Qaljre bor 
ber ©eburt ©oetljeg gemalten Semerfung beg 3Gßanberfirinci= 
palg einen neuen f)alt für bie 2 lnnafjme finben, bafj berfelbe 
Bereitg 1592 — wenn aucf) barnalg nodf) in englifdljer Sprache — 
(jier aufgefüljrt Worben fei. 


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85 


4. ÄlopjtodfS Söebeutung für bie beutfdhe Citeratur. 

lieber biefeS £§ema fprad^ am 9. 9Mr§ §err Prof eff or 
Dr. Otto Noquette auS Oarmftabt. 

Oie ©inleitung feines 93ortragS ftettte baS SJerhüttnifj ber 
©egenwart unb üjrer nicht in allen fünften gerechtfertigten 
Stblehnung ber Ortungen JHopftocfS bar, hn ©egenfafc gu 
bent unBebingten Grntgegenfommen, ja ber bis gut SSergötterung 
gehenben SSere^rung, welche bem Oidhter gur 3eit feines 9luf= 
tretenS bargebracht Würbe. Oie Sluffmbung ber pfqdjotogifdjen 
Urfad^en für bie begeifterte Slufnahme, welche bie erften ©efänge 
beS SflefftaS fanben, bilbeten ben Uebergang gur culturhiftorifdfjen 
Oarftetlung beS beutfdljen CebenS in ber erften Hälfte beS 18. 
galjthunbertS. 

2Bo<hen= unb üötonatSfdjriften, Oon Geipgtg unb 3üricf) auS= 
gehenb, waren es, welche, bei fefjr terfchiebenen Shmftpringipien, 
eine größere O^eilna^me an geiftigen Regungen im ©ürger* 
ftanbe wedtten unb gur Parteinahme aufforberten, als bie 
■Seidiger unb (Schweiger in ©egenfafc unb halb in Äamjjf mit= 
einanber traten. Oie SSerftanbeSridhtung ber Cetpgiger (mit ihrem 
Raupte ©ottfdfjeb) War eS, Welche bie Citteratur beherrfdhte 
unb gugleidj einen Orurf auf bie nationale ©ntwidtlung übte, 
ba fte bie Oidhtung gang in bie Nachahmung ber grangofen 
gezwungen hotte. ®n Oidhter, ber in feinem erften SBerte 
ber Ceipgiger Stunftregel wiberfpradlj, bei bem bie gnnerlichteit, 
Phantafte, baS ©emüthSleben, in bis bahin nie gehörter Söiadht 
gut ©rfdheinung tarnen, muffte ben 2Biberff>tu<h ber Ceipgiger 
®<hule fjertorrufen. Oa ihn bie (Schweiget fofort als ben ihrigen 
erflürten, tarn eS gum literarifdhen Stampfe, beffen eigentlicher 
SWittelpunft ÄlopftocfS SDlefftaS Würbe. Oer (Sieg War nidht 
gWeifelljaft, ba ftch bie jüngere ©eneration bereits ton ©ottfchebS 
Oqrannei loSgefagt hotte unb nun bem Oidhter beS SWefftaS 
begeiftert gufiet. Slber eS waren nidht allein bie jüngeren, eS 
Waren Sille, bie ftdj, enblidh abgeftofsen ton ber Seidiger Neget= 
herrfdhaft, nadh einem tieferen (ärgriffenwerben burdh bie Oidj* 
tung gefehnt hotten, unb in erfter 9teif)e bie grauen, welche 


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SElopftocES 9WefftaS tute ein neueg poetifdjeS ©»angeliunt em= 
pfingen. £)aS, maS ber ßiteratur Bisher gefegt hatte, int beut* 
fd^er ©eift aber »erborgen gelegen, ©emüthSleben, ißljantafie, 
©tnpfinbung, mar mit einmal 'erfd)loffen, mnrbe mit ©ntgücfen 
empfangen unb übte eine meit tragenbe SBirfung. greilidj 
brauste SUopftocf jur Gollenbung feines SWefftaS 25 Qahre, 
unb biefe lange $eit blieb nicht ohne abfc^mäd^enben ©inflnfj 
auf bie 20 ©efänge beS SBerEeS. 2J?it $ugenbbegeifterung 
begonnen unb in gleicher SBeife aufgenommen, -»erloren bie 
nädfften Gftnbe manche 2lnl)änger, bis ber. »ierte unb te£te 
eine ftarfe ©nttäufdjung heröorrief, ba er als tjtnfenber Gote 
einer bereits erfdjöpften ißfjantafie nachfchleppte. (SS fjanbelt fich 
bet ber Gebeutung beS ÜReffiaS nur um ettoa bie erfte Hälfte 
ber £)idjtung. £)ie Gegeifterung für biefe aber hmr geregt* 
fertigt. Sie ertoecfte beth ®icf)ter fofort eine (Schute, beren 
(Streben Eräftig genug erftarEte, als bafj ber Sd)lu {3 bent 
neuen glügelfdjlage ber Dichtung hätte ©intrag tfjurt fönnen. 
®ie Gebeutuug »on SlopftodS SflefftaS für bie 3eit liegt nid)t 
in ber einheitlichen ®urcf)bi(bung, bie ent ©ebidjt erft §um 
ÄunftmerE mad)t, fonbem in ber ^ßerfönlid^feit, in ber $nbi= 
»ibualitöt beS ®id)terS felbft, in feiner eigenartigen Statur, 
freilich fehlt ihm gerabe bie notf)ttienbigfte ©igenfdjaft be& 
epifcfen Richters, bie Äunft beS ©r^ählertS, ber ruhigen ®ar* 
ftellung unb ©ntmicElung einer Steihe »on Gegebenheiten. 

©poS, baS antiEe »or allem, auf einer feften ©runbtage ber 
Hanblmtg gebaut, läftt unbeirrt eine Gegebenheit auf bie 
anbere folgen. @S hat nur £hatfad)en im 2luge, ohne ftch mit 
©ebanEen unb ©mpfinbungen aufguhalten. ®er dichter fteht un= 
fidjtbar hinter ben Gorgöngen, er Eommt gar nicht in^ftebe. 
Qn ber äfteffiabe aber fteht ber ®tcf)ter in erfter IReihe, er ift 
gerabe§u bie Hauptfigur beS ©ebichteS. ©r ftettt forttuährenb 
9?efIeyionen an; nichts Eantt »orübergelfen, toaS ihm nicht ©eie* 
genfjeit ju überftrömenben ©rgüffen ber ©mpfinbung barböte. 
Sein ©efühl fpricht aus feinen ©eftalten, er fingt, er betet, 
er meint mit ihnen. Unb mährenb er feine ©mpfinbungen 
barlegt, fogar baS UnauSfprecljliche in SBorte §u faffen fucht. 


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87 


nerlieren fidj bie Sthotfachen unb Gegebenheiten bi« pr Unfennt= 
lidf)feit. ©ein ©chilbern ift ein ganj allgemeine«, ol)ne alte 
Gefthnmtheit, bie Umriffe ber öanblutig oft 6i« pm Getfdfwinben 
unbeutlicf). Qe höher bie Legion, in toetdEjer er etwa« oorgehen 
läftt, befto tterfchwimmenber toirb alle«, Währenb er at« ©l)or= 
führer feiner ©eftatten bie ^allelujahgefänge anftimntt. StQein 
über biefe fünftlerifdfen 90?ängel fah bie ©eneration Eiitttoeg, 
weldje bie Slttfänge be« SDieffia« empfing. ^;f»r genügte bie hocf)= 
gefpatmte, ftarf fubjeftiöe ®id)tematur, mie man nod) feine 
Eeraten gelernt hotte, unb non ber man wähnte, baf$ fie nie= 
mal« übertroffen werben fömtte. 

3luf eine SBiebergabe be« Qn£)a(t§ be« Sfleffia« muffte ber 
fftebner, bei ber ißlanlofigfeit be« Sßerfe« nervten, unb fonnte 
nur einige Umriffe pffen unb einige -öauptpge hemorffeben. 
üDie houptfächliche (Schönheit be« SßerEe« liegt in ben ©pifoben. 
Unb ba man öoit SElopftod« ®arfteHung, ohne ihn felbft p 
hören, feine Ültifchauung gewinnen fann, la§ ber SRebner ein 
Grudjftüd einer folgen ©pifobe nor, unb par au« bem 13ten 
©efange, nämlich bie Gorgänge unter ber römifdjen SBacpc am 
©rabe Qefu, nor unb nach ber Sluferftehung, fo wie ba« ©r= 
fcheinen unb bie SRelbung be« £>auptmannS ©neu« in ber Ger= 
fammlung ber dichter, bi« pm ©elbftmorbe be« ^Jriefter« 
Ghitn, be« erbittertften geinbe« Qefu. 

9luch in ber Obenbicptung Älopftod« ift e« bie 9Wannig= 
faltigfeit ausgeprägter perfönlidjer ©harafterjüge, welche einen 
nachholtigen ©mfluff übte, ©in gewaltige« ©elbftgefühl, ftoljer 
Unabhängigfeit«finn, tiofyä GeWufftfein ber bidhterifdjen SBürbe; 
baneben eine tiefe ^nnerlidjfeit be« ©emüthe«, auch wohl bi« 
pr Shränenfeligfeit; eine Gerbinbung non ©egenfä^en, welche 
fi«h ber gefammten Qugenb mittheilte, ©mpfinbfamfeit unb 
ftürmifche« Swängen nach CebenSbethätigung würbe burdf filop= 
ftocf bie eigentliche Signatur ber ßdt. 

IRenolutionär gegen ba« bisherige fftegelwefen war auch 
SElopftocfS bichterifche gorm. |jatte er für ben SReffia« al« 
Ger« ben ^epameter gewählt, ben in $)eutfd)lanb noch hie 
SBenigften nur p lefen nerftanben, fo goff er in ber Ctjrif feine 


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88 


©mpfhtbungen in bie antifen Obenformen unb in baS etegifche 
SJerSmaafj, meldje er auch toohl in bidjterifdjem ©dhtounge jer= 
fprengte, um in bit^rambtfe^er StegelloftgBeit ju ftngen. 
33ahnbre<henb mar er aud) barin, fomofjl für bie ©pradhe, beren 
SSietgeftalt unb SluSbrutfSfäljigfeit er juerft geigte, mie für bie 
Dichtung, inbem er bie antifen formen mit beutfdhem ©eift 
erfüllte. Diefer beutfdf nationale ©runbton Hingt auS &lop* 
ftodfS (Dichtungen überall bertior, unb alle ©mpftnbungen unb 
ntenfdjtidjen ©timmungen ftnb bei tl)m barauf gegrünbet. Die 
natürliche Regung ber $ugenb, bie greunbf c^aft,. tritt in 
feinen Oben mit ganzer Sh'aft unb Feinheit auf; fdhüdhterner 
unb gartet bie erfte Ciebe; mächtig unb fortreifcenb fein 
greiheit3= unb 93aterlanb3gefühl- 2öie tounberlich 
uns heute immerhin feine 33arbencl)öre in ben brei feltfamen 
Dichtungen in bramatifdher gorm, bie er „SBaubiete" nannte, 
oorfommen, baS gfreiheitSgefühl unb ber patriotifdje ©eift 
barin mirften auf bie geitgenoffen bodh fe^r mächtig. 2öar 
Slopftodf bodh, t) o r ©dhiller, ber erfte, toeldher mit foldhen 
Mahnungen an baS beutfdhe ©emiffen pochte. DaS perfönlidhe 
UnabhängigfeitSgefühl, ben hoh cn SDtanneSftolg, ber ihn erfüllte, 
münfdhte er feiner Station mitgutheilen. SSor ber fflaoifdhen 
9ta<haf)numg ber fffremben mahnt er fte abgulaffen, unb oon 
beutfdhem ©eifte burdhbrungen gu fingen. Die beutfdhe ©pradhe 
mar ihm ein nationales £>eiligtf)um (mar fte bodh batnalS baS 
einzige fefte 33anb, baS bie Station äußerlich gufammenhiett!) 
unb er fang ihr in einer feiner fdhmungooHflen Oben ein $rei8= 
lieb, ©r rnedfte oon Steuern SDtuth unb Vertrauen, an bie 
Düdjtigfeit beS beutfdjen SSolfeS gu glauben, ©r erfüllte bie 
Qugenb mit frifchem CebenSgeift, lehrte fte, bie geffetn beS 
^erfömmltchen gu gerb'redhen, unb bie freie SDtenfdhlidhfeit unb 
innerfte Statur männlich, geftnnungSooll unb fräftig malten gu 
taffen. ©o< erhielt burdj ihn, mit ber geftählten Sfraft, beutfdjeS 
Ceben unb beutfdhe ©itte ein innerlich erhöhte ©afein, um fo 
reicher, als bie burdfj ihn gemeefte ffimpfhtbung alle menfdhlichcn 
39anbe oerfdjönt unb innerlidh merthooller gemacht h atte> 3 n 
ber Orbnung mar eS, bafj bie oon ihm angeregte Qugenb 


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89 


falb jebe BefdjränEung oon ftdfj nieberwarf unb ifjr öebenS* 
gefügt audfj Wofjl über ©ebüfjr auSjutoben liebte. ®enn oon Ätop* 
ftotf fjet leitet jene bidjterifdje Beoolution, bie als „©türm* 
unb ÜDrangperiobe" in ber beutfcfjen öiteratur bejeidjnet wirb, 
nnb auS ber audj bie Jünglinge ©oetlje unb ©djiller empor* 
muffen. _ 

5. 

2lm 30. SDlärj fpradj §err Dr. Sßtlfjelm Qorban über 
eine intereffante Erinnerung auS feinem Seben, für bie er bie 
Ueberfdjriff gewählt Ijatte: 

„2Reine erfte Begegnung mit ©djopenljauer." 

Er begann mit einer ©dfilberung beS ©tilllebenS, tote eS 
in ben StadjmittagSftunben in ben öefejimmern beS alten grant* 
furter Eaftno’S ju Iferrfdjen pflegte. 

Bis über bie üöiitte ber 50er Qaljre Ijat bie Eaftnogefell* 
fdjaft ben erften ©tocf beS EclffaufeS am BofjmarEt inne gehabt, 
baS mit ber einen ^ront nadj ber |jauptwadlje fdjaute, mit ber 
anbern etwas gröfeem nadj bem gegenüberliegenben Englifdjen 
£jof. Qn ben BadjnrittagSftunben blieben bie weiten Bäume 
gewöljnlidj unbefugt, ©o Ijabe Bebner bann hn öefefaal 
ungeftört bei ber ßeltüre ftfcen ober liegen fönnen. ^bd^ftenä 
Ebuarb SRüppel fei jutoeilen erfdjienen, Ijabe ftdj aber ftetS mit 
ber ,3eitfdjrift „SluSlanb" in einen ber anberen ©Sie jurüdfge* 
$ogen. ©o oft er mbejj länger als 4 Uljr fi|en geblieben fei, 
Ijabe ftdj ein iljm unbeEamtter, forgfältig unb fauber, aber 
ettoaS altmobifdj gefleibeter alter £jerr eingefunben, beffen ©eftalt 
unb Saftige Bewegungen iljm baS erfte 3Jiat einen an’S Un* 
Ijeimlidfje ftreifenben Einbtucf gemalt hätten. Obwohl bie ©tatur 
nidjt fo tief unter Bttttelljölje jurütfgeblieben, um fdjon ju ben 
tleinen ju jäljlen, fei bodj ber Butnpf in bem fafj [grauen Bo<f 
beinahe oerEümmert erfcfjienen gegen ben grojjen ßöwenlopf über 
bem altmobifdjen großen Äragen öon fdjwarjem ©ammet. 
®er 2Jiann Ijabe ftc^ Beine SBülje gegeben, ben Berbrujj barüber 
ju oerbergen, bajj audj ein anberer bie concurrenjfreien ©tunben 
beS CefefaatS enbecEt Ijabe. 3Me mädjtige burclj eine begimtenbe 


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90 


©lape erpöpte ©tim, umrahmt oon meifeem, an ben ©dpläfen 
flügelartig abftepenbem $aar, pabe fidp in fraufere galten ge* 
jogen, bie 6ufewigen mit etmaS ©rau untermifepten trauen fiep 
über bie glönjenben pellblauen Slugen gefenft unb ein ftedpenber 
©eitenblicf erratpen laffen, bafe ber breitgejogene grofee SJJunb 
bie Unterlippe unter ber Oberlippe mopl nur öerberge, um bem 
©ebanfen feinen 8aut §u geben, ber ben ©oncurrenten ptnmeg* 
münfepte. äReprmalS fei aber audp ber pörbare 8aut nidpt unter* 
blieben, miemopl er fiep auf ein palb innerliches Änurren 
befepränft habe. ©ineS SageS jebodh pabe fe<P bieS bis ju einem 
fehr oernepmlidpen ©runjen beS UnmiKenS gefteigert, ben er in 
rafepem SBorübergepen, einen Slugenblicf ftufeenb auSgeftofeen, 
als er in Stebner’S $artb bie „StmeS" gemährt, nadh ber er 
immer juerft ju greifen pflegte. SRebner habe fidp nicht bemogen 
gefühlt, feinem unartifulirt angebeuteten ©unfepe golge ju 
geben; benn er pabe immer nodp nidpt gemußt, mer gener 
fei. 916er eS pabe ipn ju einer ©rfmtbigung oeranlafet. SRacp 
genauer Sefdpreibung pabe ipm ber oerftorbene S3ürgermetfter 
9RüUer geantmortet: „(Sie femten nodp nidpt bie ©elebrttüt 
granffurtS, ben ^ßpilofoppen 9lrtpur ©dpopenpauer?" — 
Sfticpt lange barauf pabe baS ©aftno baS GrcfpauS an ber ©rofeen 
©atluSgaffe unb ber Sieuen 9Rain$erftrafee gefauft unb bezogen. 
.<pier fei ber Cefefaal bei ©eitern ffeiner gemefen; Seibe patten 
um bie f)älfte näper fifeen müffen, obmopl ©epopenpauer ftet& 
am entgegengefe^ten Grube beS SifdpeS ^lafe genommen, unb 
menn gorban einmal fpfiter gefommen, biefer baS SBeifpiel ftreng 
nadpgeapmt pabe. 3)iefe gurüdpaltung fdpeine ©epopenpauer 
bepagt gu paben, unb allmöplich pabe ftdp eine ftumme £)öftidp= 
feit entmidfelt. ©epopenpauer pabe ben Slnfang gemaept mit 
einer leidpten SBerbeugung, bie ber Stnbere niemals ju ermibem 
unterlaffen pötte. Sann pabe gorban, menn gener ipn mit 
ber „SinteS y/ getroffen, baS SBlatt lautlos mit einem S3üdflit% 
t>or ipn auf ben Sifcp gelegt ®aS erfte 9Q?al fei beffen banfen* 
beS, ftummeS SfopfnidEen, begleitet gemefen oon einem ©lief, ber 
bie großen ftraplenben 9lugen audp fcpön erfepeinen liefe. Grinige Sage 
fpäter pabe er in gleicper ©eife oergolten, inbem er fiep in ber Ceftüre 


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91 


ber „2lugSburger 2lHg. 3*9-" unter&rochen, um ftc Rotbart einju= 
Ijänbigen, beffett ©emohnljeit, bieS Statt jucrft torpnehmen, er 
bemerEt hatte. @rft naef) Otelletcht jmei Qaljren hätten bie in biefem 
Statte erfchienenen „©hemifdhen Sriefe" £ie&igS bte Seran» 
taffung ju einer Slnnäljerung gegeben. Qm erften Srief ber jmeitetf 
(Serie ftelje nämlich, bafj bie ber djemifi^en ähtaltjfe bisher pgäng= 
litten ißrogeffe in ber Sßftanje nidjt auSreichenb feien, auch alte je 
nadj ber 9trt befonberen (JrfMeinungen threS 8ebenS ju erEtären, 
oietmehr bteibe noch ein bunEIer IReft jurücE, unb man Eönne 
nid^t umhin, jeber SpecteS etmaS mie eigentümliche Neigung, 
SEBa^t ober Söitte jupgeftehen. Son Schopenljauer’S „SBitte in 
ber Statur" habe er mittelbar genug gehört, um oon biefer 
Stelle frappirt ju fein. ®ie jahrelange 3 ur üdE^aItung öexgcffcttb, 
habe er Schopenhauer baS Statt mit ben SBorten ^ingereidljt: 
„f>err Schopenhauer! ®a erleben Sie einen großen Triumph! 
Cefen Sie, mie ftdh Ciebig Qh nen pmenbet, oieHeicht ohne Sie 
p Eennen, unb Sie merben biefe etmaS ftilmibrige Unterbrechung 
entfchulbigen." £>er Slngerebete fdhaute Qorban grofj an, ein 
Stimmer oon 3toth flog über feine Söangen „Qa, fie Eommen 
mir 8lHe unb Sie, Sie Eönnen ba§ noch erleben, aber Eennen 
Sie benn meine ^ß^ilofopj^ie ?" Qorban höbe geantmortet, bafj er 
noih tiidht§ oon ihm felbft gelefen, ben üingelpunEt aber berfeiben 
p Eennen glaube, hieran hohe fidh nun ein ©efpräch geEnüpft, 
in meinem Qorban ftdh als ©egner jenes SpftemS beEannt höbe, 
meit eS p feinem Serufe eines ißoetett rticf)t paffe. ®ie Unter» 
rebung höbe ftdh bann auf QorbanS „£>emiurgoS", mobei Scfjopen» 
hauer ihn eines unbegreiflichen, entfejjlidhen Optimismus 6ef<huibigt 
unb ben „gefangenen Teufel p- Stirgenbheitn", fomie feine bra* 
matifdhen u. a. SBerEe erftretft. Sie feien bann ganj gute 
Qreunbe gemorben, bis Qorban eines SageS ftdh 9 c 9 ett ©<hopen= 
hauer’S Qarbentheorie eine abfpredhenbe Sluferutig ertaubte, meUher 
mehrere anbere naturmiffenfdhaftliche StreitigEeiten folgten, bie 
bann baS Serljältnifj lüften. £er Sortragenbe ermähnte noch 
eines SefudheS, ben er mit Qriebridj |jebbel bei bem tyfylo* 
fophen madhte. tiefer höbe ihm nämlich bie Qsrtaubnifj ertheilt, 
menn er einen mirEtid)en SOtenfdhen gefunben p hoben glaube, 


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92 


tljm ba8 Söunbertbter ^ujufü^ren. ©djopenbauer behauptet nätn= 
lidb, bajj c8 jtoat gtndbeiner ohne gebern miHtonenttetfe gebe, 
ein mirf lieber 9Jtenfcb ober ehte rare avis fei. Qorban führte alfo 
# ebbet in baS fdblidbte ©emadb, ju beffen ©inridjtung eine 
•reidb öergolbete ©ubbbaftatuette auf jierlidjer Sonfole einen 
eigent^ömic^en ©egenfafj. bitbete, ©djopenbauer nahm $ebbet 
fe^r freunblidb auf, machte if)m Komplimente über feine „SRaria 
SWagbalena", bemerfte ober, er fönne nicht begreifen, h)ie mon 
ju einem fo guten ©tüdE eine fo fdjtedjte, gerobeju obft^recfenbe 
©orrebe fdjreiben fiJnne? $ebbel mar gonj üerbtüfft, ftotterte 
einige unjufommen^ängenbe SRebenSarten unb febtojj mit einem 
überfdbmänglieben $>itbbrambu8 auf ben ^5§ilofop>^en. 

Qorbon gab jum ©d^uffe eine fe^r anjtebenbe KboraEte* 
riftif ber ©dbopenbauer’feben ^S^itofop^te: unb beenbete feine 2tu3= 
füljrungen mit bem ©ortrage einer eigenen ®idjtung auf ben 
großen ^Mfilofopljen* - 

Sltn 26. ®ecember 1883 trug ber um biefe 3eit in §ranE= 
furt meitenbe £>err ©rofeffor Slteyanber ©trafofdb au3 ©Men 
ben ungetuöbntidb ja^treid^ erfdbienenen ©enoffen im ©oetbebaufe 
bie großen ©eenen beS 4. 5tEte8 auS ©oetbe’8 „Staöigo" oor. 
®ie ßubörer folgten bem ©ortrage mit größtem Qntereffe unb 
fpenbeten jum ©dbtuffe bem Sortragenben für bie fettene !ünft= 
ierifdbe öeiftung lebhafte 5tnerfennung. 


^ IV. ©infenbnngen. 

27. Dr. & 21. gfraitfl Witter bon ©odjtoartfj, 2Bien: 3*** ©iograpb** 
gratis ©rittparger^ bon ßubto. Slug* grantf. Sßien 21. fcartleben’S 
©erlag. 1883. 

30. TJ. S. Bureau of Education, Washington: Work and History, 
2 Circulares of Information. Nr. 2 & 3. 1883. Washington Go¬ 
vernment Printing Office. 

32. ©pmnaftol*3)irect0r Dr. »ntoit, Kaumburg a. 0.: De orgine libelli 
Hepl ^oyac xdajjLw xai epoato; bon SBalter 2tnton, Dr. b(tf» Ober« 
teurer a. $♦ ©rfurt. ©arl ©ittaret 1883. 

42. Katurfor fdjenbe ©efettfdjaft in ©ern: üKittfjetlungen berfelben 
au» bem 3ab« 1882. n. $eft Kr. 1040 — 1056, be8glel#en 1883; 
L §eft Kr. 1057 — 1063., ©ent. Jpuber unb (Sie. 1883. 

51. Smithsonian Institution, Washington: Annual Report for 1881. 
Washington, Government Printing Office 1883. 


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93 


59* »ereinfür ©cfdf)idf)te unb Slltertbum Sfunbe,granffurt 0 . 2 R.:. 
2lrchto für granffurts ©efchichte unb &unft 1882« »ereinSgabe für 
1882« 

60« beSgleichen 1882, »ereinSgabe für 1883. 

61. beSgleichen 1882, »ereinSgabe für 1884. granffurt a. 2Jt., $. 3 %. 
»ölcfer’S »erlag. 

62. Dr: 2lboIf »robbecf, Stuttgart: 3)te 3ü>eige ber äRufif Don Dr* 
21b. »robbeef. Stuttgart, ©. 21. 3nmfteeg’S »tuftfalienhanblung 1883. 

65. 9tobert25Beber, »afel: 9toüelIen üon 9t. SÖeber. »afel, Selbft* 
oerlag 1883. 

70. g. ß. Hoffmann in SJteran: ©ebidfjte üon 2lrnolb oon ber Sßafcer. 
SnnSbrucf, 2öagner*fche UniüerfttätS »udjbanblung 1883. 

86 . Oberbeffifcher »erein für ßocaI=©efchichte: H. Sabres 
bericht 1882—83. ©iefeen, ©mil 9toth 1883. 

87. U. S. Bureau of Education, Washington: Report of the Com- 
missioner of Education 1881. Washington, Government Printing 
Office 1883. 

88. Departement of Interior, Washington: Report of the Commis- 
sioner of Agriculture 1880. Washington, Government Printing 
Office 1881. 

116. »rof. Dr. ©. 2Bebl in Söien: ®er 2lberglaube unb bie ^taturtoiffen* 
fchaften üon »rof. Dr. ©. 2BebI. Söien, ©arl ©eroIb’S Sohn 1883. 

123. Dr. ©. 21. Saalfelb, Oberlehrer im StaahMSmnnafium in Hol 3 s 
minben: 3)er Hellenismus in ßatinm üon Dr. ©. 21 . Saalfelb. 2öol* 
fenbüttel, 3wl. 3*oifiler 1883. 

124. ®erfelbe: £auS unb Hof in 9tom üon Dr. ©. 21. Saalfelb. »aberborn, 
gerbinanb Schöningh 1884. 

130. »aron gerbinanb üon Füller, Melbourne: Observations on 
new vegetable fossils by Baron Ferd. von Müller. London, Trübner 
& Cie. 1883. 

134. ©onfiftorialrath unb 2ftilitair=Dberpfarrer Hupften in fünfter i. 2Ö.: 
©priftlicher 9tei[ebegleiter üon ©. Hupften. »erlin, 3« Maurer & 
©reiner. 

135. $)erfelbe: ®ie »oefie beS Krieges unb bie triegSpoefie üon ©. Hupften* 
»erlin, 3. 2/taurer & ©reiner. 1883. 

155. aitinifterialrath Dr. phil. ©. üon Sch er 3 er, 2eip&ig: »ernharb greis 
herr üon SBüllerStorf, ein »latt pietätüoller ©rinnerung üon Dr. ©. 
üon Scherger. München, ©otta’fcpe »ucppanblung« 1883. 

164. Hofrath Dr. »auli, ßübeef: Ueber Smprna, üon Hofrath Dr. med. 
gr. 2Bnt. »ault, ehemaligem Hanfeat. »ice*©onful ju ©ptoS unb Xfcpefnte. 
ßübeef, 1883. H* StaptgenS, 

166. 21 achener © ef cp icptSü erein, Aachen: 3eitfcprift, 5. »anb 3. unb 
4. Heft 21achen, »enrath & »ogelgefang. 1885. 

176. Xirector Dr. ©elbe in Stollberg: HanbfertiafeitSunterricht. a) 2Mge* 
meine ©ebanfen, b) ßeprplan, üon Xir. Dr. ©elbe. »erlin, S. Sep* 
ring’S »udpbrucferei. 

193. »remier*2ientenant Herrn. ©ggerS, »remen: 3eitfcprift ber ©efeü= 
fchaft für SchleStoigsHolftein=ßauenburg’fche ©efchichte, 13. »anb. &iel, 
UniüerfitatSbuchhanblung. 1883. 

194. ®erfelbe: 3eitfcprift b. hiftor. »ereinS f. -Wieberfacpfen. Hannoüer, 
Hahn’fcpe »uchhanblung. 1883. 

195. Xerfelbe: SahreSberichte b. »er. f. SJtecflenburg’fche ©efchichte. Scptoerin. 
1883. 


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94 


200* Sociote imperiale des Naturalistes, Mosoou: Bulletin No. 2. 
Moscou, Alexandre Laug. 1883. 

204. Dr. SBilbetm hobelt, Scbtoanbeim: 91acb bcn Säulen beS ©erculeS, 
33ericf)t über bie im «Sommer 1881 im Sluftrage ber 91übpet*Stiftung 
unternommene 91cife bon Dr. 3Bm. hobelt granffurt a* 971., 97tab s 
lau & SBalbfcbmibt. 1883. 

210. Dr. phil. 91. Scbomburgt, $>irector be$ botanifeben ©artenS in 
2lbelaibe (Sübauftraticn): South Australia: its History, Productions 
and Natural ßessources by J. P. Stow. Adelaide, E. Spiiler, Go¬ 
vernment Printer. 1883. 

211. BanbgeridjtSratb a. $. ®arl 3ru Iba, ©affet: 97tonat$fcbriftfür cbriftlicbe 
SBoltSbilbung bon Dr. ©einricb 3^oc^o£t, Sanuarbeft 1884. Farmen, 

33. unb X. ©. SBiemann. 

212. $)erfetben Sfebruarbeft 1884. 

213. $)ie ©efängni&berbefferung unb ber Strafbottäug im beutfeben 91eicbe 
bon ü. grulba. Marburg, 91. 51. ©Itoerffcbe 33ucbb<utblung 1880. 

214. $aS SSerbrecbertbum bon Sfutba. ©eibetberg, ©. SßintePfcbe Unib. 
33ucbb<mbtung 1883. 

215. $>re Reform ber ©efebmorenengeriebte nach Stnatogie ber Schöffen* 
geriebte bon 3rulba. ©eitbronn, ©ebr. ©enninger 1883. 

219. 3. Ubinf, Snfpector in 971agbeburg: £afcbenfatenber für baS 3abr 
1808. 9tug3burg, 3ob. ©eorg 9lotttoagen. 

236. Prof. Dr. Sofebb bon ßenboffef, 33ubapeft: £)ie Ausgrabungen 
%vl Ssegeb*£)tbalom in Ungarn, bon Sofepb ©blem bon Benboffef. 
33ubapeft, Uniberf. 33ud)brucferei 1884. 

244. ©mit Malier in 3ofingen (Scbtoeij): $)aS ©febeibtinger Siebter* 
atbum bon ©mii fjauer. Aarau, ©. 91. Sauertänber 1882. 

263. Palm unb ©itfe in ©rlangen: ©tbtia, eine päbagogifcbe 9tobette 
bon Scbmibt*Scbtoargenberg. ©rlangen, Palm unb ©nfe 1880. 

264. Robert SB eher in 33afet: ©iob, ein religiöfeS Bebrgebicbt bon 91. 
SBeber. 33afet, Vertag b. „©elbetia" 1882. 

265. ®erfelbe: $)ie fcbloeiaerifcbe üTtationalbibtiotbef unb baS Pamphlet 
bon 1801. Victor SBibmann eine titerarifebe Streitfcbrift bon 91obert 

SBeber. 33afet, 23ereinSbruc£erci 1884. 

270.*$. ©. Schubert, 91. 33. ©auptmann, ÜMncben: Florian ©eher, bift* 
Sragöbie in 5 Aufeügen bon griebr. ©arl Schubert. 97tüncben, Selbft* 
bertag 1884. 

277. ©ofratb $>irector Dr. gftamm in Pfullingen: Stubien über Srren* 
©otonien bon ©ofr. Dr. Stfamm. SBicn, &öplifc unb 2)euticfe 1881. 

278. $>erfelbe: fjeftrebe gur fjeier beS 40jäbr. StiftungSfefteS ber ©eit* unb 
fPftegeanftalt Pfullingen bon ©ofr. Dr. gflamm. Tübingen, 33ucbbrucferei 
©. Baupp 1884. 

281. $>erfelbe: $eft* unb 2. AnftaltSbcricbt ber ©eit* unb Pftegeanftatt 
Pfullingen bon ©ofr. Dr. ^tarnm. Tübingen, DfianbePfcpe Verlags* 
33ucbbanbtung 1884. 

283. ©erfetbe: 2)ie ©eit* unb Pflegeanftatt Pfullingen in ihren erften 10 
Sabren bon Dr. gftamm. Reutlingen, 33ucbbrucferei bon ©arl 91ufcbe 
1882. 

284. $>erfetbe: Aus bem inneren Beben ber ©eit* unb Pftegeanftatt Pfui* 
liitgen. ©ine 91ebe mit 33orn>ort bon ©ofratb Dr. Otto Sflarnm. Aeut* 
tingen, Söucbbrutferei ©art 9lufcbe 1S82. 

286. Dr. phil. g-erb. bon©erber, ®aif. 91uff. ©ofratb in St. Petersburg: 
£)ie 97tonopetalen DftfibirienS, beS AmurtanbeS unb ^amtfcbatfa’S 
bon ^erb. bon ©erber. übloSfau, 3H. Eatfom 1834. 


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95 


291. Dicolai ü. ®offcbarom, St. Petersburg: Materialien $ur Mine* 
ralogie Dufcianb’S üon 9^ic* ü. $oficbaron>. 9. Vanb. Petersburg, %itg 
Sacobfon 1884 

293* Eoufut Dr. jur. et phil. ßtibmig VraunfelS, §ier: 2)er finn* 

* reiche Sanier ®on Ouijote üon ber Mancba üon Miguel be EerüanteS 
Saaüebrd, überfefct Don ßubtoig VraunfelS. 4 Vänbe. Stuttgart, 
Verlag 5Ö. Spemamt. 

298. Varon grerbinanb ü. Müller, Melbourne: The plants indigenous 
around Sharcks bay and its vicinity by Baron Ferd. von Müller. Perth, 
Bich. Pether Grovernm. printer 1883. 

321* $ranj tnautb, Dector in Mü^aufen i. Xfy.: Martin ßutber, 
mufifalifcbsbecl. fjeftgabe üon Sfran^ ®nautb, Rector, Mü^l^aufen i. X 
MüIjUjaujen, $. Schröter. 

351. M. E. Sachs, Münzen: Unterfucpungen über baS Söefen ber Xon* 
arten üon M. E. Sad)S. $)emmin, 51. $ranfc 1884. 

352. $erfelbe: Paleftrina, Mort* unb £onbidjtung in 3 Stufigen M. E. 
Sad)S. München, als Manufcript gebrueft, 5. ©otbesminter, 

368. 3* Sallis, Stuttgart: £auS 5llüenbanno üon 3ofe Edjegarap, für 
bie beutfebe Vüijne üüerfefct unb bearbeitet üon 3ob» @attiS. 

379* ßanbeSgericbtSratb a. 3). $arl $ulba in ©affet: MonatSfdjrift für 
cbriftlicbe Volfsbtlbung 7. §eft (mit 5lbbanblung: 3anabme ober 5lb* 
nabme ber Verbrechen üon ®arl $ulba). Varmen, $). V. unb X . ©. 
Söiemann 1884. 

374. Dr. fjriebr. Seifert, ßebrer, ßeipjig=©obliS: Xit Deformation in 
ßeipjig üon Dr. fjrieb. Seifert, ßeip^ig, §inricb’fcbe Vucbbanbfung 1883. 

402. E. 5luSfelb, Müblbaufen i. Xi).: Erinnerungen aus bem ßeben 

Ehr. ©ottf). SalgmannS, beS ErüitberS ber ErgiebungSanftatt Sd)nep= 
fentbal. ßeipjig, $ürr*fd)e Vucbbanblung 1884. 

403. 51. ©♦ Pf aff, ©pmnafiallebrer, Müblpaufen i. Xfy.i Pfalter unb 
©arfe, ©eiftlidbe ©efänge (Motetten) 4 unb 8ftimmig aus alter unb 
neuer 3eit üon 51. Pfaff. ßatigenfalga, §erm. Vepcr uitb Söhne, 1883. 

433. Dr. 51. Meier, ßitbef: $)er JgauSpalter ber Ungerecptigfeit, ßucaS 16, 
V. 1 — 14. Von Dr. 51. Meier, 7. Umarbeitung, ßübef, Mö£ Scbmibt 1883. 

462. ©ruft ^iciuenhagen, Vucbbanblung, Eaffel: ©octpe in Strafeburg 
unb Sefenbeim. Dichtung üon Mortfe §orn. Ernft SUetnenbageit Eaffel. 

590. $riebr. Seibel, 5Betmar: VefcbäftigungSmagajin für ^inbergärten 
üon S$fr. Seibel. 2öien, 51. Pichler 5öm. unb Sohn 1883. 

670* Societe Imperiale des Na t uralistes, Moscou : Bulletin Nr. 3 
(1883). Moscou, Alexandre Lang 1884. 

673. §♦ ®ept, $ranffurt a. M.: Ueber Miffen unb Eflauben üonDr. 5lloiS 
©eigel. ßeip^ig, E. 2Ö. Vogel 1884. 

3n fortlaufenber ßieferung gingen ein: 

5J)urdb E. 51. Seemann, ßeipjig: „3^itfcbrift für bilbenbe ®unft." 

„ Prof. Dr. 3o^nrfe, ßeip^ig: „ßiterarifcbeS Eentratbtatt." 

„ D. SBeber, Vafel: „§etüetia." 

„ Prof, ftürfdpner, Stuttgart: „Vom §els gum Meer." 

„ ,, „ „ „Ueber ßanb unb Meer." 

„ bie ßeopolbinosEarolinifcbe beutfebe 5lfabemie: „ßeopot* 
bina." 

„ Prof. Dr. Doll, granffurt a. M.: „Xtx 3üologifcbe ©arten." 

„ ben ßabnfteiner 5lltertbumSsVerein: „DbenuS." 

„ Dr. gfr. Ve^, ^eitbronn: „S)er Srrenfreunb." 

jn * ii ii „ „Memorabilien." 


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96 


$ur<b jBrof. Dr. ^cclant, ßei^ig: „(Befunbbeit* 

„ Dr. SReuntaber, Hamburg: „$>euifcbe ©eetoarte.* 

„ g* ©tibel, SBeimar: „ftinbergarten." 

n $. SRerfer, Augsburg: „£>er StolfSeraieber/ 

* Dr. SB« 8 riefe, SBieJfrbaben: „^Reform«* 

„ ben ©tetermarfifeben (Sartenbaunerein, (Sra^: „SWti* 

* sL öon greeben, Söomt: „$anfa." 

„ $R. ßeffer, granffurt a. SK.: „Xeutfebe (Solonialäeitung«" 

„ 2. 3ung, SRüneben: „Shtabenbort." 

* „ „ „ „Leitung für geueriöfd&toefen." 

„ g« 2B- ©elbntacber, granff« a. Ti*: „Xeutfdje $Pbotograt>b*tt*3tö-" 
„ &* 5ßappcnbcim, SBien: „Defterreicbtfcbtö §anbel8s3oumaL" 

n ff " „ „2Rontan= unb 2Retaüinbufhries3eitong.* 

* n „ ,, ,,2Rüaer*3eitnng«" 

„ (S. SBreSiaur, Berlin: „£>er (Slaöierlebrer." 

„ Dr. SB. 2auf er, SBien: „SUlgetneine ^unft'Sbwnif." 


SSon ben betreffenben Stebactixmen gingen ein: 

„granffurter 3*iton0*" 

„granffurter SournaL" 

„granffurter Söeobadjter." 

„granffurter 23örfen= nnb ©anbel^eitnng/ 

„granffurter ßatero." 

„(lourSbiatt be8 granffurter SBecbfelntaflers©bnbicat$." 

„Xie Keine ©bronit" 

„SBocbenrunbfdjau." 

„^Berliner ä3übnen=2Rontteur." 

„$eutfcb=öfterreicbtfcbe Xbcderseitung«* 

„£)efierreidf)ifcbe Stobegeitung«" 

ßeftionS^atafoge nnb afabemifrfje ©cbrtften fanbten ein: Xie Uni* 
üerfitäten ©öttingen, 3cna, greiburg, Sßrag fotnie bie teebnifeben 
$ocbfcbn(en S3rannfebtoeig, Xarmftabt, J&annoöer nnb SBien« 
ßaaerüer^eiebniffe febieften ein: X)a8 SHbliograpbif <b* 3nftitu 
ßeipjig, Sßrietoe, S3erlin, ©erfcbel & Slnbeifer, ©tuttgart, ©cbteStoig,. 

t olfteinifcbeS Antiquariat, ftief, XL SBölcfer, S3aer & (Sie* 
ebntann & ßufc, Sfaac ©t* ©oar, granffurt a« Ti* 


Xrucf öon Äuntpf & SReiS in granffurt a. 2R. 


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be# 

freien #fMtrd)fii ^odjiHftpa 

ÄH 

gtraitfifurf ant Wattt. 


§ e v o u s g c 9 c b e u 

ttom 

^Cfabetttif^eit (SJefamt* Wutffdjufi. 



s JJ«ue golge. ® r ft e r !ö a tt b. 
§a$rg«ng 1884/85. 


Frankfurt am ilain. 

$ruel oo n si u mof & SReisk 


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Üframt Jfejilstjpti at|sli|bs 

für 

Piffen ^ u it(l unb filbung 

in $ 0 rfQe’* fHtfer$*mfe ju ^ranftfurf a. 3». 

IjerauSgegeben 

00 m ahatamifdien ®eramtau«rdju|Ft 

CUTe fJerfdfte erfdjehwn in {»anglofen 

Jahrgang 1884/85* Meftnmqm für Me Ättft» 0 enoffeii Cieferung K 

ntrb für befrenirbete *flr t\\t. 


$» 0 «(t ; I. ©orberidjt. — n. ©efdjäftlidjer ©erfeljr. ^erfonalien. — III. Sljätiglfit ber ©eitoffen* 
fdjaft bom 1. Ouni 1884 bis aum ©djtuffe be« »emaltungSja^reS 1888/81 (30. ©ept. 
1884). 1. ©onfHtitirong ber Remter; 2. ©orbereitung &ur ©ilbung ber SHabemifdfen 
Abteilung. — IV. ^ä’tigfeit ber ©enoffeTtfdfaft frit bem ©eginne be« ©ermaltung** 
jafjreS 1884/85 (1. October 1884). 1. §auptberfainmtung Dom 26. October 1884. 
2. <£ommiffionS*©ibungeit. 8. ^aityttoerfammlung bom 16. Wobember 1884. 4. ©on= 
fHtttirung ber Stfabemifdjen Abteilung uitb be« ?lfabemif(t)en ©efamt*?(u$fdjuffeS. 
5. tfetyrgänge. 6. ©jungen nac^ ©afe 4E. 7. tfefejimmer. — V. ©infeitbungen. — 
VI. ©d)tufjh>ort. — VII. Unnötig. 


I. ©orben^t. 

Söenn erft heute bie feit nahezu neun Sbionaten unter* 
brodfene 33ericf)terftattung wieber aufgenontmen rotrb, unb bie 
SBieberaufnahme tiorerft nur in einer öortäufigen unb non ber 
bisherigen Uebung abtnei^enben ©eftalt erfolgt , ba bie nadf* 
fotgenben geilen fi<h m it einem geraume beS genoffenfdhaft* 
liefen CebenS 6efc£)äftrigen , ber auS einem in baS anbere 35er* 
waltungSjaffr ^erüberf^iett , fo liegt ba§ mef entlieh an bem 
©hatafter ber junäclfft h’ nter unS Uegenben ©poche beS ge* 
noffenfehafttidjen CebenS. ©8 maren Sage ber Um* unb 9ieu* 
geftaltung, beS SlbfterbenS ber alten formen r in tneldjen unfer 
©enoffenfchaftSleben fich feither bemegt ^atte, unb ber Slieu* 
bitbung einer ©rganifation, bie, nur ibeell oorhanben, nach 
langen garten unb langem Kampfe ihre erfte CebenSregung be= 
thätigen füllte. 3lber ehe eine berartige Regung möglich mar, 

1 


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2 


efje ben neugeformten Körper ber ^ßulSfchlag beS CebenS burd)- 
bringen Sonnte, gaft eS, ber CebenSthätigEeit felbft bie (Stätte 
ju bereiten. Unb nid^t an ben SluSbau berfetben ober an 6e= 
Ijagltdfe SSohnlidjEeit burfte junäc^ft gebaut werben — eS muftte 
ein oortäufiger 9iif$ entworfen unb nach biefem baS Sftotwenbigfte 
— (Dach unb gadj — befd^afft werben, bamit bie Vorarbeit ju 
bem SßerEe beginnen Sonnte. 

ßu biefer Vorarbeit würbe bie 3eit tn 2lnfprucf) genommen, 
bie üon bem üerfloffenen VerWaltungSjahre nod) erübrigte, unb 
fte zog fid) hinüber in baS neue, bis fte enblicf) mit bem gnS* 
lebentreten ber SlSabemifdjen Abteilung unb beS 2l!abemifd)en 
©efammtauSfdhuffeS, Wie beibeS Sürglic^ erfolgt ift, als abge= 
fdjloffen betrachtet werben Sonnte. 

Ueber Vorarbeiten im Stabium ber noch anbauentben 
Strbeit ju berieten ift ftetS eine tnijjltche Sache; im üorliegen= 
ben gaÜe um fo mehr, als ber in ber .öauptoerfammlung Oom 
26. October 1881 ernannte 9lEabemifd)e SluSfchufs fidh nur als 
eine oorübergeljenbe Veljörbe betrachten Sonnte, mit bem einen 
unb Wefentliehen Aufträge betraut, bie bleibenbe Störperfchaft 
Zur Regelung ber aSabemifchen S£hätrigCeit in mögtichft Sürjefter 
grift ins Ceben ju rufen. 

©laubt unter biefen Umftänben ber Unterzeichnete 2tuS= . 
fdjujj mit einer Benachrichtigung ber ©enoffen über bie Vor¬ 
gänge ber lebten 3^it nicht fäumen ju follen, fo möchte er hoch 
hinftchtlich ber gorrn r in tuelchcr biefe erfolgt, fidj ootle grei= 
heit gewahrt wiffen. 9lm wenigften fott bie gewählte binbenb 
für bie ber Sünftigen Berichte fein. (Diesmal hattbelt eS ftch 
nur barum, ben ©enoffen unb namentlich benjenigen, welche 
ben ^auptüerfammlungen ber lebten 3 e iS beijuwohnen nicht in 
ber Sage Waren, ein mögtichft annähernbeS Vilb öon altem feit= 
her ©efdjehenen ju geben. 

©S ift baher bie gönn eines 3 tt, if c h en h e ft e ^ gewählt worben, 
wie ftch 'h tet auch ber StEabemifdje VorbereitungS * 2luSf<hufj 
fchon zur (Einleitung feiner Verichterftattung bebient hatte. 2öaS 
ben gnljalt betrifft, fo bürfte alles baS Verüdfidjtigung ge= 


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3 


futtben haben, mag ben Angehörigen unferer ©enoffenfdjaft alg 
miffengmert erfreuten möchte. 


TI. <&efthäftftdfer SBerfeljr. fßerfottalteit. 

33on Gsnbe 3J?at 1884 big ^unx ©djluffe beg 33ermattungg= 
jaf/reg 1883/1884 fanb eine f>auptberfammlung nicht ftatt. 
Oie SBertoaltung trat in ihrer alten 33erfaffung noch jmetmal, 
am 5. unb 19. 9D?ai jufammen, ber AEabemifche 33orbereitungg= 
Augfdjujj hielt feine te^te ©ifsung am 8. SSJiai ab. Oie neuen 
93ermattungg = Organe conftitutirten ftd) am 30. 3J?ai 1884, an 
meinem Sage auch ber nunmehr an bie ©teile ber früheren 
SSermaltung tretenbe S3ermaltungg=Augf^u§ feine erfte ©i^ung 
abhielt; meitere ©jungen biefeg Augfchuffeg folgten fobann 
big jum ©chluffe beg 33ermaltunggjahreg (30. ©eptember 1884) 
am 7. Quli unb am 1- ©eptember 1884. Oer nach SÄajjgabe 
beg ©aljeg 2 ber Ueberganggbeftimmungen ju ben neuen 
©aljungen gebilbete AEabemifdhe Augfdjuf hielt feine erfte 
©i^ung am 19. $uni 1884 ab, ber ftd) meitere am 18. unb 21. 
Auguft fomie am 10. ©eptember anfchloffen. 

Oa§ Sagebuch beg 33ermattunggf<hreiberg meift bom 1. Quni 
big jum 30. ©eptember 1884 256 ©ingänge auf, benen 271 
Auggänge gegeniiberftehen. 

$Sn biefem ßeitraume mürben 14 neue ©enoffen aufge* 
nommen (f. Anhang), 14 bigherige erElärten ihren Augtritt, 14 
bertoren mir burd) ben Sob. 

Sag je§t laufenbe 33ermattunggjahr nahm entfprechenb ber 
93orfcf)rift ber neuen ©a^ungen (©a£ 26) feinen Anfang mit 
bem 1. October 1884. Oer SSermaltungg = Augfdhuf hielt bon 
biefem ßeitpunfte an big jum 28. 0-ebruar beg laufenben 
f^ahreg 5 ©jungen ab, am 6. unb 24. October, am 17. üftobember 
unb 22. Oecember 1884 fomie am 16. gfebruar 1885; an 
letzterem Sage trat er ju einer gemeinfamen ©i§ung mit bem 
ißflegamte jufammen. Oer AEabemifche Augfchuf) mürbe elfmat 
gufammenberufen, am 14. unb 19. October, 2., 5., 17., unb 

l* 


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4 


22. 9iot>ember, am 6., 8., uttb 20. Secember 1884, am 
31. Januar fotoie am 5. gfebruar 1885. 

Sie 2ltabemifdje 2tbteilung trat in ©emäfjfyeit ber 33or= 
fünften ber ©ä($e 16. unb 17. ber ©a^ungen mit bem 10. Januar 
1885 in3 Ceben, an welchem Sage bie Unterabteilungen 
für ©efdjidjte (G), bitbenbe ifrrnft unb Stunftwiffenfdjaft (K), 
SCtlgemeine 9iaturwiffenfd)aften (N), ©cfjöne SSMffenfdjaften (Sch W) 
unb ©ociale SSBiffenfd^aften (SzW) ifjre conftituirenben ©jungen 
abljalten tonnten. Ser au§ ben 33orftänben biefer Unterab* 
teitungen befteljenbe 21fabemifcl)e ©efammtau3fdjufi, beffen Ob* 
liegenljeiten feitfjer nad) SÖtafegabe ber UebergangSbeftimmungen 
ju ben ©a^ungen oon bem 2ltabemifcf)en Sluäfdjuffe waljrge* 
nommen roorben waren, trat gum erften 9Jtale am 5. gebruar 
1885 jufammen, nadjbem ber Sttabemifdje 2lu3fd)uf( fein SKanbat 
für erlofdjen ertlärt l)atte. Sine weitere ©i^ung be£ 21Eabemifd)ett 
©efammtau3fd)uffe§ folgte am 13. Februar 1885. 

9ln Qsingängen finb feit beginn be§ neuen 33erWaltung3* 
jaf)re3 253 Hummern ju oerjeidjnen, benen 234 21u§gänge 
gegenüberfteljen. 

21uf genommen mürben 41 neue ©enoffen, (f. 2lnljang), üjren 
2lu3tritt ertlärten 21 feitljerige, 14 oerloren mir burdj ben Sob. 

2113 öerftorben gemelbet mürben feit bem ©rfdjeinen be§ 
lebten 23eric^te§: 

^ermann 23oo3, SDtaler, geftorben 13. 9Jtai 1884, 
in SJteran. 

$ßrof. Dr. f>. 9t. ©öppert, geftorben 18. 9Jtai 1884, 
in 25re3lau. 

$. 9tob. Stumpf, 23ud)brucfer, geftorben 12.Quti 1884, 
Ijierfelbft. 

ißrof. Dr. §. 9titter hon 4?odjftetter, geftorben 
18. Quli 1884, in SBien. 

9Jt. 9ti11er oon S3raumülter, 33ertag3l|änbler, ge* 
ftorben 25. $uli 1884, ebenbort. 

Dr. f>einridj8aube, geftorben 1. 2luguft 1884, ebenbort. 

9lug. üon 9torbl)eim, SBilbljauer, geftorben 13. 2luguft 
1884, Ijierfelbft. 


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5 


Dr. ©. Srefft, ©ecretair beS Sluftralifdjen SüiufeumS 
ju ©ibnep (5£obe8tag unbeEannt). 

Sart 33erber, Sunftl)änbler in ®re8ben (ÜEobegtag un= 
beEannt). 

3ofj. @tio§ £ e i j § m a n n, ©tjrenhtfpector ber Kulturen 
in SataOia (SobeStag unbeEannt). 

f>einrid) 9lott), SRebacteur tn Stftannfyeim (5Eobe3tag 
unbeEannt). 

Dr. Strnolb gförfter, Stealfcbttlteljrer tn Slawen (5Eobe§= 
tag unbeEannt). 

O. St. 323. Ceiner = ©ottfdji<E, 33ud)fjänbter, geftorben 
in ßeipjig, 16. (September 1884. 

9K. SWoret, geftorben 24. ©eptember 1884, tiicrfetbft. 

Dr. QaEob g ran E, ©ubrector, geftorben 17. ©eptember 
1884, in ©benEoben. 

3of. .'penri, 33udjbrucEer, geftorben 25. ©eptember 
1884, in ©djtoanljeim. 

Dr. $ot). 9iicot. 33radjntann, SiegimentSarjt in Sata= 
mata ©tiecfjenlanö (!£obe§tag unbeEannt). 

$an3 SRaEart, geftorben 3. October 1884, in 333ien. 

33ictor ^japmann, Kaufmann, geftorben 6. October, 
^ierfelbft. 

Dr. 9?. 9t o 6 Catlemant, geftorben 10. Dctober 1884, 
in CübedE. 

8. $. ©ramolini, fjofopernfänger, geftorben 29. October, 
in ®armftabt. 

Dr. Stlfreb ©refjnt, geftorben 13. SRoöember 1884, in 
9tentI)enborf bei ©era. 

Sari |jottI)of, SRitgtieb be3 ©tabtmagiftrateS, ge= 
ftorben 19. 97otiember 1884, Ijierfelbft. 

$. ©Raffer, geftorben 17. £secember 1884, in SXlijga. 

$rof. Dr. Q. 6. ©. Cucae, geftorben 3. Februar 1885, 
Ijierfetbft. 

©. gf. St. Sotb, ißräceptor, geftorben 9. Februar 1885, 
in ©tuttgart. 


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6 


©. Äolb, 33atyreutl), (XobeStag unbelannt). 

Dr. 0. 358. ©onber, Hamburg, (XobeStag unbefannt). 
33alentin © dj e r 11 e , geftorben 24. fjfebruar 1885, 
hierfelbft. 


m. $$&tigfett bet ©enoffenfdjaft turnt 1. ^uttt Bis pro 
30. ©efrtetttBer 1884. 

1. ©onftituirung ber 3lentter. 

5)?adjbem am 25. 50?ai 1884 bie ©enoffen ju ber ton ben 
©afjungen, ItebergangSbeftimmungen ©a£ 1, borgefd)riebenen 
£>auptoerfamntlung jufammengetreten maren utxb bte erforber* 
liefen 3Ba§ten torgenommen Ratten, erfolgte am 30. beleihen 
50?onatS bte Gsmfiiffrung ber tteuett 33ermaltung uttb bte ©on= 
ftituirung ber neuen Slemter. 2Bte ben ©enoffen bereits burclj 
9?unbfdjreiben mitgetljeilt morben ift, mürben gemäht: 

jum 33orfi§enben beS 33ermaltungS = SluSfdjuffeS 
|>err ^uftijrat Dr. 33erg; 

jum ©teltüertreter beSfeiben $err Dr. Otto ©pet)er; 
jum 33orfi§enben beS 2lEabemifd)en ütuSfdjuff eS 
f)err Dr. ©rotefenb; 

junt ©teHoertreter beSfelben £>err ©tabtratfy Dr. glefdj. 
£>aS 5ßf legamt beftedte in feiner am gleichen Sage ab* 
gehaltenen erften ©i^ung ju feinem 33orfi$enben f>errn ©eneral* 
birector 33 o gtl) e rr, pm ©telloertreter beSfelben £>errn 
9?. 5ßrof> ad) unb ju feinem Staffier f>erra §. 9? iftenpart. 

£>a ingmifchen bie beiben erftgenannten Herren auS bent 
5ßf(egamte auSgefdjieben finb unb £>err 9?iftetipart feine ©teile 
niebergelegt ^at, mürben üfteumaljten erforberlicf ), infolge bereu 
$err ©djnetter §um 33orft§enben, §>err 50?. ©aljn junt 
©telloertreter beffelbett unb §>err ©rag §um Staffier ernannt 
mürben, fobafj gur ßeit bie ©efamtoertretung ber ©e= 
noffenfdjaft beftefft: auS £>errn Quftigrat Dr. 33erg, als 33or= 
fi^enbem beS 33ermaltungS=9luSfd)uffeS, f>erra ©djnetter als 
33orfi^enbem beS ißflegamtS unb f>emt Dr. ^olt^of als 
33ermaltungSfdhreiber. 


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7 


2. Vorbereitung jur Vilbung ber SIEabemifcfeen 

Slbteüung. 

®er 9lEabemif<fee StuSfcfeufe, bon bem ©tunbfafee auSgefeenb, 
bafe er fa^ungSgentäfe nur eine oorilbergefeenbe Vefeörbe fei unb 
feinem Sßefen na<fe [ebigltcf» in einer Slbjmeigung beS 33er* 
maltungSauSftfeuffeS beftefee, glau6te jur Stitfetfdjnur feines 
^anbelnS gmeierlei feftfc^en ju muffen: alles ju untertaffen, 
maS irgenbmie ber SlfeätigEeit beS ffeäter inS geben tretenben 
2lEabenttfcfeen ©efamtauSfefeuffeS borgreifen, unb (Sorge bafür 
gu tragen, bafe bie Vilbuttg ber befinititien aEabemifcfeen Vefeörbe 
fi<fe fo batb mie möglich botlgiefeen Eönne. Um festeres ju er* 
reichen, muffte auf bie Vereinigung ber erforberiicfeen Stnjaf)! 
oon ©enoffen ju einer SlEabemifcfeen Slbteitung, mie fte in ben 
Salbungen (©afe 17 unb 18) borgefefeen mar, Vebadjt genommen 
merben, ba mit erfolgter (Sonftituirung bon brei ju biefer ge* 
feörenben Unterabteilungen arnfe bie neue aEabemifcfee Vefeörbe 
als gegeben ju betrauten, le^tere fonacfe nur rtocE) ber g° rm 
naife inS geben ju rufen mar. gunädjft bafeer eine Slnjafel bon 
Unterabteilungen aufftellenb, mie fte ben in ben ©ruttbbe* 
ftimmungen ber ©a^ungen (©afe 4 A) namentlich herborge* 
feobenen .fpaupt-jmeigeti ber SfeätigEeit ber ©enoffenfdjaft ent* 
ffereifeen, liefe ber SlEabemifcfee 2luSfcfeufe ein SRunbfcfereiben an 
bie ©enoffen ergefeen, um biefe jur VeitrittSerElärung jur 
AEabemifcfeen Abteilung unb jugleid) jur 90?elbung ju einer be= 
ftimmten ber aufgeftellten Unterabteilungen ju beranlaffen. 
©(feien anfangs, ba nur oereinjelte 2Mbungcn einliefen, ber 
beabfidjtigte (Erfolg auf fitfe märten ju taffen, fo follte er fi(fe 
bodfe auf eine (Erneuerung beS Aufrufes in ber gemünfifeten 
SGßeife einfteKen, unb jmar berart, bafe notfe bor Ablauf beS 
VermaltungSfafereS, mie eS feitfeer aucfe eingetreten, bie Vilbung 
ber erforberliifeen An-jafel bon Unterabteilungen unb bamit bie 
bleibenbe ©eftaltung ber genoffenfcfeaftlidjen VertoaltungSorgane 
in nafeer 3uEunft ermartet merben burfte. 


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IV. Sfeätigfeit bet ©enoffenfefeaft feit bem beginne 
beä SSertoflltttttg^jalre« 1884/85 (1. Octofter 1884). 

1. |)auptüerfammtung oom 26. ©ctober 1884. 

Sie am 30. (September 1884 tn3 Ceben getreten neuen 
Slemter nuteten neben ©rlebigung ber fpecieÖ tfenett juge= 
miefenen Aufgaben ifer ^auptaugenmer! auf bie (Einberufung 
ber feerbftlicfeen £>auptoerfammlung, ber e£ anfeeimgegeben bleiben 
mufete, ba§ entfefeeibenbe SBort über biejenigen 33eranftaltungen 
ju fpredjen, mit meldfeen bie ©enoffenfefeaft in ber ifer nunmehr 
üerliefeenen neuen ©eftaltung ifere Sfeätigfeit beginnen füllte. 
Sßäferenb ba§ ^ßflegamt auf ©runb ein eg ifem üom Slfabentifcfeen 
s 4ugfcfeuffe erftatteten Sericfeteg einen Qfinanjplan für bag neue 
SSermaltunggjafer beriet!), liefe ber Slfabemifdfee Slugfdfeufe felbft 
eg fidfe angelegen fein, einen Ceferplan für bie miffenfcfeaftlidfee 
Sfeätigfett ber ©enoffenfefeaft, an ber §anb ber üon ben(Safeungen 
angegebenen einzelnen Sticfetungen berfelben augjuarbeiten. Sie 
gemachten SJSoxfcfjläge fanben inbefe nur jum Seit unbebingte 
Slnertennung ber am 26. October 1884 jur §aupttierfamntlung 
jufammengetretenen ©enoffen; ber Don bem Slfabemifdfeen Slug* 
fefeuffe üorgelegte Ceferpfan mürbe einer ©ommiffion ju meiterer 
Prüfung jugemiefen, unb biefe gugletcfe beauftragt, ju unter* 
fuefeen, ob unb miemeit eg ftattfeaft fei, an SJtitglieber ber ©e* 
noffenfefeaft bejm. ber 93ermaltungggremien, mie beantragt, eine 
nacfeträglicfee ©ntfdfeäbigung für geleiftete miffenfdfeaftlicfee Sfeätig* 
feit eintreten ju taffen. Sefdfelufefaffung mürbe einer auf ben 
16. SJioüember 1884 anberaumten fmuptüerfammlung oorbefeaften. 

(Sdfeien fomit ber enbtiefee Slugbau ber äufeeren ©rganifation 
ber itadfe gäfertkfefeiten f 0 mandfeer unb fo feerber Slrt ju iferer 
Sfteugeftaltung oorgebruttgenen ©enoffenfefeaft in ermünfefete Sftöfee 
gerüdft, fo befanben fidfe bocfe naefe ber 33erfammlung oom 
26. October bie teitenben Slugfdfeiiffe in niefet geringer Verlegen* 
feeit; fonnte bodfe erft naefe 5D?itte Sltoüemberg bie fiauptüer* 
fammlung ftattfinben, ber eg in bie §>anb gegeben mar, bie 
oorgefefeene gertoffenfcfeaftlicfee Sfeätigfeit gutjufeeifeen ober mit 
einem ©ntfdfeeib in entgegengefefetem (Sinne bem begonnenen 


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9 


äöerfe Stillftanb ju gebieten unb ben Slnfang bet fo eifrig 
gemünfdjten tniffettfd£>aftli(f)en SljätigEeit auf eine unbeftimmte 
gufunft ju bertagen. äßan fann baljer moljl fagen, bajj öon 
alten SBerfammtungen fpamtungSbollen ©IjaraEterS, an melden 
baS ©enoffenfdjaftSleben mäfyrenb bet testen Qaljte fo reict) mar, 
Eaum einer mit größerer (Spannung entgegengefetjen mürbe als 
ber auf ben 16. iftobember anberaumten gmuptöerfammhmg. 

2. ©ommiffionS » Sifcungen. 

®ie öon ber am 26. October abgeljaltenen £muptüerfamm= 
tung eingefe^te ©ommiffion §ur Prüfung beS CeljrplaneS unb ber 
9temunerationSfrage fjatte tnjmifdjen itjre SEIjätigfeit begonnen. 
9lm 31. Dctober jum erften ÜÖJale §ufammentretenb ertebigte 
fte iljte Arbeiten in brei meiteren Si^mtgen, bie am 4., 8. 
unb 10. üftoöember ftattfanben. Sßäljrenb bie Sftefjrljett ben 
Öefjrplan bermerfen unb bie SRemunerationSfrage öemeinen ju 
fotten glaubte, mar bie 50iinbert)eit ber Stuftest, bajj mögltdjft 
an bem borgelegten ßefjrplane feftjutjalten unb bie hemmte* 
ration, menn aud) nad) einer einljeitlidjeren als ber urfprüng» 
ttd) beabfidjtigten Scala, ju gemäfjren fei. ©emeinfam E)iett 
man im übrigen bafür, bafj, abgefeljen oon biefen fragen, bie 
meiteren SBorfdjlüge beS Stfabemifcpen SluSfdjuffeS ben ©enoffen 
jur Ülmtaljme fju empfehlen feien, mit ber SRajjgabe jebod), 
bafc bie ©tatSpofitionen für Verausgabe ber SBeridjte unb Unter» 
ftü^ung miffenfdjaftlidjer 23eftrebungen nacf) Sa£ 4 B Ijerabju» 
minbern unb bie ißofition „SBermeljrung beS ©oetfjefdja^eS" ent» 
fpredjenb ju erljöljen fei. ©S mürbe bemnadj aufjer ju ben 
übereinftimmenben 23efd)lüf[en ber ©ommiffion getrennte SöericE)t= 
erftattung unb ©rnennung je eines IReferenten unb ©orreferenten 
befdjloffen. 

3. V au pt öer f ö ntmlung bom 1 6. ÜRoöentbet 1884. 

8ttS mefentlidjen ©egenftanb ber XageSorbnung Ijatte fomit 
bie Vauptberfammlung bom 16. S'iobember 1884 nur bie ©nt» 
gegennatjme beS ©ommiffionSberidjteS unb bie mit einer Se» 
f(f)tu^faffung über benfetben gegebene meitere ^Beratung beS ©tatS 
gu ertebigen. ®ie SBeridjterftattung erfolgte in ber bou ber 


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©ommiffion befdjloffenett Sßeife, unb e§ barf h)ot)t bem ruhigen, 
objectiöen unb fachgemäßen ©hatafter berfefbett öormtegenb gu* 
getrieben merben, baß bie Ver£)anblungen einen t>erhältni§= 
mäßig rafdjen Verlauf nahmen; bie Anträge ber ©ommiffionä* 
SWinberßeit gelangten fämmtlidj gut Einnahme unb gmar mit 
allen gegen nur 5 (Stimmen, fobaß befdjloffen mürbe, fomof)l 
nachträgliche ^»onorirung ber mäßrenb ber lebten beiben ^aljre 
gehaltenen Vorträge eintreten gu taffen h)ie auch & em Cefjrplane 
unb ben fonftigen Vorfdjlägen be§ AEabemifchen Au3fcßuffe3 gu* 
guftimmen, mit ber eingigen ©infchränEung, baß, mie bie ©om= 
miffion e§ beantragt, bie ^ßoßtionen für Unterftüßung miffen* 
fdjaftlicher Veftrebmtgen nach (Saß 4 B foroie für Abfaffung 
unb Verbreitung non Veridjten nach Saß 4 F herabguntinbern, 
bagegen ber Anfaß für ©rhalturtg be§ ©oethefchaße§ entfßre^enb 
höher gtt bemeffen fei. 

Auf Vorfdjlag beet Vorfißenben faßte bie Verfatnmlung 
fcßließtich noch ben Vefcfjluß, in ben ©tat at§ gufaß Summe 
t»on 300 9Q?arE al§ Veitrag gu ben Höften be§ beabfidjtigten 
9tücEert=!£>enEmal3 eingufügen. 

4. ©onftituirung ber AEabemifchen Abteilung unb 
be§ AEabemifchen ©efamtau§f<huffe§. 

2Bie fcßon heroorgeßoben, betrachteten bie VermattungSor* 
gane unb namentlich ber Stfabemifcße Auäfdjuß es feit ben leß* 
ten ^pauptoerfammlungen al§ einen ihrer mefentlichften ßmecEe, 
bie beßnitiüe Organifation ber ©enoffenfdjaft, mie fie in ben 
neuen Saßungen oorgefehen mar, gu oollenben, b. h- bie ©on* 
ftituirung ber AEabemifchen Abteilung mit ihren Unterabteil* 
ungen herbeigufüljren, bamit ba3 leitenbe Organ für bie £>aupt= 
thätigfeit ber ©enoffertfdjaft, ber AEabemifche ©efamtau3f<huß 
fich bilben Eönne. SJJit Vegimt be§ 9Konat8 Oecember 1884 
hatte bie erforbertidje Angaßl tion ©ingelabteilungen bie öorge* 
fehenen äMbungen erreicht, unb e8 Eonnte bem entfpredjenb auf 
ben 10. Januar 1885 eine Verfammlung gur formellen Vilbung 
ber eingetnen Abteilungen einberufen merben. 


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SMefe fanb in bcr oorgefefjenen SBeife ftatt 33on bcn ein* 
feinen Stbteilungen conftituirten ftd£» am 10. Januar 1885: 

1. ®ie für ©efdjidjte mit 25 ftimmfärgert SJHtgliebera; 

2. „ „ 33ilbenbe Stunft uttb Sfunftmiffenfdjaft 

mit 20 ftimmfüljigen SDiitgliebern ; 

3. „ „ Slllgemeine Sftaturmiffenfdjaften mit 20 

ftimmfäfjigen Sftitgliebern; 

4. „ „ @djöne SBiffenfdjaften mit 31 ftimmfiUjigen 

SOtitgliebern; 

5. „ „ ©ociale SEßiffettfdjaften mit 27 ftimmfäljigen 

SJMtgliebern. 

Sie für ättufit öorgefefjette Slbteüung Ijatte bis ju ge= 
nanntemSage nur 9SJietbimgen erhalten/ für eine päbagogifd)e 
Stbteilung mar nur eine SMbung eingetroffen. 

Slnfdjliejjenb an bie conftituirenbe ©efamtft^ung gelten 
an bem gleiten Sage bie einzelnen Unterabteilungen ©jungen 
gu i§rer formellen 33ifbung fomie jur 33omabme ber Ijierju er* 
forbertidjen 2Bat)len ab. 

@S mürben gemäht: 

^n bie Abteilung für ©efdjidjte: 

jum 33orfi£enben: $err Dr. ©rotefenb, 

„ ©teHüertr. beSfelben: „ $ßrof. Dr. 0-ifdjer, 
// n n für 33ilbenbe ^unft unb ®unftmiffenfd)aft: 

•jum 33orft£enben: £>err Dr. 33. Valentin, 

„ ©telfoertr. beSfeiben: „ ißrof. £). (Sommer, 
„ „ „ für Slllgemeine Sftaturmiffenfdjaften: 

jum 33orfiijenben: f>err *ßrof. Dr. 33üd)ner, 

„ ©tetloertr. beSfetben: „ |)auptm. ^oltfjof, 
„ „ „ für (Sdjöne SBiffenfdjaften: 

jum 33orfi§enben: f>err Dr. SB. Q o rb an, 

„ ©telltiertr. beSfelben: „ Sirector Dr. Stefjorn, 
„ „ „ für Sociale SBiffenfdjaften: 

jum 33orfi§enben: f>err ©tabtratl) Dr. gflef d), 

„ ©teüoertr. beSfefben: „ Stector (£f)u n, 

SluS ben oorgenannten Herren befielt nunmehr (nacf) @a£ 
19) ber 9lf abemifdje ©efamtsSluSfdjujj, ber am 5. 


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gebruar b. Q. ju feiner conftituirenben ©ifsung gufammentrat 
unb bet biefer ©elegenljeit ju feinem 93orfi$enben £>errn Dr* 
95. Valentin unb §um ©tellbertreter beffetben £>err ©tabt* 
ratlj Dr. Qlefdf ttä^lte. 

5. ßeljrgänge. 

®ie in Au§fidjt genommenen Cefjrgänge hatte unterbeS 
noch bet Afabetnifche Auäfdfufj in§ Ceben gerufen. Stadf bem 
befinitioen 9iü<ftritte Dr. Qorban’3 blieben aufrecht erhalten bie 
auf Aufforbermtg be§ Augfdjuffeg erfolgten Anerbietungen 
ber Herren: 

ißrof. Dr. SD. Sioquette in ®armftabt, ju einem ©qclug, bon 
6 33orträgen über „bie beutfdje Literatur in ber erften 
£)älfte bess 18. Qahrhunbertö." 

£>ofratfy Dr. ©ci)äf er in ®armftabt r ju einem Sqdu§ bon 6 
Vorträgen über „bie ißlafti! im Zeitalter be§ gothifdjen 
@til§ bi§ junt 93eginn ber Sienaiffance, mit gelegentlichen 
©eitenbltcfen auf ba§ bermanbte Shmftgemerbe." 9J2it 
Qiluftrationen. 

?ßrof. Dr. Qifcher hier, ju einem ©qduei bon 6 SSorträgen 
über „SMturgefdjidjtficfje SBanblungen im ßeben be3 beut* 
fdjen 93olEe§ beim Übergange bom äliittelalter gut SHeujeit." 
Dr. ©. ©djna^per* Arnbt hier, ju einem (£qdu8 bon 5 bis 
6 SSorträgen über „bie menfe^fid^e ßebenäbauer unter bem 
„(Sinftuffe ber focialen Qactoren unb bie Sftetljobe ber 33e* 
„ftimmung berfeiben." Sttit £)emonftrationen. 
©tabtardfibar Dr. ©rotefenb hier, ju einem (St)du§ bon 6 
93ortrügen über „Anggemüljlte Kapitel auö ber 93erfaffung§= 
unb Sied)tögefchidjte Qranlfurtä." 

9Son biefen trat ber jule^t genannte gutüd, ba er für bie 
in Au3fid)t genommene geit burcf) £>ienftreifen berljinbert mürbe. 

®ie übrigen 93orträge, ju melden ber 93ermaItung§*Au3* 
fd^ufe für biefen SBinter aufjer ben SWitgtiebern ber ©enoffen* 
fefjaft mit dfren Angehörigen ben SWitgliebern einer Anzahl §ie= 
figer Vereine (S'aufmännifcher 93erein, üünftlergefeUfdhaft, AH* 
gemeine ßeljrerberfammlung, Cehrerberein, herein aEabemifcf) 


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getrifteter Center, Berein ber Lehrerinnen unb ©rjießerinnen) 
freien 3utritt gemährt hatte, fanben in ber geplanten Sßeife 
ftatt bejw. bauern berjeit noch fwrt unb jraar unter feßr reger 
Beteiligung, ©o hatten fid) ju ben Borträgen beg fpetrn 
^$rof. Dr. fftoquette, ju beren Slbßaltung beg ftarfen 2ln* 
brangeg wegen ber große ©aal ber sßothted)nifd)en ©efellfcßaft 
gewählt Werben mußte, 110 nicht ju ber ©enoffenfdßaft geßö* 
rige 3ußörer einfehreiben taffen, ju ben beg f)errn §ofratß Dr. 
© äf er 70, gu ben beg f>errn ißrof. Dr. gif eher 65, ju ben 
beg |>errn Dr. ©djnapper 64. 3 U &em ntdjt ju ©tanb ge* 
fontmenen Lehrgänge beg |>errn Dr. ©rotefenb lagen 40 bor* 
borläufige SJietbungen oor. Sie im ©tat oorgefebene ©umme 
für ©intrittggelb ju ben Bortefungen erreichte ba§ doppelte beg 
eingefteHten Betraget. 

6. ©ißungen nach ©aß 4 E. 

Sa an öffentliche ©jungen wiffenfchafttichen ©ßaralterg, 
Wie fie in ©aß 4 E borgefeßen finb, oor bem gnglebentreten 
einer regelmäßigen Sßätigleit innerhalb ber einzelnen Slbteil* 
ungen meßt ju benfen war, nahm ber Slfabemifcße Stugfcßuß Be* 
ba<ht barauf, einen ©rfaß für bie ©ißungen biefer 2lrt eintreten 
ju taffen. Bor ber auf ben October oerfchobenen geftfeßung beg 
gaßregbebarfeg ftellten ftd) ihm inbeg ©chwierigfeiten in ben 
2öeg, weit einerfeitg in ber gebruar*©ißung 1884 ber Slbfdjluß 
ber öffentlichen Sßätigfeit in ber feitherigen Söeife auggefproeßen 
worben War, unb anbrerfeitg SÄittel für eine SBieberaufnaßme 
berfelben in neuer, geeigneter gorm hatten jur Berfügung 
ftehen müffen. Bon ber ^jauptberfammlung am 28. SWai 1884 
waren leßtere nur für bie geier beg ©oetßetageg bewilligt Wor* 
ben. Ser Slfabemifcße Slugfcßuß glaubte baßer für ben noch 
erübrigenben Seit beg Berwaltmtggjaßrg fid) auf biefe eine geier 
befeßränfen, fid) aber beftreben ju foUen, biefer einen möglicßft 
würbigen ©ßarafter §u oerleißen, ber in SKugficßt ftanb, ba §err 
©eßeimrat ißrof. Dr. Bartfcß in ^eibelberg fieß früßer bereitg 
nicht abgeneigt gegeigt hatte, ben geftbortrag ju übernehmen. 

Sie ©eßmüefung beg £>aufeg Würbe nadß einem Sßlane beg 


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©enoffen ^jerrn §. Qunter in befottberS rettet unb mürbiger 
Söeife am ©oetfjetage felbft borgenommen; bie geftfi^ung folgte 
am nächften (Sonntage, 31. Sluguft, SormittagS um 11 Uhr. 
©in ©inleitungS* unb SegrüjjungSgefang mürbe Oon bem Sänger= 
djore beS ^iefigen CehrerbereinS borgetragen, ben gfeftbortrag 
hielt fobann §>err ^ßrof. Sartfch über „© o e t (j c in Reibet- 
berg im Q a h r e 1814". 35er 9?ebner lieferte nicht unmefent» 
lid)e Seiträge jur ©oetljeforfchung, bie namentlich fye.ti.z3 8i<ht 
über benjenigen Seil beS „Sßeftöftltdjen 35ibanS" berbreiteten, 
ber, mie ftd) je^t nadjmeifen läfjt, im $af)re 1814 in f>eibelberg 
entftanben ift. 35em bon bem zahlreichen unb gemälzten 5ßub= 
lifunt fehr beifällig aufgenommenen Sortrag folgt als Slbfdjlujj 
ber ftimmungSboll berlaufenen freier ein Sdjlufjgefang beS 
Sänger djorS. 

0für baS mit bem 1. October begonnene neue SermaltungS* 
fahr galt eS junächft bie feftliche Segeljung beS StiftungStageS 
ju ermöglichen, jumal mit biefem, bem 125jährigen ©eburtStage 
Schülers, unfere ©enoffenfchaft bie freier ihres 25jährigen Se= 
ftehenS feiern follte. Ceiber tonnte bie geier nidjt an bem, bem ©rinne* 
mngStage folgenben Sonntage abgehalten merben, ba §>err ißrof. 
Dr. ©. Seher in Stuttgart, ber mit frcunblidjer SereitmiUig* 
feit bie Abhaltung beS geftbortragS übernommen hatte, b.er= 
hinbert mar, an biefem §u erfcfjeinen. Sie fanb am 23. üüob. 
unter Sfftitmirfung beS Sfteeb’fdhen üfftämtercijorS ftatt. Herr 
ißrof. Dr. Seher fpradfüber: „Slleyanber bon Humbolbt 
in feiner Sebeutung für ben bon Sdjiller erftrebten 
^umaniSmuS". 35er Sortrag, ber fid) burch glänjenbe Se<= 
hanblung ber 0form auSjei^nete, erfdjöhfte feinen ©egenftanb 
nach allen Seiten unb mürbe bon ber geftberfammlung fhm* 
hatljifch aufgenommen. 

0?ür ben Januar 1885 glaubte ber Slfabemifdje 2tuSfchuf$ 
berpflichtet ju fein, eine ©rinnerungSfeier an $afob ©rimm 
ju beranftalten, beffen lOOjähriger ©eburtStag auf ben 4. btefeS 
SWonatS fiel. 35em entfhredjenb beranlafjte er H errn Ober= 
bibliotljefar Dr. 91. 35 und er in Gaffel, ben berufenen Siographen 
beS großen SrüberpaareS, Sonntag 11. Januar einen Sortrag 


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über „$aEob ©rimm als ©eteljrter unb Patriot" ju 
Ratten. Sftidjt mit Unrecht barf man moljl biefen ©ortrag als 
ben meifjetiotten ©pilog §u ben üielfacheti im Saufe beS SQtfonatS 
abgehaltenen ©rhtnerungSfeiern an QaEo6 unb SBilhelm ©rimm 
bezeichnen, ba er namentlich in fcf)öner SüBetfe bie tnenfdjliche 
©ebeutung QaEobS, beffen Sßürbiguttg eS junächft gelten mufete, 
hertiorhob. 

0-ür ben SJionat gebruar liefe [ich nicht moljl eine öffent* 
lid)e ©ifeung üorbereiten. ®er ÜlEabentifdhe WuSfdjufe 6efd£)lofe 
im Saufe beSf eiben feine Sfeötigfeit unb gab fein SWanbat an 
ben nunmehr beftefeenben SlEabemifdjen ©efamnttauSfchufe ab, 
ber als feine HauptthütigEeit juoörberft feine eigene ©rganifation 
fomie bie ber miffenfdhaftlicben XljätigEeit ber einzelnen 9lbtei(= 
ungen betrachten mufete. 

7. £>aS Sefejimmer. 

®aS Sefe§immer im erften ©tocEmerEe beS ©oethehaufeS 
Eonnte ÜÄitte Januar ben ©enoffen jur ©enu^ung iibermiefen 
merben. ©ei ©inrichtung beffelben ttmrbe barauf gefeljen, fo= 
meit bie oermilligten SJiittel eS geftatteten, ntöglichft neben 
gmeccrnäfeigEeit bie ©eguemlichEeit ber ©efudjer ju berücEfichtigen. 
©otoeit eS anging, ttmrben bie ©inrid)tungen in ben Seferäumen 
beS h' e fV9 en ölten ©iirgetbereinS gum ©iufter genommen, ©in 
HauptaugenmerE glaubte man auf bie ©eleudjtung mährenb ber 
Stöenbftunben legen ju muffen, unb eS biirfte benn audh in 
biefer ©ejiehung ein befriebigenbeS ©rgebniS erhielt morben fein. 

©ott unb 3eitungen liegen aufeer ben hmfigen 

SageS* nnb Söodjenfdhriften jur 3^it im Sefejimmer auf (bie mit 
* bejeichneten in golge freunbticher 3 u fenbung ber oerehrlichen 
Herausgeber): 

Siterarifdje 9?eouen. 

1. Slllgemeine ©ibltographte. 

2. ©öttinger gelehrte 9lnjeigen. 

3. SiterarifeheS ©entralblatt. 

4. ©eutfdje Siteraturjeitung. 

5. Slrdjit für Siteraturgefchicfete. 


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16 


6. ißreufjifdje Qaljrbücper. 

7. Fortnightly Review. 

8. ®eutfdje Runbfcpau. 

9. ®eutfcfje Reüue. 

10. Unfere 3 e ü- 

11. Reue 3 e it- 

12. Revue des Deux Mondes. 

13. Comptes rendus de l’Acad6inie Franyaise. 

14. Athenaeum. 

9^ec^tö=, 33olf3mtrtf)fdjaft uttb §>anbel. 

15. $al)rbud) für ©efefjgebung unb 33ertt>attung. 

16. ßettfd^rift für $anbel3re(f)t. 

17. 3?itf<f)rift ber @abtgnp=<Stiftung. 

18. Qafjrbudj für Rattonalöfonomte. 

19. SterteljaljrSfdjrtft für 93oIf3nnrtljfdjaft. 

20. Qafyrbüdjer für bte gefamten ©taatSttnffenfdjaften. 

21. £>eutfdje ©otoninijeitung. 

22. *£anfa. 

23. *£>efterr. ^anbelgjournaC. 

24. *Oefterr. Oefonomift. 

25. Journal des Economistes. 

26. *2J?ontan= unb SßetaUjeitung. 

27. *5D?üHeräeitung. 

28. *3eitung für geuerlöfdpoefen. 

©efdjid)te unb ®unft. 

29. ©ermanta. 

30. 3 e üfdjrift für ®eutfcpe§ Slltertum. 

31. gorfdjungen §ur J)eutf^en ©efdjtdjte. 

32. SDTittetlungen be§ Oefterr. Qnftttutä. 

33. ©pbet’3 l)iftorifcf)e 3ettfd^rtft. 

34. Söeftbeutfdje 3 c üfd)rtft. 

35. *2lnäetger für Äunbe 3)eutfdjer ©orjeit. 

36. Slrdjöologtfdje 3eitung. 

37. Repertorium für Slunftttnffenfcpaft. 


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17 


38. ©etnerbeljalle. 

39. *8ü$ott>’3 ßeitfdjrift urtb Sunftdjrontf. 

40. Gazette des Beaux Arts. 

41. *®eutfcf)e ^ßljotograpljenigettung. 

©eogr apljte, SRaturtutffenfdiaftett, SJiebtctn. 

42. 9lu§lanb. 

43. ©tobu§. 

44. $ßeterntann’§ ÜÜJitteihmgen. 

45. ©aea. 

46. ®o3mo§. * 

47. Sletnie bet gortfcfyritte ber Sftaturnnffenfdjaften. 

48. Nature. 

49. *,3oologtfcf) e r ©arten. 

50. *8eopoIbitta. 

51. ßettfdjrift für 33ötterpft)d)ologte. 

52. *©efunbljett. 

53. *33egetari[cf)e ffhmbfdjau. 

54. *9)7emorabtlten. 

55. *$rrenfreunb. 

Unterljaltunggfdjrtften., ^ßäbagogtf, £f)eater. 

56. *33om gfete pm Stteer. 

57. äöeftermann’3 907onat8§efte. 

58. *£jau§frauenjeitung. 

59. ^jelüetia. 

60. *Äinbergarten. 

61. *SJnabetttjort. 

62. *9fieform. 

63. *®laüterleljrer. 

64. *^ranffurter ©djuljeitung. 

65. *33ü^nenmoniteur. 

66. *$)eutfdj=öfterretdjtfdje üJ^eaterjettung. 


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18 


V. ©tnfenbnngen* 


1. Robert 0<hrofcenberger, ^ier: ^rancofurtenfia, 3lufoeid)ungen bon 
Robert 0cf)rofeenberger, fjranffurt a. M. 0elbftberlag 1884. 

8. ©corg Morin, München: 3lu3 ruhntbollen Xagen, aus beut $eutfch s 
gfranpfifchen Kriege 1870/71 bon ©eorg Morin. München, §. ftran* 
1884, Seidig, 3. föoth 1884. 

11. 9torbböf)Utifd)er ©£curfionS-(Elub, 23öhm. ßeipa: 

a) 1., 2., 3. unb 4. §eft Mitteilungen pro 1883, rebigirt bon Sßrof. 
31. Sßanbler, 

b) 1., 2., unb 3. §eft Mitteilungen pro 1884, rebigirt bon Sßrof, 31. 
Sßanbler unb Dr. 3f. §antfchel. 0elbftberlag beS Vereins. 

26. Baron von Mueller Melbourne: Eucalyptographia, Ninth Decade. 

By Baron Feld. v. Mueller. Melbourne-London 1883. 

37, Smithsonian Institution, Washington: Observations of the 
Great Comet of 1882, made at the U. S. Naval Observatory Washing¬ 
ton, Printing Office 1883. 

57. ft. ft. $rof. %x ans 31gifja, 3Bien: 0tubien über 0teinmefeei<hen 
* bon $rof. fjrauj föäiha. 2ßien, ft. ft. &of= unb 0taat$brucferei 1883. 
65. Dr. R. Schomburgk, Adelaide : Report of the Progress and Condition 
of the Botanic Garden, during the Year 1883. By R. Schomburgk 
Dr. phil. Director. Adelaide, E. Spiiler Governm. Printer 1884. 

67. Sßremierlieutnant &. ft. (Eggers, Bremen: 

a) ©enealogifche 0tubie bon §. ft. (EggerS. Beilage pr Viertel- 
jafjrSfdjrift für ^peralbif, 0p^ragiftif unb (Genealogie 1884 $eft I. 

b) $>er 0tabt Hamburg, 33ürgeroteifter, SftatShttrn 2 c. 

c) $ie (ESntarch bon § ft. (Eggers. 

d) Mitteilungen beS Vereins für §antburgif<he ©efd)id)te 6. 3<*h rs 
gang. 3B. Maufe 0ohn 1884. 

e) §anfifd)e ©efchichtSblätter, £eipäig, Dunfer unb föumblot 1884. 

68. 31. 0d)röter’$ Verlag, Slntenau: „Über aßen (Gipfeln ift Suhl" 
(Ein (Gebenfblatt pr (Erinnerung an ©oethe’S 3lufentf)alt in 3lmenau, 
herausgegeben bon (Guftab ßiebau p Berlin. Slmenau, 31. 
0cf)röter 1884. 

77. ftarl Sieger, Sßien: 3u ©oethe’S ©ebichten bon ftarl Sieger. Sßien, 
©crolb & (Eie. 1884. 

79. ft. 3t e 9^ er - @tabtamf)of: Über (Erhaltung alter 23autberfe bon ft. 

3iegler, 0tabtamhof, 3* ft* Maper 1884, 

81. 0iebenbürgifcper ftarpathen*3$erein, §ermannftabt: 14, 
3abrbud) 1884, 0elbftberlag 1884. 

90, 97aturforfd)enbe ©efellfdjaft, 33ern: Mitteilungen, Sabrgang 
1883 n. unb 1884 I, S3ern, §uber & (Eie. 1884, 


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19 


101 ♦ Bureau of Education, Washington: Circulars of Information Nr. 2 
& 3 1884« Washington, Goveram. Printing Office 1884. 

112. Sßrof. ßubtoig 23 tunte, -Sftufeborf a. 2ttterfee: ©oetbe als 6tubcnt 
in Seidig bon 2ubtt)ig 23Iume. SBien !♦ SBiener S3ereinSbrucferet 1884. 

133. 2ubtt)ig ffta.benftein, ftranlfurt a. 3ft.: gfübrer bureb ben ftxanb 
furtcr SBalb bon 2. fftabenftein, Sfranffurt a. 2R., ©eograpbifrte 2tnftatt 
bon 2. fftabenftein. 

174. 2lad)ener ©efcbidjtSberein, 2tad)en: 3citWrift beS 2la<bener ©efcftic^tS- 
Vereins 6. 23anb 1-3 ©cfi Staren, S3enratb u. Vogelfang 1884. 

175. Dr. SB. Jpiibner, 3i c ^§tg: £)ie Sßocfenfranfbeit beilbar, bon Dr. SB. 
föübner. ßeij^ig, §crm. föuefe 1884. 

192. Sßrof. Dr. ßubtoig S3öcbncr. $)armftabt: 2luS üRatur unb SBiffen= 
febaft, 2. 23anb bon Dr. 2. 23ü<bner, ßeibsig, $beob. £bontaS, 1884. 

194. 51 uguft hinüber, ßeip^ig: $aS 2ieb bont ©eniuS, eine ©oetbc= 
6tubie bon 2tuguft hinüber, ßeipjig, Dtto SBiganb 1884. 

216. §erm. SBettig, ©otba: ftiibrerburd) bie ©labierunterri^tSsßitcratnr 
bon §emt. SBettig, 23ernburg, 23acmeifter. 

226. $rof. Dr. 3. 3R. ©dl«, München: ©uftab 2tbolDb, ©ebic^t bon 3- 
2R. @öltl. 9ftüncben, §. fjran^fcbe §ofbudj= unb Shmftbanblung 1883. 

227. ®eutfd)e 6eett)arte, Hamburg: 9Meorologifcbe Beobachtungen in 
$)eutfcblanb 2. Snbtgang 1879, 3. 3abrgang 1880, 4. Sa^gang 1881. 
Hamburg, §ammericb s 2effer 1881/82. 

238. Slönigt.Ungar. üftaturtoiff enfcf)afHiebe ©efellfdjaft, 23ubapeft: 

a) bie tranf^eiten mtferer ©ulturpftansen, bon 3- 23uga. Verlag b. 
Ung. ^aturto. ©ef. 1879. 

h) $)arftettung ber ungarifeben gootog. ßiteratur in ben 3abren 1870 
bis 1880 bon ©. $>abab- Verlag b. Ung. üftaturto. ©ef. 1883. 

c) Anleitung gu geograbbifdien DrtSbeftimmungen, bon 2. ©ruber. 
Verlag, b. Ung. Saturn), ©ef. 1883. 

d) Ungarn’S £abafSforten bon tofutänty, Verlag b. Ung. Saturn?, 
©ef. 1884. 

e) 2tnlettung gu erbmagnetifeben Reifungen bon ©. ©cfjensel. Vertag 
b. Ung. Sttaturto. ©ef. 1884. 

f) $ie f5(ed)ten=3rlora beS Ungarifeben SReidjeS bon $. §a^S(tnSfb- 
Vertag b. Ung. sRaturto. ©ef. 1884. 

g) SJlatbematifcbe unb naturtoiffenfebaftliebe 23erid)te aus Ungarn 
(33ereinSberi<bt) 1 23anb, 3uni 1882 bis 3uui 1883, rebigtrt bon 
3- gröblich. Berlin $R. fjrieblänber 6obn. 

343. ßubloig 2iuguft f?ranft, SBien: 

a) 3ur 23iograbbie 3r. §ebbefS, bon 2. 2t. ftrantt. SBieit, ißeft, 2eip= 
Big, ©artteben’S Vertag 1884. 

b) 3n* 23igograpbie 3r^* SRaimunb’S bon 2. 2t. ftranfl. 2Bien, Sßeft, 
ßeibjig, §artteben’S Vertag 1884. 


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20 


c) ElnbreaS &ofer im Siebe k>ott S. 51. gfranft 3nn8brucf, ffiag* 
ner’föe Uni0erfttät$4Bucbbanblung 1884. 

251. Smithsonian Institution, Washington: Ciroulars ofInformation 
of the Bureau of Education Nr. 4 & 5 1884. Washington Governm. 
Print. Offioe 1884. 

258. Stang Eertoenfa. Deblifc: Eemifcbte ©aare, Sonetten unb Er* 
Säbfongen non Stans Eertoenfa, Deplifc bei ©eigenb. 

263. ©. E. 0a<b$, ©fincben: 

a) Drei <Stimmung8btlbcr, ©albbädjletnS D^alfabtt, ElaniersEombo= 
fttionen non ©. E. ®a<b8. ©üncben, 3of. Ettbl. 

b) Drauermarfcb, Sbbtte in brei Silbern, Elanier=Eombofttion non ©. 
E. ®ad)8. Seidig, Sreitfobf nnb ftärtel. 

c) Drei Sieber ohne ©orte, ElabiersEombofition non ER. E. 6acb$. 
Offenbar a. ER., 3ob* Slnbre. 

307. Sßrof. £. $oefer, Seoben: ©äuerleijtung bei ber Sofjrarbeit, non 
$rof. §. §oefer. ©ien, @elbftnerlag 1884. 

308. Dr. Subtoig Ebrid), ©annbeim: Uber Einteilung unb ©ucceffton 
ber Organismen. Sortrag non Dr. ft. S- ©ebimber gebalten im ©in= 
ter 1834/35 s« ERün(beti, betauSgegeben nnb mit einem Etacbfoort Oer* 
feben non Dr. Subtoig Ebridj. ©annbeim, 3- $ßb* ©altber 1884. 

310. Dr. Stans 3* Englert, ©üneben: SerdjteSgabener ©arcben, non 
Dr. Stans 3« Englert. 33erd)te8gaben, S. SonberbannS Serlag, 1884. 
312. Stofeffor Dr. 3. @d)neiber f Döffelborf: Die alten §eer= unb 
§anbel8toege ber Eermanen, EtÖrner unb Stanfen im beutfdjen Elekbe, 
non $rof. Dr. 3. 6<bneiber. 3. §eft. Seidig, 3* ©. ©eigel, 1884. 
324. $ß. Db- Salcf, Etiga: Stiebende Srion in ©cfenbeim (1812—1813) 
non $. &b* Salcf. Serlin, ftamlab’fcbe Sucbbanblung, 1884. 

327. Dr. §. ft. 6cbaible, Sßrofeffor, ^eibelberg: 

a) Der ©ofybunb, non ft. £. ©cbaible. Sonbon, 5lug. 6cbaible 1882. 

b) Englifcbe ©bracbfcbnifcer, sufammengefteHt non 3»Elarn8 §ieb8lac; 
E8q, ER. 51. ©trafcburg, ft. 3« Drübner, 1884. 

343. Shmitsonian Institution, Washington: Report of the Commission 
of Education for the Years 1882—83. Washington, Govemm. Printg. 
Off. 1884. 

335. Stans ftnautb, Etector, ©iiblbaufen i. Db.: 

a) Erinnerungen an bie SreitfülsersDueHe non Stans ftnautb, ©iibl* 
baufen, S* Sange 1884; 

b) ©iiblbaufer ftirmeSlieber, suftumnengeftellt non Db* Etöbttng. 
©üblbaufen, E. ©. Eiöbling*8 Sud&brucferei, 1884. 

360. Dr. Otto §abn, Eteutlingen: 

a) Etacbt unb Siebt, non Otto §<tbu. Stuttgart, 3* EtontmelSs 
bacber 1861; 


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21 


b) Das 9fced&t auf Arbeit, bon Dr. Otto §ahn, Stuttgart, SB. $to$U 
bamrner 1885. 

362. 2eop. bon Pecf h s SBibmannftetten, Era^: ©in ftampf urn’S 
Stecht Enthüllungen bon 2. bon StecfhsSBibmahnftetten, Era$, Selbft* 
berlag 1884, 

363, Dr, 3. Sdjucharbt, Stetha: Deutfdje SBarte, Äalenber auf baS 3af)r 
1885. §erauSgegeben bon Dr, 3. Sdjueharbt, S$onn unb Beißig, 
S3. ^arfdjau. 

369. herein für $effifche Eefdjichte, Eaffel: fteftfdjrift gur $eier 
beS 50. StiftungStageS, am 16. 2luguft 1884, bon Dr. 2llbert Duncfer. 
Eaffel, 21. ^frebfehmibt, 1884. 

372. Dr. SB. Briefe, SBieSbaben: 2lbriü ber bereinfaebten S3olfSortho= 
grabhte bon Dr. fjrieb. SBilh. 3hri<*e. ßctp^tg^ 3. §. ^obolSfp, 1885. 

389. BouiS Mohr, Strafeburg i. E.: Die Subelfefte ber S3uchbrucferfunft, 
bon BouiS Moht SBien, ftriebr. Seiner, 1882. 

404a E. Böning, granffurt a. Main: fjriebrtcp greller, ein BebenSbilb 
bon Otto Stequette. ftranffurt a. M. ßiterarifepe 2lnftalt 1883. 

404, 97aturforfd)enbe Eefellf <ha ft, S3ern: Mitteilungen üftr. 1083-1091, 
2. &eft, 1883. 23ern, Paul patter, 1884. 

418. Durch unbefannten 2lbfenber: Appendix to the Memoir No, 5 of 
Tokio Daigaku Tokio by Kokubunsha 2544 (1884). 

425. United States Naval Observatory, Washington: Report of 
the Superintendent for the Year ending 0ctober30, 1884. Washington, 
Government Printing Office, 1884. 

431. Dr. E. 21, Salfelb, S3lanfenburg i.föarg: DeutfdHateinifcheS §anb* 
büchlein ber Eigennamen aus ber alten, mittleren unb neuen Eeo= 
grabhte. Beißig, E. $. SBinter’fche SSerlagSbuchhanblung, 1885. 

438. SSerein für Eefchichte ber Stabt Meißen: Mitteilungen beS 
I. S3anbeS 3. §eft. Meißen, BouiS 3ttof<he, 1884. 

450. Eebrüber Henninger, ^eilbronn: Die guten grauen bon Eoethe. 
Mit üftaebbilbungen ber Originalfupfer. Deutfdje 2iteratur=Denfmale 
beS 18. unb 19. Sabrljunbertö in Steubrucfen. §erauSgegeben bon 
2eonbarb Seuffert. 21. 

457. 21. Perntoerth bon 23ärnftein, München: DaS beutfehe Stu= 
bententum bon Erünbung ber Uniberfttäten bis auf bie unmittelbare 
Eegentoart bon 21. Perntoerth bon Pärnftein. SBür^burg, 21. StubertS 
Pud) 5 unb Eunfthanblung, 1882. 

462. fjerbinanbbon §erber # Petersburg: Plantae Raddeanae Mono- 
petalae bon ^erbinaub bon Berber. MoSfau, M. ®atfoto, 1884. 

455. Sencfenbergifch e naturforfchenbeEeiellfchaft, hier: Pericht 
pro 1884. fjranffurt a. M., SBalbfchmibt & Mahlau, 1885, 


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22 


463. Slntbopologifdjer 23 er ein, ©oburg: SWitteitungen bei (Setcgen- 
beit be8 lOidbrigen Stiftung8fefte8. (£oburg, ©tefe’fd^c §ofbucb s 
brueferei, 1885. 

473. ©btt ft tan SBebbemäUer, fjraitffurt a. 9Jt.: 3)a8 rofaf arbeite 
SBiflet, Suftfoiel in 1 2lct bon ©briftian 23ebbemüller, granffurt a. 3Jt., 
©ebr. Knauer, 1885. 

475. Dr. SB. 23oIfntar in ©ornberg bet ßaffel: 

a) 3Wogart=@onaten für ba8 Spianoforte rebibirt unb mit 93eget<b s 
nung berfeben bon Dr. SSottntar, Sangenfatja; 

b) Jpanbbud) für SWuftf, betöu^gegeben bon Dr. SB* 23olhnar. Sangen* 
fal^a, ©errn. S3eber <Söbne- 

481. 3an ten $)oornfaat ^ooltnann, 9torben: SBörterbud) ber oft* 
friefiftben Sprache, 3. S3anb, bon 3* ten $)oorn!aat toolmann. korben, 
§ertn. 23raam8, 1884. 

487. (SonfuI SB. SB. SWurpbb 3* Öomburg b. b Proceedings of 
the Tenth annual National Conference of Charities and Corrections. 
By A. 0. Wright. Madis, Wisc. Midland Publishing Co., 1884. 

489 ftrang tnautbr Rector, 3Wüblbonfcn i. $b-: 3obanne$ 23ugenbagen, 
$Ponteranu$, ein SebenSbilb für alt nnb jung bon fötautb- Berlin, 
3. 21- SBoblgemutb’S S3erlag8banblung. 

23on $1 unftblättern gingen ein: 

bureb SProfeffor 3Ue in 9Jtüncben: ^Photographin nach beffen ©e= 
ntälben „©jcelfior" unb „$ie 3*it be$ breifcigiäbrigen Kriegs". 

„ $PauI 23arfu$ in München, ©tieft nach Defregger bon 
23arfu8 (Avant la lettre). 

23on 3*itungen unb 3 ettfdjrif ten gingen in fortlaufenber 

Steferung ein: 

$urcb ©• 21. Seemann, Seidig: ^3cttf<ftrift für bilbenbe Shtnft". 

„ §Prof. Dr. 3ö*ncfe, ßeipjig: „SiterarifcbeS ©entralblatt". 

„ 9t. SBeber, 23afel: „§elbetia". 

„ §Prof. ®ürf ebner, Stuttgart: „23om $el$ ptn ütfteer", 

„ „ „ „ „Ueber ßanb unb SReer". 

„ bie ßeopolbino* ©arolinifcbe beutfefte 2lfabemie: 
„ßeopolbina". 

„ $Prof. Dr. üftoll, ftranffurt a 9Jt.: „$>er 3öologifcfte ©arten", 

„ ben Sabnfteiner 21ltertbum8*S3erein: „9tbenu8". 

„ Dr. fjr. 23efc, ®eilbronn: „®er Srrenfreunb". 

„ „ „ „ „ »SWentorabilien". 

„ $rof. Dr. 9teclam, Seidig: „©efunbbeit". 

„ Dr. 9teumaper, Hamburg: „$>eutfcbe Seetoarte". 

„ 3r. Seibel, SBeintar: „2>er ftinbergarten". 


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23 


$urd) 3. ©arnifcbfeger, granffurt a. SR.: '„ftranffurter <Scbul= 
geitung". 

„ 27terfer, Augsburg: „£>er 33otföergieber". 

„ Dr. SB* Briefe, SßieSbaben: „Steform". 

„ bcn Steiermärf ifcben ©artenbauöerein, ©rag: „2ftit= 
tbeifangen". 

„ 2B. bon ftreebe, 83onn: „§anfa". 

„ St. ß eff er, Srranffurt a. 2Ji.: „$)eutfcbe ©olonialgeitung." 

„ ß. 3ung, Sftüncben: „Stnabenbort". 

„ ,* „ ' tt „3tü ung für fteuerföfebfoefen". 

„ Schmier, Sßeintar: „$eutfcbe Sßbotograbben^eitung." 

„ ©. Sßapbenbeint, SBten: „Cefterreicbifcbe8 &anbeföiournal" 

„ „ „ „ „27tontan= unb 3Jtetaflinbuftrie= 

3eitung". 

„ „ „ „ „9Mirer*3eituttg". 

„ ©. 83re8(aur, 83erlin: „$er ©laöierlebrer". 

SSon ben betreffenben Stebactionen mürben eingefanbt: 

„Srranffurter 3eitung." 

„ftrantfurter Sournal." 

„fjranffurter 33eobacbter'\ 

„$ranffurter 83örfen= unb §anbe(3geitung". 

„granffurter ßatern". 

„(SourSblatt be8 granffurter 2Becbfefotaf(ers0bnbifat3. 

„$ie fleine (Sbronif^. 

„SBocbenrunbfcbau". 

„berliner S3übnens9Roniteur", 

„$)eutfcb=öfterreicbifcbe ^beatergeitung". 

„£>efterret<bif<be 33abegeitung". 

ßeftion$fataloge unb Ölfabemif^e Schriften fanbten ein: bie Uniberfis 
töten fjrciburg, ©öttingen, SnnSbrucf, 3ena, Sßrag, fomie bie 
£ecbnifcben ^od^fd^ulen 83raunf<bmeig, ©armftabt, §annober unb 
3GB ien. 

ßager*33ergeicbniffe febieften ein: 83aer & ©o., 3* @t. ©oar, ßeb 5 
mann & ßufc, Xbeobor 33ölfer hier, fomie 3- 31- @targart in 33erlin, 
Sßrieme, ebenbafetbft, ©erf<bet unb 9lnbeifer in Stuttgart, ©öl* 
fteinIfcbeS Antiquariat in $iel. 


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24 


VI. Sdflnfjtoort. 

Jnbem wir unfere ©enoffen wegen weiterer -DRitteilung 
über baS genoffenfchafttid)e Sehen unb namentlich bie afabemifche 
X:^ättg€eit auf bie bemnädjft beginnenbe regelmäßige S9erid^ter= 
ftattung öerWeifen, haben wir benfelben noch SWittheitung zu 
machen/ baß eS unS gelungen iff, mit ber SRebaftion bejW. bem 
Verlage beS „©oethejahrbuchS" ein Slbfommen baßin ju treffen, 
baß unferen ©enoffen ber im laufenben SQRonat no'dj jur 93er= 
fenbung gelangenbe VI. 33anb .biefeS Jahrbuches mit einem 
Sßathlaffe bon 25 p(£t. bom Sabettpreife zur Verfügung geftellt 
werben foll. 

®ie geehrten ©enoffen, welche für ftd) biefe SSergünftigung 
in Slnfprudf nehmen wollen, werben baher erfucßt,- ben ^Betrag 
bon 9 SDRarf nebft 50 $fg. für ^ßortotoften an bie unter* 
Zeichnete ©teile gelangen ju laffen, worauf bie Ueberfenbung 
beS SucheS unmittelbar erfolgen wirb. 

Sludj machen Wir bie geehrten ©enoffen noch einmal barauf 
aufmerffam, baß Slnmelbungen zu ber Slfabemif^en Slbteilung, 
bejw. ben Unterabteilungen berfeiben an ben Unterzeichneten 
SluSfchuß ju richten finb. 9Rach ben Anfängen ju urteilen, 
barf bem Sehen innerhalb ber einzelnen Abteilung eine günftige 
(SntwicElung in 2luSfict)t geftellt werben. 

fer Jlkabemißhe (Befamtaasifchnl ins freien fentfihen 

$«hßifte$. 


VII. Anhang. 

©eit Juni 1884 ftnb unfer ©enoffenfchaft als SDRitglieber 
beigetreten: 

£>err Jerb. SBitfertß, ^ßoftmeifter unb SSorftanb beS ^ßoft* 
amtS II. in SDRündjen. 

„ 9lbam SDberlänber, Stunftmaler, SDRünchen. 

„ Slnt. ©eorg 3wengauer, Stunftmaler, SORündjett. 

„ Sllbin ©chieber, St. Oberfecretär, SDRündjen. 

„ Start 3 e tß, St. ©aper. ^remiertieutnant, SJRünchen. 


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26 — 


£>err flbolplj SB cft^j^ oI, S. pr. Ingenieur=90?ajor a. £>.~ 
granffurt a. 9W. 

„ ©üntfjer Pettera, ©djaufpieter unb DScgtffcur, grattf* 
furt a. 9J?. 

„ Sart SUppct, Snufmann, granffurt a. SD?.' 

„ SDtortfc (Sbunrb IReiS, 33udjbrucf eretbefifjer, granU 
furt a. SD?. , 

„ Sluguft Skater, Saufmann, granffurt a. SP?. 

„ Slteyanber S^tlleS, Saufmann, ©t. Petersburg. 

„ 2luguft©djtcf, Sauf mann, granffurt a. SD?. 

„ Peter Slmberger, Saufmann, grantfurt a. SD?. 

„ grattj 333irtlj, 9?ebacteur beS „Patentanwalts", granU 
furt a. SD?. 

„ Sart ecf» t, 333ed}felagent, granffurt a. SD?. 

„ 33. 33ergmann, ^abrifant, Qfranffurt a. SD?. 

„ Dr. ®. Philippfon, ßetjrer, granffurt a. 9)?. 

„ ©. ©pter, Prinatgele^rter, granffurt a. SD?. 

„ 91. ©abor, ßetfrer, granffurt a. SD?. 

„ ©. 30?ater, 33an!btrector, granffurt a. SD?. 

„ Dr. med. 32ßattt)er, g ran tf utt; «• SD?. 

„ Q. §. (Spftein, 0-abrifant, §ranffurt a. SD?. 

„ Prof. Dr. ßubwig ©eiger, 33erltn. 

„ Otto PutS, ©pnbtcuS ber §anbelSfammer, §ranf= 
furt a. 9)?. 

„ prof. Dr. ßubwig OetSner, ßeljrer, grantfurt a. SD?. 
„ £>einr. 393ettig, ßeljrer unb 3D?ufiffdjriftfteller, ©otf)a. 
„ SofeptjQsnglert, ®eneratbtrectionS=9?at, SPiündjeit. 

„ Sart 33 au ft, ©taabSaubiteur, SDtündjen. 

„ Julius ^jofmann, Saufmann, 0-rantfurt a - SD?. 

„ Dr. 9?obert pijitippfon, ße^rer, granffurt a. SD?. 

„ (£. $Ile, Sgl. Äfabemte=Prof eff or, SD?ünct)en. 

„ ©. ßaur, SriegSminiftertaD@ecretair, SD?Undjen. 

^ Dr. ©. p. $unfer, ßeljrer, 33ocfenf)etm. 

„ getijr Prager, ÜlmtSgeridjtSfecretatr, ^rantfurt a. SO?. 
„ Dr. £$fri$ 30?aper, 9?edjtSanWalt, grantfurt a. 9)?. 

„ SRidjarb ©raut, Siinftter, granffurt a. SD?. 


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26 


|>err Dr. 3(. $ort egar ri, T'irector ber S93ö^ter=<S(^«fe / ^vattf= 
furt a. 90?. 

,, Dr. £). 6uer8, ©tymnafialleljrer, granffitrt o. 90?. 

„ ©igmuttb Qftcl, granffuvt a. 9)?. 

„ gratt^ 9?euter / Äaufmtmtt, ^tanffuvt a. 90?. 

„ ^rtebr. Siebettfap^, Center, ^ranffurt a. 90?. 

„ ^jeinridj 90? a mit) erg er, ^rtw., grantfurt o. 90?. 

„ 'Dagobert gvteblättber, Gßriü., grontfurt n. 90?. 

„ Dr. $. ©. $ung, ©bevlcmbeSgeridjtg^nt, grantflirt 
a. 9». 

„ (S. Gßeltffter, ©t)tmtaftanef)ter, gfranffitrt o. 90?. 

„ Dr. Gßaut ^otb^eim, 9?edjt§cmttmlt, 3*nnffurt o. 90?. 
„ Dr. 9t. Qiutg, granffurt a. 90?. 

„ 3GB. ftarroft, Stmt^Slctuar, ^ranffurt a. 90?. 
z, Q. ©. ßlaar, 9)?e^germei(ter / grmtffurt o. SO?. 

„ Dr. ©. SEönttecfe, Stgl. (Staats * Strrfjiüar, 90?arbuvg 
(Reffen). 

Jtau Dr. 91 bo ntS = 2öalttjer , 3frattEfurt a. 90?. 


®ntd ton Sumpf & «ei«, frranffurt a. 3«. 


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fätxityit 

be£ 

freien Jbtttatjfeti l|iidfjsiif[bs 

für 

iPtrr*«#unfl nab l|ji|(r( fiUiung 

in &o«<0e’s ^«frtßaufe ju gfranßfnrt a. |tt. 

IjerauSgegebett 

oom ^kairemtfitien ®tfamtau«fd|u||fie. 

_ , „ 00 . Dtefe Äerltbt« jerfdjeixtBn in manglofien 

&ü\)XgüU$ 1884/85* 4Ci*fenmg*n für bie &tiftBgeno(Jen CieferUltg 2* 

nnb für befrennbete Hvztfe. 



$n§att: I. Sin bic ©enoffen: ©eridjt be« AGA über ben gegenwärtigen ©tanb ber (Snttoitflung. — 
II. ©eridjte au« ben Slbteilungen. — m. Öffentlidje ©ifcungen mit ©orträgen: 1. SofeM 
ftüljridj bon Dr. ©. ©alentin. 2. ©crit^t über bie ftüljridj = 2lu«ftellung bon Dr. ©. 
©alentin. 8. S)ie fojiale ©ebeutung ber tfranfenberfidjerang öon Dr. ftlefdj, ©tabtrat. 
4. Über ba« ©oetljeOaljrbud) ©b. VI bon Dr. 91. ißljiltybfon. 5. SDte ©enealogie ber 
©oet^e'« bon Dr. 8. §oltl)of. 6. 2)ie Äulturenttoidlnng ©Übitalien« bon Dr. ©otfjein. 
— IV. ©eridjt be« AGA an bie §aubtberfammlung 14. ftiml 1885: ber tfefjrptan. — 
V. ©efdjäftlidjer ©erfeljr. ^erfonatien. — VI. ©infenbungen. — VH. Äunftbeilage: 
ftübrid)« Porträt bon <£. bon ©teinle. £idjtbrud bon tfttljl & So. Ijier. 


I. Sin bie ©eiujffen. 

®et Stfabemifdfe ©efarnt = 2 lu§fcf)uf 3 ift feit feiner Ston= 
ftituierung int gebruar b. Q. unauSgefe^t bemüht getoefen, ben 
Üfnt geteilten Stufgaben geregt p toerben. (Sollte es ifjm babei 
nodj niefit gelungen fein ben Ijofjen ßieten, toeldje fiel) ba§ 
3*eie ©eutfdje |)ocl)ftift gefteeft Ifat, fo geregt p toerben wie 
et eß wünfdjt, fo bittet er p bebenten, baft er nact) gang be= 
ftimmten Seiten Ijin Spiranten Ijat, bie p überfteigen Weber 
tlfm noef) überhaupt irgenb Qentanben möglidf) ift. ®iefe Sdjrant'en 
hefteten in erfter ßinie in ber pefuniären Sage unfereä Stiftet. 
@0 ift t>ielfacf( bie SJleinung oerbreitet, bie SJiittel be§ $>ocf)= 
ftifteS feien in golge ber 9Mtler’fcf)en (Srbfcfjaft ungemeffen gtofce 
unb erlaubten reidjfte (Entfaltung oon $räften[nac£) alten Seiten 
Ifin. SBir bebauern, bafj bie im fföcf)ften ©rabe banfenSWerte 
Scfjentung biefe gotge nic£»t ffabett fann. ®ie auä ifjr gemonnenen 

3 


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28 


SD?ittel belaufen ftdj an jätjrticf)en ginfen auf bie ©umme bon 
SD?!. 20162. 20. üDagu fornntt nod) baS |)ocf)ftift3bertnögen mit 
einem (Erträgnis bon SD?!. 2349. Sitte übrigen (Einnahmen finb 
nur 33orauSfefntgen unb fönnen fict) in iljrem (Erträgniffe 
änbern. 3)af)in gehört ber Qrembenbefmf), beffen (Ertrag auf 
SD?!. 6000, ber 33er!auf bon Fotografien/ ber auf SD?!. 200, bie 
(Sinnaf|tn e öon 9DfJitglieböbeiträgen, bie auf SD?!. 4500 unb ber 
(EinftanbSgelber neu gutretenber SD?itgtieber, bie auf SD?!. 200 be= 
regnet finb. SBenn biefe Slnfäf ftd) betoaffiten, fo ift für 
baS Iaufenbe Qaljr ein ©efamterträgniS bon SD?!. 33411.42 
gur Verfügung, fiierbon gef n bon oornfretn für ein SD?itgtieb 
ber Qamitie beS |). SD?titter eine SRente, gu beren gafung baS 
fwdjftift burd) Sflnnaljnte beS SD?üßer’fdj en CegateS öer^oftidjtet 
ift, fo ttiie bie Sßenfion be§ $errn Dr. Sßotger, gufammen mit 
SD?!. 4200.— ab, Sßoften, bie freilich über !urg ober tang toeg= 
faßen rnüffen. @0 ftefn fernerhin für ©eftte bon Beamten 
je$t SD?!. 7610 im SBübget: eS ift teine Qrage, baf? t)ier eine 
33ereinfadjung eintreten muf, meldje otjne gtoetfel gugteicf) in¬ 
folge ber Kongentrierung eine SD?ef teiftung unb 33efdjleunigung 
in ber Slrbeit ^erbeifüf en toirb. ®a bieS aber mit ^Jerfonen* 
fragen gufammenljängt, fo ift eine ebenfo forgfättige mie grünb- 
lidje Sßrüfung notmenbig, ef eine enbgittige (Entfcfibung ftdj 
treffen läfjt. (Es !ommen ferner bie (ErfttungS!often beS 
|)aufeS in 33etracf)t, bie jef mit SD?!. 2000 eingefteßt finb, bie 
jebodj in ber nädjften geit eine (Ertjöf)ung erfahren bürften: eS 
ft fict) als nottoenbig frauSgefteßt, eine grünbticf 2Sieber= 
f rfteßung eintreten gu taffen, toeldje fid) gugteicf) bie Stufgabe 
fteßt, mögtic£)ft ben (Efratter beS $aufeS auS feiner (Ent= 
fteffu ngSgeit gu ermatten, begietjungStoeife mieberf rgufteßen. Qm 
gufammentjange bamit ftef eine beS $aufeS würbige SD?iJ= 
btierung, bie gugteidj ben gafreidjen SBebürfttiffen beS ©ebraucfS 
entfpredjen muf. SD?it beibem ift bereits ein Stnfang gemadjt. 
@o ift eS gelungen, einen großen tunftboß gearbeiteten ©djran!, 
ber nadjtoeiSlidf) in ber Qugenbgeit ©oetfje 3 f er gemacht morben 
ift unb feitbem in einer unb berfelben QantUie fidj ertjalten 
batte, bon biefer fetbft gu erlangen: er bitbet ein mürbigeS 


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29 


SluSftattungSftücf beS ©orneliajymmerS unb bient gugteid^ ber 
ingtoifctjen leiber offne befonberen SBerfdjlufs geWefenen wert* 
Ooßen Äunftfammlung beS $o^ftifte§ junt (Schuh unb gur 
ßierbe. ®er nädjfte ©tat wirb weitere bahinjielenbe Vortagen 
bringen, fernerhin weift ber bteSjährige ©tat eine Stoffe ein* 
maliger unb bleibenber SluSgaben auf, wetdje bewirEen, baff für 
ben ©tat beS 2tEccbemifd)en ©efamt*2luSfchuffeS 907E. 11500 jur 
Verfügung bleiben, Shm finb ober bie Aufgaben beS SlEabemi* 
fdjen ©efamt=21uSfcfjuffeS fefjr mannigfaltig. £>ie Verrichtung 
beS ßefejimmerö h a * 2J1E. 600 in Slnfprud) genommen, ber 
QalfreSbebarf ift auf Wit 1200 oon einer erbetenen hörten 
(Summe herabgefe^t worben. 2)ie 33ermeffruug beS ©oetffefdfaheS 
barf nur 9WE. 1000 in Slnfprud) nehmen, Währenb ihm jur 
©rmöglichung eines burch ©elegenheit gebotenen größeren ©r* 
werbeS 9JJE. 1000 jur ®tSpofition gefteüt ftnb. £>ie görberung 
Wiffenfdfaftlidfer unb Eünftlerifcher SJeftrebungen Eann 5Ö?E. 1500 
beanfprudfen: eS gehören bahin folc^e Unterftü^ungen, wie fie 
burd) eine görberung beS ©oethe*$ahvbudfeS ober ber g-ülfrich* 
StuSftettung geleiftet worben finb. gür bie Berichte werben 
9WE. 1500 in Slnfprud) genommen. ©S bleiben fdfliejjlidf für bie 
SWonatSfi^ungen nach <Sah 4E 9JiE. 2000 unb für bie Sehr* 
gönge noch ' 4 A. 9WE. 2700 übrig. 9Jiit folgen SWitteln, 

bie felfr befdfeiben finb, Eönnen natürlich nur befcheibene 9Reful= 
täte- erreicht werben, befdfeibener als ^od^fliegenbe ©ebanEen 
beim Umrdflefen ber (Soßungen fie erreicht fehen möchten, aber 
barum bennoch nicht weniger bem gmecEe ber (Stiftung ent* 
fprechenb, wenn auch öaS SÖirEen nicht fo allumfaffenb fein 
Eann, wie eS in weiteftgreifenber Slrt oon ben (Soßungen als 
fdfliejjlidfeS 3’^ ber (Stiftung hingeftellt worben ift. Raffen wir 
bie in ihren Vouptyoften angeführten SluSgaben üoUftänbig ju* 
fammen, fo ergeben fidf als ©efamt*3luSgaben 3KE. 30535.71. 
ü)ieS oon ben ©innahmen 9ÄE. 33411.42 in Slbjug gebracht 
ergiebt freilich einen Überfdfufj oon 2875.71. ©S ift jebodft 
nidht ju überfeinen, bafj manche ber in 2lnfa£ gebrachten ©in» 
nahmen möglicherweife nicht erreicht werben, woburdf biefer 
Überfdfufj fich Oerringern würbe; ferner bafj irgenbWelcher 


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30 


Überfluß für UimorhergefefjeneS ftetö üorfanben 6tei6en muh 
unb baß biefer, fotoeit er für fotdjeS nicht in Slnfprud) ge* 
nommen mirb, feine Vermenbuitg im näc£)[ten $aljre finbet, be= 
fonberS für ©rhaltung unb SluSftattung beS ©oetheljaufeS fetbft. 

2>a3 ©ingelne über unfere VermögenSoerhältniffe ent£)äft 
ber non ber ^auptoerfammiung im Stooember genehmigte ©tat, 
auf mellten mir hierfür oermeifen. Stber auch auS bem 2ln* 
geführten mirb fich leicht ergeben, bah mancherlei äöünfdje ent* 
meber noch nicht ober oorauSfichtlich überhaupt feine (Srfültung 
finben fönnten. So bürfte bie SlnfteHung non ®ojenten nicht 
fo halb erreicht merben, menigftenS nicht bie non mehreren 
®ogenten. ®ie (Schaffung einer großen Vibliotlfef, melche alle 
Rächer gleichmäßig umfafjt, ift unerreichbar, aber auch nicht not* 
mcnbig, ba hier fchon anbere bebeutenbe Vibliothefett eyiftieren. 
2öir merben uns alfo auf eine Spezialität, bie Citeratur be§ 
18. unb 19. Qah r hunbert§ im Slnfclfluh an ©oetlfe (©oetlfe* 
S3ibtiotheC) befchränfen bürfen; bamit ift jeboch fchon ein fe^r 
meiteS ©ebiet gegeben. SlnbererfeitS follen bie Ceiftungen beS 
§>ochftiftS oielfeitig fein, fo bah eine gülle non Aufgaben an 
unS hei-'antreten, bereit burch bie Soßungen gegebene 33ered)= 
tigung bie 9lrt ber Vermenbung ber ©elbmittel Don öornherein 
gegen ben Vormurf ber gerfplitterung fd)üht: in ber Sljat 
geht uitfer Veftreben barauf au§, nur baS 9totmenbigfte auS 
bem großen SCtjätigfeiteigebiete gu bearbeiten, um innerhalb ber 
mannichfaltigen giele hoch bie Kräfte möglichft gufammen gu 
hatten. 

®a fich &te 33erhältniffe burdh bie erftrebten Vereinfachungen 
OorauSfichtlich bennodh nicht fo fehr änbern merben, bah bie ßu= 
meifungen an ben Slfabemifchen ©efamt = Sluöfhuh mefentlidj 
gröber fein fönnen, fo bürfen auch i*i e ©rmartungen, melche an 
beffen Ceiftungen fich fnüpfen, ba§ 9Jiah ber ihm gu ©ebote 
ftehenben SJfittel nicht überschreiten. ©3 mirb nietmehr in erfter 
Cinie an bie Dpfermitligfeit ber üöfitglieber gu appellieren fein, 
bah h e ih re geiftigen Kräfte bem Stifte bereitmillig gur 33er* 
fügung ftellen. ©3 mirb barauf hinguarbeiten fein, bah öom 
^ochftifte gemährten ©egenleiftuttgen nicht über baS ortsübliche 


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31 


unb notwenbige $ 0 ?af 3 ^tnauäge^ert, baf? ober aucf) nur wirtliche 
ßeiftungen eine ©egenleiftung ftnben, bamit jeglicher ©ebanEe 
auSgefdjtoffen bleibt, als Eönne baS S3ermögen beS fwdjftifteS 
©elegenljeiten für SRuhepoften ober für OerlocEenben reichlichen 
©rwerb barbieten, ©erabe in biefer SRidjtung wirb bie Aufgabe 
beS AEabemifdhen ©efamt=AuSfchuffeS eine befonberS fdjwierige 
fein. Sßären bie äftittel ba, ©ojenten anjuftetten, welcfje iljre 
©efonttt^ötigfeit bem fwdjftift wibmen fönnten, fo wäre oon 
oornfjerein manche ©djwierigfeit gehoben. SBenn bieS aber aucf) 
nur in befdjränEtem SfJafee erreicht würbe, fo Eönnte bamit 
in einem f>oc£)ftiftSbeamten eine SriebEraft für bie wiffenfdjaft* 
liehe £f)ätigfeit gewonnen werben, bie jefjt ooUftänbig fefjlt: 
wir finb augeitblicflicf) im SBefentücfjen auf bie freiwillige £)i£fe 
tion SRännern angewiefen, bie über ifjre SöerufSthätigEeit fjitwuS 
bem |>ochftift iljre Arbeit auS Qntereffe für bie ©adje Wibmen. 
f)ier Eann nic^t§ oerlangt Werben: eS mufj bielnte^r ba§ 
freiwillig ©eteiftete mit £)anE angenommen Werben. Unb glüd> 
li(f)erweife fönnen wir fagen, baff unS fotcfte freiwillige Sei* 
ftungen in erfreulidhfter SBeife jur Verfügung geftellt worben 
finb. iölit gang befonberer g-reube üerjeic^nen wir bie ßeiftungen 
ber Abteilung für fojiale Söiffenf duften (Sz W). ©S ijat ficf) 
feljr fcf)ön gefügt, baß fid) ein fdjon beftefjenber herein mit 
georbneter S^ätigEeit bem fwdjftifte als Abteilung angegliebert 
h<»t — ein Vorgang, bem wir um fo rnefjr üftadjahmung wün= 
fd)en müßten, als ^ierburc^ nicf)t nur bie befonberen 99eftre= 
bungen in bem £>ocf)ftift einen bebentung^oollen fRücEljalt unb 
eine WertooUe ©r Weiterung iljreS Arbeitsgebietes ftnben, fonbern 
aucf) baS ^odjftift einen weiteren ©dhritt §u ber uvtioerfeHen 
SBebeutung macht, welche bei feiner ©tiftung als ßiet oor= 
gefdjwebt ^at. ©S ift mit ber fo ermöglichten 93ilbung ber 
Abteilung für ©ojiale SBiffenf(haften (SzW) ein Sttittefpunft 
für biefe befonberen Söeftrebungen gewonnen, ber hier bisher 
noch gefehlt ^atte unb ben ein einzelner geteilt nicht in gleicher 
SBeife geben Eann, Weil er leicht in eine einfeitige ^Richtung ge= 
raten Eönnte, bie burdh feine 3Serbinbung mit ber ©efamtljeit 
beS ^odjftiftS Oon üornherein auSgefchloffen ift. ßugteid) ober 


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32 


fjat bcr fojialwiffenfdhaftlidhe Verein alg Abteilung für fojiate 
SBiffenfd^aftcn in bcm fwcfjftifte ben nicht ju unterfdjähenben 
SBortetC erlangt, baß ihm in unferem öefejitnmer bie widhtigften 
3eitfchriften feiner SBiffenfcljaft ju ©ebote gefteßt finb unb baß 
unter bie bom ^joc^ftifte beranftalteten Öe^rgänge ein foldjer auö 
fernem fließen ©ebiete eingereiljt werben tonnte, bet jugteidj 
ber erfte öffentliche wiffenfcf)aftliche öe^rgang auf biefem ©ebiete 
basier mar. £)ur<h bie Abteilung aber fönnen auch &i e ®bfen= 
bungen biefe§ ©ebieteS ihre Verarbeitung finben, Womit für 
beibe Seile ein wertboller ßuwadjä ihrer Sßirffamfeit ftch ergiebt. 
Weiterhin hat bie Abteilung für Vilbtunft unb $unftwiffenfcf)aft (K) 
eine in Vetradjt ber turnen 3 e ^ ih reg VeftehenS erfolgreiche 
Shätigfeit entwicfelt, bie wieberum einem einzelnen Vereine 
nidht möglich gewefen Wäre. (Sie hofft baburch nicht nur man» 
cherlei Anregung gegeben, fonbern auch ber ©infidjt Staunt ber* 
fchafft ju hoben, baß ber O^ürf^alt, Welchen ba§ ^jodjftift bietet, 
jur g-örberung unb Velebung ber ba§ ©efamtgebiet ber Vilb* 
funft umfaffenben Veftrebungen ein Ijöchft wertbofler ift; eine 
Sonjentrierung, eine einheitliche Verfolgung be§ 3*^ erfdjeint 
aber bon ganj befonberer Vebeutung, je mehr ber 3 u f am men= 
hang ber fünfte unb ihr üütiteinanberwirten bon ben Vertretern 
ber einzelnen Stiftungen als ein belebenbeS unb zugleich jeben 
©injetnen auf feinem befonberen ©ebiete förbernbeS ©lement 
erfannt wirb. Auf ^ie Abteilung für Schöne SBiffenf(haften 
(Sch W) fowie bie für ©efd^ichte (G) hot ihre Arbeiten be= 
gönnen. Oiefe Arbeiten ber Abteilungen finb naturgemäß bof)ßelter 
Art. ©ntweber berfammeln fich bie. SJtitglieber einer Abteilung 
ju einer internen Si^uttg, um ihre Angelegenheiten ju erörtern, 
bie ihnen bom Afabemiffen ©efamt*Au3ffuß jugewiefenen 
Verif te §u beraten unb barüber ju befftießen, bie an ben Afa* 
bemifchen ©efamt*Au§ffuß ju fteßenben Anträge ju behanbeln 
fowie bie laufenben Arbeiten, Wie bie Verif terftattung über 
Vücher unb fonftige ©ingänge, bie jebeSmat ber betreffenben 
Abteilung jugewiefen werben, ju erlebigen. Ober fie berfammeln 
fich S u öffentlichen Sitzungen f ju Welfen afle SJtitglieber ber 
WiffenfchaftUchen Abteilungen getaben finb: felbftberftänblif finb 


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33 


auch anbere SÖJitglieber beS ^odjftifteS ftctS Willfommen unb ju 
erfreuten Berechtigt- £)ier tommen tit gforat üon ©ertöten, 
93orträgen unb Vortagen fotdje ©egenftänbe jur ©eljanblung, 
Welche üon weitergreifenbem Qntereffe ftnb unb geeignet fein 
möchten, bie ^wchftiftSmitglieber über wichtigere, baS CrinjeB 
gebiet eben bewegenbe fragen ju orientieren, ©rieben fidh 
fragen, üon benen eS wünfdljenSwert erfdljeint, bafj fte in 
größerem Greife be^anbett werben, fo ergiebt ftdE» hieraus baS 
ÜDtaterial für bie öffentlichen ©efamtfifjungen na cf) ©af 3 4E, 
fei eS, bafe eine einzelne Qfrage in fünftterifch abgerunbetem 
SSortrage jur Sefjanbtung fornrnt, fei eS bafj Eürjere ^Berichte 
gur Anregung bon ®iSfuffionen gegeben Werben. ®ie Vorträge 
in ©efamtft^ungen eignen ftef) pgletcf) ganj befonberS baju, 
auswärtige SDtitglieber unb greunbe beS ^od^ftifteS jur Seil* 
nannte an ben Arbeiten beS §)ocfjftifteS heranjusiehen, ohne bafj 
baniit hier woljnenbe SDtitglieber auSgefdftoffen wären. 

Nod) finb wir im Anfänge biefer ganzen Drganifation. ®ie ©r= 
faljrung wirb lehren muffen, ob baS SBebürfniS mehr ober 
weniger, ob eS biefeS ober anbereS oerlangt. ®te ©a^ungen 
jeigen bie ßiele. Slber fie fcfjreiben nicht eigenfinnig bie SBege 
oor, auf wetten allein biefe ßiete erreicht werben fönnten. ®ie 
SBege ju finben unb ju prüfen wirb bie nädjfte Aufgabe ge= 
meinfamer Arbeit fein, $eber, ber mit |>anb anlegen will, ift 
toiHtommen unb fein Nat unb feine Sßünfdje follen gehört unb 
Wenn, möglich berücffidjtigt werben. Niemanb aber fann mit 
beut berechtigten Slnfprudj h crtiortrctcn / bafj er größere Qsr* 
faljrung hätte, bafj fein ©rwägen unb Stteinen notwenbig unb 
jtdher baS Söeffere unb Nichtigere böte: eS giebt Niemanben, ber 
eine foldhe Stiftung mit biefen SBeftrebungen unb Rieten einer* 
feitS, biefen Ntitteln anbrerfeitS fdjon geleitet hätte. 3tuch wir 
befdljeiben unS, baS burch unfere Grrwäf)tung in mtS gefegte 
Vertrauen nach beftem ßifer unb rebtidhftem Sßeftreben nach 
UJtafjgabe ber ©afcungen rechtfertigen §u Wollen; wir glauben aber 
nicht bereits Weiter ju fein als bei bem forgfältigen ©udj'en 
nach bem heften. 2Bir Werben baher jebe (Erfahrung ju nü^en 
futhen, ftnb aber ber Ueberjeugung, baß eS noch mannidhfaltiger 


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34 


©rfaljrung Bebürfen »irb, bis nur »erben fagen fömten: bie& 
ift bcr feft unb ftd^cr etrtäufcfjtagenbe richtige SSeg. 2Bir bitten, 
ba^er um Vertrauen, ©ebulb unb Mitarbeiten. 

9er ^kobtmifd)t 


II. $ertdjte aus ben Abteilungen. 

Die fämtlicben Abteilungen finb in S^ätigteit getreten, 
©ie »erben hier in ber atp^abetifett golge ihrer abgeEürjtett 
Sejeic^nungen oufgefü^rt. 

1. Abteilung für Ocfd^id^te (G). 

Die Abteilung trat ant 9. Mai ju einer internen, am 
22. Mai äu einer öffentlichen ©ißung jufammen. $n biefer 
©ißung, in »eitler auch ©äfte anmefenb »aren, teilt ber 93or* 
fi^enbe, Herr Dr. ©r otef en b, mit, baß bie Abteilung befStoffen 
habe, »enn irgeub möglich jebeSmal am »Orienten Freitag beS 
Monats AbenbS 7 U^r im ©oet^e^aufe jufammengutommen. Die 
Arbeiten fotlten ficß mcßt, »ie eS bei bem hier befte^enben herein 
für ©efdjicf)te unb Altertum ber $atl fei, an bie lofate gorfcfjung 
anfdjließen, fonbern baS ganje ©ebiet ber ©efdjidjtömiffenfdjaft 
umfaffen: eben biefer Umftanb taffe eS berechtigt erfdjeinen, baß 
neben ben herein, ber ein allgemeineres SßubliEum ju 6erü<fftd)tigen 
habe, noch biefe rein »iffenfcbaftlidj gebadete Abteilung für ©e- 
fünfte trete. Diefer ©ebanfe »urbe öon ben jablreidjen An* 
»efenben befonberS freubig begrübt; eS »arb allfeitig anerfannt, 
baß eine Mitteilung eigner ^orfdjung in anfptucbSlofer gorm 
aber nor einem Greife non gadjgenoffen für alle Deilneljmer 
nur feljr anregenb unb förbernb fein Eönne. 

gunädjft lenlte Herr ^rofeffor Dr. OelSner bie Aufmerffam* 
feit ber Abteilung auf eine Dbatfadje, bie für bie gefamte 
©efcbi<f|tS»iffenfcbaft oon beröorragenbem Qntereffe ift. Die 
„Bibliotheca historica" ift feit ben bteißig Qa^ren iljreS 93efteben£ 
ju einem immer nützlicheren, ja faft .unentbehrlichen Hilfsmittel 
hiftorifdjer ©tubien ge»orben. ©ie gemährt in h a ^jäbrigen 
Heften eine fbftematifcfj georbnete Überfidjt aller beutfdjen unb 
aller einigermaßen mistigen cmSlänbifchen ©rfcßeinungen ber 


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35 


©efdjichtgwiffenfchaft. $nbem fie fo einerfeitg bie neuen ißubli* 
fationen fcfjort wenige SKonate nacf) intern ©rfcheinen in einer 
33oHftänbigleit, wie fie auf feinem anberen SBege erreicht wirb, 
gut Kenntnis ber §ntereffenten bringt, erwächft fie anbererfeitg 
gu einem bibliograjüjifchen iWac^f^tageWerf, bag jeben ©pegial* 
forfdjer über bie Citeratur feineg ©ebietg auf bag erwünfcfytefte 
orientiert. 

®a bag Unternehmen ber iBerlaggljanblung (S3anbenhoef 
unb Siuprecht in ©öttingen) einen jährlichen gufdjufj oon 500 9Ji. 
auferlegte, appellierte fte fdjon 1881 an eine Unterftü^ung aug 
öffentlichen Mitteln reff). Oon ©eiten ber beutfdjen ^jiftorifer, 
leiber jebod) an fo oerborgener ©teile, bafj biefer Aufruf wohl 
felbft ben weiften Stenu^em ber Bibliotheca entging. ®ag gleiche 
Coog hatte gewijj audh eine warme ^Befürwortung ber Sache in 
ben wenig oerbreiteten ,Mitteilungen aug ber hiftorifchen Site* 
ratur". ®ag Siefultat War, baff bag Unternehmen mit bem 
©rtbe beg ^ahreg 1882 abgebrochen würbe. 

©g bebürfte nun gewifj nur einer neuen tljatfräftigen Sin* 
regung, um bie S3ertagghanblung gut Söieberaufnahme beg ihr 
felbft liebgeworbenen widrigen SBerfeg gu oeranlaffen unb bag 
^ochftift Würbe fi«h ohne 3 rt)e if e l uw bie SBiffenfcijaft oerbient 
machen, wenn eg bagu bie ^nitiatioe ergriffe. 

®ie Slbteilung brüdte ihre öolle ßuftimmung gu biefer erfreu* 
liehen Anregung aug. SBetreffg beg SBegg, ber gut ©rreidhung beg 
ßieleg eingufchlagen fei, einigte man fidj baijin, bafj man ftd) 
gunärffft mit ber 23ettaggbu<hhanblung tn SSerbinbung gu fe^en 
habe, um gu erfahren, ob fie, faltg ihr bie bamalg für nötig 
erachtete Summe gefiebert Werbe, geneigt fei, bag Unternehmen 
fortgufüljten; bann folle man ftdj mit ben hiftorifchen Vereinen 
X>eutfchlanbg in 33erbhtbung fe^en, um fte für bie Sache gu 
intereffieren, befonberg aber bie Vereine, welche bem hiftorifchen 
©efamtoerein angehörten, oeranlaffen, ihre SBertreter für bie 
nächfte ©eneraloerfammlung mit SBoHmacht gu oerfeljen. ®amit 
aber ein pra!tif<her Stnfang gemacht werbe, richtete bie Slbteilung 
an ben AGA ben Slntrag: ®er AGA wolle für bag Qahr 1885 
9R. 50 gur ©rmöglichung ber SBieberherauggabe ber Bibliotheca 


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36 


historica bewilligen." @S ift habet in StuSfidjt genommen, baff, 
Wenn auf anberer ©eite geniigenbe Unterftü|ung gefunben wirb, 
biefet Beitrag ein jährlicher wirb.*) 

Herr ©tabtardjtoar Dr. ©rotefenb legte fobann ben 
erften Banb ber „Duellen ^ur gfranffurter ©ef^i^te" 
oor, ber bie granEfurter (S^ronifen beS SRittetalterS 
enthält. ®ie „Duellen" ftnb eine burd) Vermächtnis tton 
$r. Böhmer ermöglichte ^ßubüfation, bie, öon bem Referenten 
geleitet unb fjetauSgegeben, in etwa 5 bis 7 Bänben bie djroni* 
Eatifdjen unb urEunblidjen Rachrichten über granEfurt in ftreng 
Wiffenfchaftlichem ©ewanbe jufammenfaffen Wirb. ®er erfte 
Banb ift non §errn Dr. R. groning bearbeitet. @S h ft nbelte 
fich babei nicht nur barum, baS Sitte in neuer, meift originaler 
gform wieberjugeben, fonbern auch alles feit^er Reugefunbene 
an chronifatifchem SRaterial ju »eröffentlichen unb — worauf 
befonberS 2öert gelegt Werben muff — in zahlreichen Sin- 
merfungen ben Qnhatt beS ©tabtardjtoS möglichft erfdjöhfenb 
jur ©rhärtmu)/ ©rgänjung, oft auch Berichtigung heranzuziehen. 
®er zweite Banb ber „Duellen" Wirb bie „©hrouiEeu beS 
XVI. QahrhunbertS" in Bearbeitung beS .£>erra Dr. R. Qung 
enthalten, 3 Bäube finb für Regeften unb UrEunben beftimmt, 
beren Bearbeitung fich ber Herausgeber unter Beihilfe beS 
Herrn H- tion RatljujtuS öorbehalten h a t; bie beiben lebten 
Bänbe Werben Duetten beS XVII. unb XVIII. ^ahrljunbertS 
enthalten. 

®a am 19. Quni, bem Dotierten Freitag beS Quni, ber 
Borftfcenbe ber Slbteilung amtlich abwefenb fein Wirb, fo befchlofj 
bie Abteilung, für biefen SWonat ben lebten 0-reitag zu ihrer 
3ufammenEunft zu Wählen. ®iefe Wirb atfo greitag ben 26. Quni 
SlbenbS 7 Uhr im ©oethehaufe ftattfinben. 


*) ®er AGA hat in feiner ©ifcung bom 29. 3Jiai biefen Stntrag ber 
Abteilung G angenommen unb ihr anheimgegeben, baS Sßeitere einp* 
leiten unb ihm bon bem ©rfolge Bericht gu erftatten, bamit bei günftigem 
Erfolge bie ©inftettung bc8 Betrageg alg eineg ft<h regelmäßig toieberftolenben 
Bofteng in ben ©tat erfolgen lann. 


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37 


2. Abteilung für ©ilbfunft unb Äunftwiffenfchaft (K). 

®te Abteilung trat gu ihrer Sfonftituierung am 5. gfebruar 
gufamnten. ©et ber 2öafjl eines ©orfifcenben h<utbelte eS fidf 
gunächft um eine frangtyielle Entfdjeibung.' 3Me Abteilung 
gäljlt eine ©eifye Ijertiorragenber auswärtiger Äunftgele^rter gu 
ihren ÜDHtgliebern, unb eS fjätte eben fo feljr nabe gelegen eine 
folcheS SDiitglteb an bie ©fn^e gu fteHen, um tf)m baburcb eine 
Anerfennuttg auSgufyrechen, wie eS für bie Abteilung felbft nur 
hätte förberlidj fein fönnen, Wenn ein allgemeiner befamtter ©amen 
auch ben weiteften Streifen bie Shatfadje ihrer wiffenfdhaftKd^ett 
©idjtung berfünbet hätte. (Sä war jebodj in ©etradjt gu gieljen, 
bafj aus ben ©orfi|enben ber Abteilungen ber AEabentifche 
©efamtsAuSfchufe gebilbet wirb unb haft eS im höchften ©rabe 
Wünf«heSWert fei, Wenn beffen üötitglieber auch thatfäthlidj in 
ber Sage Wären ntöglidjft gasreich gu erfcheinen: bieS aber wirb 
burdj eine SReife auS ber ©adjbarfchaft erfchwert, bei Weiterer 
Entfernung einfach unmöglich- ES fant aber weiter in ©etra(ht 
bafj ber ©orfi^enbe Wefentlich bie Aufgabe hat, ben hier tebenben 
(Stamm ber ÜDHtglieber, Welche bie perfönliche Arbeit gu 
leiften hüben, gu einer aUfeitigen Teilnahme anguregen: erft 
wenn ftdE» eine lebhafte örtliche Teilnahme unb Arbeit ge* 
ftaltet, werben bie auswärtigen ©titglieber geneigt fein auch 
ihrerfeitS ber Abteilung ihr Arbeitskraft gur ©erfügung gu fteHen. 
9J?an hielt eS baljer im $ntereffe ber ^örberung ber Arbeiten 
in ber Abteilung, bafj fie gum ©orft^enben fowie gu beffen 
©tellbertreter ÖrtSanfäffige Wählte, womit in feiner SBeife 
etwas anbreS als etn ßraEtifcher ©efichtSßunft berücffichtigt werben 
follte. ®te nach geftfteKung biefeS ©ringifjeS oorgenommene 
SBahl ergab als ©orfthenben ^jerrn Dr. ©. ©alentin, als fteH* 
üertretenben ©orfi^enben fterrn ©rofeffor O. ©ommer. gutn 
Schriftführer würbe £>err £j. Junker unb, ba biefer auS ©e* 
funbSheitSrücffidhten abtehnen mufjte, in ber fotgenben ©ifcung 
£>err 9t. ©auerlaenber gewählt. 

Am 23. Februar fanb bie erfte interne @i|ung ftatt, 
Welche üon allen ortSanfäffigen Sftitgliebern befucht war. ü)er 
©orft^enbe wieS barauf ^tn, baß eS notwenbig fei fidf über 


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38 


einen Arbeitsplan ftor gu Werben. 9113 natürliche ©egenftänbe 
ergäben ft<h tjterfür äßitteilungen über bie neueren ©rfdjeinungen 
auf bent ©ebiete ber Äunftwiffenfdjaft, AuSfteltupgen unb 33or= 
geigen Ijeröorragenber neuerer SBerte unter Hinweis auf ihre 
©igentümlidjf eiten, §orfdjungen unb äßitteilung ber Arbeiten 
ber äßitglieber ber Abteilung fjtcr: unb aufwärts. ©3 fei habet 
auf bie öerfdjiebenen 3*»^ ber SÜunft gebü^renbe fftüdEfid^t gu 
nehmen. ®ie Aufgabe ber au3 biefer Arbeit fid) ergebenben 
öffentlichen ©jungen heftete barin, gwifchen prafttfd)er Sunft 
unb Sünftwiffenfdjaft einerfeitS unb bem ^ßublifutn anbrerfeitS 
ein 3 ro tfchenglieb gu bilben, fo baß ba3 $ntereffe be3 ^ubüfutn^ 
genährt unb erhöht, bie Ceiftungen befonber3 ber praltifdjen 
Sfrtnft ihm näher gerüeft unb befannt gemacht Würben. ©o 
fönne ber 3 tt,e< ^ be3 $ochfttfte3, weldhe3 ber pflege unb f^ör= 
berung ber SSMffenfdjaft, Ä'unft unb höheren SSilbung gewibmet 
fei, unb gugleich eine ^örberung ber 33eftrebungen ber arbeitenben 
ÜDtitglieber be3 i>od)ftifte3 fetbft erreicht werben. 0iad)bem nodj 
non anbrer ©eite barauf hingewiefen War, baß befonber3 ba3 
HunftgeWerbe al3 berjenige 3 tt, eig mit hrreingegogen Werben 
müffe, ber am SBeften geeignet fei, ba3 33erfiänbni3 unb ba3- 
Qntereffe für bie Stunft überhaupt gu Werfen, wie ba3 gerabe 
bie ©ntwirflung in ben lebten fahren bewiefen hübe, unb ber 
SSorfi^enbe erflärt hotte, baß bie pflege be3 ÄunftgeWerbeS- 
felbftöerftänblid) in bie Arbeiten ber Sfrmftabteilung eingefchloffen 
fei, bie Abteilung aber fuchen müffe bie öerfdjiebenen 3 tt,e MJ e 
möglichft gleichmäßig gu pflegen, brachte er einen öon ber Ab* 
teilung fobann angenommenen Eintrag öor, eine AuSftellung 
ton SBerfen gührich3 betreffenb. ®a§ Nähere hierüber giebt 
ber Abfdjnitt „33erid)t über bie güfjridjauSftellung." 

Am 13. Wpril fanb bie erfte öffentliche ©ifcung ber Ab* 
teilung K ftatt. ®er 33orftßenbe legte, nach ©rläuterung be3- 
3wecfe3 biefer ©jungen, gunächft eine Wertöolle ©infenbung' 
tor, ben neu erfcheinenben „Angeiger be3 germanifchen National? 
mufeumS" (33anb I, §eft 1. 154 ©., Jahrgang 1884). ©r wieS- 
barauf hin, baß ^ter. Wo „ba3 germanifdje Siationalmufeum ettr 
neue3 Organ begrünbet", eine ausführliche ©efcßidjte feiner 


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39 


Gntfteßung gegeben fei, begleitet oon intereffanten ^Beilagen 
(©runbriß unb ©efamtanficßt), fomie baß eine eingeßenbe, oon 
QEuftrationen unterftüßte Sefdßreibung ber reicßen (Sammlung 
burdß alte gmötf Hummern biefeö §efteS ginge, meldßeS außer* 
bem noch eine forgfdttige ©ßroniE beS äftufeumS, fotoie eiue 
Qunbcßronü als regelmäßig mieberfeßrenbe 9?ubriEen enthalte. 
Qm Slnfdßluß ßieran feien bie „Sttitteilungen aus bem gernta* 
nifcßen ÜJtufeum" (SBanb I, $eft 1, Qaßrgang 1884) erfcßienen, 
melcße eine QüEe mertooEen, reicß mit Qiluftrationen auSge* 
ftatteten iöiaterialS böten, fomie enblitß ein „Satalog ber im 
germanifcßen ‘JEufeum beßnbltcßen ©laSgentälbe auS älterer geit" 
(mit Slbbitbungen). „3Som 12. Qaßrßuubert, alfo faft oon ber 
©ntfteßung biefeS ^unftgmeigeS, an bieten bie ^mnberte oon 
ganzen Safetn unb Srucßftüden eine gufantntenßängenbe QEuftra* 
tion ber ©efcßicßte ber ©laSmalerei, fomoßl ber auffteigenben 
(Sntmicflung als beS 93erfaES unb guleßt ber SBermaßrlofung bis 
gum ooEftänbigen ©rtöfcßeti, toelcßeS merEmürbigertoeife erft 
gerabe mit bem Söieberaufleben gufammenfäEt." Unb in ber 
£ßat geigen bie feßr gaßlreicßen Slbbilbungen biefe GmtmicElung 
in feßr fcßöner unb banEenSmerter Söeife im ÜberblicE aucß 
benen, meldße bem Orte beS SöiufeumS ferne finb. hierauf teilte 
ber 93orfißenöe feine Sluffaffung über bie auf ber 33afiS ber 
Cenormant’fdjen Sltßeneftatuette beßnbltcßen OarftcEungen mit. 
©r ernennt barin ©ruppen auS bem ißartßenonfriefe, burdß 
melcße ber Stünftter, ber bei ber &'leinßeit beS 9?aumeS auf 
Söiebergabe ber am Originale beßnbtidßen ©jenen oergieß ten 
mußte, bennodß auf ben gufammenßang mit ber im $ßartßenon 
beßnbticßen ©tatue beS ^ßßibiaS ßintoieS. ©r erElärte bie 
©rappe linES oom Sefdßauer als einen Krieger gu Sßagen, 
gegen beffen *ßferb ficß ein SSorßergeßenber ßemmenb ummenbet, 
bie ©rappe in ber SJtitte als bie Übergabe beS ©emanbeS ber 
©öttin, meldße al§ ber bebeutungSOoEfte ÜDioment beS gangen 
gugeS für bie ©ßaraEterifierung befonberS geeignet mar, mäßrenb bie 
minber beutlidße ©rappe recßtS bie ^erbeifüßrung eines Opfer» 
tiereS gu fein fcßeine. @o feien bie §>auptmomente beS gugeS, 
bie Überreicßung beS ©emanbeS fomie bie ^ulbigung ber 


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40 


Seoölferung in abfürjenber aber beutlidber SBeife mtebergegebett 
unb bie (Statuette baburdj fiat alg 9ta<bbilbung ber int ißar= 
tbenon beftnbltcben Sltbeneftatue bezeichnet gemefen, b. b- als 
bie Stabtgöttin, melier bie Vertreter ber Stabt ju butbigen 
fommen. 35er 33ortragenbe mieg bieg hn ©ingelnen in einem 
jur Slnftdbt aufgeftellten ©ipgabgujj nadb unb bemerfte, bah man 
nur nach einem foldjen, rtid^t aber nadb Slbbilbungen urteilen 
bürfe, weil auf biefen bie ©ruppen, ba fie oom geiebner tti<b^ 
öerftanben mären, big jur Unfenntlicbfeit entfteKt feien; bödjfteng 
bie ©rappe bes Söagenfabrerg fei ju erfennen. hierauf b^lt 
$err Otto 2)onner= bon Siebter einen SSortrag über bie „@n= 
fauftifebe Sftaterei ber Sitten." ©r äußerte ftcb etma in 
fotgenber Söeife: 

SBäbrenb bie gregfo* unb bie Tempera = SWaierei fidb in 
ununterbrochener Slugübung oon bem frübeften Slitertum bis- 
auf unfere Sage erbalten haben, ift bie enfauftifebe Sflaleret 
ber Sitten burebaug untergegangen, ja feiner ber alten S<hrift= 
fteüer bat ung ein genügenb flareg 33ilb ihrer tedbnifdben Slug= 
Übung bmterlaffen. Qn ben Stngaben berfelben ift fdbon ange= 
beutet, bah allgemach etmag an ihre Stelle trat, mag ben 
Secbnifern zmeefmähiger erfebien ober ihrer Ceiftunggfäbtgfeit 
mehr entfpradb. $n ber Sbat fallen bie lebten fcbrtftftellerifcben 
(Erinnerungen an biefelbe, ungefähr im YI S. p. ©b r - w ßorpug 
jurig, mit ben erften fcbriftfteKerifc^cn üftacbricfiten über bie Stn= 
menbüng troefnenber Oie, namentlich beg Ceinöleg, jufammen, 
mel<beg festere bie Sitten gar nicht bereiteten, mäbrenb fie mobl bie 
troefnenben üftuh 5 nnb SKobnöle fannten, fie aber nur ju ntebi* 
jinifchen gmeefen oermenbeten, ba ju allen anbern bag reichlich 
probuzierte Olioenöt alle anberen Oie gurüefbrängte. Sbatfäcblich 
bat bie auffeimenbe Olanftreicherei febr rafdb biefem früher 
mit SEßacbg auggefübrten teebnifeben 3ßerfahren ein ©nbe bereitet 
unb bie Ölmalerei oorbereitet. 

Sann eg unter folgen Umftäitben einen Sßert für ung 
teuere haben, bie ©nfauftif ber Sllten erneut ing Ceben rufen gu 
motlen? ©g ift febr gu bejmeifeln. Sto^bem aber finb feit 
ber SQtitte beg oergaugnen QabrbunbertS big auf unfere Sage 


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41 


ftetS neue 33erfudje gemalt worben fte ju reftituieren. Slnt 
29. 3uU 1755 trug ©raf ©apluS in bet AcadSmie des Inserip- 
.tions ju SßariS feine neu erfunbene SWet^obe ber ©nfauftif 
öor, in weicher er jene ber Sitten Wieber entbetft ju hoben 
glaubte, nad/bem er fdjon 1754 einen üon bem Später SSien 
nach feiner SDlet^obe gemalten Stopf einer 3D7ineroa hotte auS= 
ftetien taffen / nad) 130 fahren, gegen ©nbe 1884, ttmrbe in ißariS 
wieber ein ttieftitutionSDerfuch bon bem S3itb§auer unb Sttlaler ©roS 
unb Herrn $enrp, ©ibliothefar an ber (Sorbonne*) gemadjt. 
ßwifdjen biefen beiben SJerfudjen liegen biete anbere, bie alte 
oon ihren ©rftnbem als bie ädjte SKet^obe ber Sitten bezeichnet 
würben, auch faft alle $u if)rer ßeit greunbe unb Sewunberer 
fanben, aber fdjftefelich alle bie fläglidje ÜobeSart gänzlichen S3er= 
geffenö erbulben mußten. ®te Ölmalerei mit üjren unerf^öpf- 
litten Hilfsmitteln unb ihrer bequemen SluSübungSWeife liefe 
biefe mangelhaften Verfahren niefet neben fid) auftommen. 

Qnbeffen waren biefe S3eftrebungen infofern nicht fruchtlos, 
als auS ihnen einige gang neue SSerfaferungSWeifen herborgtngen, 
wie bie be SWontabert’fche unb bie gern6ach’fche, bie fid) fehr 
ähnlich ftnb, unb eigentlich H at ä=2ö ÖC h^ m alereten genannt werben 
foHten, ba baS SöadjS nur eine mitwivfenbe, nicht bie H au P ts 
rotte babei fpiett unb auch baS (Einbrennen oorjugSweife nur für 
©runbierung ber ÜWauer Wichtig ift, wäljrenb bie SDtalerei felbft 
auch ohne ©inbrennen beftehen fann, ja meift ohne baSfelbe 
beffer Wirft. 

2Bie aber war baS Verfahren ber Sitten bei ihrer enfaufti* 
fcfjen äflalerei? ®er SSortragenbe wtrb baS Stefultat feiner 
eigenen gorfefeungen auf biefem ©ebiete, Welche er 1868 ber= 
bffentlichte**), in golgenbem furz entwicfeln, ba er bie Sin- 


*) L’encaustique et les autres procedes de peinture chez les anciens, 
histoire et technique par Henry Cros statuaire et peintre et Charles 
Henry, bibliothecaire ä la Sorbonne. Paris, librairie de l’Art. J. Kouam. 1884. 

**) $>ie antifen Sßanbntalereien in tecfptifdfjer 23egief)ung unterfud&t unb 
beurteilt öon Dttn Bonner, 2Mer, in ©elbigä: Söanbgentälbe ber üont 
SBefuö öerfebütteten (Stäbte (SantbanienS. Seidig, SBreitfopf u. gärtet. 1868. 
5£)afelbft audf) als @ebarat=3lbbrud erfd&ienen 1869. 


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42 


fdjauungen bcr Herren QiroS unb |jenrp nid^t in Überein* 
ftimmung mit bcm Oelten= 2 RateriaI finbet. 

®ie midhtigfte SXiad^rid^t, bie mir über bie (Sntauftif ber 
Sitten befifcen, gibt un§ ißtiniuS in folgenbem @ai 3 e: encausto 
pingendi duo fuisse antiqnitus genera constat: cera et in ebore 
cestro id est verriculo; donec classes pingi coepere ; hic tertium 
accessit resolutis igni eeris penicillo utendi. 

©onj Har ift bie britte 2 ttet()obe gefc^itbert. 9 Jtan fctjmotg • 
SöachS ü 6 er bem geuer, fe^te garbenpufoer ^inju unb ftrich 
bie garben heiß mit bem ißinfel auf. ©elbftoerftänbtich fonnte 
bieS nur eine SJialerei in Cofaltönett unb Umriffen fein, ba ba£ 
rafdje Gsrftarren eine materifdfe SluSfülfrung unmögticf) macht. 

®ie ©teile: cera, et in ebore, cestro id est verriculo, über* 
fe§t ber Sortragenbe folgenbernta^en: oermittelft Sßadfjä, audh 
auf (Slfenbein, mit bem (Seftrunt, b. 1 ). bem Serriculum. (Sr 
erfennt bei beiben Slrten ba§ (Seftrum ober Serricutum als 
auSfüljrenbeS gnftrument, baS 2öacf)3 at§ SSe^itel für bie gar 6 * 
ftoffe, in ber erften Slrt aber, a (3 ju befannt borauSgefe^t unb 
beSlfalb nicht ermähnt, bie fmt-jtafel als Material, auf metdjeS 
gemalt mürbe'; in ber jmeiten ütrt im ©egenfa$ z u ber § 0 ( 3 = 
tafet ba§ Elfenbein, meines als ütuSnatjme befonberS ermähnt 
merben mufjte. ÜDiefe Sluffaffung mirb baöurd) unterftü^t, baß 
ißtiniuS im 35. Suche, bei feiner Stufzählung ber berühmteren 
griechifdfjen unb römifdjen äftater, ftetS ermähnt, ob fie mit bem 
sßinfet ober mit bem (Seftrum auf it)re ^oljtafeln (tabulae) matten, 
ober ob auSnahmSmeife auf (Slfenbein, ma§ er nur tion ®amen 
ermähnt. 28ie aber fafj baS ©eftrum ober baS Serricutum au£? 
®er Sortragenbe leitet bie ^Benennung (Seftrum üon xsorpov ober 
xsatpoc, bem gried^ifd^en tarnen ber 33 etonica=^ftan§e, ab, bie 
ein lanzettförmiges Statt mit gezahntem fRanbe unb langem ©tiete 
hat; bieS ftimmt ber gornt nach ber SGSaffe, bie ^efp^iuS 
Sltejunb. xsatpo? nennt, unb melche CioiuS XLII, 65 atS 
cestrosphendone unb ebenfo ©utbaS (Polybii reliquiae lib. 
XXYII, 9) at§ @chteuber=ißfeit bezeichnet; ber lange ©tiet unb 
bie lanzettförmige ©pi£e mieberhoten fidf atfo in biefer SSaffe. 
2 öir erhalten barnit eine gorrn, metdfe faft genau bie ber ißftafter* 


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43 


tneffer ift, hielte zahlreich in Pompeji gefunben worben jtnb. 
Qn ber Sfjat ift beren ßwedf ein ähnlicher. OaS gefärbte SßadjS 
mußte, um mit einem fotzen Qnftrument aufgetragen Werben 
ju fönnen, ungefähr bie Äonfifteng uttfereS SftobellierWadhfeS 
^abert. Oiefelbe erreicht man burdj einen geringen ßufaß öon 
Otioenöl zu bem punifchen SBacßS, welkes, mit SJtitrum (fof)len= 
faurem üftatron) bereitet, fid) burdj biefen Olgufafc zu einer 
febr buftilen SOfaffe geftattet, bie falt aufgetragen wirb. Um 
biefelbe bequem zu bearbeiten, ift bie ßa^nung beS SRanbeS beS 
©efirumS burcßauS nötig; bie Herren ©roS unb fjenrp er* 
fennen biefe oon bem SSortragenben juerft auSgefprodjene 9ln* 
fidlft alö richtig an, folteren beffen erflörenbe Safetn, unb ließen 
ftc^ ißre Qnftrumente ä^rtticf) formieren. Oer SBortragenbe fügt 
noch eine oon i^m oorgefchtagene ©rflörung beS ÜßorteS verri- 
culum ^inju. Oie ^janbfdjriften bringen bie f^orm verriculum, 
vericulum, viriculum. Oie ^ß^itologen gelten biefeS SBort, baS 
fte nid)t ju erfiären oermodjten, für eine 3Serberbung oon 
yeraculum, Heiner Sratfptcß, unb baraufljin grünbeten SBiete 
bie feltfamften 2lnfd)auungen über biefe Sedjnif. Oer 23or= 
tragenbe hält bie gorm verriculum für bie richtige, benn fte 
gibt einen (Sinn, gibt biefelbe Sebeutung wie Seftron. 2öie 
vehiculum Oon veho, vexi, vectum, fo leitet er jte Oon verro, 
verri, versum ab. 33erriculum ift bemnadj ein gegähntes Qn= 
ftrument, ein gurch= ober Scharr=(£ifen, gurn gurren, 9lb= 
ftreic^en ber aufgetragenen SöadjSpaften, reff), um Sluffäufungen 
wegzunehmen. OaS (Einbrennen erflärt ber SSortragenbe nur 
als eine Sftotwenbigf eit, um bie Oberfläche beS SBitbeS oon ben 
gurcfjen unb bem ungleichen Aufträge zu befreien unb zu einer 
gleichmäßigen ju geftalten »ut peraequetur«, wie ftch ^ßliniuS unb 
3Sitruü bei ber Scßilberung ber ÄauftS, b. h* bem ©inbrennen 
beS mit 2öad()S überzogenen 3tnno6erattftricbeS, auSbrüdfen. 
9luch ben $ufaß eines balfamifchen §argeS, g. Sß. beS ©h*° s 
Serpentins, hält ber 33ortragenbe auf OioSforibeS üb. I, e. 
XCIV., geftüßt für möglich; er wacht baS punifdje SBadhS zu einer 
angenehm buftilen SUtaffe bei foltern Sluftrag. 

Oer 33ortragenbe oerwirft als gang wiHfürtidj bie ßumifcßung 

4 


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harter £>ar$e ju bem SBachS, bie ber Slbbate Stequeno jucrft 
erfanb, unb roetd^e ilpn bie Herren ©ro§ unb $enrt) entlegnen. 
Sie erforbert ein beftänbigeS Slrbeiten mit fieifeen gnftrumenten, 
WaS gegen ben (Sinn berfdjiebener Teytftetten alter Autoren 
gef)t. (Seneca ©pift. 121. SBitr. 1. YII, c. IX. <ßtin. XXXY, 
147 etc.). ©benfo berWirft er als gegen ben Sinn ber lieber* 
tieferung bie Senufcung be§ ißinfelS unb gefeintoljenen SBachfeS 
ju ber erften Slrt ber bon ißliniuS gefdjilberten entauftifdjen 
SKalerei, wie aud) bie Sluflöfung beS SBachfeS in ^eifeem Sßaffer, 
Welche ©raf ©apluS borfdjlug, ebenfo aud) bie burd) Serfeifung, 
bie Sadhetier, ©atau unb Slnbere öerfudjten. Sitte biefe Ser* 
fahren fönnen als eigene ©rfinbungen ber Setreffenben be= 
jeid^net Werben, nicht aber als Steftitution beS SerfaljrenS ber 
Sitten, wie eS au§ bereu fdjriftlidjen Ueberlieferungen i)erborgest. 

Tie Don .'perrn §enrp als antile, entauftifdje Silber be* 
jeic^neten ^ortratS ber Familie Soter in ben Sammlungen 
beS CoitOre erflärt ber Sortragcnbe naef) feinen genauen Unter* 
fudjungen berfelben als Temperamalereien, als welche fte jtdj 
tro§ beS barüber gelegten gtrniffeS jebem Sarfjüerftänbtgen ju 
erlennen geben. Tie fogenannte SJtufe oon ©ortona, bie £>err 
£>enrp and) für ein antifeS entauftifdheS Silb hält, l)at ber 
Sortragenbe nid)t gefeljen, tann fomit lein pofitioeS Urteil auS* 
fpredjen. Slber jubertäffige Kenner galten baS Silb für ein 
£)lbilb auS ber Stenaiffancejeit uub bie angebliche Slufjtnbung 
mit etruStifdhen Slntiquitüten für eine gäbet. Stach ber ^h oto ' 
graphie p urteilen ift ber Sortragenbe aber geneigt, ftch lefj* 
terer Slnfidjt anpfd) tieften. (©ine ausführliche Seljanblung beS 
©egenftaubeS erfdheint bemnädhft in ben „^ßraltifdhen unb chemifd)* 
technifdjen SJtitteilungen für SWalerei unb Saumaterialientunbe" 
in SDtüncften). 

gum Schluß legte ber Sorftijenbe eine reiche Sammlung 
bon Stichen, $etiograbüren unb 5ßh°t°9 rc wiiren bor, welche bie 
^ßreftel’fche Slunfthanblung burdh §errn ©ünther, Sttitglieb ber 
Slbteilung K, jur Verfügung geftellt hatte. ©S fottten bie ber* 
fdhiebenen älteren unb neueren ÜteprobuftionSberfahren gur Sin* 


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fdjauung unb ©rtäuterung lomtnen, befonberS gur Darlegung 
ber med^antfc^en ©erfahren in intern ©erhältniffe gu ben 
ffinftfertfdjen beS ©ticheS unb bcr [Rabiermtg. ®a bie 3«t 
fdjon feljr oorgerücft war, mujjte bte etngefjenbe ©etradjtung üer= 
fdf)oben werben. 

3. Abteilung für Slllgemeine [RaturWiffenfchaften (N). 

®ie Slbteilung trat am 8. Slprit gufamnten, gab bte ©in= 
gänge an SRitglieber ber Abteilung gum Referate unb befdhlofj 
Anträge betreffs gu ^attenber ©orträge gu [teilen. 

4. Ülbteilung für ©chöne SBiffenfdhaften (SchW). 

ÜDte Slbteilung hielt ihre erfte @i£ung am 8. 9Rai. ®er ©or= 
fi^enbe, $err Dr. Qorban, legte ber Abteilung gWei ausführliche 
©utad)ten über ©egenftünbe öor, treibe ber Stbteilung öom 
AGA gur ©eridjterftattung überwiefen worben waren. 3)aS 
erftere betraf bie Unterftü^ung beS SßerleS „©dhiller unb ©oethe 
im Urteile ihrer 3 e ^9 etlD ff en// 0011 QultuS ©raun. £>h ne bie 
SluSbeljnung beS SEBieberabbrudfeS beS häufig wertlofen SRaterialS 
gu billigen unb bie SluSwafjt als eine überall gefdjicfte begehrten 
gu lönnen, fdjlägt ber ©orfi^enbe ber 9lbteilung bor, fte möge fidj, 
in Slnbetradjt ber bod) gleichfalls in reichlichem SRafje borljanbenen 
Wertbollen unb intereffanten ©efhredjungen, Welche für ben 8itera= 
turhiftorifer fonferbiert Werben müßten, bie aber anberenfaHS 
Verloren gehen ober bod) fe^r ungugänglidt) bleiben würben, für 
eine Unterftü^ung beS noch auSfteljenben lebten ©anbeS biefeS 
SßerfeS auSfpredjen. ®aS gweite ©utadjten betraf bie §er= 
ftettung eines ©u^lowbenfmalS. ©ei ber £h at f 0< $ c «wer bis je§t 
äufjerft geringen Beteiligung glaubt ber [Referent nicht, bafj bie 
Wbfidht ein folcheS ®enfmal gu errichten bereits als eine 
allgemeine äufjerung beS beutfdjen ©otfeS gu betrachten fei. 
©S bleibe baher abguwarten, ob fommenbe 3 e ^ en biefeS 
Urteil änbern würben, ©obalb fid) bieS burdj eine wirliidh 
allgemeine Teilnahme auSfpredje, fei eS auch angebracht, 
bafe baS ^odjftift einen ©eitrag in ©etradjt giehe. Q-ür je£t fönne 
er fidh in [Rücffidjt auf bie oortiegenben Shatfachen nicht 


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für einen folgen auSfpredßen. Die Stbteilung eignete fieß ba£ 
Ergebnis beiber ©utadßten an unb richtete bementfhrecßenbe 9ln= 
träge an ben AGA, welcher feinerfeitö in Übereinftimmung barnit 
eine Unterftüßung beS SBraun’fcßen SßerEeS, fobatb eS fertig* 
gefteßt fei, ju leiften befdßloß, einen Beitrag bagegen ju bem 
befagten £>enEmal ableßnte. ®ie Abteilung befcßloß ferner auf 
Anregung beS f>errn ®irettor Reßorn, regelmäßig äße öier 
Söocßen äufammenjufommen, unb jwar bis auf weiteres ©amS= 
tagS. £>ie nädßfte ©ißung foß fornit (SamStag 6. $uni ftatt* 
finben. gfür biefe ©ißung ßaben bis jeßt §err Dr. 9tabert 
unb .ßerr ®ireEtor Reßorn Referate in 9luSftdßt gefteßt. 

5. Abteilung für ©ojiate SBiffenfcßaften (SzW). 

Um einen ÜberbtidE über baS reichhaltige Wiffenfchaftlidße 
Ceben ju geben, baS innerhalb ber fojialwiffenfdßaftlidhen 916= 
teßung herrfchte, folgt hier baS SßerjetcßniS ber ©egenftänbe, 
bie in berfeiben feit ihrer Äonftituierung behanbelt würben. 
£)ie gorm ber 93eßanblung mar ftetS bie, baß nadh einer aß* 
gemeinen Erörterung beS ShemaS bureß einen im tiorauS beftinun* 
ten Referenten eine (DiSEuffion beS Referats gewöhnlich in 9ln= 
Enüpfung an Xßefen ftattfanb, bie twn bem Referenten aufgefteßt 
waren. Eine 9löftimmung über bie £ßefen wirb nach auSbrücfticßer 
93orfcßrift ber ©efdßäftSorbnung nicht ttorgenommen. |)ietburcß, 
fowie burdß bie gufatnmenfeßung ber 9lbteilung, weldßer SRänner 
ber oerfeßiebenartigften öolESWirtfcßaftlicßen unb fojialpotitifcßen 
Ricßtungen, fowie ber öerfcßiebenartigften ^Berufe gleichmäßig 
angeßören, war ber rein fadßlidhe, wiffenfdßaftliche EßaraEter ber 
£)iSEuffton oon Oomßerein gefteßert. 

®ie Stßemata waren, — abgefeßen oon ber SSefprecßmtg 
ber in geringer ßaßt erfolgten literarifcßen Einfenbungen —: ®er 
RormalarbeitStag (Sßefe: ®ie SBerfürjung bejW. gefeßließe 
Regulierung ber 9lrbeitSjeit ift für bie Söoßlfaßrt ber 9lrbeiter 
wichtiger als birefte Erhöhung beS 9lrbeitSloßnS) —; bie Coßn= 
fßfteme, inSbefonbere ©tücEloßn unb ßeitloßn; — bie 93erftaat= 
lidjung beS ©runbErebitS (Referat beS als 33erfaffer ber ©djrift: 
„9luf frieblicßem 28ege" beEannten SR. glürfeßeim auS ©ag= 


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«genau, melier ber ©inlabung ehteS SWitgliebS ber Abteilung, §r. 
■SBanfbtreftor ©. SRaier, freunbtühft gefolgt mar); — Referat über 
SiaS 333er! 8. ö. ©tein’S: „®ie brei fragen beS ©runbbefiheS". — 
®ie öfonomtfe^e 33ebeutung ber ©pefulation. — 35te ©dju^» 

m*- ~ _ 


III. Öffentliche Stytngen. 

1. |tfeph 

3lm 17. SCpril hielt in ber Qühridh=2luSftettung (©aal ber 
Sßolhtedjnifchen ©efettfdjaft) |>err Dr. 33. 33atentin einen 33or= 
trag über Qühridj. Cer, fprad) etma tt)ie folgt: 

Qm 9Wai beS QaljreS 1871 mar Qüfjridj auf einen 9)ieier= 
Jjof in ber Stühe öon 333ien mit feiner Qamilie hinauSgejogen. 
:333öhrenb braunen bie junge Statur grünte unb blühte, fafj ber 
«greife SDteifter 33ormittagS üon 11—3 Uljr am niebrigen Qenfter 
fehteS Schlafzimmers mit 33leiftift unb Rapier, unb inbem er 
non geit 5« Beit au f f e iu ©nfelchen flaute, baS im ©arten 
hielte, marf er eine Sfteilje Äompofitionen auf feine 33lätter, 
ftitt unb ohne baft Qentanb ahnte, ob er an ©röjjerem arbeitete 
unb maS er fc^üfe. Stad) !aum oier 333ochen rief er eines 
©onntagS SWorgenS bie ©einigen ^erbei unb fagte: „35a h«b’ 
tdh etmaS gemalt; feljt’S (Such einmal an — ich glaube, ich &iu 
fleifjig gemefen." Unbinber^hat, er mar fleißig gemefen: eS lagen 
Dor ihm fertig, fo mie mir fie im Original in unferer SluSftettung 
fehen, bie breijeljn Siompofitionen jur Cegenbe beS hi- 333enbelin, 
jene poefiebotten erftnbungSreichen geichnungen, in melchen mit 
einfachem Sfontur bie liebliche (Sr§ählung in ergreifenber ferner 
333eife miebergegeben ift. Unb baS h attc &er Zünftler gefefjaffen 
«aus ber Qütte feines reichen ©eifteS, feiner unabläffig regen 
$h<*ntafie, ohne jebeS äußere ^ütfSmittel. 33iS ber SWeifter ju 
folcher §öh e hetangemachfen mar, beburfte eS freilich ei ne ^ 
arbeitStoollen CebenS, eines unermübti^en ©chaffenS: nur fo 
fonnte bie treffliche Einlage zu ber Sicherheit herangezogen mer* 
tien, bie ben 9lbft<hten beS ÄünftlerS bedingungslos gehorchte 
unb mittig ausführte, maS er mottte. ®er 333eg, ber §u burdj* 


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meffeit mar, führte üon bcr Anlehnung an Vorgänger ju immer 
höher madjfenber ©elbftänbigEeit: ber 2ßeg, ben alte mirElidj* 
großen Sünftler gegangen finb. 

gühricf) ift 1800 geboren. 2113 er fjeranttmdjä, traf er in 
jenen Sampf, meldjen bie erften Sfteifter ber neueren beutfdjen 
©dfule gegen bie ftac^ unb flau gemorbenen Ambitionen ber 
öeralteten afabemifd^en Stiftung Eämpften. ®a tjatte ©arftenS 
fiel) gegen bie mecßanifche ÄompofitionSmeife aufgelehnt unb im 
Vertrauen auf fein munberbareS g-ormengebädjtniS oljne Söiobett 
ju fRaffen begonnen. ®en bebeutfamen Qnhalt, ber bie bis* 
herigen einfeitig tec^nifc^en ^unftfertigfeiten oerbrängen unb' 
bem SfunftmerE feine erhöhte Vebeutung miebergeben follte, 
hatte er geglaubt im Elaffifdjen Altertum ju finben: er erfdjloß 
ftd) bamit ben 2ßeg ju ben Staffifchgebilbeten aller VölEer, 
aber er öerfdjlojj feiner S'unft bie SSirEung auf bie ©efamtbeit 
feine§ eignen VolEeS, meinem bie notmenbigen VorauSfefcungen 
jum nad)empfhtbenben ©rf affen foldjer SßerEe naturgemäß ab* 
geljen mußten. £>a hatte ©omeliuS ben 3Beg ju ben alten 
beutfdjen ÜDieiftern gemiefen, inbem er an £>ürer anEnüpfte, unb- 
hatte zugleich bie beutfc^e Vergangenheit jum ©egenftanbe ber 
SarfteUung gemählt: baS mar ber ißunEt, an meldjen aucfy 
güljrich anEnüpfte. AIS er 1821 jum erften SDZaCe eine ©amm= 
lung Aürer’fcßer ^joläfdjnitte fah, fo mürbe bieS ber 28enbe* 
punEt für feine Eünftlerifdje Caufbaljn. 9iun hotte er bie formen* 
fpradje gefunben, in meldjer ju reben eS ihn brängte, unb beren 
®raft unb 9WarEigEeit er nie mieber aufgegeben hat. 3 u 9*- e ^ 
aber mar bie 3dt erfüllt tmn ben Schöpfungen unb noch mehr 
öon ben Anregungen ber romantifdjen ©dhule. ®ie Cegenbe A 
baS Sftärdjen, ber gehehnniSöolle 3 au & er beS ÜUHttelalterS, baS 
um fo mädhtiger locEte, je meniger man eS Eannte unb je mehr 
beSfjalb ber eigenen ißhantafie ©pielrautn gelaffen blieb, jene 
munberooüe monbbeglängte 3 aul &ernadht fyktt auch feinen ©inn 
gefangen unb gab ihm baS ©ebiet beS AenEenS unb ©mpfinbenS A 
mo er ftdh am reinften unb unbefangenften mohl fühlte unb §it 
bem er immer mieber mie ju einem ©efunbbrunnen jurücEEehrte. 
AIS britteS ©lement Eam fein öon frühefter Qugenb lebhaft 


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reger religiöfer ©ittti fjtnju. Ger hatte baS ©lücf, ohne gweifel, 
ot)ne Scf)Wanlen in eine entfdjiebene, für fein fünftlerifcljeS 
(Streben gugleicß bonfbare 9tic£)tung hineinjutt>acE)fen. Stber wenn 
er auch o£|ne gweifel blieb, fo ^inberte ihn baS bodj nicf)t an 
ber £iefe ber üiuffaffung. SGßaS Slnberen infolge ber ©ewohn= 
heit alltäglicher gebautem unb empfmbungStofer ©ebraud) wirb, 
blieb i^nt immer neu unb gleichmäßig in feiner auf baS f>eit 
ber 2öelt unb ber Seele gerichteten Senbeng lebenbig. Grr ge= 
hörte gu ben öerhältniSmäßig fettenen SDtenfchen, Welche alles 
©mgelgefchicf in ber SEBelt nie anberS alö sub specie aeternitatis, 
tm §inblict auf bie Gswigfeit betrauten. §ier fanö er ben un* 
erfchöpflidjen Cluett, auS welchem er baS SlHtäglidje mit immer 
neuem 9t eich tum erfüllte. Unb biefe Qcmpfinbung fühlt auch & er 
burdh, ber nicht bie gleiche 33efenntniSfprache fpridjt wie gütlich: 
ber große, weite, wettumfpannenbe 35tic£ beS baS ÜDtenfchem 
gefchief ftetS im gufammenhange mit bem SBettprogeffe erfaffem 
ben ÜDenferS bricht überall mächtig heroor. üDiefe religiöfe Seite 
fanb ihre Nahrung burdj gü^thS SSerfehr mit Ooerbecf, ben 
er in 9iom traf, ber in gühridj fofort bie oerwanbte Statur 
fühlte unb bie ihn an ftd) fj^angog. Slber wäljrenb 0berbecf ber 
S'onöertit ängftlich um baS SBohl ber eigenen Seele beforgt 
ift, geht gührich, ber über feinen ©tauben nie zweifelhaft ift, 
fieberen Schrittes über biefe ©renge hinaus, unb baS 2öof)l ber 
ganzen 2Bett war eS, worauf er nach feiner Söeife giette. ®iefe 
brei Elemente bleiben nun bei gführich bie maßgebenben: in 
marfigen formen, wie er fie bei ©omeliuS unb ®ürer ge= 
gefunben hotte, fpraef) er fich auS, aber fo, baß er fie burch 
©oerbecffche Slnmut milberte, ohne fie irgenbwie gu oerweicf)= 
liehen: je nach t>em ©egenftanbe tritt halb mehr bie männliche 
Straft, halb mehr bie Weibliche SDtilbe in ben 23orbergrunb, ohne 
baß fie je fich gang trennten. SDtit greubigfeit tritt er au eine 
9teil)e rcligiöfer Schöpfungen h erö n unb erfüllt fie mit bem 
gangen Gsmfte feines h°h en ©trebenS, mit ber gangen Straft 
feiner nie Wanfenben Uebergeugung: nie aber mißbraucht er feine 
Slunft gu einfeitiger Betonung beS SefenntniffeS, fo baß feine 
religiöfen SBerte faft überall bie Uebergeugung jebeS chriftlichen 


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SSefenntniffeS auSfprechen. 91m mohlften aber füllte er ftdj, 
menn er m bie romantifdje SBelt tauchen fomtte, mit ber er 
bentt auch ötelfad) feine retigiiJfen ©chöpfungen erfüllte: fo in 
jenem wunberlieblidjen ©ang ber SDlaria über’S ©eBirge, fo in 
ben föfttidjen gbptten beS Bet^le^emitifc^en SBegeS, Wo bie menfdj* 
lid)e ©eele als ißilgerin ber Slufforberung ber Äunft folgt unb 
3eugin ber gongen ©ntwictlung ber Äinbljeit gefu mirb. ©rhiJIjt 
wirb gerobe biefer 9?eij ber romantifdjen ©mpfhtbungSwelt burd) 
bie geinfühligteit, bie ber Äilnftler oon gugenb auf für bie 
©djiJnheit ber Statur hatte: mit tollen ^änben giefet er fte über 
fein 2Berf aus, immer aber alles ©ffefthafdjenbe oermeibenb 
unb mit wenig ©tridjen ©harafter unb ©timmung in trefflichen 
formen fefthaltenb. £>aS beginnt fdjon in ber früljeften 3 e ^/ 
wie in jener fdjlidjten geberjeidjnung nach IwffntannS Stooette 
„SQßeifter SJtartin ber Süfer unb feine ©efeHen": wie Har unb 
reijOott ift jene gerne, in Welche Wir Oon bem |jügel auS blicfen; 
aHeS ift mit ben geringften SDtitteln erreicht. @S erhält ftdj 
aber bis in fein fyofyä 9Hter, fo in ben fdjiJnen 3eidjnungen: 
„©eljet bie Cilien auf bem gelbe" unb in ber ©jene ton bem 
©injug in gerufalem, unb enblidj noch ’ n ber lebten fertig* 
geworbenen 3 e «hnung: //Stoah Warnt bie ©pötter". 

9llS £)ö£)epunEte feiner Shätigteit auf bem ©ebiete ber re* 
ttgiöfen SDtalerei heben wir aufeer bem ghtluSWerfe //® r ift auf* 
erftanben", „ShomaS ton Kempen", bem „^faltet", bem grofe* 
artig gebachten unb burdjgeführten, tom Zünftler felbft rabierten 
„Sriumphsug (S^riftt y/ ganj befonberS bie Streujwegftationen in 
ber ©t. gohanniSHrdje in SBien hertor. ©ie finb, ton betrat 
geftochen, eines ber oerbreitetften ©ammelwerle geworben, $u= 
nächft Wohl Wegen ihres retigiiJfen ©eljalteS; fie terbieiten eS 
aber auch um ih ter Cünftlerifd^en 93ebeutung Willen, ©ie erinnern 
in ber leibenfchaftlidjen ©nergie an £)ürer ; ja fie werben ju fielen 
heute terftänblicher fprecben als biefer, beffen ©prache herber unb 
minber unmittelbar faßbar ift, als bie bem heutigen Siunft* 
bebürfniffe näher liegenbe, gefälligere, nicht aber etwa Eraftlofe 
gormen gebenbe ‘DarfteHungSweife beS heutigen Zünftlers: eS 
tritt tielmehr gerabe hier bie gebrungene SEraft ber ©eftalten, 


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bie ©ttergie bee Sluebrurfe meifterhaft hertior. Sebeutettber ttodj 
ftttb bie Schöpfungen für bte SlltCexdhenfelber Stirne. ©iefe Kirche 
Würbe nach bem $lane bee Schweiger Slrdjiteften Q. ©. SJtütler 
in frühitalienifdjem Stile erbaut. ©urd) bte Sorhatle, mit ber 
©arfteHung ber SBeltfdjöpfung, gelangt man in bae Cangfcfjiff, 
bae aue einem überhöhten SOüttelfchiff unb gwei fchmalett Seiten* 
fdjiffen befteht. ©e führt gu bem £Uterfdjiff mit achtecfiger 
Sfrtppelwölbung unb weiter gu bem tiertieften ©hör, ber mit 
halbfreiörunber 2lpfie abfdjliejjt. ©en ^Slan für ben gef amten 
aujjerorbentlich reifen Silberfreie entwarf gühridj. (Sv felbft 
übernahm nur einen ©eil ber Stompofttionen, unb auch üon 
biefen führte er nur bie Kartone eigenhünbig aue: neun biefer 
Originale fchmücfen unfere SluöfteHung. Qh rc waterifche 9tue= 
ftihrung in ber Kirche ttmrbe tion ©ngert unb $uppelwiefer 
Übernommen. ©ie gwei intponierenbften Slätter, nicht nur burdj 
ihre äuftere ©röfje, finb bie tinfe unb rechte tiom ©ingang an 
ber Stimtoanb ber Seitenfchiffe befinblichen SBerfe: ber ©ngel* 
fturg unb bae Qüngfte ©eridjt. SDtit göttlicher Roheit unb 
Straft auegerüftet, ftürgt ber gewaltige SDiidjaet, überlegenee 
Siegeebewufjtfein im Sdntlih, ben Satan (Cugifer) mitfamt feinem 
angemajjten ©h ron in ben Slbgrunb: tion grauftgem ©ntfe^en 
erfaßt fällt Satan mit feiner Stotte, ben gefallenen ©ngeln, 
bahin. ©iefem wilben Äampfgewühl gegenüber §eigt bae Qüngfte 
©eridjt bie 9tuhe göttlicher ©rhabenljeit in ©Ijriftue felbft, 
Wähtettb bie untere Hälfte bie burch ben ißofaunenfchall ©r* 
Werften in lebhaftefter ^Bewegung barftellt. £>ier wie überall 
erfdjeint ber bramatifdje $ug ber Huffaffung befonbere bemer* 
fenewert, ben gführich ebenfo beherrfcht wie ben ibpHifchen 
^rieben in ber Statur. SBäljrenb in ben Seitenfchiffen bie alt* 
teftamentli<he SB eit in ihrer tiorbilbtidjen Sebeutung ftch ent* 
wirfelt, giebt bae SJlittelfchiff bie §auptmomente ber ®ef<hi<hte 
©hrifti felbft, begleitet, wie tion einem ©hör, tion ben ©eftal* 
iuugen ©hrifti an ben Pfeilern, Wo er in feiner mannichfaltigen 
Sebeutung ate ©ärtner, £)irte, ^whepriefter, Stöntg u. f. w. er* 
fcheint. ©ie kuppet mit bem ©Ijriftuefopf ale Schlufeftetn geigt 
bie acht Seligpreifuttgen; ber nörblidje Stltar bee Ouerfchiffe 


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ift bem 2l6enbmaf l, ber füblidje ber Butter ©otted gemeift, 
Qn bem ißredbpterium fommt bie £>auptbcftitmnung bet Äirdfe 
ju intern fRec^te: fte feifjt „ju ben fteben guftucften." Oiefe 
finb bie Oreieinigfeit, ber ©efreujigte, bad Slltarfaframent, bie 
SRutter ©otted, alle ^eiligen, bie ©cfufcengel, bie armen Seelen 
bed gegfeuerd. 33on biefett giebt ber Slltar bed Ouerfdfiffd 
bereitd bad ©aframent bed Stttard; bad Ärujiftjc erfcfeint an 
bem Ouerbalfen bed ütriumpfbogend, bie ©cpu^ettgel ftnb an 
ber nörblidjen, bad ißurgatorium an ber (üblichen 2Sanb un= 
mittelbar neben ber Slpftd angebradft, bad grofce, bie ganje 
£jöf)e ber Slpftd einnefmenbe 33ilb an ber Slttarmanb giebt bie 
X)reifattigfeit, bie Butter ©otted ttnb alle ^eiligen. 3ln ber 
nörblidjen 2ßanb befinben fid) ferner öor ben ©dju^engeln 
©friftud in Grmaud unb gegenüber ©Ijriftud unb ?ßetrud auf 
bem SDZeere — beibe in ben Originatfartond fier; ferner bie 
2tufermedfung bed Cajarud unb „(S^riftuS erfdfeint bem Xfornad",. 
beibe in ^ßbotograpfjien ttacf) bem Originale tiertreten. Oie 
©dptfcengel unb bad ^ßurgatorium ftnb mieber im Originale 
fier, bad mastige Slpfidbilb in einer garbenffi^e, um metdje 
fidj bie einzelnen ©ruppeu in SSleiftift-jeicfnungen reifen; bie 
Slpoftelgruppen ftnb in ben Originatfartond fier. gfür bie 2Bür* 
bigung bed Slpftdbilbed finb jmei ©efidjtdpunfte mafcgebenb: 
mad Ijier auf einer glädje erfdjeint, ift für eine falbfreidrunbe 
SRift^e gebadet; fierburdj tierliert ficf bad reifenförmige, unb bie 
einzelnen ©ruppen geminnen burcf ifjre Stäferrücfung unb anbere 
Slnorbnung einen engeren ßufammenfang; ferner mufete ficff 
bie Sompofition ber Slufgabe fügen. Oemgemüfj geigt ftdf oben 
bie Oteieinigf eit, barunter SKaria mit Qofepf unb Qofanned- 
bem Käufer, enblicf, um einen Slltar oerfammelt, bie Vertreter 
alter ^eiligen: oor bem 9lltar tniet bie fetrlidje ©ngetdgeftatt, 
bie mir im Originalfarton fefen. Oen Ülbfcflufj nacf unten 
macfen, neben ber bie Ceben fpenbenben ©aframente anbeu* 
tenben OueHe fnieenb, bie jmei großen Orbendftifter: ber bed 
gelehrten Orbend, Oominifud, ber bed poefieooll an ^>erg unb 
©emüt appellierenben, gtanjidfud, medfaib fier bie religiöfe Sunft 
unb Sönig Oaoib, ber ©änger, erfcfjeinen. Ueberall frappiert und 


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53 


hier bie htbioibuelle ©chärfe unb 33eftimmtheit beS SluSbrudS, 
baS bramattfdje geben, bie mannhafte ©eftalt ©hrifti, bie ftch 
fehr gtüdlid) oon ber bei Ooerbed oor^errfc^enben Oulbergeftalt 
unterfReibet. 

353enn gührid) ber religiöfe ÜJienfch bei att biefen 3EBerten ftdher* 
lidf mit üollem £>ergen mar, jjo biirfen mir bocf) fagen, bafj gführidf 
ber fünftlerifch empfmbenbe ÜJKenfdh noch lieber bei ben ©djöpfun* 
gen oermeilte, metdje ihm ben ging tnS romantifdje Canb ge* 
ftatteten. (So mar eines feiner früfjeften Sßerte bie ©efdhidjte 
ber ©enooeüa, beren nadf feinem Stufent^alt in Qtalien ge* 
fdjaffene Umarbeitung im Originale oorliegt. £jier finb bie 
SlntnüpfungSpuntte noch feljr fic^tbar. Söian tieft beutlid) batb 
©ometiuS, batb Ooerbed, batb 33eit heraus, unb bod) ift atte 
Anregung fdjon gu güfjricf) gemorben. Süian Oergleiche g. 35. 
„©iegfribS Slbfdfieb oon ©ertooeba" mit bem ©ornetiuS’fchen 
„Slbfdhieb ©iegfribS oon ©^rimtjitb". Oie Äompofition ift über* 
einftimmenb; aber bie gegierte Slnmut unb ber fpröbe gelben* 
finn bei ©ornetiuS ift mirttid^e Slnmut unb glaubhafte äßanneS* 
traft gemorben. $n 9fom felbft h at te §üf)rid) baS ©lüd, oon 
Ooerbed gur 33ottenbung beS OaffogintmerS ber 33itta 2ttafftmt 
herangegogen gu merben: ber Karton für baS 33itb: „Slrmiba 
befdhiejjt IRinalbo" befinbet fid) f)' er - SüljrichS ©elbftänbigteit 
möchte h^r mohl am meiften in ben am 33oben tiegenben Ooten 
heroortreten. 33on 9tom gurüdgefehrt, fd^afft er retigiöfe ©egen* 
ftänbe gu tiebtidhen Qbptten um, fo in „§atob unb Siahel", mo 
bie fraftoolte ©eftatt ber maffergiejjenben unb gugleidh einen 
Sßibber Cräftig padenben grauengeftalt mit ihrer energifchett 
3ßenbung äuffättt; fo in bem fd)on ermähnten ,,©ang ber SJiaricr 
überS ©ebirg", metdher bie töftlidje ©ngelgruppe ooranfdhreitet. 
Oahin gehört baS 35uch 9tuth, bahin bie Silber ber ©aterie 
©d)ad, bie ©inführung beS ©hriftentumS in Oeutfcf)tanb unb' 
bie Stuffinbung beS Stepomut, bahin ber „Slrme Heinrich" unb 
gang befonberS ber herrliche „Serlorene ©ohn". f>ier hat gühridj 
als freier Oidhter gefchaltet, mie er eS fo gerne tljat: bann aber 
ermeift er ftdh ftetS alS.groft in ©rfinbung unb ©ebantenreidhtum. 
©r giebt hier bem ©ohne ben 33erfüf)rer an bie ©eite, ber ihn 


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nad) ber Sottenbung feinet SBerfeS Ijöljtttfdj »erläfjt: fo mirb 
im Silbe, baS beS SBorteS entbehrt, ber innere ^ßrojef} ju 
einem fidjtbaren unb greifbaren. ®ann fommen jene ergreifen* 
ben Slätter ber 9teue unb beS ^eimtte^. Unb h>ie fein em= 
pfhtbet ber dichter, menn er ben ©djlufj ohne SJiiftflang burd) 
ben neibifdjen ©ruber auSflingen läftt: §ier feljen mir nichts als 
bie ntenfdjlidj fcf)öne Serföhnung — bie ©pifce ber Parabel, bie 
für bie aus tljr ju jiehenbe Sehre notmenbig ift, hat in ber nur 
ftoetifc^ geftalteten ©rjählung feinen ^JIa£. Slber auch bie halben* 
hafte ©eite ber 9tomantif meifj ^ü^ric^ ju erfaffen: man be= 
traute bie gemaltige Ceibenfd^aft in ber „Söilben ^agb" (1871), 
ben ©iegeSfturm in ber „SDtaffabäerfdhladht", ben ©djauer ber 
©eiftertoelt in „SJtafbeth bei ben ^pejcen", unb man mirb bie 
^Berechtigung anerfennen, gührid) ben Sttieiftern ber £>iftorien= 
malerei jur ©eite ju ftetten. 

SBohl märe eS »erlocfenb alle bie reidjen Äompoftttonen, 6efon= 
berS bie fo jaljlreidfi »orhanbenen ©riginatjeichnungen im ©injetnen 
ju »erfolgen — eS mürbe »iel ju meit führen. @8 mag genügen 
biefe £>auptgefid}tS)ninfte ^eroorge^oben §u ^aben, bie eS unS 
»erfteben taffen fönnen, mie ber SWann, ber als Jüngling um 
beS lieben ©rotes mitten 9tomane »on ©probier unb ®ramen 
»on So^ebue ittuftrieren mufte, moöon fyex gleichfalls groben 
ftnb, bie ben feinen getaner mit bem betifaten ©tifte, ben lebhaft 
bramatifcb empfinbenben Sfünftler, ben Sttiann mit bem fdjarfen 
Sluge für bie 2Birflid)feit nirgenbS »erteugnen, ber grofe SDteifter 
merben fonnte, als melier er unS feit feiner 9tücffehr aus 9töm 
in immer fteigenber Cinie erfreuet. Unb mag auch nt einem feiner 
fpäteften Söerfe, mie in ber Cegenbe beS SBenbetin, bie §anb 
fdjon nicht mehr ganj bem SBitten gehorchen — ber ©eift ift auch 
hier immer noch mächtig, unb ber ift eS geblieben, bis ber üttteifter 
mitten unter ben ©ntmürfen für bie Sottofirche ben ©riffel finfen 
lieft. SEßir aber freuen unS an bem, maS baS Sleibenbe »on 
ihm ift, maS mir fo reich um unS »erfammelt feljen: möge eS 
einen bauernben ©inbrucf hinterlaffen — ein foldjer fann nichts 
anbereS als ein bleibenber ©eminn für ©eift unb ©eele fein. 


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55 


2. 2BttteUttnj}ttt 0 ii$ |lbtttlungtn. 

3lm 11. Sftai berichtete $err Dr. 33alentin als 33orft$ettber 
ber Abteilung K über bett Verlauf ber oon biefer beantragten 
Qühridj=9luSfteflung. @r §ob habet fotgenbeS ^ertior, um bie 
©ntfleljung, ben ©harafter unb ben Verlauf ber SüuSfteßung ju 
fdjilbern, toel(E)e Dom 16. Slpril bis jum 7. SDtai gebauert ljot. 

£)er ©ebante h' et io Qrantfurt eine SluSfteßung oon 
SBerfen QühridjS ju oeranftalten, burfte burdj bie gefdjichtliche 
33ebeutung, toeld^e Qrantfurt in ber ©ntwicflung ber neueren 
beutfdjen SJlalerei einnimmt, ganj befonberS berechtigt erfcheinen. 
©orneliuS h°t h^c ben SBeg juerft mit ©rfolg betreten, auf 
bem er grofj Werben faßte: oon 1809—1811 fdjuf er hier bie 
erfte f)ätfte ber ©lätter ju feinem „Qauft" unb gewann ftch ba= 
burdj bie ÜOiöglidjfeit nach ^ om 8 U sieben. Xmid) bie ^Berufung 
ißljtftph 33eitS, feinet QireunbeS unb ©ett offen in SRom, ber mit 
ihm in ber Stanja ©artljolbh gemalt unb ihn in 33ißa ÜDtaffimi 
abgelöft hatte, in bie üDireftion beS ©täbet’fchen ÄunftinftitutS 
unb feiner Sunftfdjule, trat granffurt in bie fReilje ber ^Sßanj= 
ftätten ber neueren beutfchen SDiaterei ein. 33on hier auS h at 
fRethel, nadjbem er bie erften £)üffelborfer ©inbrücfe überWuttben 
hatte, feine grofje Caufbaljn begonnen, hier hat Schwinb gearbeitet 
unb baS SBerf gefchaffen, baS ihm feine Berufung gut SluSmalung 
ber Sßartburg eintrug, hier hot gführidjS ©enoffe unb Qreunb, 
©buarb oon (Steinte feine .fpetmat unb baS 3 en trum feiner 3ßtrf= 
f amt eit gefunben.*) Qm ©täbet’fchen Qnftitut legen bie ÄartonS 
Oon SSeit (bie fieben fetten Qaljre) unb oon Ooerbect (QofepIjS 
33ertauf) gu ben gfreStobilbern ber «Stanja 93artholbh, bie 
erft fürjlich angefauften, jefjt hn 33ibtiothetjimmer aufgehängten 
Kartons oon 33eit jur 3><fe beS ®antejimmerS in ber 33ißa 

*) Sßon ber §anb ©teinleg befanb ftch als 3lo. 1 eine treffliche 331et= 
ftiftjeichnung auS ber 3**t beS Aufenthalte fyüt)rict»8 in 9tom in ber AuS» 
ftellung; wir freuen un8, bafs wir mit Bewilligung beS SünftlerS einen 
wohtgelungenen Sichtbrudf ben ÜJlitgliebern als Anbeuten an bie AitSfteltung 
beilegen fönnen. Sie 3eid)nung oereinigt baS 3ntereffe an bem ©egenftanbe 
ber Darftettung, fffiihrich in feiner wichtigften (£ntmtcflung$epo<f)e, mit bem 
an bem Sarfteller, unferm hochoerehrten SJteifter Steinle. 


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56 


HKaffinti (©jenen auS bem ißarabieS barftetlenb), baS gfreSEo* 
bitb Veits (bie ©infüljrung ber Sänfte burd) baS ©hriftentum), 
baS 0freSEobilb 9tet^elö (ben ©ngel in fnrtenerfheinung, melier 
ben hattet Sülajrintilian auf ber NiartinSmanb rettet, barfteltenb), 
fomie baS grofje Olbilb OberbecfS (bie Neligion in ihrer Offen* 
barung in ben fünften) geugniS hierfür ab: Don fo bietern an* 
beren roaS Ijierljergeijört, fei nur noch auf bie ©teinle’fdjen 
StquareHe ju ben greSEen auf ©hlofe SR^einetf hingemiefen. 

©S burfte jebocE) auch nicf)t überfein merben, bajj feit ber 
Vlütejeit jener Stiftung eine anbre fjerüorgetreten mar, bie fte 
jtoar nid^t oerbrängt f)at — baS ^Berechtigte läfjt ficE) nicht ein* 
fadj Derbrängen —, bie ficE) aber bei bem größeren ^ßubliEuttt 
burdj ben Eräftigeren ©imtenreij energifdjer gfarbenmirEung 
eine breite Stellung erobert Ejat. ®iefe Eotoriftifhe Dichtung 
hat bereite ben £)öhefmnEt ihrer ©infeitigEeit in ber phäno* 
menaten Vegabung SNaEartS für garbenmirEung erreicht, 
©erabe biefeS SflanneS SöerEe höben aber gegeigt, toie rnenig ge* 
haltood bie beforatioe Vehanblung ber garbenreije ift, menn 
fie, ftatt auf bem ©ebiete ber rein beEoratiben Äunft ju bleiben, ficE» 
auf baS ©ebiet ber hiftorifdjen Malerei magt: hier Bann fein 
noch fo übermättigenber f^arbenraufch für ben Mangel an innerer 
Vebeutung, an <Sl>ara€teriftiE entfdjulbigen, jumal menn ihm 
eine fo bebenffidje ©ilfertigEeit ber geichnung jur ©eite geht, 
mie eS bei SJinEart ber gall ift. ©djon barf baher ber ©tyfel 
ber ©infeitigEeit als überftiegen betrachtet unb bie ©rEenntniS 
als ©rrungenfdjaft bezeichnet merben, baft neben bem berechtigten 
©lemente Dollerer Eotoriftifher SöirEung bie geidjnung unb bie 
©haraEteriftiE als in ber 5C^at feljr mefentlidhe Veftanbteile einer 
^unftleiftung angefeljen merben, bie auf mehr als oorübergehen* 
ben ©rfolg rechnen möchte. ®a mar ber entfdjiebene $inmeiS 
auf einen SDleifter ber ßeidjnung unb ber ©haraEteriftiE erften 
SRangeS mohl am ißla^e: er follte nicht nur Eennen gelernt, 
fonbern eS follte auch öon h m gelernt merben, felbftoerftänblich 
in ber Slrt mie Demünftigermeife Don früheren SNeiftern ber 
VilbEunft gelernt mirb — eS Eommt nicht auf Nachahmung, 
fonbern auf Verarbeitung ihrer Vorzüge nah bem ©haraEter 


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57 


will ber SfuffaffungSweife ber eignen ßeit an. £>er (Srfolg 
bat gegeigt, baß in bet Sbat bie SBevtfd^ä^ung be§ ebenso erfinbungS* 
retten tote fortnertfcbönen SWeifterS in bemfelben ©rabe eine 
höhere toar, in toeldjem bie 5tuffaffung^fä^igteit eine burdj* 
gebitbetere, bie greiljeit öon ©cblagtoörtern unb t>on ber §err* 
fd^aft ber SDtobe eine größere toar. 

gfübridb felbft fagt in feiner ©elbftbiograp^ie: „£>et Über* 
fcticf eines SJteifterS in einer 2ftel)rljeit feinet SEBerfe ift unter* 
ridjtenber a(S felbft baS $ö<bfte, toenn eS oereinjeft erfcfeint, in 
toetdjer 33ereinjetung it)m fd)on bie uerftänbigenbe Qjrftärung 
abgeht, bie eS nacf) StücftoartS unb Vorwärts in tebenbige 33er* 
binbung bringt". $n ber 2Ba§rfeit biefeS ©afseS liegt bie 
^Berechtigung beS ©runbcbarafterS unferer SluSfteHung einen 
SJteifter ju geigen, biefen aber mögCic^ft oielfeitig unb fo baß 
feine Gcnttoüftung möglidjft beutlicf) feroorträte. $)amit bat 
ba§ ^»ocbftift einen 2Beg betreten, auf welchem es mit feiner 
ber fonftigen SluSftettungen babier gufammenftöfit, mit bent eS 
nietmebr etgattgenb neben biefe tritt. gugleicb ober bot eS 
bamit ein SJtittel ergriffen, toelcfeS geeignet ift für bie fünft* 
terifcbe ober funfttiebenbe 2Belt eine Anregung unb g-örberung 
gu geben, beten Früchte nad) ©eiten ber Stiftungen wie beS 
33erftänbniffeS fünftlerifcben ©trebenS unb ©cfaffenS toobl nid^t 
auSbleiben toerben. GsS barf baber toobl angenommen toerben, 
bafj baS ^ocbftift biefeS SJZittel praftifd) gur fförberung ber 
fünftlerifcben Qntereffen beigutragen, toeiterbin üerfolgen, bafe 
an biefe SluSfteHung fidb anbere anfäftiefen unb fo eine 9?eibe 
toon fünftlerifcben Sßerfönlidjfeiten in’ibrer (Sigentüntlidjfeit unb 
Bedeutung gu näherer Kenntnis nicht fotool als oietmebr @r* 
femttniS gebraut toerben. 

®ie ffübri^auSfteHung trug nun in ber £bat biefen ©ba* 
rafter, baff fie ben ÜJteifter in feiner gangen ©nttoidflnng fennen 
lehrte. 333er toäre nach ber fanbtäufigen Slnfidft, baff gübricb 
ein einfeitig religiöfer SDtaler fei, nicht t>on ber marfigen Stea* 
liftif einer Steibe feiner frübeften Arbeiten überrafcht getoefen, 
Wie fte burdj bie ßufenbung beS Otei^enberger SÜtufeumS (S'a* 
talog Str. 208—252; 255—257) befannt tourbe? Stoch taflet 


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bet junge Äünftlcr nach bem redeten Sßege; aber burd) alle 
SBerfudje bricht eine eigne SÄuffaffung, eine entfd^tebene fünft* 
lerifc^e $raft. £)a wirb et anfangs bet gwangiger $ a h re mit 
35ürer unb ©orneliuS befannt: „£)aS ©ebet beS Herrn" 

(Ortginalgeidjnungen Katalog 97r. 258—262) unb „Oer wilbe 
^äget" (97r. 261—267) geigten bie Verarbeitung biefet ©inftüffe- 
SBie felbftänbig baS gefchaf), beweift bie föftlidje ^ebergeichnung 
„©ginljarb unb ©mma" (9tr. 6) fowie bie ©gene aus „SDteifter 
9D7artin bet Süfet unb feine ©efeüen" (97t. 3). 35er Zünftler 
geljt 1827 nacf) Italien unb bleibt bort bis 1829. 35a ift eS 
OoerbecfS ©influfe, bet borherrfdjenb wirb: bet Karton gu 
einet ©gene auS ÜEaffo’S ^Befreitem Qerufalem, baS ben Zünftler 
fcf)on früher befc^äftigt §atte (97r. 255), geigt if)n gang in biefer 
Stiftung (97t. 7). 3)iefer ©inftufj bauert noch bie nächfte 3eit 
fort. 3)ieS geigt ber in bet Originalgeidjnung oorljanben 

geWefene ä u $ie<f’S „©cnobeüa" (97r. 8 —22), in meinem 

aujjer Oberbecf and) ©orneliuS unb Veit beutüd) burdhblicfen. 
©einet Hinneigung für ibtyttifdje ©genen im Stammen teigen* 
ber Canbfdjaft, bie ftetS eine bebeutungSüotte Stolle bei i§m 
fpielt, folgt er freiet in ben lieblichen Sßerfen „^afob unb Stahet" 
(97t. 181) unb bem „@ang ber 2)7aria übet baS ©ebirge" (97r. 
180), wäljrenb feine in 97om gewonnene grofje htftotifdje 9tuf<- 
faffungSWeife in bem „Oriumphgug ©hrtfti," ben Q'ü^ric^ felbft 
rabiert f)«t, einen SluSbrucf gewann (97t. 23—33). SJtädjtiger 

Werben beS 907eifterS SBerfe, als et grofee Aufträge für Sfirdjen 

erhielt. 3)a fc^uf er mit erfchütternber Äraft ber Söahrheit 
bie Äreugwegftationen in ber ©t. QohanniSfirdhe in SBien, bie 
oon ^ßetraf geftocfien Worben ftnb (97r. 193—206), unb bie 
StartonS gu greSfen ber 2lltlercf)enfelber Kirche, oon wel* 
chen wir neun im Originale (97r. 44—52), gWei in ^h°l° 5 
graphie (97t- 54 unb 55) fjtet fallen, währenb bie grofje garben* 
ffigge (97r. 53) ben ÜberblidE über baS SlpftSbilb ber Äirdje er* 
möglichte, unb bie herrlichen Vleiftiftgeichnungen (97r. 56 — 64) 
cingetne ©rupfen barauS in bem ootten Steige ber erften ©r* 
finbung geigten. Unter ben ÄartonS gogen aufjet bem jüngften 
©ericht unb bem ©ngelfturg, beffen gewaltige Ceibenfchaft in ber 


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Bewegung an bie größten Vorgänger erinnerte, in erfter Cinie 
bie 6eiben Stpoftelgruppen burd) bie ©djönfjeit ber Äompofition 
unb burd) bie inbiotbuede unb boef» großartige (E^arafteriftif ber 
Sütyfe fofort aller Singen auf fid); aber aud) ber bie ©ebete 
in ©eftalt beg Söeihraudjg ©ott barbringenbe (Engel erregte 
allgemeine ©ehmnberung. 9iac£| SSoHenbung biefer Slufträge 
(1861) wenbete fidj ber Zünftler mit erneuter Straft unb 
0-reube ber in biefer gangen Oftdjtung mit SSorliebe betriebenen 
©djöpfung oon 3h®t en 3 u: ^ er konnte er bie giille feiner 
geftattunggfräftigen iß^antafie in auggiebigfter SBeife lebenbig 
Werben laffen. ®a fdjuf er bie mef)r religiöfen 3bflen, ben 
„SBethlehemitifdjen Sßeg" (9tr. 67—79), „(Er ift auferftanbeu" 
(9tr. 80—94), bie „Sltadjfolge ©Ijrifti" (9tr. 95—100), ben 
„Sßfalter" (9lr. 169—116), Söerfe, in weldjen feine Eraftoolle, 
für ben fwlgfdjnitt befottberg geeignete 3 e id)nung gur ©eltung 
fomrnen tonnte, ©eine üöteifterwerfe in biefer SRidjtung fcf)uf 
er in ben oon religiöfer (Emßfinbung bureftoeften, aber il)rem 
©runbefarafter nad) rein mettfc^lid) fd)ön unb frei empfunbenen 
SBerfen, mie im ,,33ud) tRutlj", Weldjeg oon SRerg geftodjen worben 
ift (Str. 117—123); oon befonberem Qntereffe war eg bie aug 
bem Qaljre 1836 herrüljrenbe ®arftellung einer einzelnen ©jene * 
mit ber entfpredjenben aug biefem 3b^ ug 5 U Dergleichen: 97r. 
281 mit Sßr. 121. Qn ber älteren Stuffaffung erfdjeint nod) 
bie Ooerbed’fdje (Empftnbunggweife, in bem fpäteren 28erf ift fie 
naturwaljr, frei unb groß geworben — ba ift nidjtg mehr, Wag 
an eine überfommene Spanier erinnern Eönnte. Sin biefeg 
Söerf fdjließen Wir ben „^eiligen SBenbelin", beffen oon ber gangen 
Unmittelbarfeit beg fünftlerifdjen ©djaffeng erfüllte Original* 
geidjnungen eine gang befonbere 3i et ‘ 3e unferer SlugfteHung 
bilbeten (97r. 124—136). 93ieHeid)t bag bebeutenbfte SBerf in 
biefer Sftidjtung ift aber ber „Verlorene ©olgi," ad)t 3^id)nungen, 
Welche oon ißetraf in Stupfer geftodjen worben finb (9lr. 101 big 
108). $ier oereinigt ftd) bie fdjöne ntenfdjlidje (Empfinbung 
mit ber S3oHenbung ber 3 e ^ ltun Ö un ^ ^ er ßfjarafteriftif; gu* 
gleich aber geigt ftd) bie unübertreffliche (Ergäljlerfunft in ihrem 
fdjönften Cidjte. £)ie Slngftellung brachte bann außer bem nach bem 

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S;obc beä -äfteifterä erfdfienenen ÜEftarienleben (9tr. 137—164) 
nod) bie te^te 3eid)nung, bie er überhaupt nottftänbig auSgeffihrt 
hat, bie ©jene rote 9ioah bte ©pötter warnt (9tr. 178), unb 
fdjltefjltd) tonnte fie non bem nodj unpublijierten SBerfe „3lu§ 
bent Selten" wenigfteng ein Statt bringen (9tr. 177), wetdjeä 
ben SJteifter auf bent ©ebiete be§ genrehaften 8eben§ geigt unb 
bannt eine neue ©eite feiner Sfjätigfeit enthüllte, auf bereit 
notle Darlegung burd) Seröffenttic^ung be§ 3h^ u 3 mcin ' n 
hohem ©rabe gefpamtt fein barf. Sttit biefen turjen §>inWetfungen 
ift Weber ber ganje 9?eid)tum nod) bie 2Jtanmd)fattigteit be§ 
©(Raffens 3'üt)rtd)3 erfc^bpft — wir muffen bafür auf ben 
Katalog*) oerweifett, ber jebod) ebenfowcnig wie bie 2lu3ftettung 
be§ SJünftlerei Söerfe in iffrer ©efamtfjeit barftetlt. SSoljl aber 
geben beibe bie ,£>auptcpod)cu feinet fünftterifdjen 8eben§ in 
öottfter Margit, fo baff biefer 3 tDec ^/ ^' e ©efarnttjeit feiner 
fünftterifd)en ©ntwicKung jur Slnfdjauung §u bringen, at3 er* 
reicht betrautet Werben barf. 

®te SluäfteHung bat nach nieten ©eiten bin gewirft. ©ie 
ift non über 2000 befugt Worben; barunter ftnb 

über 400 ©tbüter unb ©d)ütertnnen non tjicr unb aufwärts, 
©ie Würbe unterftüfjt burd) ba§ freunblicbe ©ntgegenfommen 
ber ißotptecbnifcben ©efettfdjaft, wetcber ba§ £wd)ftift für bie 
Ucbertaffung be§ ©aaleS §u £>anf oerftid)tet ift. 3113 befonbere 
Gsrfolge bürfett jwei S^^atfac^en nerjeicbnet Werben. Stuffcr 
einigen ftanbjeidjnungen unb einem großen Karton (9tr. 249), 
Welche in ba£ ©igentum non ^unftliebljabern übergegangen ftnb, 
ift bie fdjöne g-eberjeichnung 9tr. 5 (SWtenerwedung ^ßetri), 
fowie bie großen £arton§ bes ©ngete mit bem Sßeihraudjfaff (9tr. 
51) unb bie §Wei Stpoftetgruppen (9tr. 45 unb 48) in ben 
Seftfj be§ ©täbetfcben SunftinftitutS gelangt, ©o nerbteibt tn 
ber granffurter Sunftfammtung ein bauernbeä Slnbenten an 
bie grühridjauäftetlnng beä fwd)ftifte§, ohne Welche biefe frönen 


*) 2er Statalog, tuelrfjer mit feilten brei Stacfjträgen 309 Stummer um* 
fafjt, tann gegen ©infenbung ooit 40 Sßfg. uoit bem Söurcou beä freien 
®cutfd)en .'docfjj'tift? poftfrei bejogen merbeit. 


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SBerEe Wölfl niemals hier erworben worben mären. (Sä Eomrnt 
öaburd) ber grofje Zünftler in ber bleibenben SluSftellung, wo 
er bisher gefehlt batte, jur Vertretung, unb ber Streik ber ner- 
WanbtenSünftler erlangt bort einebebeutungäüoHe ©rgänjung. Die 
zweite S£^atfatf)e ift bie, bafe burd) bie Sunbe non ber ^tefigen 
StuSftettung angeregt, bte Sunftffalle in Düffelborf gleichfalls 
eine SluSftellung non SÖerfen ^tt^rid^S oeranftaltet, roetc^e firfj 
inbeffen auf bie bent Soljne be§ öerftorbenen 2)?eifter3 gehörigen 
Söerfe befchränEt. ©erabe biefe SC^atfac^e ift eine befonberS 
erfreuliche. Die SSirEungen beS ^oclfftifteS möchten einen Weiteren 
Umfang als ben ber (Stabt granEfurt gewinnen, fomie eS felbft 
in ganj Deutfcfflanb feine greunbe, SJiitglieber unb 9Kitarbeiter 
hat. ^)ier ift eine foldfe Anregung eingetreten, Welche oteileicht 
noch au f Weitere Greife fortwirEen wirb.*) 

3utn Schluffe fei nochmals l)i er ollen SluSftellern, in erfter 
Sinie £>errn OuEaS oon gwlfrtch, beffen Vefifc ben Sern ber 
Sammlung gebilbet hot, fowie ben fonftigen Itnterftüfjern ber 
SluäfteHung, bie burcfj perfönlidje Veilfilfe ober unentgeltliche 
U_ebernahme oon Arbeiten ihr ^ntereffe an ben Veftrebungen 
bes’fbocffftifts bewiefen hoben, ber ergebenfte DanE beä 9lEa? 
bemifdfen ©efamt=9lu3fchuffe3 auSgefprodjen. 

hieran fcfjloß f)err Stabtrat Dr. 31 e f d) falS Vorfi^enber 
ber Abteilung SzW einen Vortrag über 

Hie fojiale $eöeutung ber |lranketwer|tihermt$. 

(Der Vortragenbe Enüpfte an ein bem fmdfftift burd) £>errn 
Sonful 9D?urphh w ^omburg o. b. gefd)enEteS.höd)ft interef= 
fanteS SBerE an: 

. Proceedings of the tenth annual national Conference of 
charities and corrections held,at Louisville, Ky. 
Sept. 24—30. 1883. 

*) SEBir tonnen nachträglich ijittjufügen, bah bie SBaterftabt tfübricbS, 
Ärayau, bie SSJerte jur Slusftellung erbeten unb fotoeit fie §crru £. oon 
fjütlrid) gebären auch erholten bot: bie bortige Slusftellung, welche brieflich 
„als eine Frucht ber ^ronffurter SftuSftetlung" bejeidmetjroirb, finbet im 
Sluguft b. 3. ftatt. 


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62 


£)a3 28er! fet bem $odjftift erft bor Burgern zugegangen 
unb ber fogtattoiffenfd^afttid^en Abteilung überwiefen worben, 
bie ftd) genauere ©eric^terftattung über ben reichen Qnljatt be3= 
fetben borbehalte. ©8 biete eine QüHe beS intereffanteften 
SOfaterialS jur Kenntnis beS 3 u ftcmbeö ber öffentlichen unb 
ber pribatcn Armenpflege in allen ihren gu^gen fowie beS 
©efängniSWefenS in ben ^Bereinigten (Staaten. 

Qhw, bem 33ortragenben, fei aber bei £)urcfjfid)t ber auf 
bie Armenpflege bezüglichen Referate inSbefonbere bie grojje 
SBidjtigleit aufgefallen, bie'man bort ben Anftalten zur 93e= 
fdhäftigung ArbeitSlofer fdjente, ein &er Armenpflege, 

ber bei mtS wenigftenS berzeit burchauS hinter ben auf £>urd)= 
füljrung ber Sfranfenberfidjerung, Unfallberficherung u. f. m. 
gerichteten Seftrebungen jurücttrete. @3 taffe [ich erflären, baff 
festere fragen in einem Canbe, in bem buxcf|fdE)mttlic£) wohl 
höhere Arbeitslöhne feien, als bei uit8, geringere Beachtung 
fänben, ba bie hörten Arbeitslöhne bie Selbftberfidjerung eher 
ermöglichten. Aber eS rege bie ffrage an, in wie meit bie bet 
unS wohl Z uer f* burdjgeführte zwangSwetfe ®ranfenberficherung 
überhaupt geeignet fei, bie Urfadjen ber Verarmung zu ber* 
ringern. 

Qnbem Stebner fobann bemerfte, baß er fi«h Wegen ber 
twrgerücften gcit nur 9 an ü furz faffen fönne, führte er auS, 
baß bie ^ranfenberfidjerung inSbefonbere infofern einen roefent¬ 
liehen ^ortfd^ritt in ber Armenpflege barfteHe, als bisher bie 
Unterbrechung ber ArbeitSfäljigfeit burd) Äranfheit tebiglich als 
ein zufälliger unglücflidjer Umftanb betrachtet worben fei, 
ber, gerabe Weil er nur auS zufälligen Urfadjen Ijerborgegangen 
fei, auch 23ead)tung feitenS ber ©efefjgebung nicht gefunben 
habe, beffen Behebung bietmehr tebiglich ber sßribatwohltljätigleit 
übertaffen Worben fei. 

®urcf) ©nrichtuug ber ztoangSWeifen Äranlenberfi^erung 
fei im ©egenteil anerfannt, bafj bie ©rfranfung, infofern fie 
Verarmung herbeiführe, eine fozialeUrfadje ber Verarmung 
barftelle. gnbem nämlich Coljnbilbung beherrfchenbett 

bol!Swirtf<haftlichen ©efe£e eS bem einzelnen Arbeiter regele 


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63 


mäfjig nidjt ertaubten, ©rfparniffe §u machen, bie Ijinreictjten, 
iljn mäljrenb ber burdj ©rfranfuttg Ijerbeigefüljrten Unter» 
bredjungen feiner ©rmerbgtfyätigleit ju ermatten, ermarfjfe für 
ben (Staat, beffen ©eftattung auf btefen üotf§mirtfdjaftlicljen 
©efefjen beruhe, bte 23erpfticf)tung, ju ©unften berer einju» 
ffreiten, bte burdj bte Uttgunft btefer ©efe^e betroffen mürben. 
So ftette ba3 ®ranfenDerftdjerung3gefe§ einen erften Stritt 
auf einer Saljn bar, bie gerabe in einem Canbe mit üerljältnis» 
mafjig nieberen 2lrbeit§töljnen unb großem Angebot üon Slrbeitä» 
fräften ber Staat atterbingä getjen müffe. 

Qn berfetben Si|ung erfolgten jmei priüate ÜDlitteilungen, 
bie eine üon £jerrn l)r. 9t. ^ßt) it ipp f o n, meiner einen Über» 
btitf über ben reifen Qntjatt be§ testen Sanöe§ be§ ©oetlje» 
Qafjrbudfeä (YI) gab: biefer Sortrag ift abgebrutft ®iba^talia 1885, 
9tr. 128 unb 129 am 4. unb 5. Quni; bie anbere üon Dr. 0. £>ott= 
Ijof, melier eine in ber üon iljm Ijerauägegebenen „kleinen 
ßtjroniE" 1885 9tr. 42 gemachte gufammenftetlung über bie 
©eneatogie ber © oetfje’3 mit einigen ©rgängungen üor» 
legte unb burdf eine geneatogifdje Safe! erläuterte. 

3. ®ie $uüuretittuirfiluttg ^übitalieits. 

2tm 27. 93tai beljanbette £>err Dr. ©otljein au§ &’arle>= 
rupe biefeS reiche Sterna etma mie folgt: 

©ine munberbare Sütannidljfattigfeit ber Staturfjenen rnect)» 
felnb jmifdjen £>od)gebirge, Steppe, üppiger 50teereSfüfte jeidptet 
Sübitalien aus. $t)r entfpricfjt bie 9D?annict)fattigEeit ber 93e= 
•gabung, ber Sitte bei ben SolfSftämmen, bie bieS 8anb bemolfnen. 
^r entfpridljt aucf) bie mecfpetüotte politifdlfe unb £utturgefdfjict|te 
berfetben. ©riechen unb 9tömer, Spjantiner unb Cangobarben, 
Sarazenen unb Normannen, ®eutfd)e, granjofen unb Spanier 
Ijaben fidj nadjeinanber biefe§ fcE)ötte 8anb ftreitig gemalt, unb 
üon allen SötEermogen, bie über betreibe tjingegangeit, ftnb audj 
Spuren jurücEgeblieben. 

£>ie früffefte Sutturepocfje, bie ofEifd)=griec£)ifdje, mar faft bie 
rjlücEtidjfte. SBolfttjabenbc dauern unb ^ocf»gebifbete Sürger — 


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64 


jmei ftammfrembe 33ölfer freiticf) — fteljen nebetieinanber. Unter 
römifrf)er £>errfd|aft oerfntlt ber Sßo^tftanb beS GanboolfeS, — 
nur Don furchtbaren ©JtaDenaufftänben meife bie fojiate ©efchicffte 
hier §u erjählen, — unb Derfdjttnnbet baS ©riechentum aufser 
an feinen jrnei ^auptfmnEten, Darent unb Neapel. Slber unter 
ber fonft fo unprobuittoen £>errfd)aft ber 33t)5antiner tritt eS 
gteid) einer ^atberlofebenen ©dfrift mieber hetDor, unb ift feit= 
bem, roenigftenS in Kalabrien nie ganj üerfcf)munben. Dem 
Gangobarben finb feine ©egner an ber©eeEüfte fcf)tecf)ttt)eg ©riechen. 

9tafd) fanb fidj baS gerntanifchc 33olE in biefent Ganbe jure^t; 
halb betrachtete eS baSfetbe als feine Heimat, unb bie ©riechen 
gatten ihm als ©inbringlinge. ©age unb Stecht entmidelten fich 
hier, mo fidf tangobarbifdhe ©errfrfjaft noch lange erhielt, nacf)= 
bem fie in SXJorbitalien fdfon ben grantert unterlegen mar, frei 
unb fröhlich- Die 9Dtärd)en, mie fie in ben Slbru^en er^ätjtt 
merben, finb im Don mie in faft allen ©injefheiten ben beutfdjen 
auf§ nächfte Dermanbt, näher als bie irgettb eines anbern roma= 
nifdhen 23olEeS. 

Qahrhunberte tang btieben bie Gangobarben in ©übitalien 
noch fjeibeit. Die chrifttichen ^eitigenlegenben fchilbern fie unS, 
mie fie in frommer ©djeu ben ©tätten ber SBeiSfagung nahen 
unb in heiligen Rainen bem SBobait bienen. 2llS fie ©hriften 
mürben, ertoren fte fich QUg bem Greife heiliger ©eftalten ben 
friegerifchen ©ringet SOtichael als ©chü^er, als SBolESheiligen. 
S3ei ihnen entftanb feine fettfame Gegenbe, unb entmidette fich 
fein SuttuS, ber bann feinen Sauf burdj gaitj ©urofja nahm. 
2ttS Donnergott glaubten fie ihn Don feiner felbftgebauten ©rotten= 
mohnung am SBtonte ©argatto ihren ©(haaren Dorfihmeben, ben 
geinben ©ihreden einjagen §u felfen. 

SBährenb fie als freie dauern lebten, brängte fidh in ben 
griechifdjen ©täbten baS bürgerliche Geben immer enger pfammett, 
unb entfaltete fiih inmitten ber SBebrängniffe, bie burdj bie Statur 
mie burd) bie ©ara§enen unb Gangobarben bereitet mürben, aufs 
Eräftigfte. $n ber SSifchofSchronif Don Steapel befi^en mir bie 
erfte eigentliche ©tabtdfroniE. SllteS mirb auf biefe ©tabt mie 
auf ein lebenbigeS SGefen bezogen, felbft mettn Don ben ^eiligen 


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65 


ergäbt rnirb, gilt e§ a(3 befonberer Stuljm berfelöen ©blpte biefcr 
©tabt getoefen gu fein. 

©nett biefer ^eiligen erlaä man ftd) gum befonberen 
©cljü^er, ©. ^anuariu§, uttb toeil feine Cegenbe gang bürfttg 
mar, untfpann man fie mit allerlei ©chlingmerf, ba3 im Cauf 
ber $ahrf)unberte immer üppiger mudjerte. ©r ift baS Mufter 
eines ©tabt^eiiigen, mie fte nur Italien fennt, beffen einzige 
Stuf gäbe ift, im ^jimmel für feine irbifcpen Mitbürger bie 93er* 
tretung gu übernehmen, ben biefe eiferfüdjtig auf feinen ©d)u§ 
mit feinem g rem ^ en teiten motten. Slber aucf) bie iBebroljung, 
fobatb er nidjt h^fen mitt, h öt ©tatt. 

93eibe habembe Stationen, ©riechen unb Cangobarbett, fielen, 
nacfjbem fie furchtbar burd) bie faragentfd)cn 93ermüftungen ge* 
litten hatten, ben Stormannen gur SBeute. ©rft biefe fc^ufen auS 
ben gerftreutcn ißroüingcn einen ©taat, ein ^eerfönigtum, in 
bent an bie ©efolgöntäntter be§ gül)rer3 als 8ef)enleute bad 
Cartb oerteilt mar. ©übitalien mar in ber $reuggug3geit, in 
ber fte bie mid)tigfte Stolle fpietten, faft ber herüorragenbfte 93efiij 
be§ normannifchen SlbeuteureroolfeS. ©eine bebeutenbften ffüljrer 
Stöbert ©utsfarb, ütanfreb, Sönig Stöger haben hier gel)errfd)t. 
Die ritterliche Gilbung, bie fie fiep mit befonberem ©ifer an* 
geeignet unb bie fie burd) gang ©uropa oerbreiteten, trugen fie 
auch «ach ©übitalien; bie beften ©tücfe ihrer Kultur haben fie 
aber ihren bitterften ffeinben, ben ©aragenen, entlehnt. 

Der oerfeinert orientalifdje CebenSqenuf) reigte fte, unb 
ebenfo bie Sunft, meld)e jenem biente. SBidjtiger marb bie 
rationelle 93etrad)tung unb S3d)anblung be§ CebenS für fie, bie 
fie oon ben Sirabern lernten. Slue bent §eerfönigtum mürbe 
halb eine mit ben Machtmitteln orientalifd)er Despotien ge* 
ftü^te Monarchie; au3 ben gläubigen Sfreugfaprern mürben 
aufgeflärte ©feptifer. 

9113 nun bie .fjoheuftaufeit bie ©rbfdfaft ber Stormantten 
antraten, marb e3 oon meltgefd)ichtlid)er 93ebeutung, baf biefe§ 
©taatämefen unb biefe Kultur in einen unocrföhnlicben ©egen* 
fa§ trat gu bem fird)lid)*feuba[en ©pftem, ba3 im übrigen ©uropa 
herrfchte. ^n bem ©yiftengfampf ber ^pohenftaufen entfalteten 


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ftcf) crft recpt alle Talente be3 genialen ©efcp[etpt3, aber ipr 
Sßirfen blieb boep oergeben3. 9113 beften ©ernimt napm au3 
jener bentmürbigen 3^1 Qtalien bie 9lu3bilbuttg feinet 33olt3* 
bialefte3 jur (Sdpriftfpracpe in bie ttäcpfte ©poepe phtüber. 

£)ie ©teger, bie franjöftfdpen 9lnjou3, geftalteten mieberunt 
(Sübitalien naep norbifepent S0?ufter um. Neapel mürbe mieber 
gattj unb gar feubal, unb ber alte (Stabtabel ber fmuptftabt 
marb 23eamtenabel, eine noblesse de robe. £)a jeboep ba3 
$eimatlanb ber 9lnjou3, bie Sßrooence, bamat3 näcpft Italien 
ba3 ^öd^ftgebilbete unb für ganj Europa tonangebenbe Canb 
mar, litt ba3 Stönigreidj Neapel in geiftiger Sejiepung nidpt, 
mäprenb (Sizilien, ba3 fid) in ber fijilianifcpen 33e3per to3rif$, 
feitbem eine ifolierte ^ßrobinj opne redeten 3 u f°mmenpattg mit 
bem ©eifte3leben be3 übrigen Qtalien3 marb. 9lHe ißraept manbten 
bie 9lnjou3 namentlich auf ipre ^auptftabt Neapel. ®iefe3 erhielt 
bamal§ burep ipre ®ome, Stlofterfircpen unb ©rabmäler feinen 
bleibenben S'nnftcparatter. 

Qebod) nur bie Regierung ber brei erften 9lnjou3 mar eine 
5Bfüte§eit; unter ben fpöteren verfiel ber CepenSftaat in fürcpter= 
lidpen Stampfen. Unb ba an ber ©pipe ber Parteien bie ©eiten* 
linien be3 töniglicpen $aufe3 ftanben, erpielten biefe Kämpfe 
gteidp ben englifdpen ber meifjen unb ber roten 9tofe ben tragifdpen 
©parafter be3 ^amiliert§tt>ifte§. 

Qm 3erfaff aller Orbnung erpoben fiep nur bie milben, 
gan§ auf fidp geftellten Naturen, bie ^onbottieren. @3 finb 
bie befferen ipre3 ©tanbe3, bie Unteritalien peroorgebradpt pat. 
©injelne unter ipnen leben noep in ber (Sage fort. 

’äJterfmürbig aber bleibt öor WUem, baff ftdp bamal3 in 
bem feubalen Neapel ein Qreiftaat ganj in ber 9lrt toStanifcper 
Stepubliten erpeben tonnte. @3 gefepap bie3 in ben Slbruggen. 
®ort patte fidp in ber lebten ^fopenftaufenjeit bie jerftreute 
bäuerliche 33eoöfterung meprfadp ju ftäbtifepen ülnfiebetungen 
oereinigt, beren blüpenbfte halb ba3 ftopje 9lquila mürbe. Sine 
fefte ©ibgenoffenfdpaft fcplofs gegen 100 ©emeinben jufantmen, 
beren gemeinfcpaftlicpe fefte 93urg bie Ütbterftabt in ber 9Kitte 
be§ erpabenften ©erggirfuS ber ^albinfel mar. Qn biefer felbft 


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Blühten bie ©emerbe, jumal btc SSottentoeberet, beten Sttaterial 
bie großen beerben beg ©ebrrggtanbeg lieferten, bemnädjft bie 
Färberei, beten foftbarfter (Stoff, bet ©affran, allerortg bafelBft 
auf ben Reibern gebaut ttrnrbe unb nod) mirb. ©alb folgten 
bie fünfte nach, unb eg geigte ftd) auch in Untetitalien, baf$ 
biefeiben überall eine originelle ©tüte erteilen föntten, too 
fie auf bet ©runblage bürgerlicher Freiheit fpr offen, müljrenb 
Bag übrige Königreich, mo biefe Cebettgbebhtgung fehlte, toenig= 
fteng in biefent einen ©unft jurücf blieb. freilich geigt bie ®e* 
fdjtdhte bief er Slbruj^enrefjublifen auch ebenfo oiel ©arteijmifte, 
Blutige Sragöbien, unnü^e Krafttiergeubung toie bei ben anbem 
Seinen italienifchen greiftaaten. $)afj ein freiheitgftoljeg ©auern= 
tum neben einem nicht minber Saftigen ©ürgertum einherging, 
' macht biefe Kämpfe noch befonberg heftig- ®ann erfdjienen bie 
©ujjprebiger, um bie tierftoeften ©eeten ju rühren; unb bie 
beiben testen tion europäif^er SBirffamfeit haben ^ier tiornehnt* 
lidh gemirft. £>er ^eilige ©ernharbin hat hier fein geben be= 
fdjloffen unb über feinem ©rabe erheben fidf bie ftotgeften Kunft» 
inerte beg inneren ©übitalien; unb Qohamteg ©apiftrano, ber 
le^te Kreujjuggprebiger, an ben bie (Erinnerung auch h>et in 
granffurt eineg ber hiftorifdjett Reifen im £)om feft^ält, mar 
ein echter ©olfn ber Slbru^ett, groß gemorben in ben Kämpfen 
feiner £>eimat. 

Unterbefj mar bag übrige Königreich, jumal bie 9ReidjS 5 
hauptftabt Neapel in golge ber ©ürgerfriege um ein halbeg 
Qahrhunbert hinter bem übrigen Italien jurütfgeblieben unb 
gerabe in berjenigen ©poche, in melche bie ©ntmicfelung ber 
SRenaiffancefultur, beg ^mmanigmug fällt. 2lud) fchienen hier 
bie ©erhältniffe allgu mittelalterlich=feubat gefärbt, atg baff jene 
einen recht gebei^tic^en ©oben hätte finben fönnen. 

©g mar junächft ein einzelner SOiann, bagu ein Sluglänber, 
ber fich in ben ©efi| beg ganbeg gefegt, ber König Sllfonfo 
tion Slragon, ber bet leibenfdhafSicher Steigung für bie mobente 
Kultur biefelbe gleichfam für feinen ©auggebraud) einführte. 
9ln ihm unb feinem £>ofe fanben juerft bie öumaniften ein 
banfbareg ©ttblifum. 9?adjbem fie hier feften gttfj gefaxt, ge= 


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wannen fte auch ©inftufj bet ben Baronen, bei ben faft unab* 
gängigen, ben attbem fleinen italienifdjen dürften oergleicfibarett 
8ef)enSleuten ber $rone, unb bet bent ©tabtabel öon Neapel, 
ber als Beamtenabel bie Berwaltung beS NeidjS in ^ünbett 
fjiett, unb aujjerbent mafsgebenb für bie ©efeöigfeit war. Neapel 
ift ein ©ebiet, baS ftd) ber £mmaniSmuS burdj eigene 9ln= 
ftrengung erobert Etat. deshalb ift auch feine $raft unb 
©igenart faunt an irgenb einem fünfte beffer ju beobachten 
als ^ier. 

©in fpoftnamt mit Ijumaniftifdjer Bilbung, nicpt ein tiefer 
©elefjrter, aber ein fluger, leichtlebiger ©efettfdjafter unb 
SNenfchen = Beobachter, SlntoniuS $ßanormita, war ber erfte 
Präger ber neuen Bilbung, bie Ijier ganz ^eimifd) würbe. Bon 
feinen eleganten, aber Ijöclfft fdjlüpfrigen Berfen bürfen wir 
abfeljen; für Neapel ift er merfwürbiger burd) baS Sßertdjen 
über Sfjaten unb 2luSfptüd)e beS Königs Sllfonfo, baS in nad)= 
läffig=anmutiger SLÖeife bte für biefen Ntufterfönig ber Nenaiffance 
charafteriftifdjen 3 ü 9 e nu eittanber reiljt. 

Ü)er ÄreiS geiftreicher SNänner, ber ftcfi fcf)on um SlntoniuS 
gefdjaart potte unb in ber humorvollen Betrachtung beS biel= 
geftaltigen unb tmberfprud)§tiollen Neapolitaner CebenS feine 
8ieblingSbef<häftigung fanb, f(paarte ftcf) fpäterlfin um QotiianuS 
^ßontanuS, einen ber bebeutenbften Nienfdjen, bie bie Nenaiffance 
herüorgebradjt hot. SBährenb er als raftlofer Diplomat unb als 
erfter SNinifter beS Königs bie ©efdjide beS 8anbeS lenfte, 
glänzte er als ber oielfeitigfte unb am meiften bewunberte 
dichter feiner geit, ausgezeichnet ebenfo in ber geiftreid^en 
©chilberuttg beS bewegten CebenS wie in finniger Berherrlidjung 
ber füblichen Natur, in beren poetifcper Sßiebergabe er nur 
noch kurd) feinen jüngeren greunb ©annajaro übertroffen Würbe. 
2llS sp^tlofop»^ Slriftotelifer, berfchmäljte er es hoch, baS leere 
Stroh ber logifdhen unb metapppfifchen ©driften, wie man 
biSper immer allein getpan, zu brefcpen; er wanbte fiep mit 
Borliebe ben etpifepen SBerlen beS ÜNeifterS ju, an benen ipn 
befonberS ber reiche CebenSinpalt anzog. Unb wenn auch feine 
eigene ©pefulation ber ü£iefe entbehrt, fo ftnb unS feine Schriften 


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bodj als Verfud), eine S^eorte beS ganjen 8e6enS unb ®enfenS 
ber Stenaiffance ju geben, unfdjä$6ar. 

2öie als ®id)ter Don ©annajaro, fo nmtbe Montan als 
£)iftorifer non üJriftan ©araccioli übertroffen, einem ebel* 
benfenben Spanne, ber mit ber fyeber unb ber ©efinnung eines 
SacituS bie loechfelnben ©djttffale ber Velferrfcher unb ber 
©rofjen feiner Heimat befdjrieb. ©erabe als bie iRenaiffance 
fid) erft recl)t in ©übitalien ^eimifrf) gemalt hatte, als fie audj 
baS 8eben umjugeftalten begann, rnarb Neapel feine Unabhängig* 
feit burdf) bie fpanifdje ^errfd^aft geraubt. £>iefe hat halb alle 
jene hoffnungsreichen Keime gefnidft, fie hat binnen Kurzem 
baS Volf in eine abergläubifche, geftaltlofe, gährenbe 3Raffe Der* 
ttmnbelt, tt»ie eS uns auS ber ©efdhidjte beS 2RafanieKo*9tuf* 
ftanbeS befannt ift. Slber auch in biefem Verfalle geigt ftdh bie 
abelnbe Kraft, meldje bie 33ilbung befi^t. SBenigftenS bem mo* 
bemen italienifchen Kulturleben ging SReapet nie mieber Derloren. 
gaft alle bebeutenbften miffenfchaftlichen Genfer QtalienS in ben 
nädhften jwei ^ahrhunberten gehören bem ©üben an: ©iorbano 
Vruno unb Setefio, ber erfte grofje mobertte ißhtfofopl) unb ber 
erfte Sheoretifer ber empirifchen SRaturloiffenfdhaft, ©iambattifta 
Sßico, ber grofje ©efchidjtSphilofoph/ unb 0-ilangieri, ber ebte 
grrcmtb ©oetlfeS unb tiefbenfenbe ©taatSredhtSleljrer. ©rft bie 
greolerherrfchaft ber testen Vourbonen hat biefe Vlüte einer 
geiftreic£»en, hodhftrebenben ©efettfcijaft roh gefnidft. Slber biefe 
le^te Vergangenheit, mie feine ganje frühere ©efdhidjte raeift 
bem oielgefdjoltenen Volfe beS fdjönen SanbeS bi.e SRaljnung 
§u, bafj ber 0fortfdjritt ber Kultur auf gtoei Pfeilern ruht: 
auf entfagenber ülrbeit unb befreienber ©eifteSbilbung. 


IV. Schratt. 

Veridjt beS AGA an bie ^auptoerfammlung 
14. Quni 1885. 

Vei ber nach ©a($ 40 9lbfa£ 3 Dom Stfabemifdjen ©efamt* 
auSfchufj (AGA) ju madjenben SluffteHung eines CeljrplaneS 
ift ber allgemeine uitb ber fpegteUe 8ef)rp(an gu unterfcheibert. 


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CD er erftere oerfudjt bie SEBege $u jetgcn, auf hielten bie 33or= 
fdjriften ber ©afcungen ftdj erfüllen laffen, ber jweite wirb be= 
bingt burcf) bie nicht in unferer ÜJtacfjt fte^enben äußeren 35er* 
hältniffe. 3u biefett leiteten gehört tti erfter Cinie bte $ö^e 
ber un8 bewilligten ©elbmittel: biefe bitben für Stuäführung 
ber Senbenjen beö allgemeinen 8ehrplane$ bte unü6erfteig= 
litten ©renjen, innerhalb Welcher ber AGA ftdE) ju bewegen 
hat, wenn eö ftdj um 35erwirfli<hung beö attgemeinen 8eljr= 
plane« ^anbelt. Steifen bie SDtittel ju üotter 3SerwirElicbung 
ber 35orfdjriften ber ©afcungen nid)t auö, fo mufs eine 33efchränfung 
ein treten, bie feföftDerftänblidj nicht al§ ein 35erftofj gegen bie 
©afcungen aufgefafet werben Eann: bie (Soßungen geben bie 
ßiele, aber nicht bie üftittel. Qn jweiter Cinte ftnb wir burcfj 
bie jur Verfügung ftefjenben ^ßerfonen 6efcf)ränEt. 2öir ftnb an* 
gewiefen auf Scanner in grantfurt unb ber näheren Umgegenb: 
jebeS 333eitergreifert erhöht mit ber ©djwierigfeit bie Soften für 
bie Cciftung fowoljl Wie für bie Steife unb §war fo feljr, baf wir 
für ein regelmäßige^ ^eranjie^ett entfernt Wo^nenber Celjrfräfte 
Dott oorn^erein abfeljen müffen. $ft un§ fomit eine 33egrenj* 
ung auferlegt, Welche bie ©dbwierigteit bei ber Söaljl ber Schemata 
bebeutenb erhöht, ba biefe Don ben jur Verfügung fte^enben 8ef)r* 
fräften abfjängt, fo ift fetbft auf biefem engeren ©ebiete ein 
^Beginn unferer CD^ätigfeit unmöglich, fo lange wir nicht ber 
jur Verfügung fteljenben SDtittel firfjer ftnb. (Srft wenn bieSbet 
gatt ift, tönnen wir wiffen, wie Weit Wir in ber 30tanni(f)fattig= 
feit ber ©egenftänbe geben tönnen, bei beren Üluöwaht ba3 Stot* 
wenbigfte in ben 35orbergrunb geftettt werben muß, unb bann 
erft tönnen wir unter 33erücffidbtigung ber Don ben einzelnen 
Slbteilungen etnjubolenben 33orfct)[äge mit einzelnen ißerföntich* 
Eeiten in Unterfjanblung treten. £)a3 ©rgebniS biefer Unter* 
Ijanbtungen auf ©runb ber un3 gewährten SJtittel unb unter 
©inhaltung ber unö baburd) geftecften ©renjen ift ber fpejietle 
Sehrplan für bie laufenbe Ce^rjeit. ®aß jeßt, beoor biefe äftittel 
gewährt finb, beoor wir wiffen, weld)e £>ölje fie erreichen, ein 
foldjer fpejietter Cefjrplan überhaupt fidh nid)t aufftetten lägt, 
Wenn man mehr als leeret ^ßh anl:a P ett)er ^ geben Witt, liegt auf 


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bet |janb. 2Sie er aber aud) auSfaHen möge, er roirb ft cf) immer 
innerhalb beö 9tal)men3 eines allgemeinen 8ef)rplaneS f)altm 
müffett, meiner bie giele aufjuftellen fjat, bereit ©rftrebung als 
Aufgabe beS £>od)ftifteS in Befolgung feiner ©a|ungen ju be= 
trauten ift. 

3Me ©afjungen ftecfen biefe 3iele f e Vr V oc *)- ®nS §ocf)= 
ftift foH „eine freie |)ocf)fd)ule für Ijöljere ©efamtbilbung bar= 
fteHen" (©a£ 3). SDiefe „freie ^pocfjfcVule" fotit gebilbet merben 
in attererfter öinie „burd) Beranftaltung non Borlefungen unb- 
Ce^rgängen" (©. 4 A). Ü)ie Borlefungen finb ©injeloorträge, 
beren feber für ft cf) ein ©anjeS bilbet: fie finb für bie monat= 
lidjen ©jungen ©onntagS Vormittag beftimmt unb foffen 
mef)r unb mef)t auS ben Arbeiten ber einzelnen a!abemifd)en 
Stbteifungen Verborgenen, namentlich aber aud) unferen auS* 
märtigen 2Witgfiebern ©elegenl)eit jur Beteiligung an unfern 
Sfrbeiten geben. £>ie 8ef)rgänge bagegen ftnb S'urfe, metdje 
erft burd) ü)ren 3 u fantmett^ottg ein ©anjeS barftetfen. . 2Bir 
haben cS bei Slufftetten eines allgemeinen 8ef)rplaneS nur mit 
biefen leiteten §u tfjun, meit fie allein eine ft)ftematifd)e Be= 
fjanbtung ber bem £md)ftift geftellten Aufgabe ermöglid)ett. 
®iefe 8ef)rgänge follen „tiornehmlid) ©egenftänbe auS ben ©e= 
bieten ber ©efcf)id)te, Citeratur, Sunft, ^ß^ilofop^te, BolfS* 
mirtfcfjaft unb allgemeinen 9taturmiffenfd)aften umfaffen" (©.. 
4 A). £>urd) baS „üomehmtid)" ift auSbrüdtid) gefagt, bafj 
aud) anbere ©ebiete mit V^reingejogen merben Eörtnen; eS ift 
aber nid)t gefagt, bafj jebeSmal ©egenftänbe auS allen biefen 
©ebieten befjanbelt merben müffett: ob bieS gefd^e^en Eann, 
mirb nid^t burd) Borfdjrift ber ©afcungen, fonbern burd) bie 
öorhanbenen SDtittel bebingt; eS mirb unb mufj alfo freiftehen 
einerfeits aud) anbere ©ebiete -$u befjanbeln, anbererfeitS aber 
eine 9luSmaf)l unter ben I)kr genannten ©ebieten ju treffen, 
je nadjbem bie ©elbmittel unb bie ^ßerföntid)Eeiten jur Ber* 
fügung ftefjen unb je nad)bem fid) für baS eine ober baS anbere 
©ebiet ein größeres BebürfniS ergiebt. Unb in ber £l)at f)at 
bie ^auptoerfanmtlung im lebten SBinter auf 9(ittrag beS 9lfa= 
bemifd)en 9luSfd)ttffeS auf bas ©ebiet ber 9taturmiffenfd)aften 


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berjidjtet, »eil bie befdferänften Sftittel ed nicfet rättidf erfdjeinen 
liefeen ein non anbrer (Seite in granffurt bereite betjanbelted 
©ebiet gteidjfaßd gu bearbeiten, »äferenb bie £»ier bon feiner 
anberen Seite befjanbetten ©ebiete fid) atä not»etibiger ergaben. 
(Demtocfj foßen in ben aßgemeinen Ce§rplan aße tjier als „bor= 
nefemtid)" ju befeanbelnben ©ebiete tfereingejogen »erben: e§ 
»irb bann bei ber SBtuffteflung be§ fpejießen Cet)rplane3 bie 
Slufgabe eingefeenber Prüfung fein, in »ie»eit bie ülbfidjten be§ 
aßgemeinen CetjrptaneS im einzelnen gaße jur Xf)atfad)e »erben 
fiinnen. 

SSettn ba§ fpocfeftift eine „freie fpocfefcfeute für tföfeere 
©efamtbitbung" fein foß, fo ift bamit ein fdjarfer Unterfdjieb 
bon ben Uniberfitäten gegeben. £>tefe foßen, unter §lufredf|t* 
ertyaltung beä fdjliefelicfeen gufatnntenfyangeg aßer Söiffenfcfeaften, 
für jebe einjeine SBiffenfdjaft bod) eine g-adjfcfeute fein, auf 
»eitler fotcf)c Sftänner gebilbet »erben, »elcfee eben biefe einzelne 
Söiffe.nfdjaft fadjmäfeig, fei e§ praftifd), fei e§ tfeeoretifcf), betreiben 
»oßen. ©ine „freie fmdjfdjute für ©efamtbitbung" fcf)tiefet 
aber boit bornlferein bie gfadjbitbung al§ 3^ au§ / fe e ü)iß 
bietntetjr bie bon ber $ad)bitbung in f^otge iferer naturgemäfeen 
unb not»enbigen ©infeitigfeit fpejiatifierte Vilbung $u einer 
©efamtbitbung er»eitern unb baburd) eben jened 33e»ufetfein 
bed inneren unb not»enbigen ßufammen^attgeä aßer ©injet* 
Bßbungen erhalten unb pftegen, »etcfeeS bad d)arafteriftifd)fte 
Sfterfmat einer »irftidjen ©efamtbitbung ift, »enn biefe nidjt 
ein fc^öneö SBort bleiben unb ein £)etfmantet für ®i(ettanttdmu§ 
»erben foß. 

9Jfit biefer Stiftung auf ©efamtbitbung unb 2lu3fd)ßefeung 
ber gfadfjbitbung ift aber audj ber ©tjarafter ber Cetjrgänge ge* 
geben. Sie foßen nicfet ein SBiffendgebiet unterfudjenb unb 
forfdjenb mit ber Ülbficfet befjanbetn, ben £>örer jur SBeiterforfdjung 
anjuteiten, atfo aucfe nidijt eine Vorbereitung für fünftigen 
Uniüerfitätgbefudj bitben, »omit in bie gadjbilbung übergegriffen 
»ürbe, fonbern fie foßen auf ©runb »iffenfdfafttidier gorfcfeung 
unb Veljerrfdjung be§ ©ebieted bie ©rgebniffe ber betreffenben 
SBiffenfdjaft fafelidj unb gefcfemacföoß borführen, fo bafe ber auf 


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tiefem ©ebiete nicht fachtnäfeig ©ebitbete einen Überbtid über 
ten @tcmb unb bie allgemeinen ©rgebniffe ber bctreffenben 
3 öiffenfd)aft geminnt. ©§ fott babei aber ntcf|t bogmatifcf) öer= 
fahren, fonbern ein ©inbtid in bie tiefe befonberen 2 öiffertfcf»aften 
bemegenben fragen unb bie 33erfucf)e ihrer Göfungen ermöglicht 
merben, fo bafj bie befonbere SEÖiffenfd^oft atö (ebenbig fort= 
arbeitenbe SBraft, nicht at§ abgefdjtoffener Sobey bogmenge» 
morbener Gehrfäfce erfcheint. 3 U tiefem ßmed ift eä nicht 
nötig, bafj eine befonbere Söiffenfdjaft in ununterbrochenem 3 u= 
fantmenhange üon Anfang bi§ §u ©nbe ihrer ©ntmtdefung in 
hiftorifchgenetifcher SQSeife behanbelt merbe; eS mirb fidf oielmehr 
empfehlen, einzelne ©ebiete herauäjugreifeu unb attmöfjtich auf 
ber burdf foldfe 33ehanb(ung gemonnenen Klarheit unb ©infidht 
toeiter fortjubauen. ©3 mürbe alfo 5 . 33. nicht rötlich fein, 
eine Söiffenfdjaft mie bie ®unft= ober bie SButturgefchichte fo ju 
behanbefn, bafj bei ber ätteften geit begonnen unb bann lehrenb 
bi§ §ur ©egenmart fortgefahren mürbe. 9J?an mirb vielmehr 
richtiger gehen, menn man einzelne ©pochen herauägreift unb 
baburch bie äRöglidjEeit geminnt, jebeömat ba§ ju mähten, ma§ 
im gegebenen 9lugenbtid befonberS intereffant ober unter be= 
ftimmten 33erf)ättniffen befonbere münfdjenömert erfcheint. ®er= 
artige Gehrgänge finb aber jugteid) bie einzigen, für metche 
einerfeitö bie SJtittet einigermaßen au3reid)en mödften, für metche 
aber anbrerfeitg auch eine ßuhörerfdjaft üorhanben ift. 

©ott nun tiefe SluSmaht nicht bennod) plantoö fein ober 
menigftenei erfdheinen, fo mirb e£ notmenbig fein attgemeine ©e= 
ftchtöpunEte aufjuftetten, metche menigften§ bie Dichtung ber 
^^ättgfeit be3 §odhftifte§ angeben. ®aä ^jodjftift ift gegrünbet 
morben an <3dhitter§ hunbertjährigem ©eburtSfefte unb hat feinen 
©ifc im ©oethehaufe: mit ©dptter unb ©oethe ftnb ihm öon 
Vornherein feine 33itbungäjiete geftedt. 33eibe ftrebten nach einer 
harmonifdjen ©efamtbifbung b. h- einer foldjen, metche auf ber 
©runbtage einer humanen 33 itbung ben gufammenhang alter 
SBiffenfdjaft unauägefe^t im Sluge betjiett. dürfen mir beite 
■äftänner atö bie Stepräfentanten einer umfaffenben humanen 
©efamtbitbung betrachten, fo ift bamit auch bem ^mdjftift bie 


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Sticfjtung feiner Seftrebungen gegeigt. Sitte Elemente, meIdE»e 
alä tt)efent£tcf»e 33eftanbteile gut ©rreidjung einer fotzen ©efamt» 
bilbung jener beiben SWänner gebient fjabeit unb unS gu gleichem 
3 toecfe bienen fönnen, aüe biefe (Elemente finb oon t(jm in 
feine 33eftrebungen Ijereingugieljen. ©S Ijaben babei ebenfowoljl 
bie betriebenen SBiffenfdjaften als bie betriebenen Kultur» 
epodjen ifjre ©teile gu finben; eS Werben ober in erfter ßhtie 
bie 333iffenfd^aften gu beljanbeln fein, wekfje biefen 3ufammen= 
Ijang gtoifcf»en ben gacfjtoiffenfdjaften Ijerguftetten am geeignetften 
finb unb eben borum outt) am meiften auf allgemeines 33er= 
ftänbniS unb Qntereffe regnen fönnen. ©S werben ferner bie 
Qrpodjen befonberS gü betonen fein, wetö)e ben @dja£ unfrer 
heutigen Silbung gu fdjaffen iljr 39efteS als unerfc^öpflidje 
SBilbungSquette fjergegeben Ijaben. ©S möchten fomit in erfter 
ßinie $ßI)ilofopljie, fobann ßiteratur unb ©efd^id^te in ifjren 
betriebenen Slbgweigungen als Kultur», ßiteratur», S'uttft» unb 
potitifd^e ©efc£)icf)te, fowje 25olfSwirtfc£)aft (fokale SBiffen» 
fc^aften) unb enblicf) Staturfunbe gu beljanbeln fein. @o War 
im eben betroffenen Söinter bereits bie ßiteratur, bie @efd)id)te 
in iljren SlbgWeigungen als Kultur» unb Ä'unftgefc^ic^te, bie 
SSolfSwirtfd^aft bertreten. 2ßir Ijoffen für baS beginnenbe 
ßeljrjafjr ben S'reiS erweitern gu fönnen, foWoIjl waS bie 
©ebiete als auc^ waS bie beljanbelten 3 e ittäufe betrifft. 

Unfer 33orfcf)lag für baS fommenbe ße(jrjaljr ift nun 
biefer. 2öir erfuc^ett @ie aufjer Sttf. 500, bie als £)iSpofitionS= 
fonbs für ßeljrmittel unb ttteifefoften bienen, für bie ßeljrgäuge 
felbft 9Wf. 3000 gu bewilligen — nidjt weil wir biefe berljätt» 
niStnäfng fleine Summe für genügenb gelten, fonbern weil, 
wir fürdjten, bafj bei ber gegenwärtig obWaltenben ftarfen 
Selaftung anbrer Sonti unS rtic£»t meljr bewilligt werben fann. 
2Bir werben berfuc^en, bamit möglicfjft IjauSljälterifr gu berfahren, 
um möglicfjft Weit bamit gu fommen. ©S wirb woljl nüf)t 
ungerecht fein, wenn wir als 9torm für bie Segafjlung ben 
SDtfafjftab anneljmen, ber auc^ anberweittg f)ier in granffurt für 
wiffenfcfjaftlid^e SBorträge begabt wirb, Wenn fie als Steile? 
eines größeren ßefjrgangeS auftreten. ©S ift bieS 9J?f. 50.— 


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für ben eingelnen ©vrttttg: tote $dtwtdt für ben gangen Seht* 
gong Witb btefe ©tmtfne ntulityltgiett trtit bet 3al)l bet für ben 
ÖB^tgowg fejtgefefcten ©ertrüge betragen. Zehnten wir biefeS 
©erhältniS an — otyli bttfj Wir baburch geburtben Wären eoentueß 
nidjt weiter gu gehen, wobutd) jebbdj gteühjeitig tote bet 
©ertrüge oerrtrtgert würbe — fo gewahren bie S0?f. 3000.— 
büe SDWgltljfeit 60 ©ortrüge ju oerattftalten. Dtefe werben 
ftd; am beften auf btei ©terteljahre betteilen: ©ttober—Xiegember, 
^«tnuar—SÖWitj, Stptil—Qmti. @S wirb hierbnrdj eine Häufung 
ber ©ertrüge bettnte&en unb bamit ein leistetet ©Iftuh ertnög* 
lidjt: e§ fftmen auf jebe S®odje gwei ©ortrüge, bet ©ehanMung 
bon je jwei güchetrt im ©ietteljaljt aber für jebeS gad) auf 
jebe äBodje ein ©ortrag. <8§ würben hiernach auf jjebeS ©iertel» 
jaljt jwangig ©ortrüge faßen, Weidje jwei ße^rgänge $u je geh«, 
ober richtiger Wo1jl bier Öefyrgängc gu je fünf ©ertrügen geftatten. 
@8 fönnten in btefem (enteren gaße in einem ©ierteljaljre bier 
SöiffenSgebiete gur ©eljanblung fommen. ®aburch tft bie 9D?ög* 
Hd^leit geboten, Wo eS notwenbig ift, üftannichfaltigfeit eintreten 
gu taffen, unb, wo eS bie SBid^tigfeit ber ©a<he erforbert, bie 
©efyanbtung eines SötffenSgebieteS burch gwei ober aße brei 
©ierteljaljre ijinburch fortgufefcen. Qtt biefem festeren gaße ift 
gngteidj innerhalb beffelbett SBiffenSgebieteS bie ©e^anblung 
betfd^iebener ©podjen ermöglicht. (SS lüjjt ftd) auf btefe Söeife 
ben oerfchtebenett Sünfdjen unb Sebürfniffen erttgegettfommen. 
Sieben fotdjen fiörerrt, welche ßiteraturgef^ichte beS adjtgehttten 
QahrhunbertS ober mittelalterliche Stunft behanbelt fehen Wbßen, 
wirb SS emdj fotche geben, Welche antife ßtteratur bber möberne 
Stttttfi mit befoftbetem Qnteteffe »erfolgen; es Würbe fogar 
getttbegu gu etftreben fein für ben 0faß, bdfj ein SBiffettegebiet 
Wiebetholt behanbelt Wirb, bdfj dlSbann eine SJtannichfaltigfeit 
in ber S&ahl ber @pod)en emgutretert hüüt. <8® Kejje fich alfo 
g. ©. ber ißtan machen, bafj im etften Duarfat gehn ©ertrüge 
auS ber CiteraturgefRichte' tüftcen, nnb gtottr fünf auS ber 
netteren «üb* fünf aus ber alten Citeratur; tomeben gehn ©or= 
träge übet ©efdjichte, fünf au8 früherer, fünf aus ffiäteter 
3eit; im gWeiten Ctuartal tarnen etwa je fünf ©ertrüge auS 

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älterer unb neuerer Sfulturgefdjidjte, unb je fünf Sorträge aug 
älterer unb neuerer Shmftgefchichte; im britten Cluortal fünf 
Vorträge aug bem ©ebiete ber fokalen SBiffenfchaften, fünf 
aug bem ber allgemeinen SRaturmiffenfchaften, jefjn aug bem 
©ebiete ber ^ilofopljie in jmet Seegängen unb jmar oorjugg* 
»eife in ^iftorifd^er S8e^anblung. ©3 mürbe babei ju erftreben 
fein, baß abmechfetnb auf je einem ©ebiete ein Überblidt über bie 
neueften gorfclfungen gegeben mürbe. SWatürlidj fönnte bie 33er* 
teilung unb bie ^Reihenfolge auch ganj anberg augfaHen: mie 
bie§ ju geftalten ift, fomie bie grage ob überhaupt bie betreffenben 
©ebiete jur Söefjanblung tommen, hängt jeboch nicht oon unfern 
Abfichten, fonbem oon ber ©elb= unb ^ßerfonenfrage ab. Über bie 
erftere haben (Sie heute gh r 93otum abjugeben; an bie jmeite unb 
bamit an bie Aufstellung beg SpeäiaHehrplameg tönnen mir erft 
bann herantreten, menn Sie burd) bieg 33otum ung einen 
feften Sobett geraffen haben, auf bem mir unfre 
beginnen tönnen. f« ^ kaömi ^ e ® f f a mt-£u«rcbufi. 


V. (Bcfdjftftftdjer Serfehr. ^erfonalten. 

Söährenb ber äRonate 2Rärj, April unb 2Rai 1885 mürben 
jmei Sifjungen beg 33ermaltunggaugfchuffeg unb jjmar am 7. April 
unb 12. 2Rai abgehatten. Ser Afabemifci)e ©efamt=Augfchuß trat 
fiebenmal jufammen, am 6., 9., 11. unb 13. 2Rä% fomie am 
8. April, am 8. unb 29. 2Rai. 

33on ben einzelnen Abteilungen hielt, bie für fojiale äöiffen*, 
fchaften mührenb biefer ßeit alle oierjehn Sage SRittmochg 
regelmäßige Sifcungen ab; bie Abteilung für SSübfunft unb 
Äunftmiffenfchaft mürbe breimal, am 5. unb 23. gebruar unb 
13. April, barunter einmal §u einer öffentlichen Sifcung (am 
lefctgenannten Sage), bie für Allgemeine SRaturmiffenßhaften 
einmal, am 8. April, jufantmenberufen. 

Sie Stommiffion für ^Reparaturen unb ^erfteHungen im 
©oethehaufe hielt oier Sifcungen ab, am 5. 2Rärj fomie am 1., 
16. unb 29. April. . . v 


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Von bcn Cehrgiingen erftrecfte ftdj her be§ ^crrn Dr. 
©chnagger=9l tnb t mit brei Vortrügen auf bie SRonate SRürj 
unb St^rit. ©jungen mit Vortrag nach ©a^ 4 E fanben brei 
ftatt unb smar am 17. Styril Vormittags im öofate bet ^ii^ricß= 
SluSftellfetg, am 11. 2Rat SlbenbS unb am 17. 2Rai Vormittags. 

®ie ermahnte, turnt Sltabemifchen ©efamtauSfchuffe auf 
Eintrag bet Abteilung für Vitbfunft unb SÜunftmiffenfchaft oer= 
anftaltete 2lu§fte£(ung nahm ihren Slnfang am 16. Stpril unb 
ttmrbe am 7. iD?ai gefd^Ioffett. 

®a3 Xagebudf beS VermaltungSfchreiberS toeift für bie 
2Ronate SRärj, Sfyril unb 9Rai 118 ©ingange nach/ benen 35 
2lu§gänge gegenüberfteljen. 

©eit Veröffentlichung beS lebten VcrichteS mürben 21 neue 
©enoffen cmfgenommen, 13 feitberigc erflärten ihren 'Austritt, 
10 Oerloren mir burch ben £ob uub einer tft als oerfdjollen ju 
betrachten. 

I. SReu beigetretene 9D?itglieber: 

1. $err Hermann Slrone, ®o^ent am %l. ^ßotytcthnifum 
in ®re§ben. 

2. gtäuletn SRinna ©inger, gnftitutSOorfteherin, $ier. 

3. §err Heinrich §anau, Kaufmann/ $ier. 

,4. „ ©mit ©chmarh, Selfrer, £jier. 

5. „ Slbolgh 3D7älter, Sronberg i. X. 

6. „ ^Saut SRülter, $ter. 

7. „ Sllbert SRüller, £jier. 

8. „ $arl SRütler, SReuhof bei ©iefeen. 

9. „ 2R. 9R. ©djmarjfchilb, ^ier. 

10. gräuletn Katharina 2Racmitlan, £>iet. 

11. |>err Dr. Cubmig £>echt, ^edjtSanmatt, $ier. 

12. „ Julius ©auer, Kaufmann, §ier. 

13. „ ^»ermann ©raut, Zünftler, $ier. 

14. „ Dr. SB. @. Venfharb, SiechtSanmatt, §ier. 

15. „ Dr. Verth* ©tern, SRedjtSanmalt, $ier. 

16. „ $. Sh* Völtfer, Vuchhättbler, £>ter. 

17. „ $art ©treit, ötonomierat, Vab Äiffittgen. 

18. grau ©tara ®aniel, SBme. beS Dr. jur. £>. Daniel, ^ier. 


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19. $err Dr. SWajc SDIaaS, $ier. 

20. „ Oppenljeim'ersißTinS, |*er. 

21. „ Dr, £>. SBeiSmann, SMreftor, ^)iesc. 

II. 9113 üerftorben mürben gemelbet: 

1. Dr. (Sari Qoljattn tion ©eiblifc, geftorben ant 7. ^flruar 
1885 §u £>orpat. 

2. ^eibetfe, 9Jlaurermeifter, geftorbett am 17. Detobet 
1884 in SBerltn (oerfpätete SMbung). 

3. gerbinanb £>unb(jaufen, $>ireftor bet SWtofdjtnenbau* 
Sltiftalt „^umbolbt", geftorben am 13. 9Rärj 1885 in Kalt 
bei Köln a. 9?f). 

4. Dr. med. SReidjenbadj, Slltona, (XobeStag unbefannt). 

5. 2öaltl)er fjrreiljerr Don ©oetlje', Kgl. ©adjf. Kammerljetr. 
Dr. jur., geftorben am 15. Slpril in Ceipjig. (Sei her $e- 
erbigung mar ba3 $od>ftift burd) $errn non 8üen in 
SBeimar Oertreten.) 

6. Dr. med. Slbetmann, ‘ißrofeffor in Sßiirjburg, geftorben 
am 16. Slpril 1885. 

7. Karl (Sauer, ©tlbfyauer in Kreujnad}, geftorben am 17. 
9lpril 1885. 

8. *ßaul 9tanfe, Ingenieur, geftorben am 2. Sttai, $ier. 

9. ©uftao ültadjtigal, Dr. med., Kgl. ^ßreufc. ©eneralfonful 
in £uni8, geftorben jur @ee an 93orb be8 Kanonenbootes 
„SDiöme" bei ben Kap 93crbefdjen Qfnfeln am 5. 2Jtai 1885. 

10. gerbinanb filier, Dr. phiL, Kapeffmeifter unb Komponift, 
©eneral4JKuflR>ireftor, geftorben am 10. 3J?ai in Köln a. 9^. 


IT. «I.f*.»««!•* 

495. Bureau of Education, Washington: 

a) Building for the Children in the South. Washington, Govern¬ 
ment Printing Offioe 1884. 

b) Circulare of Information Nr. 7 u. 8. 1884. Washington, Govern¬ 
ment Printing Offioe 1884. 

499. Baron Ferd. von Mueller, Melbourne: A Descriptive Atlas of 
the Eucalypts of Australia and the adjoining Islands: by Baron Ferd. 
von Mueller, Tenth Decade Melbourne: John Feanes, Government 
Printer 1884. London; Trtibner and Co-, and George Robertson 1884. 


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509« Aachener Ge fchi4ift*Ber ein, Hacken: 3et#chrift beS Koketter 
GefchicbtSsBereinS 6« Battb 4. $eft« Stachen, Benrath unb Vogels 
gefaug 1884« 

512« Dr. Steinholb, Sßftnchen: Stets* uttb Bevföhnung, ein milber Söcitrag 
&ur 40öjähr. GeburtSfeier Br. »art. öuthcr^*. Br. Iteiubolb, SMnchen, 
& S4ub & G*., 1883« 

514. G. HuSfelb, ütüb^aufen: fc)aS ftaifertieb, gftftgebid^ $ur fjeier beS 
88« Geburtstages Sr« 9ttaJ. beS taiferS SBilhcfm L bon G. GarlSberg. 
Btühlhnufeu, Gruft $ofet. 

518. fceutfche (Seekarte, Hamburg: SReteorologifche Beobachtungen in 
$eutfdjtanb für 1882« 5« Jahrgang. Hamburg 1884« ftamuterich & ßeffer 
in SHtona. 

525« Oberlehrer £. Gaumout, §ter: Programm bei ft&btifchen Ghmna* 
flumS §u 3frau!furt a« 2ft. Dfteru 1885: Goethe et la Litterature 
franpaise. 

530. GermanifcheS Sfcationalmufeum ju Nürnberg: 

») tfojeiger 1. Bartb* 1. #eft, Sahrsgaug 1884« 

b) üDtttteüuugen 1« Baub, 1« ®eft, Jahrgang 1884« 

c) Katalog ber im germauifchm aWufeum beflnblidjeu GfoSgemätbe 
aus älterer Äerlag beS gerotauifsheu SRufeumS. 1884. 

539« Dr. gfelij $echt, Sflannhetm: ®ie GefchäftSftener auf Gruublag« bei 
@<hluf$n 0 iett 8 tiMugeS bou Dr. gfelij (Stuttgart, Gotta’föe Buch* 
hanblung 1885« 

552. Storbböbmifcher G£fu»fionS*&tub, ßeipa: 

•) SRitkihmgen 8. Jahrgang, 1. $eft, reb. bon $rof. St. $anbler 
unb B™f* 3- 9Wüngberger in ßeipa 1885. 

b) &einr. bon Böhm. ßeipa: Seperatabbrutf beS B^oßtamm* 
ftuffafeeS ber Äomm^Obemalfchule ju ßeipa. ßcipa. 3oh* ftünfc 
ner 1884. 

565. Societe Imperiale des Naturalist*» k Mosoou: Bulletin 
Nr. 2 an wm 1884 seus la Bedaotion du Decteur Renard. Moscou, 
Imprimerie de l’Universite Implr. 1884. 

566« $ireftiou ber 2>eutfchen Seetoarte, Hamburg: 5. Satyrgang 
(1882) ber Strchibmittetlungen, Hamburg, fiammerich & ßeffer 1884. 

366 a—d Georg $epl, Bocfeuheim: ^retoenbfs Gncpflopdbte ber Nature 
toiffenfchaften. L SEbt, ßteferuttg 1, 2, 3, 18« 

568. SJtorifc 2WüUer fen., Bfstsheim. lieber «berechtigte Sterne", forme über 
bie 3«fc too bielleicht «nicht mehr getoählt toirb". Gine 2)etif anrege bon 
2»orib SWüHer fen. Bforgheim, G« 2>eIffS. 1885. 

576« Dr. Slbalbert Schröter, ßaufanne: Betons SBerfe, 1« Banb, 
überfept bon Dr 21. Schröter, Stuttgart=BerIin. SB« Speemann. 

577« Strdjibrat Dr. fjfrieb. SB« Gbeling, ßeipjig: Äpato unb BrühL 
$tt>ei hiftorifche B^rträtS unb ein mobemer Brejüproaefe bon Dr. griebr« 
SB. Gbeiittg. ßeip&ig, S^eob. ffritfch, 1885. 


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80 


577a* ®. fioening, §ier: (9oetbe=3abtbucb ©anb VL Srrotiffurt a. 9 Jl, 
ßiterarifcbe »nffcalt (Bütten * ßoetting) 1855. 

577b. Dr. ©. ©pe^cr, ®ier: $rauerrebe nac^ ber ©eifefeung beb @ro&= 
ber^ogb ©arl »uguft bon (Saufen= SBeimar=©ifena(b, gehalten Dort 
Dr. Sobann SMebrid) 9töb*> SBeimar, 1828. 

579. & anbelbf atntn er §u fjranffurt a. SW.: Snbrebberubt pro 1884. 
tjfranffurt a. SW., ©etbftoerlag 1885. 

588. »bolf ©tolfce, ©ter: 

a) ©ine gute ©artbie, ©olfbftüd in 5 »uf&ügeit, Slbolf ©tolfce. 

b) Dab Drafel beb Telephon, ßuftfoiel in 1 »ttfoug, »bolf ©talfee, 
ftranffurt a. 971, (Sehr. Knauer. 

c) ©eiterfeiten, Allerlei ©umoriftifebeb, »bolf ©tolfee. 

gfronffurt a. SR. ©erlag ber „©ebnaten" 1885. 

588. grife ©affelntann, SKündjen: Snitialen uatfe ben Originalen 
feiner ftunftfamntlung, Lieferung Wr. 1—10. ©botografebiftb** ßicbtbrutf 
non ©b* ©rud). 

589. ©eorg ftefel in ©otfenbeim: ©ncfellofeäbie ber ©aturtoiffenfebaften, 
ßieferungen 4-17. ©reblau, ©buarbXretoenbt 1881. 

803. ©rofeffor Dr. Qf. ». SJiaertfer, ©erlin: ©cbafetäftlein ber ©raut, 
eine ©erlobungbgabe non $. #• SRaerfer. ©erlin, ®. Tempel, 1885. 

806. SBibelm ©roefel, 2)elifefcb: 2>er ©barafter ber ©enta unb feine 
ibeale fcarftellung, SB. ©roefel. ßeip^ ©. SB. Siitfcb, 1885. 

611. »erbinanb SBilfertb, SWüncben: 

a) ©kbi<bte, »ugbburg, ©. ©<butib 1876. 

b) »bei um »bei, ©tbauffeiel in 4 »cteu. ßinbau, SBilb* ßubtoig. 
1871. 

c) ©in ©eelforger, ©olfbgeitftürf. ßinbau, SBUb- Subfoig, 1871. 

d) ©in beutf<ber Saifer, ©tbauffeiel in 5 »fteu. Seidig, Dbtoalb 
9Hufee. 1876. 

e) 2)ie Stofen beb ©eferenbarb. ßeij^ig, Obmalb 9Wufee. 1876. 

f) ©eine ©ef<bi<bte* ßuftfpiet tu 4 »fteu. geizig, Obtoalb Httufee. 
1878. gferbinanb SBUfertb* 


2>ru<f tm &nm*f & Reit, «. SR. 


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gür bie 9Jtitglieber be8 freien 2)eutfdjen $odjftift8 tritt 
eine ^reigermäjjigung oon 25°/ 0 ein für: 

1. Ja« ©afttjf-|laljrtmitf, 33anb VI: gegen Überfenbung non 

9Jt. 9.— unb 50 $ßfg. für $ßorto an ba8 33ureau be8 
freien 2)eutfcf)en £>ocf)fttft3 erfolgt oon biefem bie poft= 
freie gufenbung be§ 33anbe8. 

2 . Quellen jnr frankfurter ©efdjidjte , tyerauSgegeben oon 

Dr. ©rotefenb, ©tabtardjioar. 33b. 1: (Sfjronifen 
be3 ÜUHttelalterS, bearbeitet oon Dr. 9t. groning. 
granffurt a. 9Jt. 1884. (£arl $ügel’3 33erlag (9Jtori$ 
2l6enbrotf)) 8. XLIV unb 492 ©.: gegen Überfenbung 
üon 91t. 7.50 unb 30 $ßfg. für ^ßorto an ba3 33ureau 
be8 freien £)eutfd)en £)od)ftift§ erfolgt oon biefem bie 
poftfreie gufenbung. 

ferner fann gegen freie Gsinfenbung oon 40 ^ßfg. an ba§ 
33 ureau beS freien $)eutfd}en £>od}ftiftg oon biefem ber „jtatalog 
jnr ffi(jridj-3ln$fleUunj$“ poftfrei bezogen toerben. 


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